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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 6
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Ein Mörder aus dem Jenseits.

(Der Geist als Lokomotivführer.)

... »Das sind sonderbare Dinge, sagen Sie, Herr?« fragte mich der Stationsvorstand. »In der Tat, Sie haben recht, ich habe schon viel davon gehört. Es wird auch nicht viele geben, die vierzig Jahre lang bei der Eisenbahn sind, wie ich. Aber ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, jawohl – und jedes Wort davon wahr.

Die Sachen würden alles übertrumpfen, was Sie je gehört haben. Aber Eisenbahner schaffen in der Regel viel und sprechen wenig, darum hört die Welt selten von ihnen.

– – Gespenstergeschichten? Ja, wir wissen darüber auch etwas zu sagen. Aber mir ist es nicht darum zu tun, von ihnen zu reden. Es gibt Leute, welche glauben, alles am besten zu wissen; die lachen darüber und dann ärgert man sich natürlich.

Ob ich selbst daran glaube? Nun, Sir, da Sie mich so geradezu fragen, will ich Ihnen auch eine gerade Antwort geben. Ja, lieber Herr, ich glaube daran. Und das Sie mich nicht einen unbesonnenen Menschen schelten, will ich Ihnen, wenn Sie einige Minuten Zeit haben, erzählen, was diesen Glauben rechtfertigt ...

Sie erinnern sich wohl an das furchtbare Unglück, welches vor mehreren Jahren in Keysborough geschehen ist, zwei Stationen von hier? – – Ach nein, ich habe ganz vergessen, das war ja noch, bevor Sie in diese Gegend gekommen sind! Immerhin müssen Sie es in den Zeitungen gelesen haben. Es war wirklich eine sehr traurige Geschichte.

Ich erinnere mich noch, es war der 3. Juli und ein wunderschöner Vormittag, wie ich ihn kaum je erlebt habe. Wie ich damals unter der Türe stand und mich über den herrlichen Morgen freute, konnte ich wirklich nicht ahnen, daß der Abend ein so düsteres Ende nehmen würde.

Sie müssen wissen, mein Herr, daß damals auf dieser Strecke ein Zugführer mit Namen Tom Price angestellt war, welcher die Feuerkönigin lenkte, eine der feinsten Lokomotiven unserer ganzen Gesellschaft. Es ist Ihnen gewiß bekannt, daß ein Zugführer stufenweise aufsteigt, je besser er mit seinem Handwerk vertraut wird. Zuerst führt er eine ausrangierte Maschine, dann einen Güterzug, darauf einen Personenzug und schließlich einen Schnellzug. Zuletzt von allem, wenn er sich als ein fähiger und absolut zuverlässiger Lenker erwiesen hat, beauftragt man ihn mit der Führung einer Expreßlokomotive. Auf ihre Maschinen sind die meisten Zugführer sehr stolz; sie behandeln sie wie lebende Wesen.

Unser Tom Price war doppelt verwachsen mit seiner »Feuerkönigin« und er würde irgend ein Unglück, das ihr zugestoßen wäre, als sein eigenes Leid empfunden haben.

Tom war ein großer, dunkler, schwerfälliger Bursche, ernst und mit fast mürrischem Blick. Er mied die Gesellschaft, so gut er konnte, denn er war ein Mensch, der wenig sprach. Er hatte keine Freunde, obwohl sich auch niemand über ihn zu beklagen hatte. Er war höchst gewissenhaft, pflichtbewußt, und was seine Arbeit anbetraf, stets zuverlässig. Beim Bahnpersonal stand er im Rufe, daß er schwer aus der Fassung zu bringen sei, aber wenn das einmal geschehen war, dann war sein Zorn zu fürchten.

