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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 2
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Gesühnter Frevel.

Es ist etwas Eigenartiges um das Leben eines Junggesellen, so amüsant es in vieler Beziehung zu nennen ist. Sein größter Reiz liegt in der unbeschränkten Freiheit, aus- und einzugehen, wann und wie es einem beliebt. Aber es ist schrecklich einsam. Sicherlich ist Dir, lieber Leser, die grausige Geschichte mit dem Skelett von Dickens bekannt, – sie soll sogar wahr sein: Ein Mann ist im Begriffe, sich aus seiner Wohnung zu entfernen, wird aber, während er die Türe aufsperren will, vom Schlag getroffen. Als um ein volles Jahr später der Schlosser diese Tür zu öffnen hat, fällt ihm das angelehnt gewesene Skelett in die Arme. Ich glaube, ich bin nicht gerade nervös veranlagt, aber ich muß gestehen, daß mir, solange ich allein wohnte, die Geschichte immer naheging. Wenn man so allein für sich lebt, ist man leicht allen erdenklichen Zufällen ausgesetzt. Es scheint wirklich, daß einem die allerunangenehmsten Dinge, mögen sie nun auf Wirklichkeit oder Einbildung beruhen, dann zustoßen, wenn man sich allein befindet; dann hätte auch jener Amerikaner recht, der dem Himmel für seine Güte dankt, daß er nicht verurteilt ist, dem Gespenste eines so furchtbaren Todeskampfes ins Auge zu schauen, das nur dem einsam lebenden, aber nie dem im Schoße seiner Familie weilenden Manne droht.

Andererseits aber hat es auch etwas für sich, wenn ein Junggeselle an einem kalten Winterabend heimkommt, seine Türe abschließt und es sich bei einem Buch am wohlig wärmenden Kamin behaglich macht. Er ist ein König in seinem kleinen Reich und fühlt sich sicher und geborgen vor aller unliebsamen Störung.

So bequem hatte ich Der Erzähler dieser sonderbaren Ereignisse, welchen ich hier Mr. Thomas Keston genannt habe, war ein hervorragender Advokat in London. Ich dachte mir, es werde am besten sein, ihn mit seinen eigenen Worten seine Geschichte erzählen zu lassen.
(C. W. Leadbeater.)
es mir eben auch an jenem Abend gemacht, an welchem die Verkettung der Umstände ihren Anfang nahm, die den Inhalt dieser Erzählung bilden. Ich schrieb gerade an meinem ersten Buche – mein erstes Buch! – betitelt: »Über den gegenwärtigen Stand des Gesetzes betreffend Abtretungsurkunden«. Ich hatte bereits mehrere Abhandlungen veröffentlicht, die den Gegenstand von den verschiedensten Seiten beleuchteten, und diese waren von hohen Sachverständigen in so guter Weise aufgenommen worden, daß ich mich ermutigt fühlte, meine Anschauungen nunmehr in kühnerer Form darzustellen. Auf dieses Werk hatte ich mich an dem fraglichen Abend mit dem ganzen Eifer eines jungen Autors geworfen. Ich erwähne diese Situation ausdrücklich deswegen, weil sie weit davon entfernt war, mir den Gedanken an irgendein absonderliches oder romantisches Abenteuer nahezulegen. Ich erinnere mich, ich hatte gerade die Feder abgesetzt, um über der richtigen Ausdrucksweise für einen besonders verwickelten Satz zu grübeln, als mich plötzlich ein Gefühl überkam, das wohl auch viele andere schon an sich erfahren haben mögen, als ob ich nämlich nicht allein wäre in meinem Zimmer. Ich wußte meine Tür gut versperrt und so war die Idee offenbar widersinnig. Trotzdem war das Gefühl so überstark, daß ich dem Zwang nicht wiederstehen konnte, von meinem Stuhl aufzustehen und im Zimmer umherzusehen. Es war aber nichts sichtbar; ich lachte über meine eigene Unvernunft und wandte mich mit neuem Eifer meinem Satze zu; ich kam aber damit nicht zu ende; denn im selben Augenblicke verspürte ich einen leichten aber eindringlichen Duft in meinem Zimmer. Dieser Geruch kam mir bekannt vor! Aber ich war erst lange nicht imstande mich zu entsinnen, wo ich ihm seinerzeit begegnet war; dann aber war mein Erstaunen groß, wie man leicht begreifen wird, wenn ich erkläre warum.

Ich verbrachte meinen letzten langen Urlaub auf einer Wanderung durch Ägypten, wo ich mich auch in entlegenen Winkeln und unheimlichen Örtlichkeiten herumtrieb. Ich wollte in das wahre Leben dieses Landes eindringen und hielt mich darum soviel als möglich von den breitgetretenen Pfaden der Reisegesellschaft fern. Ich hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft eines Scheiks zu machen (er wurde so genannt, aber ich weiß nicht, ob er auch Anrecht auf diesen Titel hatte), der eine wahre Fundgrube für Auskünfte über alte Sitten und Gebräuche war, und besonders die Altertümer der Gegend, nämlich die Reste von Herrlichkeiten aus der Zeit der Kalifen im Mittelalter, nicht die »wirklichen« Altertümer der ägyptischen Pharaonendynastien, gründlich kannte. Mein Diener warnte mich zu wiederholten Malen vor diesem Manne und sagte mir, daß er im Rufe eines Zauberers und Hexenmeisters stehe, welcher mit bösen Mächten verbündet sei. Ich jedoch fand ihn immer sehr freundlich und zuvorkommend, und er machte mich auf alle die interessanten Dinge aufmerksam, welche es in dieser Stadt zu sehen gab und die mir ohne ihn wahrscheinlich entgangen wären. Eines Tages, als ich ihm zu ungewöhnlicher Stunde einen Besuch abstattete, schlug mir beim Eintritt in sein Zimmer ein ganz eigenartiger Geruch entgegen. Nie in meinem Leben war mir noch dieser Duft begegnet; es war ein unbeschreiblich köstliches und wohliges Odeur, fast bedrückend, und doch war seine Wirkung anregend und belebend. – Ich war so entzückt davon, daß ich den Scheik eindringlich bat, mir entweder ein bißchen davon zu geben, oder mir wenigstens zu verraten, wie ich es mir verschaffen könnte. Zu meinem Erstaunen schlug er mir meine Bitte höflich aber entschieden ab. Alles, was ich von ihm in Erfahrung bringen konnte, war, daß dies ein heiliges Odeur sei, nur bei magischen Anrufungen gebraucht, und daß seine Erzeugung ein uraltes Geheimnis sei, nur einigen, ganz wenigen Auserwählten bekannt. Schließlich versicherte er mir, daß auch um alles Gold der Welt von diesem Räucherpulver nicht ein einziges Körnchen zu verkaufen sei.

Natürlich erregte dies meine Neugierde aufs Höchste, er aber gab mir keine weiteren Auskünfte, weder über das Odeur selbst, noch über den Zweck, zu dem es dienen sollte. Ich saß ungefähr eine Stunde plaudernd mit ihm zusammen. Während dieser Zeit durchdrang das berückende Parfüm meine Kleider, und als ich in das Hotel zurückkam, bemerkte mein Diener sofort den intensiven Geruch und fuhr von Schrecken ergriffen zurück. Der Geruch rüttelte ihn aus seinem gewohnten Phlegma auf und alle Höflichkeit vergessend, die sonst seine zweite Natur ausmachte, fragte er hastig: »Effendi, wo bist Du gewesen? Woher kam dieser Satansduft in Deine Kleider?«

»Nun, was denkst Du«, fragte ich. »Was ist an dem Geruch, daß er Dich so eigentümlich erregt?«

»O, Herr, seid auf der Hut!«, erwiderte mein Mann fast weinend, »Ihr wißt nicht und wollt es nicht glauben –. Ihr Engländer wißt nichts von der furchtbaren Macht der altägyptischen Magie. Ich weiß ja nicht, wo Ihr gewesen seid, o Herr. Aber versprecht mir, nie wieder dort hinzugehen, denn Ihr habt Euch in einer furchtbaren Gefahr befunden. Nur Zauberer benützen diesen Duft, doch keiner kann sich ihn selbst bereiten; böse Geister erzeugen das Pulver und für jede neue Phiole muß ein Mensch sein Leben lassen; wir nennen es darum › Jungfrauenblut‹.«

»Unsinn, Mustapha«, sagte ich, »Du wirst doch nicht erwarten, daß ich solche Märchen glaube. Kannst Du mir etwas von diesem geheimnisvollen Pulver verschaffen?«

»Nicht um die Welt!« antwortete Mustapha, mit allen Zeichen der Todesangst im Gesicht.

