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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 11
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehntes Kapitel.
Im Königsschlosse zu Versailles.

Am Morgen des folgenden Tages, – es war am 3. Oktober – sammelte sich in Paris auf dem Grève-Platz das Volk zu Hunderten und Tausenden. Erhitzt durch Camille Desmoulins gestrige Rede, aufgestachelt durch die Presse, welche behauptete, daß man in Versailles schwelge, drang der Schrei nach Brot immer ungestümer durch die Menge.

Ein anderer Haufe kam gleichzeitig vom Palais Royal. In einer der ersten Reihen mit dunkel glühenden Augen und eingefallenen Wangen schritt Guiseppe St. Pierre. Der Taumel der Leidenschaften, die ihn ergriffen und immer weiter gerissen hatte, schien aus seinem beweglichen Herzen jede Weichheit verdrängt zu haben. »Es ist die Aristokratie, die uns hungern läßt,« murmelte der düstere Fanatiker, »während sie die Schätze vergeudet und unter ihre Füße tritt, schreit das geknechtete Volk nach Brot! Fluch den Reichen!«

Halblaut nur waren die Worte gesprochen, aber die Anklage wälzte sich dumpf von Lippe zu Lippe, bis es wie ein gewaltiger Schrei aus der Masse drang. »Die Aristokraten sind schuld daran, daß wir darben! Nieder mit den Reichen!«

Immer mächtiger wuchs der Sturm; die Pikenmänner schlossen sich dem Haufen an, man stürmte Bäckerläden, zertrümmerte Fenster und Thüren und richtete allen möglichen Unfug an, aber noch hatte diese tobende Volksmenge kein bestimmtes Ziel im Auge.

Lafayette mit seiner Nationalgarde war zeitig bei der Hand und bewahrte so die Hauptstadt wenigstens vor den schlimmsten Excessen. Am Morgen schon hatte er einen Boten zu den Ministern geschickt, der ihnen sagen sollte, es drohe ein Anmarsch auf Versailles, man möge die Regierung sowie die Versammlung nach Paris verlegen. War dieses Wort vielleicht unter das Volk gedrungen, oder war »Versailles« als Stichwort des Tages von irgend einem Tollkopf genannt, genug, das Ziel war gesteckt, und um Mittag wälzte sich, lawinenartig wachsend, ein Strom von Tausenden dorthin.

Voran zogen die Weiber mit Spießen, Äxten und Säbeln bewaffnet, geführt von Maillard, einem der verworfensten Geschöpfe von Paris, dann folgte die Gesellschaft vom Palais Royal, die Proletarier der Vorstädte und zuletzt die Nationalgarde unter Lafayette.

Dieser hatte sich lange geweigert, sich mit der Nationalgarde dem Zuge anzuschließen, und willigte erst ein, als der Gemeinderat ihm den Befehl zukommen ließ, die Wünsche der Hauptstadt in Versailles vorzutragen.

Maillard mit den Weibern, welche die Spitze des Zuges bildeten, war lange vor Lafayette in Versailles. Den ersten Stoß hatte die Nationalversammlung auszuhalten, die sich grade mit dem Entwürfe beschäftigte, in welchem sie dem Könige die unbedingte Genehmigung der Menschenrechte abtrotzen wollte. Schon waren die Tribünen überflutet, als die Massen in den Beratungssaal selbst eindrangen. Mirabeaus Donnerstimme konnte nur eine notdürftige Ruhe herstellen; man entschloß sich, eine Abordnung an den König zu schicken, welche die Wünsche des Volkes vortragen sollte. Zwölf der Weiber unter Maillard wurden abgesandt. Des Königs wohlwollende Güte, sein geduldiges Anhören ihrer Klagen über den Brotmangel, und endlich seine freundlichen Versprechungen Hülfe zu leisten, rührten diese beweglichen Menschen, so daß sie in den begeisterten Ruf » vive le roi« ausbrachen, als sie abzogen.

