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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 14
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.
Beschlüsse der Nationalversammlung. Das Verbrüderungsfest. Mirabeaus letzte Kraftanstrengungen und Tod.

Ein großer Teil des Adels machte Mirabeau verantwortlich für die furchtbaren Oktobertage, und obgleich völlig ungerechtfertigt, so beschuldigte doch der blinde Parteigeist jener Zeit ihn eines geheimen Einverständnisses mit dem Herzog von Orleans. Die Untersuchung, welche darüber angestellt wurde, endigte mit der völligen Freisprechung des Angeklagten.

Mirabeau, der schon in Versailles dem Könige dringend abgeraten hatte, nach Paris zurückzukehren, bestürmte Ludwig, sich nach Rouen, der Hauptstadt der Normandie, zu begeben, weil der Pöbel von Paris, einmal aufgewühlt, unberechenbar sei, um so mehr, da der Winter heran nahe und die Lebensmittel zu mangeln drohten.

Die Normandie war es, welche sich von vornherein für die neuen Staatsgrundsätze erklärt hatte und zugleich durch ihre Loyalität die feste Stütze der konstitutionellen Monarchie zu werden versprach.

Doch der Monarch war seit seiner Rückkehr aus Versailles ein völlig gebrochener Mann, der momentan nicht die Kraft besaß, sich zu entscheidenden Schritten fortreißen zu lassen, außerdem aber noch mit einem nicht zu besiegenden Mißtrauen auf Mirabeau sah und daher nicht gewillt war, dessen Pläne gut zu heißen.

Wenn auch diesmal seine Hoffnungen scheiterten, so gab Mirabeau doch den Kampf zur Rettung der sinkenden Monarchie nicht auf. Es war eine Danaiden-Arbeit; trotzdem er mit seiner ganzen Kraft für das Königtum eintrat, fühlte er, wie die morschen Stützen des Thrones immer mehr wankten, und unverhüllt zeigte sich seinem klaren Blick die dunkle Zukunft.

Empörende Ausschreitungen in Paris bestimmten Mirabeau, sich mit Lafayette in Verbindung zu setzen, um ein Aufruhrgesetz durchzubringen; zur Heilung der Finanzen hatte Talleyrand schon zu Anfang Oktober den Antrag gestellt, die reichen Güter der Kirche einzuziehen. Der Plan kam gegen Ende des Monats auf die Tagesordnung und ging durch.

Doch Mirabeau erkannte, daß alle diese Opfer nutzlos sein würden, wenn nicht an der Spitze des Staats eine wohl begründete Regierungsgewalt stände.

Anfang November stellte er daher den Antrag, daß man den Ministern eine beratende Stimme in der Versammlung gewähre, um ein Zusammenwirken derselben mit der Nationalvertretung zu ermöglichen. Ein Sturm bereitete sich nach diesem Vorschlage gegen Mirabeau vor, denn man meinte, er wolle Minister werden. Vielleicht lag ihm dieser Gedanke nicht fern, doch nicht aus kleinlichem Ehrgeiz verlangte er danach, sondern weil er sich befähigt fühlte, Frankreich wie der Monarchie in dieser Stellung große Dienste zu leisten.

Mirabeaus scharfer Blick durchschaute die Gedanken der Sprecher. In einer meisterhaften Ansprache setzte er ihnen auseinander, er habe sie völlig verstanden, und um das große Unrecht zu verhüten, das dadurch der ganzen Versammlung geschähe, beantrage er den Zusatz, daß die verlangte Ausschließung sich allein auf den Grafen Mirabeau beschränke.

Doch auch dies half nichts. Der Beschluß der Versammlung, daß aus ihrer Mitte niemand in das Ministerium treten dürfe, ging durch, und mit ihm war jede Möglichkeit einer parlamentarischen Monarchie verspielt.