»Niemand kann es bekommen, niemand, ich schwöre es Ihnen! Und ich würde es nicht anrühren, nicht für mein Leben, auch wenn ich könnte nicht. O, Effendi, laßt ab von diesen Dingen, bei dem Heil Eurer Seele.«

Ich lachte über seine Angst um mich. Aber es war kein Zweifel, es war ihm heiliger Ernst damit. Wahr ist auch, daß ich kein ähnliches Parfüm auftreiben konnte, obwohl ich es genau in Erinnerung hatte und in ganz Kairo darnach suchte. Wenn ich nun sage, daß es eben dieser geheimnisvolle Duft war, – zwar schwach, aber unverkennbar derselbe, – den ich jetzt in meinem Zimmer in London einatmete, so wird man leicht begreifen, wie wohlbegründet mein Erstaunen war. Was sollte dies bedeuten? War es etwa möglich, daß der Duft meinen Kleidern entströmte? Augenscheinlich nicht, denn dann hätte ich ihn doch schon früher gewahren müssen, als jetzt, da bereits vierzehn oder fünfzehn Monate nach dem Ereignis in Kairo verstrichen waren. Aber woher mochte er kommen? Ich war fest überzeugt, daß man unmöglich auch nur ein entfernt ähnliches Odeur in England finden würde. Diese Frage schien mir so schwer zu beantworten zu sein, daß ich später, als ich ihn nicht weiter wahrnahm, halb und halb geneigt war, das Ganze für eine Einbildung anzusehen. Ich vertiefte mich also wieder in meine Arbeit, entschlossen, den Vorfall gänzlich aus meinem Gedächtnis zu verbannen.

Ich führte den verwickelten Satz zu meiner Zufriedenheit zu Ende und hatte eben ca. eine Seite geschrieben, als mich plötzlich stärker denn je das unangenehme Bewußtsein befiel, irgend jemand zweiten neben mir zu haben. Aber dieses Mal fühlte ich, bevor ich mich noch umblicken konnte – ganz deutlich – ein leises Atmen oder einen Windhauch im Genick und hörte einen gedämpften Seufzer dazu. Ich sprang mit einem Aufschrei von meinem Sitz empor und blickte mich verstört in meinem Zimmer um, doch da war nichts Ungewöhnliches zu sehen und mein mysteriöser Besucher hatte keine Spur hinterlassen. »Keine Spur«, sagte ich? Eben, als ich meine Geistesgegenwart wiedergewann, stahl sich der feine, eigenartige Geruch abermals in meine Nase. Es war wieder da, das undefinierbare, süßliche Etwas, der Duft der uralten Zauberkunst des Orients.

Ich muß gestehen, daß ich furchtbar aufgeregt war. Ich sprang zur Türe und rüttelte daran mit aller Kraft, jedoch sie war fest verschlossen. Darauf wandte ich mich meinem Schlafzimmer zu, auch dort war niemand zu sehen. Nun unterzog ich Betten, Sofas und Tische einer genauen Untersuchung, öffnete sogar alle Schubladen und Schachteln, die kaum groß genug waren, um eine Katze darin zu verbergen, – ohne Erfolg. Vollständig verwirrt setzte ich mich nieder, um mir die Sachlage klar zu machen; aber je mehr ich darüber grübelte, desto weniger konnte ich zu einem vernünftigen Ergebnis gelangen.

Endlich entschloß ich mich, die ganze mysteriöse Geschichte auf sich beruhen zu lassen und meine Nachforschungen auf den nächsten Morgen zu verschieben. Ich versuchte, meine Arbeit wieder aufzunehmen, war aber durch die Unterbrechung äußerst mißgestimmt und unfähig zu schreiben. Der gespenstige Eindruck des unheimlichen Gastes wollte nicht von mir weichen. Der langgezogene, unendlich traurige Seufzer klang noch in meinem Ohr nach und sein unterdrücktes Leid erweckte mein teilnahmsvolles Mitleid. Noch einige Male versuchte ich nutzlos weiterzuschreiben, bis ich mich endlich in einem Armstuhl neben dem Kamin niederließ und zu lesen begann.

Obwohl ich in meinen sonstigen Gewohnheiten ziemlich anspruchslos bin, pflege ich mir's beim Lesen förmlich weichlich einzurichten. Zu diesem Zwecke dient mir der bequemste Armstuhl, der für Geld zu kaufen ist, mit den gesegnetsten Erfindungen der Neuzeit ausgestattet: dieser, mein »Leseapparat«, hält mein Buch genau in der gewünschten Lage schief, das Licht fällt, während mein Gesicht beschattet bleibt, einzig auf die zu lesende Buchseite, und weiter ist ein kleines Schreibpult daran, um etwaige Notizen zu Papier zu bringen.

In so luxuriöser Weise machte ich es mir bequem; zur Lektüre hatte ich mir Montaigne's » Essays« gewählt, in der stillen Hoffnung, durch ihre Gelenkigkeit und wunderbare Schmiegsamkeit mir den Geistesschwung anzueignen, den ich notwendig brauchen konnte. So sehr ich auch das Vorgefallene zu vergessen trachtete, fühlte ich dennoch beim Lesen zwei Bewußtseinsströme auf mich eindringen: erstens die stets mich verfolgende Gegenwart eines Andern und zweitens das leise Wehen jenes ägyptischen Parfüms.

Ich mochte etwa eine halbe Stunde lang gelesen haben, da kam ein stärkerer Lufthauch als je zuvor auf mich zu und zugleich vernahm ich leises Rascheln. Erschreckt blickte ich auf; wer beschreibt mein Entsetzen, als ich einige Meter von mir entfernt, an demselben Tisch, von dem ich kurz vorher aufgestanden war, einen Mann über ein Schreiben gebeugt sitzen sah. Im Momente, als ich ihn erblickte, entfiel die Feder seiner Hand und er stand auf, während er mich bitter enttäuscht und mit einem herzzerreißenden Ausdruck ansah – und verschwand.

Ich war zu betroffen, als daß ich mich von meinem Platz hätte erheben können und starrte auf den Ort hin, wo ich die Erscheinung gesehen hatte, und rieb mir die Augen, als gälte es, die Nachbilder eines bösen Traumes hinwegzuwischen. So groß meine Bestürzung war, so kam mir doch alsbald zum Bewußtsein, daß ich ein deutliches Gefühl der Erleichterung empfunden hatte; es dauerte allerdings minutenlang, bis ich mir dessen bewußt wurde. Endlich war ich mir darüber klar, das gruselige Bewußtsein eines unsichtbaren Gefährten los geworden zu sein und jetzt erst gab ich mir Rechenschaft, unter welch einem furchtbaren Druck ich gestanden hatte. Sogar der absonderliche Zauberduft verschwand rasch und trotz des grauenhaften Gesichtes, das ich erlebt hatte, fühlte ich mich bereits wieder so befreit wie jemand, der aus dunkler Kerkernacht emporsteigt ans strahlende Sonnenlicht.

Vielleicht hat dieses befreiende Gefühl dahin gewirkt, mich zu überzeugen, daß ich keiner Sinnestäuschung zum Opfer gefallen war, sondern wirklich mit einem zweiten das Zimmer geteilt hatte, der sich im letzten Augenblick verkörperte und verschwand. Ich ließ nochmals die Ereignisse der letzten Minuten im Geiste vorüberziehen und nahm darauf Papier und Feder zur Hand, um mir eine kurze Notiz über die ganze Sache zu machen.

Zunächst über die äußere Erscheinung meines gespenstischen Besuches, wenn er das überhaupt war. Seine Gestalt war groß und gebieterisch, seine Gesichtszüge verrieten enorme Kraft und Entschlossenheit, aber es trug auch die Spuren von rücksichtsloser Leidenschaft, von schlummernder Brutalität, welche mir den Eindruck machten, als sei der Mann eher zu fürchten als zu lieben. Besonders auffallend waren seine strenggeformten Lippen und die eigenartige weiße Narbe, welche sich von der Unterlippe nach abwärts zog. Dabei erinnere ich mich genau, wie der Ausdruck seines Gesichtes mit einem Male wechselte, wie Angst, Verzweiflung, ja sogar flehende Bitte um Hilfe darin zu lesen waren: Trotz allem schien in ihm ein gewisser düsterer Stolz zu sagen:

»Ich habe alles getan, was ich konnte; meine letzte Karte habe ich aufs Spiel gesetzt und – verloren; nie zuvor erniedrigte ich mich vor euch Sterblichen soweit, um Hilfe zu erflehen; aber dich bitte ich nun darum!«

Vielleicht erscheint es unmöglich soviel in einem Augenblick zu erfassen; auf mich wenigsten hatte es diese Wirkung. So unheimlich auch der Eindruck seiner Erscheinung war, sein Hilferuf sollte unbedingt nicht vergebens gewesen sein, wüßte ich nur, wer er war und womit man ihm helfen konnte. An Geister habe ich bis dato noch nicht geglaubt; auch jetzt war ich von deren Existenz noch nicht sicher überzeugt; doch einem Mitgeschöpf in der Not beizustehen, sei es nun Mensch oder Geist, würde ich keinen Augenblick gezögert haben. In diesem Gedanken fühlte ich mich gefeit gegen alle Furcht, und ich kann wohl ruhig behaupten, daß ich den Geist, wenn er mir noch einmal erschienen wäre, mit der größten Unbefangenheit gebeten hätte, Platz zu nehmen, und mir seine Angelegenheit vorzutragen, wie ich etwa einen Klienten dazu aufgefordert hätte.

