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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 25
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid5023ed9c
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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die Kerkerthüren öffnen sich.

In dem kleinen Raum, welchen man den Verhafteten des Hotel St. Herbert angewiesen hatte, befanden sich schon mehrere Unglückliche.

Der alte Marquis lag auf einem dürftigen Ruhebett; Fieberschauer hatten ihn geschüttelt, dann war er in einen unruhigen Schlaf verfallen, und unheilvoll, fast wie Todesröcheln, klang das schwere Atmen seiner Brust.

Die Söhne und Giovanna umstanden in banger Sorge sein Lager, jetzt richtete sich der Kranke auf und lächelte. »Hört ihr. das Lied?« fragte er. »Sie spielen › Oh Richard, oh mon roi.‹ – Haltet mich nicht auf, ich muß sorgen, daß alles für meinen König bereit gehalten wird. – Es wird' sehr dunkel – Gilbert – du wolltest mich geleiten auf meinem letzten Gange. – Stütze mich.«

Der Sohn legte den Arm um den Vater und zeigte ihm das Cruzifix.

Müde nickte der Greis mit dem Haupte, seine zitternde Hand deutete auf das Kreuz. »Das ist der Weg,« murmelte er, »führe mich dorthin, Gilbert. – Mein König kommt bald.« – Die starren Finger berührten das Cruzifix, ein Freudenstrahl zuckte über das Antlitz, ein letzter segnender Blick fiel auf Horace und Giovanna, dann sank der alte Royalist mit einem tiefen Seufzer zurück.

Es war der Tochter Hand, die ihm die müden Augen schloß, es war des Sohnes Stimme, welche die priesterlichen Gebete am Totenbette sprach. In Schmerz und Liebe vereinigt, verbrachten drei junge, bewegte Herzen weinend und betend die stille Nacht bei der teuren Leiche.

Am anderen Morgen wurden die irdischen Überreste des alten Marquis St. Herbert weggebracht; keinem der Seinen war es gestattet worden, ihm das letzte Geleit zu geben. Gilbert hatte die teure Leiche eingesegnet, jetzt trug man den schmucklosen Sarg hinaus.

Am Thore harrte François, er wußte, wessen Hülle man in diesem ärmlichen Schreine forttrug. Still nahm er die Mütze ab und mit gesenktem Haupte folgte er den Trägern. Langsam schlich die Dogge hinter ihm her. Niemand hatte acht auf die beiden. Als der Sarg in das kunstlose Grab gesenkt und die Erde darauf geschüttet war, entfernten sich die Männer. François aber kniete nieder und betete an dem einsamen Grabe. Dann legte er einen Strauß frischer Feldblumen darauf und kehrte zurück zu seinem Warteposten in der tiefen Mauernische, den er geduldig wieder einnahm.

*

Jeden Tag erschien Mardal in der Conciergerie, und jedesmal fiel sein Blick im Vorüberschreiten auf François. Heute war er sehr zeitig hineingegangen, er hatte sich das Zimmer aufschließen lassen, in welches man die Verhafteten des Hotel St. Herbert hineingebracht hatte. »Der Bürger Horace St. Herbert und die Bürgerin Giovanna St. Herbert sind aus diesem Zimmer zu entlassen und werden in einen anderen Raum gebracht,« befahl er beim Eintreten.

Giovanna näherte sich ihm, sie hielt Gilberts Hand. »Wollt Ihr mir erst gestatten, Abschied zu nehmen?« bat sie ihn.

Er nickte ihr schweigend Gewährung, und beide Brüder zogen sich mit Giovanna in eine entfernte Ecke des Zimmers zurück.

Die Hand des Priesters ruhte segnend auf den Häuptern des jugendlichen Paares. »Gott sei mit euch im Leben wie im Tode,« sprach er. »Trotz alles Schweren zeigt sich des Herrn Hand doch milde gegen uns in diesen bangen Tagen. Euch hat er das Glück der Vereinigung gegeben, ihr dürft mit einander tragen, mit einander dulden.

