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Erasmus von Rotterdam: Gespräche - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorErasmus von Rotterdam
titleGespräche
publisherBenno Schwabe u. Co
editorHans Trog
year1936
translatorHans Trog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140205
projectid8b2d8c03
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Das Wallfahren

Menedemus · Ogygius

Menedemus. Was Tausend! Sehe ich da nicht meinen Nachbar Ogygius, der schon seit sechs Monaten niemand mehr zu Gesicht gekommen ist? Es hieß, er sei gestorben. Aber er ist's wahrhaftig, wenn ich nicht völlig träume. Ich will doch zu ihm hingehen und ihn grüßen. Sei gegrüßt, Ogygius! Ogygius. Gleichfalls, Menedemus. Menedemus. Welches Land hat dich uns heil wiedergeschenkt? Es ging nämlich hier das böse Gerücht, du hättest die Fahrt über die stygischen Gewässer angetreten. Ogygius. Ich bin, dem Himmel sei Dank, inzwischen so gesund gewesen wie kaum je zuvor. Menedemus. Möchtest du stets eitles Gerede in dieser Weise Lügen strafen! Aber was hast du denn für Schmuck an? Du bist ja besät mit Muscheln und überall bedeckt mit zinnernen und bleiernen Bildlein und aufgeputzt mit strohgeflochtenen Ketten, und am Arm hast du Schlangeneier Den Vergleich der Rosenkranzkugeln mit Schlangeneiern wird man verstehen.. Ogygius. Ich habe den heiligen Jakobus in Campostella besucht und dann, von dort heimgekehrt, die bei den Engländern hochberühmte Jungfrau Maria beim Meere Diese Virgo Parathalassia ist die Muttergottes von Walsingham.. Diese habe ich vielmehr neuerdings besucht, denn ich war schon vor drei Jahren dort. Menedemus. Aus Herzensneigung, nehme ich an. Ogygius. Ja, aus Andacht. Menedemus. Ich denk', diese Frömmigkeit haben dich die griechischen Autoren gelehrt. Ogygius. Die Mutter meiner Frau hatte das Gelübde getan: wenn ihre Tochter einen Knaben gebären werde, so solle ich den heiligen Jakob in eigener Person begrüßen und ihm dafür danken. Menedemus. Hast du den Heiligen nur in deinem und deiner Schwiegermutter Namen begrüßt? Ogygius. Im Namen der ganzen Familie. Menedemus. Ich bin der Ansicht, es wäre deiner Familie um nichts weniger gut ergangen, wenn du den Jakobus ungegrüßt gelassen hättest. Aber, bitte sag' mir, was er auf deinen Dank geantwortet hat. Ogygius. Nichts; aber wie ich ihm meine Gabe darreichte, schien er zu lächeln und leicht mit dem Kopfe zu nicken; zugleich hielt er mir diese Muschelschale hin. Menedemus. Warum schenkt er dergleichen lieber als etwas anderes? Ogygius. Weil er daran Überfluß hat bei der Nähe des Meeres. Menedemus. O was für ein gütiger Heiliger, der einerseits den Gebärenden Hebammendienste leistet, andrerseits um die Fremden sich bemüht! Aber ist denn das eine neue Art Gelübde, daß ein Müßiger anderen die Arbeit aufladet? Wenn du dich durch ein Gelübde verpflichtetest, ich werde für den Fall, daß dein Vorhaben gut ausfalle, zweimal in der Woche fasten, glaubst du, daß ich das tun würde, was du gelobt hast? Ogygius. Ich glaube es nicht, selbst wenn du in deinem eigenen Namen es gelobt hättest. Denn dir macht es Spaß, den Heiligen etwas um den Mund zu schmieren. Aber hier handelt es sich um meine Schwiegermutter; da hieß es gehorchen. Du kennst die Begehren der Frauen, und auch mir war daran gelegen. Menedemus. Wenn du das Gelübde nicht gehalten hättest, was für eine Gefahr wäre dabei gewesen? Ogygius. Der Heilige konnte mich allerdings nicht vor Gericht fordern, das ist richtig; aber er konnte künftighin gegenüber meinen Wünschen taub sein oder in aller Stille irgend ein Unheil über meine Familie schicken. Du kennst die Art der großen Herren. Menedemus. Sag' mir: wie steht's und geht's mit dem vortrefflichsten Manne Jakobus? Ogygius. Weit schlechter als früher. Menedemus. Woher kommt das? Von Altersschwäche? Ogygius. Du Schwätzer! Du weißt doch, daß die Heiligen nicht alt werden. Aber dieser neue Glaube, der sich weithin über den Erdkreis verbreitet, bewirkt, daß er weniger häufig als sonst begrüßt wird; und wenn Leute kommen, so grüßen sie nur, geben aber nichts oder nicht der Rede wert, mit der Bemerkung, dieses Geld werde besser den Armen zugewendet. Menedemus. Ein gottloser Glaube! Ogygius. So kommt es, daß ein so großer Apostel, der ganz von Edelsteinen und Gold zu funkeln pflegte, jetzt hölzern dasteht; kaum eine Unschlittkerze hat er. Menedemus. Wenn das, was ich da höre, wahr ist, so droht Gefahr, daß es den anderen Heiligen ebenso ergehe. Ogygius. Es wird ja ein Brief herumgetragen, den über diese Dinge die Jungfrau Maria selbst geschrieben hat. Menedemus. Welche Maria? Ogygius. Die, welche den Zunamen vom Steine hat. Menedemus. Im Land der Rauraker, wenn ich mich nicht täusche? Der Wallfahrtsort Mariastein bei Basel. Ogygius. Ja diese. Menedemus. Von einer steinernen Heiligen redest du mir also da. Aber an wen hat sie geschrieben? Ogygius. Den Namen gibt der Brief an. Menedemus. Und durch wen ist er geschickt worden? Ogygius. Zweifelsohne durch einen Engel, der das Schreiben auf die Kanzel legte, von wo aus der zu predigen pflegt, an den der Brief gerichtet ist. Und damit du nicht einen Betrug mutmaßest, sollst du das Autogramm sehen. Menedemus. So kennst du die Handschrift des Engels, der der Jungfrau für ihre Briefe zu Diensten steht? Ogygius. Warum nicht? Menedemus. Über was für ein Beweismittel verfügst du denn? Ogygius. Ich habe die Grabschrift des Beda gelesen, die von einem Engel eingegraben ist: die Formen der Buchstaben stimmen durchgehend überein. Ich las auch die dem heiligen Aegidius gesandte Handschrift: es stimmt ebenfalls. Sind das nicht Beweise genug? Menedemus. Kann man das Schreiben sehen? Ogygius. Man kann, wenn du heilig beschwörst, du werdest Schweigen bewahren. Menedemus. Oh du könntest es ebensogut einem Stein erzählen. Ogygius. Die Steine stehen auch in dem schlechten Ruf, daß sie nichts verheimlichen Nämlich die Probiersteine, an denen die Metalle auf ihre Echtheit geprüft werden.. Menedemus. So sprich denn zu einem Stummen, wenn du einem Stein zu wenig traust. Ogygius. Unter dieser Bedingung will ich den Brief lesen. Spitz' deine beiden Ohren! Menedemus. Ich hab' sie gespitzt. Ogygius. »Maria, die Mutter Jesu, grüßt den Glaucoplutus. Wisse, daß du, indem du als Jünger Luthers nachdrücklich ans Herz legst, die Anrufung der Heiligen sei überflüssig – daß du mir damit einen guten und großen Dienst erwiesen hast. Denn vorher wurde ich durch die gottlosen Anrufungen der Menschen beinahe getötet. Von mir, der einzigen, wurde alles verlangt, als wäre mein Sohn noch immer ein kleines Kind, das auf jeden Wink der Mutter achten und nicht wagen würde, dem Bittenden etwas zu versagen, aus Furcht, ich könnte, wenn es eine Bitte verweigerte, meinerseits ihm, dem Dürstenden, meine Brust verweigern. Und zuweilen erbitten sie von der Jungfrau Dinge, die ein anständiger Jüngling kaum von einer Kupplerin zu erbitten wagte und die ich mich schämen würde niederzuschreiben. Dann wieder vertraut mir ein Kaufherr, der Gewinnes wegen nach Spanien sich einschiffen will, die Keuschheit seiner Maitresse an. Und eine Gott geweihte Jungfrau, die den Schleier abgeworfen hat und sich zur Flucht anschickt, gibt bei mir den Ruf ihrer Jungfräulichkeit in Verwahrung, den sie selbst preiszugeben sich anschickt. Ein gottloser Soldat, der zur Blutarbeit gedungen ist, ruft mich an: Heilige Jungfrau, gewähr' mir fette Beute! Ein Spieler bittet: Sei mir günstig! ein Teil des Gewinns soll dir zufallen. Fällt dann der Würfel nicht recht günstig, so schmähen und verwünschen sie mich, weil ich ihrer Schlechtigkeit nicht beigestanden habe. Das Weib, das einem schimpflichen Gewerbe nachgeht, bittet mich um einen reichen Ertrag. Schlag' ich etwas ab, gleich geben sie ihren Unwillen kund: Du bist also keine Mutter der Barmherzigkeit. Andere Bitten sind dann weniger gottlos als töricht. Da ruft eine Ledige: Maria, gib mir einen schönen und reichen Mann! Eine Verheiratete bittet um hübsche Kinderchen. Eine Schwangere fleht um eine leichte Geburt. Ein Alter ruft: Laß mich lange leben ohne Husten und Durst. Ein hirnschwacher Greis bittet: Laß mich wieder jung werden. Ein Philosoph ruft: Laß mich unlösbare Knoten knüpfen. Ein Priester: Bescher' mir eine fette Pfarrei. Ein Schiffer: Gib mir eine glückliche Fahrt. Ein Oberster: Zeige mir deinen Sohn, bevor ich sterbe. Ein Höfling: Laß mich in der Stunde des Todes wahr beichten. Ein Bauer: Schick' Regenwetter. Und die Bäuerin: Bewahr' mir das Klein- und Großvieh gesund. Verweigere ich irgend was, gleich bin ich grausam. Verweise ich sie an meinen Sohn, so hör' ich die Entgegnung: Was du willst, will auch er. So soll ich einziges Weib und Jungfrau sorgen für die Schiffer und Krieger und Kaufleute, die Spieler, die Heiratslustigen, die Gebärenden, die Fürsten und Könige und Landleute. Und das Gesagte ist nur der kleinste Teil von