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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 7
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Eine dreimalige Ankündigung.

Es war an der Tafel eines der höchsten Würdenträger der Kirche, wo ich die zwei folgenden hübschen Geschichten erzählen gehört habe. Falls ich die Erlaubnis hätte, seinen Namen zu nennen, so glaube ich sagen zu dürfen, daß dieser Name, wo immer die englische Zunge erklingt, mit größter Achtung genannt wird. Ich weiß wohl, daß die Anführung des Namens darum in den Augen vieler meiner Erzählung bedeutend mehr Wert verleihen würde und ich hätte auch weiter keine Bedenken ihn zu verlautbaren, aber ich habe in diesem Falle nicht darum ersucht, weil ich damals noch nicht daran dachte, die Geschichte einmal zu veröffentlichen, und so muß ich Ihnen denselben leider vorenthalten.

Ob die Erzählungen schon von irgendeinem anderen Autor dargestellt worden sind und in welcher Form, kann ich nicht sagen. Der hochgestellte Erzähler war der Meinung, daß die Begebenheiten schon in aller Leute Munde seien und war sehr erstaunt, daß niemand der Anwesenden etwas davon gehört hatte. Und da die Geschichten für die vierzig oder fünfzig Personen, welche an der Tafel saßen, völlig neu waren, und ich selbst sie bisher noch in keinem Buche fand, obwohl ich das meiste von dieser Literatur kenne, so wage ich es sie noch einmal zu bringen. Zum Zwecke größter Klarheit will ich den Helden dieser Geschichte einfach »der Bischof« nennen, obwohl damals, als sich die Sache zutrug, seine bischöflichen Ehren noch in weiter Ferne lagen.

Die erste Gespenstererscheinung begegnete dem Bischof noch im Seminar. In jener denkwürdigen Nacht ging er etwas früher als gewöhnlich schlafen und während er die äußere Türe absperrte, ließ er die Verbindungstüre zwischen seinem Schlafzimmer und seinem Wohnzimmer offen. In diesem flackerte ein lustiges Kaminfeuer und sein heimlicher Schein verbreitete über den Raum ein Licht wie am hellen Mittag. Es war halb zehn Uhr und der Bischof hatte sich eben zu Bett begeben in der angenehmen Erwartung eines guten, dauerhaften Schlafes, als er plötzlich in der Türe zwischen Schlaf- und Wohnzimmer die Gestalt seines Vaters auftauchen sah, von dem vollen Lichtschein des Feuers bestrahlt. Einige Sekunden lang verharrte er sprachlos und beobachtete mechanisch, wie sich das Flackern der Kaminflamme auf den ernsten, traurigen Zügen widerspiegelte. Erst als die Erscheinung ihre Hand erhob und dem Bischof zuwinkte, zu ihm zu kommen, zerschmolz der Bann, der ihn gefangen hielt. Er sprang von seinem Bette auf und lief gegen die Türe, aber bevor er die Gestalt noch erreicht hatte, war sie verschwunden.

In unbeschreiblicher Bestürzung durchsuchte er gründlich die beiden Zimmer und überzeugte sich alsbald, daß er allein war. Ein Eindringling konnte sich hier nicht verborgen halten, da er die äußere Türe fest verschlossen hatte. Außerdem war die Gestalt unverkennbar deutlich die seines Vaters gewesen, wie er ihn erst vor einigen Wochen gesehen hatte, bis auf den auffälligen tiefsehnsüchtigen Ausdruck in dem Gesicht. Weiter war er fest überzeugt, daß keiner seiner Kollegen ihn im Scherze getäuscht habe. So war er schließlich gezwungen, anzunehmen, daß er das Opfer einer Sinnestäuschung geworden sei, so schwer es ihm auch war daran zu glauben, wenn er sich die lebenswahre Erscheinung vergegenwärtigte, und noch dazu den eigenartigen Reflex, den der Feuerschein auf sein Gesicht geworfen hatte. Er entschloß sich, wieder die Ruhe aufzusuchen.

