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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 16
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.
Nach Venedig.

Am späten Abend desselben 25. Juni saßen im Hotel St. Herbert Horace und der Hausarzt des alten Marquis im ernsten Gespräche zusammen. Der Sohn hatte den Vater auf das tiefste erschüttert und angegriffen gefunden. Der plötzliche Verlust seiner Gemahlin, die Aufregungen der jüngsten Tage und das Scheitern seiner letzten Hoffnung für den König, alles dies hatte sehr nachteilig auf die nicht mehr starke Gesundheit des alten Herrn gewirkt.

Monsieur Bertier, der kluge und verständige Freund des Hauses, durchschaute dies schnell und drang in Horace, seinen Vater zu bewegen, auf 3-4 Monate Paris zu verlassen, um dann neu gestärkt das alte Leben wieder beginnen zu können.

»Es ist unstreitig das einzig Nichtige, was Sie thun können,« behauptete der Arzt mit Nachdruck, »Sie müssen Ihren Vater begleiten und zwar sobald als möglich mit ihm Paris verlassen. Die Nationalversammlung droht mit den strengsten Maßregeln gegen diejenigen vorzugehen, welche irgendwie den König zur Flucht verleitet haben, oder ihm dabei behülflich gewesen sind. Ihr Name hat einen so royalistischen Klang, daß man gern jede Gelegenheit ergreifen wird, um Ihnen zu schaden, wenn nicht ...«

»Deshalb also sollen wir uns feige verbergen, damit uns ja kein Haar gekrümmt werde!« brauste Horace auf. »Nein, ich gehe nicht, verlaßt Euch darauf, so lange ich hier noch etwas nützen kann.«

»Eure Heftigkeit geht mit Euch durch,« schalt Monsieur Bertier ärgerlich. »Ich, Euer Hausarzt, verlange aus dringenden Gesundheitsrücksichten, daß Euer Vater Paris sofort verläßt und zwar in Euerer Begleitung. Es ist ein zufälliges Zusammentreffen, daß Ihre Abreise mißliebigen Schritten der Nationalversammlung vorbeugt.«

»Ein Zusammentreffen,« warf Horace scharf ein, »welches den Menschen Anlaß genug geben könnte, von uns zu sagen, daß wir das Hasenpanier ergriffen haben.«

»Seit wann fragt der Marquis St. Herbert danach, was die Leute von ihm sagen, wenn er streng seine Pflicht thut?« zürnte Bertier und blickte Horace voll an, dem die Glut auf die Stirn gestiegen war. »Nichts für ungut,« setzte er besänftigend hinzu, »die Jugend urteilt leicht zu schnell und darum oft kurzsichtig; ich sage Euch, wenn Ihr jetzt bleibt so lauft Ihr mit gebundenen Händen Euren Feinden in die Arme und verspielt durch diesen einen thörichten Streich jede Möglichkeit, einst Eurem Könige irgendwie nützen zu können. Verlaßt Ihr hingegen in diesen Tagen Paris und kehrt erst nach einigen Monaten zurück, so wird niemand mehr daran denken, ob und welchen Anteil Ihr bei dieser traurigen Flucht hattet, denn Paris erlebt zu viel, um lange bei einem Gedanken stehen bleiben zu können. Begreift Ihr nun, daß ich Eure Entfernung nur wünsche, weil ich dem armen Königspaare einen seiner besten Anhänger erhalten möchte?«

Horace reichte ihm bewegt die Hand. »Vergebt mir,« bat er. »Ihr habt recht mit Euren Wünschen, ich werde mich fügen, wenn es mir auch hart ankommt.«

»Abgemacht,« rief Monsieur Bertier erfreut. »Während des heißen Juli-Monats und im August bleiben Sie am besten in den Schweizer Bergen und Anfang September reisen Sie nach Ober-Italien.

