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Erasmus von Rotterdam: Gespräche - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorErasmus von Rotterdam
titleGespräche
publisherBenno Schwabe u. Co
editorHans Trog
year1936
translatorHans Trog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140205
projectid8b2d8c03
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Der Schiffbruch

Antonius · Adolphus

Antonius. Schreckbares erzählst du da. Das heißt man also eine Schiffahrt? Gott behüte mich, daß mir je so etwas in den Sinn komme. Adolphus. Ach, das was ich bis jetzt erzählt habe, ist ja nur ein Spaß im Vergleich zu dem, was du noch zu hören bekommen wirst. Antonius. Ich hab' schon mehr als genug Unglück gehört. Mich schaudert, wie du da erzählst, als wär' ich selber dabei gewesen. Adolphus. Für mich heißt's: Ende gut, alles gut. In jener Nacht trug sich etwas zu, was dem Steuermann ein gut Teil der Hoffnung auf Rettung benahm. Antonius. Was denn? Adolphus. Die Nacht war ziemlich hell. Zuoberst im Mastbaum stand einer von den Schiffsleuten im sogenannten Mastkorb, der Auslug hielt, ob er irgendwo Land erblicke; dieser nun sah sich zur Seite auf einmal eine feurige Kugel, was den Schiffern als schlimme Vorbedeutung gilt, wenn es als einzelnes Feuer auftritt, als glückliche, wenn es sich um ein Zwillingslicht handelt. Die Alten deuteten dieses als Kastor und Pollux. Antonius. Was haben denn diese zwei mit den Schiffern zu tun? war doch der eine ein Reiter, der andere ein Faustkämpfer. Adolphus. So wollten es nun einmal die Dichter. Der Schiffsmann, der am Steuer saß, sagte: Kamerad – denn so nennen sich gegenseitig die Schiffsleute – siehst du, was für einen Gefährten du zur Seite hast? Ich seh's, antwortete dieser, und bete, er möge uns glückverheißend sein. Bald darauf senkte sich die feurige Kugel durch die Schiffstaue herab und wälzte sich bis zum Steuermann hin. Antonius. Ist der nicht vor Angst leblos geworden? Adolphus. Die Schiffer sind an dergleichen Wundererscheinungen gewöhnt. Die Kugel blieb dann ein Weilchen dort liegen, fuhr dann weiter an den Rändern des ganzen Schiffes und mitten über das Verdeck hin und verschwand hierauf. Um Mittag begann der Sturm immer stärker zu toben. Hast du je die Alpen gesehen? Antonius. Jawohl. Adolphus. Nun also: jene Berge sind Warzen im Vergleich zu den Wellen des Meeres. Wurden wir in die Höhe gehoben, so hätte man mit dem Finger den Mond berühren können; ging's aber in die Tiefe, so hätte man meinen mögen, die Erde tue sich auf und man fahre geradeswegs in die Unterwelt. Antonius. Die Toren, die sich dem Meere anvertrauen! Adolphus. Als die Schiffer vergebens gegen den Sturm ankämpften, trat der Steuermann ganz bleich zu uns. Antonius. Sein bleiches Aussehen bedeutete sicherlich ein großes Unglück? Adolphus. Freunde, sagte er, ich bin nicht mehr der Herr meines Fahrzeugs; die Winde sind Sieger geworden; jetzt bleibt nur noch die Hoffnung auf Gott; jeder mag sich auf das Schlimmste gefaßt machen. Antonius. Ein böses Wort. Adolphus. In erster Linie aber, fuhr er fort, gilt es, das Schiff zu entlasten; so will's die harte Notwendigkeit; es ist besser mit Hintanlassung von Hab und Gut für das Leben zu sorgen, als mit ihnen zugleich unterzugehen. – Die Wahrheit dieser Worte überzeugte uns: die meisten Kisten voll kostbaren Guts wurden ins Meer geworfen. Antonius. Das nennt man einen