dem, was ich zu erdulden habe. Mit all diesen Geschäften werde ich jetzt weit weniger behelligt, und dafür würde ich dir den heißesten Dank sagen, wenn nicht dieser Vorteil einen noch größeren Nachteil nach sich zöge: wohl ist meine Muße größer, dafür sind aber auch die Ehren kleiner und die Einkünfte. Einst wurde ich begrüßt als Himmelskönigin, als Herrin der Welt; jetzt höre ich kaum von einigen wenigen: Ave Maria. Einst war ich in Edelsteine und Gold gekleidet; ich hatte Überfluß an Kleidern zum Wechseln an Festtagen. Gaben in Gold und Edelstein wurden dargebracht. Heute bin ich kaum mit einem halbierten kleinen Mantel bedeckt, und der ist von den Mäusen zerfressen. Die Jahreseinkünfte aber sind derart, daß ich nur einen armseligen Küster ernähren kann, der das Lämpchen oder die Unschlittkerze anzündet. Und das alles könnte noch ertragen werden, wenn es von dir nicht hieße, daß du noch Größeres im Schilde führst. Wie sie sagen, zielst du dahin, daß du, was nur von Heiligen da ist, aus den Gotteshäusern vertreiben willst. Siehe doch ja genau zu, was du da tust! Den anderen Heiligen fehlt es nicht an Mitteln, dies Unrecht zu strafen. Der aus der Kirche herausgeworfene Petrus kann dir seinerseits dann die Himmelstür zuschließen. Paulus hat ein Schwert, Bartholomäus ist mit einem Messer bewaffnet, der heilige Wilhelm ist unter seinem Mönchskleid ganz gepanzert und trägt eine schwere Lanze. Und was willst du erst gegenüber dem Georg anfangen, dem schwergerüsteten Ritter, der einen Spieß und ein furchtbares Schwert mit sich führt? Auch Antonius ist nicht waffenlos, er hat das »heilige Feuer« Auch Antoniusfeuer genannt, eine schlimme epidemische Krankheit, gegen die das Gebet zum heiligen Antonius als besonders wirksam galt.. Auch die anderen haben ihre Waffen oder Plagen, die sie, wenn sie wollen, schicken. Mich aber, die ich zwar ungewaffnet bin, wirst du doch nicht herauswerfen, außer du müßtest zugleich auch meinen Sohn herauswerfen, den ich im Schoß halte. Von ihm lasse ich mich nicht wegreißen. Entweder wirst du also ihn mit mir austreiben, oder du mußt beide behalten, du müßtest denn eine Kirche ohne Christus haben wollen. Das wollte ich dir zu wissen tun. Überleg' dir wohl deine Antwort. Denn die Sache liegt mir sehr am Herzen. Gegeben in unserm steinernen Hause. Am 1. August im Jahr der Marter meines Sohnes 1524. Ich, die steinerne Jungfrau, habe dies mit eigener Hand unterschrieben«. Menedemus. Fürwahr ein drohender, furchtbarer Brief. Er wird, denk' ich, dem Glaucoplutus zur Warnung dienen. Ogygius. Wenn er Verstand hat. Menedemus. Warum hat denn nicht auch der beste Jakobus über diese Sache ihm geschrieben? Ogygius. Ich weiß es nicht, es müßte denn sein, weil er weiter entfernt ist und in diesen Zeitläuften alle Briefe aufgefangen werden. Menedemus. Aber sag', welch ein Gott hat dich nach England zurückgeführt? Ogygius. Ein wunderbar günstiger Wind lud zur Fahrt dahin ein, dann hatte ich auch der heiligen parathalassischen Jungfrau so ziemlich versprochen, nach zwei Jahren sie wieder zu besuchen. Menedemus. Was wolltest du von ihr erbitten? Ogygius. Nichts besonderes, nur jene gewöhnlichen Dinge: eine gesunde Familie, größeren Besitz, ein langes und fröhliches Leben in dieser Zeitlichkeit und die ewige Glückseligkeit im Jenseits. Menedemus. Konnte all das die Muttergottes bei uns nicht auch gewähren? Sie besitzt in Antwerpen einen weit erhabeneren Tempel als in Walsingham. Ogygius. Ich stelle nicht in Abrede, daß sie das vermöchte, aber es ist nun einmal so, daß sie an verschiedenen Orten Verschiedenes spendet, sei es, daß es ihr so gut zu sein scheint, sei es, daß sie, gütig wie sie ist, sich hierin unseren Neigungen anpaßt. Menedemus. Vom Jakobus habe ich häufig erzählen hören; aber das Reich jener parathalassischen Jungfrau bitte ich dich mir zu schildern. Ogygius. Ich will's mit möglichst kurzen Worten versuchen. Ihr Name ist hochberühmt durch ganz England hindurch, und nicht leicht würdest du auf der Insel Einen finden, der seinen Angelegenheiten gutes Gelingen wünscht und dafür nicht jedes Jahr die Heilige mit irgend einer Gabe, je nach seinem Vermögen, begrüßt. Menedemus. Wo ist sie zu Haus? Ogygius. An der äußersten Grenze Englands, zwischen Westen und Norden, nicht weit vom Meere, ungefähr dreitausend Schritte. Es ist ein Dorf, das kaum von etwas anderem lebt als von der Menge der Besucher. Es ist da ein Kollegium von Kanonikern, denen aber von den Lateinern der Zuname der Regulären beigefügt wird, ein Mittelding zwischen Mönchen und Kanonikern, die sie Weltgeistliche nennen. Menedemus. Du schilderst ja Amphibien von der Art wie der Biber. Ogygius. Oder auch das Krokodil. Aber Scherz beiseite, ich will dir mit drei Worten erklären, was du wissen willst. Wo sich's um Unangenehmes handelt, da sind sie Kanoniker, wo aber um Angenehmes, Mönche. Menedemus. Du gibst mir noch immer ein Rätsel auf. Ogygius. Ich will dir's mathematisch beweisen. Wenn der Papst in Rom alle Mönche mit seinem Bannstrahl träfe, dann würden sie sich als Kanoniker, nicht als Mönche ausgeben. Gestattete aber derselbe allen Mönchen, eine Frau zu nehmen, dann würden sie Mönche sein. Menedemus. O über diese neuen Vergünstigungen! möchten sie doch auch mein Weib mitnehmen! Ogygius. Doch zur Sache. Dieses Kollegium verfügt kaum über andere Einkünfte als über das der Jungfrau Gespendete. Denn die großen Geschenke werden verwahrt; was aber von Gold eingeht oder von geringerem Werte, das dient zum Unterhalt der Mönchsschar und ihres Vorgesetzten, den sie Prior nennen. Menedemus. Ist ihr Leben fromm? Ogygius. Man darf es loben, sie sind reicher an Frömmigkeit als an Jahreseinkommen. Die Kirche ist schmuck und zierlich; doch wohnt in ihr nicht die heilige Jungfrau, sondern sie hat sie ehrenhalber ihrem Sohne abgetreten. Sie hat ihren eigenen Tempel, und zwar so, daß sie den Sohn zur Rechten hat. Menedemus. Zur Rechten? Wohin schaut denn der Sohn? Ogygius. Deine Frage ist berechtigt. Wenn er nach Westen schaut, hat er die Mutter zur Rechten, wendet er sich nach Sonnenaufgang, so ist sie zur Linken. Doch wohnt sie noch nicht da; denn noch ist das Gebäude nicht vollendet, und der Wind kann überall herein, denn Fenster und Türen stehen noch offen, und der Ozean ist in der Nähe, der Vater der Winde. Menedemus. Das ist recht hart; wo hat sie denn ihre Unterkunft? Ogygius. In diesem noch unvollendeten Tempel; es ist ein enges Kapellchen, aus Brettern gezimmert, auf beiden Seiten durch ein schmales Türlein den Andächtigen Einlaß gewährend. Das Licht ist nur schwach; es besteht fast einzig aus Wachskerzen; ihr Geruch ist für die Nase der angenehmste. Menedemus. All das entspricht der Andacht. Ogygius. Wenn du hineinblickst, Menedemus, so könntest du meinen, es sei der Sitz der Götter, so glänzt alles von Edelsteinen, Gold und Silber. Menedemus. Du reizest mich, dorthin zu gehen. Ogygius. Die Reise würde dich nicht reuen. Menedemus. Gibt es dort kein heiliges Öl? Ogygius. Du Tor! Solches Öl schwitzen ja nur die Gräber der Heiligen aus, wie z. B. die des Andreas und der Katharina. Maria aber ist nicht begraben worden. Menedemus. Es ist richtig, ich hab' mich getäuscht. Aber beendige deine Erzählung. Ogygius. Damit sich die Andacht um so breiter ausdehne, wird an verschiedenen Orten Verschiedenes gezeigt. Menedemus. Vielleicht auch, damit die Gaben um so reichlicher fließen, nach jenem Dichterwort, daß die Beute durch viele Hände rasch anwächst. Ogygius. Es sind auch immer Führer zu den Heiligtümern da. Menedemus. Kanoniker? Ogygius. Nein; diese werden nicht zugelassen, damit sie nicht durch der Andern Andacht der eigenen entfremdet werden und, während sie auf die reine Jungfrau achten, zu wenig an ihre Keuschheit denken. Nur im Innersten der Kapelle, sozusagen im Gemach der heiligen Jungfrau, steht am Altar ein Kanoniker. Menedemus. Wozu? Ogygius. Damit er das, was geschenkt wird, in Empfang nehme und aufbewahre. Menedemus. Geben auch die, welche keine Lust dazu haben? Ogygius. Keineswegs; immerhin nötigt gewisse Leute die fromme Scham, etwas zu geben, wenn jemand dabeisteht, während sie nichts geben würden, wenn kein Zeuge da wäre; oder sie schenken auch etwas reicher, als sie es sonst getan hätten. Menedemus. Du kennst die menschliche Art, die auch ich erprobt habe. Ogygius. Gewisse Leute sind aber der heiligsten Jungfrau so ergeben, daß sie, während sie dergleichen tun, ein Geschenk auf den Altar zu legen, mit erstaunlicher Geschicklichkeit das wegstipitzen, was ein anderer hingelegt hatte. Menedemus. Wenn nun niemand dabeistände, würde dann die Jungfrau nicht augenblicklich auf solche Menschen den Blitz herabsenden? Ogygius. Warum sollte das die Jungfrau eher tun als der himmlische Vater, den sie sich nicht scheuen, seines Schmuckes zu entblößen, nachdem sie sogar die Mauern von Kirchen durchbrochen haben? Menedemus. Ich weiß