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Erasmus von Rotterdam: Gespräche - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorErasmus von Rotterdam
titleGespräche
publisherBenno Schwabe u. Co
editorHans Trog
year1936
translatorHans Trog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140205
projectid8b2d8c03
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Ein Evangeliumsträger

Polyphemus · Cannius

Cannius. Wie kommt Polyphem hierher auf die Jagd? Polyphemus. Was sollte ich jagen, da ich doch keine Hunde und keinen Jagdspieß bei mir habe? Cannius. Vielleicht könnte es einer Baumnymphe gelten. Polyphemus. Das hast du hübsch erraten. Schau her, mein Jagdnetz. Cannius. Was seh' ich! Bacchus im Fell des Löwen: Polyphem mit einem Buch! Ein Safrangewand für eine Katze! Polyphemus. Ich habe aber das Büchlein nicht nur mit Safran gemalt, sondern auch mit Zinnober und Lasurblau. Cannius. Dein Buch scheint von Krieg zu handeln, ist es doch mit Buckeln, Metallplatten und kupfernen Reifen ausgerüstet. Polyphemus. Sieh' nur hinein. Cannius. Ich sehe. Es ist wahrhaftig ein schönes Buch; aber du hast es doch noch nicht genugsam geschmückt. Polyphemus. Was fehlt denn noch? Cannius. Du hättest dein Wappen anbringen sollen. Polyphemus. Was für eines? Cannius. Den Kopf eines Silen, der aus einem Faß hervorguckt. Aber wovon handelt das Buch? Von der Kunst des Trinkens? Polyphemus. Sieh' zu, daß du nicht ohne es zu merken eine Blasphemie aussprichst. Cannius. Wie denn? es ist doch nichts Heiliges? Polyphemus. Es ist das Allerheiligste, das Evangelium. Cannius. Potz Herkules! Was hat Polyphem mit dem Evangelium zu schaffen? Polyphemus. Warum fragst du nicht gerade: was hat ein Christ mit Christus zu tun? Cannius. Ich weiß nur, daß sich für dich eine Hellebarde besser schicken würde. Denn wenn mir auf dem Meere ein Unbekannter von deinem Aussehen begegnete, so würde ich auf einen Seeräuber schließen; im Walde aber auf einen Meuchelmörder. Polyphemus. Und doch lehrt uns gerade das Evangelium, daß wir niemanden nur nach seinem Äußern beurteilen sollen. Denn wie sich oft unter einem aschfarbigen Gewand ein tyrannischer Sinn birgt, so können bisweilen ein geschorener Kopf, ein gedrehter Schnurrbart, finstere Augenbrauen, wilde Augen, ein Federbusch auf dem Kopf, ein Kriegsschwert und geschlitzte Soldatenstiefel ein evangelisches Herz bergen. Cannius. Warum auch nicht? Bisweilen ist auch unter einem Wolfspelz ein Schaf verborgen, und wenn man den Fabeln glauben darf, birgt sich unter einer Löwenhaut etwa auch ein Esel. Polyphemus. Ja, ich kenne einen, der trägt ein Schaf auf dem Kopf und einen Fuchs in der Brust; dem möchte ich gerne wünschen, daß er ebenso lautere Freunde habe, wie er schwarze Augen hat, und daß der Inhalt seiner Kasse ebenso echt golden werde, wie die Farbe seines Gesichts an Gold erinnert, und daß seine Freundlichkeit ebenso wenig ein Ende nehme wie seine Nase. Cannius. Wenn der ein Schaf auf dem Kopfe trägt, der eine Mütze aus Schafsfell trägt, wie schwerbeladen gehst denn du einher, der du ein Schaf und einen Vogel Strauß auf dem Kopfe herumführst? Und dann: macht's der nicht noch viel dümmer, der einen Vogel auf dem Kopf und einen Esel in der Brust trägt? Polyphemus. Du bist bissig. Cannius. Schön aber wär's, wenn das Evangelium, das du so mannigfaltig geschmückt hast, dich seinerseits auch schmückte. Du hast es mit Farben geziert, möcht' es dich mit guten Sitten zieren! Polyphemus. Dafür wird gesorgt werden. Cannius. Ja, nach deiner Gepflogenheit. Polyphemus. Doch lassen wir diese Schmähworte, und sag mir, ob du