Er soll niemals eine Beleidigung vergessen haben. Man erzählte sich von ihm, daß er drei Tage lang einem Manne aufgelauert habe, der ihn verletzte, und daß die anderen schwere Arbeit hatten, um zu verhüten, daß er seinen Feind töte. Ich weiß aber nicht bestimmt, ob dies wahr gewesen ist. Was ich selbst von ihm wußte, war recht wenig. Aber dennoch kann ich sagen, daß ich vielleicht ebenso gut sein Freund war, wie irgend ein anderer. Denn jeden Tag rief ich ihm einige lustige Worte zu, wenn er bei mir anhielt, bis er mir schließlich zulächelte und auch ein oder zwei Worte zurückgab. Und als ich erfuhr, daß er der schwarzäugigen Hetty Hawkins den Hof machte, deren Vater Bahnwächter war, einige Meilen streckenabwärts, beim Bahnschranken vor Keysborough – da wagte ich es sogar, ihn damit zu uzen, was sich sicherlich kein anderer hätte erlauben dürfen.

Jetzt war er, wie gesagt, einer Expreßmaschine zugeteilt, und darum sah ich ihn weniger als je zuvor, oder besser gesagt, sprach weniger mit ihm; gewöhnlich, wenn ich morgens auf dem Perron stand, raste er mit seiner Lokomotive an uns vorbei und ich konnte ihm nur zuwinken. Dann sah ich ihn wieder für einen Moment auf der Rückfahrt. Er war noch nicht viele Monate in dieser neuen Stellung, als die Rede ging, daß die hübsche Heddy Hawkins einen neuen Verehrer habe, namens Joe Brown, welcher Tischler war. Ich erfuhr es zuerst durch einen Lastzugsführer, während er mit seiner Lokomotive auf einem Nebengeleise wartete, um Toms Eilzug vorüberzulassen. Als dieser dann gefahren kam, war aus seinem finsteren Gesicht zu lesen, daß auch er von der Neuigkeit wissen mußte. Dieser Joe Brown war im allgemeinen ein ziemlich oberflächliches Individuum, indessen war er hübsch, und sein Gewerbe erlaubte ihm natürlich viel mehr, um Mädchen herumzuflanieren als einem Schnellzugsführer; so war es mir recht leid um meinen armen Freund Tom. Es klingt zwar recht schön, »die Trennung bringt die Herzen näher«, – aber soweit meine Erfahrung geht, hat das alte Sprichwort viel mehr Wahrheit in sich: »Aus den Augen, aus dem Sinn.«

Einen von Joe's Kniffen muß ich erwähnen, da er auch ein wenig in unsere Geschichte einschlägt. Hetty wurde sehr streng erzogen und seit ihrer Kindheit dazu angehalten, die Schule und die Kirche zu besuchen. Auch jetzt ging sie noch regelmäßig in die Sonntagsschule, welche der Rektor in Keysborough allsonntäglich für die jungen Leute des Sprengels abhielt. Er selbst unterrichtete die Burschen, seine Frau die Mädchen. Und was macht der unverschämte Joe? Er, der alle drei Monate einmal in die Kirche gegangen war, wurde auf einmal äußerst religiös und besuchte die Sonntagsschule. Es ist ja möglich, daß seine Beweggründe ganz lautere waren, aber die Lästerzungen raunten sich zu, daß der schöne Weg durch die taufrischen Felder morgens zusammen mit der hübschen Hetty hin und zurück zum Pfarrhof die Schuld an seiner plötzlichen Bekehrung trug. Währenddessen war ich recht begierig, was Tom Price dazu denken würde. Aber ich hatte keine Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen, bis er schließlich eines Morgens seinen Zug im Bahnhof anhalten mußte, da die Signale die Strecke als besetzt anzeigten.

»Tom«, sagte ich, »ist es wahr, daß Joe Brown deiner Hetty den Hof macht?« – »Ja«, antwortete er mit einer Verwünschung; »ich glaube, es ist nur zu wahr. Aber wenn ich den Burschen einmal in die Hände bekomme, dann soll er sich in acht nehmen.«

Das Signal fiel herab und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Ich erinnere mich nur an den Ausdruck seines Gesichts beim Abschied, und dieser sagte mir, daß Tom, wenn er Joe treffen würde, ihn nicht glimpflich behandeln mochte. Und als ich einige Stunden später die furchtbare Nachricht von Toms plötzlichem Tode erhielt, war mein erster Gedanke der, ob er wohl mit dieser schwarzen Eifersucht im Herzen verschieden sei.