Jedoch die Aufregung über das Erlebte benahm ihm den Schlaf und so brachte er die Zeit damit hin, das Spiel der Schatten an den Wänden zu beobachten, bis er endlich doch wieder Ruhe fand. Ob er nun erst im Begriffe war einzuschlafen oder wirklich schon vom Schlummer umfangen war, daran erinnerte er sich nimmermehr, als er jedoch plötzlich wieder emporschreckte und vollkommen wach war: die Gestalt seines Vaters stand abermals unter der Türe, mit dem gleichen schmerzlichen Ausdruck im Antlitz und dabei bedeutete er ihm, womöglich noch eindringlicher als vorher, ihm zu folgen. Mit einem Satze sprang der Bischof aus dem Bette zur Tür, entschlossen, sich diesmal das Phantom nicht entwischen zu lassen, und faßte mit Gewalt nach ihm. Jedoch wiederum wurde er arg enttäuscht. Die Erscheinung war nicht im mindesten gegen früher verändert, aber die ausgestreckten Hände des Bischofs griffen in die leere Luft. Er durchsuchte nun noch einmal alles, aber auch jetzt kam er nur zu dem Resultat, daß es kein menschlicher, irdischer Körper gewesen sein konnte, der sich irgendwo versteckt hielt.

Da er aber gleich den meisten jungen Leuten in Bezug auf Geistererscheinungen mehr oder weniger skeptisch war, so bemühte er sich auch hier, sich selbst einzureden, daß alles nur einem Trug seiner Einbildungskraft zuzuschreiben war, vielleicht verursacht durch irgendein Unwohlsein. Nachdem er seine Stirne in kaltem Wasser gekühlt hatte, begab er sich wieder zu Bett, ernstlich entschlossen, sich keine Gedanken mehr zu machen über die Bilder, die sich in seiner Phantasie jagten. Eben läuteten die Glocken aller Kirchen Mitternacht, und da er zeitig in der Frühe seinen Gottesdienst halten wollte, machte er die größten Anstrengungen, in Schlaf zu kommen.

Endlich gelang es ihm; indessen konnte er nur wenige Minuten geschlafen haben, als er zum dritten Male emporfuhr unter dem Drucke einer grundlosen Angst, wie sie oft Personen von großer Nervosität befällt, wenn sie plötzlich aus dem tiefen Schlaf aufgeschreckt werden. Das Feuer im Zimmer war ganz herabgebrannt, und an Stelle der lebhaften Lichter war die Decke mit einer einzigen düsteren Rotglut übergossen. Aber mitten unter dem Türstock stand, klar erkennbar, die Gestalt seines Vaters! Diesmal war sie auffällig verändert; an Stelle der so ausgeprägten Sehnsucht in seinem Gesicht zeigte der Blick tiefen, aber entsagenden Schmerz und die erhobene Hand winkte nicht mehr den Bischof herbei, sondern es war langsam, traurig und wie sich verabschiedend. Auch verschwand die Gestalt nicht so wie zuvor plötzlich, sondern ihre Umrisse verblaßten immer mehr und mehr, bis sie schließlich in der düstern, roten Glut aufgingen.

Das erste, was der Bischof tat, war, daß er nach der Uhr sah. Es war 10 Minuten vor 2 Uhr, also zu früh, um jemanden zu wecken oder irgend eine Fahrgelegenheit zur Heimreise zu finden; er entschloß sich nämlich, auf alle Fälle nach Hause zu fahren.

Seinen Vater, der weit von diesem Orte Rektor eines Kirchensprengels war, hatte er noch vor wenigen Wochen gesund und wohl verlassen und bisher noch keine Nachricht erhalten, die irgendwie Grund zu Besorgnis gab.

Die dreimal wiederkehrende Vision hatte ihn überzeugt, daß hier etwas ganz Außergewöhnliches vor sich gehen müsse und es ließ ihm keine Ruhe, bis er nicht einen augenfälligen Beweis besaß, daß sein Vater nicht in Gefahr war. Er bemühte sich nicht weiter, einzuschlafen und schon am frühen Morgen ging er sobald als möglich zum Vorstand des Instituts, erzählte ihm alles und reiste dann ohne weiteres ab.

