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Gibt es eine Wiederkehr?

Charles Webster Leadbeater: Gibt es eine Wiederkehr? - Kapitel 10
Quellenangabe
authorCharles Webster Leadbeater
titleGibt es eine Wiederkehr?
publisherVerlag Brandler-Pracht
yearo.J.
translatorMalwin Yllen und Fritz Feerhow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180602
projectid932a9c1f
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Du sollst nicht töten!

Ein Geist als Erretter vor einer Todsünde.

I. Kapitel.
Erläuterungen.

Mein Name ist Viktor King-Norman. Ich werde jetzt ein alter Mann und die Ereignisse, welche ich niederzuschreiben gedenke, liegen schon ein halbes Jahrhundert hinter mir. Doch ist mir die Erinnerung noch immer sehr schmerzlich und ich hätte sie aus dem Dunkel des Vergessens sicherlich nicht mehr ans Tageslicht gezogen, wenn ich nicht von einem mir hochverehrten Freunde, dessen Wunsch mir Befehl ist, darum gebeten worden wäre. Seiner Aufforderung nachkommend, erzähle ich diese Geschichte und ändere nichts als einfach die Namen der daran beteiligten Personen.

Seine Jugendjahre, welche mein Vater Norman King-Norman in London verlebte – es war unter der Regierung Williams IV. – verliefen so, daß er zu einer bekannten Persönlichkeit wurde. Nachdem er aber meine Mutter geheiratet hatte, verschwand er ganz und gar vom Londoner Schauplatz, auf dem er eine so glänzende Rolle gespielt hatte und lebte das ganze Jahr auf seinem nordischen Landgute Norman Hall, dem Schloß seiner Ahnen.

Als er später hörte, daß man die Anlage von Eisenbahnen plante, interessierte er sich dafür sehr, da er dem Unternehmen eine große Zukunft zusprach, und legte den größten Teil seines Vermögens in Aktien darauf an.

Als ich 13 Jahre alt war, wurde er Direktor, sozusagen »spiritus rector« einer Strecke in Südamerika. Durch das neue Projekt sah er sich veranlaßt, diesen Erdteil aufzusuchen, eine Sache, die in jenen Tagen der Schaufelraddampfer viel verwickelter war als heute.

Er nahm seine ganze Familie mit, bestehend aus mir, meiner Mutter, und meinem jüngeren Bruder Gerald, einem Kinde von etwa sieben Jahren. Wir kauften ein Haus in einer Hafenstadt, welche zugleich die Endstation der Eisenbahn bildete und verweilten dort hauptsächlich während unseres Aufenthaltes in Südamerika. Aber mein Vater hatte oft geschäftlich im Innern des Landes zu tun, bei den im Bau begriffenen Eisenbahnstrecken. Es scheint, daß seine Beamten sich unfähig erwiesen, die Arbeit durchzuführen, und er ihnen infolgedessen im Interesse der Gesellschaft ihre Stellung entziehen mußte. Wie sich dies nun eigentlich verhalten haben mochte, ich weiß nur genau, daß seine Abwesenheit von der Stadt nach den ersten Monaten immer häufiger wurde, und er immer länger ausblieb. Zu meinem großen Entzücken gestattete mir mein Vater, ihn auf mehreren seiner Reisen zu begleiten.

Einmal, eben zu der Zeit, wo meine Geschichte spielt, durfte auch mein kleiner Bruder Gerald mittun. Die ängstlichen Augen der Mutter glaubten nämlich in dem Kinde zunehmende Schwäche zu bemerken und man hielt einen Temperaturwechsel für sehr vorteilhaft; dazu war der mehrtägige Ausflug ins Gebirge sehr geeignet.

Um meine Geschichte jenen, welche nicht in Südamerika leben, verständlich zu machen, finde ich es für nötig, vorerst einen kleinen Überblick über die sozialen Verhältnisse dieses prachtvollen Landes zu geben.

Es sind, oder vielmehr es waren damals vier Hauptrassen unter den Eingeborenen vertreten. In erster Linie die Nachkommen der spanischen und portugiesischen Eroberer, eine stolze, indolente Nation. Sie waren höfliche und gastfreundliche Leute, nicht ohne gute Charakterzüge, aber ihre Haupteigenschaft war eine maßlose Verachtung aller übrigen Nationen.

Darnach kamen die alten Indianer, die früheren Herren dieses Landes; viele ihrer Stämme hatten eine Art Halbzivilisation angenommen, während die anderen noch ein wildes, unbändiges Volk geblieben waren, die die Arbeit für eine tiefe Erniedrigung ansahen und den Weißen mit jenem unbezwingbaren Haß nachstellten, und – so erstaunlich es auch klingen mag – den blauäugigen Hidalgo womöglich noch an Rassenstolz überboten. Ohne Zweifel wäre es für viele Europäer unverständlich, daß ein halbnackter Wilder ein anderes Gefühl als das des Neides gegen unsere überlegene Zivilisation äußern könnte, so sehr er uns auch dabei hassen möge. Aber ich kann nur sagen, daß das ursprüngliche und ganz ungekünstelte Gefühl des roten Indianers gegen den weißen Mann in nichts anderem als in purer Verachtung besteht. Für unsere Selbstliebe ist das nicht besonders schmeichelhaft, aber es ist nichts destoweniger wahr. Und manchmal mag einen die Empfindung beschleichen, als ob diese Gefühle nicht ganz unberechtigt wären.

Drittens kommt die Negerrasse; sie ist ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung. Die Neger schmachteten noch immer in Sklaverei, obwohl die Regierung alles tat, was in ihren Kräften stand, um diese bedauernswerte Rasse von ihrem entsetzlichen Fluch zu befreien.

Schließlich erübrigen noch die minderwertigen Halbblütler oder Mischlinge, ein Gemenge von Nationalitäten, die wie immer bei solchen Vermischungen alle schlechten Eigenschaften beider Eltern zusammen erben. Indianer, Spanier und Neger, alle stimmen in ihrer Verachtung dieser Mischlinge überein. Sie ihrerseits hegen gegen alle Nationen einen direkt böswilligen Haß. Sie sind sich gegenseitig so spinnefeind, daß bei der Anwerbung für die Armee die drei Nationen ihren Dienst verweigerten, falls sie mit den Halbblütlern im selben Regimente dienen mußten. Es wurde daher für sie ein eigenes Regiment geschaffen, und die beiden Regimenter hatten gegeneinander nicht gerade die freundschaftlichste Zuneigung.

Meine Geschichte setzt eben mit jener Zeit ein, wo diese beiderseitigen Feindseligkeiten endlich in Krieg ausarteten. Ich habe vergessen, was als Veranlassung des Krieges bezeichnet worden ist. Soviel ich weiß, wurde dem Mestizenregiment ein so beleidigender und seine Würde verletzender Auftrag erteilt, daß es sich in einem offenen Aufstande Luft machte.

Vier Regimenter marschierten unter Anführung eines Befehlshabers namens Martinez ab, eines Mannes, der nicht ohne Fähigkeiten und Kenntnisse war, jedoch in einem abscheulichen Rufe stand. Beim Volke hieß es, daß er sämtliche zehn Gebote, das eine übers anderemal gebrochen habe. Ob dies nun Dichtung oder Wahrheit war, weiß ich nicht zu sagen; aber das eine ist sicher, daß er ein lasterhafter Mensch und entsetzlich grausam war. Nichtsdestoweniger stand er im Rufe eines tüchtigen, wenn auch skrupellosen Führers und seine Tollkühnheit wirkte so suggestiv, daß seine Leute ihm auf den Wink gehorsam waren.

Die ganze Geschichte sollte nichts weiter als ein kleiner Aufstand sein, den man rasch unterdrücken zu können dachte; das wollte die Regierung uns glauben machen. Die Regierungen in den einzelnen Südamerikanischen Staaten sind eigentlich alle in einer recht heiklen Lage; denn der geringst Anstoß genügt oft, um die Untertanen zu einer Revolution zu veranlassen. Aus einer leichten Unzufriedenheit wird alsbald ein regelrechter Aufruhr. In jenem Teile des Landes, wo wir lebten, hörte man damals wenig von dem geplanten Aufstand; und, wie gesagt, im Interesse der Regierung wurde das Gerücht von dem Treiben der Aufrührer nach Möglichkeit unterdrückt.

Später, als längst alles vorüber war, erzählte man sich, daß Martinez höchst spitzfindige Pläne ausgehegt habe und mehrere Indianerstämme durch scheinbar glänzende Vorspiegelungen für seinen Plan gewann.

Die zwei Parteien dieser großen Verschwörung trieben miteinander ein hinterhältiges Spiel. Die Absicht der Mestizen war, sich der Indianer zu bedienen, um die weiße Rasse zu unterdrücken und nach getanem Werk sich gegen diese selbst zu wenden, sie zu massakrieren und die gesamte Macht im Reiche an sich zu reißen. Andererseits planten die roten Indianer mit Hilfe der aufrührerischen Regimenter, die Weißen in die See zu treiben und darnach mit Leichtigkeit die Mestizen niederzumetzeln und ihrerseits im Lande zu herrschen.

Es kam uns niemals in den Sinn, daß unsere kleine Expedition ins Innere des Landes von den Aufständischen gefährdet sein könnte. So drohend auch die Lage war, bei uns herrschten doch ruhige Zeiten; die Unruhen waren einige hundert Meilen weiter südwärts. Indessen war es uns bestimmt, vielmehr noch von dem Kampf zu spüren zu bekommen, als wir geglaubt hätten.

– Die Eisenbahnlinie lief durch weite Strecken Urwaldes; diese bedecken in Südamerika so weite Flächen, wie in keinem anderen Lande der Welt. Die Bäume wachsen dort bis zu einer Höhe von zweihundert Fuß und ebensoweit breiten sich ihre Äste aus. Wenn sie blühen, bilden sie scharlachrote, blaue und orangene Kuppeln, die zum Himmel ragen, Schlingpflanzen wachsen so dick, wie die Schenkel eines Mannes, winden sich von Baum zu Baum und strecken sich oft hundert Fuß lang, mit Blüten übersät. Diese Blüten der Schlinggewächse sind oft prächtiger als die der Bäume. Die Kinder spielten mit ihnen; jedes nahm eine solche riesige Schlingpflanze und suchte sie vom Anfang bis zum Ende freizuwickeln und wer den längsten Strang herausbekam, war Sieger. Es war wahrhaftig ein Feenland, unerreichbar in seiner wundervollen Schönheit, aber für bequeme Menschlein war es ein zu arges Dickicht.

Hauptsächlich darum, weil so wenige Menschen dort hausen, sind die Lebewesen in diesen Wäldern so zahlreich wie sonst nirgends, und viele von diesen Geschöpfen sind den Menschen sehr gefährlich. Es gibt prachtvolle Kreaturen unter ihnen, die indessen recht unangenehme Nachbarn werden können. Wir haben da den Jaguar, ein herrliches Tier, welches noch königlicher aussieht, als selbst der Königstiger in Indien, aber ebenso gefahrvoll ist. Ferner die Boa Constrictor, die größte Schlange der Welt, welche oft eine Länge von 30 Fuß erreicht und so dick wird wie ein Mannesschenkel. Weiter der Alligator, ebenso gefährlich wie der Haifisch im Stillen Ozean; er ist in Flüssen und kleinen Seen häufig anzutreffen. Alle diese und noch viele andere Geschöpfe erschweren dem Menschen in jenen wunderbaren südamerikanischen Wäldern den Aufenthalt. Die Zweige beherbergen Vögel mannigfachster Art, deren lebhafte Farbenpracht so wunderschön wirkt wie die der zahllosen Blüten eines Tropenwaldes. Man sieht dort Papageien aller Art, ungeheuer große Macaws mit buntgemaltem, leuchtendem Gefieder, rot, blau und gelb. Winzige kleine Kolibris, nicht größer als Hummeln, aber dafür wie Edelsteine schimmernd, wie Rubine und Smaragden – 100 Varianten in funkelnden Farben, aber jeder gesanglos bis auf den tiefen, glockenähnlich »singenden« Campanero. Die seltensten Tierarten sind hier vertreten, mit den eigenartigsten Farben; eine jede hat etwas Besonderes, was in anderen Ländern schwer zu finden wäre. Jedoch die Insektenwelt dürfte in diesen Urwäldern den ersten Rang einnehmen; sie zieht die Aufmerksamkeit des Besuchers in recht empfindlicher Weise auf sich.

Die Tarantel, eine Spinnenart und der Skorpion sind die Aristokraten darunter, wiewohl sie eigentlich gar nicht zu den Insekten gehören. Unzählige Millionen von riesenhaften Ameisen, die plötzlich auftauchen, um sich auf eine geheimnisvolle Wanderschaft zu begeben, verschwinden eben so schnell wieder als sie gekommen waren. Sandflöhe, recht unangenehme Geschöpfe, kriechen dem Menschen unter die Zehennägel und legen dort ihre Eier ab, die man sich allabendlich von einem Diener entfernen lassen muß. Sicher ist, daß die Insekten den Menschen sehr zu lieben scheinen, so sehr man sich auch allgemein wünschen würde, daß es anders wäre.

Trotz alledem war für uns wenig Gefahr zu gewärtigen, als wir unseren Streifzug in die Urwälder unter den günstigsten Umständen antraten. Wir hatten den Vorteil, daß uns eine große Arbeitertruppe begleitete, welche am anderen Ende der Strecke zu tun hatte. Keines der großen Raubtiere hätte es gewagt, so vielen Menschen in die Nähe zu kommen; durch die mißlichen Erfahrungen, welche wir mit der Kleintierwelt machten, lernten wir auch mit dieser richtig umzugehen. – – –

Zu unserer persönlichen Bedienung und zugleich Führung hatten wir einen treuen Neger namens Tito. Er wurde uns als Sklave geschenkt. Wir setzten ihn natürlich sofort in Freiheit und er dankte uns hierfür in überschwenglicher Weise.

Die Bahnstrecke war eine in gerader Richtung durch den Wald gezogene Linie. Man brauchte beim Abholzen fast keinen Umweg zu machen; es gab keine Zwischenstationen; die Ortschaften, an denen das Geleise vorbeilief, waren von der Strecke aus nicht zu sehen. Man hatte beim Bau vermieden, Bögen zu machen.

Eines Tages, als wir uns am anderen Ende der Strecke befanden – wir waren ca. 75 Meilen von der Endstation und deren Hafen entfernt –, da erhielten wir durch einen unserer Bahnarbeiter eine recht mißliche Nachricht. Der im Bureau der Endstation angestellte Kassierer hatte sich eine Unterschlagung diverser Gelder zuschulden kommen lassen und war eben im Begriffe, sich mit seiner Beute nach Europa einzuschiffen. Wir erfuhren die Neuigkeit gerade eine Stunde vor Abgang seines Schiffes und Sie können sich leicht vorstellen, daß mein Vater in Verzweiflung geriet und nicht wußte, was beginnen. Es gab damals noch keine Telegraphen und ein Laufbote würde dreißig Stunden gebraucht haben, sogar entlang der Eisenbahnstrecke, um diese weite Entfernung zu durchmessen.

Wir hatten zwar eine Lokomotive mit uns, aber die war nicht auf große Geschwindigkeiten berechnet, da sie nur als unsere Arbeitsmaschine diente. Dazu kam noch, daß der Zugführer am Fieber krank lag und der junge Mann, welcher die Lokomotive jetzt führte, wohl einige Lastwagen führen konnte, aber unfähig war, damit einen Schnelligkeitsrekord zu schlagen. Mein Vater selbst wußte mit der Maschine nicht umzugehen und außerdem wäre seine Abwesenheit gerade jetzt von großem Nachteil gewesen. Zum Glück hatte ich immer eine große Vorliebe für Lokomotiven gehabt, und da ich die unsrige schon öfter auf kurzen Strecken geführt hatte, wußte ich immerhin mit ihr umzugehen. Sofort erbot ich mich, diese Distanz in einer Stunde zurückzulegen, obwohl mein Vater es für ganz unmöglich erklärte.

Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich war fest vom Gelingen meines Vorhabens überzeugt. Die Minuten waren kostbar und es blieb uns wenig Zeit zu Erörterungen; so willigte denn mein Vater rasch ein, wenn er auch vom Mißlingen des Versuchs im vorhinein überzeugt war. Die Maschine wurde angelassen; in wenigen Minuten waren die Kohlenbehälter gefüllt, der Heizer sprang mit mir auf und fort gings im raschen Lauf. War das eine aufregende Fahrt! Ich ließ die Maschine im schnellsten Tempo laufen und es war nur mein Glück, daß die Strecke so ziemlich gerade lief und keine Kurven zu beschreiben waren, denn ich hatte wirklich nicht die Absicht, meine Geschwindigkeit irgendwo zu verringern. Es genügt zu sagen, daß ich zur rechten Zeit angekommen bin, allerdings mit rotglühenden Platten. Sobald ich die Endstation erreichte, sprang ich von der Maschine herab, lief zum Signalturm, der auf einem Hügel stand, und sprach mit dem dortigen Beamten, der mich schon von früherher kannte. Gott sei Dank, sah ich auch den Postdampfer noch im Hafen liegen; er war eben im Begriff, seine Anker zu lichten. Auf meine Anzeige hin gab der Beamte sofort ein Signal, daß der Dampfer noch halten müßte. Währenddessen eilte ich zum Schiffskommando und alsbald wurden Boote herabgelassen, in denen sich mehrere Polizeibeamte einschifften. Die Schiffsbeamten kannten meinen Vater gut, weil er oft größere Schienenladungen und anderes Material von der Gesellschaft befördern ließ, und so hatte ich leichtes Spiel, als wir das Schiff erreichten. Sogar der Kapitän erkannte mich und da er meinen wichtigen Auftrag erfuhr, vergab er mir auch die Verzögerung. Der Defraudant wurde trotz seines Sträubens sofort arretiert, ans Land gebracht und eingesperrt. Die Gelder wurden bei ihm gefunden und mit Beschlag belegt.

Ich glaube, daß ich die Maschine durch mein rasendes Tempo arg mitgenommen hatte. Indessen war die Summe, die auf dem Spiele stand, groß genug, um diesen kleinen Schaden mit in Kauf zu nehmen.

