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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 5
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Eine mutige Tat.

Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht mehr; aber plötzlich fuhr ich blitzartig aus meinem Traumzustand auf. Ich warf rasch einen Blick in meinem Zimmer umher und obwohl die Lampe für die Nacht herabgeschraubt war, konnte ich doch in ihrem gedämpften Licht alle Gegenstände genau unterscheiden. Aber ich sah nichts Ungewöhnliches, was mein Erwachen hätte rechtfertigen können.

Einen Augenblick später indessen durchdrang meine Seele die wohlbekannte Stimme des »Meisters«, den ich verehre und über alles in der Welt liebe. Die Stimme sprach nur ein Wort: »Komm!«

Ehe ich von meinem Divan aufspringen konnte, um freudig zu gehorchen, erfaßte mich ein Gefühl, dessen Beschreibung mir unmöglich gelingen würde. Jeder Nerv in meinem Körper war zum Zerreißen straff gespannt, von einem nie gekannten Folterschmerz gequält. Einen Augenblick währte diese Pein, bis sie sich schließlich im oberen Teil des Kopfes verdichtete und dort etwas zu bersten schien, und – ich fand mich schwebend in der Luft. Einen Blick warf ich noch zurück und sah mich selbst – oder vielmehr meinen physischen Körper – noch immer am Ruhebett liegen und fest schlafen. Darauf flog ich in die Luft hinaus.

Es war eine finstere, stürmische Nacht und düster herabhängende Wolken zogen am Himmel pfeilschnell vorüber. Mir kam es vor, als ob der ganze Luftraum mit lebenden Wesen angefüllt wäre, welche mir durch die Dunkelheit undeutlich, wesenlos, schattenhaft erschienen; die Gebilde hatten Ähnlichkeit mit Rauch- oder Nebelwolken. Sie drangen auf mich ein, aber ich flog, ohne auf sie zu achten, weiter.

Mein Schlafzimmer lag an dem Ufer eines Flusses und über diesen schwebte ich jetzt hinweg. In der Mitte des Flusses befindet sich eine kleine Insel, nicht größer als eine Sandbank, die während der Flut nur zur Hälfte herausragt. Auf dieser Insel ließ ich mich nieder. Plötzlich stand an meiner Seite die Gestalt meiner Mutter, welche vor ungefähr sechs Jahren aus dem Leben geschieden war.

»Was ist das?« rief ich bestürzt aus.

»Still!«, antwortete sie, »sieh dorthin«, und sie deutete auf den Fluß hin, dessen Wogen fast unsere Füße netzten. Ich blickte hin, und was ich da sah, würde selbst den Mutigsten erzittern machen. Den Fluß entlang kam auf uns eine Schar der entsetzlichsten Kreaturen zu, Geschöpfe, wie sie sich die Menschen in ihren wildesten Phantasien nicht auszumalen vermöchten. Es ist mir unmöglich, auch nur eine Idee davon zu geben, von dieser unglaublichen Menge der sich heranwälzenden Scheusale. Die Mehrzahl der Gestalten hätte sich am besten vielleicht noch mit den gigantischen Ungeheuern des vorsündflutlichen Zeitalters vergleichen lassen, nur erschienen mir diese hier bei weitem noch viel schrecklicher. Die Nacht war dunkel, dennoch konnte ich diese höllischen Gespenster deutlich genug sehen, da jedes sein Licht in sich selbst trug. Ein seltsamer, unirdischer Glanz floß von ihnen aus.

»Weißt Du denn, wer diese Geschöpfe sind?« fragte mich meine Mutter mit vor Schreck bebender Stimme.

»Sind es nicht Naturgeister?« sagte ich.

»Ja«, erwiderte sie, »schreckliche Naturgeister mit tödlicher Gewalt. Laß uns fliehen!«

Aber auch in dieser grauenvollen Stunde vergaß ich nicht die Mahnung des Meisters. Ich antwortete:

»Nein, ich will nicht vor diesen Gestalten fliehen. Auch würde es ganz nutzlos sein.«

»Komm mit mir«, rief die Mutter, »es ist besser tausendmal zu sterben, als in ihre Gewalt zu fallen.«

»Ich will nicht fliehen!« antwortete ich abermals. Da erhob sie sich in die Luft und verschwand.

