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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 24
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid5023ed9c
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Fidèle à Dieu, au roi, à mon amour, fidélité en éternité.

Als St. Pierre vor dem Hotel St. Herbert von Giovanna Abschied genommen hatte, schritt das Mädchen an François' Seite die breite Treppe hinauf.

Über das Geländer beugte sich eine Gestalt. Das Mädchen blickte hinaus. »Giovanna, kommst du endlich?« jubelte es von oben, und gleich darauf fühlte sie sich von starken Armen umschlungen, und ihr Haupt ruhte an liebender Brust.

In der Wonne des Wiedersehens dachte keiner an die Gefahr der Stunde. Giovanna fürchtete keinen Schrecken, wenn sie an seiner Seite bleiben durfte, und Horace wußte, daß die Geliebte gekommen war, um sein Los zu teilen.

Konnte er da nicht freudig den Stürmen trotzen, die ihn umgaben?

Er zog sie mit sich in das Zimmer, an den Lehnstuhl seines Vaters. Die Arme des alten Marquis streckten sich ihr entgegen. »Meine Tochter,« grüßte sie die matte Stimme, »Gott sei gedankt! Meine Hand darf noch segnend auf deinem Haupte ruhen, ehe der Herr mich abruft.«

Überwältigt sank das Mädchen auf ihre Kniee und bedeckte die welke Hand des Greises mit Küssen und Thränen. Er aber zog sie empor. »Sei mir willkommen, meine Tochter, Gott segne deinen Eingang in diesem Hause, mögest du es einst in Frieden bewohnen!«

Giovanna preßte die Hand auf die klopfende Stirn. Wie war ihr denn? Sie war gekommen zu warnen, zu retten, niemand konnte von ihrer Anwesenheit wissen, und nun schien sie längst erwartet, wurde als Tochter begrüßt, und Horaces Lippen raumen ihr selig zu: »Jetzt wirst du mein Weib, mitten in Angst und Not, umtobt von Grauen und Schrecken mein, ganz mein!«

Ja, war das nicht alles ein Traum? Dort stand auch Gilbert, er kam auf sie zu, er nahm ihre Hand und schaute sie voll milder Bruderliebe an. »Gedenkst du des Tages in Boncourt, wo du den Geliebten aufgabst?« fragte er. »Seit jener Stunde habe ich es mir vom Herrn als Gnade erbeten, daß meine Hand es einst sein dürfte, die euch den priesterlichen Segen erteilte; Gott hat mich erhört, noch heute sollst du das Weib des Geliebten werden.«

Giovanna richtete sich auf aus den Armen, die sie umschlungen hielten, ängstlich fragend ruhten ihre Augen auf dem Marquis.

»Sei unbesorgt, meine Tochter,« beruhigte er sie. »Gilbert spricht nur meine Wünsche aus. Haben wir dich nicht gerufen und gebeten, zu uns zu kommen? Aber wo ist St. Pierre, er dürfte doch heute nicht fehlen?«

»Habt Geduld,« flehte das verwirrte Mädchen, »ich weiß von keinem Rufe. Mein Vater ist zu Giuseppe geeilt, und ich bin gekommen, Euch zu warnen. Nicht eine Stunde mehr, und Dantons Schergen dringen hier ein, um Euch zu verhaften. O rettet Euch, so lange es Zeit ist, übergebt Euch nicht willenlos in die Hände dieser Blutmenschen.« Die drei Männer blickten sich ernst an.

»Wir wollen uns in das kleine Turmzimmer zurückziehen, das im Flügel des Hauses liegt,« riet Horace, »wenn man von außen den Spiegel schließt, so findet kein Uneingeweihter den Eingang.«

Horace eilte, die nötigen Anordnungen zu treffen, während Gilbert und Giovanna den alten Herrn in das besprochene Turmzimmer führten, wo der Marquis dem beglückten Mädchen erzählte, wie er Guiseppe gefunden und wie dann seines Herzens dringender Wunsch gewesen, sei, sie mit ihrem Vater zu sich zu rufen. Der Brief, der ihr dies alles mitgeteilt hatte, konnte erst nach ihrer Abreise Mailand erreicht haben.