Horaces Herz pochte; die Möglichkeit eines Wiedersehens mit Giovanna bewegte ihn tief, und als jetzt der Arzt, einen Blick auf die Uhr werfend, sich schnell erhob, begleitete er ihn sichtlich zerstreut bis zur Thür.

Am Abend des folgenden Tages fuhr ein schlichter Reisewagen ungehindert aus den Thoren von Paris. Der alte Marquis hatte nach längerem Widerstreben endlich nachgegeben, und kein unerwartetes Hindernis trat ein, das die Abfahrt erschwert hätte. Man langte zur festgesetzten Stunde in Gonesse an, wo der junge Priester schon harrend auf der Schwelle seines Hauses stand.

Obgleich seines Amtes entsetzt, war er doch in seiner Gemeinde geblieben, die fest zu ihrem Hirten stand. Man wagte noch nicht, Hand an ihn zu legen, weil sein Einfluß zu groß, die Macht seiner Rede zu überwältigend war; es standen ernstliche Unruhen zu erwarten, wenn man sich seiner bemächtigte.

Die Nationalversammlung wußte, daß es ein Stich in ein Wespennest gewesen wäre, hätte sie jetzt überall die unbeeidigten Priester, welche sich in großer Mehrzahl befanden, mit einem Schlage entfernt. Sie fühlte keine Lust zu diesem Versuche und begnügte sich damit, die widerstrebenden Pfarrer abzusetzen und ihr Vermögen einzuziehen.

Gilbert arbeitete nach wie vor in rastloser Thätigkeit unter seinen Pfarrkindern; das Bewußtsein, zur Ehre seines Herrn zu kämpfen, gab ihm Freudigkeit und eine kühne Zuversicht, die aus seiner freien Haltung sprach, als er den Vater und Horace unter sein Dach führte.

Der Aufenthalt der Reisenden konnte nur kurz sein, und als sie bald darauf wieder in die warme Sommernacht hinaustraten, hob der greise Marquis sein Haupt zu dem gestirnten Himmel und legte die Hand auf Gilberts gebeugten Kopf, der mit schwerem Herzen dem geliebten Vater das letzte Lebewohl zuflüsterte.

»Der Herr dort oben schütze dich,« sprach der alte Herr, »die Bahn, auf der du wandelst, führt aufwärts zu jenen lichten Höhen, in denen kein Streit mehr herrscht und keine Sorge die Menschen quält, dorthin wo ewiger Friede lächelt und selige Klarheit.«

Leise drückte er einen Kuß auf des Sohnes Stirn und stieg dann ein, Horace folgte ihm, nachdem die beiden Brüder innigen Abschied von einander genommen hatten. Der junge Priester schaute noch lange mit umflorten Augen dem davonrollenden Wagen nach, während seine Lippen ein inbrünstiges Gebet flüsterten.

*

Es war etwa um den 10. September, als das Schiff, das von Triest nach Venedig ging, mit schwellenden Segeln durch den Porto di Lido rauschte. Aus dem Deck stand der Marquis mit seinem Sohne. Beide blickten auf die Türme und Kuppeln von Venedig, die sich scharf von dem tiefblauen Himmel abhoben.

Vor wenigen Wochen war hier Graf Artois feierlich empfangen worden, und die Stadt hatte durch die glänzende Aufnahme, welche sie dem Bruder des gedemütigten Monarchen bereitete, der Welt deutlich gezeigt, für wen sie Partei nahm. Die doppelte strenge Zensur über alle Bücher, die umfassenden Sicherheitsmaßregeln, welche Venedig außerdem getroffen hatte, bewiesen, wie ängstlich die Stadt darüber wachte, daß das gefährliche Gift der Revolutionslehre sich nicht bis hierher verbreite.

Auf dem Landungsplatze trafen sie Beamte der Staatsinquisition, welche die Reisenden sorgsam prüften, ihre Papiere forderten und sie langweiligen Formalitäten unterwarfen.

