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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.
Licht und Schatten.

Als der junge Offizier in sein Zimmer trat, fand er François' zusammen gesunkene Gestalt am Feuer sitzen.

»Hast du schön geschlafen?« rief ihm der Marquis gutmütig zu.

Erschreckt fuhr dieser auf. »Beim blauen Neckarstrom, das ist mir noch nie passiert,« murmelte er schlaftrunken und schickte sich nun eifrig an, seinen jungen Gebieter mit den tausend kleinen Hülfen zu umgeben, die dieser von ihm zu empfangen gewohnt war.

François, der gewandte und dabei grundbrave Diener des jungen Offiziers, war so ziemlich bewandert in allen Stimmungen seines Herrn, denn Horace, ließ seiner fröhlichen Laune wie seinem Mißmut freien Lauf in Gegenwart des treuen Burschen. Dieser wußte sich immer trefflich hinein zu finden, sei es nun, daß »wir« uns brillant amüsiert oder daß »wir« verteufeltes Mißgeschick erfahren hatten.

Heute aber wollte es François durchaus nicht klar werden, was seinen Herrn so eifrig beschäftigen konnte. Verstimmt war er nicht, denn die Augen blickten fröhlich, und oft spielte ein flüchtiges Lächeln um die Lippen, aber gedankenvoll war er und zerstreut.

»Soll ich den Wagen gleich nach dem Frühstück bestellen« fragte er unterthänig.

»Vor zehn Uhr fahre ich nicht,« lautete die Antwort. Verschlafe morgen früh nicht das Wecken und erkundige dich, ob vielleicht ein näherer Reitweg von Nancy nach Schloß Boncourt führt, es könnte sein, daß ich noch öfter hierher kommen muß.«

Der ehrerbietige Gutenachtgruß blieb François fast in der Kehle stecken, kopfschüttelnd entfernte er sich.

Horace kümmerte sich nicht darum, er warf sich in die Kissen zurück und ließ die Bilder des Tages noch einmal an seiner Seele vorüber ziehen. Unbemerkt senkte sich dabei der Schlummer auf ihn nieder, und die Gedanken verschmolzen sich in märchenhafte Träume.

Er sah Giovanna mit den alten Waffen geschmückt ihm winken; als er auf sie zueilte, drückte sie ihm den Schild in die Hand und wies auf ihre Fahne. Es war das Lilienbanner von Frankreich, aber beschmutzt und zerrissen. Er wollte sprechen, doch seine Worte übertönte eine dumpfe Trauermusik, und langsam zog ein Leichenzug vorüber.

»Wir begraben das Königtum von Frankreich,« sprachen die düsteren Männer, die dem Zuge folgten. Entsetzt ergriff er des Mädchens Hand und wollte sie mit sich ziehen, sie aber entwand sich ihm und zeigte auf den Schild, wo in feuriger Schrift die Worte standen » Fidèle à Dieu, au roi, à mon amour.« »Giovanna, bleibe bei mir,« rief er leidenschaftlich, doch sie war fort, und nur ein Strahlenschein blieb zurück. – Mit einem Schrei erwachte er.

Die Morgensonne schien blendend in das Fenster. Er schüttelte die schweren Träume ab und sprang vom Lager auf, um sich rasch anzukleiden.

Der Schnee hatte eine weiße Decke über die tiefen Risse in der Mauer gebreitet, nur verstohlen blickte hier und da eine dunkle Epheuranke aus der Umhüllung. Die bereiften Bäume glitzerten im Sonnenschein, und selbst die steinernen Ritter mit ihren wunderlichen Schneehauben und der verwitterte Turm, alles erschien ihm heute voll tiefer Poesie. Er eilte hinunter, um noch vor der Abfahrt die Schloßkapelle zu besichtigen. Doch gestand er es sich kaum selbst zu, daß es weniger das alte Gemäuer war, das ihn jetzt hinzog, sondern eine lichte Mädchengestalt, die er soeben dort hatte verschwinden sehen. In dem zerfallenen Säulengang traf er mit ihr zusammen. »Darf ich Ihre Güte schon wieder in Anspruch nehmen,« fragte er, nachdem er sie begrüßt hatte. »Wollen Sie mir Führerin in diesen mir noch fremden Hallen sein.«

Giovanna nickte bereitwillige Gewährung und öffnete die Thür mit den geschnitzten heiligen Bildern. Mit Staunen sah Horace, wie sorglich alles gehalten war. Die Betstühle schienen zwar morsch und müde, doch kein Stäubchen lag auf der kunstvollen Schnitzerei. Die marmornen Fliesen des Fußbodens leuchteten tadellos weiß, und das Sonnenlicht warf durch die bunten Fenster rote und blaue Lichter darauf. Über die schwere Altarbekleidung war eine zierliche Stickerei gebreitet, und das Crucifix schmückte ein noch frischer Epheukranz.

