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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 9
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Das Zimmer des Barons.

Frau Helena Petrowna Blavatsky war ein vielseitiges Genie, die bedeutendste Persönlichkeit, die ich kennen gelernt habe. Ihre Anhänger gedenken ihrer als des großen okkultistischen Lehrers, dem sie vielen Dank schulden. Aber für uns, die wir den Vorzug genossen, sie im Leben zu kennen, ist sie weit mehr als das; ihre Persönlichkeit stand uns in verschiedener Beziehung seelisch nahe: so war sie z. B. eine wunderbare Pianistin, wenn es auch sehr selten gelang, dieses Talent an ihr zu beobachten; man mußte froh sein, einmal den richtigen Moment zu erhaschen. Obwohl sie alles Konventionelle haßte und diesem in oft übertriebener Weise auswich (wenigstens uns erschien es damals so, wenn sie diesen Dingen aus dem Wege ging), so habe ich doch niemals jemand kennen gelernt, der die Rolle eines hohen Aristokraten besser hätte spielen können als sie. Sie besaß in jeder Richtung eine außergewöhnliche, glänzende Unterhaltungsgabe; aber mehr als alles andere bevorzugte sie den Okkultismus. Jede ihrer Schilderungen war witzig und dramatisch, am besten aber verstand sie es, Gespenstergeschichten zu erzählen.

Ich werde niemals die Abende vergessen, wo wir an Deck des »Navarino« ihren Erzählungen lauschten, als ich 1884 mit ihr von Ägypten nach Indien reiste. Unter der männlichen Reisegesellschaft waren die Missionäre recht stark vertreten. Einige dieser Herren erfreuten sich einer so groben Unwissenheit und dabei so aggressiven Art, die man vielleicht jetzt weniger häufig findet als damals. Diese Streiter der Kirche besuchten uns häufig, was für uns äußerst amüsant war, da Frau Blavatsky die christliche Lehre und die christliche Religion um vieles besser kannte als ihre selbstbewußten Vertreter. Auch der widerspenstigste Missionär mußte ihrem Zauber unterliegen, wenn sie des Abends nach dem Diner sich auf Deck begab und Geistergeschichten erzählte. Sie verstand es, ihre Zuhörer zu bannen, sie spielte mit ihrer Psyche wie auf einem Instrument, daß sie ein wonniger Schauer überlief und ihnen die Haare zu Berge standen. Oft habe ich bemerkt, wie nachdenklich sie sich nach einer solchen Geschichte zu Paaren zusammentaten, um dann nicht allein zu sein.

So hörten wir von Frau Blavatsky die »Echohöhle«, das »Verwunschne Leben« und andere Geschichten. Sie sind in ihren »Nightmare Tales« Deutsch als »Höllenträume« erschienen, Leipzig 1908. zu finden. Ich erinnere mich indessen noch an eine bemerkenswerte Geschichte, welche in dieser Sammlung nicht enthalten ist. Könnte ich hoffen sie so wiederzugeben, wie sie Frau Blavatsky erzählt hat, so würden Sie gewiß von ähnlichen Gefühlen heimgesucht werden, wie wir damals sie empfunden haben; aber das wird mir freilich kaum gelingen. Ich erzählte meinerseits, so gut es ging, die Geschichte einer Freundin, die als Schriftstellerin bekannt ist. Sie versuchte ihr Bestes, machte Abänderungen, um mehr Effektvolles und Dramatisches hineinzulegen und gab der Geschichte einen mehr romantischen Anstrich. Trotz alledem konnte sie nicht den magischen Zauberton anschlagen, der Frau Blavatsky eigen war. Ich glaube nicht, daß ich es auch nur so gut wie jene Novellistin zustande bringen werde; aber so weit ich mich zurückerinnern kann, will ich mich an die Worte der Erzählerin selbst halten.

Zwei junge Leute, nennen wir sie Charles und Henri, machten eine Flußtour durch einen der malerischsten Teile von Frankreich. Eines Tages, als die Dämmerung schon hereinbrach, erreichten sie ein liebliches, kleines Städtchen, das in einem einsamen kleinen Tal lag. Um den kleinen Fluß gruppierten sich Gasthöfe, Gehöfte und niedrige Wohnhäuser eng zusammen, während die Villen der Wohlhabenden auf den sanft ansteigenden Hügeln in der Umgebung des Städtchens verstreut waren. Die zwei Freunde wollten in einem der größten Gasthöfe übernachten und Mons. Charles hatte die Absicht, bei Bekannten einen Besuch zu machen, die am äußersten Ende der Stadt wohnten. Als sich die Straße vor dem Eingang in die Stadt senkte, gewahrten sie ein malerisches altes Haus, das ganz unter Epheu und Schlingpflanzen versteckt war. Es stand abseits von der Straße und ließ deutlich erkennen, daß es unbewohnt war. Das Haus selbst und der ganze Grund waren derart vernachlässigt, daß es den Anschein hatte, als wäre es lange Jahre nicht benützt worden. Unsere Freunde waren von seiner wunderschönen Lage gefesselt worden, und Henri, welcher ein passionierter Sammler altertümlicher Möbel war, begann sofort auf die Schätze zu spekulieren, die hier verborgen sein mochten. Da, wie gesagt, der Besitz jedenfalls unbewohnt war, stieg in ihnen der Wunsch auf, den Portier zu veranlassen, daß er sie womöglich das Gut besehen lasse. So wandten sie ihre Schritte einem kleinen, von üppigen Schlinggewächsen fast völlig überwucherten Pförtnerhäuschen zu, das gleichfalls die Spuren der Vernachlässigung trug, aber doch bewohnt schien. Auf ihr Klopfen kam ein alter Mann heraus. Sie ersuchten ihn um die Besichtigung des alten Hauses, aber der Alte beteuerte höflich, daß dies nicht gestattet sei. Sie fingen mit ihm ein Gespräch an und sahen bald, daß er hier das Leben eines Einsiedlers führte, und daher über die Gelegenheit erfreut war, mit den Herren plaudern zu können. Henri erkundigte sich sogleich nach der Einrichtung der Villa und erfuhr von dem weißhaarigen Beschließer, daß diese alt, sehr alt war. Seit so und sovielen Jahren waren die Möbel und Kunstgegenstände unberührt geblieben, vollständig unbenützt. Ein intensiver Wunsch das zu sehen, erfaßte Henri und er gab dem Mann zu verstehen, daß er ihn für die Einwilligung in die Besichtigung mit einem anständigen Benisse belohnen würde. Aber der Alte erwiderte:

»Nein, Monsieur, es tut mir sehr leid, aber es ist unmöglich. Ich wäre zwar sehr froh, wenn ich von Ihrer Großmut Gebrauch machen dürfte; denn ich bin ein armer Teufel, wie Sie sehen, und es geht mir nicht sonderlich gut. Aber es ist leider nicht möglich.«

»Ja, aber warum denn nur?« fragte Henri. »Das Haus ist augenscheinlich jahrelang nicht benützt worden; überdies liegt es an einer einsamen Straße, wo niemand vorbei kommt. Kein Mensch erfährt etwas davon. Warum sollten Sie uns nicht die Freude machen, die Räume anzusehen, und sich selbst einen Gewinn verschaffen?«

»Oh, Monsieur, ich kann es nicht wagen«, beteuerte der Alte. »Es ist nicht wegen des Eigentümers oder Verwalters. Es ist wahr, daß diese es niemals erfahren würden. Es ist etwas ganz anderes, viel ärgeres als das. Wirklich, ich kann es nicht tun!«

Die Freunde witterten ein Geheimnis; nun drangen sie umsomehr in den Alten, ihnen den eigentlichen Grund zu verraten. Endlich, nach langem Zureden gestand er, daß das Haus verrufen war, und daß sich hier furchtbare Dinge zugetragen hatten. Seit mindestens 20 Jahren hatte es niemand betreten als der Verwalter, der hie und da das Anwesen zu inspizieren hatte. Obwohl Henri ein so glühender Antiquitätenliebhaber war, interessierten ihn doch vielmehr metaphysische Probleme. Er hatte sogleich erkannt, daß es sich hier um einen bemerkenswerten Fall handelte und fragte weiter:

»Sie sagten, daß das Haus in einem schlechten Ruf stehe? Meinen Sie damit, daß es dort spukt?«

»Leider ja«, gab der Alte zurück, »aber es ist kein bloßes Gerede, sondern schreckliche Wahrheit.«

Jetzt waren die beiden jungen Männer natürlich noch weniger befriedigt; sie mußten die ganze Geschichte hören.

Der Pförtner erzählte nur mit großem Widerstreben und bekreuzigte sich dabei wiederholt. Seine Geschichte war einfach genug. Der letzte Eigentümer führte ein dunkles, verworfenes Leben. Er war ein Mensch, der den wildesten Orgien und Ausschweifungen fröhnte, dabei ein Ungeheuer an Grausamkeit, Egoismus und lüsterner Begehrlichkeit. Der Pförtner wußte nicht viel Näheres darüber. Aber auf diese oder jene Weise wurden die Frevel des Barons entdeckt, es drohte eine sensationelle Gerichtsverhandlung, welcher er sich durch Selbstmord zu entziehen suchte. Er kam eines Abends ganz unerwartet von Paris hieher und am nächsten Morgen fand man ihn in seinem großen Fauteuil tot mit durchschnittener Kehle.

Dieses Ereignis zog verschiedene Enthüllungen nach sich, und die scheußlichsten Geschichten kamen dabei ans Tageslicht. Er selbst wußte wenig davon. Es war ja schon viele Jahre zurückliegend und zum Teil überhaupt unverständlich. Es wurde ein Prozeß geführt, die reichen Verwandten verschlangen das ganze Vermögen und dieses Haus ging in die Hand entfernter Verwandter über. Es dauerte lange Zeit, bis alles gerichtlich geordnet war, und der neue Eigentümer von dem Gute Besitz ergriff. Auch dann blieb das Haus eine Zeitlang unbewohnt. Es wurde stehen gelassen und bevor der neue Hausherr einzog, schickte er eine Menge Gärtner hin. Später kam der neue Eigentümer mit Frau und Dienstpersonal an. Aber schon nach der ersten Nacht erklärten sie, daß nichts in der Welt sie dazu bringen könnte, da zu bleiben. Sie reisten sofort nach Paris zurück.

