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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 20
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel.
Der Soldat der Freiheit und der alte Royalist.

Der Empfang, welcher Lafayette in Paris wurde, war ermutigend, denn trotz des Murrens der Jakobiner und Girondisten kam in der Versammlung ein Redner der Rechten zum Wort, der Lafayette als den Erstgeborenen der französischen Freiheit feierte. Der General fühlte sich gehoben, und seine fröhliche Zuversicht steigerte sich bei dem begeisterten Zuruf der Nationalgarden, die ihn begrüßten, als er sich in die Tuilerien begab.

Im Vorzimmer des Königs traf er den Marquis St. Herbert. Mit ruhiger Würde ging ihm der greise Herr entgegen. »Ich habe Euch ein Unrecht abzubitten,« sprach er freundlich. »Mein royalistisches Herz zürnte Euch, ich glaubte, Ihr würdet noch weiter mit dem Zeitgeist treiben, Freiheit um Freiheit verlangen und in die Wünsche der Girondisten einstimmen.

Euer Brief an die Nationalversammlung legt ein ehrenvolles Zeugnis Euerer Gesinnung ab; daß Ihr heute kommt, beweist den ritterlichen Ehrenmann, der sich nicht durch Volksgunst bestimmen läßt, sondern allein seiner Überzeugung und seinem Eide folgt. An diesen kühnen, unerschrockenen Mann richte ich meine Bitte. General, Sie gebieten über eine Armee, retten Sie den bedrängten Monarchen! Retten Sie das Vaterland vor einer trostlosen Anarchie.«

In tiefster Bewegung hatte der Marquis gesprochen; Lafayette drückte warm die dargebotene Hand. »Bei Gott, das ist mein Streben,« beteuerte er. »Wäre der König mehr von Männern umgeben gewesen, wie Ihr einer seid, welche die Schäden der Zeit erkannt und mit redlichem Herzen daran gearbeitet hätten, solche Übel zu beseitigen, wahrlich, der Thron von Frankreich stände noch heute unerschütterlich. Das war der Fluch der Zeit, daß die Hochgestellten gleichgültig den Lastern fröhnten, welche sie in den Augen des Volkes von ihrer Höhe herabrissen; darum ging Frankreich langsam, Schritt für Schritt, diesem Zustande entgegen. Der Adel wie der Pöbel arbeiteten, bewußt oder unbewußt daran, das Staatsschiff demselben Ziele entgegen zu treiben, retten wir, was zu retten ist. Wir wollen uns dazu verbünden, der alte Royalist und der Soldat der Freiheit.«

Die Thüren nach dem Zimmer des Königs wurden geöffnet und Lafayette hineingerufen. Etwa eine Stunde dauerte die Unterredung, dann suchte der General den Marquis wieder auf.

»Wenn der König nicht umgestimmt werden kann, war meine Reise umsonst,« grollte er. »Mein Empfang war mehr als kühl, denn man mißtraute mir, obgleich ich im offenen Kampfe gegen die Jakobiner stehe und ohne Bedenken mein Leben aufs Spiel setze, um dem Monarchen zu nützen. Die frostigen Worte, welche die Majestäten an mich richteten, hätten genügt, um mir die Stimmung klar zu machen, aber ich hörte noch mehr.

»Lieber untergehen,« sagte die Königin, als sich eben die Thüren hinter mir schlossen, »als Lafayette und den Konstitutionellen den Sieg zu verdanken.«

Der Marquis bedeckte sein Gesicht mit den Händen, er atmete schwer. »Arme, verblendete Fürstin,« murmelte er. »Du stößest die helfende Hand fort und täuschest dich mit haltlosen Aussichten. Aber dennoch, General,« fuhr er erregt fort, »muß alles versucht werden, um die Majestäten zu bewegen, daß sie sich Euch und Euren Truppen anvertrauen. Wie liegen Eure Pläne?«

»Wir gedenken zuerst mit Hülfe der Nationalgarde, auf die ich mich verlassen kann, den Jakobinerklub zu sprengen, seine Anhänger unschädlich zu machen und dann den König unter dem Schutze der Armee nach Compiègne zu bringen. Zugleich sammeln wir an den Grenzen die übrigen Truppen und entwaffnen die Politik der Großmächte durch die Erklärung, daß wir sie nicht mehr brauchen, da wir selbst mit der Anarchie fertig geworden sind.