Mein Vater ließ gewöhnlich an dem jeweiligen Ende der im Bau begriffenen Strecke eine Holzhütte errichten und dort pflegte er sich so lange aufzuhalten, bis die fortschreitenden Geleise ihn nötigten, ein Stück weiter zu wandern. Darauf ließ er sich weiter abwärts ein neues Quartier in Form einer Blockhütte bauen. Holz gab es überall in so reichlichem Maße, daß es nicht der Mühe wert war, die alten Pflöcke zum neuen Standort zu transportieren, obwohl unsere Raststationen nur wenige Meilen voneinander entfernt lagen. Man wählte zu dem Bau gewöhnlich Stämme, die einen Fuß im Durchmesser hatten. Diese wurden der Länge nach gespalten und aus ihnen ein Gebälk zusammengezimmert, welches fest genug war, selbst wilden Tieren standzuhalten, natürlich war das Ganze nur roh zusammengefügt und durch die vielen Spalten kam Licht und Luft in genügender Menge herein. Meist hatte diese Hütte kein Fenster und die einzige Türe, welche ohne Angel war, wurde des Nachts vorgelehnt und von innen mit schweren Holzbalken verrammelt, so daß sie nicht ins Innere fallen konnte. Unter Tags wurde sie auf die Seite geschoben und die Öffnung diente uns zugleich als Fenster.

Mein Vater hatte für seine Geschäftsarbeiten einen rohen Tisch zusammenzimmern lassen. Baumstümpfe dienten uns als Sitz oder wir lagerten uns auf dem Boden, wie es uns eben paßte.

II. Kapitel.
Der Überfall der Indianer.

Meine Geschichte beginnt an einem Tage, wo wir eben eine solche Hütte in einer Waldeslichtung errichtet hatten. Zu beiden Seiten und im Rücken hatten wir den Wald, in einer Entfernung von etwa 20 Metern. Blickte man jedoch in gerader Richtung vorne durch das Tor, so sah man die Lichtung sich allmählich zu den Ufern eines kleinen Flusses hinabsenken, der sich vielleicht einige hundertfünfzig Schritte vor uns hinzog. Noch etwas weiter, aber unserem Blick von der Hütte aus durch große Baumstämme und das hügelige Terrain entzogen, befand sich das Ende der Eisenbahnstrecke, wo eine Menge Arbeiter tätig waren.

Dem Landesbrauche gemäß gönnten sich die Arbeiter um Mittag eine kleine Siesta und wir versuchten dies auch manchmal. Ich für meinen Teil konnte freilich niemals recht in Schlaf kommen, da ich es nicht gewohnt war.

Eines Tages hielten wir eben wieder Rast, obwohl es schon Zeit gewesen wäre wieder an die Arbeit zu gehen. Mein Vater saß am Schreibtisch und hatte seine Schreibtätigkeit wieder aufgenommen. Ich lag am Boden und las in einem Buch und klein Gerald spielte in einer Ecke. Unser Diener Tito hatte draußen eine Arbeit zu verrichten, jedenfalls war er nicht in der Hütte und auch nicht von ihr aus zu sehen.

Plötzlich wurde die tropische Nachmittagsstille von einer knatternden Salve unterbrochen. Ein derartiges Gewehrfeuer war äußerst befremdlich; denn, soviel wir wußten, befanden sich wenigstens fünfzig Meilen im Umkreis keine Gewehre. Wir sprangen auf, mein Vater trat zur Türe und blickte auf die Lichtung hinaus. Wie gesagt, war der Platz, wo sich unsere Arbeiter befanden, von hier aus nicht sichtbar. Trotzdem nichts Ungewöhnliches zu erkennen war, nahm der Vater sein Gewehr zu sich und hielt Nachschau, was los sei. Ich griff auch schnell nach meinem Gewehr, denn ich hatte ebenfalls eines. Sogar Gerald ging in diesem wilden Lande nie ohne seinen kleinen Revolver aus und ich trug gewöhnlich außer dem meinen zwei Pistolen bei mir. Wenn ich einen Spaziergang machte, nahm ich aber mein Gewehr mit. Diese Vorsichtsmaßregeln waren keinesfalls überflüssig, denn, abgesehen von den menschlichen Einwohnern, kamen sehr gefährliche Waldestiere ganz in die Nähe der Hütten, ja sie scheuten auch nicht die nächste Umgebung der Städte. Tatsächlich habe ich eines Morgens ... Aber lassen wir das jetzt, denn »das ist wiederum eine ganz andere Geschichte«, wie Rudyard Kipling immer sagt.

Kaum waren wir aus der Türe, als einer unserer Arbeiter zwischen den Bäumen vor dem Flusse auftauchte und davonstürmte. Als er uns erblickte, schrie er etwas herüber, was wir aber nicht verstanden. Bevor er seine Worte wiederholen konnte, vernahmen wir abermals einen Knall. Der Mann warf seine Arme in die Luft und fiel tot zu Boden. Augenblicklich darnach tauchten am Fuße der Lichtung eine Menge bunttätowierter Rothäute auf, die ihre Waffen schwangen und ein haarsträubendes Geschrei ausstießen. Viele schossen auf uns, aber wir blieben glücklich unverletzt. Sofort zogen wir uns in die Hütte zurück, schoben die Türe an ihre Stelle und verbarrikadierten uns von innen mit schweren Balken. Alsdann sagte mein Vater zu mir in ruhigem Tone, während ich noch mit meinem Gewehr in der Hand dastand:

»Du übernimmst die Spalte auf der linken Seite der Türe und ich will die rechte übernehmen. Zuerst die Gewehre; dann die Pistolen. Wir müssen so viele als möglich niederschießen, bevor sie bis zur Hütte kommen. Jetzt aufgepaßt; kein Schuß darf daneben gehen!«

Damals gab es noch nicht die Schnellfeuergewehre wie heute. Trotzdem fielen zehn Indianer, bevor sie noch den halben Hügel erstiegen hatten. Man hörte einige Kommandorufe, im Augenblick zogen sich die Rothäute wieder zurück und entschwanden hinter der Böschung unseren Blicken. Während mein Vater unausgesetzt auf seinem Posten verharrte, sagte er:

»Wir können einen Augenblick Atem schöpfen. Lade einstweilen. Du mußt Dich bereithalten. Die Munition soll in der Nähe liegen, damit Du sie sofort bei der Hand hast. Sie werden uns alsbald wieder anfallen.«

»Aber Vater«, sagte ich; »wer sind denn die, und was geschieht denn nun? Warum kommen die Rothäute und überfallen uns? Wir haben ihnen ja nichts getan!«

»Ich weiß es nicht, mein Knabe«, sagte der Vater darauf; »soviel ich sehe, werden wir es auch schwerlich je mehr erfahren; denn wir können nicht hoffen, uns gegen eine solche Übermacht zu halten. Uns bleibt nichts übrig, als jetzt unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen. Wir sind etwa hundert Meilen von allen Siedelungen entfernt, wo wir Hilfe finden könnten. Wir würden ihnen in die Hände fallen, bevor wir so weit kommen. Mir läge nichts daran, wenn wir nur den kleinen Gerald nicht bei uns hätten. Warum in aller Welt habe ich ihn nur gerade jetzt mitgenommen?«

»Was meinst Du Vater, was mit unseren Arbeitern geschehen ist?«

»Die sind wahrscheinlich schon alle totgeschossen«, antwortete er mir; »Du hast ja die Gewehrschüsse gehört. Wenn welche am Leben geblieben wären, so hätten sie hier bei uns Zuflucht gesucht.«

»Aber ich kann nicht begreifen, warum sie uns töten wollen, und warum sie uns überhaupt nachstellen«, warf ich ein.

»Ja, das verstehe ich auch nicht«, sagte mein Vater, »aber das eine ist sicher, daß sie ihr Kriegskostüm tragen; und das bedeutet immer, daß sie feindliche Absichten haben. Es wird sicher ein Kampf auf Leben und Tod. Warum diese Barbaren so handeln, das weiß der Himmel.«

In diesem Augenblick wurden wir durch ein neuerliches Gebrüll unterbrochen und die ganze wilde Bande, welche uns jetzt unter dem Schutze des Waldes nahegekommen war, brach gleichzeitig von beiden Seiten hervor. Ein Mann nach dem andern fiel, aber sie drangen tapfer genug vorwärts. Mit aller Wucht warfen sie sich gegen die Türe. Glücklicherweise hielten die inneren Balken stand und als die Angreifer sahen, daß uns nicht beizukommen war, ohne daß sie sich unseren Schüssen aussetzten, stürzten sie unter großem Geschrei wieder in den Wald zurück, um Deckung zu suchen. Bisher waren wir ohne Verletzung davon gekommen, während schon eine hübsche Anzahl von kupfernen Leichen um die Hütte herumlag. Sogar klein Gerald hatte sich recht wacker gehalten. Er tötete mindestens zwei Mann und verwundete mehrere andere. Einer von ihnen, mit grausamen Gesichtszügen, stieß die Mündung seines Gewehrlaufes durch die Spalte an meiner Seite. Rasch sprang ich zur Seite, faßte den Gewehrlauf eben als er abfeuerte und schoß dem Manne gerade ins Gesicht, daß er mit einem gröhlenden Schrei zurückfiel. Der Gewehrlauf blieb zwischen dem Gebälk stecken. Von dem Schuß war nur die Hütte mit Rauch erfüllt worden, aber sonst nichts weiter geschehen. Als die Wilden ins Gehölz zurückgeflohen waren, wollte ich die Hütte öffnen, um mir das Gewehr hereinzuholen. Mein Vater aber hielt mich davon ab, da er erwartete, daß die Indianer uns sicherlich vom Wald aus beobachten würden und wir uns gewiß einer unnötigen Gefahr ausgesetzt hätten. Außerdem wäre das Gewehr für uns unbrauchbar gewesen; es war ein alter Vorderlader; gleichwohl verzichtete ich recht ungern auf diese Siegestrophäe. Wir stießen das Gewehr hinaus und es fiel unter den Leichen zu Boden.

So hatten wir den Angriff ein zweitesmal zurückgeschlagen und waren abermals unverletzt geblieben, während unsere Feinde viele Mann verloren. Leider hatten wir nur einen fruchtlosen Sieg gewonnen; wir waren uns unserer ernsten Lage nur zu wohl bewußt. Wenn wir auch einen ziemlichen Pulvervorrat mithatten und nicht hinter einfachen Brettern, sondern mit mächtigen Balken verschanzt waren, so mußten wir doch auf mehrere Angriffe gefaßt sein. Wenn nicht eine Kugel den Weg durch die Spalten fand, mochten wir uns wohl noch länger halten. Indessen hatten wir weiter keinen Proviant bei uns als eine halbe Schachtel Biskuits und, was noch schlimmer war, nur eine halbgefüllte Wasserflasche. Sonst war nichts weiter in der Hütte. Unter gewöhnlichen Umständen wurde unsere Mahlzeit von dem treuen Tito gekocht, der die primitiven Gelage unter freiem Himmel oder unter den Bäumen zurichtete. Die Mundvorräte, welche wir bei uns hatten, wurden mit anderen Dingen zusammen in den Hütten aufbewahrt, die in der Nähe der Strecke lagen. Falls sich also die Rothäute in unserer Nähe festsetzten, so gab es demnach nur einen einzigen Ausgang des Abenteuers: zu verhungern.

Sie können sich vorstellen, daß unsere Unterhaltung nicht gerade hoffnungsfreudig war. Nur etwas schien die Gedanken meines Vaters vollständig zu erfüllen, nämlich das Bedauern, meinen kleinen Bruder in diese schreckliche Lage gebracht zu haben und der Jammer, den sein unvermeidlicher Tod für die Mutter heraufbeschwören würde. Wir konnten uns nicht ausdenken, warum uns die Indianer angegriffen haben mochten und was sie mit uns vorhatten, obwohl die Beantwortung dieser Frage für uns herzlich wenig Bedeutung hatte. Was sie auch immer für Gründe haben konnten, sicher war, daß sie uns töten wollten. Es war nicht die geringste Hoffnung auf ein Entkommen und das einzige, was uns übrig blieb, war, ihnen ihr Werk soviel als möglich zu erschweren und ihrem Sieg einen möglichst hohen Kaufpreis zu setzen.

Nun folgte eine lange Pause, welche bei weitem mehr auf die Nerven ging (wenigstens mir) als der aufregendste Kampf. Ringsum im Walde herrschte lautlose Stille. Leider wußten wir nur zu genau, daß trotz alledem die Indianer von ihrem Vorhaben nicht abstehen würden. Nach geraumer Zeit hörten wir etwas wie Holzfällen und waren natürlich neugierig, was unsere Feinde nun beginnen würden. Alsbald sollten wir es erfahren: blitzartig verwandelte sich die Stille in einen Höllenlärm und die Rothäute stürzten johlend auf unsere Hütte zu, während sie blindlings ihre Gewehre gegen uns abfeuerten. Wir schossen wie zuvor, so rasch als wir konnten und hatten bereits wieder eine ganze Reihe unserer Angreifer niedergestreckt, als mein Vater mich anrief:

»Hierher! Ziele nur auf diese dort, welche den Holzpflock tragen.«

Ich bemerkte, daß sechs oder acht Mann einen Baumstamm schleppten, welchen sie augenscheinlich als Sturmblock benützen wollten, um unsere Türe einzurennen. Das wäre ihnen mit diesem Holzkoloß ohne Zweifel auch gelungen. Sie hatten bis zu uns nur einige zwanzig Schritte zu tragen, aber sie erreichten uns nicht. Mein Vater hatte ihre Absicht wiederum vereitelt. Alle unsere Revolverschüsse konzentrierten wir dorthin, wo der Baumstamm auf uns zukam. Schon in halber Entfernung von der Hütte war die Hälfte der Träger erschossen und die übrigen konnten die schwere Last nicht mehr bewältigen. Andere sprangen mutig herbei, um die Stelle der Gefallenen zu vertreten, aber sie erreichten ihr Ziel zu spät, denn sobald der Stamm auf den Boden sank, erlag einer nach dem andern, beim Aufheben, unseren Schüssen. Noch einmal wichen unsere Angreifer zurück. Nochmals wurden wir in Ruhe gelassen und konnten über den vorübergehenden Sieg triumphieren. Ein ganzer Haufe von Leichen lag um den Sturmblock herum.

Aber wir waren ihnen diesmal nur mit knapper Not entkommen; denn während mein Vater und ich jenen unsere Aufmerksamkeit zuwandten, die den Stamm schleppten, kroch einer der roten Krieger von rückwärts auf unsere Blockhütte zu und schoß mit seinem Gewehr nach uns, indem er ebenfalls den Lauf durch eine Spalte steckte. Er verfehlte uns um Haaresbreite und wir fanden später seine Kugel in einem Türbalken. Unser kleiner Gerald sah ihn, und schoß sofort nach ihm. Es ist leicht möglich, daß der Warnungsschrei, den der Kleine uns zuwarf, den Indianer beim Zielen beirrte. Gerald erzählte uns nachher, daß er den Mann nicht getötet, sondern nur verwundet hatte. Dieser taumelte zurück, anscheinend schwer verletzt. Aber er konnte noch in den Wald zurückkriechen.

Durch ihren dreimaligen mißglückten Ansturm erlitten unsere Feinde erhebliche Verluste. Aber wir sahen, daß sie unter keinen Umständen gewillt waren uns freizugeben. Es trat hierauf eine bedrückende Stille ein. Stunde um Stunde verrann, ohne daß sich irgend etwas Besonderes ereignete. Wir konnten unmöglich annehmen, daß sie uns aufgegeben hätten, im Gegenteil, wir wußten nur zu gut, daß die Anführer bloß durch die große Anzahl der Gefallenen abgeschreckt waren und sich nun entschlossen hatten, den Abend abzuwarten, wo die Dunkelheit ihnen eine bessere Gelegenheit zum Angriff bieten sollte.

Ich meinerseits wünschte von Herzen, daß sie ohne Unterbrechung auf uns eingestürmt wären, statt so Stunde auf Stunde uns auf den Tod warten zu lassen. Wir gedachten auch unseres armen Tito. Auf welche Weise mochte er wohl getötet worden sein und wie war es jetzt mit den auf der Strecke beschäftigten Arbeitern bestellt? Wenn sie noch lebten, wären sie uns gewiß zu Hilfe gekommen. Ihr Aufseher war ein hochgewachsener Schottländer, den sie sicherlich hinterrücks überfallen haben mußten, sonst hätte eine schöne Anzahl von Rothäuten für seinen Fall zu büßen gehabt. Wir gedachten auch unserer Mutter zu Hause und hätten gerne gewußt, ob unser Schicksal ihr jemals zu Ohren gelangen würde, da wohl schwerlich einer von uns übrig blieb, um ihr unsere traurige Geschichte zu erzählen.

Wir waren alle religiös gesinnt; indessen erinnere ich mich nicht, daß wir in dieser äußersten Gefahr besondere religiöse Gedanken hatten. Nur ein einziges Mal erinnere ich mich, daß mein Vater dergleichen erwähnte.

»Meine Knaben«, sagte er, »Ihr seid noch viel zu jung, um so zu sterben. Es ist mir leid, daß ich Euch mitgenommen habe. Aber wer hätte das voraussehen sollen? Vergeßt nicht, daß wir in Gottes Hand stehen und nichts ohne seinen Willen geschehen kann. Was immer sein Wille ist, so oder so, es wird schon das Beste für uns sein! Wenn wir auch unser Leben lassen sollen, so tun wir es tapfer, wie es britischen Untertanen geziemt. Ihr könnt sicher sein, daß wir dem Allmächtigen dadurch dienen und dann zu ihm kommen werden. Darum soll es uns wenig kümmern, wann und wo wir sterben. Nicht wahr, meine Jungens?«

Ich glaube, so jung wir auch waren, wirkten seine Worte und sein gutes Beispiel dennoch nachhaltig auf uns. Bei dem Gedanken, daß wir zusammen sterben werden, fühlten wir uns schon halb getröstet.

Die Zeit verstrich und endlich brach die rasche Tropendämmerung mit tiefer Dunkelheit herein. Ich glaube, daß wir alle durch das angestrengte Warten etwas abgespannt waren. Ich selbst ertappte mich manchmal beim Einnicken und klein Gerald war müde eingeschlafen. Nur mein Vater verließ seinen Beobachtungsposten nicht für einen Augenblick. Als die Dunkelheit vollständig war, und die Geräusche der Tropennacht um uns her erwachten, sprach er uns liebevoll ermutigend zu und zum erstenmal gab es für uns einen Hoffnungsschimmer.