Ich schrieb also wie gesagt, sorgfältig jede Einzelheit des Abends nieder, Tag und Stunde hinzu und setzte meine Unterschrift darunter. Als ich danach aufsah, blieb mein Auge an einigen Blättern haften die am Boden zerstreut lagen. Ich erinnerte mich, gesehen zu haben, wie das Gespenst mit den langen dunklen Ärmeln seines Mantels, in den es eingehüllt war, die Papiere mit herunterstreifte. Mir kam die Idee, es könnten auf diesen Papieren irgend welche Anhaltspunkte zur Entwirrung des Geheimnisses zu finden sein. Ich hob sie auf und musterte sie genau, aber es war nichts darauf zu sehen, nur der Federstiel fiel mir in die Augen, den ich damals aus den Händen des Geistes auf den Boden gleiten sah. Während ich die Blätter auflas, – mein Herz pochte laut, – gewahrte ich unter ihnen ein seltsames, zerrissenes Papierstück, das zuvor sicherlich nicht auf meinem Tisch gelegen hatte. Mit welcher Hast ich darnach langte, wird man sich wohl vorstellen können.

Es war ein länglicher, kleiner Pergamentstreifen, etwa 5 Zoll lang und 3 Zoll breit; er war augenscheinlich von einem größeren Papierstück oder einer schmalen Buchrolle losgerissen worden, der eine Rand war ganz ausgefranst; das Fragment mußte mit ziemlicher Kraft von dem übrigen Teil abgerissen worden sein. Das Erstaunliche dabei war, daß die Papierfläche infolge ihres hohen Alters ein angegriffenes, von Wasserflecken entstelltes Aussehen trug, die Rißstelle aber weiß und frisch erschien, als sei das Stück eben abgetrennt worden. Die eine Seite des Pergamentblattes war völlig unbeschrieben oder aber schon verblaßt durch die Zeit und Feuchtigkeit; auf der andern Seite standen einige verwischte Schriftzüge, leider bis zur Unkenntlichkeit verlöscht, darunter in kräftigen Schriftzügen mit frischer Tinte die zwei Buchstaben » Ra«.

Da die Tinte, mit der die beiden Buchstaben geschrieben waren, genau die gleiche war, die ich immer benützte, konnte ich kaum zweifeln, daß die seltsamen Zeichen auf meinem Schreibtisch entstanden. Vielleicht hatte das Gespenst die Absicht gehabt, mir dadurch eine Erklärung zukommen zu lassen, war aber damit nicht zuende gekommen. Nur eines wollte mir nicht klar werden: warum hatte es gerade sein eigenes Papier mitgenommen. Sollte in jenen unlesbaren braunen Flecken das ganze Geheimnis verborgen liegen ...? Ihnen wandte ich meine volle Aufmerksamkeit zu, konnte aber trotz größter Mühe und Geduld nichts darin entdecken und beschloß endlich, bis zum Tagesanbruch zu warten. Wider alles Erwarten träumte ich nicht von meinem Geisterbesuch, obwohl ich lange an ihn denken mußte, bis ich einschlief.

Am nächsten Morgen borgte ich mir von einem meiner Freunde ein Vergrößerungsglas und setzte meine Untersuchung fort. Nun konnte ich ganz deutlich zwei geschriebene Zeilen unterscheiden, augenscheinlich in irgend einer fremden Sprache verfaßt, und darunter, nicht unähnlich einem Monogramm, ein seltsames Zeichen, das in Form einer Signatur auf das Papier gedrückt war. So sehr ich mir auch Mühe gab, konnte ich weder die Buchstaben des Monogramms entziffern, noch die Sprache erkennen, in welcher die zwei Zeilen geschrieben waren. Soweit ich sie lesen konnte, lauteten sie folgendermaßen:

Qomm uia daousa sita eo uia uiese quoam.

Einige dieser Worte sahen Latein nicht unähnlich; dabei überlegte ich, daß, wenn diese Schrift wirklich so alt war als sie mir erschien, sie wohl dem lateinischen Altertum angehören konnte; leider aber war kein zusammenhängender Sinn darin zu finden, und so war guter Rat teuer. Ich brachte es nicht über mich, jemandem von den Ereignissen der vergangenen Nacht Mitteilung zu machen oder gar das bewußte Dokument zu zeigen, da ich allen neugierigen Fragen ausweichen wollte. Ich barg das Dokument sorgfältig in meinem Notizbuch und betrachtete den Vorfall einstweilen als erledigt.

Es mochten darnach etwa 14 Tage verflossen sein, ohne daß sich inzwischen die Sache aufgeklärt hätte und in mir ein Entschluß gereift wäre, als sich ein zweites Ereignis einstellte. Wiederum saß ich eines Abends am Schreibtisch, diesmal jedoch nicht bei einer Lektüre, sondern mit einer etwas weniger zusagenden Arbeit beschäftigt, nämlich mit der Erledigung der unbeantworteten Briefe. Ich hasse das Briefschreiben und bin daher immer geneigt, die ganze Korrespondenz solange anwachsen zu lassen, bis mich schließlich der aufgestapelte Rückstand allzusehr irritiert. Dann werden immer zur Sühne ein oder zwei Tage darauf geopfert, den ganzen Stoß auf einmal zu tilgen. Es war eben wieder eine solche Gelegenheit, wobei es überdies zu entscheiden galt, welche der drei Einladungen für die Weihnachtsfeiertage ich annehmen sollte.

Ich war seit Jahren gewöhnt, Weihnachten bei meinem Bruder im Kreise seiner Familie zu verbringen, falls ich gerade in England weilte; dieses Jahr aber verbrachte er den Winter im Ausland, da seine Frau krank war. Ich bin sehr konservativ veranlagt, vielleicht sogar zu sehr, und so versprach ich mir recht wenig von den diesjährigen Weihnachten; ihre Wahl erschien mir daher gleichgültig. Vor mir lagen die Einladungen der drei Familien. Man schrieb den 14. Dezember und ich hatte mich noch immer nicht entschieden. Eben war ich dabei, einen Entschluß zu fassen, als ich durch ein lautes Klopfen an der Tür gestört wurde. Als ich rasch öffnete, stand ein hübscher, sonnenverbrannter Junge vor mir, den ich auf den ersten Blick nicht erkannte. Aber da rief er auch schon mit seiner hellen, fröhlichen Stimme:

»Was, Keston, alter Knabe, hast Du mich denn schon vergessen?«

Nun erkannte ich in ihm sogleich meinen alten Schulkameraden Jack Fernleigh wieder. In Eton war er mein »Fuchs« gewesen und er hatte sich währenddessen als ein immer lustiger und gutmütiger Kamerad erwiesen; unsere Korpsbekanntschaft war zur innigen großen Freundschaft herangewachsen, wie es nur selten vorkommt; obwohl er viel jünger war als ich und ich daher um einige Jahre früher von Oxford Abschied nahm, waren wir Freunde geblieben und korrespondierten miteinander, wenn auch nur selten, bis heute noch. Ich erinnere mich auch, daß er vor Jahren, infolge eines Zerwürfnisses mit seinem Onkel, seinem einzigen lebenden Verwandten, nach Westindien ging, um dort sein Glück zu versuchen. Wenn auch unser Briefwechsel kein häufiger war, wußte ich doch, daß er sich im fernen Lande wohl fühlte und war daher nicht wenig überrascht, ihn so unvermutet jetzt vor der Türe meiner Wohnung in London zu sehen.

Ich bot ihm ein herzliches Willkomm und bat ihn, beim Kamin Platz zu nehmen und mir sein unerwartetes Erscheinen zu erklären. Da erzählte er mir denn, daß er durch ein unvermutetes Telegramm seines Advokaten von dem plötzlichen Tode seines Onkels benachrichtigt worden sei, der kein Testament hinterließ, und wie er sofort seine Stellung in Westindien aufgegeben und sich mit dem nächsten Dampfer nach England eingeschifft habe. Als er in London ankam, wurde es ihm bereits zu spät, seinem Advokaten noch einen Besuch abzustatten, und da er nach so langer Abwesenheit keinen andern Freund mehr wußte, wollte er einmal nachsehen, ob ich meinen alten Pennäler schon ganz vergessen habe.

