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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 4
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170203
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Drittes Kapitel.
Im Erkerzimmer.

Der Marquis trat hinaus auf den Säulengang. Vorsichtig ging er in der Dunkelheit weiter auf das matte Licht zu, das ihm am Ende des Ganges entgegen leuchtete. Da lag die Wendeltreppe, aber jetzt, als er sie hinauf geschritten war, erblickte er zwei Thüren vor sich. Welche sollte er wählen? Er hatte längst vergessen, ob er sich zur rechten oder zur linken zu wenden habe.

»Gleichviel,« dachte er und stieß an die nur angelehnte Thür zur Linken. Sie öffnete sich geräuschlos, und er trat in ein dunkles Gemach. Gegenüber waren die Vorhänge zurückgeschoben, helles Licht und angenehme Wärme strömte von dorther auf ihn zu.

Einen Augenblick schloß er wie geblendet die Augen, war das nur ein Blendwerk seiner Phantasie, das gauklerisch vor ihm schwebte, um im nächsten Augenblick in ein Nichts zu zerrinnen? Er starrte hinüber ohne sich zu regen, als fürchte er, jede Bewegung könne den Zauber lösen.

Da am lodernden Kaminfeuer im hohen Lehnstuhle saß eine alte Dame in schlichtem Gewande von perlgrauem Stoff. Das eng anliegende Häubchen von schwarzem Sammet auf dem schneeweißen Haar hob die sanfte Würde ihrer Erscheinung noch mehr hervor. Aus dem blassen Gesicht schauten ein Paar milde, blaue Augen, und leise Worte kamen über die freundlichen Lippen.

Horace hörte kaum hin, er sah nur das liebliche Mädchen, das ihr zu Füßen knieete. In weichen Falten fiel das blaue Kleid um die jugendliche, fast noch kindliche Gestalt, üppiges Goldhaar umrahmte das zarte Oval des Gesichts und fiel in losen Locken bis tief über den Nacken. Um den frischen Mund lächelte ein süßer Liebreiz, und doch konnte man das alles vergessen, wenn man in die dunklen Augen schaute.

Stille herrschte jetzt in dem Gemach, ein Gebet schien über die Lippen der Greisin zu gehen. Er hörte nur das leise »Amen« und sah, wie ihre zitternden Hände das lockige Haupt des Mädchens berührten. Es wurde ihm so wundersam bang zu Mute, so weich und so heimlich, als vernähme er den leisen Schritt der Engel, und als hätten ihre Flügel ihn gestreift, wie er wohl vor langer, langer Zeit einmal in unschuldiger Kinderzeit geträumt.

Jetzt erhob sich die Knieende, reichte der Matrone den Arm und geleitete sie sorgsam hinaus.

Er stand unschlüssig, ob er eintreten sollte; da kam das Mädchen zurück, holte das Spinnrad aus der Ecke und schickte sich an, die Arbeit zu beginnen. Leise vor sich hin singend, drehte sie das Rad, die weichen Melodieen stahlen sich in das Herz des Jünglings, der, völlig versunken im Anschauen, dicht an den Vorhang getreten war. Da stieß er durch eine unbewußte Bewegung mit dem Schwert gegen das Schild. Es gab einen dröhnenden Klang, die Sängerin verstummte, und einen Augenblick starrten die dunklen Augen ihn erschreckt an, dann überzog langsam eine feine Röte das zarte Gesicht.

Horace grüßte ehrerbietig und bat um Entschuldigung für sein unerwartetes Eindringen.

»Ihr habt mich wirklich erschreckt,« gestand sie unbefangen, »meine Gedanken waren noch bei Judas Makkabäus, dem tapferen Gottesstreiter, von dem ich eben gelesen habe, und als ich Euch so plötzlich mit Schwert und Schild in der Thür stehen sah« ...

»Da meintet Ihr,« fuhr er lächelnd fort, als sie stockte, »ich sei der Judas Makkabäus. Nun, wenn Ihr mich einen Augenblick für diesen tapferen Streiter angesehen habt, so bitte ich Euch, das Trugbild noch etwas länger festzuhalten. Ich würde dann gewiß eines warmen Empfanges von Eurer Seite sicher sein.«

»Der Gebieter von Schloß Boncourt kann nie anders als ein Willkommen auf seinem Eigentum erwarten,« antwortete das Mädchen ruhig mit unbewußter Würde.