Auch mir gewährt des Herrn Gnade einen Lichtblick gerade in dem Augenblick, da die Trennung von euch mich schmerzlich bekümmert. Der Schließer teilt mir mit, daß mir gestattet ist, um was ich gebeten habe, nämlich die sämtlichen Räume in diesem Geschosse ungehindert besuchen zu dürfen. Somit kann ich meines priesterlichen Amtes bis zuletzt warten, ich darf gebeugte Seelen aufrichten und bange Herzen zu dem letzten Gange vorbereiten. Meine Seele ist voll Dank, denn Gott hat mich gewürdigt, daß ich in bedrängter Zeit meinen Glauben bekennen durfte und unangefochten von den Stürmen der Glaubenslosigkeit noch in meinen letzten Tagen seine Schäflein werden darf.

Immer höher gehen die Wellen, bald werden sie über meinem Haupte zusammen schlagen, aber ich gehe nicht unter, die Hand mit der Kreuzesfahne hebe ich hoch empor, dort soll mit meinem Blut geschrieben stehen – » fidèle à Dieu« und die sterbenden Lippen sollen noch jubelnd das selige Glaubensbekenntnis sprechen.«

Voll ergreifender Rührung war der Abschied zwischen den dreien, es war ein Lebewohl für das Leben.

Mardal geleitete seine beiden Gefangenen, ohne ein Wort zu sprechen, die Korridore entlang in einen entlegenen Raum zu ebener Erde. Knarrend drehte sich die Thür in den Angeln. Mardal zeigte auf das matt erhellte kellerartige Gelaß, das sein Licht durch ein schmales, vergittertes Fenster erhielt. Eine feuchte Luft schlug ihm entgegen, er blickte auf Giovanna und erwartete eine Klage von ihren Lippen, wenn sie den düsteren Raum betreten würde, aber das junge Weib schmiegte sich an den Gatten, sie fühlte den Arm der Liebe um sich und war getrost.

Noch immer schweigend warf Mardal seinen Mantel auf den plumpen Stuhl, der an der Thüre stand, und als er Giovannas verwundertem Blick begegnete, lächelte er schwermütig. »Es ist eine Gabe für die vierge de Notre Dame.« Dann schloß er mit einem heftigen Ruck die Thür, steckte den Schlüssel zu sich und wechselte einige leise Worte mit den Männern, welchen die Sorge für die Gefangenen und ihre Bewachung zuerteilt war. Er zeigte ihnen den eigenhändigen Befehl Santerres, nach welchem ihm – Louis Mardal, allein die Verantwortlichkeit für das Leben dieser beiden Gefangenen übertragen wurde, deren Verpflegung er persönlich zu übernehmen habe.

Die Männer fügten sich bereitwillig, denn Santerres Befehle galten hier fast unumschränkt, und Mardal verließ die Conciergerie.

Draußen in der Mauernische saß François, die Dogge lag zu seinen Füßen, Hund und Diener schauten traurig in den lachenden Morgen. Da legte sich eine schwere Hand auf François' Schulter. »Wollt Ihr Euren Herrn retten und sein junges Weib?« raunte ihm eine Stimme in das Ohr.

Erschreckt sprang der Bursche auf und starrte entsetzt in das Gesicht des Sprechenden. Diese Frage in dem Munde des Jakobiners, der zugleich von dem jungen Weibe seines Herrn sprach, verwirrte ihn völlig. Zwei so wunderbare Dinge auf einmal, das war zu viel für das Fassungsvermögen des braven François, er konnte nicht gleich eine Antwort finden.