»Ich bin wirklich froh, daß Du das so gemacht hast, alter Knabe,« sagte ich zu ihm; »wo ist denn Dein Gepäck? Wir werden ins Hotel darnach schicken, denn diese Nacht mußt Du bei mir übernachten!«

Er wollte anfangs ein wenig Widerstand leisten, aber das duldete ich nicht. Ein Eilbote war rasch gefunden und zum Hotel gesandt, wir zwei machten es uns beim Kamin bequem und plauderten über die alten Zeiten bis spät in die Nacht hinein. Frühzeitig am nächsten Morgen besuchte er seinen Advokaten und gleich am Nachmittag fuhr er nach Fernleigh Hall, seinem jetzigen Eigentum. Bevor wir aber voneinander schieden, mußte ich ihm das Versprechen geben, anstatt eine von den drei früheren Einladungen zu benützen, Weihnachten bei ihm zu verbringen.

»Natürlich mußt Du darauf gefaßt sein, alles in einem schrecklichen Zustand vorzufinden«, sagte er; »aber ich will schon nach dem Rechten sehen, und zumindest das eine verspreche ich Dir für sicher: am 23. Dezember, wenn Du kommst, steht für Dich in Fernleigh Hall ein Bett bereit. Du tust ein gutes Werk daran, wenn Du einen Mann, der nach langen Jahren seine Heimat wiedersieht, vor einsamen Weihnachten bewahrst.«

Am Nachmittag des 23. Dezember erwartete mich also Jack auf dem Perron einer kleinen Provinzstadt eine Meile von Fernleigh Hall. Wir drückten uns herzhaft die Hände zum Willkomm. Um die Stunde, als wir im Hause anlangten, hatte der kurze Tag bereits der Dämmerung weichen müssen und ich trug daher nur einen schwachen Gesamteindruck von dem Äußeren des Gutes davon. Es war ein großer Herrschaftsitz im Stile Elisabeths, aber augenscheinlich nicht im besten Zustand; immerhin waren die Zimmer, in die er mich führte, recht luftig und freundlich. Nach dem gemütlichen einfachen Abendbrot schlug mir mein Freund vor, einen Rundgang durch das ganze Gebäude zu machen. Nun wanderten wir unter der Führung eines grauhaarigen, ehrwürdigen Dieners, welcher die Lampe trug, durch unermeßliche Irrwege von weitverzweigten Gängen, durchquerten große verlassene Hallen und Dutzende von tapezierten oder getäfelten Schlafzimmern, von welchen einige von so enorm dicken Mauern umgeben waren, daß sie einem unwillkürlich den Gedanken an geheime Falltüren und Ausgänge nahelegten. Mein Kopf wurde so wirr von all dem um mich, so daß ich aus diesem Labyrinth kaum herausgefunden hätte, würde mich mein Freund jetzt allein gelassen haben.

»Du könntest ja eine Armee bei Dir unterbringen, Jack,« sagte ich.

»Ja, ja,« antwortete er, »in den guten alten Zeiten war Fernleigh ob seiner Gastfreundschaft im ganzen Land bekannt; aber nun, Du siehst es ja selbst, die Räume sind öde und fast unmöbliert.«

»Das wird alles rasch anders werden, wenn Du Dir eine nette kleine Frau ins Haus führst, welche darin schaltet und waltet«, meinte ich.

»Daran kann ich schwer denken, teurer Freund, so sehr es mir leid tut, aber ich habe zu wenig Geld dazu.«

Ich erinnerte mich wohl, wie er noch in den Schultagen das liebliche Pfarrerstöchterchen Lilian Featherstone in knabenhafter Weise verehrte, und später im College erfuhr ich von ihm selbst, daß wenigstens auf seiner Seite die kindische Schwärmerei einer tiefen Liebe Platz gemacht hatte. Darum erkundigte ich mich jetzt nach ihr und entdeckte gar bald, daß seine Gefühle auch während seiner Abwesenheit in den Tropen nicht erkaltet waren, und weiter, daß er trotz seines kurzen Aufenthaltes es bewerkstelligt hatte, ihr und ihrem Vater einen Besuch abzustatten. Als er sie nun beim Wiedersehen freudig erröten sah, wußte er, daß sie ihn noch nicht vergessen hatte. Aber leider, ihr Vater verfügte nur über ein schmales Einkommen, und Jack's Onkel, der ein rechter Schlendrian war, hatte nicht nur alles verkommen lassen, sondern obendrein noch solche Schulden auf das Gut gehäuft, daß nach deren Tilgung wenig Bares übrig blieb, – kaum genug für Jacks Unterhalt, jedenfalls aber zu wenig um darauf zu heiraten.

»Wie Du siehst, ist jetzt nicht viel Aussicht, Lilian zu bekommen,« schloß er; »aber ich bin ja jung und stark und kann arbeiten. Ich hoffe auch, sie wird auf mich warten. Du wirst sie am Donnerstag kennen lernen, denn ich habe ihnen versprochen, bei ihnen mit Dir zum Mittagessen zu kommen.

Zuerst bestanden sie darauf, mich zu Weihnachten einzuladen, aber ich erzählte ihnen, daß ich den Besuch eines alten Schulkameraden erwartete.«

Während dieses Gesprächs erreichten wir die Türe einer Bildergalerie, welche der alte Diener, der voranging, aufschloß. Ich sagte:

»Wie wäre es, Jack, wenn wir uns das bis morgen aufheben würden und zu unserm Kamin zurückkehrten, wo Du mir von Eurer Familiengeschichte erzählen kannst, von der im Gymnasium soviel die Rede war. Ich selbst habe immer nur Bruchstücke davon gehört.«

»Das verdient noch keine Familiengeschichte genannt zu werden,« sagte Jack, als wir uns in seinem Zimmer beim Feuer niederließen: »man kann sie auch nicht alt nennen, weil sie blos in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückreicht. Das größte Interesse in dieser Chronik besitzt die Person des Sir Ralph Fernleigh, des letzten Barons, welcher seinem Rufe zufolge von recht zweifelhaftem Charakter gewesen sein muß. Er war ein sonderbarer, verschlossener Mensch, ein Mann von großer Leidenschaft, eisernem Willen und unbezwingbarem Stolz. Den größten Teil des Jahres verbrachte er im Ausland, und man sprach von schweren Reichtümern, die er indessen auf eine solche Art erworben haben soll, daß er Ursache hatte, dabei das Tageslicht zu scheuen. Er war allgemein unter dem Namen »der böse Sir Ralph« bekannt; und jene seiner Nachbarn, welche abergläubischer Natur waren, glaubten fest, daß er im fernen Osten die schwarze Magie studiert habe. Andere erzählten sich, daß er Besitzer eines Kaperschiffes war und in jenen unruhigen Zeiten, bei seinem rücksichtslosen Charakter, leicht Seeräuberei getrieben haben konnte, ohne daß man ihm dahinter kam. Er war ein ausgezeichneter Kenner von Juwelen und er soll auch im Besitze der prächtigsten Privatsammlung gewesen sein. Da sein Nachfolger aber nichts von all dem vorfand, schloß ich daraus, falls nicht ein Diebstahl vorlag, die ganze Geschichte als eine Fabel betrachten zu müssen, – ebenso wie jene, die von ganzen Gold- und Silberbarren flunkerte, die in seinem Keller aufgestapelt sein sollten. Immerhin mußte er ein reicher Mann gewesen sein, der seine letzten Lebensjahre einem außerordentlich zurückgezogenen Dasein widmete. Er entließ sämtliche Dienerschaft mit Ausnahme eines einzigen vertrauenswürdigen Italieners, der ihn auf allen seinen Reisen begleitete, und führte ein förmliches Einsiedlerleben, vollständig abgeschlossen von der Außenwelt. Die allgemeine Meinung war, daß Sir Ralph trotz seiner Schätze dennoch das Leben eines elenden Filzes führte. Die wenigen, welche ihn zu Gesicht bekamen, flüsterten sich zu, wie gespensterhaft der Blick dieses sonst so stolzen Antlitzes war und jeder munkelte von einer großen geheimen Sünde. Ich für meinen Teil habe niemals Beweise dafür erhalten.

