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Gewitter im Mai und andere Hochlandgeschichten

Ludwig Ganghofer: Gewitter im Mai und andere Hochlandgeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Ganghofer
titleGewitter im Mai und andere Hochlandgeschichten
publisherDroemersche Verlagsanstalt
year1955
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050509
modified20140612
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Jerobeam Purzelbaum

Vor Jahren, auf einer meiner Bergfahrten, kehrte ich zu Klausen im Wirtshaus ein. Während ich in der niederen Stube, die eine braungewordene Balkendecke hatte, bei meinem Trunk saß, gewahrte ich, daß die dunkle Holzdecke überall von weißen, sonderbaren Schrammen durchrissen war. Das sah sich an, als hätten da droben zwei Tiger miteinander gekämpft und hundert Spuren von ihren Krallenschlägen zurückgelassen. Ich fragte die Kellnerin, woher das käme. Und lachend sagte das Mädel: »Woaßt, weil der Purzelbamer all weil so hoach auffitanzt!«

Daß in einer niederen Stube ein Schuhplattltänzer die genagelte Sohle im Sprung hinaufschlägt bis zur Stubendecke, das ist an sich nichts Merkwürdiges. Aber dieser ›Purzelbamer‹ mußte ganz absonderlich geartete Sprunggelenke besitzen! Nach der reichlichen Hieroglyphenschrift der Stubendecke zu schließen, schien er sich beim Tanze mit den Füßen mehr in der Luft als auf dem Fußboden zu bewegen. Auch sein Spitzname, Purzelbaumer, ließ eine verblüffend ausgebildete Beweglichkeit vermuten.

Die Kellnerin mußte mir von ihm erzählen. Und sie leitete ihren Bericht mit den lachenden Worten ein: »So an Urviech gibt's auf der ganzen Welt nimmer!«

Christian Überacker hieß er und war der Sohn einer zugewanderten Taglöhnerin. Schon als Kind verlor er die Mutter und wuchs nun so zwischen Armenhaus und Bergwald heran, kein Mensch wußte, wie! Und obwohl es ein unergründliches Geheimnis war, wovon der Bub lebte, wurde er immer dicker und fetter. Und war dabei kreuzfidel. Und schon in der Schulzeit war das seine Gewohnheit, daß er lieber auf den Händen ging als auf den Füßen. Für ein Butterbrot stellte er sich auf den Kopf, spreizte die Beine als Balancierstangen auseinander und blieb so auf dem Haardach stehen, bis das Butterbrot verzehrt war. Eine schwierige Kunst, das: immer nach aufwärts schlucken!

Mit zwölf Jahren wurde er Geißhirt, vier Jahre später Galtviehsenn und Wilddieb. Einmal ertappte ihn der Förster auf einem schneidigen Felsgrat und schickte ihm eine Kugel nach. Als Christl sie pfeifen hörte, tat er einen vergnügten Juhschrei, stellte sich in der luftigen Höhe da droben auf den Kopf und strampelte mit den Beinen gegen den blauen Himmel. Dadurch bekam die ernste Sache für den Förster eine so drollige Wendung, daß er die Anzeige unterließ.

Bei der Rekrutierung wurde der Christl nicht genommen wegen Fettleibigkeit. Daheim aber wußten sie, wie flink er war, trotz seines Speckes; und um ihn von seinem Hang zur Wilddieberei zu kurieren, verschaffte ihm der Förster eine Anstellung im Jagddienst.

Nun hauste der Christl seit Jahren als Junggeselle droben auf der Windecker Leite, einem Weiler, der nur aus einem halbdutzend Häuser bestand und hoch im Gebirg lag, zwei Wegstunden über dem Dorfe. Niemals hörte man davon, daß Überacker mit einem Mädel bandelte. Nur zwei Dinge schien er zu lieben: seinen Dienst im Bergwald und das Tanzen im Klausener Wirtshaus. Und beim Tanzen war er gar nicht heikel – hübsch oder häßlich, alt oder jung, Bursch oder Mädel, wenn's nur was Lebendiges war, das die Beine rühren konnte. Und wenn die anderen mit ihrem Atem fertig waren, tanzte der ›Purzelbamer‹ noch stundenlang für sich allein und erfand dabei so unglaubliche Kapriolen, daß ein alter Bauer einmal sagte: »Der macht ja Sprüng wie der Jerobeam!«

Obwohl ich ziemlich bibelkundig bin, ist es mir nie gelungen, den tieferen Sinn dieses Vergleichs klar zu erforschen. Die Kellnerin im Klausener Wirtshaus vertrat die Ansicht: Jerobeam, das wäre der Name eines von der Springsucht befallenen Teufels, von dem der Herr Kaplan schon des öfteren gepredigt hätte.