»Was ist ihnen geschehen?« fragte Henri eifrig. »Was haben sie gesehen?«

»Das weiß ich nicht, Monsieur«, sagte der Alte; »man erzählt sich eine Menge Geschichten, aber ich habe niemals erfahren, was eigentlich daran wahr gewesen ist.«

»Nun versuchte der Hausherr die Räume zu vermieten; zweimal fand er wirklich einen Mieter, aber keiner von ihnen blieb länger als eine Nacht; das zweitemal gab es ein Unglück; eine Dame der Familie wurde in solchen Schreck versetzt, daß sie einen Anfall von Irrsinn erlitt. Man hat mir gesagt, daß sie später vollständig verrückt wurde und bald darnach starb. Seither wurde kein weiterer Versuch unternommen, das Gut zu vermieten. Dagegen erschienen viermal Fremde, welche von dem Eigentümer einen Erlaubnisschein erhalten hatten, hier zu übernachten. Aber immer endete der Versuch mit einem schrecklichen Unheil. Einer von ihnen durchschnitt sich den Hals wie der Baron selbst; einen anderen fand man vom Schlag getroffen; und die übrigen zwei wurden wahnsinnig. So verschlechterte sich der Ruf des Herrschaftsgutes immer mehr und mehr.«

– »Nun merken Sie einmal gut auf, was ich Ihnen sagen will«, sagte Henri; »ich habe Ihnen erzählt, daß ich eine große Vorliebe für alte Möbel habe, und ich wollte Ihnen einen Louisdor geben, wenn Sie mir das Schlößchen gezeigt hätten. Aber ich interessiere mich hundertmal mehr für Spukhäuser, und nach allem, was Sie mir erzählt haben, will und muß ich eine Nacht darin verbringen, weil es so verrufen ist. Ich gebe Ihnen hundert mal soviel, wenn Sie damit einverstanden sind.«

»Aber wirklich Herr«, klagte der Alte, »ich versichere Sie, daß es ganz unmöglich ist. Sie würden jedenfalls umkommen darin und ich wäre Ihr Mörder. Ich wünschte, daß es sich machen ließe, aber es nützt alles nichts, dringen Sie nicht weiter in mich.«

Je mehr der Alte sich weigerte, desto eindringlicher wurde Henri, und steigerte fortwährend sein Angebot, während er dem Alten versicherte, es möge geschehen, was da wolle, er werde von jeder Schuld frei sein. Überdies könne er sich ja in sein Häuschen einschließen, um nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben. Nur das Tor müsse offen bleiben. Der Pförtner war in einem qualvollen Zustand der Unentschlossenheit. Die verlockende große Belohnung war ohne Zweifel nicht ohne Einfluß auf ihn, und nicht minder die große Liebenswürdigkeit der beiden Franzosen, die er nicht vor den Kopf stoßen wollte, weil ihnen augenscheinlich soviel an dem Versuche gelegen war. Immerhin waren seine ängstlichen Befürchtungen noch stärker als seine Liebe zum Gelde und es bedurfte mehr als einer Stunde, bis sie von ihm unter Tränen und Widerstreben die Einwilligung erhielten.

Er erklärte sich einverstanden, sie noch bei Tageslicht ins Schlößchen zu führen und ihnen das Spukzimmer des Barons zu zeigen. Wenn sie aber nun einmal unbedingt abends kommen wollten, um darin zu übernachten – der Mann rang die Hände, während er dies sagt –, wollte er ihnen den Schlüssel übergeben. Sie sollten ihn rufen, aber er wollte unter keiner Bedingung sein Pförtnerhäuschen verlassen, geschweige mit ihnen ins Spukhaus mitgehen. Außerdem beteuerte er einmal übers anderemal, daß er seine Hände in Unschuld wasche, daß ihr Schicksal besiegelt sei und ihm nichts übrig bleibe, als ihre Seele Gott anzuvertrauen.

Sie redeten ihm herzhaft zu, klopften ihm auf die Schulter, um ihn zu ermuntern und versicherten ihm zugleich, daß sie am nächsten Morgen zusammen eine Flasche Wein trinken wollten; dann werde er sehen, ob seine bösen Ahnungen begründet waren, jedoch, sie mochten sagen, was sie wollten; es gelang ihnen nicht, ihn von seiner Angst zu befreien und ihm die Gewißheit zu benehmen, daß sie ihrem Untergang entgegengingen. Darauf zeigte er ihnen den schönen Herrschaftssitz und Henri war entzückt über die alte Einrichtung, – ein Muster in ihrer Art. Hier machte der Alte sie auf das Portrait des Barons aufmerksam, das im Salon hing, dort wies er auf sein Studierzimmer hin, einen großen langen Raum im Erdgeschoß. Hier gewahrten sie auch den berühmten Armstuhl, in welchem der Selbstmord begangen worden war. Bevor sie sich von dem Alten trennten, nötigten die jungen Männer ihm das versprochene Trinkgeld auf, das er nur mit großem Widerstreben annahm, obwohl er dessen recht augenscheinlich bedurfte. Er sagte:

»Meine Herren, was Sie mir da geben, ist für mich ein wahrer Schatz. Aber doch habe ich das Gefühl, als ob ich es nicht anrühren sollte, denn es ist soviel wie der Kaufpreis Ihres Lebens, – wenn nicht um Himmelswillen gar auch der Ihrer unsterblichen Seele. Der Herr Baron war ein schlechter Mensch; wer weiß, was seinen Opfern geschieht?«

So schieden sie von dem Pförtner, und während sie lächelnd das bevorstehende Abenteuer besprachen, konnten sie sich doch nicht ganz dem bedrückenden Einfluß seiner Schwermut und seiner unüberwindlichen Angst entziehen. So erreichten sie das liebliche kleine Städtchen und machten es sich in dem freundlichen Gasthof bequem, um sich nach Herzenslust zu stärken. Sie hatten vereinbart, um halb elf Uhr zu dem Spukhaus zurückzukommen. Nun war es kaum sechs Uhr.