schlechten Wurf tun. Adolphus. Es war ein Italiener da, der Gesandter beim König von Schottland gewesen war; dieser hatte eine Kiste bei sich voll von Silbergeschirr, Ringen, Tuch und seidenen Kleidern. Antonius. Der wollte wohl nicht mit dem Meer paktieren? Adolphus. Nein, sondern er wünschte, entweder mit seinen lieben Schätzen unterzugehen, oder mit ihnen gerettet zu werden. Er leistete daher Widerstand. Antonius. Was meinte der Schiffsherr dazu? Adolphus. Meinetwegen, sagte er, könntet Ihr mit Eurer Habe allein untergehen; aber es wäre unbillig, sollten wir alle wegen Eurer Kiste Gefahr laufen. So wollen wir Euch denn zusammen mit Eurer Habe ins Meer werfen. Antonius. Das nennt man eine Schifferrede. Adolphus. So mußte denn auch der Italiener auf seine Habe verzichten, wobei er den Überirdischen und Unterirdischen fluchte, daß er sein Leben einem so barbarischen Element anvertraut hatte. Antonius. An dem Wort barbarisch erkenn' ich den Italiener. Adolphus. Bald darauf, da die Winde durch unsere Geschenke sich nicht milder hatten stimmen lassen, rissen die Taue und zerschlissen die Segel. Da trat der Schiffsmann wieder zu uns heran. Antonius. Um eine Ansprache zu halten? Adolphus. Er begrüßte uns: Freunde, sagte er, die Stunde mahnt, daß ein jeder sich Gott anbefehle und sich auf den Tod vorbereite. Von einigen, die sich auf die Schiffahrt etwas verstanden, befragt, auf wieviel Stunden er glaube das Schiff noch halten zu können, meinte er, er könne nichts versprechen; aber mehr als drei Stunden jedenfalls nicht. Antonius. Diese Rede war noch grausamer als die frühere. Adolphus. Als er das gesagt hatte, ließ er alle Taue zerhauen und den Mastbaum bis auf das Unterlager, in das er eingefügt ist, durchsägen und samt den Segelstangen ins Meer werfen. Antonius. Wozu das? Adolphus. Weil das jetzt, nachdem das Segel fort oder zerrissen war, nur eine Last bildete und keinen Nutzen und die ganze Hoffnung einzig im Steuerruder lag. Antonius. Was taten inzwischen die Mitfahrenden? Adolphus. Da hättest du einen jämmerlichen Anblick gehabt. Die Schiffer sangen: Salve Regina, flehten die jungfräuliche Mutter an, nannten sie den Meerstern, die Königin des Himmels, die Herrin der Welt, den Port des Heils und schmeichelten ihr noch sonst mit vielen Titeln, deren keinen die Heilige Schrift ihr gibt. Antonius. Was hat sie überhaupt mit dem Meere zu tun, sie, die doch, wie ich meine, niemals eine Schiffahrt unternommen hat? Adolphus. Einst trug Venus Sorge um die Schiffer, weil man sie aus dem Meere geboren glaubte; da sie nun aufgehört hat zu sorgen, ist an die Stelle dieser nicht jungfräulichen Mutter die jungfräuliche Mutter gesetzt worden. Antonius. Du treibst Spaß. Adolphus. Einige warfen sich aufs Verdeck nieder und beteten das Meer an, indem sie, was von Öl da war, in die Wellen gossen, und schmeichelten ihm nicht anders, als man es einem erzürnten Fürsten gegenüber tut. Antonius. Ja, was sagten sie denn? Adolphus. O du gnädigstes, großmütigstes, reichstes, schönstes Meer; sei milde, bewahre uns! Vieles von dieser Art sangen sie dem tauben Meere vor. Antonius. Welch lächerlicher Aberglaube! Und die anderen? Adolphus. Einige taten nichts, als sich erbrechen; die meisten taten Gelübde. Da war ein Engländer, der der Jungfrau von Walsingham goldene Berge versprach, wenn er heil ans Land komme. Andere gelobten vieles dem Stück Holz vom Kreuze, das an