Eine halbe Stunde verging, ehe Horace zurückkehrte, er sah ruhig und freudig aus. »Wir sind gut geborgen,« versicherte er, »jetzt können wir getrost die Rebellen erwarten. François meint für die drei Diener, welche wir jetzt noch behalten haben, völlig bürgen zu können. Somit ist eine Entdeckung unseres Schlupfwinkels kaum möglich.«

»Es war die höchste Zeit, hörst du die Sturmglocke?« fragte Giovanna und schmiegte sich an den Geliebten.

Dumpf und schauerlich hallten die Töne über die geängstigte Stadt. »Die Stunde der Gefahr rückt heran, laßt uns den Herrn um seinen Schutz angehen,« mahnte Gilbert und hob das Crucifix.

»Kniet nieder, Horace und Giovanna, laßt meine priesterliche Hand euch zum heiligen, ewigen Bunde einen, ehe die Mordgesellen in das Haus dringen. Draußen heult die Sturmglocke, sie ist eure Hochzeitsglocke, sie kündet euch, was euch erwartet, gefahrvolle Flucht, oder Kerker und Tod. Nicht die heiligen Hallen der Kirche umfangen euch, keine Blume schmückt die Braut, kein Kerzenschimmer erglänzt, aber die Gottessonne, die durch das Fenster dringt, umstrahlt eure Häupter, und das reine Glaubenslicht, das vom Herrn stammt, durchleuchtet eure Herzen. Diese beiden treuen, liebenden Herzen, welche sich Gottes Willen beugten, auch wo es galt ihr Teuerstes hinzugeben, wird der Herr segnen in Ewigkeit. Er ist bei euch mit seinem Schutz und Schirm, und er selbst ist es, der euch durch mich, seinen verordneten Diener, eint, damit ihr als Mann und Weib zusammen steht in Not und Tod.«

Vor dem Priester, der jetzt die Trauformel über die beiden sprach, kniete das junge Paar. Voll und freudig hatte ihr »Ja« geklungen, und nun beugten sie die jugendlichen Häupter tief, um den Segen zu empfangen.

Des alten Marquis zitternde Hand berührte leicht Giovannas Locken, er hatte es ja versprochen, seine Hand sollte auf ihrem Haupte ruhen, wenn sie den priesterlichen Segen empfing.

Da dröhnten Fußtritte und Stimmen herauf, näher kam der Schall, jetzt waren sie im Nebensaal. Horace hielt sein junges Weib umfangen, sie lauschten atemlos.

In der bekannten Öffnung drehte sich ein Schlüssel, der Spiegel schob sich zurück. »Wir sind durch einen Schurken verraten,« rief Horace, als sich vorsichtig das hämische Gesicht Jeans, des ehemaligen Dieners der Marquise, in die Spalte drängte. Mit entblößtem Schwert stürzte er sich nach dem Eingange in der Hoffnung, daß die anderen Diener ihm zu Hülfe kommen würden, aber Jean hatte dafür gesorgt, daß dies unmöglich war, denn die Diener lagen unten fest gebunden und geknebelt.

»Zurück,« gebot Horace, »habt Achtung vor dem Zimmer eines Schwerkranken.«

»Nehmt den Bürger gefangen, samt dem eidverweigernden Priester und dem Alten,« befahl die Stimme Louis Mardals, der jetzt den Spiegel völlig fortschob. »Fügt einer sich nicht willig, so braucht Gewalt,« setzte er hinzu und trat dann zurück, den anderen die Verhaftung überlassend. Der junge Offizier hielt mit der linken Hand den entblößten Degen schützend gegen die Andringenden vor. Doch ein wuchtiger Hieb mit dem Kolben des Gewehrs, den er mit der Klinge parierte, sprengte diese in zwei Stücke, so daß er nur den Stumpf zurück behielt.