Während dessen blickte Horace gedankenvoll auf das Meer und die schaumgekrönten Wellen, die in der Ferne ihre Häupter erhoben. Die Frage, wo er Giovanna suchen solle, peinigte ihn bis zum Schmerz. Vergebens hatte er François nach Heidelberg geschickt, um dort näheres über den Aufenthalt der Geliebten zu erfahren. Giovannas Pflegemutter war selbst kürzlich nach Italien gereist, aber niemand wußte wohin und auf wie lange.

Horace war trostlos; sollte die Hoffnung auf ein Wiedersehen, die ihn bei Tag und Nacht beschäftigte, in ein Nichts zerrinnen, jetzt wo er der Geliebten so nah war?

Schweigend folgte er dem Vater in die Gondel, die sie nach dem Gasthause führte, wo die Herren wußten, daß sie Doktor Bertier finden würden, den Familienangelegenheiten um diese Zeit hier beschäftigten.

Das freundliche Gesicht des Arztes, der dem alten Marquis lebhaft die Hand schüttelte, begrüßte sie dort. »Hatte ich nicht recht, daß ich Euch fortschickte?« triumphirte er, »Ihr seid um 10 Jahr jünger geworden.«

»Ich fühle mich neu gestärkt,« lächelte St. Herbert, »und denke bald nach Paris zurückzukehren, wo ich hoffe, meinem Könige wieder nützen zu können.«

»Vorläufig noch nicht, entschied Bertier mit ziemlicher Bestimmtheit. »Ich würde Euch einen längeren Aufenthalt in Venedig raten. Graf Artois, der leider abgereist ist, soll in 8-14 Tagen zurückkehren, es wird dem hohen Herrn eine Freude sein, in Ihnen einen so warmen Royalisten hier zu begrüßen.«

»Hofft Graf Artois auf thätige Hülfe von Venedig für unseren Monarchen?« forschte der Marquis gespannt.

»Das wird unmöglich sein, der Doge Ludowico Manini hat zwar die lebhaftesten Sympathieen, aber er ist nicht im stande, etwas Reelles zu leisten. Seit zwei Menschenaltern ist die volle Thätigkeit der Dogen allein darauf gerichtet gewesen, den Ackerbau und die anderen Erwerbszweige, sowie die Ordnung in der Verwaltung zu beben. Das ist ihnen gelungen, und die Einnahme der reichen Stadt beträgt jetzt fast das Doppelte, aber leider befinden sich die Armee und die Flotte in einem kläglichen Zustande.

Bekümmert schüttelte der Marquis sein Haupt. »Von hier wäre also keine Hülfe zu erwarten,« seufzte er. »Doch laßt mich nun von meinem Könige hören, ich sehne mich danach. Sie müssen uns Erläuterungen geben zu den Pariser Nachrichten, die wir nur aus Blättern und Briefen geschöpft haben.

Man setzte sich zu Tisch, und Bertier erzählte, wie die Republikaner im höchsten Grade unzufrieden über diese Beschlüsse unter Dantons und Robespierres Leitung, eine Sturm-Adresse zu stände gebracht hätten, nach welcher alle, die Unterzeichneten, Ludwig XVI. erst dann als ihren König anerkennen wollten, wenn die Mehrheit der Nation sich dafür ausgesprochen hätte. Diese Adresse, welche am folgenden Tage auf dem Marsfelde frei ausgelegt werden sollte, hatte die äußerste Aufregung hervorgerufen. Die Pariser Aufsichtsbehörde traf indessen Maßregeln, um den Aufstand im Entstehen zu unterdrücken. Den versammelten Volksscharen, welche am Morgen die feindlichen Ermahnungen Lafayettes mit Flintenschüssen erwidert hatten, wurde am Abend das Aufruhrgesetz vorgelesen, bestehend aus der dreimaligen Aufforderung auseinander zu gehen, und als dies nicht half, fielen Schüsse, welche bald genug die Menge zerstreuten.