»So wißt Ihr, wer ich bin?« forschte er.

»Gewiß,« nickte sie, »der Vater erwartete Euch ja,« und sich zu den Waffen niederbeugend, die er fortgestellt hatte, fuhr sie fort, »ich dachte mir wohl, daß Ihr diese alten Familienstücke nicht dort unten in der einsamen Halle lassen würdet, denen gebührt der beste Platz im Hause.«

»Und warum gebt Ihr gerade diesen beiden Stücken den Vorzug vor allen anderen Waffen dort unten?« forschte er.

»Weil ich ihre Geschichte kenne,« antwortete das Mädchen sinnend.

Der junge Marquis hatte sich auf dem Tabouret dem Mädchen gegenüber niedergelassen. »Nichts Lieberes wüßte ich mir zu denken,« meinte er, »als wenn ich jetzt von Euren Lippen die alte Sage hören dürfte.«

Seine jugendliche Gefährtin schaute träumerisch durch das Fenster in die stürmische Nacht. Die dunklen Augen schienen von einer idealen Welt zu berichten, die tief in ihrer Seele lebte und ihre Züge wunderbar vergeistigte.

»Am Hofe Ludwig des IX. von Frankreich,« begann jetzt das Mädchen, »lebte ein Ritter, der seines Königs ergebenster Diener und streitbarster Held war, der hatte Herz und Hand einer minniglichen Maid angelobt. Als der König den Kreuzzug gegen die Ungläubigen unternahm, trennte sich der Ritter mit schwerem Herzen von der Braut, die ihm selbst das rote Kreuz auf die Schulter heftete. Er wollte zuerst seinem Gott die Treue halten und für ihn kämpfen, dann gedachte er sein Lieb heimzuführen. Harte Kämpfe mit dem Sultan erwarteten den König bei seiner Landung in Ägypten, und bei einem der ersten Gefechte wurde er selbst von etlichen Muhamedanern so eng umringt, daß er, trotz verzweifelter Gegenwehr, hätte unterliegen müssen, wenn nicht sein tapferer Ritter für seinen königlichen Herrn manchen blutigen Streich empfangen und ausgeteilt hätte.

Als später der Sultan den heiligen Ludwig in trauriger Gefangenschaft hielt, teilte Euer Ahnherr die schweren Tage mit seinem Könige, bis er endlich mit diesem in das geliebte Vaterland heimkehren durfte. Ungeduldige Sehnsucht trieb ihn eilig nach Paris, aber dort fand er die Braut nicht mehr, die Sorge um den fernen Geliebten hatte sie auf das Krankenlager geworfen, sie hatte Paris verlassen müssen, um im Süden ihre Gesundheit zu stärken.

Ludwig wollte seinen Getreuen nicht von sich lassen, als der Ritter seiner Braut zu folgen begehrte, er überhäufte ihn mit Ehren und bot ihm eine der glänzendsten Stellen bei Hofe an. Doch Euren Ahnherrn trieb es fort zur kranken Geliebten, alle Freuden des Hofes ließ er bereitwillig zurück, alle Ehren schlug er aus, um zu ihr zu eilen. Da gab ihm sein königlicher Herr tief bewegt beim Abschied noch eine goldene Ehrenkette und ein Gebetbüchlein, von den Mönchen geschrieben, darinnen stand von des Königs eigener Hand: » Fidèle à Dieu, au roi, à mon amour.« Das freute den Ritter mehr als alles andere, und er bat seinen Monarchen, dies Wort auf den Schild schreiben zu dürfen, der ihn im Kampfe geschützt hatte.

Dann ist er fortgezogen zu seiner Braut und hat sie als sein Weib heimgeführt. Da sind die Rosen auf ihre Wangen zurückgekehrt, und Wonne und Glück wurde den beiden Treuen zu teil.