diejenigen verdammst, die das Evangelium mit sich herumtragen? Cannius. Nicht von ferne Ein paar dünne Spässe für Schulknaben blieben hier weg.. Und man sollte dich, wie der Christusträger Christophorus genannt wurde, künftighin statt Polyphem Evangeliophorus nennen. Polyphemus. Also nochmals: hältst du das Tragen des Evangeliums für nichts Heiliges? Cannius. Nein, du müßtest denn zugeben, daß die Esel die Heiligsten unter den Heiligen sind. Polyphemus. Wieso? Cannius. Weil einer genügt, um dreitausend solcher Codices zu tragen; ich möchte glauben, auch du könntest einer solchen Last gewachsen sein, wenn du einen rechten Packsattel aufschnalltest. Polyphemus. Es ist nichts Widersinniges daran, dem Esel in dieser Weise Heiligkeit zuzusprechen, da er doch Christum getragen hat. Cannius. Um diese Heiligkeit beneide ich dich nicht. Und wenn du willst, will ich dir Reliquien von jenem Esel geben, auf dem Christus saß, damit du sie küssend verehren kannst. Polyphemus. Damit wirst du mir ein sehr erwünschtes Geschenk machen. Denn jener Esel ist durch die Berührung des Körpers Christi geheiligt worden. Cannius. Die haben Christum auch angerührt, die ihm die Backenstreiche versetzten. Polyphemus. Aber nochmals, sag' ernsthaft: ist es nicht fromm, das Evangelienbuch mit sich zu führen? Cannius. Gewiß ist's fromm, wenn alle Heuchelei fernbleibt, wenn das mit Wahrhaftigkeit geschieht. Polyphemus. Mag die Heuchelei zu den Mönchen fahren! Was hat ein Soldat mit Heuchelei zu tun? Cannius. Sag' mir zuerst: was ist Heuchelei? Polyphemus. Wenn du dich anders gibst, als du im Herzen bist. Cannius. Was besagt nun aber das herumgetragene Evangelium? Doch wohl ein evangelisches Leben? Polyphemus. Ich denk' ja. Cannius. Wenn also das Leben dem Buch nicht entspricht, ist das dann keine Heuchelei? Polyphemus. Das scheint so; aber was heißt das: wahrhaftig das Evangelienbuch herumtragen? Cannius. Einige tragen es in den Händen herum, wie die Franziskaner die Regel des Franz; das können auch Pariser Lastträger und Esel und Kutscher. Andere gibt's, die tragen's im Munde und reden nur von Christus und Evangelium: das ist Pharisäerart. Andere aber tragen es im Herzen. Im wahren Sinne aber trägt das Evangelium, der es in Händen, Mund und Herzen trägt. Polyphemus. Wo gibt es solche? Cannius. Die Priester in den Kirchen, die das Buch tragen, es dem Volke verkünden und es im Herzen bewahren. Polyphemus. Es sind aber nicht alle Heilige, die das Evangelium im Herzen tragen. Cannius. Komm' mir nicht mit Sophistereien! Nur der trägt's im Herzen, der es aus ganzer Seele liebt. Niemand aber liebt das Evangelium, der es nicht auch in seinem Wandel ausdrückt. Polyphemus. Diesen Subtilitäten komm' ich nicht nach. Cannius. So will ich es denn handgreiflicher sagen. Wenn du eine Flasche Beaune auf den Schultern trägst, was ist das anderes als eine Last? Polyphemus. Nichts anderes. Cannius. Wenn du sie aber an den Mund ansetzest und sofort den Wein wieder ausspuckst? Polyphemus. Dann wär's kein Profit; ich mache es freilich nicht so. Cannius. Wenn du nun aber, wie du pflegst, zur Genüge daraus trinkst? Polyphemus. Göttlicheres gibt's nicht. Cannius. Der ganze Körper wird erwärmt, das Gesicht rötet sich, die Stirn wird heiter. Polyphemus. So ist's. Cannius. Und so ist's mit dem Evangelium. Wird es in die Adern des Herzens hineingegossen, dann erneuert es den ganzen Menschen. Polyphemus. Ich scheine dir also zu wenig evangelisch zu leben? Cannius. Diese Frage kann dir niemand besser lösen als du. Polyphemus. Wenn sich's mit einer Doppelaxt machen läßt. Cannius. Wenn dich einer ins Gesicht