nicht recht, was ich mehr bewundern soll, die gottlose Zuversicht jener oder Gottes Langmut. Ogygius. An der Nordseite also ist eine Türe, nicht, damit aller Irrtum ausgeschlossen ist, an der Kirche, sondern in der Mauer, welche den ganzen Tempelbezirk abschließt. Diese Türe hat ein ganz kleines Pförtchen, wie wir es an den großen Portalen der Vornehmen sehen, so daß, wer eintreten will, zuerst sein Schienbein der Gefahr aussetzen und dann den Kopf bücken muß. Menedemus. Sicher würde es gewiß nicht sein, durch ein solches Türlein zu einem Feinde einzudringen. Ogygius. Da hast du ganz recht. Der Führer erzählte uns, es sei einst ein Rittersmann auf dem Pferd durch diese Tür den Händen des Feindes entronnen, der dem Fliehenden schon auf den Fersen war. Der Unglückliche, an seiner Rettung verzweifelnd, vertraute sein Heil der heiligen Jungfrau an, die in der Nähe war. Denn an ihren Altar zu fliehen hatte er beschlossen, wenn die Tür offen stände. Und siehe da: das Unerhörte geschah. Auf einmal war der ganze Ritter innerhalb der Tempelmauern, während der Feind vergebens draußen tobte. Menedemus. Machte der Erzähler seinen wunderbaren Bericht glaubwürdig? Ogygius. Im höchsten Grade. Menedemus. Das war doch bei dir, dem Philosophen, keine sehr leichte Sache. Ogygius. Er wies uns an der Tür auf eine angenagelte Kupferplatte hin, die das Bild des geretteten Ritters zeigte in dem Kostüm, das damals die Engländer trugen und das wir auch auf älteren Malereien sehen. Wenn diese Darstellungen nicht lügen, so hatten damals die Haarschneider und die Tuchweber und -färber schlimme Zeiten. Menedemus. Warum das? Ogygius. Weil der Ritter einen Bart trug nicht anders als eine Ziege, und sein ganzes Kleid warf keine Falte und war so um gar nichts weiter als der Körper, daß es durch sein enges Anliegen den Körper selbst schmäler machte. Es war noch eine andere Tafel da, welche Gestalt und Größe des Heiligtums anzeigte. Menedemus. Da war allerdings ein Zweifel nicht mehr erlaubt. Ogygius. Unter dem Türlein war ein eisernes Geflecht, das nur einem Fußgänger den Eintritt gewährte. Es würde sich ja nicht ziemen, daß ein Pferd nach jenem den Ort beträte, das der frühere Ritter der Jungfrau geweiht hatte. Menedemus. Ganz mit Recht. Ogygius. Von hier nach Osten ist eine Kapelle voll Wundersachen. Ich begab mich dahin. Ein anderer Führer empfing uns. Dort beteten wir ein Weilchen. Dann wurde uns das Glied eines menschlichen Fingers gezeigt, des größten der Hand. Ich küßte ihn und fragte darauf, wem diese Reliquie angehöre. Dem heiligen Petrus, antwortete er. Dem Apostel? fragte ich. Er bejahte. Wie ich nun die Größe des Gliedes betrachtete, die auf einen Riesen hätte schließen lassen, sagte ich: Petrus muß ein Mann von außergewöhnlicher Größe gewesen sein. Auf dieses Wort hin brach einer von meinen Begleitern in lautes Gelächter aus, was mir sehr unangenehm war. Denn hätte er geschwiegen, so würde uns der Küster nichts von all dem Übrigen vorenthalten haben. Immerhin haben wir ihn so gut als möglich besänftigt, indem wir ihm einige Geldstücke gaben. Vor der Kapelle war ein Vorbau, von dem er erzählte, er sei zur Winterszeit, als der Schnee alles bedeckte, plötzlich von weither dahin getragen worden. Unter diesem Dache sind zwei bis zum Rande volle Behälter; es heißt, das sei eine der heiligen Jungfrau geweihte Quellader; das Wasser ist wunderbar kalt und wirksam bei Kopf- und Magenweh als Heilmittel. Menedemus. Wenn kaltes Wasser die Schmerzen des Kopfes und Magens heilt, dann wird auch Öl das Feuer löschen. Ogygius. Es ist ein Wunder, von dem du da hörst, mein Guter: wäre es etwa ein Wunder, wenn das kalte Wasser den Durst stillte? Menedemus. Das wär' also der eine Teil der Fabel. Ogygius. Sie behaupten, diese Quelle sei plötzlich auf Geheiß der heiligsten Jungfrau aus der Erde emporgesprungen. Wie ich alles genau mir ansah, fragte ich, wie viel Jahre es her sei, seit jenes Häuslein hierher herübergebracht worden sei. Er sagte: einige Jahrhunderte. Die Wände hätten eben nichts Altes an sich, warf ich ein. Er widersprach nicht. Auch die hölzernen Säulen nicht, fügte ich bei. Er gab zu, sie seien neuerdings aufgerichtet worden. Und das ergab der Augenschein. Auch die Stroh- und Rohrbedeckung des Dachs scheine jüngeren Datums zu sein, fuhr ich fort. Er stimmte bei. Auch die Querbalken da, sagte ich weiterhin, und die Latten, welche das Strohdach stützen, scheinen nicht vor vielen Jahren angebracht worden zu sein. Er nickte bejahend. Und als nun kein Teil des Häuschens mehr übrig war, frage ich, wieso denn feststehe, daß dieses kleine Gebäude von weither herübergetragen worden sei. Menedemus. Bitte, sag' mir, wie sich der Küster aus diesem Knäuel herausgelöst hat. Ogygius. Ohne Zögern zeigte er ein sehr altes Bärenfell, das an die Balken angenagelt ist, und er spottete nahezu über unsere Geistesträgheit, daß wir für ein so handgreifliches Beweisstück keine Augen hätten. So ließ ich mich überzeugen, und indem wir um Verzeihung baten wegen unserer Schwerfälligkeit, wandten wir uns der heiligen Milch der seligen Jungfrau zu. Menedemus. Ach, was doch die Mutter dem Sohn ähnelt! Er hat uns soviel seines Blutes auf Erden zurückgelassen, sie soviel Milch, daß es kaum zu glauben ist, sie könne von einem einzigen Weibe, das einmal geboren hat, herrühren, selbst wenn das Kind keinen Tropfen getrunken hätte. Ogygius. Dasselbe bringen sie vor in bezug auf das Kreuz des Herrn, das an so vielen privaten und öffentlichen Orten gezeigt wird, daß, wenn man die Fragmente an einen Ort zusammenbringen könnte, sie das volle Gewicht eines Lastschiffes ausmachen würden, und dabei hat der Herr doch sein Kreuz auf dem Rücken getragen. Menedemus. Scheint dir aber diese Sache nicht auch wunderbar zu sein? Ogygius. Etwas Neues könnte man es vielleicht nennen, nicht aber etwas Wunderbares, denn der Herr, der nach seinem Gutfinden diese Dinge vermehrt, ist allmächtig. Menedemus. Du erklärst das freilich mit frommem Sinn; ich fürchte nur, vieles Derartige werde bloß zum Gewinnmachen fingiert. Ogygius. Ich glaube nicht, daß der Herr sich auf diese Weise würde verspotten lassen. Menedemus. Und doch werden ja Mutter und Sohn und Vater und heiliger Geist von Gottlosen beraubt, ohne daß sie sich nur ein bißchen rühren, um durch Nicken oder durch ein Geräusch die Verbrecher abzuschrecken. So groß ist eben die himmlische Güte. Ogygius. So ist's; doch hör' das Weitere. Diese Milch wird im Hochaltar verwahrt; auf dessen Mitte befindet sich Christus, zu seiner Rechten, ehrenhalber, die Mutter. Denn die Milch repräsentiert die Mutter. Menedemus. Ist die Milch sichtbar? Ogygius. Versteht sich, sie ist in Kristall eingeschlossen. Menedemus. Sie ist also flüssig? Ogygius. Wie kann sie flüssig sein, da sie doch vor 1500 Jahren vergossen worden ist? Sie ist geronnen. Man könnte meinen, es sei zerriebene Kreide, vermischt mit Eiweiß. Menedemus. Warum zeigen sie sie denn nicht ohne Gefäß? Ogygius. Damit die jungfräuliche Milch nicht durch die Küsse von Männern befleckt werde. Menedemus. Du hast recht. Denn ich denke, es gibt da solche, welche weder einen reinen, noch einen keuschen Mund daran halten würden. Ogygius. Als uns der Führer sah, eilte er herbei, zog ein linnenes Kleid an, legte die heilige Stola über den Nacken, warf sich andächtig nieder und betete an. Dann hielt er uns die hochheilige Milch zum Kusse hin. Da fielen auch wir auf der untersten Stufe andächtig nieder, und nachdem wir zuerst Christus verehrt hatten, riefen wir die Jungfrau mit dem folgenden Gebete, das ich für diese Gelegenheit mir zurecht gelegt hatte, an: Jungfrau Mutter, die du an deinen jungfräulichen Brüsten den Herrn Himmels und der Erden, Jesum, deinen Sohn, säugen durftest, wir bitten dich, daß auch wir, gereinigt durch sein Blut, zu jener glücklichen Kindheit taubenhafter Einfalt gelangen, die, nichts wissend von Bosheit, Täuschung und Betrug, beständig die Milch der evangelischen Lehre begehrt, bis sie zum vollkommenen Manne vorwärtsschreitet, zum Maß der Vollendung Christi, dessen selige Gemeinschaft du ewiglich genießest samt dem Vater und dem heiligen Geiste. Amen. Menedemus. Fürwahr ein frommes Gebet. Was machte darauf die Jungfrau? Ogygius. Christus und Maria schienen beide mir zuzunicken, wenn mich die Augen nicht täuschten. Denn die heilige Milch schien zu hüpfen, und die Hostie glänzte etwas weißer. Inzwischen trat der Führer zu uns heran, schweigend zwar, aber eine Tafel hinhaltend, wie sie bei den Deutschen diejenigen vorweisen, welche auf den Brücken den Zoll einfordern. Menedemus. Oft genug habe ich geflucht über jene Betteltäfelchen, wenn ich durch Deutschland reiste. Ogygius. Wir spendeten einige Geldstücke, und er brachte sie der Jungfrau dar. Bald darauf erkundigte ich mich durch einen mit der englischen Sprache vertrauten Dolmetscher, einen jungen Mann von einnehmender Beredsamkeit (er hieß, wenn ich nicht irre, Robert Aldrisius Aldrisius zog schon 1507 in Cambridge die Aufmerksamkeit des Erasmus auf sich. Er wurde später Universitätsprediger in Eton und 1537 Bischof von Carlisle. Er hat sich als theologischer Schriftsteller einen Namen gemacht.) so höflich ich konnte, auf Grund welcher Beweise man wisse, daß dies die Milch der Jungfrau sei. Ich wünschte nämlich in frommem Eifer zu wissen, wie ich den Gottlosen, die über all diese Dinge spotten, den Mund stopfen könnte. Zuerst schwieg der geistliche Führer mit gerunzelter Stirn. Ich hieß meinen Dolmetscher auf der Frage zu bestehen, aber noch freundlicher. Er tat es so liebenswürdig, daß sogar eine Mutter, die eben erst Kindbetterin war, es nicht schlimm würde aufgenommen haben, wenn er sie mit solchen Worten angeredet hätte. Unser Cicerone jedoch, wie von irgend einer göttlichen Macht angetrieben, sah uns mit erstaunten, die gotteslästerliche Rede voll Grauen gleichsam verfluchenden Augen an und sprach: Wozu ist es notwendig, das zu erfragen, da Ihr doch die authentische Tafel habt? Und er schien durchaus aufgelegt, uns als Ketzer hinauszuwerfen, wenn wir nicht mit Geld den Zorn des Mannes beschwichtigt hätten. Menedemus. Was tatet ihr dabei? Ogygius. Wir? was meinst du? Wie von der Peitsche gezüchtigt oder vom Blitz gerührt schlichen wir uns davon, nachdem wir demütig für unsere Keckheit um Verzeihung gebeten hatten; denn so schickt es sich angesichts heiliger Dinge. Wir gingen von da weiter zur Kapelle, der Wohnung der heiligen Jungfrau. Wie wir dorthin gingen, erschien ein Führer von den Minoritenbrüdern und sah uns an, als kennte er uns; als wir weiter schritten, begegnete uns ein anderer, der uns auf dieselbe Weise ansah; schließlich noch ein dritter. Menedemus. Sie wollten dich vielleicht malen. Ogygius. Ich vermutete etwas ganz anderes. Menedemus. Was? Ogygius. Daß ein kirchenräuberischer Mensch irgend etwas vom Schmuck der heiligen Jungfrau habe mitlaufen lassen und nun der Verdacht auf mich gefallen sei. Wie ich daher die Kapelle betrat, wandte ich mich mit folgendem Gebet an die jungfräuliche Mutter: O du, die du einzig unter den Frauen Mutter und Jungfrau zugleich bist, glückseligste Mutter, reinste Jungfrau; jetzt besuchen wir Unreine dich, du Reine, grüßen dich und ehren dich nach Kräften mit unseren kleinen Gaben. Möge uns dein Sohn verleihen, daß auch wir in Nachahmung deiner heiligsten Sitten wert erachtet werden, durch die Gnade des heiligen Geistes den Herrn Jesum im tiefsten Innern unseres Herzens geistlich zu empfangen und den Empfangenen niemals zu verlieren. Amen. Zugleich küßte ich den Altar, legte einige Geldstücke nieder und ging weg. Menedemus. Wie verhielt sich die Jungfrau? Gab sie nicht durch Nicken ein Zeichen, daß sie dein Gebetlein erhört habe? Ogygius. Wie ich schon sagte: die Beleuchtung war unsicher, und das Muttergottesbild stand im Dunkel auf der rechten Seite des Altars. Überdies hatte mich die Rede unseres ersten Führers so herabgestimmt, daß ich die Augen nicht zu erheben wagte. Menedemus. So nahm denn deine Reise keinen freudigen Ausgang. Ogygius. Im Gegenteil einen sehr freudigen. Menedemus. Du richtest mich wieder auf; denn auch mir war das Herz in die Knie gefallen, um mit deinem Homer zu sprechen Von den »Füßen« ist bei Homer die Rede; von den Schuhen und Hosen sprechen wir.. Ogygius. Nach dem Essen kehrten wir zur Kirche zurück. Menedemus. Das wagtest du, der du unter dem Verdacht des Kirchenraubes standest? Ogygius. Mochte man mich verdächtigen, ich selbst wußte mich unschuldig. Ein gutes Gewissen kennt keine Furcht. Mich trieb die Begierde, die Tafel zu sehen, auf die uns der Führer verwiesen hatte. Nach langem Suchen fanden wir sie endlich; sie war aber so hoch oben befestigt, daß sie nicht von jedem Auge gelesen werden konnte. Meine Augen sind weder so scharf wie die des Lynkeus, noch eigentlich schwachsichtig. Ich folgte daher gleichzeitig dem lesenden Aldrisius mit den Augen, da ich selbst ihm nicht völlig getraut hätte bei einer so wichtigen Sache. Menedemus. Wurde aller Zweifel verscheucht? Ogygius. Ich schämte mich, daß ich im leisesten gezweifelt hatte, so klar war die ganze Sache vor Augen gestellt: Name, Ort, wie die Sache sich genau zugetragen hatte – kurz, nichts fehlte. Er hieß Wilhelm und stammte aus Paris, ein in allen Dingen frommer Mann, der hauptsächlich dadurch seine Andacht zeigte, daß er auf der ganzen Erde Reliquien von Heiligen zusammensuchte. Auf seinen Wanderschaften durch die meisten Länder und seinen Besuchen in Klöstern und Kirchen in aller Welt kam er endlich nach Konstantinopel. Sein Bruder war dort Bischof. Dieser machte den schon zur Rückkehr sich Rüstenden aufmerksam, es sei eine Gott geweihte Jungfrau da, welche Milch von der jungfräulichen Mutter besitze; Wilhelm werde über die Maßen glücklich sein, wenn er mit Bitten oder Geld oder durch List eine Portion davon erwerben könne. Denn all' seine bis dahin gesammelten Reliquien wollten nichts besagen im Vergleich zu dieser heiligen Milch. Wilhelm ließ nicht nach, bis er die Hälfte dieser Milch durch Bitten erlangt hatte. Mit diesem Schatz dünkte er sich reicher als Krösus. Menedemus. Warum auch nicht, und das zudem noch wider alles Hoffen. Ogygius. Er reiste stracks nach Hause; unterwegs wurde er krank. Da er Gefahr im Verzug sah, beschied er heimlich einen Franzosen zu sich, der auf der Wallfahrt sein treuester Begleiter gewesen war. Feierliches Stillschweigen legte er ihm auf und übergab ihm die Milch unter der Bedingung, daß, wenn er heil nach Hause komme, er den Schatz niederlege auf dem Altar der heiligen Jungfrau in der ehrwürdigen Kirche in Paris, die nach beiden Seiten auf die vorüberfließende Seine schaut, welcher Fluß sogar der göttlichen Jungfrau zu Ehren auszuweichen scheint. Um es kurz zu machen: Wilhelm starb. Der andere machte sich auf die Reise, da ergriff auch ihn eine Krankheit. An seinem Aufkommen verzweifelnd, übergab er die Milch einem englischen Grafen, verpflichtete ihn aber mit vielen Eiden, das zu tun, was er selbst hatte tun wollen. Der Engländer empfing die Milch und deponierte sie auf dem Altar in Anwesenheit der Kanoniker von Notre Dame, die damals Reguläre hießen, wie sie noch an der Ste. Geneviève sind. Von ihnen erbat er sich die Hälfte der Milch. Diese wurde nach England und schließlich nach Parathalassus gebracht, wohin der Geist jenen gerufen hatte. Menedemus. Sicherlich hat die Erzählung ihren hübschen festen Zusammenhang. Ogygius. Damit gar kein Zweifel mehr bestehen könnte, waren die Namen der Suffragan-Bischöfe beigeschrieben worden, welche den diese Milch nicht ohne ein kleines Geschenk Betrachtenden für so lange Sündenerlaß gewährten, als ihnen zu verleihen gestattet ist. Menedemus. Wieviel macht das aus? Ogygius. Für vierzig Tage. Menedemus. Gibt's auch in der Unterwelt Tage? Ogygius. Freilich kennen sie dort die Zeit. Menedemus. Wenn sie aber einmal das ihnen zugeteilte Maß der Sündenvergebung völlig ausgeschöpft haben, ist dann nichts mehr zum Spenden da? Ogygius. So ist's nicht; denn es strömt immer nach, was sie geben können, und gerade das Gegenteil von dem geschieht, was vom Faß der Danaiden erzählt wird. Denn dieses ist, obwohl unablässig angefüllt, immer leer; hier kannst du immerfort schöpfen, es ist niemals weniger im Faß. Menedemus. Wenn sie hunderttausend Menschen vierzig Tage gewähren, entfallen dann auf jeden einzelnen ebensoviele? Ogygius. Ja gewiß. Menedemus. Und wenn diese vor dem Essen vierzig erhalten und dann nach dem Essen wiederum vierzig fordern, wäre dann genug zum Gewähren zur Hand? Ogygius. Ja freilich, selbst wenn es in einer und derselben Stunde zehnmal geschähe. Menedemus. Ach hätt' ich doch ein solches Kästlein zu Hause; ich wünschte mir nur drei Drachmen, vorausgesetzt, daß sie so sprudelten. Ogygius. Wünsch' doch gerade, daß du ganz von Gold werdest; der Wunsch wäre gleich einträglich. Doch ich kehre zu meiner Erzählung zurück. Es war noch der folgende treuherzig fromme Beweis beigefügt: die Milch der Jungfrau, die an mehreren anderen Orten gezeigt würde, sei zwar auch verehrungswürdig, diese aber sei es noch weit mehr als die übrige, weil jene anderen Milchreliquien von Steinen abgeschabt worden seien, diese aber aus der Brust der Jungfrau selbst geflossen sei. Menedemus. Wie läßt sich das feststellen? Ogygius. Jene Jungfrau in Konstantinopel erzählte es, welche die Milch geliefert hat. Menedemus. Und ihr hat es vielleicht der heilige Bernhard mitgeteilt. Ogygius. So nehm' ich an. Menedemus. Diesem begegnete es ja im Alter, daß er Milch aus derselben Brust kostete, welche den Jesusknaben säugte. Wunderlich ist dann nur, daß er Honigmund und nicht Milchmund genannt wird. Aber wie nennt man das »Milch der Jungfrau«, was doch nicht aus ihrer Brust floß? Ogygius. Auch jene Milch floß, aber indem sie von einem Stein, auf