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Adda von Liliencron: Giovanna - Kapitel 10
Quellenangabe
authorAdda Freifrau von Liliencron
titleGiovanna
publisherSchriftenvertriebsanstalt Berlin
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170203
projectid5023ed9c
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Neuntes Kapitel.
Das Gastmahl der Garde du Corps und die Emigranten.

Als während der Julitage die Empörung hell aufloderte, zündete dieser verderbliche Funken auch in den Provinzen. Die Bauern zerstörten die verlassenen Schlösser ihrer Gutsherren, brannten Klöster nieder und zogen plündernd und mordend durch das Land.

Horace, an sein Regiment in Versailles gefesselt, sah mit namenloser Spannung den Berichten von Schloß Boncourt entgegen. Sein brieflicher Verkehr mit der Geliebten hatte bisher keine Störung erlitten, ihre Briefe, die unter einer anderen Adresse ankamen, holte François selbst ab und wußte dabei geschickt der Spionage von Jean auszuweichen. Zur Beruhigung des jungen Offiziers trafen bald befriedigende Nachrichten von Boncourt ein. Das stille Waldschloß war in seiner Einsamkeit unberührt geblieben, keine ruchlosen Banden hatten sich dorthin verirrt.

Die Luft in Paris wurde immer schwüler und drückender.

In der Nationalversammlung hatte Lafayette den Antrag gestellt, das Verfassungswerk mit einer Erklärung der allgemeinen Menschenrechte zu eröffnen. Lafayette, der durch den Nordamerikanischen Krieg populär geworden war, stand jetzt an der Spitze der Nationalgarde, und daher hatte seine Stimme ein bedeutendes Gewicht. Vergebens forderte Mirabeau diese Frage bis zum Schluß zu vertagen, da es notwendiger sei, zuerst eine praktische Neuordnung der Dinge festzustellen. Es folgte Debatte auf Debatte, während draußen der Bauernkrieg in entsetzlicher Weise fortwütete.

Endlich einigte man sich, und Lafayettes Lieblingsidee ging durch. Schon am Abend desselben Tages – des 4. August – war es, daß die Herzöge von Noailles und Aiguillon die Versammlung aufforderten, die Feudalrechte abzulösen, die Leibeigenschaft aufzuheben, und eine Steuergleichheit einzuführen. So ging der Adel voran im Verzicht auf seine Rechte, von denen er freilich zugleich die Überzeugung hatte, daß sie nicht mehr zu halten seien.

Ein nicht zu beschreibender Enthusiasmus erhob sich, Antrag auf Antrag, Rede auf Rede folgte. Unter dem Clerus war es der Bischof von Nancy, der zuerst seine Feudalrechte aufgab, alles drängte sich, es ihm nachzuthun, und Adel sowohl wie Clerus überboten sich in Opferwilligkeit. Stürmischer Jubel und Beifall unterbrach oft die Versammlung; was während 15 Jahre unermeßlichen Hader verursacht hatte, das nahm die Aufregung einer einzigen Nacht hinweg.

Trotz dieser bereitwilligen Hingabe der Privilegien und trotz Neckers Rückkehr, den das Volk jubelnd begrüßte, besserte sich die Stimmung in Paris und Versailles nicht. Nur eines kleinen Anstoßes bedurfte es, und der Sturm brach los. An diesen geringfügigen Veranlassungen konnte es nicht fehlen, so geschah es denn auch, daß eine leichte Unbesonnenheit des Hofes die Veranlassung zu den traurigen Oktobertagen bildete.

Das Regiment Flandern war nach Versailles gezogen worden und wurde von dem Regiment der Garde du Corps mit einem Gastmahl begrüßt. Der große Opernsaal war dazu geräumt und festlich geschmückt.

Bei den rauschenden Tönen der Regimentsmusik feierten die Offiziere das Mahl. Die Stimmung war lebhaft angeregt, und manches Wort fiel, das gerade nicht für die Ohren der Nationalversammlung geschaffen war, das aber im Kreise der Offiziere harmlos blieb.

Von ihrem Hofstaat überredet, erschien unerwartet die Königin bei dem Feste. Auch der König, der eben von einer Jagd heimkehrte, wurde gebeten, durch sein Erscheinen dem Feste die rechte Weihe zu geben.

Als Ludwig in den Saal trat und die Regimentsmusik das Lied anstimmte » Oh Richard, oh mon roi« – erreichte die stürmische Begeisterung ihren Höhepunkt. Enthusiastische Rufe tönten dem Könige entgegen, glühende Schwüre der Treue wurden ihm gebracht, und die Offiziere der Regimenter begrüßten ihn mit gezogenen Degen.