Der Haufe zerstreute sich, und als am Abend Lafayette anlangte, herrschte in Versailles schon teilweise Ruhe. Er wünschte jede Spur des Tumults zu entfernen und war unermüdlich thätig, um die letzten Ruhestörer aus der National-Versammlung zu vertreiben, das Schloß frei zu machen und die Majestäten zu schützen.

Hierbei kann Lafayette kein Vorwurf treffen, wohl aber kann man ihn mit Recht tadeln, daß er, erfüllt von einer unbesonnenen Zuversicht, dem Könige bald nach Mitternacht die Versicherung gab, daß alles ruhig sei und ihn überredete die Erlaubnis zu erteilen, daß das Regiment französischer Garde, welches er aus Paris mitgebracht hatte, während der Nacht die Schloßwache mit der Garde du Corps teile. Kein treuloser Nebengedanke leitete Lafayette bei dieser Bitte, nur eine verhängnisvolle Vertrauensseligkeit, welche wenige Stunden später die schlimmsten Folgen nach sich ziehen sollte.

Der Bürgergeneral legte sich zum Schlafe nieder, nachdem er vorher die treue Garde du Corps zur Hälfte von ihren Posten hatte ablösen lassen und dem Garde-Regiment die Besetzung der äußeren Eingänge des Schloßhofes zuerteilt hatte.

Dumpf heulte der Sturm um das alte Schloß und rüttelte an den Fensterflügeln und Wetterfahnen des mächtigen Baues. Ein feiner, durchdringender Regen fiel ohne Aufhören und ließ die wachthabenden Soldaten draußen möglichsten Schutz hinter der Mauer suchen.

In seinen Mantel gehüllt, schritt Horace durch die weiten Korridore des Schlosses hinaus in die Nacht. Er traute dem Regimente, das den äußeren Wachtdienst hatte, zu wenig, um nicht ernste Besorgnis zu hegen. Die mürrischen Gesichter, denen er hier begegnete, vermehrten seine Befürchtungen, er sah wie die Soldaten nur widerwillig ihren Dienst versahen und ihm kaum die allernötigsten militärischen Ehrenbezeugungen erwiesen. Schweigend machte er die Ronde und begab sich dann in den inneren Schloßhof, wo er um ein loderndes Wachtfeuer verschiedene Garde du Corps gelagert fand.

Bei seinem Herannahen erhoben sie sich und traten ihm entgegen. Die Offiziere reichten einander ernst die Hand, obgleich abgelöst, hatte doch keiner von ihnen den Schloßhof verlassen.

»Eine finstere Nacht, so düster wie die Zeit, die wetterschwer heraufzieht,« sprach der junge Marquis, »ich fürchte, man hat eine Thorheit begangen, indem man die Ausgänge von einem Regimente besetzen ließ, das schon einmal seine Treulosigkeit zeigte. Es soll ein Versöhnungsakt des Königs sein, der dem Regimente zum Zeichen seiner Vergebung den wichtigsten Posten anvertraut, doch das kann furchtbar verhängnisvoll werden.«

»Wenn alle untreu werden, hat der König nicht noch seine Garde du Corps?« rief Miromandre de St. Marie, einer der jüngsten in des Königs Elite-Truppe.

»Jeder einzelne von uns ist bereit, sein Blut und Leben für den König zu geben,« erwiderte Horace bewegt. »Aber werden wir stark genug sein, um die Rotte, die gestern gegen Versailles zog, zurück zu halten, wenn sie heute Nacht an diesen Mauern tobt, deren Ausgänge wir nicht besetzt halten?«

Die Augen des jungen Miromandre leuchteten. »Mit unseren Leibern werden wir die Eingänge zum Palaste decken, wir tragen nicht umsonst den Namen der Garde du Corps,« rief er begeistert.

