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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 11
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Jagannath.

Eine Geschichte aus dem innersten Indien.

»Ihr Europäer wißt gar nichts von Jagannath«, sagte mein Freund, Herr T. Subba Rao, als wir in Adyar in unseren langen Feldstühlen auf dem flachen Dache lagen, in dem wundervollen Mondschein der Tropennacht.

»Eure Reisenden und Missionäre haben sich durch die Aussagen der Priester und der Anhänger jenes furchtbaren Kultes irreführen lassen; diese Darstellungen sind offenbar mit Absicht entstellt. Ja, ich habe gar in einem eurer Bücher die Bemerkung gelesen, daß dieser Gottesdienst nichts anderes als eine Abart des Vishnukults sein soll! Vielleicht war dies wirklich einmal vor langer Zeit so, aber jetzt, seit Jahrhunderten schon, handelt es sich tatsächlich um die Anbetung eines niederen Naturgeists von der blutgierigsten Art.

Ich will Ihnen den wahren Sachverhalt erzählen. Es dürfte dies keinen Schaden bringen; denn wenn Sie jemandem die Geschichte wiederholen, wird sie Ihnen niemand glauben, es sei denn etwa jemand, der schon davon weiß; der aber wird Ihnen sofort die Tatsache in Abrede stellen, damit der fürchterliche Greuel nicht der Regierung zur Kenntnis kommen kann. Der Regierung wurde und wird er nämlich immerfort mit größter Vorsicht verborgen gehalten. So unglaublich die ganze Sache wohl dem abendländischen Aufgeklärten erscheinen mag, ist sie doch nichtsdestoweniger eine schreckliche Wahrheit und ich habe alle Ursache, daran zu glauben.

Um meine Geschichte verständlich zu machen, muß ich ganz von vorne damit anfangen.

Vor langen Zeiten, noch längst bevor das, was Sie als »Geschichte« anerkennen, beginnt, vertrieb eine mächtige Katastrophe in einem weitentlegenen Kontinent einige Priester der alten Naturreligion aus ihrer Heimat. Nach mühsamer Wanderung ließen sie sich auf dem Flecke, der jetzt Jagannath genannt ist, nieder. Ihre Macht über die Elemente, die sie viele Jahre lang nur zum Guten gebraucht hatten, erwarb ihnen hohe Achtung und Scheu bei den Einwohnern. Aber mit der Zeit artete ihre Schule in die gröbste Selbstsucht aus. Ihre Körperschaft wurde einfach eine Schule der Schwarzkunst.

Schließlich gelang es einem ihrer Führer, der noch gewissenloser oder verwegener war als seine Vorgänger, eine Evokation über einen bösen Naturgeist von schrecklicher Macht auszuführen und ihm sich teilweise zu unterwerfen. Durch dessen Hilfe vollbrachte er darauf Grausamkeiten von so scheußlicher Art, daß seine gottlosen Anhänger selbst sich gegen ihn erhoben und ihn ermordeten. Ihn konnten sie allerdings töten, doch waren sie nicht imstande, den Dämon zu verjagen, den er heraufbeschworen hatte. Dieser trug weit und breit seine Zerstörung durch das Land, sodaß die erschreckten Priester nicht mehr wußten, wie sie sich helfen sollten. Endlich beschlossen sie, die Hilfe eines großen Magiers zu erwirken, dessen Kunst stets nur edleren und reineren Zwecken als die ihrigen gegolten hatte. Nach langem Bitten gab er nach, nicht ihretwegen, sondern der hilflosen Bevölkerung zuliebe, und machte sich daran, den verderblichen Einfluß dieses frevelhaften Wesens einzudämmen. Aber alles, was er tun konnte, war nur wenig. Denn, so seltsam es Ihnen auch klingen mag, die Gesetze der Magie fordern in jedem Falle, daß absolute Gerechtigkeit geschehen muß, selbst gegen ein Wesen wie dieses. Alles was der Magier vermochte, war eine Begrenzung des Unheils; und so gingen die Priester eine Art von Vertrag mit dem Teufel ein, in dem Sinne, daß das Wesen nicht mehr wild und planlos morden sollte, sondern anstelle dessen sich damit bescheide, nur die Leben zu nehmen, die ihm freiwillig dargebracht würden. Seither ist durch die Reihe von Jahrhunderten dieser Vertrag voll und ganz erfüllt worden. Die Bedingungen des Vertrags werden sich dann im Verlaufe meiner Erzählung zeigen, wenn ich beschreibe, was sich bei den großen Feiern zuträgt, die regelmäßig alle sieben Jahre zu Ehren dieses sogenannten Gottes abgehalten werden.