Am 4. September, als Bertier Paris verlassen hatte, war dem Könige die neue, nunmehr vollendete Verfassung vorgelegt worden. Der Arzt sprach seine feste Überzeugung aus, daß es der Plan der Versammlung sei, den Monarchen, sobald er den Eid auf die Verfassung geleistet hätte, in die volle Gewalt seiner Krone wieder einzusetzen und dann die ordentliche Regierung beginnen zu lassen.

Die Herren erwogen noch lange diesen Punkt, bis die Hitze des Tages sich gelegt hatte, und Bertier den Vorschlag machte, eine Gondelfahrt nach dem Canale grande zu unternehmen. Er fand williges Gehör, und bald saßen die drei in einer der elegant geschmückten Gondeln, deren bunte Wimpeln lustig in der Abendluft flatterten. Im taktmäßigen Ruderschlag strich das Schiff durch den Kanal hindurch nach der Riva degla Schiavoni.

Die untergehende Sonne breitete einen goldumsäumten Purpurmantel über das wogende Meer, dessen Wellen, wie der pochende Schlag eines Menschenherzens, gleichmäßig an die Wände der Gondel schlugen. Horace blickte sinnend darauf hin. Süße traumhafte Erinnerung zog über ihn hin, und seine Seele hielt Zwiesprache mit dem geliebten Bilde seiner Phantasie.

Da fühlte er seine Schulter leicht berührt. »Signor, Ihr müßt Euch umwenden, dort liegt der Dogenpalast,« sprach die volltönende Stimme des Gondeliers neben ihm.

Horace folgte der Weisung und blickte auf den stolzen Bau zu seiner Seite, dessen Vierecke von rotem und weißem Marmor im Abendglanze leuchteten. Daneben, schon umlagert von tieferen Schatten, erblickte er die geheimnisvolle Seufzerbrücke, die von der ersten Etage des Dogenpalastes über den schmalen Rio del Palazzo nach den Staatsgefängnissen führte.

Die Schiffer hatten unterdessen die Gondel gewandt, so daß die Reisenden einen Einblick auf den Hof bekamen und auf die riesige Freitreppe, vor welcher die kolossalen Bildsäulen des Mars und Neptun stehen. Auf dem obersten Absätze der Scala dei Giganti wurden die Dogen gekrönt.

Horace meinte sie im Geiste hernieder steigen zu sehen mit dem Corno auf dem Haupte, um die Schultern den brokatnen, pelzverbrämten Mantel geworfen, der die Stufen herabschleppte, bis sie sich in die goldstrotzende Gondel begaben, gefolgt von allen Barken Venedigs, die in gemessener Entfernung dem feierlichen Moment beiwohnten, wo der Doge als Zeichen seiner Vermählung mit dem Meere einen goldenen Reif hinab warf.

Er fragte den Gondelier, ob er ihm den Ort bezeichnen könne, wo die Vermählung des Dogen mit dem Meere stattgefunden habe.

Der Mann wies mit dem Arme südwärts und fragte dann lebhaft: »Weiß der Signor, warum das geschieht, und kennt Ihr die Geschichte der schönen Giovanna?«

Horaces Herz klopfte mächtig, als der geliebte Name so unvermutet genannt wurde. »Ich werde es Euch danken, wenn Ihr mir davon erzählt,« sprach er.

Der Gondelier richtete sich stolz auf und überließ das Rudern seinem Geführten. »Es ist eine Geschichte, die dem Signor zeigen wird, daß Liebe und Treue ihre Heimat in Venedig haben,« gab er mit einer gewissen Würde zurück, und begann dann:

»Vor sechs Jahrhunderten, als unsere Vaterstadt vom Kaiser Manuel von Konstantinopel bedroht wurde, schickte man Abgesandte zu ihm, welche friedliche Verhandlungen anknüpfen sollten. Der schlaue Kaiser hielt die Gesandten durch List zurück, aber Sebastino Ziani, einer unserer edelsten Venetianer, durchschaute den Plan und sandte heimliche Boten hierher, den Dogen zu warnen.