Das ist der Plan, welchen die Minister dem Könige unterbreiten sollen. Ich bin sicher, Marquis, daß wir auf Euch zählen können. Euer Einfluß beim Monarchen vermag vielleicht sein Mißtrauen zu zerstören.«

»Ich werde thun, was in meinen Kräften steht,« versicherte St. Herbert, »Gott gebe, daß unser gemeinsames Ringen nicht an dem Willen der Königin scheitert.«

Lafayette zuckte unmutig die Schultern. »Wenn ich morgen zu den Truppen zurückkehre,« begann er dann, »lasse ich hier einen jungen Freiwilligen zurück, der mir unbedingt ergeben ist. Von diesem werde ich Nachrichten über das Verhalten der Jakobiner empfangen, ich habe ihn bereits den Ministern vorgestellt und die Herren gebeten, alle Aufträge für mich durch diesen Boten zu erledigen, da er die sicherste Art kennt, wie mich die Nachrichten schnell und unverfälscht treffen. Auch Euch, Marquis, möchte ich raten, jede Mitteilung, die Ihr für mich bestimmt, diesem Freiwilligen anzuvertrauen. Hier ist sein Name und seine Adresse,« fügte er hinzu, indem er dem alten Herrn einen Zettel hinreichte.

Das Blatt zitterte in der Hand des Marquis. »Wißt Ihr,« fragte er, »ob dies derselbe St. Pierre ist, der einst ein blindes Werkzeug Marats war?«

»Derselbe,« nickte Lafayette, »eben deshalb kann er mir doppelt nützlich sein. Seid unbesorgt, ich kenne ihn genügend, um für den jungen fanatischen Schwärmer einstehen zu können.«

»Wollt Ihr mir einige Worte aufschreiben, die St. Pierre überzeugen, daß er sich mir vertrauen kann,« bat der Marquis, und seine Stimme klang eigentümlich bewegt. »Ich habe Gründe, ihn nicht in mein Hotel kommen zu lassen und bitte auch Euch, ihm meinen Namen zu verschweigen. Eure Zeilen werden genügen, mich bei ihm einzuführen.«

Lafayette riß ein Blatt aus seinem Taschenbuch und warf einige flüchtige Worte darauf, die er dem Marquis reichte. Er war zu beschäftigt, um dessen Bewegung zu bemerken. Noch ein kräftiger Händedruck, dann schieden die beiden Männer.

Mit hastigen Schritten eilte Lafayette die Treppe hinab, langsam und gedankenvoll folgte der Marquis. »Guiseppe St. Pierre,« murmelte er, »der Bastillenstürmer, der Rebell im Versailler Schloß, und Lafayette, der Soldat der Freiheit, verbunden mit dem alten Royalisten! Wir drei haben jetzt ein Ziel, nach dem wir streben, einen Zweck, für den wir unser Leben einsetzen wollen, und das ist die Rettung des Monarchen. Wunderbar sind Gottes Wege, unerforschlich, unbegreiflich!«

Am Abend des folgenden Tages reiste Lafayette ab.

Die Jakobiner erlangten ihre alte Kühnheit wieder und stellten von neuem den Antrag, um in Paris ein Jakobinerlager zu errichten.

Es war derselbe Vorschlag, nur in eine andere Form gefaßt, welchen der König vor wenig Wochen abgelehnt hatte, jetzt – nahm er ihn an.

Zugleich kam von der Grenze die niederdrückende Nachricht, daß Marschall Luckner gezwungen gewesen sei, sich mit der Nordarmee zurückzuziehen und dabei einige Vorstädte in Brand gesteckt habe. Dies benutzten natürlich die Girondisten, und Vergniaud erklärte in einer pomphaften Rede, das Vaterland sei in Gefahr, alle Nationalgarden müßten aufgeboten werden.

Das Wort wurde mit Beifallssturm aufgenommen, und man beschloß, darnach zu handeln.