Mag nun die Sache sein, wie sie will – dem Christl Überacker blieb dieser Name, mit einer kleinen Abkürzung und mit dem Ton auf der ersten Silbe ›Jérobam!‹ Und das klang nicht übel mit seinem anderen Spitznamen zusammen:›Jérobam Purzelbamer!‹

Seine persönliche Bekanntschaft sollte ich noch am gleichen Abend machen. Durch Zufall fand sich da im Wirtshaus eine kleine, fidele Gesellschaft zusammen: der Förster, zwei Jagdgehilfen, der Lehrer und ein junger Postpraktikant, der virtuos die Mundharmonika blies. Und als man zu tanzen anfing, meinte die Kellnerin: »Schad, daß der Purzelbamer net da is!« Sie hatte das kaum ausgesprochen, da klang draußen im Hausflur ein gellender Juhschrei, die Stubentüre wurde mit Gerassel aufgestoßen, und etwas Dickes, Fettes, Fleischiges, das nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einem proportionierten Menschen hatte, schlug sich mit drei Rädern über die Schwelle herein. Dann stand ein Kerl vor mir, wie ein großmächtiger Gummiball mit Armen und Beinen, das zinnoberrote Vollmondgesicht behangen mit hundert Schweißperlen, die in der Lampenhelle genau so funkelten wie die kleinen, zwischen Fett versunkenen Augen.

Während der Jérobam die Runde um den Tisch machte und jedes Krügl leerte, das ihm als Willkomm gereicht wurde, schwatzte er lachend ein Register von drolligen Redensarten herunter, denen es anzumerken war, daß sie der Christl Überacker bei ähnlichen Gelegenheiten schon zu hundertmalen gesagt hatte. Erst tat er noch einen tüchtigen Zug aus dem eigenen Maßkrug, den ihm die Kellnerin brachte – dann warf er die Joppe von den Schultern, lockerte die Hosenträger, spuckte in die Hände, packte die Wirtstochter und fing ein Tanzen an, wie ich das im Leben ein zweitesmal nicht mehr gesehen habe. Dieses Stampfen und Schnackeln, dieses Pfeifen und Schnalzen, Drehen und Platteln, Schwingen und Wiegen, das alles war anders, wie es andere machen – alles verdoppelt und verdreifacht an Übermut und Flinkheit, an Wildheit und Rasse, an Feuer und Schwung. Dazu immer wieder ein Rad und Purzelbaum, ein tischhoher Sprung und ein Sohlenschlag an die Stubendecke. Die Lebensfreude schien irrsinnig geworden, bevor sie diesem Menschen ins Blut und in die Knochen gefahren war. Und wie er mit dem ganzen, kugelrunden Körper immer in der Luft gaukelte, immer mit dem Kopf nach unten oder hinten, immer mit den Beinen in der Höhe – das war wie eine Negation der Schwerkraft, wie ein Widerspruch gegen alles, was menschliche Bewegung heißt. Bei einem schlanken, gut gewachsenen Menschen hätte man solche Gelenkigkeit in allem Ernst bewundern müssen. Aber dieser wirbelnde, springende, ruhelose Fettballon wirkte mit einer Komik, daß man Tränen lachte.

Als es auf zwölf Uhr ging, waren die beiden Wirtstöchter, die Kellnerin und das Küchenmädel schon ›firti‹, wie der Jérobam sagte – atemlos, mit erschöpften, glühenden Gesichtern hockten die vier Weibsleute auf der Ofenbank. Aber der ›Purzelbamer‹ tanzte und purzelte solo noch immer weiter, pfiff, daß es in den Ohren gellte, schrie und jauchzte, daß die Fensterscheiben klirrten, und schrieb mit den Schuhnägeln unverdrossen das Lied seiner wilden Kraft und Lebenslust an die Stubendecke.