»Kinder«, sagte er, »ich weiß nicht, was sie jetzt vorhaben; aber wenn sie sich nicht bald zeigen, werde ich die Türe so leise wie möglich öffnen und wir wollen versuchen, zwischen den Bäumen zu entschlüpfen.«

»Aber Vater«, erwiderte ich, »sicherlich werden sie uns von allen Seiten beobachten!«

»Ja«, antwortete der Vater, »das ist freilich möglich. Aber es ist das die einzige Aussicht für uns, zu entkommen. Im schlimmsten Falle, wenn es uns mißlingt, töten sie uns. Und das steht uns auch dann bevor, wenn wir hier bleiben.«

Als er das sagte, war ich Feuer und Flamme für seinen Plan. Aber sogleich darauf überkam mich die Angst, daß wir nicht alle glücklich davonkommen würden. Wenn der Vater getötet würde, was sollten ich und Gerald anfangen? Oder falls klein Gerald das Opfer wäre, was wäre mir das Leben ohne ihn! Ich wollte nichts von diesen Gedanken verraten, aber ich war schon lange nicht mehr so begeistert für den Fluchtversuch.

Indessen, – unsere blutgierigen Feinde verhinderten uns, den Plan auszuführen. Plötzlich stieg nämlich aus der Dunkelheit eine Art Rakete gegen den nächtlichen Himmel auf, rasch darauf eine zweite und eine dritte und es schien uns, als ob das Funkengestiebe auf unser Dach niederprasselte. Wir wußten zuerst nicht, was das bedeuten sollte. Aber bald waren wir über ihr Vorhaben im Klaren. Wenn auch die Wände unserer Hütte aus schweren Pfosten hergestellt waren, die tief in die Erde gerammelt waren, das Dach war nur mit Palmblättern überdeckt. Unsere Feinde hatten diese heikle Stelle gewahrt und schossen Brandpfeile auf unser Dach, die sie zuvor in Öl getaucht und mit Baumwolle umwickelt hatten.

In wenigen Minuten stand unser Dach in Flammen, die Hütte füllte sich mit dickem Rauch, und brennender Zunder fiel ins Innere auf uns herab. Rasch stampften wir die flammenden Fetzen mit den Füßen, wir wären sonst darin geröstet worden. Und während wir uns gegen den Feuertod verteidigten, liefen die Rothäute nach dem Baumstamm und rannten ihn gegen die Türe. Die Balken gaben nach, ein Krach und wir waren im Nu von unseren Feinden umringt. Es war fast unmöglich durch den dicken Rauch hindurchzusehen.

»Rücken an Rücken!«, rief der Vater.

Im Augenblick standen ich und Gerald mit ihm beisammen mitten in der Hütte. Ein stinkender Knäuel von Rothäuten umringte uns. Wiederum knallten unsere Pistolen und ich sah wenigstens zwei von den Feinden neben mir fallen. Aber plötzlich erhielt ich von rückwärts einen schweren Schlag auf den Kopf und es war Nacht um mich.

Wie lange ich so bewußtlos war, weiß ich nicht mehr. Soviel ich mich erinnere, erwachte ich sehr langsam wieder. Zuerst empfand ich einen unbestimmten Schmerz, eine Art von fortwährender Erschütterung, die mir höchst widrig war. Aber es ließ nicht nach; mein Unbehagen steigerte sich immer mehr, bis ich mir endlich klar wurde, daß ich auf eine ganz sonderliche Weise bewegt, oder vielmehr getragen wurde. Mein Gedächtnis schien mich verlassen zu haben, denn ich konnte mich damals weder an den verflossenen Kampf noch an die Indianer noch an sonst etwas erinnern. Wie lange dieser dumpfe Zustand gedauert haben mochte, könnte ich schwer sagen; mir schien es eine Ewigkeit, wenn es auch in Wirklichkeit nur einige Minuten gedauert haben konnte. Als ich nach und nach meine fünf Sinne wieder in die Gewalt bekam, fühlte ich mich von oben unausgesetzt gestoßen, gekratzt und geschlagen, während ich unten in äußerst unbehaglicher Weise gefesselt war. Ich versuche, Ihnen diese Empfindungen, so gut ich kann, zu beschreiben, aber es dürfte mir nur unvollkommen gelingen, denn das vage Gefühl, das mich beherrschte, war höchst seltsam, und es gelang mir nicht, die Ursache dieses Zustandes herauszubekommen. Allmählich dämmerte mir ein Licht auf; ich wurde mir bewußt, auf den Rücken eines Pferdes oder Maulesels gebunden zu sein und das fortwährende Stoßen rührte von dem Gang des Tieres her, das über einen unebenen Boden schritt. Die Schläge und Kratzer wurden von den tiefherabhängenden Baumzweigen verursacht, die meinen Kopf streiften.

Durch einen kräftigen Ruck wurde ich plötzlich vollständig erweckt. Ich war tatsächlich am Rücken eines solchen Tieres angebunden und viele andere liefen neben mir her. Diese anderen waren teils mit Beute bepackt, teils von Indianern geritten. Ebenso sah ich viele Indianer zu Fuß nachfolgen. Im Nu kam es mir da zum Bewußtsein, daß ich durch einen Schlag in der brennenden Hütte betäubt worden war; die Indianer hatten mich nicht getötet, sondern gefangen und mich darauf fortgeschleppt. In raschem Tempo ging es vorwärts durch den Wald, der so dicht war, daß man unmöglich etwas unterscheiden konnte.

Auf einmal überschritten wir eine Art Lichtung, in deren Halbdunkel ich die Herde berittener oder zu Fuß laufender Indianer um mich herum sah und mein erster Gedanke war: »Wird der Vater auch darunter sein?« Ich versuchte, ihn zu rufen, aber ich brachte nur einen schwachen Hauch heraus. Ich wartete mit entsetzlicher Spannung auf Antwort – – und wirklich hörte ich seine frohe Stimme, und ich war meinem Schicksal dankbar. Sein Ruf kam mitten aus der dunklen Masse vor mir heraus:

»Was, mein Junge, Du lebst? Bist Du stark verwundet?«

»Nein, ich glaube nicht«, gab ich zurück; »nur im Kopf habe ich ein so dummes Gefühl. Aber bist Du verletzt?«

Ich hatte gerade noch Zeit, sein Nein zu hören, als ein Indianer sein Gesicht über das meinige beugte und mich anfuhr zu schweigen. Im selben Augenblick sah ich vor mir ein Gedränge von Rothäuten, die vermutlich auch meinen Vater zur Ruhe wiesen. Der neben mir sprach halb spanisch, halb portugiesisch, aber alles mit einem eigentümlichen Kehllaut, der seine Ausdrücke fast unverständlich machte. Wenn die Wilden untereinander sprachen, gebrauchten sie ein Idiom, das mir ganz fremd war.

Ich verstand recht gut die lingua franca der Neger, und ich versuchte in dieser Sprache die Indianer zu fragen, wo sie uns hinführten und wo mein kleiner Bruder war. Aber sie wollten mich entweder nicht verstehen, oder konnten es nicht. Jedenfalls blieben sie mir die Antwort schuldig und als ich noch einmal nach meinem Vater rief, erfolgte ein neuerlicher drohender Befehl, den Mund zu halten. Nun war ich erst recht um das Schicksal meines kleinen Bruders Gerald besorgt. Sie können sich darum vorstellen, wie groß meine Freude war, als ich ihn augenscheinlich ganz unverletzt auf einem Pferd sitzend entdeckte, als wir abermals durch eine Lichtung ritten. Ein Krieger, der offenbar einen hohen Rang hatte, hielt ihn vor sich auf dem Sattel. Ich rief ihm sofort zu, ob ihm etwas geschehen sei, und er sagte rasch:

»Nein, nicht viel!« und fragte mich zurück, ob ich verwundet sei. Aber in diesem Augenblick gab ihm der Krieger einen Stoß und herrschte ihn an, still zu sein.

Als ich nun einigermaßen über das Schicksal meines Vaters und Bruders beruhigt war, hatte ich Muße genug zu traurigen Betrachtungen über meine eigene Lage. Ich sah mich bis auf die Haut entblößt, meine Hände waren rückwärts zusammengebunden und meine Fußknöchel mit einem Seil unter dem Bauch meines Pferdes aneinandergefesselt. Vor mir lag ein Sack oder vielleicht eine gerollte Pferdedecke und an diese war ich ebenfalls angebunden, augenscheinlich mit dem gleichen Seil wie die Tücher an dem Pferd angeschnürt waren, als ob ich selbst bloß dazugehören würde.

Auch jetzt bei vollem Bewußtsein war es mir unmöglich, mich aufzurichten, um mich gegen die Zweige zu schützen, die mir immer ins Gesicht schlugen. Dazu kam noch, daß mein Kopf mich auf den derben Hieb hin furchtbar schmerzte. Meine Lage war keine beneidenswerte.

Soweit ich überhaupt zusammenhängend denken konnte, war ich höchst erstaunt über diese unsere Situation. Wer konnten diese Rothäute sein? Und warum hatten sie uns so roh überfallen? Warum führten sie uns jetzt als Gefangene mit, anstatt uns sogleich zu töten? Ich wußte, daß es sonst nicht ihre Gewohnheit war, Gefangene zu machen. Aber so lange man lebt, hofft man; und es war jedenfalls eine unerwartete Gnade, daß unser Leben so lange geschont worden war. Freilich, je mehr ich über unsere Zukunft nachdachte, desto trostloser erschienen mir unsere Aussichten.

Es scheint wohl unglaublich, daß man in einer solchen Lage fähig ist, zu schlafen, aber ich kam wenigstens in Halbschlummer. Ich erwachte bei vollem Tageslicht durch einen Stoß; mein Pferd war plötzlich angehalten worden. Ich merkte sofort, daß wir aus dem endlosen Wald heraus waren. Zu meiner Überraschung sah ich vor mir nicht die Wigwams der Indianer, sondern es sah vielmehr aus wie ein militärisches Lager. Da stieg in mir eine leise Hoffnung auf, die mich fast zittern machte. Wenn wir in einem Feldlager waren, mußten auch zivilisierte Menschen in der Nähe sein. Und da die Indianer, anstatt uns zu töten, uns hierher transportiert hatten, konnten wir daraus nicht vielleicht unsere Befreiung erwarten? Was sollte das alles bedeuten? Ich wußte jetzt so wenig als zuvor, aber es war doch wenigstens eine Veränderung.

III. Kapitel.
In Martinez' Feldlager.

Die Indianer entlasteten nun die Pferde und führten sie auf den Rasen. Auch das Seil, mit dem ich an das Packpferd gebunden war, wurde gelöst und meine Beine damit befreit. Meine Hände ließ man am Rücken gefesselt. So glitt ich mit dem Gepäck zu Boden und niemand schenkte mir weiter Aufmerksamkeit. Übrigens hätte ich wohl schwerlich auf meinen Füßen stehen können. So war ich ganz zufrieden, wenigstens auf dem Boden sitzen zu können und mich ein wenig von dem Kreisen im Kopfe zu erholen und meine verrenkten Glieder zu dehnen.

Mein Vater und mein Bruder wurden ebenfalls ohne weitere Umstände auf die Erde geworfen. Zu beiden Seiten meines Vaters standen zwei Männer. Aber man machte keine weiteren Anstalten, uns festzubinden; die Hände waren noch auf dem Rücken gefesselt, und die Indianer schienen nicht gerade gewillt, uns auf irgend eine Weise entkommen zu lassen, denn wir wurden äußerst streng bewacht.

Übrigens hinderte man meinen Vater nicht, zu mir zu kommen, nur folgte ihm die Wache auf dem Fuße nach. Der Vater herrschte die Indianerhäuptlinge an und fragte in seinem besten Spanisch, das allerdings kaum verständlich war, warum sie uns in dieser schändlichen Weise überfallen und unserer Kleider beraubt hätten. Die Indianer nahmen keine Notiz davon. Vielleicht verstanden sie ihn wirklich nicht, obwohl sie wenigstens erraten haben mußten, was er meinte; denn sie warfen uns ein paar schmutzige »Ponchos« zu. Ein Poncho hieß hier ein gewöhnliches Tuch mit einem Loch in der Mitte, durch welches der stolze Besitzer seinen Kopf steckte. Es war entschieden nicht am Platze, da von einem Kleidungsstücke zu sprechen. Aber es war besser als nichts, so widerlich die Lappen auch vom Schmutze starrten.

Mein Vater gab ihnen zu verstehen, daß er in eines der Lagerzelte gehen wollte, um sich mit einem zivilisierten Menschen in Verbindung zu setzen. Aber die Wilden waren nicht einverstanden damit und hätten uns augenscheinlich nötigenfalls mit Gewalt zurückgehalten. So schickten wir uns in die Lage. Im Feldlager war noch alles still; mit Ausnahme der Schildwache regte sich nichts.

Das Zelt, welches in nächster Nähe von uns stand, war abseits von den übrigen hart am Waldesrande aufgeschlagen worden. Ich erinnere mich, daß die Szenerie hier eine gewisse Ähnlichkeit mit der Lichtung hatte, auf welcher unsere eingeäscherte Hütte stand. Nur war diese hier viel größer. Der Wald lag hinter uns und wir sahen von hier aus die Rückseite des Zeltes. Dahinter streckte sich eine große Ebene mit vielen Militärzelten und im Hintergrund zog eine glitzernde, weiße Linie vorbei, ein Fluß. Es war leicht zu schließen, daß in diesem Zelte der General hausen müsse, oder wie man sonst den Offizier nennen mochte, der die Truppen befehligte, denn vor ihm marschierte ein Wachposten auf und ab.

Bald kam ein großer Indianer auf uns zu, der einen prächtigen Federschmuck trug. Ich erkannte in ihm sofort einen der Angreifer von der vorigen Nacht wieder. Tatsächlich, als er sich mir näherte, erinnerte ich mich, daß ich ihn sogar schon früher einmal gesehen hatte, obwohl er damals in die gewöhnliche Indianertracht gekleidet war und nicht die Federn als Kriegsschmuck trug. Er wurde mir damals in den Straßen der Stadt gezeigt und ich erfuhr, daß er ein tüchtiger Krieger sei, aber in sehr schlechtem Rufe stehe! Er hatte den Rang eines Häuptlings über alle Indianerstämme in diesem Gebiete inne. Er nannte sich Antinahuel, was so viel bedeutet als »der Sonnentiger« und rühmte sich als einen der Abkömmlinge der alten Inkas in Peru. Meine Erkundigung ergab, daß diese Angaben falsch waren, und er wurde auch von den Peruanern nicht anerkannt. Tatsächlich, als ich in Peru war, hatte ich einen echten Peruaner kennen gelernt, und so kann ich sagen, daß dieser andere sanft, würdevoll, ja königlich aussah, während dieser hier zwar kraftvoll war, aber abscheulich grausame Gesichtszüge hatte.

Auf keinen Fall war ich über sein jetziges Kommen besonders beruhigt; denn wenn nur die Hälfte von dem wahr war, was ich gehört hatte, so war es überhaupt ein Wunder, daß wir uns in seinen Händen befanden und noch lebten. Aber das Zelt dort war ein Beweis, daß hier noch jemand anderer zu gebieten hatte, als der Wilde; so warteten wir denn geduldig, unsere Augen beständig auf das Zelt gerichtet, aus dem der Befehlshaber kommen sollte.

Allmählich wurde es im Lager lebendig. Verschlafene Soldaten kamen aus den Zelten heraus und plauderten miteinander. Sofort fiel uns die nachlässige Disziplin auf, wie es anders auch nicht zu erwarten stand. Es gab nicht einmal einen gemeinsamen Reveil, sondern jeder stand auf wie es ihm paßte. Keiner beachtete uns. Auch zu den Rothäuten kam keiner herauf, sie mußten mit dem Kriegszustand der Indianer bekannt sein. Sonst hätte ein solcher Anblick den Mestizen oder den Spaniern große Aufregung verursachen müssen.

Jetzt sahen wir auch Offiziere unter ihnen auftauchen, und einige stiegen mit Eimern zum Fluß hinab.

Nach geraumer Zeit ging der Indianerhäuptling in das Lager hinab und wir sahen ihn mit einem der höheren Offiziere sprechen. Nach einem kurzen Wortwechsel kamen sie zusammen den Hügel herauf und gingen auf das große Zelt zu, das dem Anführer gehören mußte. Sie tauschten einige Losungsworte mit der Schildwache aus, diese salutierte, die Offiziere hoben den Zeltvorhang und traten ein. Nach einer Weile kamen sie wieder heraus, diesmal begleitet von einem cholerisch dreinsehenden Mann, welcher sich augenscheinlich erst aus dem Schlafe erhoben hatte und aussah, als ob er ihnen die Störung recht übel genommen hätte.

Er war in eine Oberstenuniform gekleidet, die nachlässig um seinen Körper hing. Während er herauskam, hängte er sich eben seinen Säbel um. Dann begrüßte ihn Antinahuel in achtungsvoller Form.

Wir sahen sie miteinander unterhandeln und aus ihren Blicken konnten wir entnehmen, daß sich ihr Gespräch mit uns befaßte. Währenddessen hatte sich eine große Anzahl von Soldaten auf dem Lagerplatz ganz in unserer Nähe versammelt. Allem Anschein nach dachten sie, daß sich etwas Ungewöhnliches zutrug, aber keiner wagte es, sich dem Zelt oder den Männern davor zu nähern. Die Offiziere, welche mit zwei Indianern die Lichtung emporschritten, riefen einige Soldaten zu sich und erteilten ihnen einen Befehl. Augenblicklich liefen vier Mann hinzu, bekamen ihre Instruktion und eilten auf uns zu. Sie forderten uns auf, ihnen zu folgen. Sie behandelten uns nicht grob, aber zwei nahmen meinen Vater in die Mitte, einer geleitete mich und der vierte klein Gerald. So marschierten wir vor den kleinen Mann, der augenscheinlich der Kommandeur dieser Leute war.

