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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 15
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid5023ed9c
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Vierzehntes Kapitel.
Die Flucht des Königs.

Es war etwa drei Wochen nach dem Tode Mirabeaus, als im Zimmer des Marquis St. Herbert Vater und Sohn bei einander saßen. Der alte Marquis blickte trübe hinaus auf das launenhafte Wetter, das bald sonnig lächelte, bald Regenschauer zeigte. Während es den Anschein hatte, als verfolgte er aufmerksam die schweren Regentropfen, schweiften seine Gedanken weit ab, und die Brust hob sich zu einem tiefen Seufzer. »Armer, armer König,« murmelte er, »gefangen in den Tuilerien mußt du zusehen, wie sie dir den Purpur Stück für Stück entreißen.«

Heftig erhob sich Horace und schritt ungeduldig durch das Zimmer. »Warum setzte man gestern nicht mit Gewalt die Reise des Königs nach St. Cloud durch?« grollte er. Ist es nicht eine jämmerliche Komödie, wenn der König mit seiner Familie aussteigen muß, weil sich um den Wagen eine Schar von Elenden zusammenrottet, die dem Monarchen den Weg versperren will!

Hätte Ludwig seine Getreuen gerufen, er wäre im Triumphe in unserer Mitte davon gefahren; o wenn er nur einmal diesen Rebellen gegenüber Energie und einen festen Willen zeigte, damit sie erkennen müßten, daß sie noch einen Herrscher haben!

»Still, still, Horace,« besänftigte der Vater. Man muß sich jetzt ruhig verhalten und alle Kräfte für die Zeit sparen, wenn das Herrscherpaar ernstlich daran denkt, Paris zu verlassen.«

Wollte Gott, der König hätte damals auf Mirabeau gehört und wäre nach Rouen gegangen, dann stände es jetzt besser um ihn. Ich bezweifle, daß eine Flucht noch zum Heile ausschlägt, aber dennoch bin ich bereit, Gut und Leben daran zu setzen, um dem Könige bei dieser Sache zu dienen.«

»Du wirst auch meine Dienste brauchen können, Vater,« drängte Horace, »ich sehne mich danach, meine Treue mit der That zu beweisen, wie es Gilbert vergönnt war, als man vor wenig Wochen den neuen Eid von ihm verlangte.«

Über die Züge des alten Herrn glitt es wie Sonnenschein. »Aus dem Träumer ist ein kraftvoller Mann geworden, dessen Glaubenswut und Eifer Hunderte anfeuerte,« sprach er bewegt. »Er wankte nicht als die Volkshaufen gegen den Sitzungssaal anstürmten und tobend verlangten, die eidverweigernden Priester an die Laterne zu hängen. Unbeirrt erklärte er, den Eid nicht leisten zu können, und seine Unerschrockenheit, wie die Seelenruhe des Bischofs von Agon, stärkte die Unentschiedenen und ermutigte sie, dem Beispiele zu folgen.

Dem Volke, welchem stets ein furchtloses Auftreten imponiert, fiel es nicht ein, die Hand an die Priester zu legen, die willig Amt und Vermögen hingaben für ihren Glauben und ihre Überzeugung. Ja, ich kann stolz sein auf meine Söhne, welche zu jeder Stunde Treue gezeigt haben und ihr Leben für die heilige Sache einsetzten: Gilbert im Sitzungssaale zu Paris, du im Versailler Schloß. Der König wird auch diesmal deine Dienste nicht verschmähen bei dem gefahrvollen Unternehmen.«

»Habt Ihr denn schon näheres über die Flucht bestimmt?« fragte Horace gespannt.

»Es herrscht noch viel Unklarheit in den Plänen. Was den König in den letzten Tagen veranlaßt hat, ernstlich an eine Flucht in das Ausland zu denken, sind die traurigen Nachrichten, die immer häufiger aus den Provinzen eintreffen; dort verweigern die Truppen ihren Offizieren den Gehorsam. Ferner sieht sich der König seit Mirabeaus Tode immer mehr von der Nationalversammlung verlassen.