Horace ward es wundersam zu Sinn. Die längst vergessene Geschichte von des Ahnherrn Treue lebte wieder vor ihm auf, er hätte das alles von der lieblichen Erzählerin weiter hören mögen, dabei der Welt vergessen und nur dem süßen, traumhaften Augenblicke leben. Da trat St. Pierre ein, und Horace entging es nicht, daß etwas wie Besorgnis in seinen Zügen lag, als sein Blick ihn streifte.

Mit einem flüchtigen Erröten erzählte er von seiner Verwechselung der Thüren, von seiner Überraschung beim Anblick der Frauen und gestand scherzend, wie beschämt er sich dem jungen Mädchen gegenüber gefühlt habe, das ihm die eigene Wappensage erst wieder in das Gedächtnis zurück gerufen hätte.

St. Pierres Stirn glättete sich, voll väterlichen Stolzes blickte er auf sein Kind: »Ja, ja,« nickte er, »meine Giovanna weiß gut Bescheid in allen Büchern ihres Vaters und hat sich ihre eigene Welt geschaffen, darin ist sie besser zu hause, als da draußen. Von dem Treiben der großen Welt weiß sie nichts und würde sich dort schlecht zurecht finden, aber geh jetzt, sorge für einen kräftigen Nachttrunk und bringe ihn dem Marquis hier herauf, denn sein Zimmer unten ist kalt geworden.«

Giovanna folgte der Aufforderung, während die beiden Herren sich am Feuer niederließen.

»Ich bedaure, Euch so schlecht den Weg in mein Zimmer gewiesen zu haben,« begann St. Pierre die Unterhaltung. »Euch wird nun wenig Zeit bleiben zum Durchsetzen der Papiere.«

»Das schadet nichts,« lautete die lebhafte Erwiderung des Jünglings, »ich habe Schöneres hier gefunden, als ich je in diesen alten Mauern erwarten konnte. Jetzt begreife ich, daß Euch das Leben hier nicht einsam ist. Wie konntet Ihr aber über dieses Kleinod schweigen?«

»Weil dieses Kind mein teuerstes Besitztum ist,« gab der Alte ernst zurück. »Nancy ist nicht weit, und ich habe die Sprache oft gehört, die Eure vornehmen Herren mit einem schönen Mädchen führen; so lange ich kann, will ich Giovanna davor schützen.«

Fast streng hatten seine Worte geklungen, und forschend blickte er auf den Marquis, doch dessen Antwort beruhigte ihn. »Eurer Tochter edle Weiblichkeit ist ihr sicherster Schutz. Auch der kühnste Blick wird nur mit Ehrfurcht, ich möchte sagen mit heiliger Scheu ihr begegnen,« sprach Horace.

Giovannas Eintritt brach das Gespräch ab. Sie schob den niedrigen Tisch zum Kamin, setzte Krug und Becher darauf und blickte dann fragend auf den Vater.

»Bleibe nur hier, mein Liebling,« nickte dieser ihr freundlich zu. »Ihr müßt wissen,« wandte er sich an Horace, »daß mich Tags meine Arbeiten ganz in Anspruch nehmen, diese Stunden aber fast die einzigen sind, in denen ich meine Giovanna um mich habe. Ein alter Mann wie ich hängt an seinen Gewohnheiten und giebt ungerne eine Stunde auf, die für ihn der Lichtpunkt des Tages ist.«

Das Mädchen hatte ihr Spinnrad an des Vaters Seite gestellt, bald schnurrte ihr Rädchen und der feine Faden glitt durch ihre Finger.

Horace lehnte im Stuhl zurück, ein Gefühl stillen Glücks, wie er es bisher noch nie gekannt hatte, erfüllte ihn. Sein Blick glitt langsam durch das behagliche Zimmer und blieb endlich an dem silbernen Becher von feinster getriebener Arbeit haften, der vor ihm stand.