Doch der treulose Kaiser hatte die Flotte nahe an die Insel Scio gelockt, wo ungesunde Lüfte Pestdünste umhertrugen. Die schreckliche Krankheit ergriff die Mannschaft, und traurig kehrte die stolze Flotte um, die nicht dem Feinde, sondern der Pest erlegen war. Die Heimkehrenden brachten das Verderben mit, die Pest griff in Venedig um sich und raffte Tausende dahin.

Voll Entsetzen hörte Ziani diese Kunde, denn Venedig barg seinen teuersten Schatz. Obgleich einer unserer ersten Nobili, hatte er dennoch Hand und Herz der schönen Giovanna Daponte gelobt, dem schlichten Fischermädchen der Küste. Sie wußte nicht um seinen Namen und Stand, sie wußte nur, daß sie den Jüngling liebte, dem der Vater ihre Hand versprochen hatte, wenn er von dem Kriegszuge heimkehrte.

Als er landete, fand er das Volk in wilder Aufregung, denn es schob dem Dogen die Schuld zu, die Pest nach Venedig gebracht zu haben, und forderte tobend sein Leben. Mit ruhiger Würde trat der Doge mitten unter, sie und das Volk verstummte bei dem Anblick des unerschrockenen Greises, doch da brach sich ein alter Mann Bahn zu ihm und mit dem Rufe: »Nieder mit dem Verräter, er hat mir Weib und Kind gemordet,« stieß er sein Messer in die Brust des Dogen.

Vom Schreck erstarrt, ließ das Volk den Mörder ungehindert enteilen, nur Ziani folgte schaudernd dem Wahnwitzigen.

»Wo ist Euer Kind, wo ist Giovanna?« fragte er atemlos, als er ihn erreichte.

Der Alte führte ihn in einen entlegenen Kirchhof und wies dort auf eine einsame Ecke, wo auf Stroh gebettet die sterbende Geliebte lag. Sie lächelte ihm noch einmal zu und winkte ihm, sie zu verlassen. Aber die Liebe ist stark wie der Tod, der Jüngling nahm die pestkranke Geliebte in seine Arme und trug sie in seinen Palast.

Giovanna genas und erstand in alter Schönheit von dem Krankenbette. Da war es, als das Volk Abgesandte an Ziani schickte, um ihn zum neuen Regenten zu wählen. Bei dieser Nachricht schlug sein Herz freudig, doch als er hörte, daß das Volk ihn nur dann zum Dogen krönen wolle, wenn er sich von Giovanna und ihrem Vater trenne, wandte er sich traurig ab. »Behaltet eure Kronen, wenn ihr mir damit meines Herzens Seligkeit abkaufen wollt!« rief er den Boten zu und stürmte nach seinem Palast zu dem alten Daponte, dem er ankündigte, daß er sich noch in dieser Nacht mit Giovanna vermählen werde.

Während er forteilte, die Vorbereitungen zu treffen, und Giovanna den Brautkranz wand, erschien Micheli, der Freund des Geliebten, bei ihr.

Mit begeisterten Worten schilderte er, wie nur Ziani im stande sei, die Republik vom Untergange zu retten, und daß das Vaterland daher ein heiliges Recht habe, seine Liebe zu Giovanna von ihm zum Opfer zu verlangen. Während das Mädchen weinend fragte, ob sein großes Herz denn nicht Raum habe zur Liebe für das Vaterland und für sie, rief ihr Vater entschlossen: »Das Volk hat recht, die Tochter des Mörders darf nicht die Stufen des Thrones besteigen. Im Wahnsinn der Verzweiflung erstach ich den Dogen, willst du im Wahnsinn der Liebe dem Vaterlande noch größere Hoffnungen rauben?«

»Ich gebe den Geliebten auf,« stöhnte Giovanna, »aber bringt mich fort, weit fort.«

Als die Dunkelheit einbrach, kam Ziani zurück, um die Braut heimzuführen. In ihrem Zimmer lag ihr Brautkranz, und daneben standen auf einem losen Blatte geschrieben wenige zitternde Worte.