Zuerst kommt der »Tag der Klötze«, wie man ihn nennt. An einem gewissen Morgen versammelt sich eine riesige schweigende Menschenmenge vor Tagesanbruch am Meeresufer. Am Strande gruppieren sich die Priester des Tempels um ihr Haupt, und ein wenig vor ihnen, nahe dem Wasser, stehen die zwei auserwählten Opfer: der Priester und der Zimmermann, die dem Dämon nach dem schrecklichen Bündnis geweiht sind.

Als seinerzeit jener gottlose Pakt geschlossen wurde, gelobten sieben Familien der erblichen Priesterschaft und sieben Familien der Zimmerleute – Sie müssen wissen, daß bei uns die Handwerksberufe auch erblich sind –, gegen das Versprechen irdischen Glückes (das der Dämon auch immer pünktlich eingehalten hat) je eine Geisel aus ihrer Mitte zu dem Opferdienst des siebenjährlichen Festes zu stellen. – So stehen also diese beiden, die für die grauenhafte Ehre ausersehen wurden, abseits beisammen und werden mit ehrfürchtiger Scheu und als schon halb einer anderen Welt verfallen betrachtet.

Sobald die Sonne sich über den Ozean erhebt, blicken aller Augen angestrengt gegen den östlichen Horizont. Und stolz ist der, der als erster jenen kleinen schwarzen Punkt weit draußen auf der See entdeckt, welcher stetig mehr und mehr der atemlosen Menge am Ufer sich nähert. Wie das Ding herankommt, sieht man, daß es aus zwei oder drei Holzblöcken besteht, die nebeneinander hertreiben und, ohne daß sie miteinander verbunden wären, in gleicher Richtung einherschwimmen, wie von einer unsichtbaren Kraft geführt. – »Ein Kniff der Priester«, werden Sie wohl sagen? Aber das würden Sie nicht denken, lieber Freund, wenn Sie es gesehen hätten! Es ist ja möglich, daß Ihre vielgerühmte westliche Wissenschaft in der Lage wäre, dieses Phänomen mit Hilfe von komplizierten Apparaten nachzumachen. Aber wie könnten das diese einfachen Priester ausführen, die von diesen Dingen keine Ahnung haben und noch dazu von einer solchen Menschenmasse umringt sind, die jede ihrer Bewegungen überwacht? Sei dem wie immer, die Blöcke kommen schließlich ans Ufer und werden mit Andacht von den Priestern aufgehoben und in einer Hütte innerhalb des Tempelhofes geborgen, wo der auserwählte Zimmermann sein Werk zu tun hat. Eifrig macht er sich an die Arbeit; seine Aufgabe ist, aus diese Klötzen drei Bilder in genauer Nachahmung jener auszuführen, die schon im Allerheiligsten des Tempels stehen. Tagein, tagaus arbeitet er mit glühender Hingebung an seinen Figuren. Dann beginnt er mit der mittleren Figur, der »Gottheit« selbst. Und seine Zuschauer erzählen, daß er dann während seines Schaffens immer von der Gottheit ermuntert wird. Nur er sieht die Erscheinung, die ihm nachher nie mehr aus dem Bewußtsein schwinden soll, ob er nun wache oder schlafe. Stets näher und näher rückt sie heran, je weiter sein Werk der Vollendung entgegengeht.

Schließlich ist das Götzenbild fertig. Der Künstler, der so viele liebevolle Sorgfalt und hingebenden Eifer auf seine Arbeit verwendet hat, legt sich neben die Statue hin und übergibt sich ganz und gar dem grausigen Wesen. Näher und näher kommt der böse Geist und stärker und stärker wird der magische Bann des Vampirs über sein Opfer und die Lebenskraft des Mannes schwindet dahin.

Sie sagen: »Die Folge einer Einbildung?« Sei es, aber das Ergebnis ist dasselbe. Niemals überlebt der Zimmermann die Vollendung seines Werkes länger als zwölf Stunden.