»Hier ist Euer Reich,« sagte der junge Offizier in gedämpftem Tone, »hier waltet Eure Hand. Es weht mich an wie ein Friedenshauch in diesen stillen Mauern.«

Sie blickte glücklich zu ihm auf. »Nicht wahr,« flüsterte sie, »hier fühlt man Gottes Nähe. Jeden Morgen fast gehe ich in die kleine Kapelle, dann ist es so still um mich, ich höre nur, wie die Epheuranken an das Fenster klopfen, und wie der Wind draußen durch die Bäume zieht; mir klingt es wie das Rauschen von Flügeln, und ich muß an die Engel denken, die mich unsichtbar umgeben und mein Gebet empor tragen.«

Horace dachte träumerisch ihren Worten nach. »Ein reines Herz fühlt überall den Gotteshauch, der das Irdische verklärt,« sprach er, und seine Stimme erschien eigentümlich ernst und bewegt, während er auf Giovanna blickte.

St. Pierre kam ihnen vom Schlosse her entgegen. »Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr uns sobald verlassen wollt,« entschuldigte er sich bei dem jungen Marquis, der ihm einen herzlichen Gutenmorgen bot. »Euer Wagen ist bereits vorgefahren.«

»So müssen die Pferde warten,« entschied Horace. »Die Wirtschaft sehe ich mir bei meinem nächsten Besuche an, aber auf den Turm möchte ich noch heute steigen. Die Luft ist so klar, daß man einen herrlichen Rundblick haben muß.«

St. Pierre holte die verrosteten Schlüssel und stieg die Turmtreppe hinauf, während Giovanna und der Marquis folgten.

Horace trat dicht an die Brüstung und blickte hinab. Es war ein Bild voll ernster Reinheit, das sich zu seinen Füßen ausdehnte. Weithin streckte sich die weiße Schneelandschaft, nur von den fernen Bergen begrenzt; es glitzerte und leuchtete im Sonnenschein wie Milliarden Sterne, und er mußte die Augen mit der Hand schirmen vor dem blendenden Glanz.

»Ist es nicht schön, wunderbar schön hier?« hörte er eine sanfte Stimme fragen.

Er ließ die Hand sinken. »Wunderbar schön,« wiederholte er leise. »Wenn auch der Winter uns umgiebt, im Herzen kann es doch Frühling und Sonnenschein sein!«

Das Mädchen an seiner Seite blickte sinnend hinab. Der Wind, der mit ihrem losen Haar spielte, hatte das blaue Band, das die Locken zusammenhielt, gelöst und wollte es eben entführen, als der Marquis danach griff, um es ihr zurückzustellen. Einen Augenblick zögerte er, dann steckte er es mit einer hastigen Bewegung in die Tasche, als fürchte er bei dem Diebstahl ertappt zu werden.

St. Pierre trat von der anderen Seite des Turms zu dem Marquis heran.

»Wenn Ihr uns auch jetzt verlaßt, so hoffe ich doch, daß das alte Besitztum Eurer Väter seinen Gebieter noch manchmal wiedersehen wird,« bemerkte er.

»Jedenfalls,« versicherte Horace. »Ich möchte den Turm mit dem Flügel daran vor dem gänzlichen Verfall retten, und damit der alte Bau nichts von seiner Poesie verliere,« fuhr er einem plötzlichen Einfalle folgend zu Giovanna gewandt fort, »wende ich mich nicht nur an den Vater, sondern auch an die Tochter mit der Bitte, mir ihre Hülfe zu leihen.«

Er bot ihr die Hand zum Abschied. Er hätte ihr noch allerlei sagen mögen, aber es wogte unruhig durch seinen Geist. Der gewandte Kavalier, der mit den Damen der Gesellschaft eine so sichere Sprache zu führen wußte, fand in diesem Augenblick kein anderes Wort ihr gegenüber, als ein kurzes »Auf Wiedersehen.«

Giovanna blieb allein zurück, als die beiden Herren den Turm verließen. In Gedanken verloren schaute sie in die Ferne. Sie wußte nicht, weshalb sich in ihr fröhliches Herz eine unerklärliche Bangigkeit schlich, und warum ihr so geliebtes Heim ihr plötzlich eines Lichtscheins beraubt zu sein schien. Vielleicht war das nur, weil eben eine dunkle Wolke über das lachende Antlitz der Sonne zog. Drunten im Wagen saß der Marquis und schüttelte die Hand des alten Mannes, der mit entblößtem Haupte am Schlage stand.

»Ich werde Euren Rat noch oft in Anspruch nehmen, wenn wir hier mit dem Bau beginnen,« rief der junge Offizier beim Fortfahren. Seine Augen richteten sich jetzt auf den Turm, wo Giovannas schlanke Gestalt über die Brüstung lehnte. Er grüßte hinauf. Es lag soviel Ehrerbietung und zugleich soviel Wärme in diesem Gruße, daß François, der sich schon bei den letzten Worten seines Herrn verwundert umgesehen hatte, jetzt ganz verdutzt nach dem Mädchen hinaufstarrte.

Horace hatte diesmal nicht Acht auf den schlechten Weg, seine Gedanken waren ganz allein mit dem liebreizenden Geschöpf beschäftigt, dem er soeben Lebewohl gesagt.