Eines Tages aber kam sein treuer Italiener mit angstverzerrten Mienen in die Stadt gelaufen, um Erkundigungen über seinen Herrn einzuziehen. Er war am Morgen plötzlich auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Vor zwei Tagen, sagte der Diener, habe ihm Sir Ralph den Auftrag gegeben, am nächsten Morgen sein Pferd zu satteln, da er eine kurze Reise zu unternehmen gedenke. Der Morgen kam, das Pferd stand bereit, aber er war nicht da. Der Diener rief umsonst nach ihm, durchsuchte jeden Winkel des alten öden Hauses – vergebens. Es war nicht die geringste Spur zu entdecken. Da sein Bett ganz unberührt geblieben war, sein Herr also diese Nacht nicht darin geschlafen hatte, wußte er keine andere Erklärung, als daß Sir Ralph von den Dämonen, die er so oft zu beschwören pflegte, entführt worden sei. Die Dorfleute vermuteten dahinter irgend ein Verbrechen, Stimmen wurden laut, den Diener zu verhaften und als ihm dies zu Ohren kam, verschwand auch er in der Nacht, um sich der Untersuchung zu entziehen.

Zwei Tage später taten sich die Mutigsten im Orte zusammen, um der Sache nachzuforschen. Sie gingen in das Haus und in den Park, durchsuchten alle Ecken und Winkel und schrien sich fast heiser, aber umsonst; keine Stimme antwortete ihnen. Von diesem Tage an bis zur heutigen Stunde hat man weder von dem Herrn noch von dem Diener je mehr etwas gesehen. Da man trotz aller Nachforschungen nichts von den erwarteten Schätzen entdecken konnte, wurde es schließlich allgemeine Meinung, daß der »Welsche« seinen Herrn getötet und darnach seine Leiche versteckt, seine Schätze aber davongetragen habe; schließlich knüpfte sich die Sage daran, daß bereits Sir Ralphs Geist im Hause spuke.

Sie flüsterten sich zu, wie leicht von allen Räumen des düstern, alten Hauses Sir Ralphs Zimmer herauszufühlen sei, da in diesem stets das Gespenst des Schloßherrn hause. Bald darnach war das Ganze nicht mehr als eine Legende; niemand konnte sagen, in welchem Raume Sir Ralph geschlafen haben soll, noch habe ich zu Lebzeiten meines Onkels je von dem Geisterspuk reden gehört. Nach dem Verschwinden Sir Ralph Fernleighs lag das Schloß unbenutzt und verlassen manche Jahre da, bis schließlich ein entfernter Vetter desselben seinen Anspruch darauf erhob und, nachdem er die Bestätigung der Gerichte eingeholt hatte, davon Besitz ergriff. Da sich schließlich doch noch ein kleiner Rest von angelegtem Bargeld Sir Ralphs vorfand, setzte er die Renovierung des alten Hauses ins Werk und hatte bald alles in wunderschönster Ordnung. Von ihm vererbte sich alles auf meinen Onkel, von dem Du ja weißt, wie er wieder alles verkommen ließ.«

»Das ist alles in allem eine recht interessante Familienchronik, Jack,« sagte ich, »wenn sie auch an romantischer Vollkommenheit etwas zu wünschen übrig läßt. Aber hast Du denn gar keine Hinterlassenschaften von diesem mysteriösen Sir Ralph gefunden?«

»Sein Porträt befindet sich in der Ahnengalerie unter den übrigen; ferner sind von ihm noch einige alte Schmöker in der Bücherei da und ein oder zwei Möbelstücke, welche auch von ihm stammen sollen. Aber ich kann Dir leider nichts zu der Romantik dieser Geschichte dazu machen.«

– Wer von uns beiden hätte damals geahnt, als er diese Worte kurz vor dem Schlafengehen hinwarf, was eigentlich die Romantik dieser Geschichte war und wie bald wir sie entdecken sollten!

Mein Schlafzimmer war ein großer getäfelter Raum, mit ungeheuren, dicken Mauern, an welchen einige sehr schöne alte Schnitzereien angebracht waren. Besonders fesselte eine Rankenverzierung von Rosen und Lilien, welche der Täfelung entlang lief, meine volle Aufmerksamkeit. Sie erschien mir wirklich als das Prachtvollste an alter Holzschnitzerei, was mir je zu Gesicht gekommen war. Diese großen Schlafzimmer im Stile Elisabeths, mit ihren enorm großen, vierpfostigen Bettstätten haben doch immer etwas Unheimliches an sich! Oder hatten vielleicht die letzten Geistererlebnisse mich so besonders empfänglich für Einwirkungen dieser Art gemacht? Obwohl das knisternde Feuer, welches Jack in seiner freundlichen Fürsorge für mich bereiten ließ, sein wohliges Licht in alle Ecken des Zimmers warf, ertappte ich mich dennoch, während ich im Bette lag, bei folgendem Gedanken:

»Wäre es nicht möglich, daß sich gerade dieses Zimmer als Sir Ralphs verschollenes Schlafzimmer erwiese? Und wenn er heute Nacht im Schlafe zu mir käme, wie jenes Gespenst in der Stadt gekommen war?!«

Ich konnte diesen Gedanken nicht los werden, schließlich bildete ich mir ein, jenes eigentümliche Etwas, von dem Jack nur Erwähnung getan hatte, zu fühlen – eine Art Fluidum, das immer mehr und mehr auf mich eindrang. So konnte es nicht weitergehen, sollte ich eine ruhige Nacht haben, und ich riß mich daher entschlossen von dem Gedanken los. Aber so sehr ich auch dagegen kämpfte, meine Gespensterideen wollten nicht weichen, vielleicht war die Stimmung meiner Umgebung schuld. Das absonderliche Erlebnis in London zog in allen Einzelheiten an meinem Geiste mit geradezu frappierender Genauigkeit immer und immer wieder vorüber. Endlich umfing mich ein unruhiger Schlaf, in welchem das Londoner Gespenst und der Gedanke an Ralph Fernleigh einander zu verfolgen schienen, bis sie endlich in ein einziges lebhaftes Traumbild übergingen.

Ich sah mich selbst im Bette liegen, wie es wirklich war; das Feuer war zu einer tiefroten Glut herabgebrannt, als plötzlich dieselbe Erscheinung wie damals in der Stadtwohnung vor mir auf- und niedertauchte, in denselben weiten, schwarzen Mantel gehüllt. Aber diesmal trug er in der linken Hand ein kleines Buch, dem augenscheinlich mein Pergamentblatt entnommen war. Mit dem Zeigefinger seiner Rechten deutete das Gespenst auf die letzte Seite des Buches und schaute mir mit brennendem Blick in die Augen. Ich sprang empor und näherte mich der Gestalt; diese aber zog sich immer mehr und mehr von mir zurück, bis sie endlich eine der getäfelten Wände erreichte, durch welche sie dann verschwand. Der Zeigefinger lag bis zum letzten Augenblick auf der letzten Buchseite und schien nicht von ihr weichen zu wollen.

Da erwachte ich plötzlich aus dem Traum und – welches Erstaunen! – ich stand nahe der Mauer, an derselben Stelle, wo mein Gespenst verschwunden war; die rote düstere Glut des Feuers strahlte von dem Schnitzwerk wider, und – abermals verspürte ich den seltsamen orientalischen Duft. Da ging mir plötzlich eine Erkenntnis auf: das gespenstische Wesen in dem Zimmer war Tatsache, nicht bloße Einbildung; es war jener subtile, magische Duft gewesen, der schon immer in dem Raume geschwebt hatte, mir aber erst dann erkennbar wurde, als er in verstärktem Maße auftrat, da der Geist erschien.

War es nur ein Traum gewesen, oder hatte ich meinen geheimnisvollen Besucher wirklich gesehen? Das vermochte ich nicht zu entscheiden, aber Tatsache war der deutliche Geruch in meinem Zimmer. Ich ging zur Tür und untersuchte, ob sie offen war, aber, wie erwartet, fand ich sie fest verschlossen. Darauf schürte ich das Feuer wieder zu hellen Flammen an, legte Kohlen auf und begab mich wieder zu Bett. Darnach schlief ich einen gesunden, erfrischenden Schlaf bis zum Morgen, wo der Diener mir warmes Wasser brachte und mich weckte.

Als ich nun bei nüchternem Tageslicht mein letztes Abenteuer überdachte, war ich sehr geneigt, wenigstens einiges davon meiner überreizten Phantasie zuzuschreiben, – aber den noch immer vorhandenen Geruch konnte ich nicht in Abrede stellen.

Ich beschloß, Fernleigh nichts zu erzählen, da ich ihm auch sonst den ganzen Vorfall in London hätte hinzufügen müssen; ich suchte dem nach Möglichkeit auszuweichen. Aber, als mich dann Jack am Morgen fragte, wie ich geruht habe, antwortete ich: »Gegen den Morgen zu wirklich ausgezeichnet; nur vor Mitternacht etwas unruhig.«

Nach dem Frühstück durchwanderten wir den riesigen Park und betrachteten den prächtigen alten Bau von allen Seiten. Ich war wirklich überrascht von seiner schönen Lage und Umgebung. Und obwohl überall die Spuren der Vernachlässigung zu bemerken waren, würde es verhältnismäßig geringer Auslagen bedurft haben, den Landsitz wieder vollwertig zu machen, so daß er mit jedem Gut oder Schloß von gleicher Größe im ganzen Reich wetteifern hätte können. Ich machte Jack voll Begeisterung auf diese vorteilhaften Aussichten aufmerksam, aber der arme Bursche entgegnete mir sorgenvoll, daß die zur Restaurierung erforderliche Summe, so gering sie an sich war, seine Mittel weit übersteige.