dem und dem Orte ist; andere wieder dem, das anderswo sich findet. Ebenso hielten sie's mit der Jungfrau Maria, die an vielen Orten herrscht; und sie meinen, das Gelübde sei umsonst, wenn man nicht einen bestimmten Ort nenne. Antonius. Lächerlich, als wohnten die Himmlischen nicht in den Himmeln. Adolphus. Es gab auch solche, welche versprachen, Kartäuser zu werden. Und einer war, der gelobte, er wolle zum heiligen Jakobus in Campostella barfuß und barhaupt pilgern, den Körper nur mit einem eisernen Panzerhemd bedeckt, und überdies mit erbettelter Zehrung. Antonius. Dachte niemand an den Christopherus? Adolphus. Doch, einen hörte ich, nicht ohne Lachen, wie er dem heiligen Christoph, der in Paris in der Kathedrale steht, mehr einem Berg als einer Statue gleich, eine Wachskerze so groß als er selbst sei, gelobte. Wie er das so laut er konnte rief und immerfort wiederholte, gab ihm ein Bekannter, der gerade in seiner Nähe stand, einen Stoß mit dem Ellbogen und mahnte ihn: Siehe zu, was du versprichst; auch wenn du alle deine Habe vergantest, könntest du das doch nie bezahlen. Worauf jener, schon mit leiserer Stimme, wohl damit es Christophorus nicht höre: Schweig doch, du Narr! Glaubst du denn, es sei mir ernst damit? Bin ich einmal am Lande, so werde ich ihm nicht einmal ein Unschlittlicht stiften. Antonius. Was für ein fettiger Kerl! Ich nehm' an, es werde ein Holländer gewesen sein. Adolphus. Nein, es war ein Zeeländer. Antonius. Mich wundert, daß keinem der Apostel Paulus in den Sinn gekommen ist, der doch selbst einst zur See war und aus einem Schiffbruch sich ans Land rettete, der daher, mit diesem Unglück vertraut, wohl gelernt hat, den armen Betroffenen Hilfe zu leisten. Adolphus. An den Paulus dachte niemand. Antonius. Beteten sie inzwischen? Adolphus. Ja, um die Wette. Einer plärrte: »Sei gegrüßt, du Königin!«, ein anderer: »Ich glaube an Gott«; es gab auch solche, die ihre Spezialgebetlein hatten gegen Gefahren, ähnlich den Zaubersprüchen. Antonius. Wie doch die Not die Leute fromm macht! Im Glück kommt einem weder Gott noch irgend ein Heiliger in den Sinn. Was machtest denn du unterdessen? Tatest du keine Gelübde? Adolphus. Keineswegs. Antonius. Warum denn? Adolphus. Weil ich mit den Heiligen nicht paktiere. Denn was anderes ist dies als ein Kontrakt nach der Formel: ich gebe, wenn du das und das tust, oder: ich werde dies tun, wenn du das tust – ich werde eine Kerze stiften, wenn ich durch Schwimmen mich rette; ich werde nach Rom gehen, wenn du mich bewahrst. Antonius. Aber du riefest doch den Schutz irgend eines Heiligen an? Adolphus. Nicht einmal das. Antonius. Warum denn aber nicht? Adolphus. Weil der Himmel gar weiträumig ist. Wenn ich nun einem Heiligen mein Heil anbefehlen wollte, sagen wir dem heiligen Petrus, der es vielleicht zuerst hören wird, da er bei der Himmelstür steht – dann würde ich, bevor er zu Gott hinkäme und bevor er meine Sache vorbrächte, untergegangen sein. Antonius. Ja, was machtest du denn? Adolphus. Ich wandte mich geradeswegs an den Vater selbst mit den Worten: »Unser Vater, der du bist in den Himmeln.