St. Herbert legte dem stürmischen Jüngling die Hand auf die Schulter. »Ihr habt das rechte Wort getroffen,« gab er warm zurück, »die Leibwache des Königs wird bis zum letzten Augenblick kämpfen, und ihre Leichen werden einen Wall bilden, um die geheiligten Personen des Herrscherpaares noch im Tode zu schützen. Jetzt gilt es, offene Augen zu haben, damit die Stunde der Gefahr einen jeden auf seinem Posten findet.«

»Das soll sie, bei Gott, das soll sie,« schwor der junge Offizier leidenschaftlich. »Wenn ich falle, dann jubelt mit mit mir, daß es mir vergönnt ward, den Heldentod für meinen hohen König, für meine schöne Königin zu sterben!«

Die feurigen Worte bewegten wunderbar das Herz des Marquis. Ja, sie waren vielleicht alle in dieser Nacht dem Tode geweiht, aber, wenn er fiele, wer sollte dann seiner Giovanna den letzten Gruß bringen?

Trübe Gedanken stiegen in seiner Seele auf, er wechselte nur noch wenige Worte mit den Offizieren, dann eilte er auf sein Zimmer, wo er François fand, der ihn erwartete.

»Alte treue Seele,« redete der Marquis ihn an, »deinen Händen will ich die Briefe anvertrauen, die du an Gilbert und Giovanna bringen wirst, wenn diese Nacht meine letzte sein sollte.«

François' Gesicht wurde aschfarben. »Ihr – ihr – solltet sterben – diese Nacht,« stotterte er, »und was soll dann aus unserer Braut werden!

»Still, François,« gebot Horace. »Falle ich, so sterbe ich in königstreuer Pflicht, das wird meinem heldenstarken Mädchen ein Trost sein in ihrem tiefen Schmerz. Sage ihr, ich hätte den Schwur der Treue gehalten, bis dies heiße Herz den letzten Schlag gethan.« Dann ließ er sich zum schreiben nieder.

Die Feder flog über das Papier, tiefe Stille herrschte, nur der Regen schlug klatschend gegen die Fenster, und von draußen her tönte der einförmige Schritt der Wachen.

Endlich war er fertig und reichte François die Briefe. »Für dich ist gesorgt, mein braver Freund,« sprach er freundlich, »deine Treue kann ich nicht belohnen, aber laß meinen innigen Dank das letzte sein, was ich dir gesagt habe.«

François war keines Wortes fähig, stumm hing er seinem geliebten Herrn den Mantel um und sank dann wie gebrochen auf einen Stuhl, als Horace das Zimmer verließ, um noch einmal im Schlosse die Runde zu machen.

Auf den äußeren Posten fand er freilich mancherlei Unordnung, aber es herrschte doch überall Ruhe, und im fernen Osten dämmerte ein matter Schein, der den kommenden Morgen verkündete. Aus dem Zimmer des alten Marquis strahlte dem Sohne ein einsames Licht entgegen. Er fand den alten Herrn völlig angekleidet am Kamin sitzen mit einem Buche in der Hand.

»Das ist recht, daß du dich noch nicht zur Ruhe begeben hast, mein Sohn,« begrüßte er den Eintretenden. »Bange Ahnungen quälen mich, ich ersehne den Morgen nach dieser stürmischen Nacht.«

»Es dämmert bereits im Osten,« tröstete Horace, indem er sich neben dem Vater niederließ. »Gebe Gott, daß wir am Tage den König bestimmen können, sich jetzt allezeit von sicheren Regimentern umgeben zu lassen.«

Der alte Marquis schüttelte traurig das Haupt. »Es ist alles umsonst,« seufzte er wehmütig. »Bevor Lafayette kam, war ich beim Könige und habe ihn auf meinen Knieen beschworen, unter dem Schutze der sicheren Garde du Corps mit seiner Familie das Schloß zu verlassen, doch er blieb unbewegt. Grade jetzt, meinte er, sei er seinem verirrten Volke am nötigsten; auch die Königin erklärte, bei ihrem Gemahl bleiben zu wollen. O mein König,« stöhnte der gebeugte Mann, »diese würdevolle Hoheit im Unglück verdiente ein besseres Schicksal, als es dir dein Volk bereiten wird!«