Ich müßte lügen, wenn ich leugnen wollte, daß mich schauerte. Aber andererseits hatte ich auch nicht den Mut, der entsetzlichen Schar den Rücken zuzuwenden, und vollends die Flucht vor diesen Ungetümen fand ich hoffnungslos. Mir blieb nichts übrig als standzuhalten. Während dessen waren die herannahenden Gespenster mir auf Handbreite nahe gekommen. Aber anstatt mich zu überfallen, wie ich erwartete, wand sich der seltsame Zug an mir vorbei, ohne mich zu streifen. Sicher hat kein Mensch je mit physischen Augen solches gesehen. Auch der ärgste Fieberwahn könnte keine so schreckhaften Phantome erzeugen:

Ichthyosauren, Plesiosauren, ungeheure Batrachier, molchartige Tiere, riesenhafte Tintenfische, Meeresspinnen von 20 Fuß Höhe, Kobras von der Größe der sagenhaften Seeschlangen, Scheusale an Mißgeburten von der Form ungeheurer Vögel, und doch nach allen sonstigen Merkmalen Riesenreptilien, gespensterhafte, blutlose Kreaturen, übermächtige Ungetüme. Diese und noch viele andere Namenlose zogen an meinem Auge vorüber.

Es waren sich aber nicht zwei dieser schlüpfrigen, widerlichen Getiere ähnlich, und keines von ihnen allen schien vollkommen zu sein; einem jeden haftete irgend eine häßliche Verunstaltung an. Aber die Gesamtheit dieser verschiedenen Gestalten, von denen eine ekelerregender war als die andere, verband doch ein gleicher, grauenhafter Zug. Ich fand bald heraus, daß dieses Gemeinsame im Ausdruck der Augen lag.

Außer der verschwommenen Form, die jeder dieser scheußlichen Nachtgeburten eigen war, hatten alle zusammen jenen bösartigen Blick, jedem dieser verderbendrohenden Augen wohnte eine dämonische, faszinierende Macht inne, ein Ausdruck schärfster Feindseligkeit gegen das Menschengeschlecht. Jede dieser stinkenden Greuelgestalten senkte ihre furchtbaren Augen in die meinen, während sie sich langsam an mir vorbeiwanden, und schienen eine unheimliche Kraft auf mich auszustrahlen. Es wird mir immer unverständlich bleiben, wie ich in dieser Lage meinen klaren Verstand behielt. Ich fühlte, daß ich unfehlbar diesen höllischen Dämonen zum Opfer fiel, wenn ich nur einen Augenblick meiner Angst nachgab. Ich raffte alle Kraft zusammen, um meinen Widerstand zu behaupten.

Wie lange diese furchtbare Prozession gedauert hat, kann ich nicht mehr sagen. Aber am Ende des scheußlichen Zuges kam ein Etwas herangekrochen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einer dreiköpfigen Natter hatte, nur unvergleichlich größer war, als irgend eine Schlangengattung. Aber sein Kopf und seine Augen sahen förmlich menschlich aus, oder besser gesagt: teuflisch. Und, o Entsetzen! diese Mißgestalt schwenkte ab, und anstatt gleich der übrigen Horde vorbeizuziehen, kam es mit gesträubten Kämmen und offenen Mäulern geradeaus auf mich zu. Es bohrte seine flammenden Augen in die meinigen und blutroter Schaum floß aus dem ungeheuren, gähnenden Rachen. Ich nahm zum letzten Mal alle meine Willenskraft zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und preßte die Zähne fest gegeneinander. Kein Muskel an mir zuckte, obwohl das Tier seinen pestartigen Hauch gegen mich blies. Durch seine wilden Bewegungen spritzte es Wasser über meine Füße und spie sogar seinen ekelhaften Geifer gegen mich. Ich aber blieb fest, da ich wußte, daß das Leben, und noch mehr als das Leben von meiner Willensstärke abhing. Wie lange ich in diesem Spannungszustande verharrt habe, weiß ich nicht. Aber eben als ich merkte, daß ich am Ende meiner Kräfte angelangt sei, wich der Widerstand des Ungeheuers. Die Glut erlosch in den boshaften Augen, die so nahe vor den meinigen standen, und das Ungetüm fiel mit einem rasenden Wutschrei über seine vergebliche Mühe ins Wasser zurück. Der ganze Haufe verschwand und ich war wieder allein in der finsteren Nacht.