»Du hast zu wählen zwischen der Krone und dem Brautkranz, um Dir den Kampf zu ersparen, bin ich geflohen. Erhöre die Bitten Deiner hülflosen Bürger, beglücke Dein Vaterland und gedenke in treuer Liebe

Deiner
Giovanna.«

Wie ein Rasender stürzte Ziani, nachdem er diese Worte gelesen hatte, aus dem Palaste, ließ ein Fahrzeug rüsten und suchte in dumpfer Verzweiflung auf der feuchten Wasserstraße die Spur der Entflohenen.

Im Osten dämmerte der Morgen des Himmelfahrttages, als Zianis scharfes Auge in der Ferne einen kleinen Nachen gewahrte. Immer näher kamen sie dem Fahrzeug, schon sah Ziani die Gestalt der Geliebten, deren helles Gewand die Morgensonne beleuchtete, sie winkte ihm zurückzukehren, doch er achtete es nicht. Noch ein paar Ruderschläge, und der Nachen war erreicht, er ließ ein Brett hinüberwerfen und betrat die schwankende Brücke. Daponte sprang mit entblößtem Schwert vor seine Tochter: »Laß mich, Geliebter, das Vaterland ruft dich,« flehte das Mädchen.

Als aber Ziani dennoch vordrang und sie das Blitzen der Schwerter sah, schlang sie die eiserne Kette mit dem schweren Anker um ihren Leib und sprang in das Meer, während Ziani mit einem Schrei der Verzweiflung zusammenbrach.«

Der Gondelier schwieg einen Augenblick, seine Augen funkelten, und seine Wangen färbte ein tiefes Rot. »Das war Giovanna Daponte, das schlichte Fischermädchen mit dem großen, edlen Herzen und dem schönen, lockigen Haupte, das wohl wert gewesen wäre, eine Krone zu tragen,« sprach er stolz. »Sie war aus unserem Stande, Blut von unserem Blute, ein Fischerkind wie wir, und darum bewahren wir ihre Geschichte wie ein heiliges Vermächtnis, das von Kind auf Kindeskind erbt, wie einen Adelsbrief unseres Geschlechts, von dem kein Zug verloren gehen darf. Wir sind stolz darauf, venetianische Fischer zu sein, weil aus unserer Mitte eine Giovanna Daponte hervorging.«

»Ihr könnt auch stolz darauf sein,« erwiderte der alte St. Herbert freundlich. »Ein solches Heldenmädchen, das seine Liebe freiwillig zum Opfer bringt, findet man nur selten.«

»Ich kenne ein Herz, daß dieser Giovanna von Venedig Zug um Zug gleicht.«

Die Worte waren halb unbewußt dem jungen Marquis entschlüpft.

Der alte Herr warf einen unruhigen Blick auf den Sohn, der sein bewegtes Antlitz seitwärts wandte.

»Was wurde aus dem Nobili?« fragte er den Gondelier, um das Gespräch zu wenden.

»Ziani ward Doge von Venedig. Er brachte unserer Stadt die Ruhe wieder, sie blühte auf unter seiner milden verständigen Hand, aber seine Züge blieben düster, sein Herz verödet, weil er nimmer der toten Geliebten vergessen konnte.

Da geschah es, daß Papst Alexander III., welchen Kaiser Friedrich verfolgte, sich nach Venedig flüchtete, das stolz darauf war, das Oberhaupt der Kirche schützen zu dürfen. Der Kaiser verlangte die Auslieferung des Papstes, und da Ziani dies verweigerte, brach der Krieg aus.

An Istriens Küste trafen unsere Galeeren auf die Übermacht des Feindes, dennoch siegte Ziani und kehrte unter dem Jubel des Volkes heim.