Die Einzelheiten jenes traurigen Ereignisses erfuhr ich noch am selben Abend von dem Heizer, und fand, daß es leider noch viel schlimmer war, als ich gedacht hätte. Die Strecke muß von meiner Station bis Keysborough frei gewesen sein, denn als der Zug die Howkinskreuzung erreichte, fuhr Tom mit Volldampf vorüber. Das Schicksal wollte es, daß er den Taugenichts Joe erblickte, wie er mit seinem Werkzeug auf dem Rücken am Gartenzaun lehnte und mit der hübschen Hetty schäkerte, die neben ihm Blumen pflückte. Der Heizer erzählte mir, daß Tom ein entsetzliches Gesicht gemacht habe. Die Adern schwollen ihm an der Stirn zum Bersten an und er war für einen Augenblick sprachlos vor Wut. Aber bald hatte er seine Stimme wiedergefunden und brach in eine Flut von Verwünschungen und Flüchen aus. Achtlos der Gefahr beugte er sich aus der Lokomotive hinaus und schaute auf die beiden zurück, während er die Fäuste gegen sie ballte, obwohl der ansteigende Hügel sie schon längst beide seinen Blicken entzogen hatte. Sie können sich vorstellen, wie es nun weiter gekommen ist; während er in seinem Zorne blind gegen alles um ihn herum war, und der Zug durch die kleine Holzbrücke sauste, schlug sein Kopf gegen einen der Pfeiler und er wurde herausgeschleudert.

Der entsetzte Heizer brachte die Maschine sofort zum Stillstand und ging mit einem der Kondukteure zurück, um ihn aufzuheben. Aber sie sahen mit einem Blick, daß alles hoffnungslos war. Tom trug einen schrecklichen Riß im Gesicht und war in Blut gebadet. In der Tat soll die rechte Seite seines Kopfes vollständig zerschmettert worden sein durch die Wucht des Anpralls. Sie kamen nach Keysborough, und der Dorfarzt wurde herbeigeholt, aber dieser vermochte nichts mehr zu tun als den Tod zu konstatieren. Er sagte: Kein Mensch kann auch nur einen Augenblick weiter leben nach einem solchen Schlag, wie dieser gewesen sein muß.

Sie können sich vorstellen, was ich empfand, als ich das erfuhr. Ich maße mir nicht an, besser zu sein als meine Nebenmenschen; aber der Gedanke, daß jener mit einem Fluch auf den Lippen und einer solchen Wut im Herzen gestorben sei, erfüllte mich mit Grauen. Die weichherzige Hetty Hawkins hat niemals die ganze Wahrheit erfahren. Sie hatte damals wohl aufgeblickt und auch den finsteren Ausdruck auf Toms Gesicht gesehen, als er auf seiner Lokomotive vorüberkam, und sie dachte sich, daß sein Tod wenige Minuten später erfolgt sein mußte, aber sie bekam nie zu wissen, daß sie, wenn auch ganz unschuldig, die Ursache davon gewesen ist. Natürlich war sie sehr traurig über seinen schrecklichen Tod, aber sie hatte niemals seine Liebe erwidert, und ich glaube nicht, daß das Ereignis einen nachhaltigen Eindruck in ihr zurückließ.

Mehrere Tage lang bildete der Vorfall das ausschließliche Gespräch des Bahnpersonals. Aber dann kam Jack Wilkinson an die Führerstelle der Feuerkönigin und Tom Price war bald vergessen. Man erzählte sich in Keysborough, daß sein Geist ein oder zweimal im Dunkeln gesehen worden sei, aber niemand wollte diesem Gerede Glauben schenken.