Giovanna erkannte die Gefahr, in der er schwebte. Im Augenblick war sie an seiner Seile und warf sich wie schützend zwischen ihn und die anstürmenden Schergen.

Einen Moment hatten die Burschen gestutzt bei der Erscheinung des Mädchens, das so plötzlich, wie aus der Erde gezaubert, vor ihnen stand. Jetzt aber hoben sich die Waffen wieder gegen Horace, der vergebens die Geliebte beschwor von seiner Seite zu Weichen.

Da donnerte ein lautes »Halt« von drüben. Louis Mardal stürzte zur Thür, er schob die Piken zurück, gleichgültig dagegen, daß sie ihn blutig ritzten.

»Zurück, ich befehle es,« schrie er noch einmal, ehe die Waffen seiner Leute sich senkten.

Schwer atmend stand er vor dem Mädchen. »Seid Ihr rasend geworden, Giovanna,« herrschte er düster. »Hat Euch das Mitleid verblendet? Fort von dem Platz, der Euch nicht zukommt!«

»Ihr irrt, Mardal, hier allein ist mein Platz,« gab das Mädchen stolz zurück »hier werde ich bleiben, bis Ihr uns niederhaut oder in das Gefängnis schleppt.«

Murrend drängten Mardals Leute hinter ihm auf die kühne Sprecherin ein. »Rührt das Mädchen nicht an,« gebot er außer sich, »sie redet im Irrsinn, es ist Giovanna St. Pierre, des Bastillenstürmers Schwester, sie ist eine der Unsern.«

Die dunklen Augen des Mädchens glühten jetzt zürnend wie flammende Sterne, die hohe Gestalt stand jetzt frei aufgerichtet, umwallt von dem goldenen Lockenhaar. So erhaben, so gebietend hatte auch Horace die Geliebte noch nie gesehen. Mardal, überwältigt von ihrem Anblick, starrte sie sprachlos an.

»Wer erkühnt sich zu sagen, ich sei eine der Euren,« fragte Giovanna bebend vor gewaltiger Erregung. »Die versöhnende Liebe konnte den Feind pflegen, aber das stempelt mich nicht zu Eurer Genossin. Wohl bin ich Giovanna, die Schwester Guiseppe St. Pierres, doch Ihr dürft ihn nicht mehr den Bastillenstürmer schelten. Nennt ihn den Boten Lafayettes, den Bekämpfen der Jakobiner, so gebt Ihr ihm den rechten Namen. Mich aber trieb nicht Mitleid her, sondern ein teures Recht, eine heilige Pflicht, die Geliebte des Royalisten will in der Stunde der Gefahr an seiner Seite stehen und mit ihm siegen oder untergehen. Ich aber bin mehr, ich bin Giovanna St. Herbert, sein Weib!«

Wie Jauchzen klangen die letzten Worte von ihren Lippen, und das wunderschöne Antlitz strahlte im Triumph der Liebe, die Augen suchten Horace mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Stolz und Glück, so daß er, Gefahr und den drohenden Tod vergessend, sein junges, mutiges Weib an sich riß.

Todesbleich, mit starrem Blick sah es Mardal. »Es ist gut,« sprach er tonlos. »Ich glaube Euch, Giovanna, Ihr werdet Eurem Gatten in das Gefängnis folgen. Ich gelobte Euch ja, menschlich, milde zu handeln. Ergebt Euch, Bürger,« wandte er sich an Horace, »Ihr seht, wir sind in der Mehrzahl, Eure Diener liegen gebunden in dem Hausflur, jeder Widerstand ist nutzlos.«

Horace, mit einem Blick auf Giovanna und seinen alten Vater, willigte ein, sich dem Verhaftsbefehl zu fügen.