Um zwei Uhr ging ich zu Bett. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Meine Kammer lag gerade über der Wirtsstube – und das Gedudel da drunten wollte kein Ende nehmen. Und sooft die genagelte Sohle des Purzelbaumer gegen die Decke schlug, machte mein Bett den Hupf des Jérobam mit.

Als der Morgen graute, bekam ich endlich Ruhe. Vom Hof herauf konnte ich noch die laute, fette Stimme des ›Purzelbamer‹ hören, der zum Förster sagte: »Jetzt muaß i aber flink auf'n Dürrkogl auffi, für'n Forstmoastr an Gamsbock ausmachen!« Er lachte. »Sakra! Sakra! Heut war's wieder amal fein!«

Das war – für mich – das letzte Wort des Jérobam.

Fünf Jahre später kam ich wieder nach Klausen. Aber da gab's keinen Christl Überacker mehr. Von dem wilden, nimmersatten Tänzer war nur noch ein kleiner grüner Hügel übrig, mit einem hölzernen, von Schnee und Stürmen schief gedrückten Kreuzlein drauf – und dazu die Geschichte einer grotesken Stunde, halb schauerlich, halb lustig bis zum Übermut.

Wer nur immer von dem Toten redete, fing zu lachen an. Und der Förster erzählte mir ausführlich die Geschichte von den letzten Purzelbäumen des Jérobam. –

Ein grimmiger Winter war über die Berge gefallen. Zwei Meter hoch lag der Schnee im Tal. Und droben noch höher. Von der Windecker Leite, wo der Christl hauste, konnten sie an Weihnachten nimmer zur Mette herunter. Und die weiße Mauer zwischen dem Dorf herunten und der Einöd da droben wuchs noch mit jeder Woche.

Bis zum 14. Jänner hatte sich der Jérobam Tag für Tag durch den Schnee bis zum Futterstadel gearbeitet, um dem Hochwild das Heu vorzuwerfen. An diesem Vierzehnten kam er abends heim, in Schweiß gebadet, schauernd bis in die Knochen. Der Eckerbauer, bei dem der Christl hauste, kannte sich gleich aus. »Der hat 's Lumplfieber.« Das heißt: die Lungenentzündung. In der Nacht verlor der Jérobam das Bewußtsein – und da mußten sie ihm mit Stricken das Federbett über den Körper binden, weil der Christl in seinen Fieberträumen im Klausener Wirtshaus zu sein glaubte und immer mit den Füßen an die Decke wollte. Am Morgen lag er ganz still und schwatzte mit leiser Stimme dummes Zeug vor sich hin. Den Doktor zu holen, das war bei dem zwei Meter tiefen Schnee ein Ding der Unmöglichkeit. Und gegen Abend fing der Jérobam unter dem Federbett wieder zu tanzen an. Sieben Nächte tanzte er mit dem Tod. Dann war der Christl ›firti‹ – und der andere, der Unermüdliche, der seit Jahrmillionen die Erschöpfung nicht kennenlernte, tanzte weiter – für sich allein.

Den Jérobam, der das Springen aufgegeben hatte, nähten sie dick und fest in Sackleinwand, schnallten ihn mit ledernen Riemen auf ein schweres Lärchenbrett und legten den zahmgewordenen Tänzer in die Scheune – damit die Leiche gefrieren und sich erhalten sollte bis zum Frühling.

Dann ging auf der Windecker Leite das harte, stille Leben zwischen den weißen Schneemauern ruhig weiter – bis es März wurde.

Föhnstürme fielen ein. Und der kalte Schläfer auf dem Lärchenbrett begann in der Wärme langsam aufzutauen.

Da mußte man den Christl Überacker hinuntertragen zum Friedhof.

An einem himmelblauen Sonntagsmorgen nahmen der Eckerbauer, sein alter Knecht und die beiden Nachbarn das schwere Lärchenbrett auf die Schultern. Während sie den Jérobam trugen, beteten sie den Rosenkranz. Und schwitzten. Denn es war ein harter Weg. Je weiter sie hinunterkamen in den Wald, desto tiefer und zäher wurde der ungebahnte Schnee. Sie suchten, um es leichter zu haben, eine baumfreie Rinne auf. Aber da trat der alte Knecht unter dem Schnee auf eine Eisplatte und rutschte. Auch die anderen verloren das Gleichgewicht und ließen das Brett mit dem Christl fallen.

