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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.
Entscheidung und Trennung.

Im Erkerzimmer am Fenster saß noch immer Giovanna. Ihre mühsam bewahrte Fassung brach zusammen, als die Thür sich hinter Vater und Sohn geschlossen hatte. Des Bruders Sprache empörte ihr Innerstes, und noch immer ging ein Schauer durch ihre Glieder, wenn sie ihrer Unterredung gedachte. Guiseppes Worte hatten schonungslos den Schleier von ihren Augen genommen, sie sagte sich, daß es Liebe sei, starke hingebende Liebe, die ihre Seele ergriffen und sie zu einer so beredten Verteidigung von Horace hingerissen habe. Glühend und zitternd barg sie das Haupt in den Händen und flehte: »Herr, schütze mich, Herr, behüte mich!«

Da hörte sie dicht an ihrer Seite eine liebe, bekannte Stimme fragen: »Was ist geschehen, Giovanna!«

Ihr Köpfchen senkte sich traurig, sie fand keine Antwort.

»Wollt Ihr mir keinen Glauben, kein Vertrauen schenken?« fragte Horace schmerzlich.

»Ich glaube und vertraue Euch,« antwortete sie leise, aber die Worte schienen nur widerstrebend über ihre Lippen zu kommen.

»Giovanna, seht mir in die Augen,« drängte er stürmisch. »Vermögt Ihr auf des Herzens Grund zu lesen und wißt Ihr, was ich darum gäbe, könnte ich Euch eine trübe Stunde ersparen? Ahnt Ihr denn nicht, was es ist, das mich unwiderstehlich hieher treibt?«

Glühendes Rot bedeckte des Mädchens Antlitz. »Ich weiß es,« gab sie beklommen zurück, »Euer menschenfreundliches Herz treibt Euch dazu, uns die stillen Wintertage zu verkürzen.«

Er blickte sie befremdet an. Das war nicht die Sprache seiner Giovanna; was war mit dem Kinde vorgegangen? Eine Erinnerung schoß durch seine Gedanken, und seine Stirn legte sich in Falten. Als er bei seiner Ankunft im Schlosse unten von den Arbeitern aufgehalten wurde, war ein junger Mann an ihm vorüber geeilt die Wendeltreppe hinauf. Hatte dieser Fremde ein Recht auf seine Giovanna, kam daher ihre Umwandlung?

Der Gedanke trieb ihm das Blut wallend durch die Adern, er fühlte die ganze Macht seiner Liebe in dem Augenblick, wo er dachte, ein anderer könnte ihm das teuere Mädchen entreißen.

»War Euch der junge Mann bekannt, der heute hier im Schlosse ankam?« forschte er. »Ich traf ihn bei den Arbeitern, er eilte ohne Gruß an mir vorbei. Sagt, wer war das?«

»Mein Bruder,« lautete die zögernde Erwiderung.

Sie hatte ihn nicht angeblickt, sonst hätte der plötzliche Wechsel in seinen Zügen sie erstaunt. Wie Sonnenschein flog es darüber hin, während ihre Augen sich wieder mit Thränen füllten, als sie des Bruders gedachte.

»Giovanna,« mahnte Horace jetzt sanft, »Ihr habt mich vorhin nicht verstehen wollen, und doch sprach mein Herz so laut, daß ich meinte, Ihr müßtet sein ungestümes Pochen aus jedem Worte vernehmen. Hört mich an, vielleicht nur noch wenige Tage, und man ruft mich zurück nach Paris.«

»Ihr werdet uns verlassen?« fragte sie und wandte sich schnell um. Ihr plötzliches Erbleichen, der erschreckte Ton ihrer Stimme verriet ihm nur zu wohl das Geheimnis ihrer Seele.

»Ich werde es müssen, und wenn ich auch meine, das Leben habe allen Reiz verloren, wenn ich Euch nicht sehe, ich werde doch fort müssen,« seufzte er. »Aber eins sagt mir vorher, werdet Ihr auch meiner gedenken, werdet Ihr mich vermissen?«

Das Mädchen wollte antworten, aber kein Laut kam über ihre Lippen, wie ein geängstigtes Kind hob sie die Hände abwehrend zu ihm auf und schaute ihn bittend an.