Bei der Flucht hofft man auch auf die Emigranten; des Königs Bruder schreibt, daß sich an der Grenze bereits ein Heer ausgewanderter Franzosen sammle, und Viktorine, die junge Gräfin Dubarry, beschwört in ihren Briefen die Königin, zu fliehen und in die Arme der Emigranten zu eilen, welche, begeistert durch den Gedanken das Königspaar schützen zu können, zuversichtlich hoffen, mit Hülfe der fremden Mächte den Monarchen wieder in seine Rechte einzusetzen. Es mögen dies unerreichbare Schwärmer-Ideen von Viktorine sein, aber es ist warm und groß gefühlt. Wir haben im Auslande niemanden, der eifriger wirbt und begeisterter für unsere Sache spricht als Viktorine. Ich hätte das dem leichtlebigen Mädchen niemals zugetraut.«

Vor Horaces Seele stand ein stürmischer Herbstabend im Versailler Park, wo ein Paar umschleierte Mädchenaugen ihn sanft angeblickt und zitternde Lippen gesprochen hatten: »Ich vergesse unseren Bund nicht, während Ihr hier für den Thron kämpft, will ich dort für unser teures Königspaar werben.« Er schwieg einen Augenblick in Gedanken verloren, dann hob er den Kopf. »Sollte wirklich die Flucht gelingen, so kann der König zwar als Emigrierter sein Leben in Sicherheit bringen, doch er giebt dem Königtum den Todesstoß. Wird der Monarch aber bei der Flucht angehalten und zurückgebracht, so ist die Krone und seine Sicherheit in doppelter Gefahr.«

»Ich teile völlig deine Ansicht,« gab der Marquis düster zurück, »aber bleibt der König wie jetzt als Gefangener in den Tuilerien, so kann bei diesem aufgehetzten Pöbel mehr verloren gehen, als die Krone. Ich fürchte für sein teures Haupt.«

»Vater,« rief Horace entsetzt, »du kannst nicht meinen, daß unser Volk sich soweit vergessen könnte, daß das Ausland nicht zuvor käme, ehe so blutige Schandthat geschähe.«

Das weiße Haupt des alten Herrn war tief gebeugt. »Meinen Jahren fehlt der hoffnungsvolle Mut der Jugend, und meinen Augen scheint alles dunkel,« seufzte er. »Wenn ich im Dom zur Messe kniee, dann meine ich noch immer auf den weißen Gewändern der Priester die blutig roten Flecke zu sehen, welche die wallenden Fahnen vom großen Verbrüderungsfeste darauf warfen.«

Horace durchrieselte ein Schauer, er wollte sprechen, aber schon hatte sich der Vater erhoben und ihm die Hand gereicht. »Geh jetzt, mein Sohn, laß mich allein! Es taugt nicht für dich, von trüben Ahnungen zu hören, dir geziemt frischer Lebensmut.«

Es lag ein sanfter Befehl in den Worten des Marquis, der junge Offizier hatte ihn verstanden und zog sich schweigend zurück. –

Der alte Marquis hatte es beim Könige durchzusetzen gewußt, daß Horace mit ihm in demselben Wagen fahren sollte, um im äußersten Falle das Leben des Königs mit dem Degen schützen zu können. Der Bockplatz war François angewiesen und dem Kutscher des Marquis, beides ein Paar zuverlässige, handfeste Burschen, von denen letzterer Weg und Steg, Land und Leute genau kannte.

Die Nacht vom 19. zum 20. Juni war zur Flucht bestimmt. Am Morgen desselben Tages stürzte Horace in das Zimmer seines Vaters mit glühenden Wangen, Thränen des Zorns in den Augen. »Ich gebe alles verloren, wenn man so handelt,« rief er leidenschaftlich.

Der alte Marquis ging ihm besorgt entgegen. »Was giebt es, ist der Plan zur Flucht entdeckt?«

»Nun wahrlich, die Schuld der Hofleute ist es nicht, wenn nicht ganz Paris darum weiß,« zürnte Horace. »Vorläufig ist noch nicht davon die Rede, aber man hat alles umgeändert, und es ist die alte Geschichte: » ordre, contreordre, désordre« (Befehl, Gegenbefehl, Unordnung). Erst in der nächsten Nacht soll die Flucht unternommen werden. Das bringt alles in Verwirrung, Bouillés Reitertruppen, die längs der Straße nach Châlons aufgestellt sind, werden vergeblich harren und die Patrouillen, die spähend hin und herreiten, müssen Verdacht erwecken.«

»Die Flucht darf nicht aufgeschoben, die Entschließungen des Königs müssen rückgängig gemacht werden,« warf der Marquis dazwischen.