Mirabeaus Anstrengungen in dieser Richtung hatten ihm das Herz vieler Royalisten zugewandt; auch der alte Marquis St. Herbert erkannte, daß die einzige Hoffnung des Königtums jetzt auf diesem Mann ruhte, er hatte daher sein Möglichstes gethan, um den König zu bestimmen, mehr Vertrauen zu Mirabeau zu fassen, allein vergeblich. Nur die Königin, deren Charakter sich immer fester und klarer entwickelte, fing an, auf Mirabeaus Vorschläge zu achten, und gestattete ihm auch verschiedene Unterredungen mit ihr. Aber auch ihrem Einfluß gelang es nicht, den Gatten zu einer günstigeren Beurteilung des Grafen und seiner Pläne zu bewegen, denn Ludwig hielt oft mit einem gewissen hartnäckigen Eigensinn an einer vorgefaßten Meinung fest.

So verging der Winter, und das Frühjahr brach an.

Horace hatte einen Brief von Mutter Ilse erhalten, in dem sie ihm mitteilte, daß Giovanna mit ihrem Vater nach Italien ginge; von der Hand des geliebten Mädchens stand am Rand geschrieben, »meine Gedanken und mein Gebet umgeben den edlen Königskämpen. Wenn ich von seinem Mut und seiner Treue höre, dann ist die Botschaft für mich wie ein gesegneter Stern, der mein stilles Leben erhellt.«

Horace hatte sorgsam die Worte heraus geschnitten und zu den Andenken gelegt, die er von der Geliebten besaß.

Der junge Offizier weilte jetzt längere Zeit bei Gilbert. Es war ihm eine wunderbare Stärkung und Erbauung zugleich, den begeisterten Worten seines Bruders zu lauschen, der seine Zuhörer fortriß, so daß es Horace wie Andachtsschauer durchrieselte, wenn er Gilberts klaren und kühnen Worten folgte. Der Traum seiner Kindheit ging in Erfüllung, die herrlichen Gaben seines Bruders hatten die Wolke des Kleinmuts und Zweifels durchbrochen, und Gilbert stand mit erhobenem Kreuze da, als ein fröhlicher, siegreicher Gottesstreiter. So grau der Himmel um ihn drohte, er schaute nicht um sich, er blickte nur auf das Kreuz und war bereit, sein alles dafür einzusetzen.

Die Nationalversammlung war soweit gegangen, einen Verfassungseid zu bilden, der im direkten Widerspruche zu den Eiden stand, welche die Geistlichen früher geleistet hatten, und immer mehr Geistliche gab es, die erklärten, sie könnten nie den Verfassungseid leisten. Erst im nächsten Jahre sollten alle diese Bestimmungen praktisch eingeführt werden, daher kümmerte man sich momentan nicht um die Bewegungen unter dem Klerus. Erst wenn der Zeitpunkt der Einführung gekommen war, wollte man mit der nötigen Strenge durchgreifen und gedachte dann alle Geistliche, welche den Eid nicht leisteten, abzusetzen und ihr Vermögen einzuziehen.

Während die Nationalversammlung sich mit dem wichtigen Verfassungswerke beschäftigte, hatten Männer wie Marat, Danton, Santerre Zeit, einen unberechenbaren Einfluß auf das Volk zu gewinnen. Vorzüglich war es Marat, der durch sein Blatt die Gemüter in frevelhafter Weise aushetzte und durch diese tägliche Kost von krassen Verleumdungen und lügenhaften Beschuldigungen die Rachsucht des Volkes auf das höchste steigerte. Dadurch wurden die Horden von 1793 groß gezogen, in dieser Schule bildeten sich die Mordgesellen der Guillotinenzeit aus.

Zugleich nahm das Klubwesen in Frankreich einen gefährlichen Charakter an. Ein Pariser Verein fing an, seine Sitzungen mit dem ganzen Apparat der äußeren parlamentarischen Form zu halten, und war der Mittelpunkt eines Netzes von Zweigvereinen, die sich über ganz Frankreich ausbreiteten. Zuerst hätte man ihn ein Gegenparlament nennen können, endlich aber eine Gegenregierung.

Dieser Verein, der zuerst seine Sitzungen in der leer stehenden Kirche der Jakobiner hielt, war der berüchtigte Jakobinerklub, aus dessen Mitte sich später der furchtbare Klub der Cordeliers bildete.