»Meine Giovanna, meine Waldfee,« flüsterte er bebend vor Erregung und preßte die kleinen widerstrebenden Hände an seine Lippen.

»Begreifst du es, daß ich mich nicht von dir trennen kann, daß mein ganzes Herz dir gehört? Du hast meinen Stolz bezwungen, hast meinen Glauben geweckt und mich zum besseren Menschen gemacht! Nimm mich ganz, du süße Zauberin, mit allem, was ich bin und habe. Ich will kein Gelübde, kein Versprechen, meine scheue, weiße Taube,« beruhigte er sie, »nur ein Wort, Giovanna, sage es mir leise, ganz leise, ich werde es dennoch verstehen. Hast du mich lieb?«

Aus den dunklen Augen des Mädchens brach ein Strahl so tiefer Liebe, die Lippen öffneten sich zu einem so seligen Lächeln, daß es nicht des leise gehauchten »Ja« bedurfte, Horace hatte sie verstanden. Jubelnd wollte er sie an sich ziehen, aber sie entwich ihm.

»Laßt mich, ich bitte Euch. Ach, ich durfte nicht auf die Worte der Liebe hören,« klagte sie. »Sie sagen, Ihr seid groß und angesehen, ich kann Euch nimmer in Eure stolze Heimat folgen.«

»Giovanna, mein Liebling, laß das meine Sorge sein,« tröstete er. »Ich habe dich erschreckt und überrascht, vergieb meiner ungestümen Liebe. Jetzt darf ich nicht länger hier weilen, morgen aber spreche ich mit deinem Vater, und hole mir von deinen Lippen das Gelübde der Liebe und Treue. Sieh mich an, Kind, und laß deine Augen mir sagen, was dein Mund mir noch verschweigen will.«

Gehorsam hob sie die langen Wimpern. Ein Wonneschauer ging durch ihre Seele, als sie den Blick voll unaussprechlicher Liebe sah, der auf sie gerichtet war, und auch in ihren Augen flammte es mächtig auf. Doch wie erschreckt über sich selbst, senkte sie schnell die verräterischen Augen. »Geht jetzt – laßt mich allein,« flehte sie.

»Auf Wiedersehen morgen, seliges Morgen,« rief er entzückt.

»Auf Wiedersehen,« hauchte sie, und barg ihr glühendes Antlitz in den Händen. Sie hob es auch nicht eher wieder, als bis von unten das laute Wiehern des Pferdes ihr sagte, daß es seinen Herrn erkannte. Nur verstohlen blickte sie hinaus, aber sie sah, wie der glückliche Reiter mit Hand und Blick herauf grüßte, und wie dann das feurige Tier ihn in langen Sätzen davon trug.

Traumumfangen blieb Giovanna allein zurück. Ihre Hände falteten sich, und ihre Augen suchten die graue Wolkenwand zu durchdringen. Sie blickte auf zu dem Herrn, dem das jubelnde Herz dankend und betend seine Liebe brachte, damit er dies kostbare Gut behüte und segne.

Wie lange sie so gesessen hatte, sie wußte es nicht. Als St. Pierre um die gewohnte Stunde in das Erkerzimmer trat, fand er die Tochter noch auf demselben Platze. Es war dämmerig in dem Gemach, er konnte ihre Züge nicht mehr unterscheiden, sonst wäre ihm vielleicht eine Ahnung gekommen von dem, was ihre Seele durchwogte.

»Spiele mir das alte Lied: ›Nun danket alle Gott‹,« sprach er und strich liebevoll über das blonde Haupt, das sich an ihn schmiegte. »Ich will dem Herrn danken, der mir deines Bruders Herz wiedergegeben hat.«

Am Nachmittag des anderen Tages rief ein Krankenbesuch Giovanna in das Haus des Waldwärters. Schon senkten sich die Abendschatten herab, als sie den Heimweg, antrat; da tönte Hufschlug an ihr Ohr, sie wandte sich um und sah den geliebten Reiter, der eben den Waldweg herauf kam. Auch sein scharfes Auge hatte sie erkannt, er sprang vom Pferde, gab dem ihm folgenden François die Zügel und eilte den schmalen Fußpfad hinab auf Giovanna zu. Sie empfing ihn freudestrahlend und doch voll lieblicher Verwirrung.