Diese Dinge trugen sich, glaube ich, Ende Mai zu. Und nun setzt meine Geschichte mit dem denkwürdigen Unglückstag am 3. Juli ein. Aber bevor ich Ihnen meine eigenen Beobachtungen erzähle, muß ich Ihnen etwas sagen, was sich am Morgen dieses Tages auf der Endstation zutrug, während ich selbst es erst am Nachmittag erfuhr. Als Jack Wilkinson wie gewöhnlich eine Stunde vor Abgang seines Zuges kam, fand er die »Feuerkönigin« nicht auf dem gewohnten Platz in der Remise. Zugsführer pflegen mit ihrer Maschine meist sehr behutsam und pietätvoll umzugehen, wie Steuermänner mit ihrem Schiff. Jack suchte die Station ab, aber er konnte am ganzen Bahnkörper nichts von seiner Lokomotive erblicken. Er ging darauf zum Weichensteller, um diesen zu fragen. Dieser war auch nicht in seinem Häuschen wie sonst, aber alsbald sah ihn Jack unter einer Schar von anderen Bahnbediensteten stehen, die einen am Boden liegenden Menschen umringten. Wahrscheinlich war dieser Mensch in Ohnmacht. Er erkannte in ihm einen der Bahnarbeiter. Bald war der Mann wieder hergestellt, aber er hatte einen so großen Schrecken erlitten, daß er nur ein paar Worte mit zitternder Stimme hervorbrachte: »Tom Price, Tom Price!« – »Was sagte er?«, rief der Weichensteller furchtbar erregt; »hat er ihn auch gesehen?!«

Als man nun den Weichensteller selbst eindringlich befragte, sagte er: »Ja, Kameraden, ich schwöre Euch, es ist noch keine halbe Stunde her, da habe ich die Feuerkönigin in den Schuppen gebracht. Dabei sah ich Tom Price dort stehen, wo ich die Lokomotive anhielt. Er war so wie im Leben. Aber er sah entsetzlich aus, über und über mit Blut bedeckt und an der rechten Seite seines Gesichts war eine große rote Wunde. Er sah so entsetzlich aus, daß ich von der Maschine auf die andere Seite herabsprang und seither habe ich immer ein Gefühl, als wäre es mit mir nicht richtig.« –

»Ja, ja«, sagte der Arbeiter noch immer zitternd; »ganz so hat er ausgesehen, als ich ihn sah, nur, daß er stand und auf mich zukam. Ich schlug mit einer Stange nach ihm, die ich in der Hand trug, aber diese ging durch ihn hindurch, als ob er Luft wäre. Darauf bin ich ohnmächtig geworden und weiß nicht mehr, was dann geschehen ist.«

Niemand wußte sich diese Aussage zu erklären, denn es war schwer, sie einer bloßen Einbildung zuzuschreiben, da ja doch zwei unabhängige Zeugen da waren. Die allgemeine Meinung war, daß hier ein Streich gespielt worden sei, aber wie, das wußte sich niemand zurechtzulegen. Als dann alle ihr Ansicht über den Fall geäußert hatten, rief Jack aus:

»Wo hast Du denn eigentlich meine Maschine hingegeben, Weichensteller?«

»Du wirst sie im Schuppen finden, wo ich sie stehen gelassen habe, als mir Tom Price erschien«, antwortete dieser.

»Aber sie ist ja nicht dort, und ich kann sie auf dem ganzen Geleise nicht finden!«

»Vielleicht hat sie Tom mitgenommen«, witzelte einer von den ganz Gescheiten.

»Aber Dummheit«, antwortete der Weichensteller; »sie muß ja da sein, denn niemand würde sie, ohne mich zu fragen, wegnehmen.«

Und er ging fort, um noch einmal nachzusehen, die anderen hinter ihm her. Die Maschine stand aber nicht auf ihrem Platze und so viel man auch auf dem Bahnkörper suchte, sie war nirgends zu erblicken.

»Na, das ist komisch«, sagte der Weichensteller; »sie muß fortgelaufen sein. Fragen wir einmal den Signalwächter, ob er sie vielleicht gesehen hat.«

Der wußte aber auch nichts davon. Er sah nur, daß vor einer halben Stunde eine Maschine vorbeikam, aber er dachte sich, daß diese bloß eingefahren werden sollte und legte der Sache weiter keine Bedeutung bei.