»Ist unsere Braut sein Weib geworden,« stammelte er endlich, »und Ihr, Ihr fragt, ob ich die beiden retten will? Mein Herzblut wollte ich tropfenweise geben, könnte ich sie dadurch befreien.«

»Das thut nicht nötig,« klang die ungeduldige Erwiderung, »aber Geld, Verschwiegenheit und entschlossener Blut gehört dazu. In Eurem ledernen Beutel bewahrt Ihr Geld, wollt Ihr das opfern, so schafft Euch damit einen leichten Bauernwagen und ein Paar kräftige Pferde an und seid die Nacht nach dieser Nacht damit auf dem Wege nach Gonesse, etwa tausend Schritt hinter den Thoren von Paris an dem einsamen Wärterhäuschen.

Santerre hat mir die Gefangenen übergeben, weil ich von früheren Jahren noch eine Rechnung auszumachen habe mit dem Edelmann. Ich habe es mir als Lohn für meine Dienste ausgebeten, daß ich das Paar in meine Hand bekomme, damit ich die Rache an ihnen übe, die mir beliebt. In jener Nacht bringe ich sie dorthin und geleite sie so weit, bis sie sicher allein fliehen können. So lange sie in meiner Gesellschaft sind, vermutet niemand in ihnen die Royalisten. Sie kennen ja alle Louis Mardal, den Jakobiner, den gehorsamen Diener Santerres.« Er lachte höhnisch auf.

François war mit seinen Gedanken bei dem ersten Teil von Mardals Rede stehen geblieben. »An dem Wärterhäuschen auf dem Wege nach Gonesse bin ich Sonntag Nacht mit Wagen und Pferden,« wiederholte er langsam und sinnend. »Das Geld wird reichen, und wenn nicht, so habe ich noch die goldene Uhr, die unser Herr mir zum Andenken schenkte. Es wird gehen, verlaßt Euch darauf. Aber wie kommt es, daß Ihr, der sie hierher gebracht hat, sie jetzt retten wollt?«

»Das ist meine Sache und nicht die Eure,« versetzte Mardal finster. »Ihr müßt bei Tage aus Paris, denn abends 8 Uhr werden die Thore geschlossen und öffnen sich nur den Freunden Dantons. Sorgt, daß ich Euch an der bezeichneten Stelle finde, Ihr habt mich doch verstanden?«

François nickte, ehe er aber etwas sagen konnte, war Mardal davongeschritten. Der treue Diener zögerte nicht länger; mit erhobenem Kopfe, fröhlich vor sich hin pfeifend, machte er sich auf den Weg.

»Komm, Pluto,« rief er, »jetzt gilt es schlau zu sein. Es ist doch gut, daß wir so sparsam waren, da habe ich mir ein schönes Sümmchen zurück gelegt, und der Bauer in Gonesse, dem unser junger priesterlicher Herr so viel Gutes gethan hat, der wird mir seinen Wagen und die beiden starken Braunen schon dafür überlassen.

Beim blauen Neckarstrom, es war nicht so übel, daß ich in dieser gottvergessenen Zeit meine Ersparnisse so sorglich in das Unterfutter nähte, da hat Jeans Spürnase sie nicht entdeckt.« –

Am Sonntag Abend, als Mardal wie gewöhnlich in dem Gefängnis des jungen Paares erschien, um ihnen ihre Kost zu bringen, näherte er sich Giovanna. »Legt Euch heute Nacht nicht zur Ruhe nieder,« flüsterte er, »wenn der Retter naht, folgt ihm ohne Säumen, ohne Frage, leise, schweigend.«

Die junge Frau schaute ihn mit großen Augen an, er aber legte den Finger auf den Mund und schritt zur Thür.

Dunkel senkte sich die Nacht herab, ein blasser Mond stand am Himmel, der stahl sich mit mattem Strahl in das kleine Fenster des Gefängnisses. Horace saß dort und vor ihm, auf niedrigem Schemel, die Arme auf seinen Schoß gestützt, kniete Giovanna. Er hielt ihren lockigen Kopf in seinen Händen und wandte ihn dem Mondlichte zu, so daß er ihr in die lieben Augen schauen konnte.