Nach einigen Stunden Umherstreifens kehrten wir ins Haus zurück und Jack schlug vor, nun die Bildergalerie und einige Zimmer zu besichtigen, die wir am verflossenen Abend nicht besucht hatten. Jack erzählte mir dabei von den schier unschätzbaren Gemmen flämischer und italienischer Meister, die einst hier aufbewahrt gewesen seien. Aber sein liederlicher Onkel hatte die meisten von ihnen zu einem ganz minderwertigen Preis losgeschlagen, um sich Geld für sein ausschweifendes Leben in der Stadt zu verschaffen. Was davon übrig blieb, war im Vergleich zu den übrigen Schätzen nahezu wertlos zu nennen.

Es fehlte nicht die offizielle Ahnenbildersammlung, einiges darunter lebenswahr und äußerst sorgfältig gearbeitet, anderes dagegen blos Klecksereien. Wir gingen mit flüchtigem Interesse an ihnen vorüber, als mich auf einmal trotz des warmen Mittags kalter Schauer überlief, da ich meinen Blick auf ein Bild warf, welches meine größte Aufmerksamkeit auf sich zog. Dieses Gesicht, welches von einer Leinwand auf mich herabsah, war niemand anderes als mein geheimnisvoller Besucher in London. Er war auch derselbe, von dem ich die Nacht zuvor geträumt hatte, – der gleiche befehlende Blick, der eiserne Wille und der unbeugsame Mut, der gleiche unbeschreibliche Ausdruck von schlummernder Leidenschaft und Grausamkeit. Auch sah ich ganz deutlich, obwohl durch die diskrete Technik des Künstlers weniger auffällig gemacht, als in Wirklichkeit, die eigenartige weiße Narbe, welche von der Unterlippe nach abwärts zog. Mit Ausnahme der prächtigen Galakleidung, welche er hier auf dem Bilde trug, im Gegensatz zu dem einfachen schwarzen Mantel, in dem ich ihn gesehen hatte, und abgesehen von dem flehenden Blick, wies das Portrait eine frappante Ähnlichkeit auf. Vermutlich spiegelte sich meine große Erregung auf meinem Gesichte ab, denn Jack faßte mich am Arm und rief:

»Herr Gott, Thom, was ist denn los? Bist Du krank? Warum starrst Du das Bild von Sir Ralph so entsetzt an?«

»Sir Ralph? Ja, ja, ich kenne ihn, den »bösen« Sir Ralph! Ich kenne ihn! Er war vergangene Nacht bei mir im Zimmer; ich habe ihn schon zweimal gesehen.«

Während ich in abgerissenen Sätzen diese Worte hervorstieß, taumelte ich einem Diwan zu und suchte meine verworrenen Gedanken zu sammeln. Denn die ganze Wahrheit blitzte mir mit einem Male auf und das war fast zu viel für mich. Dem klugen Leser dürfte der Zusammenhang schon längst klar geworden sein. Ich durchschaute momentan alles; denn bis jetzt war mir gar nicht die leiseste Vermutung gekommen, daß mein Londoner Gast mit Sir Ralph identisch sein könnte. Die Silbe »Ra«, welche er um jeden Preis schreiben wollte, war sein eigener Name gewesen. Er mußte, – Gott weiß wie, vorausgesehen haben, daß ich Fernleigh besuchen würde und so sich bemüht haben, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Ich war nun gezwungen, Jack die volle Wahrheit zu sagen, obwohl ich nichts anderes erwartete, als daß er mich auslachen würde. Indessen war ich froh, ihn sehr interessiert für die Angelegenheit zu finden.

»Ich habe niemals zuvor an Geister geglaubt«, sagte Jack, »aber hier scheint ein Zweifel ausgeschlossen. Ein ganz fremder Mensch zeigt sich Dir in London, Du erkennst sein Bild hier in Fernleigh auf den ersten Blick wieder, und er stellt sich als derselbe Mann heraus, von dem die Überlieferung angibt, daß er der Spukgeist des Hauses sei. Die Beweiskette ist geschlossen.«

»Aber warum sollte er gerade zu mir gekommen sein?«, gab ich zurück. »Ich weiß gar nichts über Geister und ihre Gepflogenheiten, ich bin nicht einmal das, was die Spiritisten ein Medium nennen. Würde es nicht richtiger gewesen sein, sich an Dich zu wenden? Weshalb wäre jetzt ich zu seinem Besuch auserlesen worden?«

»Das ist unmöglich zu sagen;« meinte Jack; »ich glaube, Dein Wesen war ihm sympathisch. Aber was mag er gewollt haben? Wir sind noch um keinen Schritt weiter als früher. Wo ist denn der Papierstreifen? Es kommt mir so vor, als ob er die Lösung des Rätsels enthalten sollte.«

Ich zog mein Taschenbuch heraus und zeigte Jack den Papierstreifen.

»Oh«, rief er aus; »das ist bestimmt Sir Ralphs Siegel. Ich kenne es genau, denn ich habe es schon in einigen Büchern der Bibliothek gesehen.«

Nun gingen wir sofort in die Bibliothek und verglichen die Handschrift in einigen von Sir Ralphs Büchern mit der auf unserem Pergament. Die Ähnlichkeit war vollkommen, wenn auch die Schrift auf dem Papierstreifen etwas sorgfältiger ausgeführt war, anscheinend mit besonderer Aufmerksamkeit, damit jeder Buchstabe leserlich sei. Das Siegel, obwohl sehr kompliziert, war in jedem Strich und jedem Zug genau das gleiche. Unter Jacks Anleitung erkannte ich die Initialen »R. F.«; ohne ihn würde ich niemals darauf gekommen sein. Und nun wandten wir unsere Aufmerksamkeit den zwei geschriebenen Zeilen zu. Jack nahm ein Vergrößerungsglas aus einer Lade und untersuchte sie lange und sorgfältig.

»Du scheinst die Buchstaben ganz richtig gelesen zu haben«, sagte er endlich; »aber was für eine Sprache kann es nur sein? Es ist weder Spanisch noch Portugiesisch noch Italienisch, das weiß ich bestimmt. Auch Dir sind sie unbekannt, obwohl Du doch mehrere orientalische Dialekte kennst. Ich glaube überhaupt nicht, Thom, daß das eine bekannte Sprache ist. Es sieht vielmehr einer Geheimschrift ähnlich.«

»Ich glaube kaum«, antwortete ich Jack; »Du weißt doch, eine Kryptographie hat immer ganz unmögliche Konsonantenverbindungen, welche ihre Natur sofort verraten.«

»Nicht immer«, sagte Jack; »das hängt ganz von dem System ab, nach welchem sie abgefaßt ist. Ich habe nur zum Zeitvertreib einige Spezialstudien zu diesem Gegenstand gemacht, und glaube darum nicht, daß es viele Geheimschriften geben sollte, die ich nicht bei genügender Zeit und Geduld entziffern würde.«

»Nun, Jack, wenn Du glaubst, daß dies auch eine ist, so übe doch gleich Deinen Scharfsinn an ihr.«

Jack machte sich ans Werk, und ich muß sagen, ich war erstaunt, wie gewandt er dabei zu Werke ging und die scheinbarsten Kleinigkeiten zu verwerten wußte. Jeder, der Edgar Allen Poe gelesen hat, weiß, wie Kryptogramme zu lesen sind und ich brauche daher keine näheren Erklärungen darüber zu geben. Auf den ersten Blick erschien die Geheimschrift sehr einfach, aber es stellte sich bald heraus, daß hier zwei Systeme ineinandergearbeitet waren, welche bei der Entzifferung irreleiteten. In der Regel setzt man an Stelle jedes Konsonanten den im Alphabet folgenden Buchstaben, und für jeden Vokal den alphabetisch vorhergehenden Vokal. Der Leser wird durch Umkehrung leicht ersehen, daß sich dann folgender Sinn ergibt:

»Ziehe die Mittelrose in dem dritten Feld der Täfelung« (Pull the centre rose in the third panel).

Man mag sich unsere Aufregung vorstellen, als wir diesen Satz herausfanden. Ich wußte natürlich genau, worauf er sich bezog, da ich noch sehr wohl die Rosen – und Lilienbordure entlang der Täfelung meines Schlafzimmers von der vergangenen Nacht her in Erinnerung hatte. Als uns der Diener nun zum Lunch rufen wollte, hörten wir ihn gar nicht an, sondern stürzten wie ein paar Schuljungen ins getäfelte Schlafzimmer.