Fast unmittelbar darauf folgt der »Tag der Prozession«. Er ist sozusagen die Apotheose, der Höhepunkt der ganzen Feier. Und bei dieser Gelegenheit erfüllt der dem Dämon verfallene Priester seinen Anteil des teuflischen Paktes. Früh am Morgen des festgesetzten Tages, in Gegenwart einer ungeheuren Versammlung, werden die neuen Bilder von den Priestern ins Innerste des Heiligtums getragen und dort auf dem Boden vor der Tribüne niedergelegt, auf der die vorhergehenden drei Götzen während der letzten sieben Jahre gestanden hatten. Alle mit Ausnahme des auserwählten Priesters ziehen sich darauf vom Heiligtum zurück und die großen Türen, die es vom übrigen Tempel absondern, werden geschlossen. So wird also der geweihte Priester des Götzen allein gelassen, um sich dem mysteriösen Ritus zu unterziehen, den kein menschliches Auge außer dem seinigen schauen darf.

Was wirklich hinter jenen geschlossenen Türen geschehen ist, hat niemals jemand erfahren und keiner wird es wissen; denn niemand von denen, die es überhaupt berichten könnten, lebt darnach lange genug, um den Schleier des furchtbaren Geheimnisses zu lüften. Die Priester liegen als Ehrenwache vor den Türen in Anbetung hingestreckt, um die Möglichkeit irgendwelcher Störungen hintanzuhalten. Aber ihr Amt ist nur eine Formsache; denn kein eingeborener Inder würde sich dazu verstehen, das Heiligtum während der Stunde der Stille zu betreten, auch wenn man ihm die fabelhaften Schätze von Golconda böte. Die ungeheure Menschenmenge im großen Tempelraum verharrt in absoluter Stille, bis die Stunde um ist.

Nicht das leiseste Geräusch ist zu den draußen Lauschenden gedrungen, aber die schweren Götzenbilder haben ihre Plätze gewechselt: die neuen prangen oben auf dem Altar, während die alten auf den Boden geworfen sind. Und neben ihnen liegt der Priester, stumm, sterbend. Es wird berichtet, daß er stets wenige Minuten nach der Öffnung der Türen seinen Geist aufgibt. Und niemals ist es einem solchen, dem Tode geweihten Opfer, möglich gewesen, durch Worte oder Zeichen zu verstehen zu geben, welcher Art die Dinge waren, die mit ihm vorgenommen wurden, worin das unheimliche Abenteuer bestand, das hinter ihm liegt.

Soviel ist bekannt, daß dem Zimmermann aufgetragen wird, eine lange, röhrenförmige Höhlung von bestimmten Maßen in jede Figur einzubohren. Dies geschieht ungefähr an der Stelle, wo sich im Menschen das Rückgrat befindet. Und die Überlieferung raunt von einer Pflicht des auserwählten Priesters, ein gewisses Etwas, das keiner sehen kann, ohne es mit dem Tode zu büßen, aus einem solchen geheimnisvollen Versteck im Innern des alten Götzen hervorzuholen, um es an den entsprechenden Ort der neuen Götzenbilder zu verwahren. Es heißt, daß der Dämon dem Priester, seinem ganz und gar ergebenen Diener, seine Wünsche eingibt, um ihm zu bedeuten, was noch weiter für Zeremoniell auszuführen sei.

Inzwischen ist außerhalb des Tempels alles vorbereitet für den großen Umzug. Man hat den riesigen hölzernen Karren des Götzen vor die Türe geschleppt. Dieses Fahrzeug ist ganz eigentümlich gebaut und ziemlich schwierig zu beschreiben ohne die Hilfe eines Bildes oder Modells. Der untere Teil kann wohl mit einer ungeheuren ovalen Truhe verglichen werden und ist allseits mit Götterbildern geschmückt, die jeder in einer besonderen Nische stehen. Tief in die Wände versenkt sind die Schnitzfiguren und von Säulen umringt. Auf diesem Sockel oder Podium steht die Kolossalstatue eines aufgerichteten Löwen, der auf seinem Rücken eine Art von Kanzel mit darüberschwebendem Baldachin trägt.