dem die Jungfrau gerade säugend saß, aufgefangen wurde, gerann sie, worauf sie dann nach Gottes Willen vermehrt worden ist. Menedemus. Gut so. Nun mach' weiter. Ogygius. Wie wir nach alledem uns zum Weggehen rüsteten und noch hin- und herspazierten und das, was uns des Betrachtens wert schien, uns ansahen, da waren wiederum die Führer da, schielten nach uns hin, deuteten mit dem Finger auf uns, liefen herzu und wieder zurück, winkten und schienen uns anreden zu wollen, wenn sie's nur gewagt hätten. Menedemus. Beschlich dich keine Furcht? Ogygius. Im Gegenteil, ich wandte ihnen das Gesicht zu und sah sie mit lächelnder Miene an, als wollte ich sie zum Anreden auffordern. Da trat endlich einer auf uns zu und fragte, wie ich heiße. Ich sag' meinen Namen. Ob ich der sei, der vor zwei Jahren eine Votivtafel mit hebräischen Buchstaben angeheftet hätte? Ich sagte ja. Menedemus. Kannst du denn Hebräisch schreiben? Ogygius. Nicht von ferne; aber jene nennen, was sie nicht verstehen, Hebräisch. Alsbald kam, offenbar hergerufen, der Subprior Die philologischen Späßlein des Originals über diesen Titel hat sich der Übersetzer geschenkt.. Er begrüßte mich sehr höflich und erzählte, wie viele schon geschwitzt hätten, um jene Verse zu lesen, wie viele Brillen da vergebens geputzt worden seien. So oft ein alter Theologe oder ein Jurist gekommen sei, wurde er vor das Täfelchen geführt: einer meinte, es seien arabische Buchstaben, ein anderer, es seien erfundene; endlich fand sich wenigstens einer, der den Titel las. Dieser war in lateinischen Worten und Buchstaben abgefaßt, aber in Majuskeln. Es waren griechische Verse, in großen griechischen Buchstaben, welche auf den ersten Anschein hin für lateinische Majuskeln könnten gehalten werden. Auf ihre Bitten hin gab ich den Sinn der Verse lateinisch wieder in wortgetreuer Übersetzung. Obschon ich ein für diese kleine Mühe mir dargebotenes Geschenklein entschieden zurückwies mit der Bemerkung, es sei nichts so mühselig, daß ich es nicht zu Ehren der heiligsten Jungfrau mit Begierde tun würde, hieße sie mich auch Briefe von hier nach Jerusalem tragen –. Menedemus. Was braucht sie dich als Briefträger, da ihr doch zu Händen und Füßen so viel Engel bereit stehen? Ogygius. Obschon ich also das zurückwies, zog jener aus seinem Beutel ein Stückchen Holz, das von einem Balken abgesägt ward, auf dem einst die jungfräuliche Mutter stehend gesehen worden ist. Ein wundersamer Geruch bezeugte sofort, daß das ein sehr heiliges Ding sei. Nachdem ich ein so bedeutsames Geschenk gebückt und barhäuptig voll Ehrfurcht drei- oder viermal geküßt hatte, barg ich es in meinem Beutel. Menedemus. Darf ich es sehen? Ogygius. Meinetwegen schon. Nur, wenn du nicht nüchtern bist oder in der letzten Nacht dir mit deinem Weibe zu schaffen gemacht hast, so möchte ich dir eine Besichtigung nicht anraten. Menedemus. Zeig's nur, es hat keine Gefahr. Ogygius. Hier ist's. Menedemus. Wie glücklich bist du doch mit einem solchen Geschenk! Ogygius. Ja, du magst es nur wissen: ich würde dieses Spänchen Holz nicht mit allem Gold des Tejo vertauschen; ich will's in Gold fassen, doch so, daß es durch das Glas sichtbar ist. Wie mich der Subprior so andächtig dieses kleine Geschenk verehren sah, fragte er, in der Meinung, ich sei nicht unwert, daß mir auch Wichtigeres anvertraut werde, ob ich schon die Sekreta der heiligen Jungfrau gesehen hätte. Dieses Wort machte mich etwas stutzig; doch wagte ich nicht zu fragen, was unter diesen Sekreta zu verstehen sei. Denn bei so heiligen Dingen ist auch ein Straucheln der Zunge nicht gefahrlos. Ich verneinte die Frage, drückte aber meine große Lust, sie zu sehen, aus. Und schon war ich drinnen, wie vom Hauche Gottes berührt. Es wurde die eine und andere Wachskerze angesteckt: da wurde mir ein kleines Bild gezeigt, das weder durch Umfang, noch durch das Material und die Arbeit hervorragend war, dafür aber reich an innerer Kraft. Menedemus. Bei den Wundern kommt nicht viel auf die Masse an. Ich habe den Christoph in Paris gesehen, nicht nur in kolossaler Größe, sondern geradezu einem eigentlichen Berge gleich; und doch war er durch keine Wunder berühmt, soviel ich wenigstens gehört habe. Ogygius. Zu Füßen der Jungfrau befindet sich ein Edelstein, dem die Lateiner und Griechen noch keinen Namen gegeben haben; die Franzosen benannten ihn nach der Kröte, weil er die Gestalt der Kröte so wiedergibt, wie kein Künstler es besser vermöchte. Und was das Wunder noch größer macht, der Stein ist winzig, die Gestalt der Kröte aber tritt nicht hervor, sondern im Stein, in den sie gleichsam eingeschlossen ist, wird sie sichtbar. Menedemus. Vielleicht malen wir uns die Ähnlichkeit mit der Kröte nur aus, wie wir in der durchschnittenen Wurzel des Farrenkrauts einen Adler uns vormachen. Und was sahen wir als Knaben nicht in den Wolken: feuerspeiende Drachen, von Feuer glühende Berge, bewaffnete Kämpfer. Ogygius. Merk' dir nur das, daß keine lebendige Kröte sich klarer darstellt, als dies hier der Fall war. Menedemus. Bis dahin habe ich deine Geschichten ertragen; jetz aber such' dir einen anderen, dem du die Sache mit der Kröte weismachest. Ogygius. Mich wundert es nicht, Menedemus, daß du so aufgeregt bist. Auch mich hätte das niemand glauben machen können, selbst nicht, wenn der ganze Theologen-Orden es bestätigt hätte; nun aber erblickte ich es mit diesen meinen Augen und ersah es ganz deutlich. Übrigens scheinst du dich etwas gar wenig um die Dinge der Natur zu bekümmern. Menedemus. Wieso? Weil ich nicht glaube, daß die Esel fliegen? Ogygius. Siehst du denn nicht, wie die Künstlerin Natur sich spielend ergötzt, die Farben und Formen aller Dinge auszudrücken, hauptsächlich in Edelsteinen? Und dann, was für wunderbare Kräfte hat sie in die Edelsteine gelegt, Kräfte, die unglaublich wären, wenn die Erfahrung uns nicht Bestätigung böte. Sag' mir auch: würdest du geglaubt haben, daß der Stahl ohne Berührung vom Magnet angezogen und dann wieder ohne Berührung von ihm abgestoßen werde, wenn du es nicht mit Augen gesehen hättest? Menedemus. Allerdings niemals, und wenn zehn Aristotelesse es beschworen hätten. Ogygius. Darum solltest du auch nicht gleich von Märchen sprechen, wenn du etwas hörst, was du noch nicht durch die Erfahrung erprobt hast Den folgenden naturhistorischen Wissens- (oder Unwissens-) Kram dürfen wir unverdeutscht lassen.. Menedemus. Ich wundere mich nur, daß die Natur soviel Muße hat für dieses Spielen mit allen möglichen Nachahmungen. Ogygius. Sie wollte die Wissenslust des menschlichen Geistes üben und uns auch so vom Müßiggang wegbringen. Und doch, als wäre das nichts, womit wir die lange Zeit vertreiben können, sind wir närrisch erpicht auf Possenreißer, auf Würfelspiel und auf Gaukelkunststücke. Menedemus. Da sprichst du die volle Wahrheit. Aber warum geben sie eine Kröte der Jungfrau bei? Ogygius. Weil sie allen Unflat, allen Gestank, Hoffart, Geiz und was es von weltlichen Begierden sonst gibt besiegt, zertreten, ausgelöscht hat. Menedemus. Weh' uns, die wir eine solche Kröte in der Brust mit uns tragen! Ogygius. Wir werden rein sein, wenn wir fleißig die Jungfrau verehren. Menedemus. Welche Art Kultus liebt sie? Ogygius. Der ihr angenehmste Kultus wird darin bestehen, daß du ihr nacheiferst. Menedemus. Das sagst du ganz richtig, aber dies ist sehr schwer. Ogygius. Das ist's freilich, aber auch sehr schön. Menedemus. Doch fahr' weiter im Text. Ogygius. Darauf zeigte er mir goldene und silberne Standbilder. Das da, sagte er, ist von reinem Gold, das andere hier ist silbervergoldet; bei den einzelnen fügte er das Gewicht, den Preis und den Donator bei. Als ich voll Bewunderung der Jungfrau Glück wünschte zu einem so schönen Reichtum, sagte der Führer: Da ich sehe, daß Ihr ein pietätvoller Zuschauer seid, halte ich es nicht für billig, Euch etwas zu verheimlichen. Ihr sollt daher auch das Geheimste der Jungfrau zu sehen bekommen. Zugleich holte er aus dem Altar einen Schmuck von wunderbaren Sachen hervor, die einzeln aufzuzählen mehr als einen Tag erfordern würde. So endigte die Wallfahrt aufs glücklichste für mich. Ich bin mehr als satt von all dem Geschauten, und dieses unschätzbare Geschenk nahm ich mit als ein Pfand von der Jungfrau selbst. Menedemus. Hast du noch keinen Versuch gemacht, was für eine Kraft in deinem Holz steckt? Ogygius. Freilich: vor drei Tagen stieß ich in einem Gasthaus auf einen Geisteskranken, für den bereits die Fesseln bereit gemacht wurden; das Holz wurde ihm unter sein Kissen gelegt, ohne daß er es wußte, worauf er einen tiefen und langen Schlaf tat, und am Morgen stand er heilen Geistes auf. Menedemus. Vielleicht war es kein Wahnsinn, sondern ein Rausch. Diesem Übel pflegt der Schlaf abzuhelfen. Ogygius. Wenn du scherzen willst, Menedemus, so such' dir einen andern Stoff; gegen die Heiligen zu witzeln, zeugt weder von Frömmigkeit, noch ist es