Wie erwähnt, sollte Charles einige Bekannte in der Nachbarschaft besuchen. Er hatte das Haus schon seinem Freunde Henri gezeigt, als sie vom Hügel zur Stadt hinabgingen. Henri hatte nicht Zeit mitzugehen, da er dringende Briefe zu schreiben hatte, außerdem kannte er die Leute nicht. So beschloß er, im Gasthof zu bleiben. Charles kam bald wieder zurück und lud den Freund im Namen seiner Bekannten recht herzlich ein, mit zu Tisch zu kommen. Henri aber hatte seinen Brief noch immer nicht beendigt. So entschuldigte er sich bei seinem Freunde und bat ihn, allein zu gehen; er versprach ihm, ihn um halb elf von der Wohnung seiner Freunde abzuholen, welche zwischen dem Gasthof und dem Schlößchen lag. Charles kehrte nun zu seinen Bekannten zurück, während Henri sein Nachtmahl bestellte und sich wieder zu seinem Schreiben setzte.

Zur rechten Zeit hatte er seine Briefe und seine Abendmahlzeit beendigt, darauf machte er sich auf den Weg nach dem Hause von Charles' Freunden; unterwegs gab er seine Briefe auf.

Es war fünf Minuten vor halb elf Uhr; während er schrieb, waren seine Gedanken vollkommen von den Briefen in Anspruch genommen gewesen. Aber nun, da diese erledigt waren, trat das bevorstehende Abenteuer in grellem Lichte vor sein geistiges Auge und er mußte sich gestehen, daß es jetzt bei Nacht weit weniger amüsant aussah, als es am sonnigen Sommernachmittag erschienen war.

Halb und halb wünschte er sogar, sich der Sache zu entschlagen und es sich lieber in seinem kleinen netten Gastzimmer für die Nacht behaglich zu machen. Aber er verjagte diese bangen Gedanken, indem er sich feige und töricht schalt, eine so günstige Gelegenheit vorübergehen zu lassen und Charles so sehr zu enttäuschen, der sich in seiner phlegmatischen Art ebenso auf den Abend gefreut hatte, wie er selbst. Er sagte sich zwar, daß er bloß eine höchst nervöse Natur sei und seinerseits auf die ganze Geschichte verzichtet hätte. Aber der Gedanke an seinen unerschütterlichen Freund munterte ihn wieder auf, es zu wagen. Freilich kam ihm das Schicksal der vier Vorgänger nicht aus dem Sinn, fortgesetzt war er von dem Zweifel geplagt, ob diese wohl auch jene eigentümlichen Vorgefühle gehabt haben mochten, die er jetzt an sich selbst als »Nervosität« betrachtete.

Bald war er bei dem bezeichneten Hause angelangt und fand dort Charles im Schatten einer kleinen Vorhalle beim Eingang auf ihn wartend. Augenscheinlich war er darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren, da er so pünktlich auf ihn wartete, denn er mußte sich schon von seinen Freunden verabschiedet haben. Henri begrüßte ihn recht herzlich, doch Charles schien ihm kaum zu antworten, als er die Treppen hinunterstieg. Die Nacht war nicht sehr dunkel, gleichwohl konnte er bei aller Mühe nur undeutlich die Gesichtszüge seines Freundes unterscheiden. Indessen entging ihm sein verändertes Benehmen nicht. Charles schien zerstreut und gab auf die Fragen seines Freundes nur kurze, fast mürrische Antworten. Nach einigen nutzlosen Versuchen, seinen Gefährten in ein Gespräch zu ziehen, ließ Henri ihn mit seinen Gedanken allein und machte nur hier und da eine nebensächliche Bemerkung, die den Grübelnden zu keiner Antwort nötigte. Er dachte sich, daß Charles wohl von seinen Bekannten irgend eine unangenehme Nachricht erhalten oder daß es irgend einen mißlichen Zwist gegeben haben mochte. Darum fragte er nicht weiter der Ursachen seiner Verstimmung nach; er erwartete bestimmt, daß ihm sein Freund später selbst darüber Aufklärung geben werde. Henri selbst befand sich nicht gerade in angenehmer Gemütsverfassung. Seine Nervosität steigerte sich von Minute auf Minute, als würde irgend etwas langsam aber unbarmherzig an seinen Kräften zehren und fühlte seinen Lebensmut schwinden. Er hatte noch nie ein so seltsames und widerliches Gefühl gehabt.

Indessen näherten sie sich schweigend dem Spukhaus. Als sie die Pförtnerwohnung erreichten und anklopften, erschien der Alte und empfing sie wieder mit Klagen und Beschwörungen. Je mehr er über den Plan nachgedacht hatte, desto mehr wünschte er sich, wenn schon das Unvermeidliche nicht mehr verhindert werden könne, wenigstens keinen Teil daran zu haben. Er ging sogar so weit, ihnen das Geld zurückgeben zu wollen. Er sagte, er könne es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, es zu behalten. Henri aber nötigte ihn mit freundlichen Worten, es doch zu behalten; falls sie sich am nächsten Morgen gesund und heil wiedersehen würden, wolle er ihm noch eine Kleinigkeit dazugeben.

Der alte Pförtner weigerte sich entschieden, indem er versicherte, daß man ihn schon weit überzahlt hätte und wenn die beiden Herren mit dem Leben und mit dem Verstand davonkommen würden, wäre er mehr als genug belohnt. Währenddessen blieb Charles fast unbeteiligt an diesen Verhandlungen. Seine schlechte Stimmung war augenscheinlich noch immer die gleiche, und Henri hätte gern den Grund gewußt, was seinen Freund in den wenigen Stunden derartig umgewandelt hatte.