»Sie ist weggefahren, ohne Zweifel«, sagte der Weichensteller, holte den Stationsvorstand und erzählte es ihm. Dieser ordnete sofort an, an die Hauptstation zu telegraphieren und nachzufragen, ob man die vermißte Lokomotive nicht bemerkt habe. Die Antwort lautete: »ja, eine einzelne Maschine – auf der Hauptlinie – im größten Volldampf hinunter.«

»Dann ist sie allein weggefahren und kein Lenker ist auf ihr«, sagte der Vorstand. Die Männer blickten einander bange an, denn sie fürchteten alle ein schreckliches Unglück.

Sie verstehen, Herr, daß ich zu jener Stunde damals von alldem, was ich Ihnen bisher erzählt habe, noch nicht informiert war. Es war eben ein wunderschöner Morgen, der mich hinauslockte, ein wenig in meinem Gärtchen zu arbeiten, als ich einen Lärm vernahm, der von der Bahnstrecke herkam. Ich wußte genau, daß über eine Stunde lang kein Zug angezeigt war. Auch war mir der Lärm für einen herankommenden Zug zu schwach; darum dachte ich mir, ich müßte mich getäuscht haben. Ich ging auf die Plattform hinaus, und nach einigen Momenten schon sah ich eine einzelne Maschine um die Kurve biegen und mit großer Geschwindigkeit heransausen. Wie Sie selbst sehen, steigt das Terrain bei unserer Station hier an. Die Maschine wird dadurch in ihrer Geschwindigkeit beträchtlich gehemmt, so daß sie die Station in mäßigem Tempo passiert. Wie die Lokomotive näher kam, erkannte ich sofort die Feuerkönigin; ein einziger Mann war auf ihr, und so wahr es einen Himmel gibt, – es war Tom Price!

Ich versichere Sie feierlich, Herr, ich habe ihn so klar und deutlich gesehen wie Sie mich vor Ihnen stehen sehen, und ich konnte mich in seiner Identität ebensowenig täuschen als jetzt bei Ihnen. Als er vorbeifuhr, wandte er sich nach mir um; aber so ein Gesicht habe ich in meinem Leben nicht gesehen und der Herrgott möge mich davor bewahren, daß ich noch einmal ein gleiches zu sehen bekomme. Sein Blick war finster, haßerfüllt und verzerrt von Eifersucht. Aber zu dem allen kam noch etwas anderes hinzu, das bei weitem ärger war, nämlich eine so grimmige Schadenfreude, gepaart mit einem teuflischen Triumph in seinen Augen, wie es keine Worte zu beschreiben vermöchten. Aber diesen furchtbaren Ausdruck trug nur die eine Gesichtshälfte, die andere Seite war voll von Blut und bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht!

Was ich beim Anblick dieser gräßlichen Erscheinung fühlte, noch dazu in vollem Tageslicht, an diesem lieblichen Sommermorgen, kann ich Ihnen nicht beschreiben. Ich weiß nicht, wie lange ich so wie gelähmt dagestanden bin und der Lokomotive nachgeschaut habe, bis mich endlich das Läuten meines Telegraphen erweckte. Mechanisch ging ich zu dem Instrument und antwortete auf den Ruf von der Endstation. Der Zweck des Telegrammes war, mich aufmerksam zu machen, daß eine Maschine führerlos abgedampft sei und daß ich sie von der Strecke wegbringen sollte, um ein Unglück zu verhüten. Mit einem Male blitzte mir der ganze Zusammenhang auf; nun wußte ich auch, was dieser wilde, schadenfrohe Blick des toten Tom zu bedeuten hatte, und ich konnte kaum mit zitternden Händen die traurige Botschaft zurückgeben, daß die Warnung bereits zu spät gekommen sei. Ich bat Keysborough zu warnen, aber ich wußte recht gut, daß alles schon vergeblich war.