Dies fromme fröhliche Kind mit dem klaren Geiste und dem träumerischen Sinnen der Jungfrau, würde es auch einst aus seinem Gedächtnis schwinden, wie so manche andere schöne Erscheinung, die ihm früher begegnet war und tagelang seine Phantasie gefesselt hatte?

»Nein, nein,« murmelte er unwillkürlich, »diese lieben dunklen Augen vergesse ich nie.«

Behutsam öffnete er sein Portefeuille und wollte das geraubte Band hinein thun, aber als er es aus der Tasche zog, entführte es ihm der Wind und hing es neckisch an einen beschneiten Tannenzweig. François' scharfem Auge war nichts entgangen, doch ehe er sich vom Bocke schwingen konnte, hatte der Marquis den Wagen halten lassen und ergriff selbst den blauen Flüchtling, um ihn in sicheren Gewahrsam zu bringen.

»Ein blaues Band – und ein altes Rabennest zurecht bauen,« – simulierte François. »So, so, die Sache ist klar, aber wir werden uns nicht lange dafür interessieren. Wir haben schon Schöneres gesehen und werden das einsame Waldschloß bald über unseren Festen vergessen. Beim blauen Neckarstrom, so wird es kommen!« –

Doch diesmal hatte sich François geirrt, darüber sollten ihn schon die nächsten Tage belehren. Horace teilte dem alten Marquis seine Baupläne mit, und obgleich dieser wenig Lust verspürte, in so ernster Zeit sich mit dergleichen Dingen abzugeben, so freute er sich doch, daß der Sohn ein reges Interesse für die Besitzung zeigte und in seinem Schreiben so ernst und warm von den Pflichten eines Landedelmannes sprach. Er stellte ihm daher bereitwillig eine Summe zur Verfügung und warnte ihn nur, die Sache nicht als ein Spielwerk zu betrachten, das, wenn es den Reiz der Neuheit verloren habe, gleichgültig beiseite geworfen würde. Hätte der alte Herr geahnt, wie wenig Grund zu dieser Befürchtung war, er hätte wohl nicht ohne Besorgnis vernommen, wie sein Sohn sich mehr und mehr von jeder Geselligkeit in Nancy zurückzog und nach Schloß Boncourt eilte, um dort die Bauarbeiten zu besichtigen.

Im Anfang schmollte die schöne Welt mit Horace, als sie sich von ihm vernachlässigt sah, die Kameraden zürnten oder trieben ihre Neckereien mit ihm, schließlich aber wurde man es müde, darüber zu reden, und ließ den Sonderling seinen Weg gehen. Das war genau, was dieser wollte, denn die winterlichen Vergnügungen in Nancy hatten allen Reiz für ihn verloren. In dem einsamen Schlosse eröffnete sich ihm eine neue Welt, die seine Gedanken völlig ausfüllte und gefesselt hielt. Er fühlte, daß wenn er mit dem Leben brechen wollte, das ihm in diesen stillen Mauern aufgegangen war, er die Sehnsucht danach tragen würde sein Lebenlang.

In den ersten Wochen hatte er sich selbst nicht eingestehen wollen, wie bei jedem neuen Wiedersehen St. Pierres liebliche Tochter immer festeren Besitz von seinem Herzen nahm, aber endlich konnte er sich doch nicht mehr über seine Gefühle täuschen, er wurde sich klar darüber, daß er Giovanna mit aller Macht und Innigkeit seiner Seele liebte. In diesem sinnigen Kinde sah er das Ideal seiner Träume erfüllt, so hatte er sich das Weib gedacht, dem er seine goldene Freiheit opfern wollte.

Horace wußte, daß ihm harte Kämpfe mit seiner Familie bevorständen, doch sein Entschluß stand fest. Noch ehe er nach Paris zurückkehrte, wollte er bei St. Pierre um seine Tochter werben und dann von Giovannas Lippen eine selige Antwort hören, wenn er ihr sein Herz eröffnete.

Noch ruhte in des Mädchens Gemüt die Liebe zu Horace wie ein seliges Geheimnis. Sie dachte nicht darüber nach, wie es kam, daß ihr Herz in nie gekannter Wonne jubelte, wenn sie das Rollen seines Wagens hörte und dann sein schneller Schritt die Wendeltreppe herauf stürmte. Sie wußte nur, daß es Freude war, für ihn zu singen und mit ihm zu lesen, sie fühlte das ganze Glück jener stillen Abende im Erkerzimmer, sie kannte auch das Sehnen und Bangen, aber sie fragte nicht warum, warum das alles? Noch hatte Horace kein Wort gesprochen, das ihr das Rätsel ihres Herzens löste.