Mardal las die Schreiben vor, nach welchem die drei Herren in die Conciergerie geführt werden sollten. »Die Bürgerin Giovanna St. Herbert verhafte ich auf eigene Gefahr,« fügte er hinzu, dann rief er seine Leute zusammen.

»Stellt Posten vor die beiden Eingänge des Saals,« befahl er, »eine halbe Stunde gebe ich Euch, um das Hotel zu durchsuchen, dann fuhren wir die Gefangenen nach der Conciergerie. Ich bleibe hier, bis Ihr zurückkehrt.«

Lärmend entfernten sich die Burschen, Mardal zog sich in die Fensternische zurück und schaute finster hinaus.

Der alte Marquis, der sich mühsam aus seinem Lehnstuhl erhoben hatte, trat Giovanna entgegen. »Ich wußte, daß die Braut meines Sohnes ein edles Wesen war, den kühnen Heldenmut aber, den das junge Weib heute an der Seite ihres Gatten zeigte, den kannte ich noch nicht in dem zarten Mädchen.

Es ist ein Name von ritterlichem Klang, den du heute eintauschest, meine Tochter, du wirst ihm Ehre machen und eine Perle sein in unserem Geschlecht. Wenn die Unmenschen aber dein jugendliches Haupt zum Opfer fordern, so wird die Marquise St. Herbert auch mutig zu sterben wissen.«

Der Mann am Fenster wurde noch bleicher. »Bürgerin Giovanna, ich bitte Euch um ein Wort,« rief er.

Giovanna trat ohne Furcht zu ihm; er blickte sic lange an, ehe er Fassung fand zu sprechen, dann zeigte er auf die tiefe Narbe, welche über seine Stirn lief.

»Die Wunde, die Ihr verbandet, ist noch nicht geheilt,« seufzte er, »und in meinem Herzen brennt eine Wunde, die niemals heilt. Ihr sollt nicht sterben, sollt nicht in das Gefängnis,« fuhr er heftig fort, »bleibt hier zurück, ich schütze Euch und will alles aufbieten, die Freiheit Eures Gatten von Danton zu erringen.«

»Mann und Weib trennt nur der Tod. Ich folge meinem Gatten, Ihr verspracht es, Ihr dürft nicht wortbrüchig werden vor Euren Leuten.«

Er faßte sie bei der Hand. »Ihr ahnt nicht die Schauer eines engen Gefängnisses, wißt nicht, was Euch dort erwartet.«

»Ich weiß es,« lächelte das junge Weib. »Die Liebe erwartet mich dort, denn ich bin bei meinem Gatten, und unter Gottes Schutz ruhen wir auch sicher in Kerkermauern.«

Mardal sah das Lächeln, sah den träumerischen Ausdruck der feuchten Augen, – sie hatte ja das Gesicht der Sonne zugewandt, und ihm entging nichts, kein Blick, kein Zucken der Lippen, kein Ton ihrer Stimme.

Er preßte bis zum Schmerz die zarte Hand, die er hielt, dann ließ er sie los und wandte sich mit einem dumpfen Seufzer ab, während Giovanna still ihren Platz wieder an der Seite des alten Marquis einnahm.

Die halbe Stunde war verflossen, und die Leute stellten sich wieder ein, ihre Gesichter waren erhitzt, ihre Taschen gefüllt.

»Die Verhafteten haben sich hinunter zu begeben und werden abgeführt,« gebot Mardal.

Der alte Herr erhob sich, auf seinen Stock gestützt, schritt er voran. Einer der Leute machte Miene, ihn zu führen, aber die heftige Bewegung des Marquis, der gebietende Ausdruck des vornehmen Antlitzes imponierten unwillkürlich dem Burschen, daß er seine Hand sinken ließ.