»Es wird unmöglich sein,« lautete die bestimmte Erwiderung. »Sieh, dieses eigenhändige Schreiben Ludwigs, das ich eben erhielt, spricht von dem Aufschub und befiehlt mir, mich sofort nach Varennes zu begeben, um dort mit noch einigen Offizieren das Kommando über eine Truppenabteilung zu übernehmen, welche sich bei Varennes, jenseits des Flüßchens aufzustellen hat, sobald der König erwartet wird.«

»Wie ist das möglich?« fragte der Marquis befremdet, »du solltest das Königspaar ja im Wagen begleiten?«

Horace lachte bitter auf. »Kleinliche Hof-Intriguen, Etikettenfragen haben alles umgeworfen und werden über das Schicksal des Monarchen entscheiden. Der König schreibt, daß die erste Hofdame ihrer Majestät ein Recht darauf habe, das Königspaar zu begleiten, man könne ihr daher den Platz im Wagen nicht vorenthalten, den sie entschieden für sich beanspruche. Aus Rücksicht für diese Dame, welche momentan unpaß ist, wird die Flucht um 24 Stunden verschoben. O, daß angesichts der dringendsten Gefahr die Menschen es niemals lernen, ihren kleinlichen Ehrgeiz, ihre niedrige Selbstliebe zu vergessen! Wem ich es verdanke, daß ich verdrängt worden bin und nach Varennes geschickt werde, weiß ich. Niemand anders, als dem Grafen Fersen, der auch unsere kundigen Leute abweist und selbst als Kutscher mit noch einem Hofcavalier auf dem Bocke sitzen wird. Sage mir nur, mein Vater, hast du noch die geringste Hoffnung zu diesem Fluchtversuche?«

»Meine Hoffnungen sind längst dahin, ich handle nur nach dem, was mir meine Liebe zum Könige eingiebt,« entgegnete der Marquis tonlos. »Lebe wohl, mein Sohn, in Varennes treffen wir uns, ich folge dir bald dorthin.«

Wenige Augenblicke, nachdem Horace das Zimmer verlassen hatte, trat der Diener ein, ein schwarz umrändertes Schreiben in der Hand.

Der alte Herr nahm es, und als er den Poststempel »Brüssel« erkannte, erbrach er es hastig.

»Auch das noch,« murmelten seine bleichen Lippen.

Sein umflorter Blick fiel auf den Diener, der harrend an der Thüre stand. »Meinen Wagen,« befahl er und wandte sich wieder dem Schreiben zu.

Immer von neuem las er die wenigen Worte und wiederholte sie halblaut lesend.

»Es ist mir eine traurige Pflicht, Ihnen, verehrter Marquis, die Anzeige machen zu müssen; daß gestern Abend 10 Uhr die Frau Marquise St. Herbert in meinem Hause nach kurzem Krankenlager an einem hier herrschenden typhösen Fieber verschieden ist. Die Gräfin St. Paul, welche ich benachrichtigte, ist bereits eingetroffen und wird die Leichenfeier ordnen, da die Zeit es nicht erlaubt, den Bestimmungen des Herren Marquis entgegen zu sehen.«

Das Blatt entsank den zitternden Händen, und ein paar schwere Thränen fielen darauf.