Zwar was ihr selbst unbewußt die Seele erfüllte, das hatte ihr Pflegemütterchen durchschaut, doch sie rührte nicht daran, sie ließ die Knospe sich zur Blüte entfalten, ohne dabei zu bedenken, welchen Stürmen diese junge Liebe entgegenwuchs. Die alte Dame, der Horace mit der äußersten Ehrerbietung begegnete, hatte seinen ritterlichen Sinn sowie sein treues Herz erkannt und sagte sich, daß dies der starke Arm sei, dem sie gern ihr geliebtes Kind anvertraut hätte. Ihr mütterlicher Stolz sowie ihre geringe Weltkenntnis ließen sie dabei das Hindernis unterschätzen, welches der Standesunterschied den liebenden Herzen entgegenstellte.

Wie kam es aber, daß St. Pierre, der sein Kleinod so ängstlich gehütet hatte, jetzt nicht bemerkte, wie die Liebe in diesen jungen Seelen zündete und wuchs?

Ihm lag einerseits der Gedanke einer Verbindung der beiden zu fern, um ihm je Raum zu geben, anderseits vertraute er unbedingt der ritterlichen Ehrenhaftigkeit des jungen Marquis und war überzeugt, daß er nie ein freventliches Spiel mit dem Herzen seines Kindes treiben würde. Wahrscheinlich hätte er dennoch früher eingegriffen, wenn nicht auf seiner Seele eine schwere Sorge gelastet hätte, die ihn in düstere Grübeleien versenkte und ihn blind machte für das, was um ihn her vorging. Durch seine Pariser Freunde war er genau unterrichtet darüber, wie dort die Sachen standen. Er wußte, wie Philipp von Orleans gegen den König arbeitete, er kannte den Namen des schlauen Abbé Sieyes, dem eine mächtige Partei zur Seite stand, die bereit war, alles daran zu sehen, um die Macht des Königs zu beschränken. Ihm waren Namen genannt, wie Marat, Santerre, Danton, die später einen so furchtbaren Klang haben sollten, und dies alles erfüllte ihn mit bangen Ahnungen. Bisher freilich wußte er von diesen Männern nur, daß sie in Paris Clubs gebildet hatten, an deren Spitze sie sich stellten und in denen sie durch gleißnerische Reden von Freiheit und Gleichheit die Sinne des Volkes bethörten. Zuerst waren diese Versammlungen geheim gehalten worden, aber jetzt tagte man bereits öffentlich und immer lauter; immer drohender erhoben sich die wüsten Stimmen, welche die heilige Majestät des Königs mit Schmutz bewarfen und in prunkender Sprache dem geknechteten Volke die Alleinherrschaft gelobten.

Marat, dieses häßliche Geschöpf mit der Orang-Utang-Gestalt und den verworfenen Sitten, hatte sich zum Führer eines solchen Clubs aufgeworfen und einer seiner wärmsten Verehrer, sein blindestes Werkzeug war Guiseppe, der Sohn St. Pierres. Das nagte an dem Herzen des alten Mannes. Er hatte gesehen, wie der Freiheitsschwindel den Sohn ergriff, er hatte warnen wollen, Einhalt gebieten, – umsonst. Weiter wurde der Sohn fortgerissen; dem Herzen des Vaters entfremdet, schwärmte er nur noch für die phantastischen Träume der Volksbeglücker. St. Pierre wandte sich im edlen Unwillen von ihm ab, aber sein Haar wurde schneeweiß, und tiefe Furchen des Kummers durchzogen seine Stirn.

Ihm war es, als müsse er die Augen fortwenden, wenn Horace, der Sohn des königstreuen Edelmanns, unter sein Dach trat und herzliche Worte zu ihm dem Vater sprach, dessen Sohn freventlich Hand und Stimme erhob gegen alles, das hoch geboren war und zum Throne stand. Darum begegnete er ihm jetzt so selten, so sehr sein Herz ihn auch zu dem frischen Jünglinge hinzog, denn er meinte den Schatten des Sohnes zu sehen, dessen Arm sich drohend erhob gegen das Wappenschild der St. Herbert.

So waren die rauhen Wintertage dahingeschwunden. Die Arbeiten im Schlosse gingen rüstig vorwärts, und der Marquis kam nach wie vor, um den Bau zu besichtigen. François hatte sich völlig mit diesen Besuchen seines Herrn ausgesöhnt, Giovannas Freundlichkeit für ihn hatte sein ganzes Herz gewonnen, und glückselig hörte er ihr zu, wenn sie von seiner Heimat und von dem lieben blauen Neckar sprach, wo sie so gerne gewesen war. Der treue Bursche hatte auch bald einen näheren Reitweg von Nancy nach Boncourt entdeckt, und sobald der Schnee geschmolzen und die Wege weich geworden waren, sah man gar oft den jungen Marquis auf seinem Schimmel zum Stadtthor hinausreiten. Der flüchtige Renner hielt besser Schritt mit der Ungeduld seines Herrn, laut wiehernd verkündete er seine Ankunft schon aus der Ferne, als wollte er der Sehnsucht seines Gebieters Ausdruck verleihen und das blonde Kind rufen, dessen freundliche Augen einen so fröhlichen Willkommen boten.