Im Frühjahr hatten in den Provinzen hier und da Vereinigungsfeste zwischen den Truppen und der Bürgerwehr stattgefunden. Die Sache fand Anklang, man kam auf den Gedanken ein großes Fest der Verbrüderung aller Stände und Interessen auszuschreiben und bestimmte dazu den 14. Juli, den Jahrestag der Erstürmung der Bastille.

Wochenlang vorher hatten eine Unzahl von Tagelöhnern an dem gewaltigen Rundtheather gearbeitet, und als man fürchtete, trotzdem nicht fertig zu werden, erließ man eine Aufforderung zu freiwilliger Hülfeleistung. Ganz Paris geriet dabei in Bewegung, alle Stände beteiligten sich, bis dadurch die Verwirrung bei den Arbeiten so groß wurde, daß die Stadtbehörde sich genötigt sah, für die Hülfe zu danken, und zugleich erklärte, die Arbeit jetzt mit den Tagelöhnern allein ausrichten zu können.

Als der Morgen des 14. anbrach, lächelte der Himmel nicht dem Treiben der Menschen, grau und schwer hingen die Wolken herab, und ein unaufhörlicher Regen strömte hernieder. Dennoch zog schon früh eine bunte Menge singend und jubelnd nach dem Marsfelde, wo das große Fest gefeiert werden sollte.

Der Riesenbau war glücklich vollendet und jetzt überfluteten die Menschenmassen die mit Rasen überdeckten Sitzbänke, welche sich stufenweise um den weiten Raum erhoben, der für die Abgeordneten der Nationalgarde und für die Deputierten des Herres bestimmt war.

In einer der ersten Reihen saß Guiseppe St. Pierre. Seine Züge, die jetzt oft müde und abgespannt erschienen, waren heute wunderbar belebt, und die dunklen Augen flammten in einem reinen Feuer.

Er sah das Ideal seiner Träume erfüllt. Heute schwor der Rebell – wie ihn Giovanna genannt – mit dem Royalisten, heute wurde die Einigkeit besiegelt, so weit der Schall der Glocken in dem gesegneten Frankreich reichte. Das war die Stunde, für die er gekämpft und geblutet, für die er alles geopfert hatte, Heimat und Vaterherz, alles, alles!

Er preßte die Stirn gegen die hohe Fahnenstange, die mit Blumen umwunden neben ihm stand, und schaute nach der goldenen Inschrift hinauf, welche das weiße Fahnentuch trug. » Egalité – fraternité – liberté« – Gleichheit – Brüderlichkeit – Freiheit – stand leuchtend darauf geschrieben. Ja, jetzt waren diese teuren Güter errungen, jetzt galt es nur, sie zu wahren. In dem neuen freien Frankreich wollte er der Treuen Treuester sein, der wahre Patriot, der, verkannt von den Seinen, ihnen endlich dennoch zeigen könnte, wie seine Hoffnungen und Träume sich glänzend erfüllten.

So stürmten die heißen Gedanken durch des Jünglings Hirn, bis endlich gegen Mittag der große Zug auf der Schiffbrücke, die man zu diesem Zwecke über die Seine geschlagen hatte, erschien und seinen Einzug durch den mächtigen Triumphbogen hielt. Es dauerte Stunden, ehe alle sich aufgestellt hatten. Zuletzt erschien der König mit seiner Familie und einer kleinen Schar seiner Getreuen auf einer bedeckten Erhöhung, die dem Triumphbogen gegenüber errichtet war. Das feierliche Hochamt, vom Bischof Talleyrand verrichtet, begann, und tiefes Schweigen herrschte unter den Tausenden, deren Blicke andächtig an dem Bischof hingen.