Dann schritten beide den Weg neben einander hinauf, ihnen war das Herz zum Überfließen voll, und doch sprach keiner mehr ein Wort.

Während Horaces Arm sorgsam die tiefer hängenden Zweige zurückbog, um seiner Giovanna jede unsanfte Berührung zu ersparen, war das Mädchen bei jeder schroffen Stelle an der gefährlichen Seite und schützte so den Geliebten, dessen Schritt auf dem schlüpfrigen Wege nicht so sicher war als ihr leichter Fuß, der jeden Stein, jede Krümmung kannte.

»Sorgst du um mich, mein Liebling?« fragte er, als Giovanna ihre Hand auf seinen Arm legte, um ihn vor einer abschüssigen Stelle zu warnen. »Sage es mir noch einmal, bin ich dir teuer?« drängte er ungestüm.

»Ihr wißt es ja,« antwortete sie leise, »aber habt Geduld mit mir, laßt mich jetzt nicht mehr die Worte der Liebe hören.«

»Nicht eher,« gelobte er, »als bis ich es im Angesichte deines Vaters thun darf.«

Durch die Zweige schimmerte jetzt Licht, das Schloß lag in kurzer Entfernung vor ihnen, und dort die hohe Gestalt, welche auf dem Vorplatz auf und abschritt, das war St. Pierre, der die Rückkehr seines Kindes erwartete.

Das Mädchen eilte ihm geflügelten Schrittes entgegen. Freude und Bangigkeit malte sich in ihren Zügen, als sie den Kopf an seiner Brust barg.

»Was ist meinem Kinde?« fragte er befremdet und blickte unruhig auf den Marquis, der ihr gefolgt war.

Doch ehe der Tochter zitternde Lippen ihm antworten konnten, hatte der junge Offizier seine Hand ergriffen.

»Wollt Ihr mir Euer Kleinod anvertrauen, mir Giovanna zum Weibe geben?« fragte er erregt mit einem sorgenden Blick auf St. Pierres ernste Züge.

Der alte Mann schloß sein Kind fester in die Arme. »Euer heißes Herz läßt Euch für einen Augenblick den Standesunterschied vergessen, der zwischen Euch und uns besteht,« entgegnete er finster. »Ihr könnt im Ernst nicht daran denken, meine Tochter zur Marquise St. Herbert zu machen, zu einem flüchtigen Liebestraum aber ist mir mein Kind zu teuer.«

Dunkele Glut schoß in die Wangen des Jünglings. »Bei Gott, es ist mir heiliger Ernst um meine Liebe,« rief er leidenschaftlich. »So lange dieses Herz schlägt, wird es die Treue halten. Meine Liebe ist kein Sinnenrausch, und meine Werbung nicht der Entschluß einer flüchtigen Stunde. Ich bin mir völlig klar darüber, welchen Schwierigkeiten ich in Paris entgegen gehe, aber ich bin bereit, für meine Liebe jeden Kampf aufzunehmen, laßt mich nur mit der Gewißheit scheiden, daß ich hier eine Braut zurück lasse, deren Fürbitte mich umschwebt, deren Liebe mich stählt.

Wenn etwas Klarheit in die trostlosen Pariser Zustände gekommen ist, wird mein Vater freier aufatmen, dann will ich ihm Giovanna zuführen, und wenn er sie sieht, wenn er einen Blick in ihre Seele thut, so wird er mit Freuden der Tochter die Arme öffnen. Noch liegen Tage des Harrens und der Geduld dazwischen, aber ich halte fest an der Losung unserer Ahnen: › Fidèle à Dieu, au roi, à mon amour en éternité.‹ (Treu meinem Gott, meinem Könige, meiner Liebe in Ewigkeit.)«

St. Pierre blickte voll Wärme auf den jungen Mann. »Wäret Ihr ein schlichter Bürger wie ich, keinen lieberen Sohn könnte ich mir denken als Euch.«

»Laßt den Titel nicht trennend zwischen zwei liebende Herzen treten,« flehte Horace. »Fragt Giovanna, ob sie den Mut hat zu harren, bis die Stürme vorübergezogen und ich sie als mein geliebtes Weib heimführen kann, oder ob sie will, daß ich einsam zurückziehen soll in die Welt voll Unruhe und Streit, ohne die beglückende Gewißheit, daß hier eine liebende Braut meiner gedenkt. Giovanna, sprich, was erwählest du?«