Schöne Tage, selige Stunden, wo eine fromme, starke Liebe, noch unberührt von dem Sturm des Lebens, zu einer hehren Flamme erglüht!

Einer der letzten Tage des wechselvollen Aprilmonats war gekommen, dunkele Wolken türmten sich am Himmel auf, und graue Nebelschleier wogten phantastisch in der Luft, bis der Wind hineinblies und das feuchte Gebilde auseinander jagte.

Giovanna saß am Fenster, den Kopf auf die Hand gestützt, schaute sie hinaus.

Da klang ein schneller Schritt auf der Treppe. Sie horchte auf – er schien ihr so fremd, und doch, wer konnte es anders sein?

Hoch aufatmend wandte sie den Kopf nach der Thür, und ihre Lippen öffneten sich schon zum Willkommengruß, als statt des Ersehnten eine fremde, hochaufgeschossene Männergestalt im Zimmer stand. Der Schreck schloß ihr den Mund, erbleichend starrte sie in das Gesicht ihr gegenüber, dessen dunkel glühende Augen fest auf sie gerichtet waren.

»Guiseppe,« rief sie endlich und sprang auf, ihm die Hand zum Willkommen zu reichen.

Doch der junge Mann blieb mit verschränkten Armen stehen. »Nach einer Trennung von vier Jahren zeigest du nicht allzu viel Freude bei der Rückkehr deines Bruders,« zürnte er.

»Vergieb mir,« bat das Mädchen und versuchte, ihren Arm um den Hals des Bruders zu legen. »Es war der Schreck, die Überraschung, ich erkannte dich nicht gleich! Wir haben uns ja so wenig gesehen, seitdem die Eltern Paris verließen. Aber du weißt, daß ich dich liebe, Guiseppe,« fuhr sie innig fort, »du weißt auch, wie ich das Wiedersehen herbeigewünscht habe.«

»Hast du das wirklich?« forschte er.

»Von ganzem Herzen sehnte ich mich darnach,« war ihre schnelle Erwiderung. Er nahm ihre Hand und küßte zärtlich den frischen Mund, der sich ihm bot. Dann führte er sie zurück zu ihrem Sitz am Fenster und ließ sich auf dem niedrigen Tabouret vor ihr nieder.

»Du bist schön geworden, Giovanna,« sprach er zu dem errötenden Mädchen, »so schön wie das goldene Morgenrot der Freiheit, das über Frankreich aufgeht, und siegend sich erhebt über Knechtschaft und Tyrannei.«

»O Guiseppe,« flehte die Schwester, »laß nicht den Vater solche Sprache hören! Du ahnst nicht, wie er unter den trostlosen Wirren leidet, die sein geliebtes Vaterland in streitende Parteien zerreißen.«

Ein bitteres Lächeln legte sich um die Lippen des Jünglings. »Ich weiß das wohl. Es war nicht gerade in den schonendsten Worten, daß der Vater an mich schrieb, als er mit rauher Hand alle meine goldenen Träume von des Volkes Erhebung und Freiheit zerstören wollte. Der so mit mir redete, das war ein alter Mann, es war mein Vater, den ich liebe, darum habe ich es hingenommen und darum komme ich auch auf seinen Wunsch noch her. Aber ich sage dir, Giovanna, es hängt ein Schleier vor seinen Augen, er will es nicht sehen, wie dem armen geknechteten Volke, das so lange mit der finsteren Nacht der Unwissenheit und Not rang, wie diesem Volke endlich der junge Tag dämmert und es zum Triumph über seine Peiniger erwacht. Die stolzen Edelleute müssen sich beugen vor der Majestät des Volkes, das in ihre erträumte Hoheit, in ihren prahlerischen Müßiggang mit donnernder Stimme hinein ruft: »Nieder mit eurem falschen Adel! Nieder mit eurem stolzen Wappen! Hier gilt nur eins: der Adel des freien Bürgers; nur eine Devise setzen wir alle auf unser Wappenschild, sie lautet: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!«

Guiseppes Augen leuchteten, er preßte krampfhaft des Mädchens Hand, die er ergriffen hatte. Giovanna war sehr bleich geworden, noch ehe sie sich zu einer Antwort sammeln konnte, streiften seine Augen über die alten Waffen, welche Horace am vergangenen Tage hier aufgehängt hatte, um sie unten vor dem Baustaub zu schützen.

»Was soll der Unfug?« fuhr er heftig auf. »Laß das Gerümpel unten vermodern, oder wirf es in den Waldbach, daß sich die Fische daran ergötzen. Jetzt ist keine Zeit, verblichene Wappenschilde wieder aufzuhängen und vergessene Geschichten heraus zu suchen. Was gehen dich die Sachen ab, nimm sie herunter, Giovanna!«

Er wollte nach dem Schilde greifen, aber das Mädchen wehrte ihm.

»Der Marquis St. Herbert hat selbst dort die Waffen aufgehängt, nur wenn er es wünscht, sollen sie herunter genommen werden,« sprach sie anscheinend ruhig, allein das Beben ihrer Stimme verriet ihre Erregung.