»Das dritte Feld, – aber auf welcher Seite?«, fragte Jack.

Ich meinerseits hatte nicht den leisesten Zweifel darüber, da ich das Gespenst durch die linke Mauer vom Kamin aus gerechnet, hatte verschwinden sehen. Ich schritt ohne Zögern auf die Stelle zu, legte meine Hand auf die dritte Tafel von der Ecke und sagte: »Diese ist es!«

Wir konnten die Rose der mittleren Tafel nicht erreichen, da sie zu hoch war und mußten uns einen Tisch herbeiziehen. Jack stieg hinauf und zerrte mit aller Kraft an der Rose, aber ohne Erfolg. »Komm wieder herunter«, sagte ich; »probieren wir es mit der anderen Seite dieses Feldes.« Nachdem wir den Tisch hingerückt hatten, versuchte es Jack hier, und diesmal hatten wir das Richtige getroffen. Ein kleines Stück der Bordure war herausnehmbar und an einer Kante drehbar befestigt. Wenn man an der Rose zog, so gab sie nach und ein Hohlraum kam zum Vorschein von ungefähr sechs Zoll im Quadrat, worin sich ein großer Knopf, augenscheinlich ein Handgriff, vorfand. Der Verschluß widerstand uns einige Zeit, da die Vorrichtung eingerostet schien. Aber schließlich gelang es uns die Klinke zu öffnen und die ganze riesige Tafel schwang sich wie eine Tür ins Zimmer. Vor unseren Blicken dehnte sich eine dunkle Wölbung, in welcher Stufen nach abwärts führten; herauf aber flutete der seltsame Duft des ägyptischen Parfüms, der mich unablässig verfolgt hatte. Jack wollte sogleich hineinspringen; aber ich hielt ihn zurück.

»Bleib, lieber Junge; zügle Deine Ungeduld. Dieser Raum ist vielleicht seit langem nicht mehr offen gestanden, und Du wirst erst frische Luft eindringen lassen müssen. Man weiß ja nicht, welche giftigen Gase sich in diesem abscheulichen Loch angesammelt haben mögen. Überdies müssen wir vorher die Zimmertür absperren, damit wir bei unseren Nachforschungen nicht gestört werden.«

Wir waren beide im höchsten Grade erregt; dennoch überredete ich Jack, noch fünf Minuten zu warten. Inzwischen konnten wir mit Muße die enorme Dicke der Mauern und die raffinierte Ausführung des Verschlußapparates bestaunen. Direkt hinter der Täfelung war eine dicke Holzverkleidung angebracht und so war es ausgeschlossen, daß durch irgendeinen unvorhergesehenen Stoß auf die Täfelung der dahinter befindliche Hohlraum verraten worden wäre. Jetzt, wo wir die schöne Konstruktion vor Augen hatten, wunderte es uns nicht mehr, daß es solche Mühe gekostet hatte, ihn zu öffnen.

Nachdem die fünf Minuten verstrichen waren, zündeten wir uns ein paar Kerzen an, die wir auf der Konsole fanden, und traten mit einem aus Grauen und Erwartung gemischten Gefühle in den geheimnisvollen Gang. Die Treppe wandte sich sogleich nach links und ihre Stufen führten in die Tiefe der Mauerdicke hinab. Meine Befürchtung, daß es uns an frischer Luft mangeln würde, war grundlos, da infolge irgend einer verborgenen Ventilation ein ziemlich reger Luftstrom durchzog. Auf der untersten Stufe angelangt, fanden wir uns in einem langen, schmalen Gewölbe, oder einer Kammer mit etwa sechs Fuß Tiefe, dreißig Fuß Länge und vierzehn oder fünfzehn Fuß Höhe. Fußboden und Mauern dürften aus Stein gewesen sein, und ganz oben beim Dache befand sich ein schmaler Spalt, durch welchen jener Luftstrom hereinzog, den wir bemerkt hatten, und ein wenig Licht dazu. Ganz hinten standen zwei große Kisten, die einzige Einrichtung dieses Gewölbes, und auf einer von ihnen lag – oh, Schrecken! – ein schwarzer Haufe, welcher bei dem flackernden Kerzenlicht einem verhüllten Leichnam ganz ähnlich sah.

»Was kann das sein«, sagte ich ahnungsvoll. Jack trat gegen die Wand vor, ließ seine Kerze fallen und kam mit leichenblaßem Gesicht auf mich zu.

»Es ist eine Leiche«, sagte er erschauernd im Flüsterton zu mir. »Es muß Sir Ralph sein.«

»Dann«, sagte ich ebenso leise, »muß er irgendwie eingeschlossen worden und verhungert sein.«

»Mein Gott«, schrie Jack plötzlich und eilte an mir vorüber wie rasend die Treppe hinauf.

Im ersten Augenblicke glaubte ich, daß ihn seine Geistesgegenwart verließ und er die Flucht ergriffen habe. Nach einer kurzen Weile aber kam er, noch immer bleich vor Aufregung zurück.

»Denke Dir Thom«, sagte er, »wenn ein Windstoß jetzt die Tür zugeschlagen hätte! ... Es wäre uns dasselbe geschehen, wie dem Toten hier. Niemand weiß von der Existenz dieses Verließes und kein Mensch würde uns hier suchen. Es wäre hoffnungslos, eine so massive Tür wie diese durchbrechen zu wollen oder sich durch Hilferufe bemerkbar zu machen. Ich habe jetzt die offene Türe nach außen gespreizt und wir sind hier sicher.«

»Das ist furchtbar«, sagte ich; »aber wir müssen alles untersuchen.«

Wir traten zu der Leiche; Jack hob den Leuchter auf und zündete die Kerze wieder an. – Der Anblick, der sich unseren Augen bot, war in der Tat entsetzlich. Da lag auf eine der Kisten hingestreckt und eingehüllt in ein loses schwarzes Gewand mit weiten Ärmeln ein Skelett. Sein grinsendes Gesicht war nach oben gekehrt und seine Arme lagen übereinandergeschlagen wie eine Karikatur auf einen sorglos schlafenden Menschen. Am Boden lag daneben eine eigenartig geformte Flasche und – ich erschauerte, auf der zweiten Kiste gewahrte ich jenes Notizbuch, welches das Gespenst bei sich getragen hatte, als es mir in meinen Visionen erschien. Ich hob das Buch auf und wir untersuchten es sogleich. Beim Öffnen erkannte ich sofort die Stelle mit dem herausgerissenen Blatt. Ich blätterte hastig bis zu den letzten Seiten, auf welche damals das Gespenst so eindringlich hingewiesen hatte und las folgende Worte:

 

»Ich, Baron Ralph Fernleigh, schreibe hier sterbend meine letzten Worte nieder. Durch eine Strafe Gottes oder infolge eines hinterlistigen Verrates bin ich in meinem eigenen geheimen Gewölbe eingeschlossen worden, aus dem kein Entkommen möglich ist. Ich lag hier bereits drei Tage und drei Nächte, und, da mir nichts anderes übrig bleibt als vor Hunger zu sterben, habe ich mich entschlossen, meinem unglückseligen Leben durch Gift ein Ende zu machen, von welchem ich glücklicherweise genügend hier aufgespeichert habe. Aber vorerst will ich noch meine furchtbare Sünde, die auf meiner Seele lastet, bekennen und demjenigen, welcher diese Zeilen liest und meinen Leichnam finden wird, eine heilige Verpflichtung auferlegen. Der Inhalt des Dokumentes macht es begreiflich, warum mein Freund gezwungen ist, eine Stelle auszulassen. C. W. L.

Sollte derjenige, welcher meine Worte liest, unterlassen, den von mir verlangten Ersatz zu leisten, oder aber irgend einem Sterblichen meine Übeltat, welche ich hier bekenne, verraten, – mein ewiger Fluch würde auf ihm lasten und mein Geist ihn bis zu seinem Grabe verfolgen. Wenn er aber gewissenhaft meinem Geheiß gehorcht, ermächtige ich ihn hiermit freiwillig, soviel der Schätze, als er finden mag, sich anzueignen. Ich tue es in der Hoffnung, daß er sie zu einem besseren Zwecke verwenden möge, als ich es tat. Möge Gott meiner Seele gnädig sein.

Ralph Fernleigh.«

 

Wie tief wir von den Enthüllungen des Toten erschüttert waren, dessen sterbliche Überreste hier vor uns lagen, mag man sich leicht ausmalen. In der weithalsigen Flasche, welche Jack vom Boden auflas, waren noch einige dunkelfarbige Harzkörnchen übrig geblieben, – augenscheinlich das von Ralph erwähnte Gift. Beim Gedanken, wozu diese Harzkörner dienten, warf er erschreckt die Flasche zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang. Ich mochte ihn dafür nicht schelten, obwohl ich genau wußte, daß die Flasche das von mir so lange gesuchte ägyptische Parfüm enthielt. (Es sei erwähnt, daß ich nachher noch einige Körnchen fand, die ich einer eingehenden Analyse unterzog. Es erwies sich als das persische »Lôbhán«, war aber gemischt mit Belladonna, indischem Hanf und einigen anderen Pflanzenbestandteilen, deren Natur ich nicht genau festzustellen vermochte.)