Lügner oder Schlemmer nennt, was wirst du tun? Polyphemus. Was ich tun werde? Er würde meine Fäuste zu spüren bekommen. Cannius. Und wenn dir einer eine Ohrfeige appliziert? Polyphemus. Dem würd' ich den Hals als Gegenleistung abschneiden. Cannius. Und doch lehrt dein Buch, daß du auf Schmähungen sänftiglich erwidern und dem, der deinen rechten Backen schlägt, auch den linken hinhalten sollst. Polyphemus. Ich hab's gelesen; aber es war mir entfallen. Cannius. Du betest, wie ich annehme, öfters. Polyphemus. Das ist pharisäerhaft. Cannius. Pharisäerhaft ist: weitschweifig zu beten, aber scheinheilig. Dein Buch jedoch lehrt, man soll immer beten, aber von Herzensgrund. Polyphemus. Ich bete auch zuweilen. Cannius. Wann? Polyphemus. Wann's mir in den Sinn kommt, ein- bis zweimal in der Woche. Cannius. Was betest du dann? Polyphemus. Das Unservater. Cannius. Wie oft? Polyphemus. Einmal. Denn das Evangelium verbietet viele gleiche Worte zu machen. Cannius. Kannst du mit Herzensandacht das Unservater beten? Polyphemus. Ich hab's nie versucht. Genügt es denn nicht, wenn ich's mit dem Munde hersage? Cannius. Ich weiß bloß, daß Gott nur die Stimme des Herzens hört. Fastest du häufig? Polyphemus. Niemals. Cannius. Dein Buch heißt aber Gebet und Fasten gut. Polyphemus. Auch ich würde es gutheißen, wenn nur der Bauch es nicht anders verlangte. Cannius. Paulus sagt aber, daß diejenigen Christo nicht dienen, die dem Bauche dienen. Issest du jeden Tag Fleisch? Polyphemus. Wenn's welches gibt. Cannius. Bei deiner gladiatorenhaften Kräftigkeit könntest du dich mit Heu und Baumrinden ernähren. Polyphemus. Aber Christus hat gesagt, der Mensch werde durch das, was zum Munde eingehe, nicht verunreinigt. Cannius. Allerdings, wenn es mit Maß geschieht und ohne Ärgernis. Aber Paulus, der Jünger Christi, will lieber Hungers sterben, als einen schwachen Bruder durch seine Speise ärgern; und er ermahnt uns alle, diesem Beispiel zu folgen, damit wir in allem allen gefallen mögen. Polyphemus. Paulus ist Paulus und ich bin ich Auch hier wurden ein paar billige Wortspiele unterschlagen.. Cannius. Hilfst du gerne den Armen? Polyphemus. Ich habe nichts zum Geben. Cannius. Du könntest wohl was haben, wenn du mäßig lebtest und wacker arbeitetest. Polyphemus. Das Nichtstun ist süß. Cannius. Hältst du die Gebote Gottes? Polyphemus. Das hält schwer. Cannius. Tust du Buße für das, was du begangen hast? Polyphemus. Christus hat für uns bezahlt. Cannius. Wie willst du nun beweisen, daß du das Evangelium liebst? Polyphemus. Das will ich dir sagen. Ein Franziskaner bei uns hörte nicht auf, gegen das Neue Testament des Erasmus zu plappern; da habe ich den Mann persönlich vorgenommen, bin ihm mit der Linken in die Haare gefahren, habe mit der Rechten gefochten, ihn prachtvoll verhauen und ihm das ganze Gesicht zu einer Geschwulst gemacht. Was meinst du nun? Heißt das nicht das Evangelium fördern? Ich hab' ihn dann von seinen Sünden absolviert, indem ich ihm dieses Buch dreimal um den Schädel schlug und ihm drei Beulen beibrachte in Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Cannius. Das ist allerdings evangelisch! Das nennt man das Evangelium mit dem Evangelium verteidigen. Polyphemus. Noch ein anderer von derselben Sippe lief mir in den Weg, der im Wüten gegen Erasmus kein Maß noch Ziel kannte. Vom Eifer für das Evangelium ergriffen, brachte ich durch Drohungen den Mann dahin, daß er auf den Knien um Verzeihung bat und gestand, er habe das, was er gesagt, unter dem Antrieb des Teufels gesagt. Hätte er das nicht getan, so war die Hellebarde bereits gegen seinen Schädel gezückt. Mein