« Von den Heiligen hört doch keiner rascher als Er, oder gewährt lieber das, worum gebeten wird. Antonius. Hat aber bei alledem dein Gewissen keine Einsprache erhoben? Fürchtetest du nicht, den Vater zu nennen, den du durch so viele Vergehen beleidigt hattest? Adolphus. Um ehrlich zu sein, mein Gewissen erschreckte mich etwas; bald aber faßte ich Mut, indem ich bei mir überlegte: kein Vater ist so erzürnt über seinen Sohn, daß er ihn nicht, wenn er ihn in einem Strom oder See in Gefahr sähe, an den Haaren fassen und an das Ufer ziehen würde. Unter all den Leuten blieb niemand ruhiger als eine Frau, der ihr Kind saugend an der Brust lag. Sie allein machte keine lauten Worte und weinte nicht und tat keine Versprechungen; nur still für sich hin betete sie, das Knäblein küssend. Da unterdessen das Schiff alle Augenblicke auf einer Untiefe aufstieß, ließ es der Steuermann aus Furcht, es möchte ganz auseinandergehen, mit Tauen vorn und hinten umbinden. Antonius. Ein elender Schutz! Adolphus. Mittlerweile erhob sich ein alter Priester von sechzig Jahren, mit Namen Adam; er warf die Kleider ab bis aufs Hemd, zog die Schuhe aus und forderte alle auf, sich in derselben Art auf das Schwimmen zu rüsten. Und wie er so inmitten des Schiffes stand, predigte er aus dem Gerson die fünf Wahrheiten vom Nutzen der Beichte und ermahnte alle, sich zum Leben wie zum Tode vorzubereiten. Es war auch ein Dominikaner da; diesen beiden beichtete, wer Lust hatte. Antonius. Du nicht? Adolphus. Da ich alles so voll Tumult sah, beichtete ich stille Gott selbst, indem ich vor ihm meine Ungerechtigkeit verdammte und seine Gnade anrief. Antonius. Wo wärest du wohl hingekommen, wenn du gestorben wärest? Adolphus. Das überließ ich dem Richterspruch Gottes; denn mein eigener Richter wollte ich nicht sein; doch erfüllte inzwischen gute Hoffnung meinen Geist. Während all dies im Gange war, kam der Schiffsmann wieder unter Tränen zu uns: Möge sich jeder rüsten, sagte er, das Schiff wird uns keine Viertelstunde mehr etwas nützen. Denn schon drang an einigen Stellen das Wasser ein. Kurz darauf meldete der Schiffer, er sehe in der Ferne einen Kirchturm, und mahnte uns, wir sollten den Heiligen, der der Patron jener Kirche sei, um Hilfe anflehen. Alle fielen auf die Knie und beteten zu dem unbekannten Heiligen. Antonius. Hättet ihr ihn bei seinem Namen angerufen, vielleicht würde er euch erhört haben. Adolphus. Sein Name war uns eben nicht bekannt. Unterdessen lenkte der Steuermann nach Kräften das schon lecke Schiff, in das von allen Seiten das Wasser eindrang und das ohne die Gurt von Seilen ganz auseinander gefallen wäre, nach jener Richtung. Antonius. Eine böse Lage! Adolphus. Wir kamen so weit vorwärts, daß die Bewohner der Gegend uns in unserer Gefahr sehen konnten; und indem sie in Haufen an den äußersten Rand des Ufers rannten, luden sie uns durch aufgehobene Gewandstücke und durch Hüte, die sie auf Stangen steckten, zu sich ein, und indem sie die Arme zum Himmel emporhoben, drückten sie uns ihre Teilnahme an unserem Los aus. Antonius. Ich bin gespannt, wie die Sache nun ablief. Adolphus. Schon hatte das Meer das ganze Schiff in Beschlag genommen, so daß wir im Schiff um nichts sicherer gewesen wären als im Meere selbst. Antonius. Nun hieß es allerdings zum heiligen Anker seine Zuflucht nehmen. Adolphus. Das heißt: zum Elendsanker. Die Schiffsleute schöpften das Wasser aus dem kleinen Nachen und ließen ihn ins Meer hinab. Da versuchten sich alle in dieses Boot zu werfen, obschon die Schiffsleute lauten Widerspruch erhoben: der Nachen fasse nicht so viele Leute, es solle vielmehr jeder ergreifen, was er könne, und schwimmen. Die Lage duldete keine langen Beratungen: einer ergriff ein Ruder, ein anderer eine Stange, ein dritter eine Mulde, ein vierter einen Eimer, wieder ein anderer ein Brett; und so vertrauten sie sich, jeder auf sein Schutzmittel sich verlassend, den Wellen an. Antonius. Wie ging's denn dabei jener Frau, die allein nicht wehklagte? Adolphus. Sie kam als erste von allen ans Ufer. Antonius. Wie ging denn das zu? Adolphus. Wir hatten sie auf eine gebogene Planke gesetzt und so angebunden, daß sie nicht leicht herunterfallen konnte; dann gaben wir ihr ein Brettchen in die Hand, das sie als Ruder gebrauchen konnte. Und so setzten wir sie mit guten Wünschen in die Flut aus, indem wir mit einer Stange sie vom Schiff wegstießen; denn von daher war Gefahr zu befürchten. Sie hielt ihr Kindlein in der Linken und ruderte mit der Rechten. Antonius. Eine wahre Heldenjungfrau! Adolphus. Da sonst nichts mehr vorrätig war, riß einer ein Holzbild der Mutter Gottes los, das schon ganz morsch und ausgehöhlt war von den Spitzmäusen, und es umfassend begann er damit zu schwimmen. Antonius. Und der Nachen, kam er heil ans Land? Adolphus. Seine Insassen kamen zuerst um, hatten sich doch dreißig in das Boot gestürzt. Antonius. Wie geschah dieses Unglück? Adolphus. Bevor der Nachen sich von dem großen Schiff frei machen konnte, wurde er durch dessen Schwankungen umgekippt. Antonius. Schrecklich! Und du? Adolphus. Ich selbst wäre beinahe umgekommen, während ich den anderen Ratschläge gab. Antonius. Wieso? Adolphus. Weil nichts mehr übrig geblieben war, was zum Schwimmen hätte dienen können. Antonius. Da hätten Korkhölzer gute Dienste getan. Adolphus. Allerdings hätte ich in dieser Lage ein elendes Pantoffelholz einem goldenen Leuchter vorgezogen. Als ich mich so umsah, fiel mir auf einmal der unterste Teil des Mastbaums ein; da ich ihn aber allein nicht herausschaffen konnte, nahm ich mir einen Gefährten; indem wir uns nun beide darauf stützten, überließen wir uns dem Meere, in der Art, daß ich das rechte Ende, er das linke inne hatte. Während wir so hin und her getrieben wurden, warf sich jener Priester, der auf dem Schiff uns gepredigt hatte, mitten drein auf unsere Schultern. Er war aber von sehr bedeutender Größe. Wir riefen daher aus: Wer ist dieser Dritte? er wird uns alle miteinander verderben. Er aber antwortete sanftmütiglich: Seid guten Mutes, es ist Platz genug. Gott wird mit uns sein. Antonius. Warum fing denn dieser Mann so spät erst zu schwimmen an? Adolphus. Er wäre in dem Nachen gewesen samt dem Dominikaner, denn alle hatten ihm diese Ehre zugesprochen; aber obschon die beiden sich gegenseitig in dem Schiff gebeichtet, taten sie dies, weil sie irgend etwas vergessen hatten, noch einmal am Rande des Schiffes, und einer legte dem anderen die Hand auf. Inzwischen aber ging das Boot unter. So erzählte mir der Herr Adam. Antonius. Wie erging es aber dem Dominikaner? Adolphus. Dieser erflehte, wie mir Adam erzählte, der Heiligen Hilfe, warf seine Kleider ab und ergab sich nackend dem Schwimmen. Antonius. Welche Heiligen rief er an? Adolphus. Den Dominikus und Thomas und Vincentius und irgend einen Petrus, besonders aber empfahl er sich der Katharina von Siena. Antonius. Christus kam ihm scheint's nicht in den Sinn? Adolphus. So erzählte der Priester. Antonius. Er wäre wohl besser geschwommen, wenn er die Kutte nicht abgelegt hätte; denn, nachdem er sie von sich getan hatte, wie konnte ihn da die