Flüsternd tauschten sie Worte mit einander, dann wieder lauschten sie in banger Erwartung, ob der Retter nahen würde. Da drehte sich ein Schlüssel im Schloß, die Thür ging auf, und Mardal stand auf der Schwelle.

Lautlos erhob sich Giovanna, Horace folgte ihr ebenso schweigend. Ihr stummer Retter zog den Mantel fester um die junge Frau und warf eine verhüllende Kappe über ihr Haupt, dann reichte er dem Marquis einen gleichen Mantel und eine Mütze mit der dreifarbigen Kokarde.

Vorsichtig schritten die drei den langen Korridor entlang an einem schlafenden Wächter vorbei ins Freie.

Giovanna atmete tief auf, als die frische Nachtluft sie umwehte, und näherte sich dem jungen Burschen.

»Mardal,« flüsterte sie, »wie sollen wir Euch danken für das, was Ihr an uns thut?«

Er schaute sie mit einem Ausdruck fast abgöttischer Verehrung an. »Wie Ihr mir danken könnt, werde ich Euch sagen, wenn wir uns trennen,« gab er sanft zurück. »Jetzt folgt mir schweigend, und laßt mich für Euch sprechen und handeln, sonst könntet Ihr Euch verraten und alles wäre umsonst.«

Stumm setzten die drei ihren Weg fort. Hier und da zogen singende Banden vorüber, die ihnen luftige Rufe nachsandten, welche Mardal in gleicher Weise erwiderte. Auch drohende Gestalten schlüpften vorbei und wechselten ein flüchtiges Wort mit ihrem Führer. Endlich gelangten sie an das verschlossene Thor der Hauptstadt. Nationalgarden und bewaffnete Bürger lagerten dort um ein Feuer. Mardal klopfte dem einen lustig auf die Schulter. »Heh, Bertel,« rief er, »macht mir das Thor auf und laßt mich mit meinen Freunden hinaus.«

»Brummend drehte sich der Angeredete um. »Unsinn,« lachte er, »laß dich mit deinen Freunden bei uns nieder, trinkt und plaudert mit uns. Was willst du draußen?«

Mardal zog ihn bei, Seite. – »St« – machte er, »es gilt, einen Streich zu spielen, noch darf ich dir's nicht verraten, gelingt mir aber mein Plan, so wirst auch dein Teil davon erhalten, verlaß dich darauf. Jetzt aber schnell, sonst verpasse ich mit meinen Gesellen die günstige Gelegenheit.«

Bertel warf einen mißtrauischen Blick auf die beiden Gestalten, welche im Dunkeln zurückgeblieben waren, doch Mardal war eine zu bekannte Persönlichkeit, um ernstliche Zweifel in ihm aufkommen zu lassen. »Ich denke,« versetzte er gedehnt, »Ihr könntet auch bis morgen früh warten.«

Mardal zuckte die Achseln. »Meinetwegen, mir und meinen Gefährten bleibt sich's gleich, aber ich streife jede Verantwortlichkeit von mir ab, du magst es mit Santerre allein ausmachen, wenn ich den Streich nicht ausführen kann.«

Dazu jedoch schien Bertel keine Lust zu haben, er schritt brummend zum Thor und schloß es auf. »Nun laß wenigstens deine stummen Freunde sehen,« zürnte er und hob die Laterne in die Höhe.

Mardal kam langsam, mit halblauter Stimme die Marseilleise singend, heran, in dem Augenblick aber, wo er an Bertel vorüberschritt, stieß er so heftig an dessen Fuß und stolperte gegen ihn an, daß dieser ins Schwanken kam und die Laterne klirrend zur Erde fiel.