Aber bevor ich mich noch recht an diese Veränderung gewöhnt hatte, ertönte über mir die wohlbekannte astrale Glocke und bei deren lieblichem Klang fühlte ich mich emporgehoben und rasch durch die Luft davongetragen. Im Nu war ich wieder in meinem Zimmer und sah dort meinen Körper noch immer in derselben Stellung liegen und nach einer kurzen Erschütterung fühlte ich mich plötzlich wieder eins mit meinem physischen Körper. Aber als ich mich auf meinem Lager aufrichtete, lag da auf meiner Brust eine wunderschöne weiße Lotosblume, die anscheinend frisch gepflückt war; denn der Tau lag noch über ihren Kelchblättern. Das Herz klopfte mir vor Entzücken, während ich mich zum Lichte wandte und sie näher betrachtete. Da streifte ein kalter Windstoß meine Füße und ließ mich gewahren, daß diese feucht waren. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich zu meinem Schreck, daß sie mit dem roten Geifer besudelt waren!

Ich ging ins Badezimmer und wusch die Flecke unter langem Reiben weg, aber es war schwer genug, die klebrige schmutzige Masse loszubringen. Als es mir schließlich dennoch gelang, kehrte ich wieder in mein Zimmer zurück, um mich an der Lotosblume weiter zu erfreuen. Aber bevor ich mich zum Schlafen niederlegte, zeichnete ich mir die Ereignisse der vergangenen Stunden schriftlich auf, denn ich befürchtete, daß ich mich am nächsten Morgen nicht mehr genau jeder Einzelheit erinnern würde. Freilich hätte mir das nicht so leicht widerfahren können, denn die Geschehnisse bleiben für ewig in meinem Gedächtnis eingeprägt.

Einige Zeit später.

Meine seltsame Geschichte ist aber noch nicht ganz beendigt. Nachdem ich dies niedergeschrieben hatte, legte ich mich wieder zu Bett und schlief ein, war aber so ermattet, daß ich am nächsten Morgen gegen meine Gewohnheit erst nach Sonnenaufgang erwachte. Das erste, worauf meine Augen fielen, war meine Lotosblume in der Wasserschale, in die ich sie am Abend vorher gestellt hatte, bevor ich zu schreiben anfing. Als der Tag heller wurde, gewahrte ich zu Füßen des Bettuches, auf dem ich gelegen hatte, rötliche Schmutzflecken. Ich stand auf und entschloß mich, den Fluß schwimmend zu durchkreuzen, um beim Tageslicht den Schauplatz meines nächtlichen Abenteuers in Augenschein zu nehmen. Da lag die Insel, da waren die flachen Sandbänke, gerade so, wie ich sie gestern gesehen hatte. Und dennoch war es beim klaren Sonnenlicht schwer, sich vorzustellen, daß sich nächtlicherweile hier eine so grausige Szene abgespielt hatte. Ich schwamm zum Ufer, um die genaue Stelle, wo ich die gestrige schwere Prüfung zu bestehen hatte, ausfindig zu machen. Ja, hier mußte es gewesen sein, und – alle Geister! was war das? da im Sande waren zwei tiefe Fußabdrücke, zwei tiefe Spuren nebeneinander, offenbar so entstanden, daß jemand lange in gleicher Stellung hier verharrt hatte. Es gab aber keine Spuren, die zu diesen beiden hingeführt hätten, weder vom Wasser her noch vom Innern der Insel aus. Nur diese einzigen zwei Spuren, meine eigenen Fußspuren ohne Zweifel, denn ich senkte meine Füße hinein und sie paßten genau! Aber mehr noch, was war das? – Hier am Rande nächst den Fußspuren war jene entsetzliche klebrige Flüssigkeit verspritzt der faule rote Schleim, der aus dem Schlund des Drachen geflossen war.

Ich habe alle möglichen Erklärungen erwogen, konnte aber der logischen Annahme nicht entrinnen, daß meine gestrigen Erlebnisse Wirklichkeit waren.

Ich konnte doch unmöglich im Schlafe hingegangen sein und dort die Fußeindrücke gemacht haben, denn um die Insel zu erreichen, hätte ich den Fluß durchschwimmen müssen und da wären nicht nur meine Füße naß geworden, sondern auch meine Kleider und mein ganzer Körper. Außerdem würde diese Annahme kaum verständlich machen, woher der rote Schleim und die Lotosblume kamen.

Wie aber sollte ich über die weibliche Gestalt urteilen? Ich kann mir nur denken, daß es ein »Naturgeist« gewesen ist, welcher entweder die seelische Hülle meiner verstorbenen Mutter benützt oder ihre Gestalt angenommen habe.

Sogleich, nachdem ich von der Insel zurückgekehrt war, habe ich diese Ergänzungen hinzugefügt.

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