Zur selben Zeit verließ ein Marktzug Keysborough, in dem der Rektor von Keysborough mit jungen Leuten seiner Gemeinde saß. Er hatte mit ihnen einen Ausflug arrangiert, und in den Ruinen von Carston wollten sie ein Picknick abhalten. Ich wußte, daß auch die ahnungslose hübsche Hetty Hawkins und der leichtsinnige Joe Brown in diesem Zuge fuhren, auf demselben Geleise, wo das grausame Gespenst mit seiner fünfzigtonnenschweren Maschine und mit 70 Meilen in der Stunde dahersauste.

Wenn Sie die Zeitungen damals gelesen haben, so werden Sie genau so wie ich wissen, welches schreckliche Ende dieses Ereignis nahm. Sie erinnern sich nicht mehr? – Dann will ich es Ihnen mit wenigen Worten wiederholen: Der Zug war angefüllt mit Bauern und ihren Weibern, die auf die Märkte fuhren, und daran waren zwei Extrawaggons für die Gesellschaft des Rektors angekoppelt worden. Angeregt durch das prächtige Wetter waren alle auf das heiterste gestimmt und der Kondukteur gab eben das Zeichen zur Abfahrt, als plötzlich ohne ein Warnungzeichen das fröhliche Treiben mit Tod und Jammer endigte.

Diese schwere Lokomotive, welche mit unerhörter Geschwindigkeit dahersauste, zertrümmerte fast den ganzen Zug. Alle Wagen wurden vom Geleise geschleudert und die drei letzten Waggons waren vollkommen zersplittert. Plattformen, Wände, Räder, Achsen, Türen, Bänke, Dächer waren wie die Spreu in der Tenne weggeflogen und man hat mir erzählt, daß der Haufe von zertrümmertem Holz und ineinandergeklammertem Eisen mit den Menschenleichen darunter volle 20 Fuß hoch gewesen sein soll.

Viele wurden auf der Stelle getötet, noch viel mehr entsetzlich verwundet, und diejenigen, welche noch unverletzt waren, wurden unter dem ungeheuren Haufen begraben. Ich glaube, nur eines hätte den Schrecken noch vergrößern können und das blieb leider auch nicht aus: rotglühende Asche sprühte aus der Feuerung der Maschine auf die Trümmer nieder und der ganze Haufe fing zu brennen an.

Es muß ein schrecklicher Anblick gewesen sein. Gott sei Dank, habe ich es selbst nicht gesehen, obwohl mir oft davon träumte. Stationsvorstand, Gepäckträger, Leute aus der Ortschaft, alle arbeiteten übermenschlich, um die Opfer zu befreien. Aber das Holz war trocken und das Feuer griff rasch um sich und ich fürchte, viele von den armen Geschöpfen haben wohl in diesen Flammen die schrecklichste aller Todesarten erlitten. Das Stöhnen und Wehklagen war entsetzlich anzuhören, bis endlich der gute, alte Rektor, welcher unter einem Holzstoß begraben war und Arme und Schulter gebrochen hatte, mit seiner frischen, achtunggebietenden Stimme rief:

»Still, Jungens und Mädels; laßt uns unsere Schmerzen starkmütig ertragen. Jeder der kann, stimme mit mir ein!«

Und er stimmte eine wohlbekannte Kinderhymne an. Ich vermute, daß seine Festigkeit und der Respekt, den man seinem Wort entgegenbrachte, sie aufrüttelte und ermutigte, so daß einer nach dem andern in das Lied einfiel, bis schließlich von dem brennenden Scheiterhaufen ein schallender Chor ertönte;

»Oh, wir werden glücklich sein,
Wenn, von Qual und Sorge frei,
Bei Dir, mein Gott, wir thronen.
Seelig, seelig immerdar!«