Berauscht von den Klängen des alten Königsliedes und von dem Erscheinen des Herrscherpaares, dachte keiner daran, wie das Volk, wie die Nationalversammlung diese Ovation aufnehmen würde. Jeder ließ sich nur Hinreißen von dem Moment, der wohl geeignet war, junge, heiße Herzen zu entflammen.

Der König schien mehr überrascht als erfreut durch diese lauten Huldigungen. Marie Antoinette aber, strahlend in Jugend und Schönheit, wandte sich mit dem ihr eigenen Liebreiz an die Offiziere. Ihre leutseligen Worte und freundlichen Blicke bezauberten die Herzen, so daß nicht endenwollende Jubelrufe durch den weiten Raum hallten.

Auf seinen Degen gestützt, stand Horace, und schaute flammenden Auges auf die Königin, die eben in huldvollster Weise mit ihm gesprochen. Er hatte es ganz übersehen, daß im Kreise ihrer Damen heute auch Viktorine war, die er seit seiner Rückkehr nicht gesprochen, da sie zuerst nicht in Paris war und später durch Krankheit an das Haus gefesselt blieb.

In der bewegten Zeit hatte der junge Marquis nicht viel nach ihr gefragt, er wußte nur, daß es ihr längst besser ging, und sie schon wieder Besuche empfing, aber seitdem hatte er noch nicht Zeit gefunden, sie aufzusuchen.

Da fühlte er eine leise Berührung, und sich schnell umwendend, sah er Viktorine neben sich stehen. Sie war heute schöner als je, denn die Krankheit hatte eine durchsichtige Blässe auf ihren Zügen zurückgelassen und die blauen Veilchenaugen schauten weicher und sinniger als sonst. Sie hatte eine weiße Atlasschleife von ihrem Kleide gelöst und reichte sie Horace. »Das Versöhnungszeichen,« lächelte sie, »wir wollen uns vereinen in der weißen Farbe des Königtums.«

»Sie haben recht Cousine,« gab er ernst zurück und befestigte dabei die Schleife über der dreifarbigen Kokarde, »um die weiße Fahne sollen sich jetzt alle Getreuen vereinen. Wir wollen zum Königspaare stehen in Not und Tod.«

Viktorine blickte zu ihm auf: so heldenhaft groß und schön, so männlich stark war ihr Horace noch nie erschienen. »Wir trennten uns im Unfrieden, wollen wir jetzt Frieden schließen?« fragte sie sanft und reichte ihm errötend die Hand. Der junge Cavalier drückte ehrfurchtsvoll seine Lippen darauf.

»Von Herzen gern,« antwortete er schnell. »Es ist jetzt keine Zeit zu übermütigen Tändeleien. Bald kann ein ernster Ritterdienst von uns verlangt werden, und vielleicht ist die Stunde nicht weit, wo auch die edlen Frauen unserer Zeit zeigen dürfen, daß sie an Heldenmut, und Größe den Männern nicht nachstehen in dem Augenblick, wo es gilt fest zu bleiben um einen wankenden Thron und auszuharren bei einem geschmähten Königspaare.«

Die Augen des schönen Mädchens wurden feucht; ein dunkles Gefühl sagte ihr, daß dieses Herz, welches ihr heute so begehrenswert schien, für sie verloren sei. Die stolzen Lippen zuckten, als sie sich zur Erwiderung öffneten, aber Graf Dubarry, der unbemerkt an sie herangetreten war, schnitt ihr das Wort ab. »Blickt um Euch, schöne Gräfin, ein jeder Offizier hat sich anstelle der Kokarde mit einer weißen Schleife geschmückt, welche eine Dame ihm reichte. Sollen wir anderen Cavaliere, welche dem Königspaare hierher folgten, allein leer ausgehen?« fragte er und ließ einen sehnsüchtigen Blick auf das weiße Band an Viktorines Schulter fallen.

Sie lächelte, löste die Schleife und befestigte sie selbst an seinem Hut.

Entzückt küßte der Graf die zarten Hände. »Die weiße Schleife soll mich nicht mehr verlassen,« flüsterte er ihr erregt zu, »ich will sie tragen als die Farbe der Dame, die allezeit meines Lebens Stern sein wird.«

Über Viktorines rosige Lippen glitt ein leiser Seufzer. »Warum hatte Horace nicht so gesprochen,« dachte sie und wollte sich ihm wieder zuwenden, aber sie sah, daß er schon einige Schritte von ihr entfernt im eifrigen Gespräche mit mehreren Offizieren stand.