Indessen schlossen sie das Haustor auf und betraten die verlassenen Räume. Sie hatten sich mit einer Laterne vorgesorgt, mit deren Hilfe sie leicht bis zum Zimmer des Barons vordrangen. Es war ein eigenartiger Raum, ähnlich einem Billardzimmer; eine Wand war gegen den Garten gelegen, auf den man durch die Fenster hinaussah; dieser Teil war wohl erst in späterer Zeit dort angebaut worden. Es war ein langes, schmales Zimmer mit französischen Fenstern, die bis auf den Boden reichten, und die Wände fast alle mit enormen Pfeilerspiegeln bedeckt. Natürlich rief dies einen großartigen Effekt hervor; die Räumlichkeiten schienen sich ins Unendliche auszudehnen und alles, was sich darin befand, spiegelte sich zu wiederholtenmalen in weiter Flucht. Die Einrichtung war von verschiedenem Stil. In jeder der vier Ecken stand eine vollständige Rüstung, die sich in der Spiegelecke vervielfältigte. In der Mitte des Zimmers befand sich ein großer, reichhaltiger Schreibtisch, und vor ihm der Armstuhl des Barons, derselbe Stuhl, in welchem er seinen Selbstmord begangen hatte.

Unsere Freunde hatten vereinbart, daß der Pförtner eine gutleuchtende Lampe hinstellen sollte; wirklich stand sie dort und brannte sehr gut. Allerdings würde ein so großes Zimmer zwanzig Flammen bedurft haben, um auch die verstecktesten Winkel, die jetzt im Dunkel lagen, zu erhellen. Es war ein eigentümlicher Anblick, als die hohen Spiegelflächen von allen Seiten des Zimmers das Licht der Lampe zurückwarfen. Die Zimmerluft war schlecht und muffig, wie immer, wenn ein Raum lange unbewohnt und verschlossen geblieben ist. Henri hatte tatsächlich ein Gefühl des Unbehagens und eine Sehnsucht nach den gemütlichen, nüchternen Schlafzimmern des 19. Jahrhunderts überkam ihn.

Auch wurde er zusehends schwächer; er hatte ein Gefühl wie es eine lebende Fliege empfinden mag, der von einer Spinne langsam und sicher das Herzblut ausgesogen wird, bis schließlich nur die leere Hülle übrig bleibt. Er wollte sich aber das alles nicht recht eingestehen, und so suchte er seiner Schwäche auf die Weise Herr zu werden, daß er mit seinem Freunde eine leichte Unterhaltung begann und über seine Niedergeschlagenheit und seine trübselige Stimmung scherzte. Charles gab kurze, unfreundliche Antworten. Als ihn Henri jetzt beim hellen Schein der Lampe betrachtete, machte seine sonderbare Erscheinung und sein eigentümliches Gebaren einen noch unheimlicheren Eindruck auf Henri. Es schien ihm auch, als ob sich Charles gewissermaßen dieses Eindruckes bewußt wäre, denn er bemühte sich, sich dem Bereich des Lichtscheins zu entziehen, er warf sich auf ein Sofa und vorharrte dort regungslos. Auf die lebhaften Bemerkungen seines Freundes hatte er wie vorher nur kurze, einsilbige Antworten. Nach einiger Zeit aber veränderte sich sein Verhalten ganz plötzlich. Er sprang unvermittelt vom Diwan auf und schritt im Zimmer wie ein wildes Tier im Käfig hin und her. Auch schien es Henri, falls ihn seine Einbildung nicht trügte, daß der Vergleich mit dem wilden Tiere sogar sehr naheliegend war. Nicht nur sein unstätes Umherwandern veranlaßte Henri zu diesem Gedanken, sondern mehr noch der Ausdruck der Wildheit und Verzerrung, welcher den sonst so friedfertigen Charles beherrschte. Henri schalt diese Empfindungen unsinnig. Sie waren ihm selbst unverständlich und er bemühte sich, sie von sich abzuschütteln. Aber schließlich machte ihn das unablässige Auf- und Abgehen Charles' derart nervös, daß er sich nicht enthalten konnte, ihn zu bitten, er möge sich zur Ruhe zwingen. Aber Henri mußte diese Bitte mehrmals wiederholen, bis ihn der Freund endlich zu verstehen schien. Mit einem sonderbaren ungeduldigen Ausruf warf Charles sich wieder in die Chaiselongue, aber nicht, um sich auszuruhen, sondern er wechselte jeden Augenblick seine Lage. Henri wurde mit der Zeit immer erregter; es stieg ihm die Furcht auf, daß sein Freund von einer Krankheit befallen worden sei, da er diesen Umschlag in seinem Gebaren nicht mehr einer Einbildung seiner Augen zuschreiben konnte. Jetzt bedauerte er es tief, auf diesem Abenteuer bestanden zu haben. Wie erwähnt, hatte er sich besonders auf das kühle Temperament seines Freundes verlassen, das ihm eine erfolgreiche Durchführung des Planes zu verbürgen schien. Aber er mußte sich getäuscht haben!