»Woher stammt dieser Pokal,« fragte er. »Ich sah selten ein so herrliches Stück.«

»Das glaube ich wohl,« lächelte St. Pierre stolz. »Es ist ein Geschenk meines Herrn, des Staatsministers Turgot, er selbst hat in der glücklichen Zeit, als er Intendant in Limoges war, immer daraus getrunken. Damals kehrte er oft in unser Haus ein, und ich lernte jeden Schlag seines liebewarmen Herzens kennen.«

»Ihr sprecht mit großer Verehrung von Turgot,« meinte Horace, »auch mein Vater thut das, aber er tadelt seine revolutionären Ideen. Man fürchtet wohl mit Recht, daß Turgot einen Ton in Frankreich geweckt hat, der sich leicht zum schrillen Mißklang verwandeln kann.«

St. Pierre richtete sein Haupt höher auf; ahnungslos hatte der Marquis an sein Idol gerührt, auf dem er auch nicht den leisesten Schatten duldete.

»Turgot hat das Beste gewollt, und doch droht aus der Saat, die er streute, eine Frucht zu reifen, vor der mir bangt. Aber er ist nicht daran Schuld, beim Himmel, nein. Warum rief man ihn ab, als er eben sein Werk begonnen hatte? Warum erschienen sofort Dekrete, die umstürzten, was er mühsam aufgebaut hatte. Hätte man sich Zeit gelassen, die Früchte seiner Anordnungen abzuwarten, sie hätten sich, wie in Limoges, glänzend erwiesen, so aber schob man die traurige Unordnung, die aus diesen Befehlen und Gegenbefehlen entstand, allein ihm zu.«

»Ihr waret bereits in Limoges ein Sekretär von Turgot?« warf der Marquis fragend ein.

»Jawohl,« bestätigte St. Pierre, »und dort habe ich die ganze umfassende Thätigkeit dieses edlen Mannes kennen gelernt; das Volk von Limoges dankte ihm mit abgöttischer Liebe dafür, daß er es aus seiner drückenden Lage gerissen und seiner Heimat tausend Segnungen gebracht hat.

Unvergeßlich sind mir die Abende, die er unter unserem bescheidenen Dache zubrachte. Für mich stand die Sonne meines Glückes damals im Zenith, denn ich hatte erst kürzlich mein geliebtes Weib aus Italien heimgeführt. Ich hatte sie schwer erringen müssen, denn lange hatten sich die Eltern gesträubt, eine Ausländerin und Katholikin als Tochter zu begrüßen. Nun war sie endlich mein geworden, und mit ihr folgte ich auch Turgot nach Paris, der nur auf die wiederholte Bitte des Königs sich entschloß, sein liebes Limoges zu verlassen und die Stelle als Staatsminister anzunehmen. Man hatte ihm auf seine Bitte Malesherbes zur Seite gegeben, und somit standen zwei Männer zusammen, die beide das Beste wollten, die frei von kleinlichen Nebenzwecken, vorsichtig und treu handelten, und dennoch wurde ihren edelsten Vorsätzen die Spitze abgebrochen, dennoch scheiterten ihre schönsten Pläne. Zwei Jahre hatte Turgot seine besten Kräfte daran gesetzt, um verderbliche Mißbräuche aufzudecken und abzuschaffen und die traurige Geldnot in Frankreich zu heben. Es war eine Danaiden-Arbeit, denn das Volk, das ihm beipflichtete, durfte sich nicht rühren, und die Männer, die Begabung und Kenntnisse besaßen, arbeiteten gegen Turgots System, weil sie fürchteten, durch ihn in ihren Einnahmen beschränkt zu werden. Heimlich und öffentlich griff der Hof-Klerus wie die Schar der schwelgerischen Hofleute ihn an; auch die Königin, verdrossen über die lästige Sparsamkeit, klagte laut über ihn, selbst der König, den Turgots viele Reformen langweilten, vergaß seiner freundlichen Gesinnung für ihn und wandte sich von ihm. So schied Turgot aus dem Ministerium, und mit ihm trat Malesherbes zurück. Beide Männer hatten so gerne ihrem Könige und ihrem Volke helfen wollen und nun mußten sie zuschauen, wie die Schuldenlast, von der sie Frankreich befreien wollten, lawinenartig anwuchs. Ich blieb nach Turgots Fall noch in Paris und wollte sein Mißgeschick teilen, aber das nördliche Klima untergrub die zarte Gesundheit meines Weibes, ich mußte mit ihr in ihr sonniges Vaterland zurückkehren.«

»Und Ihr habt Paris seitdem niemals wieder gesehen?« warf Horace ein.