Graf Dubarry bot ihr den Arm, den sie hastig annahm; von seinen halblauten beredten Worten aber hörte sie nur die Hälfte, und es war mit einem matten, zerstreuten Lächeln, daß sie ihre Antworten gab.

Jenes Gastmahl sollte aber verhängnisvolle Folgen haben.

Die revolutionäre Presse hatte nur darauf gewartet, eine Tonart anzuschlagen, die ihr schon lange geläufig war. »Während man in Paris hungert, feiert man in Versailles Orgien, man hat die dreifarbige Kokarde beschimpft, herabgerissen und mit Füßen getreten,« erzählte man, und entflammte dadurch Paris zur Wut. –

Es war drei Tage nach dem Feste der Garde du Corps, als eine Reisekalesche vor einer Seitenpforte des Versailler Schlosses hielt.

In Reisekleider gehüllt, schritt Viktorine an Horaces Seite im Park auf und ab. Ihre Züge waren erregt, sie hatte mit Wärme gesprochen, und der junge Marquis blickte forschend in ihr erglühendes Gesicht.

»Bedenkt Euch wohl vor dem entscheidenden Schritt,« mahnte er, »folgt nicht einer plötzlichen, mädchenhaften Ängstlichkeit, oder einer vorübergehenden Laune.«

Viktorine wandte ihr Gesicht von ihm und schaute träumerisch in den gelben Abendhimmel. »Ihr seht in mir immer nur das leichtlebige Geschöpf des vergangenen Winters,« seufzte sie, »und bedenkt nicht, daß so ernste Zeiten und ein stilles Krankenzimmer an keinem Herzen unberührt vorüber ziehen. Ich habe meinen Entschluß in den letzten Tagen und Nächten reiflich erwogen, ich hoffe unserem Königspaare auch in der Ferne zu nützen und besser vielleicht als hier. In jedem Menschenherzen giebt es geheimnisvolle Tiefen, aus denen eine bestimmende Macht hervorgeht, die in unser Leben eingreift und uns zu Entschlüssen treibt, die andere nicht begreifen. In dem bunten Menschengewimmel mögen viele umher gehen, welche schweigend ein Geheimnis im Herzen tragen, von dem die Welt nichts ahnt.«

Der sanfte Ton, in dem das schöne Mädchen sprach, bewegte das Herz ihres Gefährten.

»Ja wohl,« gab er sinnend zurück, »ein seliges Geheimnis trägt manch einer im Herzen, das macht ihn stark und froh in bedrängter Zeit.«

Viktorine wandte sich rasch um, sie sah den leuchtenden Ausdruck in Horaces Zügen und seufzte. Ein schmerzliches Zittern ging durch ihre Glieder, der Schleier sank von ihren Augen, sie wußte, daß es Wahrheit war, was sie geahnt hatte. Der Mann an ihrer Seite barg ein solch beglückendes Geheimnis in seiner Brust.

»Ihr habt mir mehr gesagt, als Ihr wolltet,« sprach sie leise. »Seid in der Abschiedsstunde offen zu mir.«

»Ja, das will ich,« rief Horace ungestüm; nur erfüllt von dem Bilde der fernen Geliebten, sah er nicht, wie bleich Viktorine geworden war. »Ich trage eine Liebe im Herzen, die mich beseligt und stählt, die mich zum Mann gereift und mir den Weg zum Himmel gewiesen hat. Durch sie habe ich erst begriffen, was es heißt: » Fidèle à Dieu, au roi, à mon amour!«

Viktorine bewahrte heldenmütig ihre Fassung.

»Gott wolle Euch bald sonnige Tage geben und Euch mit der Erwählten Eures Herzens vereinen,« sagte sie mit abgewandtem Gesicht.

»Möchte auch meine gefeierte Cousine bald eine solche Liebe kennen lernen,« versetzte ihr Begleiter voller Wärme. »Graf Dubarry reist heute ab mit langem Urlaub für das Ausland. Darf er vielleicht hoffen?«

Ein heißes Erröten breitete sich über die Züge der jungen Dame, aber sie antwortete nicht.

Stumm gingen sie neben einander, nur der Kies knirschte unter ihren Füßen.