»Ich denke, in deinem Zimmer entscheidet dein Wille, und die Wünsche des Marquis haben damit nichts zu thun,« spottete Guiseppe.

»So ist mein Wille, daß sie hier bleiben,« lautete Giovannas ernste Entgegnung.

Verwundert blickte sie der Bruder an. Wie kam das sanfte Kind, das sich eben an ihn geschmiegt hatte, zu dieser Beharrlichkeit. Sollte es wirklich wahr sein, was die Leute unten im Dorfe fabelten, daß der Marquis St. Herbert nur deshalb so fleißig Boncourt aufsuche, weil dort seine schöne Schwester weilte? Er hatte das Gerede vernommen und war daher Giovanna schon mit Mißtrauen entgegengetreten, jetzt steigerten sich seine Befürchtungen, und sein Zorn wallte auf.

»Du willst mir nicht willfahren?« forschte er.

»Ich bitte dich, nicht an den Waffen zu rühren.«

»Wenn ich es aber will, Mädchen! Hörst du, wenn ich es will,« knirschte er zornig und griff nach ihrer Hand.

»Auch dann nicht,« hörte er ihre Antwort.

Das war nicht der eigensinnige Ton eines verwöhnten Kindes, es war ein klarer, fester Wille, der sich ihm entgegenstellte und sich keiner Drohung fügte. Langsam ließ er ihre Hand los und betrachtete sie mit scharfem Blick.

»Der junge Marquis, der die Waffen aufgehängt hat, ist derselbe, den du vorhin erwartetest,« sprach er streng, »es ist mir nicht entgangen, wie enttäuscht du schienst, als es nur der Bruder war, der dich begrüßen wollte. Ich verstehe alles, die Arbeiten im Schlosse sind dem vornehmen Edelmann ein guter Vorwand, um meine Schwester zu sehen, die er sich herabließ schön zu finden. Trau ihm nicht! Lüge lauert hinter den schmeichelnden Reden, mit denen er dein Herz bethört! Lüge spricht aus der stolzen Devise, die dort auf seinem Wappen prangt, denn Treue wirst du vergebens suchen bei dem vornehmen Kavalier. Leerer Schall sind die Worte der Liebe, die er dir zuflüstert.« ...

»Halt ein!« gebot Giovanna außer sich. »Jedes Wort, das aus deinem Munde geht, ist falsch und unwahr. Kein Wort der Liebe, kein Schwur der Treue ist zwischen mir und dem Marquis St. Herbert gewechselt. Ich werde es aber nimmer dulden, daß sein guter Name von meinem Bruder beschimpft wird.

Wenn ihr mit frevelnder Hand heilige Ordnungen umstoßen wollt, den Geist der Ahnen könnt ihr doch nicht bannen! Wenn ihr sein Wappenschild zertretet, die Worte der Devise könnt ihr nimmer löschen, denn sie sind Fleisch und Blut bei ihm. Das alte Rittertum von Frankreich lebt noch in ihm und seinem edelen Geschlechte!«

Staunend betrachtete Guiseppe die Schwester, die vor ihm stand mit flammenden Augen und glühenden Wangen wie die begeisterte Jungfrau von Orleans, vor deren kühnem Worte sich die Fürsten beugten.

»Mädchen,« murmelte er, »welche Sprache führst du?«

»Die Sprache des Herzens und der Überzeugung,« antwortete sie stolz und wandte sich von ihm.

Die beiden Geschwister waren zu erregt gewesen, um des Vaters Schritt auf der Treppe zu hören. Erst als eine Hand sich schwer auf seine Schulter legte, schrak Guiseppe zusammen. »Mein Vater,« rief er in überwallendem Gefühl und wollte sich in seine Arme werfen, denn in diesem Augenblick vergaß er alles und fühlte nur die alte Liebe für den greisen Vater.

Dieser aber trat einen Schritt zurück. »Kann ich meinen Sohn in die Arme schließen?« fragte er, »oder steht vor mir der bethörte Jüngling, der seine Hand erhebt gegen Gottes Ordnung und gegen des Königs Majestät?«

»Vater,« flehte Guiseppe leidenschaftlich, »denke jetzt nicht an das, was sich trennend zwischen uns stellt, denke an meine Mutter und öffne ihrem Sohn deine Arme.«

St. Pierres Züge arbeiteten heftig, er kämpfte einen schweren Kampf. »Meiner Raziella Erstgeborener,« murmelte er, »Kind meiner Sorgen und Schmerzen, komm an mein Herz!«

Schluchzend warf sich Guiseppe in die geöffneten Vaterarme, und der alte Mann strich dem Jünglinge bewegt die schwarzen Locken aus der Stirn. »Meiner Raziella Haar, meines Weibes Züge,« sprach er dabei leise vor sich hin. »Nein, du kannst mir nicht verloren gehen. Komm in mein Zimmer, wir haben noch ernste Worte mit einander auszutauschen, das zu hören taugt nicht für unser fröhliches Sonnenkind.«

Er nickte dabei zärtlich nach Giovanna hinüber, die im Schatten der Fensternische stand, und verließ mit dem Sohne das Gemach.