Natürlich konnte unsere Erscheinung nicht sehr würdevoll wirken. Abgesehen von unseren schmutzigen Ponchos waren wir ganz nackt und der Körper noch dazu nicht ordentlich rein. Denn die Zweige der Bäume, unter welchen wir so eilig dahingeritten waren und von denen wir fortwährend gepeitscht wurden, hatten uns ganz zerkratzt und über und über mit Schmutz bedeckt, so daß wir einen recht kläglichen Anblick boten. Indessen, sobald wir vor dem Befehlshaber standen, goß mein Vater empörte Vorwürfe über ihn aus, beklagte sich über die schmachvolle Behandlung und über die Tötung der Arbeiter durch die Indianer und drohte dem Anführer mit fürchterlicher Rache von Seite der britischen Regierung. Wie erwähnt, war sein Spanisch fehlerhaft und die Wirkung seiner Ausbrüche wurde dadurch geschwächt, da er sich in den erregtesten Momenten an mich um Aushilfe wenden mußte. Durch meinen fortwährenden Verkehr mit Indianern und mit der Dienerschaft erlernte ich nämlich deren Dialekt.

Der Befehlshaber hörte seine Ergüsse schweigend an und antwortete dann, wie man ihm zugestehen mußte, mit aller anerkennenswerten Höflichkeit. Er drückte uns zuerst sein tiefstes Bedauern über das »Malheur« aus, das uns zugestoßen sei, und versicherte uns, daß das ganze auf einem Irrtum beruhe.

»Was, ein Irrtum?« brüllte mein Vater. »Ich bedanke mich für einen solchen Irrtum, den man so bitter bezahlen soll. Sie scheinen sich nicht darüber Rechenschaft zu geben, daß er auch eine Menge Menschenleben gekostet hat, vielleicht 70 oder 80, wenn nicht gar 100.«

Der kleine General zuckte die Achseln und machte eine Gebärde des Bedauerns. Er versicherte, daß ihm selbst das ungestüme Vorgehen seiner roten Freunde sehr bedauerlich sei, daß aber in Kriegszeiten solche kleine Mißgriffe unvermeidlich seien. –

»Wie die Dinge nun einmal stehen«, meinte er, »kann man sie nimmermehr ungeschehen machen.«

Mein Vater wurde immer erregter und erregter; indessen mußte er bald einsehen, daß hier nicht der Ort sei, Genugtuung zu fordern. Er verlangte daher unsere sofortige Befreiung und Rückstellung unserer Kleider, während er darauf appellierte, ein britischer Untertan zu sein und als solcher sich nicht so schmählich behandeln zu lassen.

Es war zu staunen, mit welcher Höflichkeit und Geduld der kleine General alles anhörte und meinen Vater versicherte, daß dies alles geschehen sollte, wenn wir uns vorher nur einer ganz kleinen Zeremonie unterziehen würden, die aber allerdings unerläßlich sei. Er erzählte uns, daß er schon viel von den Engländern gehört habe, woraus er ihre erstaunliche Tapferkeit ersehen habe, und indem er den »Irrtum« der Rothäute wiederholt bedauerte, beteuerte er zugleich, daß er nicht vorgefallen wäre, wenn uns die Indianer nicht für Spanier angesehen hätten. Übrigens sei ihm das Glück hold gewesen, daß es uns ihm zugeführt habe und wir ihm als wirksame Helfer in der Ausführung seiner Pläne zur Seite stehen könnten.

Er trug meinem Vater allen Ernstes das Kommando über eines der vier Regimenter an, welche ihm unterstanden, falls wir uns mit ihm verbinden und ihm den Untertaneneid leisten würden. Er stellte sich uns als »General Martinez« vor und erklärte uns, daß ihn die unerträgliche Tyrannei der Spanier dazu getrieben habe, einen Aufstand anzustiften, um das schmähliche Joch abzuschütteln. Er beabsichtigte, später eine Militärrepublik einzurichten und sich selbst zum Präsidenten oder Diktator derselben zu machen. Meinem Vater versprach er, falls er ihm dabei helfen wollte, die höchste Stelle im Reich.

Der kühle Ernst, mit dem der Mann das alles vorbrachte, amüsierte mich sogar unter diesen Umständen. Aber meinen Vater reizte das noch mehr, er beherrschte sich indessen und zwang sich zu einer klaren, bündigen Antwort, so gut es sein gebrochenes Spanisch erlaubte. Er erwiderte dem General, daß er oder daß unser Land nichts mit den hiesigen Unruhen zu tun habe und daß er sich absolut weigere, weder für den einen noch für den anderen Partei zu ergreifen, geschweige denn, seine Hülfe zu leihen. Vollends einem Insurgenten wie diesem Menschen sei er keineswegs willig, den Untertaneneid zu leisten, er wolle nicht gegen seine Landesregierung handeln.

Ich bemerkte den anschwellenden Zorn des kleinen Generals, dessen Hand ominös mit dem Schwertgriffe spielte. Dennoch schien er seine Wut zu beherrschen und entgegnete kühl, daß er bedaure, meinem Vater keinen anderen Ausweg bieten zu können. Es tue ihm unendlich leid, darauf bestehen zu müssen – aber in Wahrheit war er seinen Feinden mit Mühe entkommen, ohne daß diese es ahnten, und marschierte mit seinem Regiment weiter nach Norden, als sie ihn anzutreffen gedacht hätten, und beabsichtigte nun einen unvermuteten Überfall auf ihre Stadt. Es war jene Stadt, die zugleich die Endstation unserer Eisenbahnlinie bildete. Er plante, von der Seite her einzufallen, wo die Stadt keine Befestigungswerke hatte und ihre Einwohner unversehens zu überrumpeln.

Durch eine Verkettung der Umstände, die niemandem mehr als ihm selbst unangenehm war, hatten wir nun Einblick in seinen heimlichen Plan bekommen, von dem bisher kein Mensch etwas erfahren durfte. Als er uns das erklärte, zuckte er abermals bedauernd die Achsel und versicherte, daß er zwar trostlos über die Einschränkung unserer Freiheit sei, aber dennoch gezwungen wäre, uns sofort töten zu lassen, widrigenfalls wir es nicht vorzögen uns mit ihm zu verbinden.

Indessen mein Vater weigerte sich auch diesmal empört, indem er wiederholte, daß er als Engländer an solchen Dingen keinen Teil haben wolle. Da schien dem General die Geduld endlich zu reißen und er stieß zornig hervor: »Sir! Ich kann nicht länger meine Zeit mit Ihnen verlieren. Sie müssen augenblicklich wählen: entweder entscheiden Sie sich, mir förmlich den Treueid zu schwören oder Sie werden innerhalb einer Stunde erschossen.« Darauf wandte er sich an einen seiner Offiziere und trug ihm auf, aus der Hütte die Gegenstände herbeizubringen, die zur Eidleistung verwendet wurden. Zwei Soldaten brachten sofort einen kleinen Tisch, ein Schreibzeug und ein großes Buch heraus. Der Offizier holte ein großes, holzgeschnitztes Kruzifix herbei, das sie augenscheinlich aus einer Kirche gestohlen hatten, und warf es vor uns auf den Boden.

Damit es recht verständlich wird, warum sich der General dieser Sachen zum Schwur bediente, muß ich einiges vorausschicken. Wie klug seine Berechnungen auch sein mochten, er wußte doch gut, daß sein Plan, die Weißen in die See zu treiben, keineswegs leicht war, und daß er ihn nur auf die Weise ausführen konnte, wenn er sich der unbedingten Ergebenheit jedes einzelnen seiner nicht sehr zahlreichen Untertanen versicherte. Außerdem kannte er seine Anhänger sehr gut; er wußte, daß sie abergläubisch bis auf die Knochen waren und er kannte auch den unglaublichen Einfluß, den die katholischen Priester in diesem Lande auf das halbzivilisierte Volk besaßen.

Damals dürfte die vorherrschende Form des Christentums in Südamerika wohl die verkommenste gewesen sein, die jemals die Welt gesehen hat. Aber das beeinträchtigte nicht im geringsten die Tatsache, daß die Priester das Volk beherrschten und in allem ihren Willen durchsetzten. Der General übersah auch durchaus nicht, daß die Geistlichkeit ihm feindlich gesinnt war – nicht so sehr, weil er ein notorischer Bösewicht war, sondern weil die Geistlichen mit dem augenblicklichen Stand der Dinge höchst zufrieden waren und wünschten, daß alles so bleibe wie es war, während Martinez den Umsturz heraufbeschwor.

Dieser hatte sich aber ein Mittel ersonnen, um den kirchlichen Einfluß zu untergraben, das, wenn schon nichts anderes, wenigstens frech und pfiffig genug war. Mit verwegenem Frevelmut äffte er den Eid des Königs Nebukadnezar nach, indem er seine Untertanen bemüßigte, ihm einen feierlichen Schwur zu leisten, der so lange bindend sein sollte, bis der Krieg beendigt und das Land in ihren Händen sein würde, und in dem man sich verpflichtete, mit keinem Priester zu sprechen, keine Kirche zu betreten und kein Bittgesuch an Gott oder einen Menschen zu richten – mit Ausnahme an ihn selbst. Jeder hatte diesen Eid in seiner Gegenwart abzulegen und als Zeremonie bei der Abschwörung des alten Glaubens hatte er den Fuß auf das Kruzifix zu setzen. Jedermann in dieser bunten Schar hatte sich diesem Hokuspokus unterzogen und nun verlangte Martinez das Gleiche auch von uns.

Ich halte es für überflüssig, Ihnen zu sagen, daß wir nicht im geringsten daran dachten, ihm darauf einzugehen. Wir waren Mitglieder der anglikanischen Kirche, nicht der römisch-katholischen. Allerdings war meine Mutter eine ergebene Schülerin des Dr. Pusey, mit dem sie auf sehr gutem Fuße stand, und ich trug immer ein kleines Kruzifix am Halse unter den Kleidern, welches aus Ebenholz und Silber gemacht war, – der einzige Gegenstand, welchen die Indianer mir gelassen hatten. Vielleicht scheuten sie in ihm das magische Symbol der Christen und fürchteten sich, es zu verunglimpfen. Sie können sich vorstellen, welche Gefühle der gottlose Befehl uns erweckte. Ich glaube, wenn auch das Kruzifix nicht dagewesen wäre, wir hätten alle einstimmig abgelehnt, um nicht in diese unsaubere Affäre hineingezogen zu werden.

Martinez schenkte dem radebrechenden Protest meines Vaters kaum irgend eine Beachtung, sondern ersuchte ihn höflich, seinen Fuß auf das Kruzifix zu setzen und den verlangten Schwur nachzusprechen. Ich erinnere mich genau, daß ich mich in diesem Augenblick äußerst gespannt fragte: »Was in aller Welt wird der Vater jetzt tun?« Daran zweifelte ich keinen Augenblick, daß er diesem Ansinnen nicht Folge leisten werde. Aber auf das, was nun geschah, war ich dennoch nicht gefaßt gewesen.

Während der Unterhandlung hatten sie die Stricke, mit welchen unsere Handgelenke aneinandergebunden waren, nicht gelockert. So können Sie sich mein Erstaunen vorstellen, als ich sah, wie mein Vater, einen Schritt vortretend, als ob er seinen Fuß auf das Kruzifix setzen wollte, plötzlich wie durch Zauber seine Hände befreite, dem kleinen General einen fürchterlichen Schlag mitten ins Gesicht versetzte und ihn damit der Länge nach auf den Boden schleuderte, darauf mit einem Satz über seinen Körper hinweg in den dahinterliegenden Wald hineinsprang.

Das alles war so plötzlich gekommen, so überraschend und komisch zugleich, daß ich in lautes Gelächter ausbrach und auch klein Gerald einstimmte. Einige Augenblicke herrschte ungeheure Verwirrung; die Offiziere eilten herzu, um ihrem halb ohnmächtigen General auf die Beine zu helfen, und holten einen Feldstuhl herbei, um ihn darauf zu setzen. Die Soldaten rannten schreiend im Lager durcheinander, ja es schien mir sogar, als ob der eine oder der andere auch mitgelacht hätte. In den paar Augenblicken, welche Martinez brauchte, um sich zu erholen, schien keiner zu wissen, was zu tun war. Vielleicht war der zweite Befehlshaber nicht zur Stelle; auf jeden Fall verflossen etwa fünf Minuten, ohne daß einer etwas unternommen hätte. Martinez trank eine Menge Wasser und schnappte dabei fortwährend nach Luft und fluchte; er konnte endlich wieder sprechen.

Seine jetzigen Ausdrücke waren nicht gerade parlamentarisch; sein Gesicht war purpurrot vor Wut. Er erhob sich mühsam, zog seinen Degen und schwenkte ihn durch die Luft; dabei waren die Blicke, die er den Offizieren zuwarf, nicht gerade die freundlichsten. Es sah aus, als ob er ein Opfer für seine Klinge suchte.

»Wo ist der Schurke«, schrie er.

Die Offiziere schauten einander bestürzt an; es hatte bis jetzt noch keiner daran gedacht, den Flüchtling zu verfolgen. Martinez gröhlte halb wahnsinnig vor Wut: »Was?! was, ihr habt ihn entwischen lassen? Ihr seid ja hirnverbrannt, vollständig unfähige Kerle. Jagt ihm nach, aber sofort, sofort sage ich euch! Meine Ehre ist in den Schmutz gezerrt und ich verlange sein Blut! Sein Blut will ich haben!«

Eiligst traf man alle Anstalten zur Verfolgung meines Vaters; man machte in aller Hast ein oder zwei Kompagnien marschfähig und entsandte sie in den Wald. Sobald sie fort waren, richtete Martinez seinen ganzen Zorn gegen mich. Sein Mund schäumte fast vor Wut und er machte auf mich den Eindruck, als wenn er vom Teufel besessen wäre. Seine Worte zischten zwischen den Zähnen hervor und er schien nahe daran, buchstäblich zu explodieren.

»Du Sohn des Erzgauners!« schrie er. »In einer Stunde sollst Du den Schurken von einem Vater an diesem Ast baumeln sehen.«

»Aber Sie müssen ihn zuerst fangen«, warf ich ihm lachend ein; ich gebe gerne zu, daß dies nicht sehr politisch von mir war. Aber ich war so glücklich über die Freiheit meines Vaters, daß ich nicht bedachte, daß wir noch immer gefangen waren, wenn auch mein Vater ihnen entkam.

»Du unverschämter, junger Hund«, brüllte er da. Ich kann nicht genau den Schimpfnamen wiedergeben, den er eigentlich gesagt hat, aber dieser war in Wirklichkeit noch viel ärger. »Jetzt sollst mir Du wenigstens den Untertaneneid schwören, und zwar sofort, oder es soll Dir bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen werden.«

Ich bin nicht sicher, ob ich nicht wieder gelacht habe, was gewiß häßlich von mir war; aber er sah so komisch in seiner armseligen Wut aus, und dazu kam noch die große Beule, welche ihm der Vater zwischen die Augen appliziert hatte, und die jetzt immer blauer und blauer wurde. Die Karikatur war zu schön!

»Ich werde den Eid ebenso wenig leisten«, sagte ich; »und wenn Sie es wagen, mich anzurühren, wird es Ihnen mein Vater zurückzahlen, wenn er wiederkommt.« Martinez riß seinen Säbel aus der Scheide und es schien, als hätte meine letzte Stunde geschlagen. Aber er bemeisterte sich und schien es sich besser zu überlegen. Sein heiles Auge, das von der Beule nicht verdeckt war, blitzte auf und er rief nach Antinahuel.

»Vielleicht können Deine Leute diesen Gelbschnabel zur Raison bringen«, sagte er zu ihm. »Meinst Du nicht?«

Ein geringschätziges Lächeln huschte über Antinahuels Züge: »Vielleicht werden sie das«, und er winkte einigen seiner Rothäute zu, die mich sofort wegschleppten. Martinez sprach weiter nichts zu ihm, sondern wandte sich meinem kleinen Bruder Gerald zu: »Aber Du, kleiner Knirps aus diesem Höllengezücht, stelle Deinen Fuß auf das Kruzifix und wiederhole die Worte, die ich Dir vorsage!«

»Tue es nicht, Gerald!« rief ich zurück, während man mich fortschleppte. »Denk an die heilige Agnes!« Kurz bevor wir unser Heim verließen, hatte uns die Mutter die Legende von der heiligen Agnes erzählt, einer dreizehnjährigen Römerin, von der es hieß, daß sie lieber den Märtyrertod erlitt als ihren Glauben zu opfern, oder vielleicht hätte sie sich mit einem Heiden verloben sollen, – ich weiß es jetzt nicht mehr genau. Damals hatte die Geschichte tiefen Eindruck auf uns gemacht, und wir bewunderten das heldenhafte Mädchen. Ich blickte mich um, was der kleine Bruder tun würde. Er schaute dem wütenden Mann tapfer ins Gesicht und sagte mit seiner klaren Kinderstimme: »Ich tue es nicht. Du bist aber ein schlimmer Mann!«

Was jetzt folgte, möchte ich lieber gar nicht erzählen, obwohl ich heute im tiefsten Herzen überzeugt bin, daß es die Tat eines Wahnsinnigen war. Martinez zückte seinen Säbel und während der Knabe ihm mit dem Blicke standhielt, durchhieb er ihm mit einem Streich den Kopf. Als er den zuckenden kleinen Körper vor sich am Boden liegen sah, schien er sich sogar selbst dieser Greueltat zu schämen; denn er wandte sich ab und murmelte etwas in sich hinein, wie, daß er das nicht gewollt habe. Auch seine Offiziere, wetterharte Kerle, wandten vor Ekel und Entsetzen ihre Gesichter von ihm ab und alle wichen Martinez aus, als er eilig an ihnen vorbei ins Zelt schritt.

Was dieser Augenblick für mich war, der ich meinen Bruder mehr als mein Leben liebte, könnte ich Ihnen unmöglich beschreiben. Ich weiß nicht, was ich getan habe; nur das weiß ich, daß ich halb irrsinnig vor Jammer und Zorn war. Obwohl ich nichts als ein Gefangener bei einer grausamen wilden Bande war und schwerlich die Morgensonne wieder sehen sollte, hatte ich trotzdem nur einen einzigen Gedanken in mir, während ich von brennendem Haß gegen Martinez erfüllt war, nämlich nimmer zu rasten und zu ruhen, bis der Tod meines kleinen Bruders gerächt war. Es war natürlich ein Unrecht, aber ich war doch nur ein Junge und man hatte mich in entsetzlicher Weise gereizt.