Tief bekümmert verharrten beide Männer lange in ernstem Schweigen. Endlich wandte Horace sich wieder an den Vater. »In dieser Nacht kam auch mir der Gedanke, daß wir vielleicht in wenigen Stunden unsere Treue für den König mit dem Tode besiegeln würden, und daß es daher an der Zeit sei, seine irdischen Angelegenheiten zu ordnen. Ich habe François mehrere Briefe anvertraut; wenn ich falle, so bitte ich dich, mein Vater, laß dir von dem ehrlichen Burschen das an dich gerichtete Schreiben geben und betrachte mit gütigen Augen meine letzte Bitte darin als ein heiliges Vermächtnis.«

Der Blick des Marquis richtete sich forschend auf den Sohn, schon öffnete er die Lippen zur Frage, da drang es wie Stimmengewirr herauf. Die Männer fuhren erschrocken auf und lauschten. Ja, es war keine Täuschung, im Schloßhofe wurde es lebendig. Säbel rasselten, Rufe klangen, und aus der Ferne erschollen undeutliche Stimmen, gleich dumpfem Meeresbrausen. Horace drückte den Helm auf und griff zum Schwert. »Ich eile nach unten,« rief er, »geht ihr zum Könige. Gott schütze uns!«

Mit hastigen Schritten durchflog er die langen Korridore, da das Zimmer des Marquis am äußersten Ende des östlichen Flügels lag. Als er den Schloßhof erreichte, fand er die größte Verwirrung, denn das treulose Garde-Regiment hatte dem Pöbel die Thore geöffnet, und tobend, mit Gewehren,. Piken und Äxten bewaffnet, flutete der Haufe herein. Schon drang die Menge bis auf die Stufen der breiten Schloßtreppe; vergebens warfen sich die Garde du Corps dem Volke entgegen, sie wurden niedergemetzelt und über sie hinweg, stürmte der Pöbel in das Innere hinein.

Mit schnellem Blick übersah Horace die ganze Gefahr. »Zu spät,« stöhnte er, und zog sich durch eine kleine Seitenpforte in das Schloß zurück, um in fliegender Hast nach dem Zimmer der Königin zu eilen.

Wilde Pikenmänner füllten die Korridore, Flüche wurden ihm nachgeschleudert, Äxte erhoben sich gegen ihn, aber mit entblößtem Schwerte sich Bahn brechend, drang er durch bis in das Vorzimmer der Königin, das er bereits erbrochen fand.

Zerlumpte Gesellen donnerten hier mit ihren Äxten an die Thür, welche in die inneren Gemächer führte. Aber davor, mit kühn erhobenem Haupte und flammenden Augen, stand Miromandre. Von Blut überströmt, den Rücken durch die Thür gedeckt, verteidigte er mit geschwungenem Schwerte seinen Posten.

»Ich komme, Miromandre,« rief Horace, der sah, wie die Kräfte des verwundeten Jünglings zu erlahmen drohten. »Haltet aus,« und mit der Stärke der Verzweiflung arbeitete sich der Marquis durch zu dem heldenmütigen jungen Offizier.

In dem Augenblick aber, als er ihn erreichte, führte einer der wilden Burschen einen so gewaltigen Streich mit dem Kolben seines Gewehres auf Miromandres Haupt, daß dieser lautlos zusammenbrach.

Horace umfaßte den sinkenden Kameraden mit dem linken Arm, während er mit der Rechten das Schwert gegen die Andringenden schwang. So deckte er mit dem sterbenden Miromandre die Thür. Wenn es auch nur ein Kampf um Minuten war, denn länger, das sah Horace voraus, vermochte er die Wütenden nicht zurückzuhalten, diese kurze Frist konnte doch von der größten Wichtigkeit sein.

