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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 3
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Der verlassene Tempel.

Vor vielen Jahren lebte ich in einem Dorf 7 oder 8 englische Meilen von London, das durch seine Stille und Altertümlichkeit den Eindruck erweckte, als sei es zumindest einige hundert Meilen von diesem geschäftigen Mittelpunkt der Welt entfernt. Heute ist es schon lange kein Dorf mehr, denn die ungeheure Stadt, die sich in ihrer Größe immer mehr entfaltete, hat schon längst das Ganze in sich verschlungen. Die alte Landstraße, eine Allee, welche mit den prachtvollsten Ulmen des ganzen Landes bepflanzt war, ist jetzt beiderseits von prunklosen Villen eingesäumt; man eröffnete dort eine neue Bahnstation und gab billige Billets aus, um die Arbeiterschaft anzuziehen. Auch die alten malerischen Holzhäuschen sind damals niedergerissen worden, um modernen Wohnungen Platz zu machen. Ich will ja zugeben, daß dies der Weg der Vervollkommnung, der Fortschritt der Kultur ist; indessen kann man es einem ergrauten Mann, der seit alten Tagen dort ansässig ist, nicht verübeln, wenn er ein wenig daran zweifelt, ob die damaligen Dorfbewohner in ihren stillen Tagen nicht glücklicher und gesünder waren, als die heutigen.

Ich dürfte noch nicht lange in diesem Orte gewohnt haben, als ich die Bekanntschaft des damaligen Pfarrers machte, dem ich, soweit es in meinen Kräften stand, Hilfe bei seinen Gemeindearbeiten anbot. Er nahm mein Anerbieten in freundlicher Weise an; da er bald meine Vorliebe für Kinder erkannt hatte, wurde ich Lehrer, um schließlich die Oberleitung in der Sonntagsschule zu führen. Diese Beschäftigung brachte mich natürlich in innige Berührung mit der Dorfjugend, insbesondere mit jenen, welche als Chorsänger ausgewählt waren. Unter diesen fand ich zwei Brüder, Lionel und Edgar St. Aubyn, welche sich als besondere musikalische Talente erwiesen, so daß ich ihnen öfteren Privatunterricht bei mir anbot, um sie in ihrer Ausbildung zu fördern. Es ist überflüssig, zu sagen, daß mein Antrag mit größter Freude angenommen wurde und daß sich während dieser Zeit eine gegenseitige tiefe Zuneigung entwickelte.

In diesen Zeitraum fiel auch das Studium spiritualistischer Phänomene, die mich sehr interessierten, und als ich entdeckte, daß meine zwei Knaben sehr gute Medien waren, arrangierte ich oft nach meinen Musikstunden recht nette Séancen in meinem Hause. Einige von den Resultaten waren ganz sonderbar, aber nicht um diese handelt es sich hier. Ich muß noch erwähnen, daß ich nach unseren abendlichen Sitzungen meine beiden Chorknaben nach Hause zu begleiten pflegte; sie wohnten ca. eine halbe Meile von meinem Hause entfernt.