»Seit wann braucht ein Royalist den Arm des Jakobiners, um sich aus seinem Eigentum herausführen zu lassen?« zürnte er. »Auf diesem meinem letzten Gange will ich nur eine Stütze haben, und zwar von priesterlicher Hand. Komm, mein Sohn Gilbert, führe mich zur letzten Ruhe.«

Voll Sorge blickten Horace und Giovanna auf den Greis, der an Gilberts Arm ruhig und sicher dahinschritt, aber mit glühenden Wangen und glänzenden Augen. Die Aufregung der letzten Stunden war zu viel gewesen für einen langsam. Genesenden.

Unten in der Loge des Portiers lagen die drei gebundenen Diener mit François. Als Mardal den kleinen Zug hinunter geleitete, drehte sich einer seiner Leute um. »Wir wollen die armen Burschen losmachen und sie laufen lassen,« meinte er gutmütig und machte sich daran, die Stricke zu zerschneiden.

Drei von ihnen waren bereits befreit und suchten eiligst das Weite, eben wandte er sich an François, um auch dessen Bande zu lösen, als er seine Schulter berührt fühlte und sich umwendend in Jeans glattes Gesicht blickte.

»Kamerad,« warnte dieser, »thut das nicht. Diesen da bringt Ihr am besten ganz auf die Seite, das ist einer der schlimmsten und mein, wie aller Gutgesinnten Feind.«

»Nun,« lachte der Angeredete, »wenn es dein Feind ist, so ist es sicherlich mein Freund, denn mit dir will ich mein Lebenlang nichts gemein haben.«

»War ich es nicht, der Euch hier erwartete und Euch das gute Versteck dort oben zeigte, das ihr ohne meine Hülfe niemals aufgefunden hättet?« schmeichelte Jean.

»Das wohl,« gab der andere zu, »doch der Eigennutz war es ganz allein, der dich dazu trieb, denn beim Aufräumen im Hause wußtest du am besten Bescheid und hast uns die schönsten Sachen weggeschnappt. Aber warte nur, wir werden dir die vollen Taschen noch leichter machen.«

Jean zog sich eilfertig zurück, während sein Gegner François' Stricke zerschnitt und ihm den Knebel aus dem Munde nahm.

»Wo ist mein Herr?« war die erste Frage des Befreiten, der vorsichtig seine geschwollenen Knöchel rieb und halb trotzig, halb dankbar auf seinen Befreier blickte.

Dieser öffnete die Thür und zeigte hinaus. Ein geschlossener Wagen hielt unter dem Portal, Horace und Gilbert halfen eben dem Marquis beim Einsteigen. Die große weiße Dogge seines jungen Herrn sprang bellend an Horace herauf. François sah es, sah auch wie der Marquis dem Hunde wehrte und hörte sein kurzes, bestimmtes »Zurück, Pluto, bleib zu Hause.«

Traurig schlich er sich vor die Thür. Der Wagen rollte eben fort, die Dogge saß noch auf demselben Fleck, mit dem laugen Schweife ungeduldig den Boden schlagend. François rief sie bei Namen; der Hund drehte sich um und stieß ein lautes Geheul aus.

»Armer Pluto,« seufzte der Bursche, »wir beide sind übrig geblieben.« Er legte seine Arme um den Kopf des Hundes und wehrte den Thränen nicht, die über sein ehrliches Gesicht rannen.

Die Dogge schüttelte sich unwillig, machte sich von der Umarmung los und bellte kurz auf, während sie sich anschickte, in gewaltigen Sätzen dem Wagen zu folgen.

Der Diener schaute ihr nach. Da hörte er hinter sich aus einer dunklen Ecke hervor die höhnende Frage Jeans: »Nun, ehrlicher Deutscher, wie steht es mit der hündischen Treue?«

François wandte sich um. »Spitzbube,« knirschte er und zeigte statt jeder weiteren Antwort auf die Dogge, deren freudiges Bellen eben verkündete, daß sie den Wagen und ihren Herrn erreicht habe.

Doch die boshafte Bemerkung hatte in seinem Hirn eine schnelle Gedankenverbindung erweckt. Ein Freudenstrahl flog über sein rundes Gesicht, und so eilig als es seine geschwollenen Glieder erlaubten, machte er sich auf den Weg, dem langsam rollenden Gefährt zu folgen.