Der Papst eilte ihm zu Schiff entgegen. Es war am frühen Morgen des Himmelfahrttages, als die Schiffe zusammentrafen und der Papst Ziani umarmte. »Nimm diesen Ring,« sprach er, »er sei dir ein Pfand deiner Verlobung mit Valrada, meiner Nichte, der schönsten Frau ihrer Zeit.«

Ziani nahm den Ring mit zitternder Hand und blickte zu Micheli, dem Freunde, hinüber. »Kennst du die Stelle und den Tag?« fragte er leise.

Dann wandte er sich zum Papst. »Ich kann die Hand Eurer Nichte nicht annehmen,« entgegnete er wehmütig, »ich bin verlobt,« und dabei senkte er den goldenen Ring in die Fluten. »Giovanna, Geliebte,« rief er hinab in das Meer, »ich halte dir Liebe und Treue bis in den Tod.«

Der Gondelier hatte geendet, keiner in der Barke sprach ein Wort. Es war still geworden, nur die Wellen schlugen plätschernd gegen den Bug der Gondel, und vom Markusplatz scholl eine weiche, schwermütige Musik herüber, die sich schmeichelnd in das Herz des bewegten Jünglings stahl. Die Schiffer legten vor der Kirche Maria della Saluta an, auf dem weißen istrischen Marmor, von dem sie erbaut ist, spielten bereits die Abendschatten.

»Es ist fast zu spät jetzt,« bemerkte der Marquis in gedämpftem Ton, als sie in die hohe dämmerige Kirche traten.

Horaces Augen glitten an den schlanken Säulen entlang und über die Betstühle hin. Da, an der anderen Seite der Kirche, kniete eine einsame, gebeugte Gestalt. Zarte Hände waren vor das Antlitz gelegt und ein schwarzer Spitzenschleier über das blonde Haar geworfen, dessen lose Locken tief herab hingen und sich durch das feine Gewebe drängten.

Horace erbebte. War das nicht seiner Giovanna goldiges Haar, oder neckte ihn ein Trugbild, weil seine ganze Seele jetzt von ihr erfüllt war?

Er stand wie gebannt und starrte zu der Fremden hinüber, die sich eben langsam erhob und aus einer kleinen Seitenpforte an der entgegengesetzten Seite hinausschritt. Ohne sich zu besinnen, eilte der junge Marquis den Gang entlang aus dem Hauptportal ins Freie, aber sein Weg war weiter als der der Fremden, deren Gondel eben vom Ufer stieß.

Er eilte die Stufen hinab und blickte ihr nach. »Wem gehört jenes Fahrzeug, und wer war die Fremde?« wandte er sich hastig an den Gondelier, der ausgestreckt auf den Stufen ruhte.

»Bei Venedigs Größe,« antwortete dieser, »es war eine Schönheit mit blondem Lockenhaar und ein paar Augen so schwarz wie die Nacht. Die Signora sah aus wie die Madonna in der Kirche Maria della Saluta, aber ihren Namen weiß ich Euch nicht zu nennen, es muß eine Fremde sein.«

Der Marquis ließ ein Goldstück in die Finger des Mannes gleiten. »Ihr werdet der Barke folgen, und in Erfahrung bringen, wer die Fremde ist, morgen früh erwarte ich Eure Antwort.«

Ein Lächeln glitt über die Züge des Gondeliers, der aufgesprungen war und rasch der Gondel zuschritt.

»Der Signor kann sich auf mich verlassen,« nickte er, indem er seinen Kameraden winkte, an ihre Plätze zu gehen. Eben traten auch die beiden Herren aus dem Portal und folgten langsam Horace. der voller Ungeduld in der Gondel ihrer harrte. Von kräftiger Hand getrieben, flog das kleine Fahrzeug wie eine leichte Seemöve über das Wasser hin; schon war die Barke vor ihnen ziemlich nahe in Sicht, Horace sah wie der aufgehende Mond die vergoldeten Stäbe, welche das Dach trugen, matt erglänzen ließ. Jetzt konnte er sogar erkennen, daß die Fremde allein darin saß, und beobachtete, wie sie den Arm über den Bord des Schiffes gelegt, die Wellen durch ihre Finger gleiten ließ.