Gesicht war wie das des zornigen Mars. Das trug sich vor einigen Zeugen zu. Cannius. Ich wundere mich, daß der Mann nicht sofort leblos zu Boden fiel. Doch gehen wir weiter: Lebst du keusch? Polyphemus. Das wird vielleicht einmal, wenn ich alt bin, der Fall sein. Aber soll ich dir, Cannius, die Wahrheit bekennen? Cannius. Ich bin kein Priester; wenn du Lust zum Beichten hast, so such' dir einen anderen. Polyphemus. Ich pflege Gott zu beichten; dir aber will ich gestehen, daß ich noch kein vollendeter evangelischer Mensch bin, sondern einer aus der großen Menge. Wir haben vier Evangelien, und wir Evangelischen jagen vier Dingen am meisten nach: daß es dem Bauch wohl geht; daß, was unter dem Bauch ist, nicht zu darben braucht; dann, daß wir unseren Lebensunterhalt haben, und schließlich, daß uns erlaubt sei, zu tun, was uns beliebt. Ist das alles vorhanden, dann rufen wir beim Pokulieren: Triumph, heisa juchhei, das Evangelium lebt, Christus regiert. Cannius. Das ist aber eine epikureische, keine christliche Lebensweise. Polyphemus. Ich stell' es nicht in Abrede. Aber du weißt ja: Christus ist allmächtig; er kann uns mit einem Ruck in andere Menschen verwandeln. Cannius. Er kann aber auch in Schweine verwandeln, was ich noch für näherliegend halte als die Verwandlung in gute Menschen. Polyphemus. Gäbe es doch nur in der Welt nichts Schlimmeres als Schweine, Ochsen, Esel und Kamele! Du kannst viele sehen, die sind fürchterlicher als Löwen, raubgieriger als Wölfe, geiler als Spatzen, bissiger als Hunde, schädlicher als Vipern. Cannius. Aber jetzt wär's an der Zeit, aus einem tierähnlichen Lebewesen dich in einen Menschen zu wandeln. Polyphemus. Deine Mahnung ist berechtigt. Denn die Propheten unserer Tage sagen, der jüngste Tag stehe vor der Tür. Cannius. Um so mehr gilt's Eile. Polyphemus. Ich warte auf die helfende Hand Christi. Cannius. Siehe zu, daß du dieser Hand einen bildsamen Stoff darbietest. Aber woraus schließen denn jene Propheten, daß das Ende der Welt nahe sei? Polyphemus. Weil, wie sie sagen, die Menschen jetzt dasselbe tun, was sie einst bei Anbruch der Sintflut taten: sie schmausen, sie trinken, sie prassen, sie freien und lassen sich freien, sie huren, sie kaufen und verkaufen, sie handeln und treiben Wucher, sie bauen; die Könige führen Krieg, die Priester denken an die Vermehrung der Einkünfte, die Theologen hecken Syllogismen aus, die Mönche laufen durch die Welt, das Volk ist aufrührerisch, Erasmus schreibt Dialoge, kurz alle Übel sind da: Hunger und Durst, Räuberei und Krieg, Pest und Aufruhr, und an allem Guten herrscht Mangel. Beweist das nicht, daß das Ende aller menschlichen Dinge bevorsteht? Cannius. Von diesem ganzen Haufen von Übeln, welches ist dir das ärgerlichste? Polyphemus. Rat' einmal! Cannius. Daß Spinnen in deinem Geldbeutel hausen. Polyphemus. Ich will des Todes sein, wenn du nicht den Nagel auf den Kopf getroffen hast. Übrigens komme ich jetzt eben von einer Kneiperei; in nüchternem Zustand werde ich ganz anders mit dir über das Evangelium disputieren, wenn dir's recht ist. Cannius. Wann werde ich dich nüchtern sehen? Polyphemus. Wenn ich's bin. Cannius. Und wann bist du's? Polyphemus. Wenn du mich wieder siehst. Inzwischen, lieber Cannius, laß dir's gut gehen! Cannius. Und dir wünsch' ich, daß du bald das sein mögest, was dein Name Polyphem besagt, ein weithin Gerühmter. Polyphemus. Um nicht hinter dir zurückzubleiben, bete ich, daß es dem Cannius nie an dem fehlen möge, von dem er seinen Namen hat Man versteht das Wortspiel: Cannius und Kanne..

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