Wenige Schritte hinter dem Könige stand der alte Marquis St. Herbert, seine Hände ruhten gefaltet auf dem Knauf seines Degens, und die grauen Augen schauten gedankenvoll herab auf den herrlich geschmückten Altar des Vaterlandes, der sich in der Mitte des weiten Raumes erhob, und auf die Priester, welche in ihren weißen Meßgewändern an den Stufen des Altares standen. Sein Herz betete dabei zu dem König aller Könige, daß er diese Stunde segnen und das Band, welches in diesem Augenblicke Fürst und Volk umschlang, zu einem unzerreißbaren machen möge.

Blut und Thränen waren geflossen, bis man sich an diesem Tage vereinte; sollte dies nun wirklich ein bleibendes Versöhnungsfest werden? Sollte Frankreich es gelernt haben, wie man nur in der Einigkeit stark wird, und wie nur ein Staat gedeihen kann, in dem König und Nation Hand in Hand gehen?

Der Wind, der sich erhoben hatte, entfaltete das große Reichsbanner, das die Oriflamme trug, und rauschte in den Fahnen, welche die 83 neuen Departements geschickt hatten. Flüsternd zog es wie ein Gruß des gesamten Frankreichs durch die wallenden Fahnentücher, als die Priester segnend die Hände darauf legten.

Jetzt wurde der Wind stärker, lauter wogten und knisterten die Fahnen, die langen rothseidenen Bänder, mit denen sie geschmückt waren, flogen hin und her und spritzten rot gefärbte Regentropfen um sich, die wie bedeutungsvolle Blutstropfen auf den weißen Meßgewändern der Priester lagen.

Der alte Marquis bemerkte es, und ein Frösteln ging dabei durch seine Glieder. Er konnte die Augen nicht davon wenden, und erst der Jubel des Volkes schreckte ihn auf. Er sah wie Lafayette, der für diesen Tag zum Oberbefehlshaber aller Nationalgarden des Reichs ernannt war, auf den Schultern zweier Grenadiere zum Altar des Vaterlandes getragen wurde, die Stufen hinauf schritt und mit der Spitze des Degens den Altar berührend, den vorgeschriebenen Eid leistete. »Ich schwöre der Nation, dem Gesetz und dem Könige treu zu sein und die Verfassung zu schützen.«

»Wir schwören es,« hallte es aus dem Munde der tausend und abertausend Abgeordneten, die Frankreich vom Kanal bis zu den Pyrenäen hergesandt hatte.

»Wir schwören es,« brauste es von den Sitzen der Zuschauer, als auch der Präsident der Nationalversammlung und die Deputierten den Eid geleistet hatten. Die Kanonen donnerten dazwischen, die Trommeln wirbelten, und die Musik fiel mit einem jubelnden Tusch ein.

Es war ein herzbewegender Moment, als das ganze vereinigte Frankreich unter Glockenklang und Kanonendonner den Eid der Treue auf dem Altar des Vaterlandes leistete. Tief bewegt hatte auch der Marquis den Schwur leise mitgesprochen, nur voran hatte er noch seinen Wahlspruch geschickt » fidelè au roi« (Treu meinem Könige).

In dem ergreifenden Augenblicke, als zuletzt auch das Königspaar den Schwur wiederholte und die begeisterte Menge in ein stürmisches » vive le roi,« (»Hoch lebe der König,«) ausbrach, dämmerte selbst in dem Herzen des Marquis die Hoffnung einer glücklichen Zukunft auf.

Es war ein großes Werk, das man heute hier betrieb. Würde davon der goldene Kern einer einigen Treue und versöhnenden Bruderliebe bleiben, oder nur alle die Schlacken, die sich darum gehäuft hatten? Eine Brüderlichkeit, die in Außendingen gesucht wurde, indem man, wie beschlossen war, alle Titel, Wappen und Orden verbot? Das war die große Frage, die nur die Zukunft enthüllen konnte.

»Herr Gott, dich loben wir,« scholl es jetzt von unten heraus. Die Musik hatte das Tedeum angestimmt und stehend, entblößten Hauptes, lauschte die andächtige Menschenmenge, während sämtliche Glocken von Paris ihre ernsten Klänge hineinmischten.