»Die Königin ist entflohen,« stieß Miromandre mit letzter Anstrengung hervor. »Ich durfte sie retten, die hohe Frau«, hauchte er mühsam – »ich sterbe glücklich – wie ich gelobt – ihr treuer Garde du Corps« – ...

Ein Zucken ging durch seinen Körper, ein leiser Seufzer – dann schlug das königstreue Herz nicht mehr.

Horace sah den verklärten Ausdruck, den der Tod dem schönen Antlitz aufdrückte und ließ sanft den Entschlafenen niedergleiten. Zugleich stürzte hinter ihm mit einem donnernden Krach die Thüre ein. Ein schneller Blick rückwärts überzeugte ihn, daß die Königin wirklich entflohen war. Da blitzte vor seinen Augen eine erhobene Pike. Er sah den Mann, der die Mordwaffe über seinem Haupte schwang, und wie gelähmt ließ er die Hand mit dem Schwerte sinken, während er entsetzt einen Schritt zurückprallte. »Guiseppe, ihr Bruder,« murmelte er erbleichend.

Der Mann mit den brennenden Augen und dem wirren Haar blickte höhnisch auf den Marquis. »Hier ist es anders als auf Schloß Boncourt,« lachte er wild, »hier werden keine Schäferidyllen gefeiert, hier sind wir die Herren!«

Sprachlos starrte Horace ihn an. Beim schnellen Zurückweichen hatte die Pike den jungen Offizier an der Schulter verletzt, so daß ein heller Blutstrahl aus der Wunde schoß. Er hatte nicht acht darauf, er sah nicht, wie jetzt ein wüster Bursche auf ihn zustürzte und wütend schrie: »Nieder mit dem Garde du Corps, es ist derselbe Hund, der uns an der Thür aufhielt.«

Ein Kolbenschlag des wilden Gesellen streckte den blutenden Offizier zu Boden. Über ihn fort strömte die Menge in die folgenden Zimmer, und bald erschienen die Räume, die eben diese furchtbaren Scenen erlebt hatten, wieder schweigend wie zuvor.

Miromandres stille Leiche lag ausgestreckt auf der Thürschwelle. Neben St. Herbert aber kniete zitternd mit verstörten Zügen der getreue François.

*

Beim Ausbruch des Tumults waren Boten mit der Unglücksnachricht zu Lafayette geeilt. Er erschien sofort an der Spitze der Nationalgarde, ließ die Zugänge zu den königlichen Gemächern, wohin auch Marie Antoinette sich geflüchtet hatte, besetzen und jagte den Pöbel aus dem Schlosse.

Drunten im Hofe verlangte das Volk ungestüm die Einwilligung des Königs, mit ihm nach Paris zu gehen. Ludwig schickte unterdessen zur Nationalversammlung, um mit dieser den nächsten Schritt zu beraten. Es entstand ein unglückliches Zögern, das der schlaue Talleyrand benutzte, um im Verein mit den Ministern Ludwig zu bestürmen, dem Wunsche des Volkes nachzugeben.

Endlich willigte der König ein. Es war die höchste Zeit, daß ein Entschluß gefaßt wurde, denn das unbändige Volk versuchte im Schloßhofe einen neuen Angriff auf die Garde du Corps, deren Rest sich dort zusammen geschart hatte und die als echte Leibwächter gesonnen waren, mit ihren Leibern die Eingänge zum Schloß zu verteidigen.

Schon begann ein schauerliches Morden, als der König auf dem Balkon erschien. »Schonung für meine Getreuen,« bat er und neigte das milde Antlitz weit über die Brüstung.

Man hielt inne. » Vive le roi,« brüllte der Haufe, der vor einer Stunde das Schloß gestürmt hatte. »Wo ist die Königin?« tönte es.

Marie Antoinette erschien an der Seite des Königs. Ruhig, voll stiller Majestät stand sie da, keine Wimper zuckte, als ein frecher Geselle es wagte, das Gewehr auf sie anzulegen.