gefahrlos. Übrigens erzählte der Mann selbst, es sei ihm im Traum eine Frau von wunderbarer Schönheit erschienen, die ihm einen Pokal reichte. Menedemus. Wahrscheinlich mit Nießwurz. Ogygius. Das ist nicht sicher, dagegen absolut sicher, daß der Mensch wieder bei Sinnen ist. Menedemus. Bist du beim Thomas, dem Erzbischof von Canterbury, vorübergegangen? Ogygius. Mit nichten! Ist doch keine Wallfahrt gottseliger. Menedemus. Ich möchte davon noch hören, wenn's dir nicht lästig fällt. Ogygius. Im Gegenteil, ich bitte dich, mir zuzuhören. Kent wird der Teil Englands genannt, der nach Frankreich und Flandern hinschaut. Die Hauptstadt ist Canterbury. In ihr befinden sich zwei Klöster, die fast aneinanderstoßen; in beiden gilt die Regel des Benedikt. Das, welches nach dem heiligen Augustin genannt wird, scheint das ältere zu sein; das andere wird jetzt nach St. Thomas benannt und war wohl der Sitz des Erzbischofs, wo er mit wenigen auserwählten Mönchen lebte, wie auch heute noch Bischöfe Häuser in der Nähe der Kirche besitzen, die aber von den Wohnungen der übrigen Kanoniker abgetrennt sind. Einst waren Bischöfe so gut wie Kanoniker Mönche. Das beweisen deutliche Anzeichen. Die dem heiligen Thomas geweihte Kirche erhebt sich in solcher Majestät, daß sie schon die aus der Ferne sie Erblickenden zur Verehrung zwingt. So steht sie denn mit ihrem Glanze der Berühmtheit ihrer Nachbarin im Weg und verdunkelt gleichsam die von altersher der Andacht geweihte Stätte. Sie hat zwei gewaltige Türme, die schon von weitem die Ankommenden grüßen und mit dem erstaunlichen Klang ihrer ehernen Glocken die Nachbarschaft weit und breit beherrschen. In der Vorhalle des Gotteshauses, die nach Süden liegt, stehen in Stein ausgehauen die drei Kriegsleute, die mit gottlosen Händen den heiligsten Mann gemordet haben; beigefügt sind ihre Familiennamen Erasmus gibt auch die Namen in der abenteuerlichen Fassung: (cognomina) Tusci, Fusci, Berri. Die drei eigentlichen Mörder des Erzbischofs hießen Tracy, Fitzurse und le Brez (Brito). Die Anfangsbuchstaben also würden stimmen; im übrigen hat entweder Erasmus schlecht gehört oder der Cicerone gefackelt. Da 1538, zwei Jahre nach des Erasmus Tod, Heinrich VIII. alles, was an Thomas erinnerte und auf seine Verehrung sich bezog, nicht nur in dessen Kathedralstadt, sondern durch das ganze Reich hin brutal beseitigen ließ, sind Art und Standort dieser Steinskulpturen in der südlichen Vorhalle nicht mehr festzustellen. Am ehesten wird wohl an ein Portalrelief zu denken sein. Daß das Martyrium vielfach dargestellt worden ist in Plastik und Malerei, ist sicher bezeugt. Für alles Nähere sei verwiesen auf Arth. Stanleys sorgfältiges Buch Historical memorials of Canterbury (1880, 9. Aufl.). Wenn Paul Hentzner im Itinerarium seiner englischen Reise zu Ende des 16. Jahrh. gleichfalls von den drei steinernen Erzbischofsmördern in der Kathedrale von Canterbury berichtet und ihre Namen genau so angibt wie Erasmus, so beweist das nicht etwa, daß er sie noch mit eigenen Augen gesehen oder die Namensinschriften gelesen, sondern einfach, daß er die Stelle unseres Kolloquiums unverfroren ausgeschrieben hat. Sein Wortlaut verrät das deutlich, er deckt sich im wesentlichen genau mit dem des Erasmus, dessen Besuch der Kathedrale in Begleitung Colets – des Pullus im Kolloquium – in den Anfang des zweiten Dezenniums des 16. Jahrhunderts fällt. Das Verhältnis des Erasmus zu Colet beleuchtet fein Paul Wernle in seinem Vortrag »Die Renaissance des Christentums im 16. Jahrh.« (1904 bei J. C. B. Mohr).. Menedemus. Warum erweist man gottlosen Menschen solche Ehre? Ogygius. Sie genießen dieselbe Ehre wie Judas, Pilatus, Kaiphas und die Schar der verbrecherischen Soldaten, welche man skulpiert an den goldgeschmückten Altären sieht. Die Namen aber werden beigegeben, daß nicht späterhin aus Ruhmsucht einer einen Anspruch geltend mache. Und die Gestalten werden den Augen vorgeführt, damit künftig kein Höfling Hand an Bischöfe oder an Kirchenbesitz lege. Denn jene drei Trabanten wurden nach vollbrachter Tat wahnsinnig, und der Verstand kehrte ihnen erst zurück, als sie die Gnade des heiligsten Thomas angefleht hatten. Menedemus. Oh über diese nie aufhörende Güte der Märtyrer! Ogygius. Den Eintretenden tat sich die Weiträumigkeit des Gebäudes majestätisch auf. Dieser Teil ist für jedermann offen. Menedemus. Da gibt es nichts zu sehen? Ogygius. Nichts außer die Masse des Baues und einige Bücher, die an die Säulen befestigt sind, und unter denen sich das Evangelium des Nicodemus befindet, ferner das Grab ich weiß nicht von wem. Menedemus. Und weiterhin? Ogygius. Die eisernen Gitterschranken, die den Zutritt absperren, gestatten doch den Anblick des Raumes zwischen Schiff und Chor. Zu diesem steigt man über viele Stufen empor, unter denen ein flaches Gewölbe den Zugang zur Nordseite gewährt. Dort wird ein hölzerner der heiligen Jungfrau geweihter Altar gezeigt, klein, ohne irgend eine Sehenswürdigkeit, außer daß er ein Denkmal der alten Zeit ist, das unseren Tagen ihren Luxus vorhält. Dort soll der fromme Mann der Jungfrau sein letztes Lebewohl gesagt haben, als der Tod ihm bevorstand. Auf dem Altar liegt die Spitze des Schwertes, mit dem der Schädel des besten Bischofs gespalten und sein Hirn zerstört wurde zur Beschleunigung seines Todes. Den heiligen Rost dieses Eisens küßten wir andächtig aus Liebe zu dem Märtyrer. Von hier stiegen wir zur Krypta hinunter. Diese hat ihre eigenen Fremdenführer. Dort wird zuerst gezeigt die durchbohrte Hirnschale des Märtyrers; sie ist mit Silber bedeckt, nur der oberste Teil des Schädels ist frei gelassen für den Kuß. Es wird dann eine bleierne Platte vorgewiesen, in die der Name des Thomas Acrensis eingegraben ist. Es hängen dort auch im Dunkel die härenen Hemden, Gürtel, Unterkleider, mit denen der Kirchenmann sein Fleisch kasteite und die uns schon bloß vom Ansehen in Schrecken setzen und einen Vorwurf für unsere Weichlichkeit und unser Wohlleben bilden. Menedemus. Vielleicht nicht nur für unsere, sondern auch die der Mönche. Ogygius. Das kann ich nicht bejahen und nicht verneinen; es geht mich auch nichts an. Menedemus. Du hast recht. Ogygius. Von hier kehrten wir in den Chor zurück. Es wurden nun die geheimen Schätze bei der Nordseite aufgeschlossen. Erstaunlich, was da von Knochen hervorgebracht wurde, Schädel, Kinnbacken, Zähne, Hände, Finger, ganze Arme. Sie sind alle in Gold gefaßt, und wir küßten sie. Es würde kein Ende gewesen sein, wenn nicht mein damaliger, nicht besonders bequemer Begleiter auf der Wallfahrt den Eifer des Vorzeigers unterbrochen hätte. Menedemus. Wer? Ogygius. Er war ein Engländer, namens Gratianus Pullus, ein gelehrter und frommer Mann, der aber für diese Seite der Religion weniger übrig hatte, als ich gewünscht hätte. Menedemus. Er war, denke ich, Wiclefit. Ogygius. Ich glaub's nicht, obschon er dessen Schriften gelesen hatte; woher er sie erhalten hat, ist mir unklar. Menedemus. Beleidigte der Mann den Führer? Ogygius. Es wurde ein Arm vorgewiesen, an dem noch blutiges Fleisch war, da schreckte er davor zurück, ihn zu küssen, und auch in seinem Gesicht malte sich der Abscheu. Gleich darauf tat der Führer seine Sachen wieder weg. Wir sahen dann weiter das Altargemälde und die Schmuckgeräte, auch was unter dem Altar von Schätzen aufbewahrt wurde. Midas und Krösus hätte man Bettler nennen können angesichts dieser Menge Goldes und Silbers. Menedemus. Hier gab's nichts zu küssen? Ogygius. Nein, hingegen bewegte eine andere Art von Wünschen mein Herz. Menedemus. Was für eine? Ogygius. Ich seufzte: daß ich doch zu Hause derartige Reliquien hätte! Menedemus. Ein kirchenräuberischer Wunsch! Ogygius. Ich gebe es zu und bat inständig Gott um Verzeihung, bevor ich aus der Kirche hinausging. Wir wurden dann in die Sakristei geführt. Meine Güte, was war da für eine Pracht von seidenen Gewändern, welche Menge von goldenen Leuchtern! Dort sahen wir den Bischofsstab des heiligen Thomas. Er sah aus wie ein silberbeschlagener Rohrstab, sein Gewicht war ganz gering, nichts von künstlerischer Arbeit daran und er reichte nicht höher als bis zum Gürtel. Menedemus. War kein Kreuz daran? Ogygius. Ich sah keins. Auch sein Pallium wird gezeigt, es ist zwar ganz von Seide, aber von grobfädiger und weder mit Gold noch mit Edelsteinen geschmückt. Auch das Schweißtuch war da, das noch die deutlichen Spuren des Halsschweißes und von Blut aufweist. Diese Zeugnisse alter Einfachheit haben wir gerne küssend verehrt. Menedemus. Werden diese Stücke nicht jedermann gezeigt? Ogygius. Keineswegs, mein Lieber. Menedemus. Wieso hat man dir soviel Zutrauen geschenkt, daß dir nichts von diesen Sachen verheimlicht wurde? Ogygius. Da ich einigermaßen mit dem Erzbischof Wilhelm von Warham Der Erzbischof von Canterbury war ein treuer Gönner des Erasmus. bekannt bin, hatte er mich mit zwei Worten