Mittlerweile bot der Hof ein Bild unbeschreiblicher Verwirrung und Ratlosigkeit. Jeden Tag wechselte dort die Stimmung wenigstens einmal, und niemand wußte, ob, was am Morgen beinahe beschlossen wurde, nicht am Abend bereits verworfen war, um am nächsten Tage wieder ernsthaft erwogen zu werden.

Einmal zeigte sich der König geneigt, auf die Rettungspläne, die Lafayette und seine Minister entwarfen, einzugehen, dann wieder schreckte er vor der Kühnheit des Entschlusses zurück und zog es vor, zu dem Treiben der Versammlung einfach Ja und Amen zu sagen, bis die erwartete Hülfe des Auslandes erschiene.

So war die Mitte des Juli herangekommen, als Ludwig mit den Fluchtplänen seines Ministeriums endgiltig gebrochen hatte.

Im Arbeitskabinett des Königs befanden sich außer der Majestät St. Herbert, Lally und Monciel, die beiden Minister Ludwigs. Letzteren, welche ihre Entlassung eingereicht hatten, hatte der König soeben ihren Abschied bewilligt. Die tiefe Verbeugung der Herren erwiderte er nur mit einem kurzen, unmutigen Kopfnicken, und kaum hatte sich die Thür hinter den beiden geschlossen, so wandte er sich mit einer schnellen Bewegung an St. Herbert: »Da gehen sie hin die Herren,« sprach er gereizt, »wie ungezogene Kinder wenden sie sofort dem den Rücken, der ihnen nicht den Willen thut.«

»Sire, es sind ein Paar ehrenfeste Männer, die uns jetzt verlassen,« erinnerte der Marquis, »wir verlieren zwei treue Diener Eurer Majestät in ihnen.«

Der König schritt ungeduldig im Zimmer auf und ab. »Ich weiß es,« warf er ärgerlich hin, »niemand stimmte mehr für diese Rettungspläne als Ihr. Das Blatt hat sich gewandt. Ihr haltet es jetzt auch mit meinen entlassenen Ministern und mit Lafayette.«

»Ich halte es mit denen, die in dieser bedrängten Zeit unerschrocken ihr Alles einsetzen wollen, um das Königtum zu retten,« lautete die gehaltene Antwort.

»Warum aber scheltet Ihr die Emigranten?« fragte der König scharf. »Ihr wollt nichts mehr von ihrer Hülfe wissen, die Königin klagt darüber.«

»Majestät,« entgegnete St. Herbert mit einem trüben Blick, »ich bedauere tief, mir das Mißfallen unserer hohen Fürstin zugezogen zu haben, aber gegen meine Überzeugung kann ich nicht zu einer Sache raten.

Fern sei es von mir, die Emigranten zu schelten, denn viele königstreue Herzen sind darunter, doch sie hätten klüger und mutiger gehandelt, wenn sie dem Throne dort dienten und für ihn kämpften, wo er steht und wo er angegriffen wird. Ich weiß, daß jeder Schritt, den Euer Majestät im Einverständnis mit den Emigranten und dem Auslande thun, ein sicheres Mittel ist, um in den Augen des erhitzten Volkes den Träger der Krone als ihren Feind zu stempeln und alle politischen Parteien in Frankreich zum einträchtigen Widerstande zu entflammen. Das jetzt herrschende Volk empört sich bei dem Gedanken, daß über die freie französische Nation das Ausland gebieten solle, und ihr Stichwort lautet: »Alle Könige verschwören sich zum Untergange des französischen Volkes, wenn unser König sich mit ihnen verbindet, so ist er ein Verräter seiner eigenen Nation.«

Dies alles weiß ich; kann mein treues Herz da anders handeln, als die Majestäten zu beschwören, sich von dem Treiben der auswärtigen Politik fernzuhalten?«

Der König schwieg, er trat an das geöffnete Fenster und blickte seinen beiden entlassenen Ministern nach, welche eben über den Schloßhof gingen. Plötzlich wandte er sich kurz um und zeigte mit der Hand auf die Davonschreitenden. »Marquis, Ihr habt wie diese eifrig für Lafayettes Plan gestimmt, fordert Ihr jetzt auch wie sie Eure Entlassung?«