Das Mädchen schmiegte sich zärtlich an den Vater. »Gieb mich ihm zu eigen,« bat sie, »ehe ich es selbst kaum ahnte, gehörte ihm mein Herz, es bleibt sein für alle Zeit.«

St. Pierre war tief bewegt. Er gedachte Guiseppes und seines Versprechens zurückzukehren, sein dunkeler Schatten sollte sich nicht mehr drohend gegen das Wappenschild der St. Herbert erheben, es mußte alles gut werden. Durfte er da nicht seiner Tochter den seligen Frühlingstraum gönnen? Daß es auch dem jungen Marquis heiliger Ernst mit seiner Werbung war, daran konnte er nicht zweifeln, und sein stolzes Vaterherz flüsterte ihm dabei beruhigend zu, daß es seiner Giovanna wohl gelingen würde, auch die Eltern von Horace für sich zu gewinnen, so daß sie über ihren schlichten aber unbefleckten Namen fort sähen.

Einen Augenblick zögerte er noch, dann reichte er dem Marquis die Hand. »Nehmt sie hin,« sprach er, »sie war mein größter Schatz, hütet sie wohl!«

»So willst du mein werden, unverbrüchlich mein?« jubelte Horace und streckte der Geliebten die Arme entgegen.

»Bis in den Tod,« antwortete sie mit klarer Stimme.

Da schloß er sie in seine Arme und drückte den ersten Kuß inbrünstiger Liebe auf ihre reine Stirn, während ihr Kopf an seiner Brust ruhte und sie beseligt seinen flüsternden Worten lauschte.

Der andere Tag war ein wonniger Sonntag, den das junge Paar ungetrübt verleben durfte; nun saßen sie unter der grünenden Birke und lauschten Hand in Hand auf die Abend-Glocken. »Giovanna,« sprach der Marquis leise, »als ich dich heute früh in der kleinen Kapelle betend fand, da flehte ich zu Gott, mich deiner würdig zu machen und unsere Liebe unter seinen Schutz zu nehmen. Seitdem bangt mir nicht mehr vor der Zukunft.«

Das Mädchen lehnte den Kopf an seine Schulter und schaute strahlenden Blickes in sein Antlitz. »Wir wollen Gott vertrauen, er wird unsere Liebe behüten und uns sicher geleiten. Wohl weiß ich, daß bald die Trennungsstunde schlagen muß, in so schwerer Zeit wird der König dich fordern, du wirst ihm die Treue halten, wie du sie deinem Gott und deiner Liebe hältst. Wenn dann auf unser einsames Schloß Botschaft von dir kommt, wenn unter den Namen der opferfreudigen Königstreuen der deine genannt wird, dann darf ich jubeln und rühmen – dieser starke Arm wird auch mich einst schützen, dieses treue Herz gehört mir ganz und gar.«

Horace umarmte sie stürmisch. »Mein Heldenmädchen, meine starke, fromme Geliebte,« rief er, »könnte mein Vater dich so sprechen hören.«

Die Zweige der Birke wurden zurückgebogen, St. Pierre trat zu ihnen. »Ich dachte mir's wohl,« scherzte er, »daß Ihr Zeit und Stunde vergessen würdet, aber der Heimweg mahnt, und Euer Schimmel scharrt schon ungeduldig vor dem Thor.«

Horace schloß das geliebte Mädchen in seine Arme. Es war so schwer, sich zu trennen in einem Augenblick, wo eben die Sonne der Liebe aufgegangen war. Doch St. Pierre mahnte zum Aufbruch. »Behüt dich Gott!« flüsterte Giovanna und gab ihm den letzten Abschiedskuß.

Der junge Marquis hatte sich auf das Pferd geschwungen, er ließ dem ungeduldigen Tiere freien Lauf, aber bald zügelte er die Eile des Pferdes und schaute zurück, als er auf der Brücke angelangt war. Durch eine Lichtung konnte er das Schloß erblicken, die Fenster glühten im Abendschein, und auf dem Altan sah er Giovanna stehen. Es schien ihm, als breitete sie die Arme nach ihm aus, und er meinte trotz des brausenden Waldstroms unter ihm ihre liebe Stimme zu hören, die seinen Namen rief.