Der Alte wiegte schwermütig das Haupt. »Wollte Gott, ich wäre nie wieder dorthin zurückgekehrt,« seufzte er, »aber nach einigen Jahren riefen Geschäfte mich nach Paris. Meine Frau begleitete mich dorthin mit Giovanna, denn sie sehnte sich nach dem Sohne, den wir dort in eine Erziehungsanstalt gegeben hatten. Auch mich verlangte danach, mein Kind wieder zu sehen und Turgot, der in Paris in stiller Zurückgezogenheit lebte. Es war gegen Mitte März, als wir dort ankamen. Das Wetter war kalt, und mit Besorgnis hörte ich den harten, trockenen Husten, den mein Weib sich auf der Reise geholt hatte. Kaum angelangt, wollte ich zu einem Arzte eilen, da bog ein Trauerzug um die Ecke und sperrte mir den Weg. Das rote Licht der Fackeln fiel auf die dunklen Kutten der Mönche, die, Psalmen singend, voran schritten, ein Detachement der französischen Garde folgte. Schattenhaft bewegten sich die Gestalten, gedämpft tönte die Musik. Jetzt zog ein schwarz geharnischter Ritter an mir vorüber mit seinem Fähnlein, das in Trauerflor gehüllt war, düster dröhnte dabei der langsame Schritt der Pferde auf dem Pflaster. Mein Herz preßte sich zusammen, mir war es, als sähe ich nur Schatten, dem Geisterreich entstiegen, die ihren nächtlichen Umzug hielten. Wie im Traume starrte ich auf den Zug und den Leichenwagen, dessen blinkende Wappenschilde durch die nebenher schreitenden Fackelträger grell beleuchtet wurden, aber meine umflorten Augen vermochten nicht, die Wappenzeichen zu erkennen.

Gesenkten Hauptes, als wüßte es um seinen Verlust, folgte dicht hinter dem Sarge das Roß des Toten. Eine schreckhafte Ahnung durchzuckte mich, als mein Blick auf die goldige Mähne und den langen Schweif des Pferdes fiel. Ach, wie oft hatte ich eine teure Hand liebkosend auf solchem schlanken Halse ruhen sehen. Da fiel ein scharfes Streiflicht auf das Pferd und seinen Führer – ich sah ein graues Haupt, bleiche, gramdurchfurchte Züge – und erkannte den alten treuen Diener, der hinter dem Sarge schritt. Mein Kopf schwindelte, ich sprang vorwärts, aber die Menge, die sich rasch angesammelt hatte, ließ mich nicht so schnell durch; als ich mir endlich Bahn gebrochen, war das Roß schon vorüber.

Barhäuptig folgte eine Schar von Männern; ich ergriff die Hand des einen: »Wen begrabt Ihr?« fragte ich mit erstickter Stimme. Der Mann sah mich verwundert an, dann zog es wie Mitleid über sein Gesicht. »Wir begraben unseren gnädigsten Herrn, den Staatsminister Baron von Turgot,« antwortete er leise.

Mir aber drangen die Worte wie dröhnende Posaunenschläge an das Ohr. Der Mann, der mein Idol gewesen, zu dem war ich nur noch gekommen, um ihm das letzte Geleite zu geben! Schwankenden Schrittes schloß ich mich den Männern an, hinter uns wogte der unabsehbare Zug der Leidtragenden. Erlaßt mir das Weitere – ich kam heim, um mein geliebtes Weib in Fieberphantasien zu finden, und wenig Tage darauf drückte ich ihr die treuen Augen zu.«

Horace reichte ihm bewegt die Hand, der stumme Blick dabei sprach ihm seine warme Teilnahme aus.

St. Pierre erhob sich und trat an das Fenster, er hoffte das Gleichgewicht seiner Seele wieder zu finden, indem er auf den tobenden Kampf der Elemente schaute.