Die Mitternachtsstunde, in welcher der Baron erscheinen sollte, rückte immer näher und näher heran und so entschloß sich unser Freund nach Ablauf dieser Geisterstunde mit seinem Gefährten so rasch als möglich ins Hotel zurückzukehren und Charles sofort zu Bett zu bringen. Sollte sich sein Befinden am nächsten Morgen nicht gründlich bessern, so wollte er sogleich nach einem Arzte schicken. Währenddessen steigerte sich Charles' Aufregung bis zum Exzeß; wiederum sprang er von seinem Sitz empor und wiederum nahm er seinen entsetzlichen schleichenden Gang durch das Zimmer auf. Nun hörte er überhaupt auf nichts mehr, was der Freund sagte, sondern er schien alle Energie auf diesen einen, unheimlichen, endlosen Marsch zu verschwenden. Henri kam es vor, als ob sich die Züge seines Freundes gewaltsam verändern würden, und absonderliche Ideen kamen ihm in den Sinn. Er erinnerte sich, bei spiritistischen Sitzungen beobachtet zu haben, wie sich das Gesicht des Mediums ebenso verwandelt hatte, wenn ein »Geist« von ihm Besitz ergriff. Sein nervöser Zustand und seine Aufregung wurden immer unerträglicher, und obwohl das fremdartige mürrische Verhalten seines Freundes nicht gerade zur Unterhaltung einlud, hatte er doch das Gefühl, als ob er trachten sollte, die Spannung durch freundliches Zureden etwas abzuschwächen. Er wollte Charles eben ansprechen, als sich dieser, statt auf den Diwan in den Armstuhl des Barons vor dem Schreibtisch niedersetzte und sich wieder in Schweigen hüllte, während er seine Augen gegen das Licht beschattete.

»Steh auf, steh auf!« rief Henri; weißt Du nicht, daß das derselbe Stuhl ist, in welchem der Baron immer gesessen hat?« – Dann blickte er auf seine Uhr: »Es fehlen nur noch ein paar Minuten auf 12; – also gerade die schlimmste Zeit!«

Charles aber nahm keine Notiz davon und rührte sich nicht. Henri konnte sich vor Aufregung nicht fassen; er eilte auf seinen Freund zu, packte ihn an den Schultern und schrie laut:

»Wach auf, wach auf; um Himmelswillen, was ist denn mit Dir?«

Während er das sprach, schlug draußen eine Turmuhr die Mitternachtsstunde. Ein plötzlicher Schall, wie ein gedämpftes Krachen ließ ihn nach der gegenüberliegenden Wand hinblicken, die von einem Pfeilerspiegel bekleidet war. Er sah darin sich selbst und Charles, beide von dem Lampenlicht auf dem Schreibtisch hell erleuchtet. Er sah sein eigenes entstelltes Gesicht und darunter das von Charles, welches dieser mit der Hand beschattete. Während er so das Bild im Spiegel betrachtete, hob der Freund seinen Kopf und – oh Schrecken! – die Züge, die ihm hier entgegenstarrten, waren überhaupt nicht die seines Freundes – es war das Gesicht des Barons, genau jenes, das sie auf dem Porträt gesehen hatten und diese entsetzliche Gestalt war eben im Begriffe, sich mit dem Rasiermesser den Hals durchzuschneiden. Mit einem Schreckensschrei riß Henri seinen Blick vom Spiegel los und schaute auf den Freund. Es war ohne Zweifel das Antlitz des Barons, das hier mit diabolischem Grinsen und triumphierendem Haß zu ihm emporsah. Und nun fühlte er einen Blutstrom über seine Hand fließen, irgendetwas in seinem Gehirn gab nach, er fiel bewußtlos zu Boden.

– Endlich erwachte er wieder; jemand rüttelte ihn an der Schulter. Es war eine zitternde Hand und eine ängstliche Stimme fragte zugleich: »Wo ist Ihr Freund?«

Für einige Augenblicke fühlte Henri sich unfähig, zu antworten. Aber als es ihm schließlich gelang, seine Gedanken zu sammeln und sich in seiner Lage zurechtzufinden, sah er sich im Studierzimmer des Barons am Boden liegen, ganz nahe beim Schreibtisch und das Gesicht des alten Beschließers voll Angst und Aufregung über ihn gebeugt.

»Wo ist Ihr Freund?«, fragte dieser nochmals, »wo ist der zweite Herr?«

Das schreckliche Ereignis der vergangenen Nacht kehrte plötzlich in Henris Gedächtnis zurück; er setzte sich auf und schaute umher. Wahrhaftig, Charles war nirgends zu erblicken und auch von dem Spuk der Mitternachtsstunde war keine Spur zu entdecken, keine Spur von dem Selbstmord und von dem Geist des Barons. Er konnte dem Alten zunächst nicht antworten. Erst als er sich ein wenig gesammelt hatte, erzählte er dem Pförtner die ganze Geschichte. Der Alte rang, fast wahnsinnig vor Verzweiflung, die Hände und brach in lautes Jammern aus. Nun versicherte er ein über das anderemal, daß er dies alles vorausgesehen habe, daß das ganze Unglück von dem überspannten, unseligen Abenteuer herstamme und klagte sich dabei selbst hart an, daß er an allem schuld sei oder doch wenigstens Mitschuldiger.

»Es ist fürchterlich, daß Ihr Freund auf solche Weise verschwunden ist!« rief er aus.

»Ja«, sagte Henri, »wir müssen überall nach ihm suchen. Vielleicht ist er verrückt geworden oder geflohen und hält sich irgendwo verborgen. Vielleicht ist er auch so wie ich bewußtlos zusammengestürzt ... Wir wollen ihn suchen!«

»Aber sind Sie selbst schon wieder hergestellt? Sind Sie nicht verwundet?« fragte darauf der Alte.

»Nein«, erwiderte Henri, »ich glaube nicht. Ich habe nur eine große Schwäche und zittere ein wenig.«

»Aber«, sagte der Alte nun, »schauen Sie sich doch Ihre Hand an; sie ist ja von Blut befleckt!«

Henri bemerkte es mit Entsetzen; war es seines Freundes Blut oder das des Barons?