»Ich habe mich meinem Könige angelobt in guten wie in bösen Tagen, ich werde diesen Dienst nicht eher verlassen, als bis mich ein höherer König abruft,« versetzte der alte Herr. Freiwillig werde ich meinen Posten nie verlassen, mögen die Beschlüsse Eurer Majestät mit meinen Wünschen übereinstimmen oder nicht, ich werde meine Gefühle zu beherrschen wissen.«

Des Königs Augen füllten sich mit Thränen. »Haltet Eurem bekümmerten Monarchen manch bitteres Wort, das ihm der Unmut entreißt, zu gut,« bat er. »Man urteilt nicht immer gerecht, wenn man gereizt und von Sorgen gequält ist. Jetzt eilt, St. Herbert, laßt Lafayette unsere Entscheidung wissen und sorgt dafür, daß ein freundlich dankendes Wort von uns hinzugefügt wird.«

Ein heißer Julitag ging zu Ende, und die Schatten der Nacht lagerten bereits über Paris, als Marquis St Herbert, den Hut tief in die Stirn gedrückt, durch die Straßen eines entlegenen Stadtteils von Paris schritt. Er schlug den Mantel dicht um sich, aber trotz der Dämmerung und der verhüllenden Tracht fiel der freie Gang, sowie die vornehme Haltung des Mannes den Bewohnern der ärmlichen Häuser auf, und manches Auge folgte ihm neugierig.

Er hatte nicht acht darauf, sondern blickte nur prüfend nach den Straßen und Gäßchen, die sich kreuzten, und blieb endlich vor einem kleinen weißen Hanse stehen, das als einzige Zierde eine kupferne Wetterfahne trug, mit den verschlungenen Buchstaben G. L. »Das ist die verabredete Fahne, es muß das Haus sein,« murmelte er und trat darauf zu.

Auf der Steinbank vor der Thür saß ein junger Mann und blickte gedankenvoll nach dem Himmel, an dem einzelne Sterne aufblitzten.

»Seid Ihr Guiseppe St. Pierre?« fragte der Verhüllte.

Der Angeredete fuhr zusammen und blickte den Sprecher an. »So ist mein Name,« antwortete er kurz, »was ist Euer Begehr?«

St. Herbert näherte sich ihm. »Das Lager von Bavay heißt das eine Losungswort,« flüsterte er vorsichtig, »gebt das andere.«

»Lafayette,« erwiderte der Jüngling schnell. »Seid Ihr der Bote des Königs, der uns die Entscheidung bringt, so gebt mir erst das Schreiben meines Generals, dann laßt mich alles hören.«

Der Marquis reichte ihm das Blatt, auf welches Lafayette die wenigen Worte geschrieben hatte, und während St. Pierre bei dem kärglichen Lichte, das den Flur erhellte, hastig die Zeilen überflog, ließ sich der alte Herr auf die Steinbank nieder.

»Bleiben wir hier draußen,« entschied er, »wenn wir uns der italienischen Sprache bedienen, deren Ihr gewiß mächtig seid, so können wir ungestört sprechen. Ich bringe Euch ein Schreiben an Euren General. Der König dankt Lafayette für seinen opferwilligen Mut, er lehnt aber seine Vorschläge ab, denn er will in Paris bleiben.«

»Der König stößt die Rettung von sich, o, dann ist alles verloren,« rief Guiseppe schmerzlich.

Die Augen des Marquis ruhten forschend auf dem erregten Gesicht des Jünglings.

»Ihr fühlt warm für des Königs Rettung; dennoch meine ich mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß Ihr es wäret, der mit wilden Banden die Bastille stürmte.«

»Ihr täuscht Euch nicht, ich bin derselbe, derselbe auch, der im tollen Freiheitsrausche in das Versailler Schloß drang, und dennoch habe ich jetzt Kopf, Arm und Herz allein in den Dienst Lafayettes gestellt. Ich kenne, wie mein großer General, nur ein Ziel, das ist, den Jakobinerklub zu sprengen und den König nach Compiègne zu führen.«

»Das Schicksal des Monarchen liegt Euch am Herzen, Ihr liebt den König?« forschte der Marquis.