Horace fühlte, daß er mit seinen Gedanken allein sein wollte und wandte sich an Giovanna, deren dunkle Wimpern vergebens die Thränen zurückzuhalten suchten. »Was wurde aus Euch und Eurem Bruder?« fragte er sie.

Das Mädchen warf einen besorgten Blick auf den alten Mann am Fenster.

»Sprecht nicht von dem Bruder,« flüsterte sie. Dann fuhr sie lauter fort: »Der Vater brachte mich nach Heidelberg zu der Frau seines verstorbenen Bruders. Ihr habt mein Pflegemütterchen vorhin gesehen, als Ihr in das Zimmer tratet; bei ihr blieb ich drei Jahre, bis mich ihr Bruder, der protestantische Seelsorger, dort einsegnete.«

»Wie kommt es, daß Ihr als Protestantin erzogen seid, da Eure Mutter eine Katholikin war?« fragte der Marquis.

»Mein Vater ist Protestant, er hatte seiner Mutter das Versprechen gegeben, uns Kinder in der evangelischen Kirche unterrichten zu lassen,« versetzte Giovanna, »gleich nach meiner Einsegnung kam ich hierher.«

»Und die Zeit wird Euch nicht lang auf diesem einsamen Schlosse?«

Sie sah ihn erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Ihr ahnt gar nicht, wie schön es hier ist,« meinte sie, »mir ist das Herz oft so voll Freude und Lust, daß ich jubeln und singen möchte mit den Vögeln um die Wette.«

Horace blickte in ihr strahlendes Antlitz, und unbewußt kam es wie ein Seufzer über seine Lippen. »Ja, das Leben ist schön!« Einen Augenblick schwieg er, versunken in ihren Anblick, dann fuhr er lächelnd fort: »Ihr seid für mich wie die wunderbare Waldfee. Mit Eurem Zauberstabe berührt Ihr dies alte Schloß und die wüsten Mauern erscheinen mir voll geheimnisvoller Poesie, vergessene Geschichten weckt Ihr und laßt sie lebensfrisch an mich herantreten, bis ich mir selbst verwandelt vorkomme. Ich wollte, Ihr könntet mich auch lehren, einen idealen Schleier über unser Pariser Leben zu werfen. Aber nein, nein,« unterbrach er sich fast heftig, »dort ist kein Aufenthalt für Euch.«

Das Mädchen war ernst geworden. »Ihr lebtet immer in Paris?«

»Saht Ihr oft die Königin?« fragte sie, und als er es bejahte, fuhr sie fort: »Wollt Ihr mir eine Bitte erfüllen?«

»Alles was Ihr wollt,« war die schnelle Erwiderung, und weiter beugte sich der Jüngling vor, um keins ihrer Worte zu verlieren. St. Pierre hatte noch immer nicht seinen Platz in der Fensternische verlassen, es blieb unentschieden, ob er dem Gespräch der beiden folgte.

»Vor einigen Tagen war ein alter Freund meines Vaters hier,« erzählte sie. »Er beklagte die arglose Königin, die Graf Artois' verschwenderischer Sinn zu unbedachtem Handeln fortrisse, und meinte, daß dies verderbliche Treiben ein schlimmes Ende nehmen müsse, schaudernd gedachte er dabei einer Prophezeiung, die ihm als Schreckgespenst im Herzen lebte.

Es war bei dem großen Feuerwerk in Paris, das zu Ehren der Vermählungsfeierlichkeiten des Königspaares veranstaltet war, als plötzlich auf dem Grève-Platz in den Gerüsten Feuer ausbrach. Hunderte, von Menschen wurden dabei erdrückt. Tausende erstarben qualvoll an den Brandwunden.

Des Vaters Freund war zugegen, er konnte nicht vor-, nicht rückwärts. Neben ihm an eine Säule geklammert, stand ein altes in Lumpen gehülltes Weib, unbekümmert um die andrängenden Volkswogen starrte sie in die Flamme, düstere Worte murmelnd. Da, als das Feuer hell aufprasselte, ließ sie die eine Hand von der Säule und zeigte mit den dürren Fingern auf die Lohe. »Dort brennt deine Hochzeitsfackel, du stolze Österreicherin,« schrie sie wild. »Dein Ehrentag ist heute, aber dein Pariser Volk jammert und sein Schrei wird bis zu deinem Throne dringen. Auf diesem selben Platze wird dich und den König das Verderben ereilen« ...