Er wußte sich keine Erklärung dafür; war es über seine Hand geflossen, während Charles Selbstmord verübte? Die Flecke waren ein entsetzlicher Zeuge für die Realität des ganzen Spuks.

»Bringen Sie mir Wasser!«, rief er dem Pförtner zu, »bringen Sie sofort Wasser, sonst schneide ich mir die Hand ab!«

Der Alte lief zum Brunnen und alsbald waren die verhängnisvollen Blutflecke getilgt. Man konnte nichts mehr von ihnen sehen, und dennoch hatte Henri das Gefühl, als ob es ihm nie gelingen würde, seine Hand von diesem Blute reinzuwaschen. Da er sehr schwach war, gingen sie langsam von Zimmer zu Zimmer und suchten nach irgend einer Spur von Charles. Aber vergebens. Sie sahen ihre eigenen Fußspuren, die im staubigen Boden zurückgeblieben waren und andere, welche noch von daher stammten, als sie zu dritt das Haus besichtigten. Aber sonst fanden sie nichts, gar nichts, wohin sie auch blicken mochten.

»Ihn muß der leibhaftige Satan geholt haben«, jammerte der Alte.

Auch in der Umgebung des Hauses, im Park suchten sie alles ab; aber Henri wurde zusehends schwächer, er beschloß, in den Gasthof zurückzukehren und sich dort zu erkundigen. Vorher aber redete er dem Alten zu:

»Grämen Sie sich nicht, Sie haben nichts Unrechtes getan! Im Gegenteil, Sie taten Ihr Möglichstes, um uns von diesem Experiment abzubringen. Es ist unsere Schuld, wenn wir der Warnung nicht folgten.

Aber ich weiß nicht, wo nur mein Freund hingekommen ist. Ich kann den Vorfall in dieser Nacht überhaupt nicht begreifen, nur das glaube ich nicht, daß böse Geister mir den Freund entführt haben, wie Sie meinen, lieber Alter. Wenn er das gesehen hat, was ich sah, – – aber schließlich, wie konnte er es sehen, wenn er ja selbst der Spuk gewesen ist!? Ich verstehe das einfach nicht. Aber er könnte so erschrocken sein, daß er floh. Ich werde ihn schon finden, hoffe ich. Auf jeden Fall vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe. Sie haben keinen Grund, sich irgendwelche Vorwürfe zu machen und auch ich werde Ihnen nie einen Vorwurf machen. Die Ereignisse der letzten Nacht wollen wir schweigend für uns behalten, wenn ich nicht im Interesse meines Freundes später zum Sprechen gezwungen sein sollte. Jetzt gehe ich in die Stadt zurück; falls ich etwas erfahren sollte, komme ich her, um es Ihnen zu sagen.«

Er schüttelte dem alten Mann die Hand und verließ ihn ein wenig getröstet. Während er langsam der Stadt seine Schritte zulenkte, überlegte er angestrengt. Er war aber immer noch unfähig, eine vernünftige Gedankenreihe durchzudenken. Das ganze nächtliche Abenteuer spottete jeder Vernunft. Er konnte nicht recht schlüssig werden, was zu tun sei, ob er vielleicht das Verschwinden seines Freundes bei der Polizei anmelden müsse. Inzwischen war er bei seinem Gasthof angelangt und kam unbemerkt in sein Zimmer. Sofort trat er in den Wohnraum Charles' ein; er war nicht da und sein Bett stand völlig unberührt. Darauf kehrte Henri in sein eigenes Zimmer zurück, warf sich auf den Divan hin und fühlte, daß er nichts so nötig hatte, als Ruhe und noch einmal Ruhe. Sollte er dieser Situation gewachsen sein, so brauchte er vorher einen stärkenden Schlaf. Er wußte genau, daß irgend etwas geschehen mußte, und zwar sofort; aber er war im Augenblicke unfähig dazu. Er wußte auch nicht, was er hätte tun sollen. Die Angst raubte ihm den Schlaf. So lag er einige Zeit und fragte sich erstaunt, was aus der ganzen Geschichte werden sollte. Als sich schließlich doch der Schlaf bei ihm einstellen wollte, ging plötzlich die Türe auf und Charles stand vor ihm in seiner gewöhnlichen Kleidung, während er ihn anblickte, als ob nichts geschehen wäre.

Henri sprang von seinem Lager empor; er stammelte ein paar unzusammenhängende, wirre Worte. Dann eilte er auf den vermißten Freund zu und klammerte sich an ihn, um sich zu überzeugen, ob er nicht halluziniere.