Im Studierzimmer des Vaters setzten sich die beiden zu ernster Unterredung nieder. Mit schwerem Herzen hörte St. Pierre auf die Sprache des Sohnes, der gut unterrichtet über alle traurigen Mißbräuche und Irrtümer der Regierung, mit beredtem Munde die Glorie der aufdämmernden Freiheit pries.

»Denkt zurück, mein Vater, an all das vergebliche Ringen ernster Männer, die Wirren in Frieden zu lösen,« so erinnerte er. »Was sie nach heißen Kämpfen erlangten, das riß eine Laune des Königs wieder um. Blickt auf St. Germain, den Kriegsminister, der nicht eher ruhte, als bis die entwürdigende Unsitte des Stellenverkaufs im Heere aufhören sollte. Öffentlich verkündigte er diesen Befehl, und unterdessen machte der König hinter seinem Rücken hundert Kapitains für Geld. Könnt Ihr es St. Germain verdenken, daß er sich gekränkt zurückzog? Ich meine, nein, denn Turgots Sinn lebt in Euch.«

Der Vater richtete seine Augen ernst auf den Sohn. »Du hast recht,« entgegnete er langsam, »Turgots Sinn lebt in mir, ich empfinde scharf die Gebrechen meiner Zeit, aber, bei Gott, ich stehe nicht auf deinem Standpunkt, wie auch Turgot es nimmer gethan hätte.

Euch ist das Volk alles, der König aber nichts. Turgot hingegen weihte seine Gaben und Kräfte zugleich dem Dienste des Königs wie dem Volke. Er wollte die beiden nicht trennen, ja er konnte sie sich nicht ohne einander denken.

Du sprichst wahr, wenn du das Ende aller Reformen trostlos und das nutzlose Ringen der Männer beklagenswert nennst, aber giebt das ein Recht, uralte geheiligte Vorrechte anzutasten und an dem königlichen Purpur zu zerren?

Auf beiden Seiten liegt die Schuld, und in jedem Stande wuchern schreiende Mißbräuche. Weil aber ein jeder nur auf die Fehler der anderen Partei blickt, übersieht er die eigenen Schäden, die er zuerst bessern sollte, und versucht nur umzuwerfen, was seinen persönlichen Interessen hindernd in den Weg tritt. Daher der endlose Jammer und das Elend, das noch folgen wird, wenn die Männer, die jetzt bewußt oder unbewußt an dem Sturze alles Bestehenden arbeiten, einst die Folgen ihres eigenen Werkes schauen werden.«

Guiseppe blickte finster vor sich nieder. »Was nützt es,« murrte er, »wenn man die Verkehrtheiten der Wirtschaft einsieht und sie schweigend duldet? Eine Milliarde hat der Krieg mit Nord-Amerika verschlungen, und wir sollen dabei ruhig anhören, wie das Volk nach Brot schreit! Tausende haben Graf Artois und die Königin bei ihren Festen verschwendet, und dafür sollen wir das Herrscherpaar segnen! Nein, das Volk hat recht, wenn es diese stolze Königin Madame Defizit nennt, denn ihre tolle Vergnügungssucht ist schuld daran, daß das Defizit in der Staatskasse endlos wächst. Ihr leichter Sinn, ihr unwürdiges Leben« ...

»Das sind schmähliche Verleumdungen gegen die Königin, die von ihren Feinden ersonnen sind und von den Bethörten nachgeplaudert werden,« donnerte St. Pierre und richtete sich hoch auf. Heftig wollte Guiseppe ihn unterbrechen, aber die eiserne Strenge, die aus den Zügen des alten Mannes sprach, ließ ihn verstummen. »Ich sage, Bethörten,« wiederholte der alte Mann scharf, »denn ich nehme nicht an, daß mein Sohn zu dem Chor derer gehört, die geflissentlich Lügen verbreiten, um den Haß des Volkes gegen den Hof zu schüren. Zu meinem bethörten Kinde spreche ich.

Ihr klopft und hämmert an dem Staatsgebäude, achtlos, ob ihr mit dem faulen Holze auch den gesunden Balken niederbrecht. Ihr wollt Schutt forträumen, aber ihr reißt dabei manchen festen Grundstein nieder, der eine Stütze des Ganzen war. So arbeitet ihr rastlos, bis alles mürbe wird und endlich wankt und kracht. Doch wenn der Bau zusammenstürzt und die Trümmer über euch fallen, dann werdet ihr klagen: Das haben wir nicht gewollt!