Katharina von Siena erkennen? Aber erzähle weiter von dir! Adolphus. Während wir neben dem Schiffe einhergetrieben wurden, traf das Steuerruder den, der die linke Seite inne hatte, und zerschlug ihm den Schenkel. So wurde er vom Mastbaum weggerissen; der Priester wünschte ihm die ewige Ruhe und rückte an seinen Platz nach, wobei er mich ermahnte, ich sollte genau auf mein rechtes Ende acht geben und fleißig die Füße rühren. Inzwischen bekamen wir viel Salzwasser zu schlucken. Der Gott Neptun hatte uns nicht nur ein salziges Bad, sondern auch einen salzigen Trunk gerichtet, obschon der Geistliche ein Mittel dagegen zeigte. Antonius. Was für eins? Adolphus. So oft eine Welle uns entgegenkam, warf er ihr den Hinterkopf entgegen, wobei er den Mund geschlossen hielt. Antonius. Ein wackerer Alter! Adolphus. Als wir so schwimmend etwas vorwärts gekommen waren, sagte der Mann, da er, wie gesagt, von außergewöhnlicher Körpergröße war: Sei guten Mutes, ich fühle Grund unter den Füßen. Ich wagte nicht an ein solches Glück zu glauben und entgegnete: Wir sind ja noch zu weit von der Küste entfernt, als daß wir hoffen könnten, auf den Grund zu kommen. Aber, sagte er, ich fühle den Boden mit den Füßen. Das ist, erwidere ich, vielleicht eine von den Kisten, die das Meer hierher getrieben hat. Nein, meinte er, mit den Zehen spüre ich deutlich den Boden. Als wir nun noch eine Zeitlang geschwommen waren und er wieder auf den Grund kam, sagte er: Mach, was dir das beste scheint, ich überlaß dir den ganzen Mastbaum und vertraue mich dem seichten Gewässer an. Und indem er das Abfließen der Wellen abwartete, folgte er zu Fuß, so rasch er konnte. Wenn dann die Wellen zurückkehrten, umklammerte er mit beiden Händen seine Kniee und stemmte sich der Flut entgegen, sich unter den Wellen bergend, wie die Tauchvögel und die Enten zu tun pflegen. Wiederum, wenn die Flut zurückging, tauchte er auf und ging weiter. Wie ich sah, daß er das mit Erfolg tat, befolgte ich sein Beispiel. Am Strande standen kräftige, meergewohnte Männer, die sich gegenseitig lange Stangen reichten und damit dem Anprall der Wogen sich entgegenstemmten; der äußerste von ihnen hielt dem Heranschwimmenden eine Stange entgegen; hatte er sie angefaßt, so machten sich alle ans Ufer zurück, und er wurde sicher aufs Trockene gezogen. Durch diese Hilfeleistung wurden einige gerettet. Antonius. Wieviele? Adolphus. Sieben; von diesen aber schwanden noch zwei dahin, als man sie an die Wärme des Feuers brachte. Antonius. Wieviel waren im ganzen in dem Schiff? Adolphus. Achtundfünfzig. Antonius. Du grausames Meer! wenigstens mit dem Zehnten hätte es sich zufrieden geben können, wie die Priester. Aus einer so großen Zahl hat es nur so wenige herausgegeben! Adolphus. Dort haben wir die unsagbare Menschenfreundlichkeit des Volkes erfahren dürfen. Alles boten sie uns mit bewundernswerter Freudigkeit an: Herberge, Feuer, Speise, Kleider, Wegzehrung. Antonius. Was für ein Volk war es? Adolphus. Holländer. Antonius. Ein humaneres als dieses gibt es auch nicht, obschon es von so unkultivierten Nationen umgeben ist. In Zukunft, denk' ich, wirst du's mit dem Neptun nicht mehr probieren. Adolphus. Gewiß nicht, wenn anders mich Gott bei Verstand läßt. Antonius. Und was mich betrifft, so höre ich auch lieber solche Dinge erzählen, als daß ich sie am eigenen Leibe erfahre.

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