Zur gegebenen Stunde kommt der Hohepriester und beugt sich tief vor dem neuen Götzen. Er hängt ihm Blumenkränze um den Hals nach der üblichen Hindumode, und befestigt um seine Hüften einen wunderbaren juwelengeschmückten Gürtel. Nun ist der Dämon durch die Kraft, die er seinen Opfern entzogen hat, fähig, eine erstaunliche Vorführung seiner unheimlichen Macht zu bieten. Ein Stück dünnen Seidenfadens, 20 Fuß lang, wird durch seinen Gürtel gezogen, und die Enden desselben werden von zwei Priestern gefaßt; diese schreiten nun etwa zehn Fuß vor dem Götzen einher, etwas zur Seite. Der Mittelweg des Tempels wird freigehalten und die Priester ziehen sanft an dem Faden. Sobald das hölzerne Bildnis diesen Zug als Zeichen empfängt, springt es in Absätzen auf dem freigelassenen Pfad vorwärts. Die Priester weichen ihm aus und veranlassen scheinbar jeden dieser Sprünge durch einen neuen leisen Zug am Faden.

»Ganz unmöglich«, sagen Sie; »oder wenn es doch Tatsache ist, so steckt ein Kniff der Priester dahinter!« Es steht Ihnen frei so zu denken, aber wie geschieht es? Der Zug, den die Priester ausüben, ist nur durch den Zeigefinger und Daumen verursacht und reicht kaum hin, den Faden straff anzuspannen. Es ist ganz sicher, daß von keiner sonstigen mechanischen Kraft die Rede sein kann.

Aber was jetzt folgt, ist noch viel wunderbarer. Wenn der Götze in der beschriebenen Weise die Türe erreicht hat, wo der Karren seiner wartet, klettern die beiden Priester aufs Podium, noch immer mit dem Faden in der Hand. Beim nächsten Ruck hüpft das Bildnis auf das Podium neben sie, und dann, aber ohne weitere Führung durch sie, macht es einen Sprung auf die Kanzel hinauf und führt allein eine halbe Drehung aus, so daß es mit seinem Gesichte nach vorn steht. Es ist unglaublich, und trotzdem gibt es tausende, die dafür Zeugnis ablegen können. Und schließlich und endlich, – warum unglaublich? Wenn ein schwerer Tisch in Europa oder Amerika herumspringen kann, wie einige ihrer größten wissenschaftlichen Koryphäen es erlebt haben, warum kann ein Holzklotz nicht dasselbe hier im Osten tun? »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schuleweisheit sich träumen läßt«, und eine Tatsache wiegt mehr als viele Theorien.

Nach dieser staunenswerten Leistung beginnt die Prozession. Das Bildnis wird im Triumph durch die Stadt geführt, allerhand Opferspenden werden auf den vorüberfahrenden Karren geworfen unter dem Klange der vielen kleinen Glocken, mit denen er behangen ist und die lustig schellen, und die wogende Volksmenge bringt ihm ihre laute Anbetung dar. Während dieses Umzugs warfen sich früher manchmal die fanatischen Gläubigen unter die Räder des Karrens; sie schätzten es als eine Ehre, so ihr Leben auszuhauchen, als williges Opfer für die blutdürstige Gottheit. Ihre Regierung denkt, allem diesem »Unfug« ein Ende gemacht zu haben. Aber eine solche blinde Hingebung wird nicht so leicht durch einen Regierungsbeschluß aus der Welt geschafft und Jagannath bekommt vielleicht heute noch auf diese oder jene Weise ebensoviele Leben als er von jeher zu empfangen gewohnt war. Der Vertrag, der ihn verpflichtet, nicht wahllos zu zerstören, verbietet ihm durchaus nicht, freiwillig angebotene Leben entgegenzunehmen, oder schwachköpfige Fanatiker dahin zu beeinflussen, sich an seinem Altar zu opfern. Ohne Zweifel tut er das, wenn nur immer möglich.

Eine unheimliche und furchtbare Geschichte, nicht wahr? Aber viele seltsame Dinge tragen sich in entlegenen Winkeln Indiens zu, die gänzlich der herrschenden Nation entgehen, – Dinge, die für Sie ganz ebenso unbegreiflich sein würden, wie diese meine peinlich genaue Schilderung von Jagannath.«

– Ende –

 

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