Bald aber bekam ich Anlaß genug, über meine Lage nachzudenken. Die Indianer schleppten mich zum Waldesrand und nach kurzem Suchen schienen sie das Gewünschte gefunden zu haben. Es waren dies zwei junge, biegsame Bäume, die nur wenige Ellen voneinander entfernt standen. Je vier starke Männer hingen sich mit aller Kraft an jeden der Stämme, bis sich die Wipfel berührten. Darauf bogen sie diese herunter und banden meinen rechten Arm und Fuß an den einen, meine linken Glieder an den andern Wipfel fest. Als das geschehen war, ließen sie zufrieden die Stämme auseinanderschnellen und ich baumelte in der Luft zwischen den beiden Baumspitzen.

Es war ein teuflischer, raffinierter Plan der Rothäute, ein würdiges Gegenstück zu den mittelalterlichen Folterqualen.

In dieser peinvollen Lage, in der alle Nerven und Muskeln gespannt waren, verlebte ich Stunden, die ich Ihnen lieber nicht beschreiben möchte. Aber das will ich nicht verschweigen, wie die Unmenschen höhnend unter mir standen, während ich zwischen Himmel und Erde wie an ein Kreuz gefesselt war gleich dem Märtyrer Andreas. Sie warfen mit zerbrochenen Glasflaschen nach meinem Leibe oder schlugen mit langen Lianen nach mir. Aber ich will nicht lange bei diesen gräßlichen Torturen verweilen, welche ich an jenem denkwürdigen Tage alle durchgemacht habe. Nur die eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken: So furchtbar auch die Qualen waren, das einzige Gefühl, welches alles andere übertäubte, war ein grimmiger Haß gegen Martinez und der Entschluß, den Tod meines Bruders zu rächen. Ich war von diesem Gedanken so völlig erfüllt, daß ich ihre wiederholten Fragen, ob ich jetzt meinen Untertaneneid leisten wollte, öfter überhörte. Nur mehrmals rief ich ihnen Verwünschungen zu und drohte ihnen mit der fürchterlichsten Rache. Wie ich aber immer noch keine Miene machte, ihrem Begehren nachzugeben, schienen sie endlich des nutzlosen Spieles überdrüssig zu werden und einen Entschluß zu fassen, um der Sache ein Ende zu machen. Sie banden mir ein Seil unter die Schultern, machten mich von dem einen Baume los und steckten unter meinen Füßen ein Feuer an. Die große Hitze und der Rauch betäubten mich und erstickten mich halb; ich war einer Ohnmacht nahe, während ich in dem Qualm an meinem Stricke baumelte. Aber dies hatten sie nicht beabsichtigt; denn sie sollten mich laut ihrer Ordre nicht töten. Sie ließen also für diese Nacht die Grausamkeiten ruhen. Ich sah und hörte nichts mehr, denn ich wurde endlich bewußtlos.

IV. Kapitel.
Die Flucht.

Zugleich mit meinem Bewußtsein kehrten auch alle meine quälenden Schmerzen zurück, die meinen ganzen Körper durchdrangen, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie es jemand geben konnte, der nicht auch dasselbe leide. Mein peinigendes Körpergefühl verstärkte sich immer mehr und ich wurde immer wacher; ich erkannte mich als den Jungen wieder, der gefangen und gemartert worden war. Ich sah mich am Waldesrand an einen Baum gebunden, noch immer wie früher unweit vom Zelte Martinez', das Seil war mehrmals um mich und den Baum zugleich gewunden und dies war mein Halt; sonst hätte ich unbedingt zu Boden fallen müssen, denn meine Sohlen waren so verbrannt, daß ich auf ihnen keinen Augenblick hätte stehen können. Das Feldlager war in stiller Dunkelheit vor mir ausgebreitet und nur die auf und ab marschierende Wache verursachte ein regelmäßiges Geräusch. Zwei Wachposten standen nicht weit von mir; der eine vor dem Zelte des Martinez, der andere hatte einen größeren Rayon, nämlich den ganzen Raum um die äußersten Zelte herum. Niemand schien mich besonders zu überwachen. Es war auch unnötig; denn nicht nur, daß ich fest an den Baum gefesselt war, auch wenn ich frei gewesen wäre, hätte ich nicht flüchten können, da doch meine Füße verkohlt und untauglich für ihre Dienste waren.

Wie traurig meine Stimmung war, wird sich jeder vorstellen. Meinen Bruder hatte man vor meinen Augen hingeschlachtet, mein Vater war in einen Urwald geflohen, der voll wilder Tiere war, und die Horde der Soldaten waren als Verfolger hinter ihm her. Mir stand nichts Besseres in Aussicht, als der Tod, vielleicht ein ganz entsetzlicher. Wenn ich darum gestehe, daß ich der Verzweiflung nahe war, wird dies wohl niemandem als eine Schande erscheinen. Den Tod sehnte ich als eine Erlösung herbei. Mein Schicksal war so trostlos, daß es kaum hätte schlechter werden können, und ich glaube, ich habe wirklich darum gebetet, zu sterben, mich zu töten, da ich mich unfähig fühlte, noch Ärgeres zu ertragen.

In diesem Momente der höchsten Verzweiflung aber geschah etwas, was mich meine Lage vergessen ließ. Ich sah meinen kleinen Bruder Gerald vor mir stehen, der vor wenigen Stunden unter dem Degenhieb Martinez tot zu Boden gesunken war. Und in der Tat erkannte ich auch die klaffende Wunde wieder, die sich quer über sein Haupt zog. Der derbe Säbelstreich hatte den Kopf bis zum Halse gespalten. Dennoch war dieser Anblick nicht schrecklich für mich. Sein Gesicht strahlte derart von Milde und Freudigkeit, daß ich die blutige Wunde vergaß. Er stand vor mir, wie wenn er lebte, und das zuckende Licht der Lagerfeuer beleuchtete seine ganze Gestalt. Überdies erschien es mir, als ob aus seinem Innern ein helles Licht strahlte. Das Wunderbarste war der Ausdruck seines Gesichtes. Es war dieselbe kindliche Treuherzigkeit, die ich so gut kannte, und die ihm auch jetzt geblieben war. Gleichwohl lag in dieser Stunde etwas darin, was ich nie zuvor gesehen hatte. Es war kein Zweifel: Gerald mußte jetzt vollkommen glücklich und zufrieden sein.

Seine Augen blickten voll Mitleid auf mich und in ihrem liebevollen Ausdruck lag der Wunsch, mich zu stärken und aufzurichten. Ich wollte sprechen, aber ich konnte nicht. Auch Gerald sagte kein Wort zu mir; er kam nur auf mich zu und blickte mich mit einem überirdischen Lächeln an. Kurz bevor die Wache sich wieder näherte, verschwand er.

Es ist mir schwer, Ihnen zu beschreiben, was die Vision meines kleinen Bruders mir für einen Eindruck hinterließ. Meine Schmerzen tobten noch so weiter wie früher. Aber meine Stimmung war in das gerade Gegenteil umgeschlagen. Sie dürfen nicht vergessen, daß ich damals noch gar nichts von einer übersinnlichen Sphäre oder von einem Fortleben nach dem Tode wußte. Darum war dieses Freudegefühl für mich ein besonderes Zeichen, daß es von dem lieben Gott kam, der es dem Geiste meines Bruders erlaubte, aus dem Himmel zu mir zu kommen und mich in meinem Jammer zu trösten.

So hoffnungslos auch noch immer meine Lage war, es durchdrang mich dennoch ein Gefühl des Vertrauens, daß alles sich zum Besseren wenden würde. Entweder, dachte ich mir, würde mir jemand zur Flucht und zur Wiedergesundung verhelfen (was mir freilich schwer möglich schien) oder ich würde bald sanft sterben und mit meinem Brüderchen vereinigt werden. Die äußeren Umstände hatten sich ja in gar nichts geändert, und es wird Ihnen darum vielleicht nicht recht verständlich sein, wenn ich sage, daß meine ganze Verzweiflung verschwunden war, als ob sie nie existiert hätte. Ich befand mich vielmehr in einem Zustand der gespanntesten Erwartung: Entweder Tod oder Befreiung! Wie oder wann ich befreit werden könnte, vermochte ich mir nicht auszudenken. So sehr ich auch alles überlegte, von nirgends winkte mir irgend ein Hoffnungsschimmer.

Als einzig möglicher Ausweg erschien mir noch der, daß die Regierung von dem Anschlag des Martinez noch rechtzeitig erführe und gewarnt würde, ihre Soldaten auszusenden, um Martinez zu fangen. Sonst gab es nur noch die eine Möglichkeit, daß ein Engel kam, um mich zu retten; aber solche Dinge ereigneten sich nicht mehr in unseren Tagen. Irgend etwas mußte geschehen, dessen war ich sicher. Und als dann dieses Etwas wirklich kam, wenn auch in einer ganz unerwarteten Gestalt, war ich nicht im geringsten erstaunt.

Hinter dem Baume, an dem ich hing, streckte sich eine Hand hervor und ergriff die meinige; alsbald fühlte ich das Seil sich lockern, mit dem ich festgebunden war, und das mir solche Schmerzen verursacht hatte. Da durchzuckte mich der Gedanke, daß ich ja gar nicht fähig war, zu stehen, und wenn ich zu Boden gefallen wäre, ein Geräusch hätte verursachen müssen. Dadurch wäre die Aufmerksamkeit der Wache erregt und vielleicht alles vereitelt worden. Indessen schienen meine Befreier das alles schon bedacht zu haben. Sie warteten nämlich, bis die in unserer nächsten Nähe stehende Wache uns den Rücken wandte; darauf lockerten sie das Seil, ein Arm legte sich um mich und zog mich rasch und lautlos hinter den Baum. Ich erkannte bei dem aufflackernden Lagerfeuer meinen Vater und unsern Schwarzen Tito. Sie verschwanden darnach mit mir so eilig als möglich im Waldesdickicht, während Tito mich auf seine Arme nahm.

So mochten wir hundert Schritt weit gekommen sein, als mich Tito zu Boden legte, sein großes Messer herauszog und meine Fesseln durchschnitt. Ich konnte aber auch jetzt meine Arme nicht regen, da sie durch die lange Zeit, in welcher sie in so gequälter Lage verharrt waren, ganz steif geworden waren. Wir tauschten einige herzliche Worte aus, mein Vater bedauerte mich, daß ich so litt. Ich unterbrach ihn, um zu fragen, ob er über Geralds Schicksal unterrichtet sei. In einem Atem fügte ich hinzu, daß ich ihn seit seinem Tode schon gesehen habe. Mein Vater schien mich nicht zu verstehen. Vielleicht hielt er meine Äußerungen für Fieberphantasien, was ja nach den ausgestandenen Qualen leicht denkbar war. Wie dem auch sei, er sagte mir, daß er von Geralds Tode wußte, aber jetzt sei keine Zeit zum Sprechen. Wir hatten allen Grund, uns schleunigst vom Lager zu entfernen, bevor noch meine Flucht entdeckt wurde. Ich war für sie nur eine beschwerliche Bürde; denn ich konnte keinen Schritt gehen, und so sorgfältig mich auch Tito trug, war der Marsch für mich doch eine Höllenqual. In dem Waldesdickicht herrschte die schwärzeste Finsternis; es war schwierig genug, uns so lautlos und vorsichtig in dem Dunkel vorwärts zu bewegen. Unser Fortkommen war ein äußerst langsames und jeden Moment glaubten wir, den Alarm zu hören, durch den meine Flucht im Lager angezeigt wurde. Aber es war zu hoffen, daß der Streich der Wache entgangen sei, da der Baum, an welchem ich angebunden war, in tiefem Schatten stand, ganz am Rande des Gehölzes. Das Lagerfeuer war schon vor einer oder zwei Stunden angezündet worden und mußte nun bereits halb ausgebrannt sein.

Bange Minuten verstrichen, aber es geschah nichts. Wir hatten bereits einen großen Vorsprung gewonnen, obwohl wir so langsam vorwärts kamen. In welcher Richtung wir uns bewegten, weiß ich nicht, denn unser einziger Gedanke war, uns so weit als möglich von den Feinden zu entfernen. Mit einem Male hob sich das Terrain und wurde ziemlich steil. Nur allzu rasch für uns brach die Morgendämmerung herein und die ganze Gegend, die eben noch in Dunkel gehüllt lag, wurde von einer plötzlichen Helligkeit übergossen, so rasch, wie sich dies nur im Lande der Tropen vollzieht. Da ließ mich Tito sanft zu Boden gleiten und hieß auch meinen Vater ein wenig rasten, während er nach einem Versteck für uns Ausschau hielt. Wir waren noch immer viel zu nahe beim Lager, um vor Entdeckung gesichert zu sein, falls wir uns nicht rasch genug verbargen. Auch wurde ich immer matter und Tito, der einen guten Heilinstinkt besaß, wie viele seiner Landsleute, fand es gefährlich, bei dieser meiner Erschöpfung weiterzugehen. Aber bald kam er mit zufriedener Miene zurück. Er hatte einen Ort ausfindig gemacht, der aufs beste für uns geeignet war. Es war ein riesiger alter Baum, dessen Inneres total vermodert war und eine Höhlung darstellte, wie ein kleines Gewölbe. Am Boden dieser Höhlung war eine Schicht morschen Holzes angelagert, ein Teppich, wie aus Sägespänen. Das konnten wir gerade brauchen. Dem äußeren Anschein nach war der Baum ganz kräftig und gesund wie seine Nachbarn. Der einzige Weg in dieses natürliche Zimmer führte über einen 15 oder 20 Fuß hohen Stamm. Wenn man dorthin emporgestiegen war, mußte man oben durch ein Loch, das vor einem Jahrhundert an der Stelle abgebrochener Äste entstanden war, in das Innere hinabsteigen. Die schwerste Frage war, wie man mich dort hinauf befördern sollte. Aber es mußte sein, und so brachten sie es denn wirklich zustande.

Mein Vater streifte den Poncho ab, den man ihm am Tage zuvor zugeworfen hatte. Ich wurde daraufgelegt und die Enden des Tuches über mir zusammengebunden, so daß ich wie in einer Wiege gebettet lag. Unter dem Knoten zogen sie das Seil durch, das Tito mitgenommen hatte. Dann kletterte er bis zu einer bestimmten Höhe auf den Baum hinauf. Mein Vater warf ihm das Seil zu, Tito zog mich daran langsam und vorsichtig empor und legte mich zwischen die Gabelung zweier Äste, die von dem Stamm mit einer Liane zusammen gebildet wurde. Als ich dort fest eingekeilt war, stieg er wiederum herab, half dem Vater emporzuklettern und bat ihn, sich an der Liane festzuhalten und mich zu stützen, während er selbst noch etwas höher hinaufkletterte. Stück für Stück wurde ich dann bis oben an die Öffnung gezogen und dort niedergelegt. Dann sprang Tito auf die Moderschicht am Boden. Mein Vater kletterte nach und ließ mich langsam in die Hände Titos hinabgleiten und alsbald hatten sie mich auf dem weichen Grund im Innern des Baumes gebettet. Ich lag hier auf dem weichen Haufen viel höher, als der Boden um den Baum außen herum war.

Das weiche Lager tat meinem gepeinigten Körper äußerst wohl. Ich hoffte nun, Schlaf zu finden. Aber das Fieber quälte mich, und ich war den größten Teil des Tages über bewußtlos oder lag in Fieberphantasien. Von all dem, was während dieses Tages vorging, wußte ich nichts.

Mein Vater hat mir nachher alles erzählt. Kaum hatten sie es sich bequem gemacht, als sie in der Richtung vom Lagerplatz her einen großen Lärm vernahmen und ihnen das Schreien und Brüllen der Horde die Wut der Dupierten verriet. Unser treuer Tito kletterte auf den Gipfel unseres Baumes und da wir uns auf einer Anhöhe befanden, konnte er bequem das Lager überblicken. Er verkündigte, daß dort großer Tumult herrsche und einige Minuten später wurden Truppen in die verschiedensten Richtungen des Waldes entsendet, um nach uns zu suchen. Sie müssen wissen, daß unsere Wiedergefangennahme für Martinez sehr wichtig war. Er hatte sich geschickt den Nachstellungen der Regierung zu entziehen gewußt; nach tagelangen anstrengenden Märschen war er so weit, sein Heer bis vor eine wichtige Stadt zu bringen, die von dem Feldlager aus leicht zu nehmen war. Natürlich hatte man dort keine Ahnung, daß Martinez einen solchen Plan hegte. Die Truppen der Regierung waren gerade nach der entgegengesetzten Richtung ausgesandt worden und Martinez war seine Irreführung vollkommen gelungen. Den Hauptteil des Heeres hatte der kleine General hier zusammengezogen. Er wußte sich vor Entdeckung sicher und wollte nach einigen Rasttagen über die nahe Stadt herfallen und die ahnungslose Einwohnerschaft überwältigen.

Da aber jetzt ich und mein Vater entkommen waren und irgendwie das nächstbeste Haus oder Dorf dort erreichen konnten, um von dort aus der Hafenstadt eine Warnung zuzusenden, war es vorbei mit Martinez' Chancen. Der General hatte so ziemlich alles auf diese eine Karte gesetzt und so war mit dem Plane, wenn er fehlschlug, alles verloren, jedenfalls auch sein Leben verwirkt. Man mag sich demnach vorstellen, wie wichtig es war, daß man uns wieder einfing.

Das war der Grund, warum die Truppen nach allen Seiten ausgeschickt wurden, ungeachtet ihrer versprochenen Ruhefrist. Natürlich wußte er nichts davon, wie Tito uns so klug geholfen hatte, der den schützenden Wald kannte und sich alle Vorteile zunutze machte.

Es wurde mir erzählt, daß einmal übers andere Mal Soldaten am Fuße des Baumes vorbeikamen. Man konnte sogar verstehen, was manche im Vorbeigehen sprachen, und Tito, der dieses Idiom beherrschte, hörte, daß viel die Rede von Hexerei und übernatürlichen Kräften war. Auch war daraus zu entnehmen, daß den abergläubischen Martinez ein panischer Schreck befallen hatte. Einer von den Offizieren hatte ihm suggeriert, daß die Tötung des kleinen Gerald Unglück über sein Haupt gebracht habe. Er verstand ebensowenig wie seine Leute, wie mein Vater plötzlich frei geworden war, während er doch in Fesseln geschnürt war, und wie ich hätte frei werden können, wo ich doch nahe am Verschmachten war. Da mußten übernatürliche Mächte eingegriffen haben.