Als nach kurzer Zeit der Diener erschien, um den Wagen zu melden, hatte der Marquis sich wieder gefaßt. »Nach der Kirche Notre Dame,« befahl er und stieg in den Wagen. »Arme Melanie,« seufzte er, »der Tod verwischt jeden Schatten, der zwischen uns gestanden hat. Im Dome von Notre Dame, wo des Priesters Hand uns einte, dort will ich jetzt für deine Ruhe beten und für meinen teuren, mißleiteten König.«

*

Die Nacht vom 20. zum 21. Juni war gekommen. Obgleich die Tuilerien scharf bewacht wurden und Lafayette selbst mit seinen Dienern vor dem Schlosse stand, gelang es dennoch der königlichen Familie, unter dem Schutze der Dunkelheit sicher bis zu ihrem Wagen zu entkommen. Aber schon während der ersten Postmeilen erregte der kolossale Wagen Aufsehen, dazu kam, daß der König sein bekanntes Gesicht wiederholt am offenen Fenster zeigte, kurz, an manchen Orten hatte man ihn wahrscheinlich schon erkannt, doch ließ man ihn ruhig ziehen, denn außerhalb Paris war die Erbitterung noch nicht so gestiegen, die Achtung nicht so gesunken, daß man den Monarchen ohne besonderen Anlaß aufgehalten hätte.

Trotz dieser Unvorsichtigkeiten kam der König ungestört bis nach St. Menehould. Aber jetzt trat der Übelstand ein, den Horace vorausgesehen hatte; durch das Aufschieben der Flucht war die Aufstellung der Truppen völlig in Unordnung geraten, die militärischen Sicherheitsmaßregeln erwiesen sich als unzureichend und nur geeignet, Verdacht zu erregen.

Hier war es, wo der König lange halten ließ, aus dem Wagen stieg, mit mehreren Leuten auf der Straße sprach und dabei von dem Postmeister Drouet erkannt wurde. Dieser, ein wilder Jakobiner, wagte es, die Verhaftung des Königs auf eigene Gefahr hin einzuleiten.

Unterstützt von einem Freunde, eilte er voraus nach Varennes, wo er die Behörden herausklopfte und seine Gesinnungsgenossen in Bewegung setzte, dem Könige, wenn er ankäme, die Weiterreise unmöglich zu machen.

Von der Reitertruppe, welche in St. Menehould den König erwartet hatte, verweigerten im letzten Augenblicke die Gemeinen den Gehorsam, und nur die Offiziere begleiteten in gemessener Entfernung den Wagen.

Bei Nacht langte man in Varennes an. Marquis St. Herbert war schon tags zuvor da gewesen und hatte für Pferde zum Vorspann gesorgt. Sei es nun, daß die Nachricht, die Dronet gebracht, sich schon verbreitet hatte und man absichtlich zögerte die Pferde zu geben, oder mochte irgend ein anderer Grund die Schuld daran tragen, kurz, es entstand eine peinliche Verzögerung. Endlich war alles bereit! St. Herbert, der während der bangen Stunden des Wartens nicht von den Majestäten gewichen war, wollte den Wagen bis zur Stadt hinaus geleiten, um nötigenfalls durch ein verabredetes Zeichen Horace mit seinen Reitern herbei zu rufen.

Langsam rollte die schwerfällige Kutsche über das Steinpflaster und machte es dem Marquis möglich, in der Dunkelheit ungesehen zu folgen, indem er sich auf das leere Trittbrett schwang. Da, dicht vor der Brücke, welche über das kleine Flüßchen führte, an dem Horace Aufstellung genommen hatte, schien es dem Marquis, als hätten sich Menschen angesammelt.

Ein mattes Licht von Laternen fiel über den Weg, Windlichter flammten auf, Stimmen wurden laut, und im selben Augenblicke standen die Pferde, trotzdem die Peitsche in scharfen Hieben auf sie niedersauste. Die Tiere bäumten sich, aber sie vermochten sich nicht von den nervigen Fäusten zu befreien, welche sie zurück hielten. Der Marquis setzte eine kleine Pfeife an den Mund, und ein schriller, lang anhaltender Pfiff übertönte das Durcheinander der Stimmen. Wenige Minuten später klang eiliger Hufschlag über die Brücke. »Gott sei Dank, die Hülfe naht,« atmete der Marquis erleichtert auf und trat hart an den Schlag des Wagens, von der Seite, wo der König saß.

»Majestät,« flehte er, »ein Machtwort, ein königlicher Befehl, wenn man Sie zurückhalten will – und wir kommen durch.«

Er konnte nicht weiter reden, denn schon stand der Polizeichef von Varennes am Wagen und erklärte dem Monarchen, daß er ihn nicht durchlassen könne. Der König zauderte, bat freundlich seine Weiterreise nicht zu verhindern, anstatt ein gebietendes Wort zu sprechen.