Weiter konnte sie nicht sprechen, ein starker Arm riß sie herab, und ein kräftiger Mann schwang sich auf den gesicherten Posten. Das Weib aber sank mit einem wilden Fluch zur Erde!

Ist das nicht furchtbar, und begreift Ihr, daß ich seitdem nicht an Marie Antoinette denken kann, ohne daß mir das schreckliche Wort in den Sinn kommt?« fragte das Mädchen Horace, der schweigend zugehört hatte. »O, wenn man das arglose Herz der Königin warnen könnte, es würde vielleicht noch alles gut gehen! Ihr seht die hohe Frau täglich, Ihr müßt ihr sagen, daß ihr Volk leidet; sie wird nicht fröhlich sein können, wenn sie weiß, daß im Lande Jammer und Elend herrscht.«

Horace schüttelte traurig das Haupt. »Angesehenere Männer als ich haben schon oft vergeblich versucht zu warnen, man glaubte ihnen nicht, und für sie selbst trug der wohlgemeinte Rat nur bittere Frucht.«

»Ist es nicht gleichgültig, welchen Dank wir ernten, wenn wir unsere Pflicht thun?« zürnte sie.

»Die Stellung als Offizier in der Elite-Truppe ist ein viel umworbener Platz, man setzt ihn nicht gern aufs Spiel, wenn man nichts damit erreicht.« Er hatte die Worte scherzend gesprochen, aber er bereute schon die leichte Redeweise, da es dem Mädchen so heiliger Ernst um die Sache war. Jetzt sah er, wie ihre Wangen glühten und die feinen Brauen sich zusammen zogen.

»Ich mag Eure Stellung noch nicht genügend schätzen,« gab sie unwillig zurück, »aber ich kann es nicht verstehen, wie Ihr ängstlich zaudern könnt. Als Ihr heute Abend mit Schild und Schwert vor mich hintratet, wie ich mir Judas Makkabäus gedacht habe oder Eure ritterlichen Ahnen, da meinte ich, Ihr müßt Euch auch das Losungswort Eurer Ahnen wählen und freudig Euer Alles daran setzen bei dem Versuche das Königshaus zu retten, wenn gleich die schwersten Opfer nutzlos wären. So dachte ich und nun« ...

Sie brach ab, Thränen drängten sich in ihre Augen. Horace fühlte sich verletzt, so hatte noch nie jemand zu ihm gesprochen, und doch vergab er ihr nur zu gern die ungestüme Rede, denn sie hatte ihm dabei mehr gesagt als sie ahnte. »Ihr habt meine Worte zu ernst genommen,« lenkte er daher ein, »es war nur ein Scherz, daß ich meinen Offizierrang in Seiner Majestät Garde du Corps als ein so hohes Ding hinstellte.«

»Ihr konntet Scherz mit mir treiben in einem Augenblick, da es mir heiliger Ernst um die Sache war?« warf sie vorwurfsvoll hin.

»Vergebt, weiß Gott, ich wollte Euch nicht kränken,« bat der junge Marquis und bot ihr die Hand.

Zögernd legte sie die ihre hinein. »Ich bitte Euch, spielt nie mit dem, was mir ernst und heilig ist, Ihr thut mir weh damit,« hörte er sie sprechen.

»Nie will ich das, vertraut meinem Worte,« lautete seine Antwort, einem Gelübde gleich.

Es war gut für ihn, daß St. Pierre jetzt an die Tochter herantrat und sie an den Aufbruch mahnte. Mit einem zärtlichen Gutenachtkuß für den Vater und einem freundlichen Gruß für den Gast verließ sie das Zimmer.

Horace fühlte sich lebhaft bewegt von den letzten Eindrücken des Abends und sehnte sich allein zu sein; er schützte Ermüdung vor und begab sich, von St. Pierre geleitet, in sein Schlafzimmer.

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