Die Feier war vorüber, und nachdem die Majestäten fortgefahren waren, eilte auch der Marquis an seinen Wagen. Horace erwartete ihn schon dort; als er sich an der Seite seines Vaters niedergelassen hatte, fragte er ihn hastig: »Was sagst du zu dem Feste?«

»Es war eine erschütternde Stunde,« antwortete der alte Herr, »sie kann für ganz Frankreich von unberechenbarem Segen werden, aber sie kann auch ein furchtbares Gericht herauf beschwören. Heute hat die ganze Nation einen feierlichen Eid geleistet, wenn sie diesen Schwur gewissenlos bricht, so wird ganz Frankreich meineidig, und solch ein Frevel kann sich nur blutig rächen.«

Horace seufzte tief, und schweigend fuhren die beiden Männer durch die bunte Menge, die in trunkener Freude jubelte.

*

Mit überwallendem Herzen kehrte Giuseppe in seine Wohnung zur Witwe Bertier zurück. Doch der junge fanatische Schwärmer sollte sich bitter täuschen und stutzig werden auf der Bahn, die er bisher so sicher beschritten hatte. Marat wie Desmoulin hatten mit argwöhnischen Blicken dies Versöhnungsfest betrachtet, ihr Ziel war nicht eine Vereinigung des Volkes mit der Majestät, sondern eine absolute Herrschaft desselben. Daher sprachen diese beiden in der demokratischen Presse auch jetzt unverhohlen ihren Abscheu über das Fest aus und donnerten gegen den Götzendienst, der mit dem Monarchen und mit Lafayette getrieben werde.

Der Mann, welcher allen diesen Bewegungen am unabhängigsten gegenüber stand, blieb immer Mirabeau. Er teilte auch diesmal weder die Befürchtungen der einen, noch die Hoffnungen der anderen, nach wie vor sah er die Dinge trübe an und glaubte an keinen glücklichen Ausgang mehr.

Seine persönliche Lage war immer schwerer geworden, denn seine zerrütteten Vermögensverhältnisse fingen an trostlos zu werden und dadurch, daß der König ihn wiederholt mit Geldsummen unterstützte, wurde seine Stellung dem Monarchen wie der Versammlung gegenüber unhaltbar.

Man meinte bei Hofe: der Mann wird für seine Ratschläge bezahlt, folglich ist er für Geld zu haben. Nur Marie Antoinette, welche in dieser Zeit viele Unterredungen mit ihm hatte, erkannte ihn und schützte ihn besser; sie wußte, daß er in den mancherlei Schriften, die er damals erließ, nie gegen seine Überzeugung gesprochen hatte und nicht der Mann war, der um schnöden Geldes willen redete oder handelte – Mirabeau selbst war von unbegrenzter Hochachtung für die Königin erfüllt und versuchte oft mit übermenschlicher Anstrengung für die hohe Frau zu wirken.

»Die Königin besitzt eine Heldenseele,« schrieb er an seinen Freund La Mark, »hätte sich diese kluge und kühne Fürstin früher Rechenschaft gegeben von den Gefahren, die sie umringen, es wäre nie so weit gekommen.«

Im Volke und in der Versammlung grollte man über Mirabeaus Beziehungen zum Hofe und über seine Verehrung der Königin. In einer Sitzung des Hauses ertönte der Ruf – »Mirabeau hat sich an den Hof verkauft,« und ein Pamphlet wurde herumgereicht unter dem Titel »der Hochverrat des Grafen Mirabeau.« Als seine Freunde es ihm zeigten, zuckte er die Achseln und erhob sich, um als Erwiderung eine seiner glänzendsten Reden zu halten.