Mein Vater erzählte mir, einige von den Soldaten hätten sich ganz nahe unter unserem Baume auf den Boden niedergelassen und Tito habe gespannt auf ihre Gespräche gehorcht, um irgendetwas zu erfahren, was uns von Nutzen sein konnte. Mein Vater schwebte in der steten Angst, ich könnte im Delirium Laute ausstoßen, die uns alle verraten hätten. Glücklicherweise geschah es nicht. Ich verfiel im Laufe des Nachmittags in einen langen, erquickenden Schlummer, aus dem ich erst mit Einbruch der Dämmerung erwachte. Es war für uns Zeit, uns neuerdings auf den Weg zu machen. Unterdessen riskierte Tito einigemale sein Leben, indem er hinabstieg, um Wasser für mich und Blätter einer besonderen Pflanze heraufzuholen. Er zerkaute diese Blätter zu Brei und legte sie auf die wundesten Stellen meiner brennenden Füße auf. Ich weiß nicht, welches Heilmittel es war, aber seine Wirkung war eine wunderbare. Denn als ich abends, wenn auch noch unter Schmerzen und äußerst ermattet, erwachte, hatte sich mein Zustand schon um vieles gebessert. Ich war ganz fieberfrei.

Bevor die Nacht noch hereinbrach, hatten sich die Soldaten wieder in ihr Lager zurückgezogen, aber aus dem, was wir gehört hatten, war unbedingt zu entnehmen, daß sie am nächsten Tag ihre Verfolgung wieder aufnehmen würden. Mir war es sehr leid um meine gute Lagerstätte, und außerdem muß ich gestehen, daß ich an dem Gelingen unseres Weitermarsches zweifelte. Hier hatten wir wenigstens einen so guten Schlupfwinkel gehabt. Aber Tito und der Vater hätten keine Ruhe gefunden, wenn wir so nahe beim Lager geblieben wären. In derselben Weise, wie man mich in die Höhlung hinabgelassen hatte, wurde ich wieder hinaufgezogen und dann auf den Waldboden gebracht. Darauf trugen sie mich den Hügel hinan.

Das Terrain stieg immer mehr in unserer Marschrichtung an und einige Male überschritten wir Lichtungen, von denen aus wir das Lagerfeuer und unsere Feinde beobachten konnten. Je höher wir hinaufstiegen, desto weniger dicht wurde der Wald, und unser Vorwärtskommen daher etwas rascher als am Tage vorher, oder besser gesagt, etwas weniger langsam. Die Dämmerung kam und wiederum ging Tito auf die Suche nach einem Versteck aus. Diesmal aber konnte er keinen solchen hohlen Baum entdecken, der uns gestern so gute Dienste geleistet hatte. Wir traten in einen Waldteil ein, wo die Bäume mächtig entwickelt waren. Sie standen meist in großen Zwischenräumen voneinander entfernt. Ihre Kronen waren so breit, daß die Stämme in einem Abstand von 100 bis 200 Fuß voneinander standen, während ihre Äste gleichzeitig über unseren Häuptern enge ineinander griffen. Diese Riesenstämme zu erklimmen, wäre tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, wenn nicht ungeheuer dicke Lianenranken an ihnen herabgehangen wären, deren Stengel gewiß so stark wie die Stämme mancher unserer nordischen Bäume waren. Es kostete darum keine besondere Mühe für einen geschickten Menschen, auf diesem Wege in die Baumkronen zu gelangen. Während Tito Ausschau hielt, um wieder etwas für uns ausfindig zu machen, erkletterte er einmal einen der Baumriesen, um wieder nach den Feinden zu sehen. Er fand eine Stelle, von wo aus sich das Lager überblicken ließ. Es war schon in ziemlicher Ferne von uns. Er sah dort das Gleiche wie am vorhergehenden Tage. Dagegen schien er etwas zu hören, was ihm den fürchterlichsten Schrecken einjagte. Er stürzte mit einem Gesicht herbei, das aschfahl vor Entsetzen war: »Herr, die Hunde! Sie schicken die Bluthunde nach uns aus. Hören Sie es?«

Als wir angestrengt lauschten, konnten wir das weitentfernte Bellen vernehmen. Wir wußten, daß die Bluthunde von gewissen Sklavenhältern zu dem Zwecke gehalten wurden, um die flüchtigen Negersklaven zu verfolgen und wieder einzuholen. Aber wie kam Martinez zu diesen Hunden? Ich konnte nur annehmen, daß unter seinen Leuten jemand war, der solche Hunde wußte und sie durch die Offiziere dem Martinez anriet. Dieser hatte offenbar nach den Hunden geschickt, vielleicht sogar um den Preis des Verrates seines Aufenthaltes. Mindestens verkaufte er sein Geheimnis damit an den Besitzer dieser Hunde. Sein Charakter war mir hinlänglich bekannt und so sagte ich mir, daß er gewiß zureichend grausame Maßregeln ergriffen hatte, um sich des Schweigens dieser Leute zu vergewissern. Vielleicht hatte vor ganz kurzer Zeit irgendwo eine schändliche Metzelei stattgefunden. Sei dem wie immer, die Hunde waren da und es war kein Zweifel, daß sie unsere Spur finden mußten, zuerst vielleicht unser gestriges Versteck und dann auch das heutige. Unsere Flucht war sehr, sehr zweifelhaft geworden.

Oft schon hatte ich von der unbändigen Wildheit dieser Kreaturen gelesen und dort erfahren, daß sie eine einmal aufgenommene Spur nicht mehr fallen lassen. Auch waren wir uns wohl bewußt, um wie viel rascher unsere Verfolger vorwärtskamen als wir und daß uns demnach nichts vor ihnen retten konnte.

Tito hatte einen eigenartigen Glauben, der den Negern eigentümlich ist, nämlich daß die Schärfe ihres Spürsinnes nur durch den Blutgeruch abzuschwächen sei. Er zog darum sein Taschenmesser heraus und schnitt sich in seinen Arm Wunden, um mit dem reichlichen Blut den Ort zu tünchen, auf dem wir standen. Er schien auf diese List zu vertrauen, obwohl er sagte, daß bei manchen Hunden auch das nichts fruchte.

Unterdessen hatten wir die Höhe eines Passes erreicht. Vor uns sahen wir das Terrain wiederum steil abfallen und unten in einem Hohlweg ein Flüßchen sich dahinschlängeln. Auf der andern Seite des Flusses stieg der Boden wiederum zu einem Hügel an. Während ich gegen diesen Fluß hinabsah und mein Vater mich in den Armen hielt, blitzte mir plötzlich ein Gedanke auf.

»Vater«! sagte ich aufgeregt, »erinnerst du dich nicht an die Geschichte von Schottland? Weißt du nicht mehr, wie Robert Bruce von Bluthunden verfolgt wurde und wie sie seine Spur verloren, als er den Weg durch das Wasser nahm?«

Ein Hoffnungsstrahl leuchtete in den Augen meines Vaters auf. »O richtig!« rief er. »Ich habe diese Geschichte vor langer Zeit gehört, als ich noch in die Schule ging. Wir wollen es wenigstens versuchen.«

Rasch erklärte er Tito seinen Plan; dieser schien zuerst gar nicht zu verstehen, doch als er ihn endlich erfaßte, sagte er: »Das ist wahr. Der Geruch kann sich im Wasser nicht halten. Aber wie meinen Sie, wir können doch nicht die ganze Zeit im Flusse liegen und sobald wir heraussteigen, werden uns die Hunde sofort wieder riechen.«

»Nein, Tito«, sagte ich, wate solange im Flusse dem Ufer entlang, bis du einen Baum findest, dessen Zweige über das Wasser hängen und ziehe dich von dort aus sogleich über die Äste auf den Baum, ohne den Uferboden zu berühren.«

»Ja, so ist es«, bestätigte mein Vater. »Versuche es, es bleibt uns ja kein anderer Ausweg.«

Ich glaube, Tito hegte noch manche Bedenken. Er hatte vor jenen Tieren wohlbegründete Angst. Aber wir machten es dennoch so. Wir eilten den Abhang hinunter, sprangen in den Fluß und gingen langsam stromaufwärts. Als wir ein gutes Stück gekommen waren (ich wurde von den beiden getragen und ich war natürlich die größte Ursache ihrer Sorge), suchten wir nach einem passenden Ast. Aber auch jetzt ging er mit uns noch ein Stück vorwärts, um zwischen mehreren geeigneten Bäumen zu wählen. Es waren einzeln stehende Riesenbäume, und er wünschte eine Gruppe zu finden, die uns bergen sollte. Währenddessen konnte man das Kläffen der Hunde in immer unmittelbarerer Nähe vernehmen. Endlich kamen wir zu einem Ast, der unseren anspruchsvollen Tito ganz zu befriedigen schien, da die Nachbaräste dort ineinandergriffen. Wir konnten uns hier in ähnlicher Weise weiterbewegen wie das letzte Mal und in den Baumkronen Zuflucht finden.

Der Ast war dick und stark, aber zu hoch über uns, um ihn durch einen Sprung zu erreichen. Der Fluß war nur klein und darum nicht tief. So konnten wir ihn leicht durchwaten. Indessen durfte mich mein Vater unmöglich am Uferboden niederlegen, denn so würden wir der hinter uns herhetzenden Meute nur einen willkommenen Anhaltspunkt gegeben haben. Andererseits wollten sie mich doch auch nicht ins Wasser legen, obwohl es nichts geschadet hätte, denn in sitzender Stellung hätte ich mit dem Kopfe noch immer über die Wasseroberfläche hervorgesehen. Jedoch Tito fand, daß die Entzündung an meinen Füßen wiederum zunehmen würde, wenn der Pflanzenbrei von der Haut abgespült würde. So blieb dem Vater nichts anderes übrig, als mich auf die Arme zu nehmen, während Tito auf seine Schultern stieg und mit hochgestreckten Händen nach dem Aste faßte, ihn geschickt erhaschte und sich daran emporzog. Dann wickelte er das Seil von seinem Leibe ab und hatte mich bald genug neben sich auf dem Aste liegen. Er trug mich an einen Platz, wo die Äste eine Gabelung bildeten, ließ mich dort behutsam nieder, ging zurück und zog auch den Vater in derselben Weise hinauf. Wir befanden uns auf einem Aste, der dick war, wie sonst nur Baumstämme. Mit Leichtigkeit konnten wir darauf bis an den Stamm unseres Wirtes wandern, während wir uns an den Zweigen und an den verschlungenen Lianen mit den Händen festhielten.

So wie wir den Baumstamm erreichten, kletterten sie um ihn herum und suchten sich dann auf der anderen Seite weiter ihren Weg. Von dort kamen sie zu einem ebenso mächtigen Stamme, der dem Nachbarbaume angehörte und von diesem zu einem nächsten, vom dritten zum vierten, und so weiter. Wir waren bereits in ganz bedeutender Entfernung vom Flußufer auf der Anhöhe des Hügels. Als Tito am letzten Baum ein Stück gegen den Gipfel emporkletterte, entdeckte er dort einen Platz, wo zwei dicke Äste enge nebeneinander seitwärtsstrebten und zwischen sich eine so geräumige Plattform bildeten, daß wir alle drei genügend Platz darauf fanden. Man bettete mich dorthin und wenn ich auch hier nicht so bequem ruhen konnte, wie am vorigen Tag, so war es immerhin erträglich.

Wir hatten unseren Zufluchtsort gerade noch zur rechten Zeit erreicht. In dem Gipfel saßen wir hoch genug, um den Kamm gut überblicken zu können, auf dem eben eine Abteilung Soldaten auftauchte, allen voran zwei Bluthunde an der Leine, die die Truppen anführten. Eben kamen sie an die Stelle, wo unser armer Tito unnötig sein Blut vergossen hatte. Es brachte nicht die beabsichtigte Wirkung hervor. Die Hunde schnüffelten ein wenig daran und bellten wild, wahrscheinlich, weil sie Blut rochen. Aber sogleich nahmen sie unsere Spur wieder auf, liefen weiter die Böschung entlang und kamen an den Fluß. Dort hielten sie inne. Die Soldaten wateten ins Wasser und spornten die Tiere an, den Fluß zu durchqueren. Sie durchschwammen das Wasser und hielten am anderen Ufer wieder an. Man schien die Spur verloren zu haben. Die Soldaten meinten: Sie müssen flußauf- oder abwärts gegangen sein.

Die Truppe teilte sich in zwei Gruppen; die eine eilte den Fluß hinauf, die andere hinunter. Die ersteren näherten sich rasch dem Baume, an dem wir uns aus dem Wasser emporgezogen hatten. Aber der Hund schlug nicht an, und so gingen die Soldaten weiter. Nach kurzer Zeit kamen sie am anderen Ufer wieder zurück, augenscheinlich in der Meinung, wir hätten den Fluß überhaupt nicht überquert. Als sie wieder bei der Spur ankamen, schickten sie der zweiten Abteilung, die stromabwärts gezogen war, einen Boten nach, und alsbald tauchte dieser mit der ganzen Kolonne an der anderen Seite des Wassers auf. Nun wurde eine Beratung abgehalten und man konnte deutlich ihre Hilflosigkeit erkennen. Bald darauf gab ihnen der Anführer einen Befehl. Die Soldaten zerstreuten sich, wahrscheinlich, um die Nachbarschaft abzusuchen. Mir schien, als ob sie sehr zögernd und unwillig dem Befehl nachkämen. Einige gingen an unserem Baum vorüber und abermals konnten wir das Schlagwort von der »Hexerei« hören und eine Äußerung, daß es ganz nutzlos sei, nach uns weiter zu forschen, weil uns jedenfalls der Satan entführt haben mußte, da wir doch Ketzer waren. Mir war dies sehr amüsant, da es von den Leuten kam, die ihre Religion abgeschworen hatten und tatsächlich diesem abscheulichen Martinez ihren einzigen Kult darbrachten. Sie sprachen auch von der großen Wut des Martinez und von seinen wilden Drohungen. Er wollte uns um jeden Preis wieder haben. Sie äußerten, daß er vor Schrecken fast verrückt sein müsse, und ich glaubte das selbst.

Wir hätten es nicht für möglich gehalten, daß ihnen unser Versteck in den Baumwipfeln entging. Aber sie kamen nicht auf die Idee dort zu suchen. Wenn sie so klug gewesen wären, einige Indianer mitzunehmen, wären wir mit unserer Kriegslist jedenfalls verloren gewesen. Aber zum Glück für uns bestand zwischen den beiden Hautfarben eine starke Eifersucht und Martinez büßte diese Feindseligkeit jetzt mit dem Mißlingen der Nachforschungen. Den ganzen Tag patrouillierten die Soldaten mit wenigen Unterbrechungen unter dem Ansporn ihres Offiziers auf und ab. Sie waren sichtlich davon überzeugt, daß alles umsonst sei. Mechanisch taten sie weiter, nur um dem Offizier zu zeigen, daß sie ihre Pflicht erfüllten.

Verschiedene Male konnten wir ihre Gespräche belauschen. Sie drehten sich immer um dasselbe Thema: das Entsetzen des Martinez und seine Angst, ferner die Frage, was er jetzt beginnen würde, und die Teufelsgeschichten.

Die Stunden schlichen langsam dahin. Tito durfte es nicht wagen, unseren Posten auch nur für einige Augenblicke zu verlassen, denn die leiseste Bewegung hätte schon die Aufmerksamkeit der Soldaten erregen können, da viele unter uns waren, denen Martinez nach ihrer eigenen Aussage einen hohen Preis für unseren Fang versprochen hatte. Tagszuvor hatte Tito wilde Früchte für uns geholt, aber heute konnte er uns nichts beschaffen und er und mein Vater litten sehr unter dem Hunger. Es war beinahe drei Tage, seit sie etwas Nennenswertes gegessen hatten. Für mich war es vielleicht in meiner jetzigen Verfassung besser, nichts zu genießen, obwohl mit meiner fortschreitenden Besserung zugleich auch mein Hunger stieg. Ich litt mehr unter dem Durst; denn während des Tages hatte sich das Fieber wieder eingestellt. Es blieb uns indessen nichts übrig, als stillzuhalten, um uns nicht selbst zu verraten.

Als sich die Sonne gegen den Horizont neigte, sammelte der Offizier seine Leute um sich, gab den Befehl zum Aufbruch und verschwand mit ihnen hinter dem Hügel. Ihre Hunde nahmen sie mit. Deutlich konnte man die Unbefriedigung erkennen, mit der sie zu Martinez zurückkehrten. Wir fürchteten noch immer irgend eine List; darum beobachteten wir sie genau, während sie sich entfernten. Aber endlich durften wir es wiederum wagen, unser Versteck zu verlassen. Da eilte Tito rasch hinunter, um zu rekognoszieren und uns Früchte zu bringen, bevor die Dunkelheit vollends hereinbrach. Glücklicherweise fand er einige Guavas (südamerikanische Früchte) und wilde Bananen, später auch Brotfrüchte und eine Art süßduftender Knollen, die er für uns ausgrub. Ich konnte nur wenig davon essen, aber mein Vater und Tito befanden es als ein ganz prächtigstes Mahl, das, obwohl es kaum zureichte, immerhin ungleich besser war im Vergleich zu der dürftigen Kost des vorhergehenden Tages.