»Jöises, halts 'n auf!« schrie der Eckerbauer; aber das Brett fing schon zu gleiten an, schneller und immer schneller. »Mar' und Josef! A so an Unglück! Der derfallt si! Jöises, der tuat si an Schaden!«

Zu vieren sprangen sie durch die Schneerinne hinunter. Aber der Jérobam war flinker als sie alle. Das wurde eine heiße Jagd. Bei einer Wendung der Rinne meinte der Eckerbauer den flinken Christl haschen zu können. Doch da fuhr das Brett mit dem Fußende gegen einen Baumstock, überschlug sich, stellte sich auf den Kopf und machte einen Purzelbaum um den andern. Schreiend, wie besessen, rannten und schlitterten die vier Leute hinter dem tollgewordenen Christl her – bis der alte Knecht, dem der Atem ausging, einen verständigen Einfalt hatte: »Bal 'r 's net anders tuat, so laßts 'n halt hupfen, in Herrgottsnamen!« Und der Eckerbauer, nach allem Schrecken, fing zu lachen an: »Der woaß, was 'r tuat! Meintwegen! Müassen mer eahm sei' letzte Freud halt lassen! . . . Hupf zua, Christl! Hupf zua! Und tanz meintwegen, wia d' magst!«

Durch dieses Wort war alle herkömmliche Ehrfurcht vor dem Tode auf den Kopf gestellt. Lachend standen die vier Männer bis an die Hüften im Schnee und guckten mit Wohlgefallen zu, wie der Jérobam seine Räder schlug. Und je tollere Sprünge der Christl machte, um so lustiger schrien die viere hinter ihm her, mit Gelächter und Jauchzen: »Hupf auf! Hoppsala! Sakra! Dösmal hat 'r aber an Satz gmacht! Da hätt 'r auffigroacht auf d' Stubendecken! . . . Jöises, Jöises, völli narret is 'r! So an Urviech! Schaugts'n nur an! Was für Sprung als 'r macht! . . . He! Hoppsala! Hupf auf! Hupf auf!«

Und der Jérobam – als hätte er noch hörende Ohren für diese fidele Anerkennung, und als wäre sein Ehrgeiz wach und lebendig geworden – der Jérobam lupfte die Beine zum Himmel und begann ein Räderschlagen, wie er es auch in seiner übermütigsten Stunde im Klausener Wirtshaus nie getrieben hatte. Erst auf den glatten Schneeflächen der Wiesengehänge stellte er das tolle Springen ein – aber zum Beweise, daß er noch lange nicht ›firti‹ wäre, rodelte er schön lustig auf seinem Lärchenbrett über den Schnee hinunter bis zu den Häusern.

Die viere, die sich die Lachtränen aus den Augen wischten, hatten eine halbe Stunde bis an die Brust im Schnee zu waten, um den rastenden Christl wieder einzuholen. Und im Dorfe merkten die Leute gleich, daß der Eckerbauer und seine Kameraden nichts Trauriges getragen brächten. Mit Gekicher begannen die viere zu erzählen, und bis sie den Christl Überacker zum Forsthaus brachten, hatte sich eine lachende Geleitschaft hinter dem Lärchenbrett zusammengefunden. In der Scheune des Försters wurde das dicke Schneepflaster vom ›Purzelbamer‹ abgeklopft – und wer an die Sackleinwand fühlte, glaubte zu bemerken, es wären dem Christl die steifen Glieder, mit denen er die Windecker Leite verlassen hatte, beim Tanze locker und biegsam geworden. Doch im Tal, in dem es um drei Uhr schattete, gab's einen kalten Abend. Und über Nacht war der ›Jérobam Purzelbamer‹ wieder fest gefroren.

Am Morgen läuteten die Glocken. Und die Musikanten der Feuerwehr trompeteten einen Trauermarsch. Aber zu Klausen hat es seit Menschengedenken keine ›Leich‹ gegeben, bei der die Leute so wenig traurig waren. Sie konnten, trotz Litanei und Vaterunser, an nichts anderes denken als an die lustigen Purzelbäume des Jérobam.

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