Unsere nächste Aufgabe war nun die Untersuchung der Kisten. Dazu aber mußten wir zuerst das Skelett, das wir nur mit Überwindung ansehen konnten, wegschaffen. Seine Berührung war unvermeidlich, also wickelten wir es in ein Leintuch, welches wir vom Schlafzimmer holten, und hoben es von seiner Lagerstätte, wo es so lange geruht hatte, weg. Nicht ohne ein Gefühl der Aufregung öffneten wir dann die Truhen. Der Schlüssel der einen paßte auch ins Schloß der andern. Die eine war vollgepackt mit Säcken und kleinen Schachteln, von denen die ersteren zu unserem Erstaunen mit Gold- und Silbermünzen aus den verschiedensten Ländern angefüllt waren, während die übrigen wenigstens eines der Gerüchte über Sir Ralph bestätigten: es lag darin, sorgfältig geschichtet, eine ganze Sammlung von geschnittenen und ungeschnittenen Gemmen, deren Wert selbst unserem unkundigen Blicke unschätzbar dünkte.

»Jack, alter Junge«, sagte ich, seine Hand ergreifend (denn nicht einmal die Gegenwart des Skeletts konnte meine Freude dämmen), jetzt mußt Du aber bald Deine kleine Lilian heiraten! Dir bleibt soviel übrig, daß Du ein reicher Mann bist, auch wenn Du alle Bestimmungen Sir Ralphs erfüllt haben wirst.«

»Ja, Thom«, antwortete er, »aber vergiß nicht, daß die Hälfte davon Dein ist. Ohne Dich hätte ich niemals von der Existenz dieses Schatzes erfahren.«

»Nein, nein«, rief ich, »ich würde keinen Heller davon annehmen. Ich habe mehr als genug und überdies bist Du der rechtmäßige Erbe Sir Ralphs.«

Aber er bestand darauf und so willigte ich endlich, um ihn zu beruhigen, ein, einige von den großen Juwelen als Andenken anzunehmen.

Die andere Kiste enthielt eine große Menge Familiensilberzeug, darunter manches prächtige massive Stück und ein Dutzend kleiner Goldbarren, die vielleicht den Anlaß zu den übertriebenen Fabeln im Volksmunde gegeben hatten.

Der Abend war schon hereingebrochen, bis wir unsere Untersuchungen beendigt hatten und uns, wie man begreifen wird, mit großem Appetit zum Abendessen begaben. Darauf saßen wir noch lange beisammen und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Wir verbrachten den Weihnachtstag, wenn auch sehr zurückgezogen, doch glückselig und am Donnerstag statteten wir unseren Besuch bei Familie Featherstone ab. Jack hatte mir in der Tat nicht zu viel von den Reizen seiner blonden Lilian erzählt. Als ich sie am Abend zusammen aus dem Gewächshaus treten sah, blickten sie beide wohl ein wenig verwirrt, aber unbeschreiblich glücklich drein.

Es bleibt mir wenig mehr zu erzählen übrig. Dem Gebote des toten Sir Ralph wurde mit größter Gewissenhaftigkeit Folge geleistet. Jack und ich reisten in einen etwas entlegenen Teil des Kontinents und brachten unsere Zeit in alten Archiven zu, mit der Durchforschung von verschiedenen, unentwirrbaren, alten Stammbäumen beschäftigt. Aber nach der vielen Mühe blieb auch der lohnende Erfolg nicht aus und wir konnten nun endlich für die Sünde des verflossenen Jahrhunderts Genugtuung leisten, soweit dies eben in einem solchen Falle überhaupt durchführbar ist. Der vererbte Haß, den noch immer gewisse Familien gegen den englischen Lord, den »Zauberer« häßlichen Angedenkens trugen, verwandelte sich mit einemmale in lebhaftes Erstaunen und dankbare Freude. Jack, der sich fast verschwenderisch freigebig zeigte, gab uns allen Grund, zu hoffen, daß Sir Ralph nunmehr beruhigt sein dürfte. Wie dem auch sei, der Geist erschien uns von nun an nie mehr wieder, weder uns zu tadeln, noch zu loben, so daß wir zuversichtlich hoffen, seine langgequälte Seele habe nun endlich Ruhe gefunden.

Drei Monate später, in der wunderschönen Frühlingszeit, fuhr ich wieder nach Fernleigh Hall, als Brautführer auf Jacks Hochzeit, und als wir durch den Kirchhof gingen, machte mich der glückliche Bräutigam auf ein weißes Marmorkreuz aufmerksam, das die einfachen Worte trug:

 

»Sir Ralph Fernleigh, Bart. 1795.«

 

Obwohl ich nicht Augenzeuge dieser Ereignisse gewesen bin, waren doch die Zeugenaussagen durchaus vertrauenswürdig.

In der Tat erhielt ich derartiges Beweismaterial, daß jedes beliebige Gericht sich damit hätte bescheiden können. Ich hatte das Vergnügen, mit dem Advokaten, der mir diese Geschichte erzählte, in ein recht herzliches Verhältnis zu kommen. Seinen Freund Fernleigh habe ich ein einziges Mal gesehen, als er für mehrere Tage in der Stadt zu Besuch war. Aber bei dieser Gelegenheit bestätigte er mir in umständlichster Weise Mr. Kestons Aussage über jene seltsamen Erlebnisse und lud mich wärmstens und herzlichst ein, einige Tage bei ihm auf Fernleigh Hall zu verbringen, um in meinen Mußestunden den Schauplatz der Begebenheit studieren zu können. Da meine vielen Beschäftigungen mich leider nötigten, auf diesen interessanten Besuch zu verzichten, war er so liebenswürdig, sich die Mühe zu nehmen, an Mr. Keston das bewußte Taschenbuch zu übersenden, daß ich es selbst überprüfen konnte, mit dem herausgerissenen Blatt, das die Geheimschrift enthielt und das in der Geschichte eine so große Rolle spielte.

Ob mein Freund recht hat mit der Behauptung, kein Medium im gewöhnlichen Sinn des Wortes zu sein, oder nicht, ist schwer zu entscheiden.

Gewisse Eigentümlichkeiten in seinem Charakter mögen dazu beigetragen haben, daß Sir Ralph gerade ihn auserwählt hatte, was Keston stets verwunderte. Er ist ein bedeutender Mensch mit tiefem Gefühl, hilfsbereit und von großer Sympathie, wie ja auch schon die Erzählung zeigte. Ein Charakter, der einen an die Worte Bérangers erinnert:

Son coeur est un luth suspendu,
Sitôt qu' on le touche il résonne.

Eben diese Fähigkeit vielleicht, so viel Sympathie zu empfinden, war es, die Sir Ralph anzog, so daß er ihn als die Mittelsperson zur Erreichung seines Zweckes ausersah.

Die Geschichte erscheint mir ganz verschieden von den anderen Berichten über »erdgebundene Seelen«, zunächst schon in der ersten Erscheinung des Toten, fern vom Orte des Leichnams oder irgend einem Menschen, der mit der Sache in näherer Verbindung gestanden hätte, und zweitens durch die Voraussicht, welche der Verstorbene besessen haben mußte, nicht nur von der Einladung des Advokaten durch Jack, sondern bevor überhaupt noch der Gedanke an die Möglichkeit einer Einladung im Kopfe des Gastgebers oder des Gastes entstanden war. Diesen zweiten Punkt weiß ich mir noch schwerer zu erklären, denn es ist kaum anzunehmen, daß ein so hochentwickeltes Hellsehen bei einem Manne in diesen Lebensumständen auftreten sollte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß infolge der innigen Freundschaftsverbindung, welche zwischen Mr. Keston und Jack Fernleigh bestand, Sir Ralphs Aufmerksamkeit erweckt wurde und er Keston genügend sensibel fand, um sich ihm kundzugeben. Da aber der Versuch in London fehlschlug, beeinflußte er Mr. Fernleigh, was ihm ein Leichtes war, seinen Freund nach dem Gute einzuladen, wo natürlich der Geist um so mehr Kraft hatte; war doch der Landsitz früher sein Eigentum gewesen. Die Tatsache, daß der ägyptische Scheik sowohl als Sir Ralph beide das seltene Odeur kannten, muß als ein merkwürdiges Zusammentreffen betrachtet werden, das höchst dramatisch wirkte.

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