»Aber mein lieber Junge, was ist denn mit Dir los?«, fragte Charles, »was ist nur geschehen?«

»Dem Himmel sei gedankt, daß ich Dich wieder habe«, sagte Henri. »Du bist es wirklich? Du siehst ja ganz gut aus ..., aber ich meine, daß eigentlich ich Dich zu fragen hätte, was geschehen ist und wo Du vergangene Nacht hingekommen bist, als Du mir so rätselhaft verschwandest!«

»Verschwunden?«, fragte Charles; »was meinst Du damit? Wir haben uns um ca. sechs Uhr voneinander getrennt, das weißt Du doch. Und wir hatten vereinbart, uns um ½11 Uhr beim Hause meiner Bekannten wiederzusehen. Aber Du bist nicht hingekommen und ich habe mich schon um Dich geängstigt.«

»Nicht hingekommen?«, fragte Henri, »wie soll ich das verstehen? Natürlich war ich dort und ich traf Dich ...«

»Was!« unterbrach ihn Charles; »Du hast mich dort getroffen? Aber ich habe Dich doch nicht mehr gesehen, seit ich den Gasthof um sechs Uhr verließ. Da muß ein Geheimnis dahinterstecken und Du siehst auch ganz darnach aus, als ob etwas Besonderes passiert wäre! – Setz' Dich nieder und erzähle mir alles genau.«

»Ja, ja«, sagte Henri, »aber erst erzähle Du mir, wo hast Du eigentlich die Nacht verbracht?«

»Im Hause meiner Freunde natürlich«, gab Charles zurück; »ich dinierte mit ihnen, aber darnach überfiel mich mißlicher Weise ein leichtes Unwohlsein, nichts Arges natürlich. Nur dauerte es einige Zeit und ich war ein wenig benommen. Darum ließen mich meine Freunde unter diesen Umständen nicht ins Gasthaus zurück, geschweige denn in das Spukzimmer. Sie bemühten sich um mich in ihrer freundlichen Weise, wiesen mir bei ihnen ein Gastzimmer und ein Bett an und standen mir in jeder Beziehung zur Seite. Sie versicherten mir, daß sie Dir, wenn Du kämest, mich abzuholen, meine Entschuldigung überbringen würden. Sie versprachen mir sogar, Dich in mein Zimmer zu führen, solange ich noch wach war. Aber ich muß lange vor der Zeit schon eingeschlafen sein, vielleicht unter der Wirkung der Medizin, die man mir gab. So lag ich bis zum nächsten Morgen und fühlte mich darnach wieder vollkommen frisch und gesund. Als ich erfuhr, daß Du überhaupt nicht gekommen seiest, wurde ich ein wenig unruhig und wollte nachsehen, was denn los sei. So ging ich so zeitig als möglich her, und da bin ich jetzt. Aber ich bin höchst neugierig auf Deine Geschichte.«

Henri erzählte, so gut er konnte, und unter vielen Ausrufen des Erstaunens den ganzen Hergang. Darauf begannen sie, sich ihre Hypothesen über das absonderliche Erlebnis zurechtzulegen. Wenigstens in einem Punkt waren sie einig: der fürchterliche Baron hatte um ihre Absicht gewußt; vielleicht hatte er sie ohne ihr Wissen beim Besuch in den Zimmern begleitet und war darnach entschlossen, Henri anzureizen, auf dem gefahrvollen Abenteuer zu bestehen, um ihn ins Verderben zu locken. Vielleicht hat der Baron es verstanden, sich den besonnenen Charles durch ein ihm absichtlich zugefügtes Unwohlsein fernzuhalten, auf jeden Fall aber muß er es für zweckmäßig gehalten haben, sich in die Gestalt Charles' zu kleiden. Es ist auch gewiß, daß er die Materialisation dadurch solange aufrecht erhielt, indem er Henris Lebenskraft dazu brauchte.

In dieser ganzen Begebenheit war der Umstand besonders sprechend, daß Henri sich selbst ungewöhnlich nervös fühlte und auf das Abenteuer gar nicht eingegangen wäre, wenn er sich nicht der Gegenwart und Mitwirkung seines Freundes gewiß geglaubt hätte, die er nicht entbehren wollte. Dieser Freund erwies sich nun eben als eine Truggestalt.

Sie sprachen noch stundenlang über das Ereignis, aber sie konnten nicht weiter klug daraus werden. Darin stimmten sie beide überein, daß sie keine Lust mehr fühlten, diesem Geheimnis weiter nachzugehen. Ihrem alten Freunde, dem Pförtner aber, fühlten sie sich zu einem Abschiedsbesuch verpflichtet. Sie suchten ihn in dem kleinen Häuschen auf, um sein Gewissen von der Angst um die Folgen des nächtlichen Abenteuers zu entlasten. Aber sie machten diesen Gang zur Mittagszeit. Nichts in der Welt hätte sie dazu bewegen können, nochmals das Spukhaus zu betreten.

Sie fanden den Alten in dumpfer Verzweiflung. Als die Beiden ihn aus seinem Brüten weckten, dankte er innig dem Himmel, sie wohlauf und gerettet zu sehen. Er erklärte, daß eine ungeheure Last von seinem Herzen genommen sei, die ihn schwer gedrückt hatte.

Sie erzählten ihm die Geschichte, denn das glaubten sie ihm schuldig zu sein. Besonders fragten sie ihn nun, ob er Herrn Charles in der letzten Nacht gesehen habe, und ob er irgend etwas Auffälliges an ihm wahrgenommen habe. Der Alte sagte:

»Nein, ich habe den zweiten Herrn nicht deutlich gesehen. Aber ich erinnere mich, Monsieur Charles stand abseits im Schatten. Ich habe nicht näher hingeschaut, denn ich war sehr, sehr erregt.«

Darauf brach er wiederum in einen Sturm von Freudenbezeugungen aus, er war so unerhört erleichtert darüber, daß kein Blut auf seiner Seele haftete. Nun legten sie ihm noch ein kleines Trinkgeld bei, mit der Begründung, daß ihre Erfahrung das wohl wert sei.

Aber um wieviel er auch durch dieses Abenteuer bereichert war, so versicherte der Alte doch mit dem heiligsten Schwur, daß er nicht um alles Geld der Rothschilds jemand mehr in der Nacht im Zimmer des Barons verweilen lassen wolle.

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