»Seit jenem Tage, wo des Königs bewegte Lippen denselben Eid gesprochen, wie seine Nation, seitdem gehört dem Monarchen meine Treue,« gab der Jüngling träumerisch zurück. »Geheiligte Stunde, wo hoch und niedrig, arm und reich sich einte, wo König und Volk sich verband. Über dem beglückten Vaterland schien der neue Morgen zu dämmern. Licht schien sein Gewand, Friede verhieß er, und jeder Zug, den die jubelnde Brust einatmete, war Liebe, allumfassende Liebe, welche die getrennten Parteien verband und die entzweiten Herzen einte in dem einen großen Schwur der Nation.

So war mein Traum – er zerrann – denn die Menschen waren dieses goldenen Zeitalters noch nicht würdig Weiter stürmten die Leidenschaften, wilder tobte die Anarchie, bis ich selbst schaudernd sah, was das für Männer waren, denen ich blind vertraute, bis ich erkannte wie sie den edlen Freiheitsdrang, der meine Seele belebte, zu verderblichen Zwecken mißbrauchten. Jetzt ist der Rausch verflogen, ich weiß, was mir zu thun obliegt, und werde dem Könige wie der Verfassung die Treue halten, wie ich es mit heiligem Eidschwur gelobte.«

Der Marquis hatte den Jüngling zuerst wehmütig betrachtet, als er von einer Freiheit sprach, die für diese Erde unerreichbar bleibt, jetzt legte er die Hand freundlich auf seine Schulter. »Gott erhalte Euch in diesen Gesinnungen,« sprach er bewegt, »und nun, junger Mann, laßt mich wissen, ob neue Gefahren dem Könige drohen.«

»Wenn Ihr, wie ich annehme, ein Edelmann seid, der dem Könige nahe steht, so scheut kein Mittel, den Monarchen zur Abreise zu bewegen,« drängte Guiseppe. »Seit mein tapferer General Paris verlassen, sind die Jakobiner furchtbar. Auf ihren Ruf haben sich am 2. Juli 500 Banditen aus Marseille auf den Weg gemacht, um sich als Föderierte den Jakobinern in Paris zur Verfügung zu stellen. Aus dem Hafenviertel von Marseille kommen die meisten, und Ihr begreift, was von diesem Auswurf des Pöbels zu erwarten steht. Diese Bande will man zu einem Staatsstreich benutzen, denn Marat, Danton und Robespierre planen die Absetzung des Königs, und auch die Gironde scheint nicht abgeneigt, weil der König sich nicht von einem Ministerium aus ihrer Mitte regieren lassen will. Ist aber der König abgesetzt und wird er gefangen gehalten, wer bürgt dann noch für sein Leben?«

Guiseppe hielt an, als er sah, wie der Mann vor ihm in tiefer Bewegung das Gesicht mit den Händen bedeckte. Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, dann faßte sich der Marquis. »Das ist eine furchtbare Kunde, ich werde bei den Majestäten alles versuchen, was in meinen Kräften steht, sobald ich Hoffnung habe, sollt Ihr von mir hören.

Ehe ich aber von Euch scheide, noch ein Wort für Euch, Guiseppe St. Pierre. Ihr habt einen Vater, dessen graues Haupt die Sorge um den Sohn niederdrückt, um Euch weint eine Schwester, welche ihre Liebe opfern mußte um Eurer Thaten willen. Solche Schuld lastet auf Euch und muß Eure Sinne trüben. Nun sage ich – der Marquis St. Herbert – noch heute Nacht schicke ich einen Brief nach Mailand an Euren Vater, der diesem bekümmerten Manne sagt, daß das Werk, welches sein Sohn treibt, dasselbe ist, an das ich, der alte Royalist, des Königs Diener bis in den Tod, mein ganzes Streben, meinen ganzen Einfluß setzen werde.

Derselbe Brief ruft Giovanna St. Pierre, das Kleinod meines Sohnes, hierher. Mich verlangt danach, sie als Tochter in die Arme zu schließen und meinem Sohne das Weib seiner Liebe Zu geben. Die Entscheidung dieser Stunde hing von Euch ab. Eure Worte, Eure Gesinnungen erlauben mir, der Stimme meines Herzens zu folgen.