Unterdessen hielt Horace an der Seite der Königin. »Keine Bitten,« flüsterte er ihr zu, »wir sind ein kleiner Trupp treuer Offiziere und Soldaten, »wir bringen die Majestäten sicher durch diesen Pöbel; Bouilles Reiter müssen jeden Augenblick zustoßen.«

Horace wartete keine Antwort ab; während Marie Antoinette leise Worte mit dem Könige wechselte, sprengte er vorwärts, hieb mit der stachen Klinge auf einen vierschrötigen Gesellen, der die Zügel der Pferde ergriffen hatte und rief mit weit schallender Stimme: »Platz da, wem sein Leben lieb ist!«

Zugleich trieb der verkleidete Kutscher mit gewaltigen Hieben die Pferde an, der Wagen setzte sich in Bewegung, und einen Moment schien es, als sollte die Flucht fortgesetzt werden. Da ballte sich von neuem der Menschenknäuel zusammen, und noch einmal griffen verwegene Fäuste in die Zügel.

Die Offiziere hatten bereits den Degen gezogen, sie standen im Begriff mit Gewalt den Durchgang zu erzwingen, als des Königs Gesicht im offenen Fenster erschien, und sie seine Stimme vernahmen. »Ruhe, kein Blutvergießen,« befahl er, dann wandte er sich an das Volk. »Ja, ich bin wirklich euer König und Vater,« sprach er bewegt, »unwürdig behandelt man meine Familie und mich in Paris, ich komme, um in meinen Provinzen Zuflucht zu suchen.«

Der junge Marquis hatte nur die ersten Worte des Königs verstehen können, denn der Geselle, dem er den Hieb versetzte, hob seine schwere Faust gegen ihn. Doch der wuchtige Hieb traf nur das Pferd, das hochaufbäumend mit den Hufen in der Luft arbeitete und den Kopf des Burschen verletzte, der stöhnend zurücktaumelte. Scheu wichen die Zunächststehenden seitwärts, als das wild gewordene Tier in großen Sätzen davon stob. Die Dunkelheit und das scheue Pferd entzogen Horace der Wut des Pöbels, welche sich eben gegen ihn zu entflammen drohte.

Nach kurzer Zeit kehrte der junge Marquis auf dem zitternden, schaumbedeckten Pferde zurück, er fand den Wagen bereits fortgefahren und die dort noch harrenden Offiziere sagten ihm, daß der König bei dem Maire der Stadt abgestiegen sei.

Gebeugten Sinnes ritt er mit den Kameraden in die kleine Ausspannung vor dem Thore, wo sie sich am Abend vorher getroffen hatten; dort stellten die Offiziere ihre Pferde ein und verharrten in düsterem Schweigen, hoffnungslos dem Morgen entgegen sehend.

Beim ersten Grauen des Tages erschien ein Adjutant Lafayettes mit dem Befehl der Nationalversammlung, den König und seine Familie nach Paris zurückzuführen.

Horace hatte dies erwartet, aber gehofft, daß Bouille zeitiger eintreffen würde. Dennoch waren in den bangen Stunden der Nacht seine Maßregeln getroffen. Er hatte lange mit François verhandelt und war dann zu seinem Vater geeilt, um diesen zu beschwören, sofort mit seinem Wagen nach Paris zurückzukehren, da die Kräfte des alten Herrn völlig erschöpft waren. Der Marquis hatte endlich eingewilligt und mit feuchten Augen dem Sohne zugerufen: »Gott schütze und behüte dich, mein tapferer Königskämpe!«

François, der sich gleich nach dem Gespräch mit seinem Herrn entfernt hatte, kehrte beim Anbruch des Tages mit einem großen Bündel zurück, das er sorgfältig unter dem Stroh des Stalles verbarg. Zugleich überbrachte er die Nachrichten von den Vorbereitungen, die man für die Rückreise des Königs traf, welche um acht Uhr stattfinden sollte.