Jetzt beugte sich der König noch einmal nieder. »Meine Kinder,« sprach er bewegt, »ihr verlangt von mir, nach Paris zu gehen, wohlan! ich will eurem Rufe folgen, aber ich ersuche euch um Schutz für meine Garde du Corps! Pardon für meine Leibwache!«

Diese Erniedrigung des Königs vor dem Pöbel war mehr als das stolze Herz des verwundeten Offiziers, der sich dort unten auf seinen Burschen stützte, ertragen konnte. Er hörte den unterdrückten Schrei der Wut, den die Kameraden ausstießen, das Klirren ihrer Schwerter, die sie hastig in die Scheide warfen, und auch aus seiner Brust rang sich ein dumpfes Stöhnen.

Das heiße Blut stieg ihm in den Kopf, er fühlte nicht mehr das Brennen seiner Wunde, nur im Herzen empfand er einen stechenden Schmerz. Matt hob er den erlöschenden Blick zum Balkon. Dort stand Marie Antoinette, die stolze Kaisertochter, ruhig und unerschrocken, aber mit dem Ausdruck tiefsten Seelenschmerzes in den marmorbleichen Zügen. Da, über die Brüstung gelehnt, sah er seinen König mit den wohlwollenden blauen Augen, die so tieftraurig blickten auf sein armes, mißleitetes Volk. Horace war es zu Mute, als sollte ihm das Herz zerspringen. Sein Kopf schwirrte ihm, und dunkle Schatten tanzten vor seinen Augen. Fester faßte er mit der gesunden Hand sein Schwert, seine Lippen erbleichten. Fidèle au roi,« murmelte er und sank ohnmächtig zusammen.

Mit Hülfe der Kameraden gelang es dem bekümmerten François, seinen Herrn in das Schloß zu bringen. Eine wohlthätige Ohnmacht hielt noch Horaces Sinne umfangen, als kurze Zeit darauf der Marquis an sein Bett trat.

Die Züge des alten Herrn waren verstört, und die Hand, welche er auf des Sohnes Haupt legte, zitterte merklich. »Gott erhalte dich mir, mein teures Kind,« flüsterte er, »du hast Treue gehalten bis zuletzt. Auch von deinem Vater soll man nicht sagen, daß er den König in seiner schwersten Stunde verließ.«

Er küßte die bleiche Stirn des Verwundeten. »Sage meinem Sohne,« wandte er sich an François, »daß es dem Vater nicht vergönnt ist, an dem Krankenbette des Sohnes zu bleiben. Der König zieht nach Paris, umringt von diesem mordgierigen Pöbel; da darf keiner seiner Getreuen zurück bleiben, so lange er noch das Schwert führen kann.«

*

Eine Stunde später trat der König die schwere Fahrt an, deren Schauer sich nicht beschreiben lassen. Wüstes Geschrei, freche Reden umgaben den Wagen, in dem die königliche Familie saß. Voran schritt gesenkten Hauptes, in düsterer Resignation, der Rest der Garde du Corps, die auf Befehl des Königs ihre ritterlichen Degen und Wehrgehänge mit den Waffen der Nationalgarde vertauschen mußten, zum Zeichen der Versöhnung. Einige Schritte seitwärts von dem Wagen ritt ein kleines Häuflein Royalisten, welche bereit waren, im Fall eines Angriffs ihr Leben für den König einzusetzen.

Marquis St. Herbert war unter ihnen. Als er sein Pferd bestiegen und es an den königlichen Wagen gedrängt hatte, reichte ihm einer der Pikenmänner eine schmutzige dreifarbige Kokarde. Mit Abscheu wandte er sich ab. »Anstecken, anstecken,« brüllte der Haufen.

Der Marquis rührte sich nicht, seine Augen glitten über das zusammengeschmolzene Regiment der Garde du Corps, die stumm mit verbissenem Schmerz die Erniedrigung hingenommen hatten, dann blickte er auf den König. Traurig und bittend sah er die milden Augen seines Monarchen auf sich gerichtet. Der alte Edelmann seufzte tief, drehte sich rasch um und nahm die Kokarde.