Die Reise im Eilzug schwächte den traurigen Eindruck ab, den die nächtlichen Ereignisse in ihm zurückgelassen hatten, und als die Schatten der Dämmerung hereinbrachen und er den altbekannten Weg zum Pfarrhof hinaufschritt, lag nur mehr eine leichte Unruhe über ihm. Wenn er an die überraschte Begrüßung der Seinigen bei seinem Eintritte dachte, schwand die trübe Wolke fast ganz.

Ein plötzlicher Schreck erfaßte ihn, als er des Hauses ansichtig wurde und sämtliche Rouleaux heruntergelassen waren. Es war zwar schon Abend, aber er wußte, daß sein Vater die Dämmerung liebte und die Kerzen erst dann anzünden ließ, bis es durchaus nötig war. In der Vorahnung von etwas Schrecklichem, das er sich selbst noch nicht erklären konnte, stand er einige Minuten vor dem Tor, unfähig, anzuklopfen. Endlich nahm er alle Kraft zusammen und pochte an der Türe, welche von einem alten ihm seit der Kindheit bekannten Diener geöffnet wurde. Beim ersten Blick in das Gesicht des Alten wurden wieder alle seine schlimmsten Ahnungen lebendig.

»Ach Herr!«, sagte der Mann, »Sie kommen zu spät. Wenn Sie nur die vorige Nacht schon gekommen wären ... Ja, ja«, fuhr er fort, »der Herr ist gestorben; und die einzigen Worte, die er sagte, als ihn die Schwäche überkam, waren die: »»Wenn ich nur meinen Sohn sehen könnte!«« Um 10 Uhr traf ihn ein Anfall und eine halbe Stunde später, als er wieder zu sprechen fähig war, sagte er: »»Schickt nach meinem Sohn, ich möchte ihn so gerne noch einmal sehen.«« Wir versprachen ihm, daß wir beim ersten Morgengrauen einen Boten nach Ihnen senden würden, aber er schien es kaum gehört zu haben, da er wieder in die Bewußtlosigkeit zurückgefallen war. Um ¾12 Uhr erwachte er wiederum und sagte: »»Wie gerne möchte ich doch meinen Sohn hier haben!«« – und im Augenblick, bevor er starb – 10 Minuten vor 2 Uhr – öffnete er nochmals die Augen und schien uns alle zu kennen. Aber er war schon zu schwach, um laut zu sprechen und so flüsterte er nur:

»»Ich gehe, aber ich hätte so sehr gewünscht, daß ich meinen teuren Sohn noch einmal hätte sehen können und mit ihm reden. Leider werde ich sein Kommen nicht mehr erleben.««

Darauf verschied er so friedlich, als wenn er nur eingeschlafen wäre.«

Dieses war das erste Erlebnis des Bischofs in der übersinnlichen Welt, ein vielleicht gar nicht ungewöhnliches Erlebnis, obwohl es gerade hier so besonders einwandfrei und sprechend ist, wie es nur bei den besten Beispielen dieser Art der Fall ist. Es ist jedenfalls unschwer, dem Erzähler zu glauben, wenn er erklärte, daß auch die Zeit den Eindruck dieses Ereignisses nicht verwischen konnte, einen Eindruck, der sich über sein ganzes späteres Leben erstreckte.

Wie oft kommt es vor, daß jemand durch einen kurzen Blick in jene übersinnliche Sphäre so sehr beeindruckt wurde, daß er darnach völlig umgewandelt war, während für gewöhnlich unsere Augen verschleiert sind. Nur wenige Menschen können überhaupt in unserer blinden, kritischen Zeit von solchen Dingen sprechen; aber jeder, der sich die Mühe nimmt, bei seinen Bekannten und Freunden ihnen ernstlich nachzugehen, dürfte überrascht sein, wie häufig solche Geschehnisse in der Welt vorzukommen pflegen.

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