Sehnsucht, so brennend heiß, wie er sie nie gekannt hatte, ergriff ihn, und ehe er wußte, was er that, hatte er sein Pferd gewendet und sprengte zurück. Er mußte noch einmal in die geliebten Augen schauen, mußte noch einmal aus Giovannas Mund hören, daß sie sein war und sein bleiben wollte bis in Ewigkeit. Dann erst riß er sich los. Auf der Brücke warf er noch einen letzten Blick zurück auf das Schloß, das sein Liebstes barg. Dunkel umzogen es jetzt die Schatten des Abends. »Schlummre süß, Geliebte,« murmelte er und ließ dem Pferde die Zügel freier. Im Herzen einen süßen Traum, auf der Lippe den letzten Kuß, so ritt er durch den schweigenden Wald heimwärts. –

Als der Marquis in später Abendstunde in Nancy eintraf, erwartete ihn François, den er am Morgen vorangeschickt hatte, schon vor der Thür.

»Jean ist da, der Kammerdiener der Frau Marquise,« raunte er ihm zu. »Wir werden nach Hause müssen, nehmen sich der junge Herr nur in acht, der Jean hat eine feine Nase zum spionieren, der ist nicht umsonst hergeschickt.«

Ehe Horace antworten konnte, trat der Besprochene aus der Hausthür und überreichte ihm mit ehrerbietigem Gruß mehrere Briefe aus Paris. Mit einer ungeduldigen Bewegung nahm sie Horace und schritt rasch in das Haus. Es war, als ob eine kalte Hand sich um sein Herz legte, um dies Herz, das eben noch so heiß geschlagen, so süß geträumt hatte.

Jean näherte sich unterdessen dem Schimmel und klopfte ihm den heißen Hals. »Das Pferd ist warm, Monsieur hat einen weiten Ritt gemacht,« warf er hin.

»Wohl möglich,« brummte François. »Monsieur wird hier bald die ganze Umgegend kennen, so verschiedene weite Touren macht er mit den Herrn. Man versucht eben, die Zeit tot zu schlagen, so gut es geht.« Er schlenderte dabei nachlässig in das Haus und überließ es dem Reitknecht, Jeans fernere Fragen zu beantworten. Dieser jedoch wußte nichts anderes anzugeben, als daß Monsieur oft weite Touren zu Wagen wie zu Pferde mache, daß ihn dann aber nur François begleite, wenn er nicht, wie es gewöhnlich geschehe, allein ritte.

François suchte seinen Herrn auf, der mißmutig in seinem Zimmer auf und ab schritt.

»Der Befehl ist gekommen, daß Monsieur sich morgen mit dem Frühesten beim Herrn Kommandeur melden sollen,« bestellte er. »Der Diener des Obrist hat mir anvertraut, daß für uns aus Paris die Ordre angekommen sei, sofort dorthin zurückzukehren. Der Befehl wird wohl in diesem Brief stehen, den er mir übergeben hat,« meinte François und zog ein Schreiben aus der Tasche.

Ängstlich beobachtete der treue Diener seinen Herrn, wie er mechanisch das Siegel erbrach und zu lesen begann. Er sah, wie seine Züge bleicher wurden, und wie das Blatt in seiner Hand zitterte. Da war es um seine Fassung geschehen, er suchte mit aller Mühe das Schluchzen zu unterdrücken, das ihn fast erstickte, aber es drang doch ein eigentümlicher Ton an Horaces Ohr, der ihn aus seinen Gedanken schreckte.

»Was ist dir, François?« fragte der Marquis.

»Es ist mir nur so herausgefahren, ich wollte es nicht,« stammelte dieser, noch immer mit den Thränen kämpfend, »aber herunterschlucken kann ich es doch nicht. Eine Sünde und Schande ist es, wie man mit uns umgeht, immer schickt man uns fort, wenn es uns grade am besten geht! Ich dachte es mir gleich, daß es nichts Gutes zu bedeuten hätte, als ich Jeans spitzbübisches Gesicht hier sah. Nun sollen wir natürlich Hals über Kopf hier fort, und vorbei ist es mit den schönen Tagen in Boncourt, vorbei mit den täglichen Ritten, alles hin! Armer Mustapha! nun muß er wieder auf dem harten Pariser Pflaster traben! Es ist alles, alles vorbei!« ... und François Gesicht verschwand hinter seinem großen, geblümten Taschentuche.