»Auch dies Opfer,« murmelte er, »alles, alles für meinen König, mein Herzblut wie meinen edelmännischen Stolz.«

Die bebende Hand des Marquis befestigte die Kokarde nur leicht, so daß der erste Windzug sie abriß und unter die Hufe der Pferde warf. Die Menge achtete jetzt nicht darauf, doch der alte Royalist hatte es wohl gesehen und nur darauf gewartet. Stolzer richtete er sich wieder auf, und kühner blickte sein klares Auge über die Menge, als das verhaßte Abzeichen von den Füßen seines Rappen zertreten wurde.

Immer unheimlicher ward die Bewegung im Volk, und immer dichter drängte sich das Häuflein der Royalisten an den Wagen, um ihrem Könige den traurigen Anblick zu verdecken, der ihn rings umgab.

So ging der Zug von Versailles nach Paris. Dem Herrscherpaare und seinem Gefolge wurden die Tuilerien angewiesen, doch fand sich dort nichts zum Empfange des Hofes in Bereitschaft. St. Herbert blieb im Schlosse und betrat sein Hotel erst in den nächsten Tagen.

Von nun an hatte der unglückliche König keinen Willen mehr, er lebte als ein Gefangener der Pariser Volksführer in den Tuilerien. Auch die Nationalversammlung gab gezwungen nach, und verlegte vierzehn Tage später ihren Sitz nach Paris.

Als Anstifter der traurigen Revolte des 5. und 6. Oktober nennt man allgemein den Herzog von Orleans. Er hatte gehofft, daß die Erstürmung des Versailler Schlosses zu Excessen gegen den König selbst führen würde.

Jetzt lag die Macht in Frankreich nicht mehr in den Händen des Königs, nicht in den Händen der Nationalversammlung, sondern allein im Volk, das durch seine Rädelsführer immer weiter getrieben wurde, und immer geflissentlicher jede auch nur scheinbare Autorität des Königs in den Staub zog.

*

Um die Mitte des Oktobers schien eine freundliche Herbstsonne in die hohen Fenster des Versailler Schlosses, und auf den ernsten Mann, der in schlichter Priesterkleidung lesend am Rande des Bettes saß, das in der Tiefe des Zimmers stand.

Jetzt schlug der Kranke die Augen auf. »Du warst immer bei mir, Gilbert,« lächelten die bleichen Lippen, »auch während der wilden Fieberphantasien sah ich dein liebes Gesicht, das brachte mir Frieden. Ich muß mit dir sprechen, es brennt mir auf der Seele.«

»Nicht jetzt!« bat Gilbert, »du bedarfst der Schonung.«

»Nein, nein,« beharrte Horace mit dem Eigensinn des Kranken, »es duldet keinen Aufschub.«

Sanft nahm der Bruder die Hand des Erregten. »So sprich dich aus, damit du Ruhe hast,« gab er nach, »aber laß es so kurz wie möglich sein.«

Horace nickte. »Giovanna hat keine Nachricht seit den Unglückstagen. Ich möchte, daß sie von deinen Lippen alles hört, damit du sie zugleich beruhigen kannst.

Mein Herz wird erst dann gesunden, wenn ich durch dich von der Geliebten gehört habe. O, Gilbert,« fuhr er ängstlich fort und richtete sich auf, »du glaubst nicht, was ich gelitten habe! In jener furchtbaren Nacht sah ich ihre Augen, ihre dunklen Augen – sie waren drohend, flammend auf mich gerichtet und lähmten meinen Arm. Es treibt mich zum Wahnsinn, immer diese schönen finsteren Augen zu sehen im Wachen wie im Schlaf, und ich martere mein Hirn, um zu wissen, was Wirklichkeit war, was Fieberphantasie.