Einmal nach einem solchen Abend mußte ich Schreibarbeiten wegen bis zu später Stunde aufbleiben und ich saß in meiner Bibliothek, wo unsere Sitzung stattgefunden hatte. Nach jeder Séance wurde ein stundenlanges unheimliches Krachen in meinen Möbeln hörbar, manchmal bewegten sie sich sogar. In dieser Nacht war es besonders stark. Ich schenkte den Vorgängen wenig Aufmerksamkeit und schrieb bis zwei Uhr ruhig weiter, als ich plötzlich, ohne den geringsten Anlaß, einen unbezwinglichen Drang verspürte, ins Schlafzimmer zu eilen. Ziemlich verwundert, was dies bedeuten sollte, legte ich die Feder weg, öffnete die Türe und ging auf den Gang hinaus, wo mir zu meinem Erstaunen durch die halb offene Türe Licht entgegenströmte, wo doch kein Licht hier brennen konnte. Sofort schritt ich auf die Tür zu und blickte, ohne sie weiter zu öffnen, behutsam im Zimmer umher. Was ich nun sah, brachte mich derart aus der Fassung, daß ich minutenlang wie angewurzelt stehen blieb und sprachlos hineinstarrte. Obwohl keine eigentliche Lichtquelle (eine Lampe, Kerze od. dergl.) zu bemerken war, sah ich dennoch das Zimmer mit einem derartigen Silberglanz übergossen, daß man alle Gegenstände darin genau unterscheiden konnte. Ich suchte mit einem raschen Blick alles ab, fand aber nichts Ungewöhnliches vor. Wie aber mein Blick auf das Bett fiel – ich fühle heute noch den Schauer, der mir über den Rücken kroch! – da lag der Körper Lionels, desselben Knaben, den ich vor fünf Stunden in das Haus seiner Mutter geleitet hatte.

Mein erster Impuls war, nicht gerade sehr heldenmütiger Weise, die Türe zuzuschlagen und Hals über Kopf in mein trauliches Bibliothekzimmer zu laufen. Indessen überwand ich mich, nahm allen Mut zusammen, öffnete die Türe ganz und ging ins Schlafzimmer hinein bis zu Füßen des Bettes. Ja, er lag wirklich da, unverkennbar Lionel, – und dennoch hatte ich ihn niemals so gesehen. Seine Hände lagen über der Brust gekreuzt und seine weit geöffneten Augen blickten mit einem festen Blick, aber ungewöhnlichen Ausdruck in die meinen. Obwohl ich noch nie so etwas gesehen hatte, fühlte ich dennoch instinktiv, daß dieser glänzende, starre Blick der Ausdruck eines hellseherischen Stadiums war und der Knabe sich im tiefsten Zustand seelischer Verzückung befand, den jemals der stärkste Magnetiseur an dem besten Medium erzeugen konnte.

Es schien mir, als hätte er mich erkannt. Aber trotzdem verzog er keine Miene und rührte kein Glied: die Lethargie war zu tief. Er war in ein langes weißes Gewand gekleidet, nicht unähnlich dem Meßkleid eines Geistlichen, und trug über seiner Brust in Form eines Kreuzes eine hochrote Schärpe mit Stickereien und mit schweren Goldborten verziert. Das Gefühl, welches ich bei diesem Anblick empfand, läßt sich leichter nachempfinden als beschreiben. Ein Gedanke gewann bei mir über alle die Oberhand, nämlich daß ich mich offenbar im Schlafe befand und lebhaft träumte. Ich erinnere mich auch ganz deutlich, mich in den linken Arm gekniffen zu haben, um zu prüfen, ob ich wach sei. Aber ich mußte doch bei wachen Sinnen sein, denn ich sah mich mit gekreuzten Armen am Fuße der Bettstelle lehnen.

Ich wollte allen meinen Mut zusammenraffen und auf meinen unerwarteten Gast zuschreiten, um ihn zu berühren. In diesem Augenblick jedoch verwandelte sich plötzlich meine Umgebung. Die Zimmerwände schienen sich irgendwie zu erweitern, und obwohl ich noch immer am Fußende des Bettes lehnte und den geheimnisvollen Gast anstarrte, entrollte sich vor mir eine wunderbare Vision. Wir befanden uns inmitten eines großen, düsteren Tempels, ähnlich jenen im alten Ägypten. Seine massiven Pfeiler reckten sich weithin nach allen Richtungen, während das hohe, himmelanstrebende Dach kaum sichtbar war in dem fast andächtigen Dämmerlicht. Voll Erstaunen gewahrte ich an den Wänden riesige Malereien, einige Gestalten darunter, anscheinend über Lebensgröße, was ich aber bei dem gedämpften Licht nicht recht unterscheiden konnte. Ich sah, daß wir ganz allein darin waren und mein umherschweifender Blick kehrte schließlich wieder zu der rätselhaften Person meines Begleiters zurück, der wie ein Nachtwandler dalag.