Giovanna und Horace waren durchgeschlüpft, Mardals Stimme aber erhob sich scheltend. »Tölpel,« zürnte er, »wer streckt seinen Fuß gerade dahin, wo andere Leute gehen sollen. Santerre wird dich lehren, seinen Boten das Licht unter die Nase zu halten, daß sie stolpern müssen und sich die Füße verrenken.«

Polternd zog sich Mardal zurück, erst als er das Schließen des Thores hörte, trieb er Giovanna und Horace zur Eile an. »Dort in das Laubholz hinein,« drängte er, »wenn Bertel die Laternengeschichte den anderen erzählt, könnte es doch Lärm geben.«

Beflügelten Schrittes eilten sie durch das kleine Wäldchen hin nach dem verödeten Wärterhäuschen, wo im tiefen Dunkel der Bäume ein offener Bauernwagen hielt.

Zugleich sprang der große Hund, der daneben lag, bellend an Horace in die Höhe. »Still,« gebot dieser erschreckt, aber zugleich streichelte er freudig überrascht das weiche Fell seiner treuen Dogge.

»Steigt dort ein und vorwärts ohne Säumen,« rief Mardal, indem er sich selbst neben den Kutscher schwang, welchem er eine kurze Anweisung gab.

Kaum saß das junge Paar hinter ihm, so eilten die flinken Pferde vorwärts im raschen Tempo, die verhängnisvolle Stadt weit hinter sich lassend.

Eine halbe Stunde waren sie gefahren, so schnell wie die kräftigen Braunen es nur leisten konnten. Jetzt hatten sie ein einsames Feld erreicht, der Kutscher zügelte die Pferde und ließ die dampfenden Tiere in Schritt fallen. Er schlug den Mantelkragen zurück und wandte sich um. Giovanna und Horace blickten in ein treues, rundes Gesicht, dessen lachende blaue Augen jetzt voll Thränen standen, während freudiger Stolz aus den ehrlichen Zügen sprach.

»Beim blauen Neckarstrom,« lachte er vergnügt, »ich hätte es mir nicht träumen lassen, daß ich unsere junge Frau Marquise selbst kutschieren würde bei der Hochzeitsreise.«

»François, du ehrlicher Bursche, bist du der Kutscher?« rief Horace erfreut und schüttelte ihm kräftig die Hand, während Giovanna ihm mit warmen Worten dankte. »Aber wie hängt das alles zusammen?« fragte er weiter.

»Nun,« schmunzelte der stolze Leibkutscher, »der Pluto und ich, wir warteten bei der Conciergerie die richtige Zeit ab, bis Monsieur Mardal kam und mir seine Wünsche mitteilte. Ich habe nur Pferde und Wagen besorgt, wie aber alles andere zusammenhing, kann Euch Monsieur Mardal besser erzählen als ich.«

Der junge Bursche schüttelte den Kopf. »Später, jetzt nur vorwärts,« mahnte er.

Wieder zogen die Pferde schärfer an, und rastlos ging es weiter bis ein matter Streifen der Morgendämmerung sich im Osten zeigte.

Erst jetzt gönnte François seinen Braunen einige Erholung durch einen langsamen Trab. Kaum waren die Pferde in eine ruhige Gangart verfallen, so drehte er sich auch schon wieder um. »Ich habe gestern noch einen alten Bekannten gesehen,« wandte er sich an Horace, »den Jean meine ich, der immer hoch hinaus wollte und anderen gern eine Nase drehte; jetzt haben sie für ihn den Strick gedreht und haben ihn in die Höhe gezogen. Leer ausgeplündert, mit umgekehrten Taschen, so fand ich ihn am Laternenpfahl. Armer Schelm! Ein Spitzbube war es, aber als ich ihn so jämmerlich dort hängen sah, wurde es mir doch dabei ganz weich ums Herz.«

Mardal unterbrach ihn. »Nun rechts nach jenem Häuschen dort,« wies er ihn zurecht.

Ein feiner Sprühregen fiel, als der Wagen hielt und die drei ins Haus traten, während François die ermüdeten Pferde in den Stall führte.