empfohlen. Menedemus. Von vielen habe ich gehört, er sei ein Mann von ganz besonderer Freundlichkeit. Ogygius. Sag' lieber, er ist die Menschlichkeit selber; du solltest ihn nur kennen. Bei ihm sind Gelehrsamkeit, Reinheit der Sitten, frommes Leben derart, daß keine Eigenschaft eines vollkommenen Bischofs ihm fehlt. Von diesen Reliquienstücken wurden wir hinaufgeleitet, denn hinter dem Hauptaltar steigt man gleichsam in eine neue Kirche empor. Dort wird in einer Kapelle das ganze Antlitz des vortrefflichen Mannes gezeigt, vergoldet und mit vielen Edelsteinen ausgeschmückt. Hier hätte ein unerwartetes Begebnis beinahe die ganze Glückseligkeit gestört. Menedemus. Ich bin gespannt, was du da Schlimmes erzählen wirst. Ogygius. Mein Begleiter Gratianus hat sich da herzlich wenig beliebt gemacht. Er fragte nach dem kurzen Gebet den Cicerone: Sagt, guter Pater, ist es wahr, was ich höre, daß Thomas bei Lebzeiten sehr mildtätig gegen die Armen war? Das ist die volle Wahrheit, antwortete er, und begann viel von dessen Wohltaten an den Armen zu erzählen. Da bemerkte Gratianus: Ich nehme nicht an, daß diese Neigung in ihm sich verändert habe, es sei denn etwa zum Bessern. Der Führer stimmte zu. Nun, fuhr jener fort, da dieser heiligste Mann so mildtätig gegen die Armen gewesen ist, da er auch arm war und selbst der Geldunterstützung benötigte für seines Leibes Notdurft, meint Ihr nicht, er würde es jetzt, da er so reich ist und an nichts Mangel hat, mit Gleichmut hinnehmen, wenn ein armes Weib, das zu Hause hungrige Kinder hat oder Töchter, die aus Mangel an einer Mitgift ihre Keuschheit gefährdet sehen, oder einen krank darniederliegenden, völlig mittellosen Mann – wenn ein solches armes Weib um die Erlaubnis bäte, von all diesen Reichtümern nur ein Teilchen wegzunehmen, um ihre Familie zu unterstützen; sie würde es ja mit seinem Willen nehmen, sei's als Geschenk, sei's auf Borg. Als auf diese Worte der bei dem goldenen Kopfe stehende Führer nichts antwortete, sagte Gratianus, heftig wie er ist: Ich bin ganz überzeugt, der heilige Mann würde sich sogar freuen, daß er noch im Tod die Not der Armen mit seinem Reichtum mildern kann. Da runzelte der Führer die Stirne, rümpfte die Lippen und sah uns mit den Augen der Gorgo an, und ich zweifle nicht daran, daß er uns mit Ausspucken und Schimpfworten aus dem Tempel würde gejagt haben, hätte er nicht gewußt, daß wir vom Erzbischof empfohlen seien. Ich besänftigte nach Möglichkeit mit artigen Worten den Zorn des Mannes, indem ich bemerkte, Gratianus sage das nicht im Ernst, sondern scherze nach seiner Gewohnheit; zugleich legte ich einige Geldstücke hin. Menedemus. Ich billige durchaus dein artiges Benehmen. Freilich dachte ich zuweilen ernsthaft darüber nach, wie diejenigen von Verbrechen freigesprochen werden können, welche soviel Geld auf die Errichtung, die Ausschmückung und Bereicherung von Gotteshäusern verwenden können, daß kein Maß und Ziel mehr ist. Ich gebe zu, daß man in bezug auf die heiligen Gewänder und auf die Kirchengeräte dem feierlichen Kultus Würde schuldet, und ich will auch, daß der Bau seine Majestät habe. Aber wozu die vielen Taufsteine und Leuchter und goldenen Statuen? wozu die ungeheuren Kosten für die Orgel? und wir begnügen uns nicht einmal mit einer einzigen; wozu das Musikgetöse, das teuer bezahlt werden muß, während inzwischen unsere Brüder und Schwestern, die lebendigen Tempel Christi, vor Hunger und Durst vergehen? Ogygius. Es gibt keinen frommen und verständigen Mann, der in diesen Dingen nicht ein Maßhalten wünschte; da aber dieser Fehler von einer übertriebenen Frömmigkeit herrührt, so verdient er Nachsicht, zumal wenn man an die entgegengesetzte Krankheit derer denkt, welche die Kirchen ihrer Reichtümer berauben. Diese Dinge werden meist von Vornehmen und von Fürsten gestiftet und würden sonst bei Würfelspiel und Krieg draufgehen. Und wenn man etwas von diesen Dingen entwenden wollte, so wäre es einmal Kirchenraub, und zum andern würden die, welche zu geben pflegen, ihre Hände zumachen und obendrein noch zum Rauben ermuntert. Daher sind jene Geistlichen mehr Wächter als Herren all dieser Dinge. Übrigens will ich lieber eine Kirche, die strotzt von heiligem Gerät, als, wie es auch vorkommt, kahle und armselige, die Pferdeställen ähnlicher sehen als Gotteshäusern. Menedemus. Wir lesen aber, daß einst Bischöfe dafür belobt worden seien, weil sie heilige Geräte verkauft und mit dem Erlös den Armen geholfen haben. Ogygius. Die werden auch heute noch gelobt, aber nur gelobt; sie nachahmen darf man und mag man nicht, wie ich meine. Menedemus. Ich halte deine Erzählung auf. Ich erwarte jetzt des Stückes Ausgang. Ogygius. So höre denn, ich will's mit wenigen Worten abmachen. Unterdessen kam der Oberste der Kleriker. Menedemus. Wer war das? Der Abt des Ortes? Ogygius. Er trägt zwar die Mitra, hat auch die Einkunft eines Abtes, nur den Namen hat er nicht; er wird vielmehr Prior genannt, deshalb weil der Erzbischof die Stelle des Abtes vertritt. Denn von altersher war, wer Erzbischof jener Diözese war, zugleich auch Mönch. Menedemus. Wenn ich eines Abtes würdige Einkünfte hätte, würde ich sogar den Namen eines Kamels auf mich nehmen. Ogygius. Er schien mir ein recht frommer und verständiger Mann zu sein und nicht unkundig der Theologie des Scotus. Er öffnete uns einen Behälter, in dem die Überreste des Leibes des heiligen Mannes ruhen sollen. Menedemus. Hast du die Knochen gesehen? Ogygius. Das ist nicht gestattet, und es wäre auch nicht möglich, ohne Anstellen einer Leiter; den goldenen Sarg bedeckt eine hölzerne Hülle, zieht man diese mit Stricken empor, so kommen unschätzbare Kostbarkeiten zu Tage. Menedemus. Was hör' ich? Ogygius. Das Geringste war Gold; alles funkelte und glänzte und blitzte von seltenen, außerordentlich großen Edelsteinen. Einige übertrafen an Umfang die Größe eines Gänseeis. Mit großer Andacht standen einige Mönche herum; als der Deckel gehoben ward, adorierten wir alle. Der Prior wies mit einem weißen Stäblein die einzelnen Edelsteine, indem er den französischen Namen, den Preis und den Donator nannte. Die ausgezeichnetsten hatten Fürsten als Geschenke gesandt. Menedemus. Der Mann muß ein vortreffliches Gedächtnis besitzen. Ogygius. Da hast du recht; immerhin hilft auch die Übung; denn er tut das ja häufig. Von hier führte er uns in die Krypta zurück. Dort hat die jungfräuliche Mutter eine Wohnung, aber eine recht dunkle, zwiefach mit eisernen Schranken eingefriedete. Menedemus. Was befürchtet man denn? Ogygius. Ich nehme an, nichts als Diebe. Denn etwas Reicheres habe ich noch nie gesehen. Wie man die Lichter herbeigebracht hatte, hatten wir ein mehr als königliches Schauspiel. Menedemus. Übertrifft sie an Reichtum noch die Parathalassische Jungfrau? Ogygius. Dem Aussehen nach übertrifft sie jene weit; wie es mit ihren geheimen Schätzen steht, weiß sie allein. Die werden nur großen Herren oder besonders guten Freunden gezeigt. Schließlich wurden wir in die Sakristei zurückgeführt. Dort wurde ein mit schwarzem Leder bezogenes Kästchen herabgenommen und auf einen Tisch gestellt, man öffnete es, und alle beteten mit gebogenem Knie an. Menedemus. Was enthielt es? Ogygius. Einige zerlumpte Fragmente von Linnen, von denen die meisten noch Spuren von Schleim und Schweiß zeigten. Mit ihnen, so erzählten sie, pflegte sich der fromme Mann den Schweiß vom Gesicht und Hals abzutrocknen und die Feuchtigkeit aus der Nase, oder was es sonst von dergleichen schmutzigen Dingen gibt, an denen der menschliche Leib keinen Mangel hat. Da holte sich mein Gratianus wiederum keinen herzlichen Dank. Ihm, dem Engländer und bekannten, recht angesehenen Manne reichte der Prior ein solches Linnenstück als Geschenk, im Glauben, er biete ihm damit eine sehr willkommene Gabe an. Gratianus aber, wenig dankbar, berührte es nicht ohne Zeichen von Ekel mit den Fingern und legte es dann verächtlich wieder hin; dabei schürzte er die Lippen und machte brr; denn so pflegt er zu tun, wenn ihm etwas begegnet, was ihm verachtenswert zu sein scheint. Scham und Furcht quälten mein Herz. Der Prior, als gescheiter Mensch, übersah das Geschehnis und entließ uns gnädig, nachdem er uns einen Pokal mit Wein gereicht hatte. Als wir nach London zurückkehrten –. Menedemus. Warum tatest du das, da du doch nicht weit von deinem Ufer wärest? Ogygius. Das ist richtig; aber ich wich jener Küste gar gerne aus, da sie noch berüchtigter ist wegen der Betrügereien und Räubereien als das Kap Malea In Lakonien. wegen seiner Schiffbrüche. Ich will dir erzählen, was ich bei meiner letzten Überfahrt erlebte. Wir fuhren, mehrere Personen, von der Küste in Calais mit einem Boot nach dem großen Schiffe. Bei uns war ein junger armer Franzose mit zerlumpten Kleidern. Von ihm forderten sie eine halbe Drachme; denn soviel erpressen sie von jedem einzelnen für diese so kurze Fahrt. Jener wies auf