Frei wollt ihr sein und seid doch nur Sklaven eines Marat, Santerre und wie die Freiheitsschwindler heißen, deren willige Werkzeuge ihr werdet. Tyrannenherrschaft wollt ihr abschütteln, aber den Leidenschaften, die euch tyrannisieren, denen dient ihr als gehorsame Knechte und laßt euch zu schimpflichen Excessen treiben. Pläne schmiedet ihr ohne Zahl und baut in eurem Kopfe ein stolzes Gebäude auf von des Volkes Herrschaft, doch hütet euch – der Neubau, den ihr plant, ist ein Kartenhaus ohne Halt, das der Wind fortbläst. Der wetterschwere Himmel, der sich jetzt über Frankreich wölbt, wird blutig rot werden, und mit Flammenschrift werden eure Frevel dort geschrieben stehen. So wird es kommen, so muß es kommen, wenn ihr weiter geht, wenn euch nicht ein donnerndes Halt zugerufen wird, oder ein Blitz von oben den Nebel zerreißt, der sich vor euren Augen aufgetürmt hat, damit ihr erkennt, wohin die Straße führt, auf der ihr unaufhaltsam weiter stürmt.

Ihr berauscht euch an den Klängen der Freiheitslieder und an den verführerischen Worten des Helvetius, Rousseau, Diderot, darum seid ihr taub geworden für ein schlichtes Bibelwort, das in die prunkenden Phrasen hineinruft – »Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, und seid nicht Knechte der Sünde.« Reiß nur einmal den bunten Flitter nieder, den ihr um eure Lehre gehängt habt, und blicke sie an in ihrer traurigen Nacktheit, so wird dir selbst davor grauen.«

Schwer atmend hielt St. Pierre an und blickte auf den Sohn, der mit zusammengezogenen Brauen düster vor sich hinstarrte.

Traurig schüttelte der alte Mann das Haupt. »Ihr sprecht in eurem Club beständig von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit,« fuhr er fort, »das ist Stichwort bei euch geworden; von Pflicht und Dienst, von Ehre und Treue jedoch spricht niemand.

Wenig Wochen ist es her, da trat in eure Versammlung der edle Cazotte und erschütterte mit seinem eindringlichen Wort eure Herzen. In eure wirren Reden rief er als Losungswort hinein: »Die Knechtschaft Gottes ist die wahre Freiheit,« und ihr lauschtet ihm verwundert, denn es überraschte euch, daß er eurer Vernunftreligion sein offenes Glaubensbekenntnis entgegenstellte. Vielen unter euch war die Lehre, die er verkündete, nichts Neues, gar mancher hatte solchem Wort in der seligen Kinderzeit gelauscht, wenn ihm das heilige Bibelbuch durch der Mutter Mund ausgelegt wurde, aber später hatte die Welt die Samenkörner fortgerissen, die ein betendes Mutterherz in eure Seele legte. Jetzt, durch die erschütternde Rede des alten Edelmannes, wurde der Kindheitstraum mit seiner Welt voll Unschuld, Liebe und Freude in eurem Herzen wieder wach. Der greise Cazotte, der so unerschrocken gegen euch auftrat, flößte euch Achtung ein und wußte eure Seelen zu fassen. Da aber kam der Teufel, der Marat, der an der Spitze eures Clubs steht, und übertönte mit seiner schrillen, kreischenden Stimme den Greis, der nicht wankte, als Marats Gesellen ihm mit dem Tode drohten. Ein Sturm tobte durch eure Versammlung, immer lauter wurde das Schreien, und endlich mußte Cazotte der Gewalt weichen. Er verließ den Saal, aber mit ihm gingen viele von den Jünglingen, deren harte Herzen sein Wort erweicht hatte. Nur mein Sohn war nicht darunter, meiner Raziella Erstgeborener vergaß der verklärten Mutter, deren Gebete seine Kindheit behüteten, er gedachte nicht des grauen Hauptes seines Vaters, das er mit Kummer und Schande bedeckt!« Überwältigt von seinen Gefühlen sank der alte Mann auf einen Sessel, und wie Stöhnen rang es sich aus seiner Brust. Guiseppe warf sich schluchzend zu seinen Füßen.

»Vater, vergieb mir,« flehte er, »unmöglich kann ich deinen Zorn länger ertragen, kann deinen Schmerz länger mit ansehen.«

St. Pierre legte die Hand auf des Jünglings Haupt. »Armes, verblendetes Kind,« murmelte er, »kehre zurück in das verlassene Vaterhaus!«

»Das will ich, bei Gott, das will ich,« gelobte Guiseppe leidenschaftlich, »noch heute gehe ich zurück nach Paris, löse dort meine Verbindlichkeiten und kehre heim zu dir.«

»Gehe nicht nach Paris,« warnte der Vater, »sie werden dort wieder versuchen, mir dein Herz zu entfremden.«

»Ich kann meinen Posten nicht feige verlassen, man würde mit Fingern auf mich weisen. Ich muß nach Paris zurückkehren, doch während der Zeit, da ich dort bin, will ich mich fern halten von ihren Versammlungen.«

»Das gebe Gott!« seufzte St. Pierre. Dann zog er den Sohn an sich und küßte ihn innig. »Wenn du meinst, daß du nicht anders als persönlich deine Verpflichtungen dort lösen kannst, so ziehe hin, mein Kind, aber komme bald zurück. Gott gebe dir Kraft, deinem Versprechen treu zu bleiben.«

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