So segne Euch Gott. Auch Eure Seele wird freier atmen, wenn Ihr erst wieder an der Brust des treuen Vaters geruht habt.«

Der Marquis hielt einen Augenblick die Hand des Jünglings, der wie betäubt, keines Wortes mächtig, dastand, dann wandte sich der alte Herr mit einem letzten Gruße von ihm.

Guiseppe aber warf sich auf die Steinbank nieder, unbewußt falteten sich seine Hände, und aus seinen Augen rannen dabei langsam heiße Thränen über seine Wangen.

»Mein Vater – Giovanna,« flüsterte er, »ich war der Kummer Eures Lebens! Hat der barmherzige Gott diesen Fluch von mir genommen?«

Er blickte hinauf zum Himmel; dort standen die Sterne in ihrer Pracht und schauten milde hinab auf ein zitterndes Menschenherz, das bebend und von Schuld bedrückt, dem barmherzigen Gott seinen Dank brachte.

*

Der Marquis hatte auf dem kürzesten Wege seinen Wagen erreicht und fuhr bald in den stillen Schloßhof der Tuilerien ein. Sein Herz war von widerstrebenden Gefühlen bewegt. Sorge um seinen König und Freude über Guiseppes Gesinnungen stritten sich um die Oberhand.

Er sah, daß noch Licht in Horaces Zimmer brannte, und eilte, diesen aufzusuchen. Voll tiefer Bewegung nahm er des Sohnes Hand. »Es ist eine dürre, freudenarme Zeit,« sprach er, »nur selten vernimmt unser Ohr jetzt eine glückliche Botschaft. Aber wenn der gnädige Gott den geprüften Seinen ihren schweren Weg durch einen Sonnenstrahl erhellen will, dann sollen sie ihn auch ergreifen und ihr müdes Herz daran erquicken.«

Staunend blickte Horace den Vater an. »Gedenkst du des Abschiedes an dem Madonnenbilde in Italien?« fragte dieser.

Auf des Sohnes Antlitz spiegelte sich Furcht und Hoffnung, seine Lippen zuckten.

»Giovanna Daponte opferte ihren Brautkranz,« fuhr der alte Herr in feierlichem Tone fort, »und als der Verlobte sie, ihrer Bitten ungeachtet, dennoch an sich ziehen wollte, da trennte sie des Vaters entblößtes Schwert. Giovanna St. Pierre opferte ihre Liebe der Königstreue für einen unglücklichen Monarchen, und der Geliebte beugte sich ihren Bitten und den Wünschen seines Vaters. Nicht ein entblößtes Schwert trennte die beiden, aber die Bedingung, daß des Mädchens Bruder auf der Seite derer stände, die für den König kämpften.

Heute habe ich Guiseppe St. Pierre gesprochen, ich habe seine Gesinnung selbst erforscht und weiß, daß ich ihm vertrauen kann. Giovannas edle Seele, die sich mir ganz geöffnet an jenem unvergeßlichen Abend in Italien, hat schon damals meinen Stolz und alle übrigen Bedenken besiegt; seit jenem Tage sehnte sich mein Herz danach, das Mädchen Tochter nennen zu dürfen, das in sturmbewegter Zeit der gute Geist meines Sohnes war.

Darum will ich heute Giovanna in mein Haus rufen, damit es mir noch vergönnt sei, segnend die Hände auf das Haupt der Tochter zu legen, wenn des Priesters Spruch sie meinem Sohne vereint.«

»Vater, teurer, lieber Vater,« stammelte Horace überwältigt, »ist es kein Traum, die Geliebte soll mein, selig mein werden, das Weib meines Herzens und deine Tochter?«

Er konnte nicht weiter sprechen, die treuen Vaterarme öffneten sich für ihn und in stummer Umarmung fühlten die beiden das Glück dieser Stunde.

Am folgenden Morgen ging die Botschaft des Marquis an St. Pierre ab, und Horaces Brief an Giovanna, doch beides kam so bald nicht in ihre Hände.

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