Was jetzt folgt, ist so eigenartig, daß es schwer fallen wird, die richtige Beschreibung dafür zu finden. Ich kann nur sagen, daß sich mir in diesem Augenblicke das Problem löste, wie man sich zu gleicher Zeit in zwei Existenzformen an zwei verschiedenen Orten befinden kann. Während ich im Tempel drinnen Lionel betrachtete, war ich mir zugleich bewußt, auch außerhalb dieses großen Gebäudes gegenüber seinem weiten Portal zu stehen.

Die mächtige Fassade lag offenbar gegen Westen; denn eine lange Reihe von breiten schwarzen Marmorstufen, etwa fünfzig an der Zahl, führten empor und schienen eben von der untergehenden Sonne wie in strahlend rotes Blut getaucht. Ich sah umher, ob nicht irgendwo Menschen zu sehen seien. Aber mit Ausnahme der großen Palmen zu meiner Rechten war alles eine einzige, einförmige Sandfläche. Mein Leben lang wird mir dies Bild in Erinnerung bleiben, diese unbegrenzte gelbe Einöde mit der einsamen Palmengruppe, und der ungeheure, vom blutroten Sonnenlichte übergossene Tempel.

Rasch verschwand diese äußere Szenerie und ich befand mich wiederum im Innern des Gebäudes, während ich das seltsame Doppelbewußtsein beibehielt. Während der eine Teil von mir in seiner früheren Stellung verharrte, sah mein anderes Ich die wundervollen Gemälde an den Wänden wie die Wechselbilder einer laterna magica an sich vorüberziehen. Leider konnte ich mich später an die Bedeutung der Bilder nur unklar erinnern. Aber ich weiß noch, daß sie sehr spannend waren und mir ihre Gestalten höchst geistreich und lebensähnlich erschienen. Dieses Schauspiel währte einige Zeit; mit einemmale fühlte ich dann mein Bewußtsein nicht mehr geteilt, vielmehr verdichtete es sich einzig in meinem physischen Körper im Zimmer, – aber dieser lehnte noch genau wie zum Beginn der ganzen Vision zu Füßen des Bettes und starrte mit gebanntem Blick auf die Züge des Knaben hin.

Als ich so verwirrt und ängstlich dastand, vernahm ich plötzlich eine ganz natürliche Stimme, deren Klang durchaus nichts Ungewöhnliches an sich hatte und die klar und eindringlich sprach: »Lionel darf nicht magnetisiert werden. Es würde ihn töten.«

Ich blickte hastig herum, aber ich sah niemanden und hörte auch nichts weiter. Wiederum kneipte ich mich in den Arm, in der Erwartung, mich im Traumzustand zu finden, aber mit demselben Erfolg wie zuvor. Da ich fühlte, daß dieses Grauen zu einer unmännlichen Furcht ausarten würde, beschloß ich, den Zauberbann zu brechen. So nahm ich denn alle Kraft zusammen, schritt sachte auf ihn zu, beugte meinen Kopf herab und blickte ihm nahe ins Gesicht.

Aber kein Muskel bewegte sich, nicht ein Schatten der Veränderung zeigte sich in dem Ausdruck dieser wundervollen, leuchtenden Augen; und wie zaubergebannt verharrte ich einige Augenblicke unbeweglich, während mein Gesicht nur ganz wenig über dem seinigen sich befand. Endlich schüttelte ich mit großer Anstrengung den Bann von mir ab und griff erregt nach der Gestalt vor mir. Im selben Moment verschwand der Silberglanz, die Gestalt war fort, ich selbst kniete vor meinem Bett und hielt mit beiden Händen die Steppdecke umkrampft!