»Hier könnt ihr rasten bis gegen Mittag,« meinte Mardal, »die alte Wirtin wird notdürftig für Speise und Trank sorgen. Es ist ein jämmerliches Unterkommen, aber es ist eine sichere Zufluchtsstätte. Ich kehre jetzt nach Paris zurück, vorher aber will ich Euch sagen, wie Ihr mir danken könnt, Bürgerin Giovanna, aber mit Euch allein will ich dabei reden.«

Horace warf einen unruhigen Blick auf den jungen Burschen, doch Giovanna flüsterte ihm zu: »Vertraue ihm und laß mich allein.«

Zögernd gab er ihrem Wunsche nach und verließ das Zimmer. Draußen sprühte der Regen, im Gemach herrschte unheimliche Dämmerung, das dünne Licht, das auf dem Tische brannte, flackerte hin und her.

Mardal durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, dann blieb er vor der jungen Frau stehen und schaute sie mit heißen Augen an. »Giovanna,« flehte er, »nehmt den Zauberbann von meinem Herzen, ich bitte Euch darum, bei der Liebe, die Ihr zu Eurem Gatten fühlt. Ich ertrage diesen Zwiespalt der Seele nicht länger!

Seitdem Ihr an meinem Lager gesessen und Eure weiche Hand auf meinen brennenden Schläfen geruht hat, seitdem ist mir das Herz gewandelt. Die wilden Reden der Genossen durchschauern mich, mich ekelt vor dem, was früher meine Lust gewesen, und wenn ich diesen Schmerz, diese fieberhafte Sehnsucht in mir betäuben will und mich den Kameraden anschließe, um es noch toller zu treiben als sie, dann schreit meine Seele auf in wildem Weh, und ich muß hinaus und weine bitterlich.

Das aber habt Ihr verschuldet, Giovanna, Ihr nahmt mir alles und gabt mir nichts dafür zurück. Ich könnte Euch fluchen, und dann wieder möchte ich mich beugen vor Euch, wie ich es in der Kinderzeit gethan habe, wenn die Mutter mich zu der Vierge de Notre Dame führte. Seht, das ertrage ich nicht. Ihr müßt mir, als ich im Fieberschlummer lag, einen Trank gegeben haben, der mir das Herz verstrickte. Aber ich brauche mein altes Herz, meinen stolzen Trotz, meine rauhe Wildheit,« fuhr er leidenschaftlich fort, »was soll sonst in Paris aus mir werden mit diesem doppelten Menschen in mir. Wenn Santerre weiß, daß Ihr mich verhextet und ich Euch darum fliehen lassen mußte, wird er schweigen, denn ich teile zuviel Geheimnisse mit ihm und bin ihm zu unentbehrlich geworden. Ich will das alte Leben wieder beginnen, will mich berauschen lassen von fanatischer Lust, doch zuerst müßt Ihr den Bann lösen und mich ungehindert ziehen lassen.«

In den Augen der jungen Frau glänzten Thränen, milde und sanft; wie in den Tagen seiner Krankheit, legte sie die Hand auf seine zuckenden Finger. »Ich kann keinen Bann lösen, weiß von keinem Zaubertrank,« antwortete sie freundlich. »Nicht ich, Gott hat Euer Herz gewandelt, so daß Eure Seele jetzt vor den furchtbaren Bahnen erbebt, die Ihr betreten habt. Armer Bursche! Armer Mardal!«

Der junge Mann war auf einen Stuhl am Tische gesunken, sein Haupt ruhte auf den verschränkten Armen. »Armer Bursche! Armer Mardal!« wiederholte er mechanisch.

Im Zimmer war es fast dunkel, das Licht drohte zu verlöschen, der Sprühregen hatte sich zu einem Guß verdichtet und schlug heftiger gegen die Scheiben.