Horace zog zwei der Offiziere in das Vertrauen, und bald verschwanden die drei mit François im Stalle. Der getreue Diener hatte einen Freund in Varennes, von dem er sich für Geld und gute Worte vier Bauernanzüge verschafft hatte, die er hier versteckt hielt.

Etwas später traten vier kräftige Bauerngestalten aus der Stallthür. Mit leicht gebräunten Gesichtern und Händen sahen sie aus, als ob sie eine heiße Sonne gekannt hätten. Die gefüllten Taschen ließen auf einen guten Mundvorrat schließen, wenn nicht etwa gewichtigere Sachen darin steckten, als die dunkle Brotkruste, die neugierig aus den Falten blickte.

Einzeln mischten sie sich unter das Volk, das bereits vor dem Hause des Maire zusammenströmte. In dem Augenblicke aber, als die königliche Familie in den Wagen stieg und die Menschenmasse sich lärmend anschickte, mitzuziehen, wußten sie es geschickt so einzurichten, daß je zwei und zwei von ihnen an der Seite des Wagens schritten, und jedesmal, wenn eine drohende Faust sich in der Nähe der Majestäten ballte, erhob sich zugleich ein fester Arm an ihrer Seite. Es sah aus, als sollte es nur eine Beistimmung sein zu den wilden Verwünschungen des Volkes, aber Marie Antoinette wollte es scheinen, als wären diese Arme mehr eine Schutzmauer, welche sie und die Ihren von dem Pöbelhaufen trennten, auch hatte sie von jenen Lippen nie einen anderen Ruf vernommen als den » Vive la France!«

Aufmerksamer blickte sie in die Gesichter, deren Züge, trotz der entstellenden Farbe, ihr bekannt schienen. Als die Dämmerung sich herabsenkte, beugte sich die Königin in einem unbewachten Moment seitwärts, und Horace hatte Zeit, ihr zuzuflüstern: »Getrost, Majestät, treue Herzen wachen rings für Euere Sicherheit.«

Vier Tage währte die Reise, denn umringt von dem Pöbelhaufen, ging es nur langsam vorwärts. Es war eine furchtbare Fahrt; aber die ruhige Haltung des Königs dabei, die Schönheit und mutige Fassung von Marie Antoinette in den gefahrvollsten Augenblicken, forderten selbst den Feinden des Königtums Bewunderung ab.

Am Abend des 25. langte der Zug in Paris an. Die Nationalversammlung hatte Sorge getragen, daß bei seiner Ankunft alle Ausschreitungen vermieden wurden, und Vorsichtsmaßregeln waren getroffen. An dem Wege, welchen der Wagen passieren mußte, bildeten Truppen und Nationalgarden eine dichte Hecke. Mit dumpfem Schweigen wurde die königliche Familie empfangen und in die Tuilerien geleitet.

Als am Morgen des 21. in der Nationalversammlung die Nachricht anlangte, der König sei entflohen, entstand ein heftiger Tumult, der sich jedoch allmählich beruhigte, indem jeder sich die Rolle zurecht legte, welche er in dieser fraglichen Sache anzunehmen gedachte. Man kam überein, von einer Flucht des Königs vollständig abzusehen und nur von einer Entführung des Monarchen zu sprechen, die Männer aber, welche ihn zu diesem Schritt verleitet hatten, für Verräter zu erklären.

Nachdem Drouet am 24. seinen Bericht erstattet hatte, nahm die Versammlung mehrere Artikel an, welche die Suspension des Königs aussprachen. Laut dieser Artikel mußte der Monarch wie seine Familie mit einer Wache umgeben werden, welche mit ihrem Leben für die Person der Majestäten haftete. Ferner sollten die Beschlüsse der Nationalversammlung vor der Hand nicht mehr der Sanktion des Königs bedürfen, und die Minister sollten fortfahren, die vollziehende Gewalt auszuüben. Den Anstiftern der Flucht aber drohte man mit strenger Strafe.

So standen die Dinge, als der unglückliche Monarch seinen traurigen Einzug in die Tuilerien hielt. Vor der bedeutungsvollen Flucht war es schwer geworden, die Monarchie zu retten, jetzt war es fast unmöglich, und das Herrscherpaar täuschte sich keineswegs, wenn es das Schloß nur mit trüben Ahnungen betrat.

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