Ich wurde sorgsam vom Baume heruntergelassen und wir setzten unsere Flucht fort. Als der Morgen anbrach, befanden wir uns auf einem Bergrücken. Tito kletterte abermals auf den nächstgelegenen hohen Baum, um nach den Soldaten auszuschauen; das Lager war nicht mehr zu sehen. Er lauschte mit größter Vorsicht und kam mit der Überzeugung zurück, daß uns keinerlei augenblickliche Gefahr drohe, auch nicht von Hunden, deren lautes Bellen weithin durch die Morgenluft zu hören gewesen wäre. So riet er uns denn, unseren Fluchtweg tagsüber fortzusetzen, was wir auch taten. Sie schritten unter dem Schatten der Bäume vorwärts, während das Terrain sich wiederum senkte, bis zirka 11 Uhr, wo sie sich entschlossen, am Ufer eines kleinen Flusses halt zu machen. Mein Vater und ich legten uns nieder, um zu schlafen, während Tito Wache hielt. Als er nichts entdeckte, was nur im geringsten seinen Argwohn erregte, legte auch er sich zur Ruhe, während nun mein Vater wachte. Tito wagte es jetzt, die Salbe, die an meinen Füßen klebte, langsam abzuwaschen und sie durch eine neue zu ersetzen. Er untersuchte meine übrigen Wunden genau und berichtete, daß alles besser gehe, auch bei jenen an den Füßen. Gleichwohl hörte ich ihn, als er sich außer Hörweite von mir glaubte, zu meinem Vater sagen, daß er zweifle, ob ich je wieder auf den Füßen würde stehen können. An diesem Tage konnten wir zum erstenmale wieder gemütlich plaudern und nun hatte ich Gelegenheit, die Geschichte Titos und meines Vaters zu hören.

Die Erklärung seiner anscheinend wunderbaren Flucht war in Wirklichkeit höchst einfach. Die Indianer hatten den Fehler begangen, die Hände meines Vaters mit einem ungegerbten Lederriemen zu fesseln, und während des langen nächtlichen Rittes hatte er seine Fesseln ständig gegeneinander gezogen, bis er sie schließlich so weit gedehnt hatte, daß er mit der Hand durchschlüpfen konnte. Er war klug genug, den Indianern nichts davon merken zu lassen, und indem er seine Hände gespannt in den Fesseln hielt, erregte er den Anschein, als ob er noch fest gebunden wäre.

Unterdessen wartete er auf eine passende Gelegenheit; als er sich über die vorteilhafte Lage von Martinez Zelt Rechenschaft gab mit dem sogleich dahinter anstoßenden Wald, erschien ihm dies als der geeignetste Ort zur Flucht. Es galt nur kühnes, blitzschnelles Handeln. Er war sich bewußt, daß er kaum gehofft hatte, einige Minuten Vorsprung zu bekommen und daß ihm die Aussichten höchst verzweifelte schienen. Es war der einzige Ausweg, darum warf er sich auf diesen.

Wie ich beschrieben habe, kam das alles so unerwartet, und die Verwirrung im Lager war so groß, daß er tatsächlich fünf Minuten Vorsprung gewann und diese gehörig ausnützen konnte. Er sagte sich, daß ihm der Versuch, durch Laufen zu entkommen, nichts fruchten würde, wo seine Verfolger doch Pferde zu ihrer Verfügung hatten. So war sein erster Gedanke, sich schleunigst zu verbergen. Die Verfolger waren ihm oft ganz nahe gekommen und er war wohl dutzende Male der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt. Dennoch brachte er es auf irgend eine Weise fertig, ihnen immer zu entwischen, und später gaben ihm die vielen Affen, die er bei seinem Laufe aufschreckte, den Gedanken ein, ihr Beispiel nachzuahmen. So oft er einem Baume nahe kam, waren die Tiere seinem Blick plötzlich entschwunden, obwohl sie manchmal nur einige Schritte entfernt gewesen waren. »Wenn die das zustande bringen«, sagte er sich, »so muß ich es auch können.«

So hatte er sich schon längst ein Versteck in einem Baumwipfel gefunden, als die nächsten Soldaten auf der Suche nach ihm vorbeikamen. Nachdem ihn bereits der zweite Trupp seiner Verfolger passiert hatte, erblickte er zu seinem Schreck einen Neger, der augenscheinlich etwas suchend durch den Wald schlich. Meinem Vater sträubten sich die Haare. Er wurde auch wirklich von dem Neger gesucht. Aber dieser war niemand anderer als der treue Tito, der von dem Angriff auf die Blockhütte Kunde erhalten hatte, leider aber von seinen Herren durch die Kette der Indianer abgeschnitten war, die die Hütte bestürmten. Er lauerte in der Nähe, in der steten Hoffnung, seinem Herrn Hilfe leisten zu können, hatte dann die Gefangennahme mitansehen müssen und lief auch während des ganzen nächtlichen Rittes hinter uns her. Auf dem Lagerplatze hielt er sich am Waldessaum verborgen und war somit Zeuge von der Flucht seines Herrn geworden, ebenso von Geralds Tod und konnte auch noch einen Teil meiner Martern mitansehen. Er vermied es, mit meinem Vater zusammenzutreffen, solange die Soldaten noch im Walde waren. Die Verfolger hatten einen bestimmten Punkt vereinbart, wohin die einzelnen Abteilungen nach jedem Streifzug zurückkehren sollten, um dort ihre Beobachtungen auszutauschen. Das war nun gerade die Stelle unter dem Baume, die mein Vater jetzt zu seiner Zuflucht gewählt hatte. Nachdem die Soldaten sich in den verschiedenen Richtungen entfernt hatten, stieg er herab, um sodann diesen Teil des Waldes abzusuchen. Er traf den Vater nicht, wohl aber hatte dieser ihn schon erblickt. Als sich mein Vater endlich seiner Sache gewiß war, rief er ihn an. Die Freude ihres Wiedersehens wurde schwer getrübt durch Titos Nachricht von dem Tode des kleinen Gerald. Darauf beratschlagten sie, was zunächst zu tun sei. So sehr es ihnen das Herz zerriß, mußten sie sich gleichwohl entschließen, tagsüber noch nichts zu unternehmen, aber, falls ich noch den Abend überleben sollte, dann den Versuch zu machen, mich nachts zu befreien. Wie Sie wissen, wurde dies auch richtig ausgeführt.

Natürlich erzählte ich ihnen auch meine Geschichte, die Erscheinung meines Bruders, und ich bin sicher, daß mir Tito völlig glaubte. Er sagte: »Master Gerald war hier auf der Erde ein Engel, und sicher ist er auch jetzt einer! Der gute Gott sendet seine Engel herab, um denen zu helfen, welche leiden.«

Mein Vater glaubte es nicht so fest. Er sagte nur das: »Nun ja, mein Junge, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll; es heißt ja, daß Gott manchmal den Toten gestattet, für seine guten Zwecke mitunter auf die Erde zurückzukommen, und wir haben ja die Geschichte von Samuel und der Hexe von Endor im alten Testament. Wir lesen auch, daß manchmal Heilige erscheinen können. Auf jeden Fall, ob Du Gerald selbst gesehen hast oder nicht, können wir annehmen, daß Gott Dir diese Vision gesendet hat, um Dich zu stärken. Da sie gerade zur richtigen Zeit kam, hat sie Dich ermutigt und wir konnten Dich noch retten.«

Ich beeile mich, das Ende unserer Flucht zu beschreiben. Von jetzt an wanderten wir bei Tage und ruhten während der Nacht aus, indem mein Vater und Tito abwechselnd Wache hielten. Nach und nach gelangten wir auf die andere Seite der Bergkette, umgingen den Fuß der Anhöhe, und zogen dann mit größter Vorsicht weiter, um nicht noch hier auf Martinez und sein Heer zu stoßen. Zum Glück aber sahen wir nichts von alledem und es fand sich immer Nahrung für uns, wenn es auch nichts anderes waren als wilde Früchte oder Wurzeln.

Meine größte Sorge war, daß ich während der ganzen Zeit meinen Beschützern eine so schwere Last sein mußte, denn ich konnte noch immer keinen Schritt tun und so kamen wir langsam vorwärts. Möglicherweise hat die frugale Nahrung und die mich fortwährend umgebende frische Luft wirklich das beste Heilmittel für meinen Zustand dargestellt; Tito ging es ganz gut, aber mein Vater, welcher schon von England her eine angegriffene Lunge mitgebracht hatte, litt sehr unter dem Temperaturwechsel und der mangelhaften Bekleidung, welche er nicht gewohnt war. Er trug doch nichts als jenen alten Poncho, den allerdings Tito ihm schon längst in einem Wasser gereinigt hatte. Ich selbst war am übelsten daran mit meiner Bekleidung; denn ich war überhaupt nackt.

Ich glaube, es war am elften Tage, als wir endlich in einiger Entfernung das Dach eines Hauses erblickten. Sogleich lenkten wir unsere Schritte dorthin. Tito ging allein hin, während wir uns beide verborgen hielten. Es war eine »Hazienda« (ein Bauerngehöft) und als Tito den Eigentümer gefunden hatte, erzählte er ihm unsere Leidensgeschichte. Der gute Mann hatte das größte Mitgefühl und kam eiligst zu uns, um mit uns zu beratschlagen, was zu tun sei. Von diesem Augenblicke an waren unsere Leiden zu Ende.

Unser alter Wirt behandelte uns mit der freundlichsten Gönnerschaft. Seine gute Frau war voll Mitleid über meinen Zustand, wo ich mich ohnehin schon auf dem Wege der Besserung befand, und bestand darauf, mich zu Bett zu bringen. Dort bandagierte sie meine Füße und verband mich in einer etwas weniger primitiven Weise. Als ich ihnen meine ganze Geschichte mit allen Einzelheiten mitteilte, brachen sie in Entrüstung gegen den scheußlichen Martinez aus.

Unser Gastgeber lebte, wie so viele andere »Haziendados«, den größten Teil des Jahres über in völliger Einsamkeit auf seinem eigenen Grundstück und hatte natürlich von der Nähe des kleinen Generals keine Ahnung. Einmal in je zwei Monaten sandte er gewöhnlich seine Knechte nach der Hafenstadt, um etwaige Briefe zu beheben und so viel Vorrat wie möglich mitzunehmen. Wir hatten keine Ahnung, was während der Tage unserer Flucht geschehen sein konnte, aber die Befürchtung, daß Martinez die Stadt überfallen hätte, war groß. Unser Wirt rief seine Dienerschaft zusammen, erzählte ihnen unsere Neuigkeit und fragte, ob sich einer freiwillig zu einem Ritt nach der Küste melden wolle, um die dortige Lage zu erkunden. Mehrere boten ihm ihren Dienst dazu an. Aber er wählte aus ihnen nur zwei junge Männer aus. Mehr konnte er im Hause nicht entbehren, denn es war auch nicht unmöglich, daß die Hazienda selbst während ihrer Abwesenheit angegriffen wurde. Er wollte eine so starke Hilfsmannschaft als möglich bereit haben.

Diese zwei Burschen machten sich nun, mit vielen guten Ratschlägen versehen, auf den Weg. Sie hatten die größte Vorsicht zu wahren. Sobald sie die Stadt erreicht hatten, sollten sie unter keiner Bedingung sofort einreiten, da immerhin die Möglichkeit vorhanden war, daß sie schon in den Händen der Feinde sei. Der Wirt versicherte uns, daß seine Leute nach einer Woche wiederum zurück sein könnten, falls ihnen kein Unglück widerfuhr. Uns blieb inzwischen nichts anderes übrig, als bei ihm zu bleiben. Sollten die Nachrichten gut ausfallen, die wir von der Stadt bekommen würden, dann lud uns der Wirt höchst liebenswürdig ein, noch länger unter seinem Dache zu verweilen. Wir dankten ihm herzlich für seine Gastfreundschaft, jedoch mußten wir, sobald die Leute mit guten Nachrichten zurückkamen, eiligst zur Mutter zurückkehren, um sie zu beruhigen, daß sie nicht um beide Söhne und um den Gatten zu trauern habe. Außerdem hatte mein Vater den zwei Burschen einen Brief an meine Mutter mitgegeben, in dem er ihr kurz unser Erlebnis beschrieb, unsere Rettung erzählte und ihr sagte, daß wir uns jetzt in den besten Händen befänden. Unser Hausherr gab ihnen auch ein Schreiben an einen Freund mit, der eine hohe Stellung in der Stadt bekleidete, worin er ihm von dem Herannahen Martinez' berichtete und ihm zugleich riet, sich sofort in Verteidigungszustand zu setzen, falls es noch nicht zu spät war.

Wir verlebten eine sehr angenehme Woche und unser Gesundheitszustand verbesserte sich zusehends. Der Husten meines Vaters, der ihn schon das ganze Jahr geplagt hatte, aber nach den letzten Strapazen besonders arg geworden war, ließ jedoch unter der sorgsamen Pflege unseres Wirtes bedeutend nach; freilich, einige Jahre später starb er lungenkrank in England. Ich konnte das Gefühl nicht los werden, daß mein Vater gewiß viel länger gelebt hätte, wenn nicht der schändliche Martinez ihn durch seine rohe Behandlung so geschädigt hätte. Ich habe mit der damaligen Zeit meine Jugend abgeschlossen. Auf lange hinaus war ich unfähig zu gehen, ich hatte auch nicht einmal einen Antrieb dazu in mir, sondern nur das Verlangen nach Ruhe. Während unseres Aufenthaltes in der Hazienda lag ich die meiste Zeit im Bette, mit Ausnahme der wenigen Stunden, wo sie mich täglich ins Wohnzimmer trugen und auf den Divan legten. Öfter wurde ich auch in den Garten getragen und auf einen langen Rohrsessel in den Schatten der Bäume gestreckt. Als schließlich die Boten mit der Nachricht zurückkehrten, daß die Stadt von Martinez' Plänen keine Kenntnis besessen hatte, wußte ich wirklich nicht, ob ich mich nun über ihre Rückkehr freuen sollte, denn es galt nun bald unseren Aufbruch. Freunde in der Stadt sandten unserem Wirte zwanzig Leute zur Abwehr eines eventuellen Angriffes von Seiten Martinez zuhilfe und ließen ihm herzlich für seine Warnung danken. Sie schrieben ihm, daß die Stadt sofort in Verteidigungszustand gesetzt und Kundschafter ausgesandt worden waren, um die Position Martinez zu beobachten. Unser freundlicher Wirt drang in uns, doch noch länger in seinem Hause zu bleiben, etwa, bis der Angriff vorüber, die Hafenstadt gesichert und Martinez' Armee vernichtet wäre. Sie waren sich dieses Resultates ganz gewiß.

Mein Vater aber fand es für seine Pflicht, in dieser Gefahr an der Seite seines Weibes zu stehen und war darum gezwungen, die freundliche Einladung mit vielem Dank abzulehnen. Man hatte eine Art Sänfte für mich zurechtrichten lassen und sie boten meinem Vater die zwei Burschen als Begleiter an, die mit uns bis zur Küste ziehen sollten. Außerdem wollte er uns noch die Hälfte der Soldaten zur Deckung mitgeben, was mein Vater aber unter keiner Bedingung annehmen wollte. Da wir über die augenblickliche Stellung Martinez nicht orientiert waren, schien ihm ein Angriff auf die Hazienda nicht unmöglich. Jeder Arm konnte für die Verteidigung nötig sein. Die Begleitung der zwei Knechte nahm er mit vielem Danke an, da sie die Sänfte tragen konnten und versprach ihnen auch reichlichen Lohn, für den Fall, daß wir die Küste ungehindert erreichen würden. Da unsere lieben Wirte aber dennoch darauf bestanden, uns vorsichtshalber Soldaten mitzugeben, schloß mein Vater mit ihnen endlich einen Kompromiß, indem er sich drei von ihnen auswählte; die Burschen erwiesen sich tatsächlich als frische brave Kameraden. Waren die Diener vom Tragen der Sänfte schon allzusehr ermüdet, so nahmen ihnen die Soldaten jedesmal mit größter Freude ihre Last ab; wir kamen auf diese Weise sehr rasch vorwärts. Einer von ihnen war ein kluger Kopf und besaß sehr geschickte Hände. Er erfand eine besondere Art von Tragbahre. Die Sänfte wurde auf zwei Riemen zwischen die Leiber zweier Pferde wie auf einer Hängematte gebettet und wir kamen dabei noch viel schneller weiter. Wir wanderten so ohne Zwischenfälle, bis wir endlich am sechsten Tage, nach dem Abschied von der Hazienda, unser Ziel erreichten.

Wir begrüßten unsere Mutter, die tief über den Verlust ihres kleinen Lieblings trauerte, aber Gott unsäglich dankbar war, daß er ihr ihren zweiten Sohn und ihren Gemahl aus der Gefahr errettet hatte, so arg wir auch mitgenommen waren. Sechs Wochen nach unserer Flucht dauerte es, bis ich meine Füße einigermaßen wieder gebrauchen konnte. Auch jetzt konnte ich infolge meiner großen Schwäche nur minutenlang gehen.

Was Martinez anlangte, so ist uns der genaue Sachverhalt nie ganz klar geworden. Meine Mutter meinte, daß nach der ruchlosen Ermordung Geralds ein Fluch auf dem Manne lastete, der ihn hinderte, einen endgültigen Entschluß zu fassen. Mein Vater neigte ganz zu der Ansicht, daß unsere geglückte Flucht ihn entmutigt hatte. Er mußte annehmen, daß wir sicher die Küstenstadt vor seinem Anschlag gewarnt hatten, womit sein Plan durchkreuzt und vereitelt war. Erst um vieles später kam das Gerücht auf, daß seine eigenen Leute wegen seiner furchtbaren Grausamkeit meuterten, und es war unter ihnen überdies die Meinung verbreitet, daß ihren General sein guter Stern verlassen habe. Sei dem wie immer, Tatsache war, daß er keinen Ausfall gegen die Hafenstadt machte. Martinez zog sich vielmehr ins Innere des Landes zurück und fast drei Monate lang war von ihm nichts zu hören. Später erhielten wir die Kunde, daß er eine kleine Stadt im Innern des Landes angegriffen, erobert und zu einer Festung gemacht habe. Alle jene Einwohner, die ihm nicht den Untertaneneid schwören wollten, ließ er sofort töten. Als sich diese Nachricht als richtig erwies, wurde in großem Maßstabe gegen ihn gerüstet. Das ganze zur Verfügung stehende Militär wurde von der Regierung zusammengezogen, außerdem ließ der Stadtrat einen Werbebogen für Freiwillige ausschreiben, da das ständige Militär zu schwach war, und man eine genügend starke Macht haben mußte, um des Sieges über Martinez sicher zu sein.

Mein Vater bedauerte zwar sehr die Unterbrechung der Eisenbahnbauarbeiten; gleichwohl engagierte er zunächst keine neuen Arbeiter, denn er wollte, wie er sagte, kein Risiko für ihr Leben übernehmen, bis er nicht sicher war, daß sie der Gefährdung durch Martinez und seine roten Genossen nicht mehr ausgesetzt wären.