Wie ein Engel des Mitleids beugte sich Giovanna über den stöhnenden Mann. »Wenn der Herr an das Herz klopft, soll der Mensch es ihm aufthun,« mahnte sie leise. »Gott ist es, der Euch ruft, er will nicht, daß Ihr untergeht in dem Abgrund, vor dem Ihr steht. Kehret um, Mardal, denkt an die Freuden Eurer Kindheit, an Euer stilles Heimatsdorf in der Vendée, von dem Ihr mir erzähltet. Geht nicht in das sündige Treiben zurück, brecht mit dem alten Leben.«

»Zu spät,« stöhnte Mardal, »zu spät. Ihr ahnt nicht die Sündenschuld, die auf meiner Seele lastet. Geht von mir, Giovanna, wenn Ihr nicht helfen könnt, ich kann nicht umkehren.«

Im Zimmer war es still geworden, man hörte nur das schwere Atmen des jungen Burschen und das Fallen der Regentropfen gegen die Scheiben. Giovanna wich nicht von seiner Seite. »Nie ist es zur Umkehr zu spät,« ermutigte sie ihn, »versucht es mit Gottes Hülfe. Ich will alle Tage zu dem barmherzigen Herrn flehen, daß er Euch Kraft gebe zu beharren.«

Eine heiße Thräne fiel dabei aus ihren Augen auf das Haupt des Burschen. Er fuhr auf. »Ihr weint um mich, um den gefallenen Sünder?« fragte er zitternd, »und Ihr glaubt auch, daß der allwissende Richter Barmherzigkeit an mir üben wird.«

»So gewiß, wie ich weiß, daß die leuchtende Sonne die Wolkenwand, welche uns jetzt noch umlagert, durchbrechen wird,« entgegnete Giovanna zuversichtlich, »so gewiß glaube ich, daß die Gnadensonne auch die finsterste Sündennacht durchdringt.«

Mardal hatte sich langsam auf seine Kniee niedergelassen, er hob das bleiche, aber jetzt ruhige Antlitz zu der jungen Frau empor. »Ihr werdet für mich beten, alle Tage,« wiederholte er, »das soll mich stärken, wenn ich in mein Heimatsdorf zurückkehre. Und nun bitte ich Euch noch um eins: Sprecht den Segen über einen armen Sünder, ich meine, dann müßte es besser mit mir werden.«

Giovannas gefaltete Hände legten sich auf sein Haupt, ihre Lippen flüsterten ein inbrünstiges Gebet. »Gott stärke und geleite Euch,« schloß sie bewegt.

Da durchbrach die Morgensonne siegend die grauen Wolken und schickte einen vollen blendenden Strahl in das Zimmer, er leuchtete um Giovanna und den knieenden Mann. Die Züge des jungen Weibes verklärten sich. »Der Gnadenstrahl bricht durch, die Sonne siegt,« klang es begeistert von ihren Lippen.

»Ja, es ist licht geworden,« gab Mardal ernst zurück, »betet, daß der Strahl niemals verlösche.«

Er küßte ihre Hände, dann eilte er hinaus. Giovanna folgte ihm langsam; zärtlich schmiegte sie sich an den Gatten an, der ihr entgegentrat. »Geliebter,« flüsterte sie, »du wirst mit mir beten für die Seele unseres Retters, gemeinsames Gebet ist sicherer Erhörung gewiß.«

Das junge Paar setzte ungefährdet seine Reise fort, wohl ermüdet, doch ohne Unfall erreichten sie Schloß Boncourt. Als sie über die hölzerne Brücke fuhren, unter welcher der Waldstrom brauste, drückte Horace die Hand seines jungen Weibes. »Treu meiner Liebe,« sprach er, »habe ich mein Wort gehalten?«

Auf der Treppe neben dem steinernen Ritter stand St. Pierre, bleich und gebeugt, aber voll stillen Friedens. Er öffnete den Ankommenden die Arme. »Gott sei gepriesen, der euch zurückführt, möchte Frieden euch in diesen Mauern winken und das Glück euch lächeln,« grüßte er sie.

»Ich bringe dir den Gatten,« flüsterte Giovanna errötend und mit frohem Lächeln, als sie die Innigkeit sah, mit welcher der Vater Horace umarmte. Ihre Augen glitten suchend umher. »Wo ist der Bruder?« fragte sie ängstlich.