Es strömten immer mehr Menschen herbei, um zu helfen. Das Feuer wurde gelöscht, die Trümmer auseinandergerissen, und was noch zu retten war, gerettet. Viele blieben tot auf der Stelle und noch viel mehr waren Krüppel geworden. Die Eisenbahngesellschaft hatte beträchtliche Ersatzkosten zu leisten. Allerdings meine ich, daß keine Geldsumme den Verlust der Gesundheit oder der geraden Glieder ersetzen kann, besonders bei jungen Leuten, die noch das Leben vor sich haben. Der wackere alte Rektor erlitt schwere Brandwunden, dazu hatte er noch seinen Arm gebrochen. Aber er erholte sich nach und nach und war in einigen Wochen so weit, daß er schon ausgehen konnte. Hetty Hawkins blieb durch ein förmliches Wunder fast unverletzt. Sie kam mit Ausnahme einer Brandwunde an der Hand und einer Rißwunde am Arm mit heiler Haut davon. Doch Joe Brown mußte auf der Stelle getötet worden sein, denn man fand ihn zu allerunterst und sein Körper war unter der Masse eines halben Zuges zu Brei zerdrückt. So war Tom Price gerächt.

Die Eisenbahndirektion holte genaue Erkundigungen über die Ursache des Unglückes ein, da sie natürlich der Sage, Tom sei gesehen worden, keine Anerkennung beimessen wollte. Sie konnte aber weiter nichts ausfindig machen, als daß die Maschine tatsächlich abgedampft sei und daß keiner von den Bahnbediensteten weder auf der Strecke, noch auf der Station sie geführt haben konnte. So kam man schließlich zu der Annahme, daß einer von den jungen Burschen, welche die Reinigung zu besorgen hatten, sicher mit ihr gespielt habe (wie sie es öfter zu tun pflegten, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot) und bevor er sie in Dampf gesetzt hatte, den Regulator offen gelassen haben mußte. Zwei Arbeiter, gegen welche sich dieser Verdacht richtete, wurden entlassen, obwohl sie wiederholt beteuerten, ganz unschuldig zu sein, was ich meinerseits ganz fest glaube. Ich habe Tom Price auf der Maschine gesehen, mit dem entsetzlichen Ausdruck in seinem Gesicht, und auch die Entscheidung von hundert Kommissionen, wäre nicht fähig gewesen, mich irgendwie zu beeinflussen.

Außerdem sahen ihn auch der Weichensteller und der Putzer. Sollten auch diese sich geirrt haben? Manche haben die Vermutung aufgestellt, daß jemand anderer die Maschine gelenkt habe, und daß wir nur alle drei in unserer Einbildung Tom sahen; aber ich verneine das entschieden. Ich kannte ihn so gut wie Sie und ich habe ihn so nahe und deutlich gesehen, wie ich Sie jetzt sehe. Es ist unsinnig, mir zu sagen, daß es jemand anderer gewesen sein soll. Übrigens, wenn die Lokomotive durch ein menschliches Wesen in Bewegung gesetzt wurde, wo war sein Körper hingekommen? Man hätte ihn doch nach dem Unglück unter den Opfern auffinden haben müssen? Das gelang aber nicht, trotz sorgfältigster Nachforschung. –

Nein, Herr, so wahr ich hier stehe, Tom kam aus seinem Grab heraus, um furchtbare Rache zu nehmen. Ich möchte meine Seele nicht für alles Gold der Welt mit so viel Blut beflecken.

Das ist meine Geschichte. Hoffentlich hat sie Sie nicht zu sehr gelangweilt. Aber Sie werden jetzt verstehen, warum ich an Geister glaube!«

+++

Die obige Geschichte des Stationsvorstandes dürfte für einen psychologischen Forscher Interesse haben. Die Sache spricht für sich und verlangt kaum nach einem Kommentar.

Ein schlechter Mensch stirbt plötzlich mit dem tiefen unbefriedigten Durst nach Rache. Bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bietet, führt er sie aus. Die Art, wie er den Racheakt vollzog, war ihm offenbar durch seinen früheren Beruf nahegelegt. Es ist wohl möglich, daß die Herren von der Kommission damit recht hatten, wenn sie glaubten, daß einer von den Knaben den Regulator offen gelassen habe. Denn es war in diesem Falle Tom's Geist leichter, den Burschen dazu zu veranlassen, den Griff zu drehen, als daß er selbst (Tom) die physische Kraft dazu aufgebracht hätte.

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