Von jenem Augenblick, wo Miromandre fiel, bis zu der Stunde, wo ich hier erwachte, ist alles ein wüstes Chaos in meinem Kopfe. Aber Gilbert,« – und dabei zog er den Bruder dicht zu sich – »ich meine, einer der wilden Burschen vor dem Zimmer der Königin hatte ihre Augen – war ihr Bruder!« ...

Ein Schauer schüttelte Horaces Glieder, er sank erschöpft in die Kissen. Gilbert beugte sich über ihn. »Es war sicher nichts als ein Schreckbild deiner erregten Phantasie,« besänftigte er ihn, »wenn es dich aber beruhigt, will ich morgen schon nach Boncourt reisen.«

»Wie gut du bist,« lächelte Horace, »ich könnte dich beneiden, daß du meine Waldfee sehen wirst. Glücklicher Mensch!« Er schwieg lange. Beschäftigt mit Giovannas Bilde, nahmen seine eben noch so verstörten Züge wieder einen friedlichen Ausdruck an.

»Mein Sonnenkind grüßt mich,« flüsterte er und zeigte auf die Sonnenstrahlen, die am Fußboden spielten, dann verlor er sich in traumhaftes Sinnen.

»Wo ist die Mutter?« forschte Horace jetzt plötzlich. Der Bruder zögerte. Ein jähes Rot zog über das Antlitz des Kranken, als er hastig begann: »Sage mir, war es Wahrheit oder Traum. Ich meinte, der Vater wäre hier gewesen und hätte mit dir in jener Fensternische gestanden. Ihr flüstertet mit einander, ich hörte nur das Wart – »die Mutter hat Paris verlassen« – und dann nichts mehr. Belüge mich nicht, was ist es mit der Mutter?«

»Sie ist in das Ausland gegangen,« erwiderte Gilbert.

»Sie konnte meinen Vater verlassen in der Stunde der Not, um sich in Sicherheit zu bringen?« klagte Horace.

Gilbert, besorgt die traurige Erschütterung könnte zu viel für den Bruder werden, suchte seinen Gedanken wieder liebe Bilder zuzuführen.

»Hast du mir noch eine besondere Botschaft für Giovanna mitzugeben?« fragte er liebevoll.

»Sage ihr,« bat Horace, »daß sie mein alles ist und bleiben wird bis in den Tod. Du wirst St. Pierre wie seiner Tochter ein freundlicher Berater sein.«

»Verlaß dich darauf,« versicherte der Bruder, »sollten sich Unruhen dort zeigen, so wird es das Beste sein, wenn Giovanna sich in den Schutz eines Klosters begiebt, wohin ich sie geleiten werde.«

»Das geht nicht,« unterbrach ihn Horace, »sie ist Protestantin.«

Das Wort traf Gilbert wie ein Donnerschlag. »Protestantin,« wiederholte er, sich mühsam bekämpfend.

Horace war zu schwach, um auf den erregten Ton zu achten und an Gilberts fanatischen Katholizismus zu denken. »Das ist sie, und willst du wissen, was sie noch ist? Sie ist mein Engel, mein guter Geist,« lächelte er und lehnte sich zurück.

Der junge Priester schaute ihn wehmütig an. »Eine Protestantin,« seufzte er leise, »kein treues Kind unserer Kirche. Wie soll das enden?«

Am nächsten Tage machte sich Gilbert auf den Weg, und sah erwartungsvoll seiner Ankunft in Schloß Boncourt entgegen, wo er dies wunderbare Mädchen kennen lernen sollte, die – er konnte es nicht leugnen – seines Bruders guter Geist geworden war.

War diese Tochter St. Pierres wirklich eine solche Perle, und sollte es nicht möglich sein, sie für die katholische Kirche zu gewinnen, da ihr Herz so innig an dem Bruder hing?

Das war ein Versuch, der auf jeden Fall gemacht werden mußte. Horace konnte es ihm nur danken, wenn er half, die Hindernisse zu bewältigen, die ihrer Verbindung in den Weg traten.

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