Ich stand auf, suchte meine verwirrten Gedanken zu sammeln und mir einzureden, ich müßte in der Bibliothek auf meinem Stuhl fest eingeschlafen sein, einen außergewöhnlich lebhaften Traum gehabt und mich im Verlaufe desselben erhoben haben, um träumend ins Schlafzimmer zu gehen. Indessen kann ich nicht gerade behaupten, daß ich mich mit dieser Ausdeutung selbst befriedigt gefühlt hätte, denn mein gesunder Menschenverstand wies sie als unrichtig ab. Auf jeden Fall sah ich ein, daß ich in dieser Nacht nicht mehr arbeiten konnte, schloß also mein Schreibpult, wusch mir den Kopf mit kaltem Wasser und ging schließlich zu Bett.

Am nächsten Morgen stand ich spät auf, aber ich fühlte mich trotzdem sehr matt und abgespannt. Ich schrieb dies der Nachwirkung des letzten Traumes zu. Indessen beschloß ich, seiner nicht Erwähnung zu tun, um meine Mutter nicht aufzuregen. Aber daran erinnere ich mich noch sehr gut, wie ich beim vollen Tageslicht die blauen Flecken verblüfft betrachtete, die mir am linken Arm von dem Kneifen zurückgeblieben waren.

Zufällig kam am Abend Lionel zu mir, weshalb, habe ich ganz vergessen. Aber bestimmt weiß ich noch, daß er im Laufe der Unterhaltung zu mir sagte: »Oh, Sir, ich habe in der vergangenen Nacht etwas so Seltsames geträumt!«

Wie er das sagte, fühlte ich etwas wie einen elektrischen Schlag in mir, aber ich behielt meine Geistesgegenwart und sagte:

»Wirklich? – Ich will eben ausgehen, Du kannst mir darüber während unseres Spazierganges erzählen.«

In dem unangenehmen Vorgefühl des Kommenden hatte ich den Wunsch, den Knaben außerhalb Hörweite meiner Mutter zu bringen, bevor er mehr darüber sagen konnte. Als wir draußen waren, bat ich ihn, mir alles eingehend zu erzählen und wie er damit begann, fühlte ich denselben kalten Schauer wie vergangene Nacht meinen Rücken herunterrieseln.

»Ich träumte, Sir, daß ich auf einem Bette lag, und obwohl ich nicht eingeschlafen war, konnte ich weder Hände noch Füße bewegen. Aber ich konnte alles ganz genau sehen und hatte dabei ein so eigenes Empfinden, wie ich es noch nie zuvor verspürt hatte. Es war ein Gefühl, als ob mir ein höheres Wissen aufgegangen wäre und ich nun auf jede Frage in der Welt Antwort wüßte.«

»Wie bist du gelegen, Lionel«, fragte ich und meine Haare sträubten sich, als er zur Antwort gab: »Ich lag am Rücken und meine Hände waren über der Brust gekreuzt.

»Wahrscheinlich warst Du so gekleidet wie jetzt?«

»Oh, nein, Sir, ich war in eine Art langen weißen Gewandes gekleidet, wie es die Priester unter ihrem Meßkleid zu tragen pflegen. Quer über meine Brust und die Schulter trug ich ein breites rotes Band, mit Gold gestickt. Es sah so schön aus, Sie können sich das kaum vorstellen.«

Ich wußte nur zu gut, wie es ausgesehen hatte, aber ich behielt mir meine Gedanken für mich. Natürlich konnte ich daraus ersehen, daß meine nächtliche Expedition mehr als ein gewöhnlicher Traum gewesen war, wenn nun auch sein Traumbild sich als das gleiche wie meines erweisen würde. Ein heftiges Widerstreben bäumte sich in mir gegen diese Möglichkeit auf, und ich strengte mich an, irgendeinen Unterschied oder Widerspruch aufzufinden, der mir gestattet hätte, diesem fatalen Resultate zu entgehen. Ich fuhr fort:

»Du warst natürlich in Deinem eigenen Zimmer?«

Aber er sagte: »Nein, Sir, zuerst befand ich mich in einem Zimmer, das ich schon früher gesehen haben muß. Aber seine Wände wurden auf einmal weiter, und schließlich war es kein Zimmer mehr, sondern ein großer, sonderbarer Tempel, ähnlich den Bildern, die ich in Büchern gesehen hatte, mit ungeheuren, mächtigen Pfeilern, und wunderbaren Gemälden an den Wänden.«

»Das ist ja ein sehr interessanter Traum, Lionel; sag' nur, in welcher Stadt ist denn dieser Tempel gewesen?«

Alles war umsonst, er war nicht irre zu führen. Die unvermeidliche Antwort kam, so wie ich sie vorhergesehen hatte.

»Überhaupt in keiner Stadt, Sir; er stand inmitten einer großen Sandfläche, gleich der Saharawüste in unseren Geographiebüchern, ich konnte rundherum nichts wie Sand sehen, mit Ausnahme von drei schönen großen Bäumen, aber ohne Zweige, die weit rechts in der Ferne standen und so aussahen, wie auf meinen Bildern von Palästina.«

»Und woraus war denn dieser Tempel gebaut?«

»Aus leuchtendem, schwarzen Stein, Sir. Aber zu der Vorderfront führten eine große Anzahl Stufen empor, die waren rot wie Feuer, da die letzten Sonnenstrahlen auf sie fielen.«

»Aber wie konntest Du dies alles sehen, da Du doch immer drinnen im Gebäude warst?«

»Ja, Sir, das weiß ich nicht«, sagte er; »es ist sehr komisch, aber ich hatte das Gefühl, zu gleicher Zeit drinnen und draußen zu sein. Und dann, obwohl ich mich die ganze Zeit über nicht regen konnte, schien es mir doch, als ob ich entlang der Mauer schritte und mir die schönen Malereien betrachtete. Aber wie das geschah, verstehe ich nicht.«

Ich stellte nun eine Frage an ihn, auf die ich schon lange begierig war, aber die ich bisher ängstlich zurückgehalten hatte:

»Hast du irgend einen Menschen in diesem wunderbaren Traum gesehen?«

»Ja, Sir«, antwortete er und sah mich mit strahlenden Augen an; »ich sah Sie, einzig Sie allein und keinen andern Menschen.« Ich wollte lachen, aber es blieb bei dem schwachen Versuch. Ich fragte weiter, was ich im Traume getan habe:

»Sie kamen herein, Sir, als ich noch im Zimmer war, steckten aber vorher Ihren Kopf durch die Türe und hefteten Ihre Blicke überrascht auf mich, als Sie mich gewahrten. Ja, Sie starrten mich sogar lange an. Darauf kamen Sie in das Zimmer zu mir und traten zu Füßen meines Bettes. Auch sah ich, daß Sie Ihren linken Arm mit der Hand faßten und ihn kneiften. Darauf stützten Sie Ihre Arme auf die Bettkante auf und blieben so stehen, auch während wir im Tempel weilten und ich mir die Bilder ansah. Als dann alles vorbei war, drückten Sie Ihren linken Arm wiederum und kamen auf mich zu an das Bett. Sie blickten mich so sonderbar und fremd an, daß ich mich fast vor Ihnen fürchtete. (Ich war im Stillen überzeugt, daß ich das wirklich getan habe.) Dann beugten Sie Ihr Gesicht ganz nahe zu dem meinigen herab«, fuhr Lionel fort, »aber ich konnte mich noch immer nicht bewegen. Plötzlich, als wollten Sie sich aufraffen, zu einem Entschlusse, griffen Ihre beiden Hände nach mir, – und da erwachte ich. Ich lag wohlgeborgen in meinem eigenen Bett bei uns zuhause«.