Die schlichte Klage schnitt Horace in das Herz. »Ja, es ist alles vorbei,« wiederholte er traurig. »Die bittere Gegenwart ruft, doch in der Zukunft liegt die Hoffnung. Vorwärts denn mit Gott! Blick auf, alter ehrlicher Bursche,« wandte er sich an den Diener, »auf deine Treue baue ich, du kannst mir jetzt manchen Dienst erweisen, den mir kein anderer leisten kann. Morgen in aller Frühe wirst du Fatime satteln, Mustapha am Zügel nehmen und nach Schloß Boncourt reiten, meiner Braut Botschaft zu bringen.« ...

Das Tuch war von François' Gesicht schon bei der ersten Anrede verschwunden, jetzt verdrängte Staunen den Schmerz, und die hellen blauen Augen starrten den Marquis so verwundert an, daß ein flüchtiges Lächeln über die ernsten Züge des jungen Offiziers glitt.

»Es ist meine Braut, der du mein Schreiben bringen sollst,« sprach er, und seine Stimme klang stolz und glücklich bei den Worten, »doch das darf niemand wissen, verstehst du, niemand. Auch in Paris darf kein Wort darüber verlauten, denn ich behalte mir noch die Stunde vor, es meinem Vater zu sagen.«

François rundes Gesicht glänzte vor Freude. »Zu unserer Braut soll ich reiten,« schmunzelte er. »O dann kann doch noch alles gut werden! In der Seele hat mir's leid gethan, wenn ich heute an sie dachte und mir's vorstellte, wie sie weinen würde, wenn wir ohne Abschied fortzögen in die weite Welt, um nie wieder etwas von uns hören zu lassen. Wenn aber das blonde Kind – wollte sagen, Fräulein – unsere Braut ist, und weiß, daß der Herr Marquis auch in der Ferne treu an sie denkt, dann wartet sie getrosten Mutes, bis wir zurückkehren, die junge Frau Marquise heimzuholen. Sie hält fest an uns und vergißt unsere Besuche nicht, auch wenn sie 100 Jahr alt würde, dafür stehe ich ein. Wir aber wollen in Paris, wenn auch Mademoiselle Viktorine noch so freundlich ist, uns immer erinnern, daß in dem alten Rabennest etwas viel Besseres für uns aufgehoben wird.«

François, so vertraut er auch mit seinem Herrn war, hatte sich doch noch nie zu einer solchen langen Rede aufgeschwungen. Er schwieg jetzt betreten und fragte schüchtern: »Der Herr Marquis nehmen mir mein freies Sprechen doch nicht übel?«

Horace stand lächelnd vor ihm. »Also dein Kummer von vorhin galt nicht allein meinem Schmerz; du trauertest auch um das vereinsamte Schloßfräulein?« scherzte er. »Wohlan, dann wirst du ihr morgen gern mein Schreiben geben. Es ist mein Abschiedsgruß,« fügte er ernst hinzu. »Dies schriftliche Band wird uns für einige Zeit alles andere ersetzen müssen. Mit dem Briefe zugleich sollst du Mustapha nach Schloß Boncourt bringen. St. Pierres Wunsch stand schon lange nach einem Pferde, der Schimmel ist fromm und gehorsam, er kann ihn reiten. Mir käme es wie eine Entweihung vor, wenn ich das kluge Tier, das mich so oft zur Geliebten getragen hat, in Paris dem kritischen Auge der Kameraden aussetzen wollte. Meiner Giovanna aber wird er glückliche Stunden zurückrufen, ich werde sie bitten, ihn zu behalten, bis er mich wieder zu ihr tragen darf.«