»Es ist eine traurige Verblendung,« sprach er, »Männer auf einander zu hetzen, die ein und dasselbe Ziel befreunden und zusammenhalten sollte. Vor kurzem wollte man mich im Triumphe durch die Straße tragen und jetzt ruft man in Paris – ›der große Verrat des Grafen Mirabeau.‹

Ich bedurfte dieser Lektion nicht, um zu wissen, wie wenige Schritte vom Kapitol bis zum tarpejischen Felsen sind, aber ein Mann, der für das Vaterland streitet, giebt sich nicht leicht überwunden. Wer das Bewußtsein in sich trägt, daß er sich für das Vaterland wohl verdient gemacht hat und ihm noch immer nützliche Dienste leistet, wer sich an keiner eitelen Berühmtheit weidet und die Erfolge eines Tages verschmäht um echten Ruhmes willen, wer die Wahrheit sagen, für das Gemeinwohl arbeiten will, gleichviel wie das schwankende Urteil der Menge fällt, – der trägt den Lohn seiner Mühen und den Preis seiner Gefahren in sich selbst, der darf die einzige Ernte, die ihn reizt, – die Zukunft seines Namens – nur von der Zeit, der nie bestochenen Richterin, erwarten.«

Kühn und stolz hatte Mirabeau in der Versammlung gesprochen, er hatte den Männern, die ihn verleumdeten, nicht gezeigt, daß ihre Stiche ihm eine schmerzliche Wunde beigebracht haben, aber zu La Mark äußerte er in düsterer Schwermut: »Es ist eine Prometheusqual, die ich zu tragen habe! Welchen Schaden thut die Unsterblichkeit meiner Jugendsünden dem öffentlichen Wohle! Dieser finstere Schatten verdunkelt mein ganzes Leben und macht die Welt geneigt, das Schlechteste von mir zu denken. Meine unseligen Schulden haben diesen neuen Sturm auf mich herabgeschworen, und meine Anstrengungen werden nutzlos sein, denn das Chaos nimmt kein Ende. Immer tiefer wird alles in den Schlund der Anarchie herabgezogen, ich aber bin verdammt zur Unthätigkeit, und das zehrt an meinem Lebensmark.«

Mirabeau hatte recht mit diesen Worten, denn seine Gesundheit war untergraben. Die vergeblichen Kämpfe, die furchtbaren Anstrengungen der letzten Zeit, wo er die vollen Tage in der Versammlung verbrachte, während er die Nächte entweder mit seinen Freunden schwelgte oder am Arbeitstische saß, das war auch für seinen Riesenkörper zu viel, und es traten wiederholt Anfälle einer Unterleibskrankheit auf. Trotzdem schonte er sich nicht, bis sein Zustand im April 1791 unheilbar wurde.

Er wußte, daß es zu Ende ging; mit furchtbaren Schmerzen wechselten lichte Momente, in denen sich sein Geist nur mit der traurigen Lage Frankreichs beschäftigte. »Ich nehme das Trauergewand der Monarchie mit mir,« sprach er, »in die Fetzen werden sich die Empörer teilen.«

So starb Mirabeau, dieser Mann voll glänzender Gaben, aber auch voll verderblicher Eigenschaften.

In stolzem Selbstgefühl und in dem Bewußtsein, daß eine Welt auf ihn schaue, endigte er, wie er gelebt. Mit trübem Lächeln winkte er seinem Freunde zu, der ihn aufzurichten versuchte. »Ja, stütze nur dies Haupt, ich wollte, ich könnte es dir vermachen, es geschähe Frankreich vielleicht noch ein Dienst damit.«

Der Eindruck, den das Scheiden dieses Mannes hervorbrachte, läßt sich nicht schildern. Im Lande war der Klang seines Namens noch von zauberischer Gewalt, dort wie in der Versammlung wirkte die Nachricht einem Donnerschlage gleich. Über seinem Grabe verständigten sich noch einmal die streitenden Parteien und wetteiferten darin, ihm das glänzendste Leichenbegängnis zu veranstalten, das Frankreich je gesehen hatte. Man schuf ein Pantheon und Mirabeau weihte es ein; nie wurde mit größeren Ehren einem Genius gehuldigt als ihm.

Die Demokraten verbargen kaum ihre Befriedigung über seinen Tod, der für sie ein ungeheuerer Erfolg war, doch schlossen sie sich äußerlich der Trauer an. Die Royalisten dagegen, wenigstens diejenigen, welche sich nicht mit trügerischen Ideen täuschten, sahen mit ihm ihre letzte Hoffnung sterben.

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