Man wird leicht begreifen, daß diese Punkt für Punkt zutreffende Bestätigung meines eigenen »Traumerlebnisses« und die absonderliche Art, wie der Knabe augenscheinlich jede meiner Handlungen bis ins kleinste beobachtet hatte, mich sehr erregte. Und während er in seiner naiv-kindlichen Offenheit sein Herz vor mir ausschüttete, schritten wir durch das zauberhaft schöne Mondlicht und die tiefen Schatten, welche die großen Bäume auf die einsame Landstraße zeichneten. Ich bezwang mich so sehr als möglich und unterdrückte alle Äußerungen des Erstaunens und meines übergroßen Interesses. Lionel hat bis heute nicht erfahren, welchen wichtigen wissenschaftlichen »Test« er mir mit der Beschreibung seines Traumes geliefert hat.

Ich habe diese Tatsachen mit der gewissenhaftesten Genauigkeit notiert, so wie sie mir begegneten. Wie sollte man sie erklären? Es schweben mir zwei Möglichkeiten vor, die indessen auch noch Einwendungen zulassen. Das Erlebnis könnte ein Beispiel von sog. »Doppeltraum« oder »telepathischem Traum« gewesen sein, wobei zwei Personen gleichzeitig dasselbe träumen.

Es ist möglich, daß bei einem solchen Vorkommnis nur eine von beiden Personen tatsächlich aktiv träumt und seine Traumbilder sich irgendwie in der Phantasie des andern wiederspiegeln; sie können ihm auch hypnotisch übertragen werden.

Im Falle eines solchen Doppeltraumes pflegen beide Personen genau dasselbe zu sehen und zu tun. Hier aber war es ganz anders: freilich erblickten auch beide dieselbe Umgebung und hatten in gleicher Weise das merkwürdige Gefühl eines doppelten Bewußtseins, jedoch handelte jeder selbständig, jeder für sich und jeder anders, und der eine sah den andern so, wie dieser sich nach der eigenen Erinnerung im Traume verhalten hatte.

Eine zweite Annahme wäre die, daß Lionel mit seinem Astralkörper in meinem Zimmer war und sich entweder »materialisierte«, oder mein Sehvermögen zeitweilig so gesteigert war, daß ich ihn wahrnehmen konnte. Daß wir dann in diesem Astralkörper zusammen eine Reise zu jenem verlassenen Tempel machen konnten, der in der fernen Wüste stand, und zusammen alles beschauten, gehört wohl zu den seltsamsten Tatsachen. Diese Theorie hat natürlich ihre Schwierigkeiten und besonders dürften jene, welche auf diesem Gebiet nicht so bewandert sind, sie unwahrscheinlicher finden als die anderen. Ich neige wenigstens zum Teil der letzteren zu. Ich glaube, daß Lionel wirklich astral in meinem Zimmer gewesen war und ich ihn so gesehen hatte. Indessen wäre es immerhin möglich, daß unsere Vision des verlassenen Tempels uns von einem mächtigeren Willen als dem unsrigen eingegeben worden ist.

Ich hatte stets den Eindruck gehabt, als sei ein Dritter an dem Geschehnis beteiligt und daß die geheimnisvolle Stimme, welche die Warnung gesprochen hatte, der eigentliche Anlaß des Ganzen war.

Ein älteres Chormitglied hatte von unseren Séancen erfahren und war eifrigst bestrebt, seine angebliche mesmeristische Kraft an Lionel zu versuchen, indem er behauptete, daß er ein ausgezeichnetes Medium sein würde und vielleicht bis zum Hellsehen zu bringen wäre.

Obwohl damals schon mein Instinkt ohne besonderen Grund sehr dagegen war, hätte ich vielleicht schließlich seinem Drängen doch noch nachgegeben. Nach dem letzten Erlebnis aber verweigerte ich ihm aufs Entschiedenste die Erlaubnis zu irgend einem Experiment mit Lionel, da ich es nach einer solchen Warnung für die größte Torheit halten mußte. Der Zweck des Traumes war vielleicht überhaupt die Erteilung dieser Warnung gewesen, und die Nebenumstände des Schauplatzes nur ein Hilfsmittel, um einen starken Eindruck auf uns hervorzurufen, was auch wirklich erreicht wurde.

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