St. Pierre deutete nach oben. »Eingegangen zur ewigen Freiheit,« antwortete er feierlich, »der Sohn ruht jetzt in den Armen seiner Mutter.«

*

In der Conciergerie wurde das Entweichen der beiden Gefangenen, sowie das Verschwinden Mardals bald genug bekannt. Santerre wütete über Mardals Betrug, doch gab es zu wichtige Dinge, die ihn in Anspruch nahmen, als daß er sich lange mit dem Aufsuchen der Flüchtlinge hätte beschäftigen können. In Paris passierten täglich so viele Dinge, wurde das Schicksal von so unzähligen Familien entschieden, daß keine Zeit blieb, den Wegen der Einzelnen nachzugehen.

Gilbert St. Herbert hörte von der Flucht seiner Lieben, wie von Mardals Ausbleiben, er ahnte den Zusammenhang, und lächelte für sich. »Das junge Paar wird still sein Nest auf sicherer Stätte bauen, der Sturm wird es umwehen, aber Glaube und Liebe wird es schützen.«

Nur wenige Wochen war es Gilbert vergönnt, seine segensreiche Thätigkeit in den düsteren Räumen der Conciergerie fortzusetzen.

Eines Abends, als er eben die Runde gemacht hatte und sein Zimmer betrat, reichte ihm der Schließer den Zettel, der ihm sein Todesurteil für den nächsten Morgen verkündete.

»Es ist gut, mein Freund, ich bin bereit,« nickte der Priester, »nur einen Wunsch habe ich noch: Ihr sagtet mir: daß Ihr in den nächsten Tagen Euren Sohn nach Nancy zu Verwandten schicken wolltet. Ich werde ihm einen Brief mitgeben an den Bürger Raoul, den Verwalter von Schloß Boncourt, ein offener Zettel, den ich beifügen will, soll dem Überbringer des Briefes einen ansehnlichen Lohn sichern.«

»Das läßt sich hören,« brummte der Schließer. »Der Brief soll besorgt werden, verlaßt Euch darauf.«

Gilbert fühlte sich freudig bewegt, daß ihm die Möglichkeit geboten war, seinen Lieben einen letzten Gruß zu schicken; er trat zu dem alten Schreibpult, das im Zimmer stand, und bald flog die Feder eilig über das Papier.

»An Horace und Giovanna St. Herbert!

Weinet nicht um mich, Ihr Teuren, die Kerkerthüren öffnen sich. Für Euch thaten sie sich auf. Euch in das irdische Heim zu führen, mir winkt die ewige Heimat. Meine Seele ist still zu Gott, er führt mich durch Nacht zum Licht, durch Zweifel zum Glauben, jetzt werde ich vom Glauben zum Schauen hindurchdringen. Das Verlangen meiner Seele wird gestillt, vor Gottes Thron werde ich in den Lobgesang der Engel einstimmen dürfen und schon meine ich, das Triumphlied zu hören: Gloria in excelsis Deo. – Noch wenige Stunden, und mit dem letzten Seufzer dürfen die Lippen rufen, Gott sei mit Euch und schütze Euch, Ihr Lieben. Klagt nicht um mich, der Himmel öffnet sich mir.

In der Conciergerie, d. 1. Oktober 1792.
Gilbert St. Herbert.«

Den Brief adressierte er an den Bürger Raoul auf Schloß Boncourt und fügte dem Schreiben den versprochenen Zettel bei, dann nahm er sein Gebetbuch zur Hand, um die übrigen Stunden der Nacht in ernster Sammlung und inbrünstigem Gebet zu verbringen.

Als man ihn am anderen Morgen zum Richtplatze führte, thronte eine stille Heiterkeit auf seiner Stirn. Der Tod brachte ihm keine Schrecken, denn seine Seele jubelte der Stunde entgegen, wo die irdischen Bande sich lösten und sie fessellos sich aufschwingen durfte in die Heimat des ewigen Lichts. –

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