Vor dem düsteren Bau des Gefängnisses hielt der Wagen. Horace stieg zuerst heraus, und als er den Hund gewahrte, der ihm wedelnd die Hände leckte, streichelte er seinen schönen Kopf. »Du gutes Tier,« sprach er, während er ihm in die klugen Augen schaute, »du mußt doch hier bleiben, sie lassen dich nicht hinein.«

Da fiel sein Blick auf François, der eben anlangte. »Mein ehrlicher Freund, geh in deine Heimat und nimm Pluto mit dir,« rief er ihm zu.

François wollte antworten, aber es kam nur ein undeutliches Schluchzen über seine Lippen. Als er sich wieder so weit gefaßt hatte, um sprechen zu können, hatte sich die Thür bereits hinter seinem Herrn geschlossen. Den Hund stieß man zurück, um den verweinten Diener kümmerte man sich nicht.

Der treue Bursche setzte sich betrübt auf die Steinstufen, nahm den Kopf der Dogge zwischen seine Hände und verhielt sich regungslos. »Er wird es leichter tragen, unsere Braut ist ja mit ihm,« tröstete er den Hund, als müßte ihn das Tier verstehen.

Die schwere, eisenbeschlagene Thür öffnete sich, und Mardal trat allein heraus. François stand auf, in seiner Hand hielt er einen kleinen, ledernen Beutel, den er dem Jakobiner in die Hand schieben wollte. »Ihr werdet nicht hart sein, sondern uns beide zu unserem Herrn einlassen,« bat er und zeigte auf den Hund.

Mardal wies ihn rauh zurück. »O, es ist Gold in dem Beutel, viel Gold, all mein erspartes Geld,« versicherte François.

»Unter der vornehmen Gesellschaft da drinnen ist kein Platz für Diener und Hunde,« versetzte der Angeredete düster und schritt weiter.

Trotzig blickte ihm François nach, rief den Hund zu sich und nahm seine alte Stellung wieder ein. »Bleibe hier,« schmeichelte er der Dogge, »da drinnen leiden sie uns nicht, aber hier draußen werden sie uns nicht fortjagen. Wir warten, bis sie unseren Herrn hinausschleppen, dann folgen wir ihm dennoch. Vielleicht ist draußen auf dem Grèveplatz, wo sie das neue Fallbeil aufgestellt haben, auch für uns beide Platz.«

Mardal, der François so unwirsch abgewiesen hatte, fühlte sich durch die Bitte des Dieners dennoch bewegt. Er eilte mit großen Schritten weiter, immer weiter, er wußte selbst nicht wohin. Die Stadt lag hinter ihm, er war auf freiem Felde einsam und allein.

Da warf er sich nieder und drückte die Stirn in das tauige Gras. Von Paris her tönten noch immer die Sturmglocken; vor kurzem hatte ihn dieser Klang berauscht, jetzt schauderte er, da er ihn hörte. Was hatte das Mädchen aus dem wilden Jakobiner gemacht? Er hatte nie an ihren Besitz gedacht, nur wie eine Heilige des Himmels hatte er sie verehrt.

Jetzt, da er wußte, daß Giovanna mit ihrer ganzen Seele dem Royalisten gehörte, dem sie wie in das Gefängnis, so auch freudig in den Tod folgen würde, jetzt erfüllte ihn sein Treiben mit Entsetzen. Er dachte an das Ende aller derer, welche diese finstere Schwelle überschritten, und sah im Geist Giovannas Haupt vom Rumpfe getrennt, ihr blondes Haar mit Blut befleckt.

Der Angstschweiß trat auf seine Stirn, wie von Dämonen geplagt, sprang er auf. »Das soll nicht sein, das darf nicht sein,« schrie er laut, »ich will sie retten, beide retten, und sollte ich darüber zu Grunde gehen.«

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