Die ersten Strahlen der Morgensonne fanden François bei den Pferden. Den Brief, welchen er sich eben geholt, hatte er sorglich in seinen weiten Taschen verborgen. »Es ist doch ein wunderliches Ding um die Liebe,« philosophierte er, »da sitzt nun der junge Herr, hat wohl die ganze Nacht geschrieben und schaut mich dabei doch heute früh ganz freundlich an. Das hätte uns in Paris passieren sollen, die ganze Nacht arbeiten zu müssen, wie hätten wir gescholten! Aber man wird eben anders, wenn die Liebe in das Herz zieht. Was nur die Alte in Paris für Augen machen wird, wenn sie von der Geschichte erfährt? – Komm, Mustapha,« wandte er sich an den Schimmel und legte ihm den Scharlachgurt um, »du mußt dich heute schmücken, denn du bist deines Herrn Brautgeschenk.« Sorgsam kämmte er den langen silberweißen Schweif und wollte eben das Zaumzeug anlegen, als Jeans Stimme sich hinter ihm vernehmen ließ. »Ist der Reitknecht krank, daß Monsieur François sich selbst bemühen muß? Wohin soll denn die Reise gehen?«

Verdutzt blickte sich der Angeredete um, aber er faßte sich schnell. »Ich wußte nicht, daß die Pariser Herren gelernt haben, so zeitig aufzustehen,« brummte er. Der Job ist nicht krank, doch zu jung, um sorgsam mit einem kranken Pferde umzugehen, daher will ich selbst den Mustapha zum Kurschmied bringen.«

»So« – meinte Jean gedehnt, denn die Sache schien ihm nicht richtig. Wäre es nicht einfacher, der Kurschmied käme her, als daß das kranke Tier hinaus soll?«

»Unsinn,« polterte François, »was versteht Ihr von Pferden? Für das kranke Tier ist es just notwendig, daß es sich tüchtig bewegt, damit die steifen Glieder wieder gelenkig, werden. Es muß sich gestern erkältet haben.«

»Sonderbar,« beharrte Jean, indem er Mustaphas tänzelnde Bewegungen beobachtete, »ich sehe nichts davon. Es wäre mir interessant, mich darüber genauer zu orientieren, ich darf Euch vielleicht begleiten, dann wüßte ich auch gleich, wie ich meinen Morgen unterbringen sollte.«

»Wenn Ihr nicht wißt, was Ihr so früh mit Eurer Zeit anfangen sollt, dann will ich Euch einen Rat geben. Legt Euch aufs Ohr und schlaft, so werdet Ihr niemanden mit Eurer liebenswürdigen Gesellschaft behelligen,« schalt François.

»Hund von einem Deutschen,« murmelte Jean, während er dem Davonreitenden nachblickte. Hinter deiner groben Biederkeit steckt ein gut Teil Verschlagenheit, du sagst nicht mehr, als du willst. Es wird schwer halten, der Frau Marquise irgend welche bestimmte Nachrichten zu bringen über das zarte Verhältnis, das hier bestehen soll. Verdammte deutsche Unbestechlichkeit, dieser hündischen Treue wird schwer beizukommen sein.« Ärgerlich wandte er sich dem Hause zu, als der Marquis ihm entgegen trat.

»In einer Stunde werde ich abreisen, packen Sie meine Sachen und begleiten Sie mich an Stelle von François, der morgen mit Job und den Pferden nachfolgen wird,« befahl er ihm.

»Die Frau Marquise haben mir gütigst gestattet, noch ein paar Tage in Nancy zu verweilen,« wagte Jean einzuwenden.

»Ich bedauere, daß ich Sie diesmal nicht entbehren kann,« erwiderte Horace spöttisch.

Der Diener knirschte vor Zorn, wagte aber keinen offenem Widerstand.

Nach einer Stunde hielt der Reisewagen vor der Thür. Jean saß auf dem Bock mit dem verdrießlichsten Gesicht von der Welt, die Koffer waren aufgeschnallt, doch noch immer zögerte Horace einzusteigen und blickte nur ungeduldig die Straße hinab.

Da bog ein Reiter um die Ecke. Die Züge des jungen Offiziers hellten sich auf. »Endlich,« murmelte er und winkte dem heranreitenden François, auf sein Zimmer zu kommen. »Bleiben Sie dort oben sitzen, Jean,« wandte er sich vorher noch an diesen, »ich komme gleich wieder und wünsche dann sofort abzureisen.«

François war nach oben geeilt, er hatte den Wunsch seines Herrn betreffs Jeans verstanden und postierte sich so, daß er ihn vom Fenster aus im Auge behielt.

»Nun sage mir alles, aber mache es kurz,« drängte Horace, als er zu dem Diener in das Zimmer trat.