Als er die Bildung des Volontärkorps erfuhr, bot er sich gegen den Wunsch meiner Mutter der Regierung sofort als Freiwilliger an. Er wurde angenommen und bekam das Kommando über eine ganze Kompagnie, ich glaube einesteils mit Rücksicht auf den Verlust seines Sohnes und zweitens, weil er doch Engländer war. Er nahm höchst bereitwillig diese Stellung an, zumal die Volontäre zumeist Gentlemen waren und mehrere von früher her zu seiner Bekanntschaft zählten. Auch ich wollte um jeden Preis mittun, obwohl meine Wunden kaum heil waren und meine Mutter mir entschieden verbot, mich anwerben zu lassen. Indessen konnte sie nichts dagegen einwenden, als ich sie bat, meinen Vater doch wenigstens begleiten zu dürfen.

V. Kapitel.
Die Rache.

Während aller dieser Zeit hatte ich nie meinen Entschluß aus dem Auge verloren, den Tod meines Bruders an Martinez zu rächen. Ich sprach zu keinem Menschen davon, auch nicht zu meinem Vater oder meiner Mutter. Es war für mich eine heilige Sache, die ich in meinem tiefsten Innern vergrub. Ich wußte selbst noch nicht, wie ich mein Vorhaben ausführen sollte. Aber daß sich die Gelegenheit dazu einmal einstellen mußte und daß ich dann meinen Vorsatz durchführen würde, darüber hegte ich nicht den geringsten Zweifel. Wie ich nun von der Errichtung eines Freiwilligenkorps erfuhr, war mein erster Gedanke, daß dies mein Weg sei, den ich einzuschlagen habe. Der Widerstand meiner Mutter machte mich nicht im geringsten irre daran. Wenn ich mich auch nicht anwerben ließ, war ich doch totsicher, zu meinem Ziele zu gelangen. Als ich nun von ihr Abschied nahm, herzte und küßte sie mich und band mir aufs Herz, ja vorsichtig zu sein und jede Gefahr zu vermeiden. Ich antwortete ihr so ruhig, daß es auf sie Eindruck machte: »Sei ohne Sorge, Mutter; ich werde ganz sicher wieder gesund zu Dir zurückkommen!«

Ich glaube, daß ich mich selbst für ein Werkzeug der Wiedervergeltung hielt. Denn ich bewegte mich durch alle diese aufregenden Szenen hindurch wie im Traum, ähnlich, wie ich während der fürchterlichen zehn Tage gewesen war, wo der Vater und Tito mich auf ihren Armen trugen. Nur ein Gedanke beseelte mich, ein Wunsch, nämlich endlich den Augenblick zu finden, wo ich meine Rache stillen könnte. Mein Zustand war gewiß ein äußerst ungesunder, das wußte ich recht gut. Ich will mich auch gar nicht vor Ihnen darüber rechtfertigen, es wäre mir überhaupt schwer, Ihnen meine damaligen Gefühle zu beschreiben.

In dieser Verfassung befand ich mich, als ich Tag für Tag an der Seite meines Vaters auf dem Pony ritt, während wir mit den Truppen durch den Wald zogen, um der Aufständischen Herr zu werden. Die Marschtage verliefen ziemlich einförmig für mich; meine Gedanken waren ganz von Martinez ausgefüllt, dessen Gestalt ich mit einem stets gleich brennenden Haß umgab. Vielleicht übrigens war es gar nicht so sehr Haß, was ich empfand, sondern vielmehr ein Gefühl meiner Bestimmung, sein Schicksal an ihm zu vollstrecken. Sein Urteilsspruch lautete: TOD!

Endlich kam der Tag, wo unsere Führer verkündeten, daß wir uns der Stadt näherten, die Martinez besetzt hielt, und daß wir hoffen konnten, sie noch vor der Abenddämmerung zu erreichen. Martinez war schon auf unsere Ankunft vorbereitet. Er marschierte uns sogar entgegen und legte uns eine Falle, in der wir uns leider auch fangen ließen. Er hielt seine Mannschaft in dem Walde verborgen, durch den unser Weg führte, und eröffnete ein Gewehrfeuer in einem Augenblick, wo wir am wenigsten darauf gefaßt waren. Die amerikanisch-spanischen Truppen haben sich niemals, auch in ihren besten Zeiten, im Kugelregen standhaft gehalten, umsoweniger, wenn dieser sie unerwartet überraschte. Die vorderen Reihen unserer Kolonne schmolzen unter der Salve zusammen. Dann kamen die Volontäre an die Reihe, die aber sofort ihre Überlegenheit bewiesen. Als mein Vater die wankende Haltung der Front bemerkte, erteilte er seiner Truppe ein Kommando. Augenblicklich rückten seine Leute vorwärts, dicht hinter sich die übrigen Freiwilligenregimenter. Statt auf die Lichtung hinauszustürmen und gleich den früheren entweder niedergeschossen zu werden oder zu fliehen, begannen wir sofort rechts und links ein Gewehrfeuer und drangen zu beiden Seiten in den Wald ein, stöberten die dort im Hinterhalt liegenden Soldaten auf und schlugen sie zurück.

So stellten die Anführer der Volontäre die Ordnung wieder her und verbanden sich wieder mit der Front. Aber man darf sich nicht vorstellen, daß es zu einer organisierten Schlacht kam. Es war überhaupt keine rechte Gelegenheit, in geschlossener Flanke zu kämpfen. Der ganze Kampf löste sich in ein Handgemetzel auf, das unter den Bäumen ausgefochten wurde. Freund und Feind waren durcheinandergemengt, und es wurde oft nicht leicht, sie zu unterscheiden. Wenn auch die Volontäre ihre blanke Uniform trugen, so waren dafür viele von den Soldaten um nichts besser gekleidet, als die zerlumpten, schlecht ausgerüsteten Soldaten von Martinez. Die Rebellen fochten tapfer, da es sich um ihr Leben handelte und Martinez ihnen überspannte Versprechungen gemacht hatte. Wie weit sie tatsächlich an die versprochenen Reichtümer glauben mochten, ist schwer zu sagen. Wohl möglich, daß sie alles als bare Münze nahmen, denn die meisten waren beschränkt genug dazu. Auf jeden Fall wußten sie genau, daß sie von Seiten des Gouvernements keine Gnade zu erwarten hatten, nachdem sie die Stadt überfallen und so viele Menschen getötet hatten. Der Regierungsgeneral hatte gehofft, bedeutend in der Übermacht zu sein. Aber wenn man die Indianer mitzählte, dürften wir durchaus nicht die Stärkeren gewesen sein, wenn es auch unter diesen Umständen schwer war, sich darüber ein Urteil zu bilden.

Wir stießen auf mehrere Waldlichtungen, und im Durcheinander dieses ungeordneten Kampfes half ich zweimal den Platz von Rebellen säubern. Jemand, der noch keinen Krieg mitgemacht hat, wird es seltsam anmuten, wenn er einmal unter einer so großen entschlossenen Masse als ein winziger Bestandteil mittut, während ringsherum die grimmigen Gesichter nur von dem einen Gefühl beseelt sind, den Feind zu überwältigen und ihn mit Füßen zu treten. Und wenn man sich dann einmal fragt: Ist denn mein Gesicht auch so eisern, dann kommt ein scharfer Befehl, vorwärts zu stürmen, das Gewehrfeuer oder das Gerassel der stählernen Klingen ertönt, während man achtlos über die Leichen hinwegschreitet, sei es nun Freund oder Feind, nur von dem einzigen Bestreben getrieben: Vorwärts, vorwärts, vorwärts!

Nachdem wir die Lichtung genommen hatten, hielten wir ein wenig inne; zurückblickend sahen wir Haufen toter Menschen umherliegen, den grünen frischen Rasen zerstampft und mit Blut bedeckt. Aber es blieb keine Zeit zum Entsetzen, überhaupt keine Zeit für irgend etwas anderes als den einzigen Gedanken: Wo sind die, die wir bekämpfen und besiegen wollen? Laßt uns vorwärts eilen, immer vorwärts!

So wenigstens ging es mir. Anfangs hielt ich mich immer an der Seite meines Vaters, da ich in militärischen Dingen ganz unerfahren war. Er war ein Mann, der seine Leute mit unerschrockenem Mute führte. Wenn er auch mitunter nicht richtig und planmäßig vorgegangen sein mag, – er war ja kein Fachmann – so schadete dies hier nicht viel; es herrschte ja überhaupt keine Ordnung. Hier zählte nur der persönliche Mut, und diesen besaß er reichlich. Ich war noch lange nicht im Besitze meiner vollen Kräfte und der Kampf ist äußerst ermüdend. Ich war schon stundenlang geritten, gleichwohl fühlte ich mich nicht im geringsten abgespannt, mich konnte überhaupt nichts in dem Gedanken beeinträchtigen, daß Gott seine Rache in meine Hände gelegt habe. Ich blickte lange nach meinem Feind aus und war entschieden enttäuscht, da ich ihn nirgends fand. Aber ich ließ nicht nach, und endlich, endlich sah ich ihn!

Er stand mit dem Rücken gegen einen Baum und verteidigte sich gegen zwei unserer Soldaten, die ihn angegriffen hatten. Einige Augenblicke stand diese kleine Gruppe abgesondert von der Umgebung, wenigstens für meinen Blick. Die zwei Soldaten drangen heftig auf ihn ein und er verteidigte sich mit seinem Schwert, – mit demselben, unter dessen Streich mein kleiner Bruder gefallen war. Er war von jeher berühmt als der beste Fechter in der Armee, ja es hieß sogar, daß er der erste Fechter in Südamerika sei. Während der paar Sekunden, die ich zusah, fiel wirklich zuerst der eine dann der andere Soldat. Er stand nun allein und in seinen Augen blitzte es auf. Er triumphierte über seinen Sieg. Da bemerkte er mich; ich sprang auf ihn zu. Der Ausdruck seines Gesichtes verwandelte sich zu diabolischem Haß, und ich bin sicher, es war darin auch Angst zu lesen. »Was!« schrie er, »Du bist da? Du hast über mich das ganze Unglück gebracht, Du und Dein verfluchter Vater und Dein Bruder!«

»Ja«, rief ich zurück, »ich bin da, um Dich zu töten!« Ich sprang direkt auf ihn los; ich hätte zwar aus der Entfernung auf ihn schießen können, aber ich wollte ihn mit dem Schwerte töten, so wie er meinen kleinen Bruder. Ich habe wohl die Furcht in seinem Gesichte bemerkt, aber jetzt wandte er sich mir mit einem höhnischen Lachen zu, denn er sah sofort, daß ich nur mit einem alten, schweren Säbel bewaffnet war, während er sich Herr über einen blanken, guten Degen wußte. Wir fochten miteinander; ich hatte in der Fechtschule fechten gelernt, indessen glaubte ich kaum, daß in einem so kritischen Augenblick diese Kenntnisse genügten. Aber ich schien besser gefochten zu haben, als ich es selbst wußte, denn während unsere Klingen hart aneinander klirrten, wechselte mit einem Male der Ausdruck seines Gesichtes, das triumphierende Lächeln verschwand und ein geisterhafter Blick trat in sein Auge. Vielleicht fand er in mir einen weit stärkeren Gegner, als er sich gedacht hätte. Ich glaube kaum, daß er höher stand, als ich, aber sein Spielraum war entschieden größer und seine Geschicklichkeit im Fechten der meinigen weit überlegen. Mein Entschluß war fest wie immer. Aber mein Arm ermüdete rasch, denn es war anstrengend, mit einer so groben Waffe seine blitzartigen Hiebe und Stiche entsprechend rasch zu parieren. Ich wußte, daß er langsam aber sicher meine Paraden schlagen mußte, und wenn er das einmal erreichte, war mein Schicksal besiegelt. Nach ungezählten Hieben stach er einmal blitzartig nach meinem Herzen. Ich parierte, aber mein bis jetzt so sichere Arm kam um einen Augenblick zu spät. Ich fing seinen Hieb nicht zureichend auf, die Spitze war zwar von ihrem Ziel, meinem Herzen, abgelenkt, aber sie drang mir dafür in das Schenkelfleisch. Nach diesem Hieb sprang Martinez zurück, wie es einem geübten Fechter geziemt. Dabei verfing sich sein Fuß an einer Wurzel. Er strauchelte und stürzte rücklings zu Boden, während der Degen seiner Hand entfiel. Im Augenblick sprang ich über ihn, stellte ihm den Fuß auf die Brust und setzte ihm die Säbelspitze an den Hals. Der Mann schrie zitternd um Gnade. »Gnade?!« schrie ich heiser: »hast Du vielleicht mit meinem Bruder Gnade geübt?« und drückte die Spitze in seine Kehle. Aber wiederum flehte er um Barmherzigkeit.

Während des Kampfes war mein Rock auf der Brust aufgeschlitzt worden und das versilberte Kruzifix hing jetzt heraus, während ich mich so über ihn beugte. »Gnade«, schrie er da, »um des Christus willen, dessen Zeichen Du auf der Brust trägst.«

Ich mußte wirklich auflachen, als ich den Renegaten so reden hörte, denselben, der mich bemüßigen hatte wollen, auf das Kruzifix zu treten und jetzt im Namen dessen um sein Leben flehte, gegen den er so gefrevelt hatte.

Also nicht darum ließ ich von ihm ab. Ich hatte genug Atem geschöpft und zückte eben den Säbel, um den entscheidenden Stich zu führen, als ich plötzlich meinen Arm von einer unsichtbaren Kraft zurückgehalten fühlte. Wiederum sah ich meinen Bruder neben mir stehen und während er mich ernst anblickte, umfaßte er mit seiner kleinen Hand meinen Arm, jenen Arm, der Martinez den Todesstoß versetzen sollte. Diesmal war es entschieden keine Halluzination. Denn Martinez sah die Erscheinung ebenso. Ich sah seinen entsetzten Blick. Seine Augen waren auf jene Stelle geheftet und der Schweiß trat auf sein Antlitz, während er vor Schrecken stöhnte. Mein Bruder hielt die Hand an meinem Arm und sein Auge war tief ernst und bittend auf mich gerichtet, während ich meinen Säbel, von einem seltsamen Gefühl im Herzen genötigt, zu Boden senkte. Da breitete sich ein überirdisch glückseliges Lächeln über die Züge meines toten Brüderchens. Darauf verschwand er. Ich wandte mich von dem auf den Boden gestreckten Martinez ab, aber im selben Moment zog er aus seinem Stiefelschaft ein Messer und zückte es nach mir. Ich sprang von ihm zurück zur Seite und bevor er sich noch erhoben hatte, kamen einige Soldaten herbeigesprengt, entwanden ihm das Messer und nahmen ihn gefangen.

Noch immer mit demselben seltsamen Gefühl im Herzen wandte ich mich ab. Da bemerkte ich auf einmal das widerwärtige Gesicht Antinahuels. Er zielte gerade hinter einem Busch nach mir. Ich wich aus, mit einer mehr instinktiven als überlegten Bewegung. Darauf riß ich mit Blitzesschnelle meinen Revolver aus der Tasche und zwei Schüsse knallten zu gleicher Zeit. Ich spürte an meinem rechten Arm einen Schlag und die Pistole entfiel mir. Aber bevor ich selbst zu Boden fiel, hatte ich noch Zeit, das furchtbare blaue Loch an Antinahuels Stirn zu sehen. Darauf drang das Blut aus seiner Wunde und er sank nieder. Auch mein Schenkel blutete heftig, und dazu kam nun noch die letzte Schußwunde. Alsbald vergaß ich die Leiden und Freuden der ganzen Welt und versank in Bewußtlosigkeit.

Als ich wieder zu mir selbst kam, war es Nacht. Ich lag da und betrachtete die Sterne. Kaum mir selbst bewußt oder fähig, über meine jetzige Lage nachzudenken, um nichts mich kümmernd, aber von einem entsetzlichen Durst gequält, und geschwächt durch meinen großen Blutverlust lag ich da. Ich hatte in der letzten Zeit viel gelitten, doch glaube ich, daß mich nichts so gepeinigt hat, als dieser furchtbare Durst, als ich so hilflos auf freiem Felde lag. Die Nacht schien jahrelang zu dauern. Manchmal versank ich in Schlummer, und wenn ich erwachte, glaubte ich einen tagelangen Schlaf getan zu haben. Es war mir, als wäre dann wieder eine zweite Nacht angebrochen. Blickte ich dann zu den Gestirnen empor, so sah ich jedes Mal, daß diese sich kaum von der Stelle bewegt hatten. Ich verlor alle Berechnung der Zeit. Aber endlich, endlich nach einer Ewigkeit, schienen sich Lichter zu nahen. Mit einem Freudenschrei hörte ich die Stimme meines Vaters und sah sein Gesicht sich über das meinige beugen. Ich flehte um Wasser, worauf er ein Fläschchen an meine Lippen hielt, und ich muß darauf wieder ohnmächtig geworden sein, vielleicht aus purer Freude darüber, daß mein Durst gelöscht war. Rasch wurden meine Wunden verbunden und man trug mich behutsam vom Schlachtfeld hinweg.

Damit endigt meine Geschichte; wozu sollte ich Ihnen weiter schildern, wie ich langsam genas und wieder zu Kräften kam, wie die Regierung meinem Vater und mir dankte und uns mit ehrenden Auszeichnungen überhäufte? Es war die Meinung, daß der Sieg zum großen Teil unserer großen Tapferkeit zuzuschreiben gewesen sei. Wozu sollte ich Ihnen auch noch von dem Tage erzählen, wo ich, einen Monat später, inmitten einer johlenden Menge stand und zusah, wie Martinez im großen Gerichtsplatz erschossen wurde? Mein Haß war verschwunden. Er war aus meinem Leben geschieden, aber durch den Ruf des toten Brüderchens war meine Hand von seinem Blute unbefleckt geblieben. Jedoch was sage ich von meinem toten Bruder? Ich wußte nunmehr, daß er lebte und mich noch immer liebte. So gab ich mich denn zufrieden, wenn ich auch damals noch nicht wußte, daß das Schicksal 15 Jahre später meinen geliebten Bruder wieder ins menschliche Leben zurückbrachte, in einem fernen Lande, wo seine Seele sich mit einem neuen Körper bekleidete, und daß wir das Glück genossen, einander zu erkennen und zu verstehen, daß der Tod nie jene Seelen trennen kann, die einander wahrhaft lieben.

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