Die Spannung seiner Nerven erreichte fast den Höhepunkt. »Vorwärts, an der Barke vorbei, damit ich ihr Gesicht sehe,« raunte er dem Gondelier zu, der seine Kräfte verdoppelte. Aber schon legte das Fahrzeug vor ihnen an den breiten Marmorstufen eines Palastes an. Viele Barken schaukelten sich dort an den bunten, in das Wasser gerammten Pfählen. Diener in reicher Kleidung empfingen die Ankommende, und ein ältlicher, vornehmer Herr bot der Dame den Arm, um sie hinaufzugeleiten.

Die Gondel, in welcher Horace voller Ungeduld aufgestanden war, streifte fast die Barke der Fremden, dennoch war es zu spät, um einen Blick in ihr Antlitz thun zu können.

Der junge Marquis hatte kein Ohr für Bertiers laute Bewunderung des schönen Goldhaares und der schlanken, jugendlichen Gestalt, welche vor ihnen die Treppen hinaufschritt, ihm war das Herz zum Zerspringen voll von Sehnsucht und ängstlicher Erwartung, er vernahm nur die ruhigen Worte des Gondeliers, der die Hand nach dem im Spitzbogenstil erbauten Palaste ausstreckte. »Palazzo Bernardo,« erklärte er, »der Herr, welcher die Signora eben empfing, war der Nobili selbst, man feiert heute dort den Geburtstag seiner einzigen Tochter.«

Die Gondel fuhr weiter durch den Canale grande nach der Rialto-Brücke. Am Himmel tauchte ein Stern nach dein anderen auf, der Mond wurde voller und glänzender und malte sein Bild auf die zitternde Wasserfläche. Aus den vorübergleitenden Gondeln schollen Lieder herüber, bald wild und leidenschaftlich, bald tief melancholisch und sehnsüchtig. Milde umwehte die weiche, italienische Nachtluft die erhitzte Stirn des Jünglings, in dessen Seele nur ein Gedanke Raum hatte.

Beim ersten Morgenschimmer stand Horace schon harrend am Fenster, voll Ungeduld schaute er herab, aber Stunde auf Stunde verrann, ohne daß der ersehnte Gondelier sich blicken ließ. Da endlich, als die Uhr vom Markusturme die achte Stunde schlug, bog die Gondel um die Ecke. Im selben Augenblick war Horace an der Landungstreppe. »Bringt Ihr mir Bescheid?« rief er dem Ankommenden entgegen.

Der Schiffer nickte. »Die Dame, welche gestern als Gast im Palazzo Bernardo weilte, ist die Signora Giovanna Ferruci.«

»Das war der Name ihrer Mutter,« murmelte Horace, »weiter, weiter!«

»Vor einer Stunde sah ich die Signora am Arm eines hoch gewachsenen alten Mannes auf das Schiff steigen, um nach Mailand zu reisen. Dort lebt die Dame mit ihrem Vater.«

»Es muß Giovanna, meine Giovanna sein,« rief der junge Marquis entzückt, »habt Dank für Euren guten Dienst.«

In des Schiffers Hand glitt ein Goldstück, er betrachtete es nachdenklich. »Graziellas Sonntagsmieder ist nicht mehr frisch, und ihren bunten Rock hat die Sonne ausgesogen ..«

»So sorgt für einen neuen Sonntagsschmuck,« lachte Horace und warf ihm ein zweites Goldstück zu, »und wenn Graziella Euch darin doppelt reizend erscheint, so denkt, treuer Liebe verdanke ich es, treue Liebe will ich bewahren.«

»Bei der Madonna, so soll es sein,« jubelte der Gondelier, schwenkte fröhlich seinen Hut und fuhr dann eilig fort zu Graziella, der Geliebten.

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