»Und ihr meint wirklich,« brach Horace das Schweigen, »unserem königlichen Paare besser zu dienen, wenn ihr als Emigrantin an fremden Höfen für unsere gefährdete Sache wirkt, als wenn ihr aushaltet bei der Königin, um die bitteren Stunden mit ihr zu teilen!«

»Ich kann nicht hier aushalten,« unterbrach ihn Viktorine leidenschaftlich. Das Zucken des Mundes, sowie die feuchten Augen des Mädchens belehrten Horace, daß es hier einen dunklen Punkt gab, nach dem er nicht weiter forschen durfte.

»Reicht mir Eure Hand,« bat er jetzt sanft. »Wir wollen ein Bündnis schließen und mit einander für unser bedrängtes Herrscherpaar wirken. Ihr arbeitet dort, ich hier, ein jeder nach besten Kräften.«

»Ich gelobe es Euch und will es halten,« antwortete Viktorine mit fester Stimme und legte in seine ausgestreckte Rechte ihre kalte kleine Hand, die er voll Innigkeit küßte.

Aus dem umwölkten Himmel fielen jetzt schwere Regentropfen nieder. Viktorine wandte sich ihrem harrenden Wagen zu.

»Lebet wohl, Gott gebe Euch Glück und Freude,« wandte sie sich an Horace, der sie hingeleitete, »unseres Bundes werde ich gedenken.«

Die Pferde zogen an. – Zwei umflorte blaue Augen schauten noch lange hinaus auf die elastische Gestalt des jungen Mannes, die sich scharf vom Abendhimmel abhob. Erst als der Wagen um die Ecke bog, warf sich Viktorine in die Kissen zurück und brach in leidenschaftliches Weinen aus.

Ein schneller Hufschlag, und die Stimme des Grafen Dubarry schreckte sie auf. Hastig fuhr sie mit dem Tuche über die Augen und öffnete das Fenster.

Der junge Cavalier ritt grüßend an den Schlag. Nicht ohne Rührung schaute er in das blasse Gesicht, das noch deutlich die Spuren vergossener Thränen zeigte. »Der Abschied von der alten Heimat ist schwer,« sprach er bewegt, »ich selbst habe das eben schmerzlich empfunden; doch die Sonne, die meinem Leben Licht und Glanz verleiht, wird mir auch in der Fremde strahlen.«

Er hielt einen Augenblick inne, sehnsüchtig auf ein freundliches Wort des geliebten Mädchens wartend, als aber ihre Lippen fest geschlossen blieben, fuhr er mit einem leisen Seufzer fort: »Ich hoffe, daß Sie meine Begleitung auf der Reise annehmen werden. Ihre Gräfin Mutter will ich sofort in Paris aufsuchen und sicher aus der Stadt nach Gonesse geleiten. Dorthin habe ich auch Ihren Kutscher gewiesen, denn Sie selbst dürfen Paris heute nicht berühren. Camille Desmoulin, der Redner der Julitage, entflammt dort von neuem das Volk und wird es zu wahnwitzigen Excessen treiben.«

»Möchte Euch der Ritterdienst, den Ihr an uns übt, keine Unannehmlichkeiten bringen,« warf Viktorine ein.

»Ihr wißt,« erwiderte der Graf lebhaft, »daß es für mich nur ein Glück giebt, solange ich an Eurer Seite bleiben darf. Wenn wir in der neuen Heimat angelangt und Ihr mit meinem Ritterdienst zufrieden gewesen seid, wollt Ihr dann meinen Wünschen ein freundliches Gehör schenken?«

»Wenn wir das Ausland erreicht haben, dann wartet unserer viel Arbeit,« unterbrach ihn Viktorine. »Wir müssen dort um Herzen und Arme werben, die bereit sind, für das weiße Lilienbanner einzutreten.«

»Trage ich nicht allezeit die weiße Schleife bei mir, die mich an Euch und an die heilige Sache mahnt?« rief der ungeduldige junge Reiter vorwurfsvoll. »Doch die Arbeit würde mir leichter erscheinen, wenn wir vereint schaffen und ringen dürften. Sprecht ein Wort,« drängte er ungestüm, »darf ich hoffen?«

Ein wehmütiger Zug spielte um die feinen Lippen, die sich zu einem zögernden »Vielleicht« öffneten.

Er zog die zarte Hand, welche nachlässig auf dem Schlage ruhte, glühend an seine Lippen.

Viktorine entzog sie ihm nicht, sondern erwiderte freundlich seinen Abschiedsgruß und schaute gedankenvoll dem davonsprengenden Reiter nach.

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