Dieser zog ein Schreiben aus der Tasche. »Das soll ich Euch bringen,« sprach er mit bewegter Stimme. »Sie wollte ein starkes, mutiges Mädchen sein und nicht weinen, aber zuletzt fielen doch ein paar Thränen, hier dieser Fleck verrät sie.«

Horace atmete schwer, als er auf dem Briefe dieses stumme Zeugnis ihres Schmerzes erblickte. »Wo fandest du sie?« fragte er leise.

»Das Fräulein Braut hatte wahrscheinlich den Hufschlag gehört und war unten vor dem Schlosse, frisch und fröhlich wie eine Lerche. Wie sie aber sah, daß ich allein kam, und ich ihr Ihre Botschaft brachte, da ist sie so weiß geworden, wie ihr Kleid, hat mir den Brief still aus der Hand genommen und ist hineingegangen.

Ich habe die Pferde draußen herumgeführt, bis sie wiederkam, sie sah noch ganz blaß aus, aber sie sprach wieder so freundlich wie sonst. ›Guter, ehrlicher Mensch‹, meinte sie. ›ich muß Euch nun auch Lebewohl sagen und möchte Euch danken für Eure Treue.‹

Dabei hat sie mir die Hand gegeben, und als mir nun so weinerlich um das Herz wurde, daß ich das Schluchzen nicht unterdrücken konnte, da bat sie mich gar rührend, ich solle sie nicht weich machen, sie wollte stark und mutig bleiben, und ich sollte meinem Herrn sagen, daß sie Gott vertraue und glücklich sei auch jetzt mitten im Schmerz. Sie lächelte dabei, aber es sah so wehmütig aus, daß ich aus Leibeskräften husten mußte, um das Weinen zu unterdrücken.

Ganz geduldig wartete sie, bis ich wieder stille geworden war, dann hielt sie mir den Brief hin. ›Gebt Eurem Herrn dies – ich hatte ihm noch soviel zu sagen,‹ sprach sie so leise, daß ich sie kaum verstehen konnte, aber die beiden Thränen sah ich, die auf das Blatt fielen. Ich nahm den Brief aus ihrer Hand; an dem einen Finger blitzte mir der glänzende Stein entgegen, den ich immer bei Euch gesehen habe.

Sie zeigte darauf. ›Den Ring werde ich immer tragen, wiederholt ihm das,‹ flüsterte sie, ›und Mustapha will ich lieben und pflegen‹ ...

Mehr konnte sie wohl nicht sprechen, denn sie legte die Arme um den Hals des Schimmels und winkte mir mit der Hand zu, daß ich fortreiten solle, wohl damit ich ihren Schmerz nicht sähe.

Ich ließ der Fatime die Zügel und bin fortgejagt so schnell, als wäre es der Teufel, vor dem ich mich fürchten müßte, und nicht ein so herziges Mädchen wie unser Fräulein Braut.«

François blickte auf seinen Herrn, der ihm noch immer schweigend gegenüber saß. Jetzt seufzte dieser tief, steckte den Brief zu sich und erhob sich.

»Es ist gut so, ich danke dir, mein braver Bursche,« wandte er sich an den Diener, ich reise gleich mit Jean ab, du folgst morgen mit Job. Wenn ich dein treues Gesicht wieder in Paris sehe, werden die lieben Erinnerungen doppelt warm in mir aufleben. Lebe wohl.«

François eilte zum Wagen, den Schlag zu öffnen. Jean wandte ihm sein mißvergnügtes Gesicht zu. »Wo habt Ihr den Schimmel gelassen,« brummte er, »und warum muß ich Euren Dienst übernehmen?«

»Der Herr Marquis werden sehr bereit sein, Monsieur Jean darüber Auskunft zu geben, wenden Sie sich an ihn,« versetzte François mit einem triumphierenden Blick auf seinen gedemütigten Gegner, dem das Erscheinen des Marquis jetzt Schweigen auferlegte.

Fort rollte der Wagen in die sonnige Landschaft hinein. Der ernste Cavalier mit den klaren Augen und den festen Zügen, der darin saß, war ein anderer geworden, als der leichtherzige und verwöhnte Jüngling, der vor wenig Monden Nancy so widerwillig betreten hatte.

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