seine Armut hin; sie durchsuchten ihn scherzweise, und wie sie ihm die Schuhe auszogen, fanden sie zwischen den untergelegten Sohlen zehn oder zwölf Drachmen; diese nahmen sie lachend ihm weg und hänselten mit Schimpfworten den »ruchlosen« Franzosen. Menedemus. Was tat der Jüngling? Ogygius. Was anders als weinen. Menedemus. Mit welchem Recht handelten sie so? Ogygius. Ganz mit demselben, mit dem sie das Gepäck der Fremden stehlen und die Geldbeutel wegnehmen, wenn sich Gelegenheit dazu findet. Menedemus. Mich wundert, daß sie vor so vielen Zeugen solches zu tun wagten. Ogygius. Sie haben sich so daran gewöhnt, daß sie meinen, sie täten das mit Recht. Mehrere auf dem großen Schiffe schauten zu, und im Boot waren einige englische Kaufleute, die vergebens darüber murrten. Jene rühmten sich als einer lustigen Tat, daß sie den ruchlosen Franzosen erwischt hätten. Menedemus. Ich würde solche diebischen Seeleute mit Vergnügen kreuzigen. Ogygius. Und von solchen sind beide Ufer voll. Nun frag' dich: Was ist vom Herrn zu erwarten, wenn stehlen und rauben die Knechte? Ein Hexameterzitat aus den Eklogen des Virgil. Drum zog ich diesen Umweg jener Abkürzung vor. Zudem, wie zur Unterwelt der Abstieg leicht ist, die Rückkehr dagegen äußerst schwierig, so ist an jener Küste die Landung sehr leicht, die Abfahrt aber sehr schwer. In London lagen eben einige Antwerpener Schiffsleute. Mit ihnen wollte ich mich dem Meere anvertrauen. Menedemus. Hat jenes Land so zuverlässige Schiffer? Ogygius. Wie ein Affe immer ein Affe ist, so sind Schiffsleute immer Schiffsleute. Aber im Vergleich zu jenen, die vom Raub zu leben gelernt haben, sind sie wahre Engel. Menedemus. Ich will dran denken, wenn mich einmal die Lust anwandeln sollte, jene Insel zu besuchen. Doch kehre auf den Weg zurück, von dem ich dich abgelenkt habe. Ogygius. Auf der Reise nach London, nicht weit von Canterbury, gelangten wir zu einem sehr engen, abschüssigen Hohlwege, der überdies nach beiden Seiten steile Dammböschungen aufweist, daß es kein Ausweichen gibt, und man kann die Straße auch nicht vermeiden. Zur Linken dieses Weges steht ein Armenhaus Dieser alte Männerspittel von Harbledown steht noch heute, vgl. Stanley im oben angeführten Buch. mit einigen alten Männlein. Von diesen kommt einer hergerannt, sobald sie einen Reiter nahen hören; er besprengt dich mit Weihwasser und hält dann den Absatz eines Schuhes, der mit einem kupfernen Ring eingefaßt ist, hin; in ihm ist ein Glas in der Art eines Edelsteins. Hat man ihn geküßt, so gibt man ein Stück kleine Münze. Menedemus. Auf einem solchen Wege will ich lieber ein Altmänner-Bettelheim antreffen, als eine Schar kräftiger Räuber. Ogygius. Mir zur Linken ritt Gratianus, näher bei dem Bettler; er wurde mit Wasser besprengt, was er so ziemlich sich gefallen ließ. Als dann der Schuh hingehalten wurde, fragte er, was es damit solle. Da sagte der Mann, das sei der Schuh des heiligen Thomas. Mein Freund wurde hitzig, und zu mir sich wendend, sagte er: Wollen diese Biester, daß wir die Schuhe aller braven Männer küssen? Warum reichen sie uns nicht mit demselben Eifer den Speichel und alle Leibesexkremente zum Kusse? Mich jammerte des Greisen, und indem ich ihm ein Stück Geld gab, tröstete ich ihn. Menedemus. Nach meiner Ansicht wurde Gratianus nicht ohne Grund wütend. Würden die Schuhe und Sandalen aufbewahrt als Zeichen einfacher Lebensweise, so wollte ich es nicht tadeln; aber unverschämt scheint es mir zu sein, Sandalen, Schuhe und Unterkleider einem zum Küssen aufzudrängen. Wenn das jemand aus eigenem Antrieb tut, aus einem ungeheuren Frömmigkeitstrieb, dann mag man's noch verzeihen. Ogygius. Es wäre (ich will nicht heucheln) besser, dergleichen würde nicht geschehen; aber aus den Dingen, die nicht auf einen Schlag verbessert werden können, pflege ich das herauszunehmen, was gut ist. Inzwischen unterhielt meinen Geist die Betrachtung, daß ein guter Mensch einem Schaf, ein schlechter einem schädlichen Tier ähnlich ist. Wenn die Viper tot ist, kann sie zwar nicht mehr beißen, aber mit ihrem Geruch und ihrem Saft kann sie ansteckend wirken; das Schaf nährt uns lebend mit seiner Milch, kleidet uns mit seiner Wolle, macht uns durch seinen Nachwuchs reich, und tot liefert es nützliches Leder und ist ganz eßbar. So steht es auch mit grausamen, wilden Männern, die dieser Welt ergeben sind: allen sind sie bei Lebzeiten ein Ärgernis, und im Tod fallen sie durch den Lärm des Glockengeläutes und das ehrgeizige Leichenbegängnis den Lebenden lästig, bisweilen auch durch die Einführungsfeierlichkeiten ihrer Nachfolger, was gleichbedeutend ist mit neuen Abgaben. Die Braven aber erweisen sich in jedem Sinn allen nützlich. So hat dieser Heilige, so lange er lebte, durch Beispiel, Lehre, Mahnungen zur Frömmigkeit ermuntert, die Gedrückten getröstet, den Armen geholfen, und von dem Toten geht fast ein noch größerer Nutzen aus. Er hat diese hochbegüterte Kirche errichtet und durch ganz England hin der Priesterschaft sehr viel Ansehen verschafft. Schließlich ernährt ein Fragment seines Schuhes diesen Armeleute-Konvent. Menedemus. Das ist gewiß eine fromme Betrachtung, nur wundre ich mich, daß du, da du dieses Sinnes bist, niemals die Höhle des Heiligen Patrick besucht hast, von der im Volk Wundermären umgehen, die mir nicht sehr wahrscheinlich vorkommen. Ogygius. Ja, keine Erzählung kann so wunderbar sein, daß die Wirklichkeit sie nicht übertrifft. Menedemus. So bist du denn auch dort eingedrungen? Ogygius. Freilich, ich habe dieses wahrhaft stygische Gewässer befahren, bin in den Schlund der Unterwelt hinabgestiegen, ich sah, wie es bei den Unterirdischen zugeht. Menedemus. Du würdest mich glücklich machen, wenn's dir nicht zu beschwerlich fiele, es mir zu berichten. Ogygius. Lassen wir es bei diesem Anfang unseres Gespräches bewenden, er ist, wie mir vorkommt, ohnehin ausgedehnt genug. Ich geh' jetzt nach Haus, um mir das Nachtessen rüsten zu lassen, denn ich habe noch nicht zu Mittag gespeist. Menedemus. Warum das? Aus Frömmigkeit? Ogygius. Keineswegs, sondern aus Unwillen. Menedemus. Bist du über deinen Bauch unwillig? Ogygius. Nein, aber über die räuberischen Wirte, die, obschon sie nicht vorsetzen wollen, was billig ist, sich doch nicht scheuen, von den Fremden zu fordern, was unbillig ist. An ihnen pflege ich mich so zu rächen. Wenn mir ein gutes Nachtessen in Aussicht steht bei einem Bekannten oder bei einem etwas weniger schmutzigen Gastwirt, so streikt mein Magen beim Mittagsbrot. Schafft mir aber ein glücklicher Zufall ein Mittagessen nach meinem Geschmack, so beginnt mich beim Abendessen der Magen zu schmerzen. Menedemus. Schämst du dich nicht, knauserig und geizig zu erscheinen? Ogygius. Menedemus, glaube mir, wer sich in solchen Dingen mit Schämen verköstigt, der macht eine schlechte Anlage. Ich habe gelernt, das Schämen für andere Dinge zu reservieren. Menedemus. Jetzt brenne ich nach dem Rest deiner Erzählung; erwarte mich deshalb als deinen Gast beim Nachtessen, da kannst du mir bequemer erzählen. Ogygius. Ich danke dir, daß du dich aus freien Stucken zu Gast bittest, während andere trotz dringlicher Einladung ablehnen; aber dieser Dank wird dir verdoppelt werden, wenn du heute zu Hause speisest. Denn diese Zeit will ich dazu verwenden, meine Familie zu grüßen. Übrigens habe ich einen Plan, der für uns beide noch bequemer ist. Richte mir und meiner Frau morgen bei dir ein Mittagessen, dann können die Erzählungen bis zum Abendessen fortgesponnen werden, bis du dann gestehest, jetzt habest du genug; und wenn du willst, werden wir dich auch beim Nachtessen nicht im Stiche lassen. Warum kratzest du dich am Kopf? Rüste nur, wir werden sicherlich kommen. Menedemus. Ich ziehe die ungekauften Erzählungen vor. Doch wohlan, du sollst dein Mittagessen haben, aber ein unschmackhaftes, wenn du es nicht mit guten Erzählungen würzest. Ogygius. Aber du, juckt es dich nicht auch, solche Wallfahrten zu machen? Menedemus. Mag sein, daß das Jucken noch kommt, wenn du alles erzählt hast; wie ich jetzt gestimmt bin, genügt es mir, die römischen Runden zu machen. Ogygius. Römische, da du doch Rom niemals gesehen hast? Menedemus. Ich meine so: ich gehe zu Hause herum, ich betrete das Zimmer und sorge, daß die Keuschheit meiner Töchter heil bleibe, dann geht's wieder in die Werkstatt; ich sehe, was die Knechte und Mägde machen; hierauf in die Küche, um nachzusehen, ob es irgend etwas zu ermahnen gibt, dann von hier dahin und dorthin, um zu beobachten, was Frau und Kinder treiben, stets bedacht, daß alles seine Pflicht tue. Das sind meine römischen Runden. Ogygius. Gerade das würde für dich der heilige Jakobus besorgen. Menedemus. Die heilige Schrift befiehlt, daß ich selbst für diese Dinge besorgt sei; daß ich sie den Heiligen überlassen solle, dieses Gebot hab' ich nirgends gelesen.

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