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Erasmus von Rotterdam: Gespräche - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorErasmus von Rotterdam
titleGespräche
publisherBenno Schwabe u. Co
editorHans Trog
year1936
translatorHans Trog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140205
projectid8b2d8c03
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Die unnatürliche Ehe

Petronius · Gabriel

Petronius. Woher kommt Ihr, Gabriel, mit so düsterer Miene? Etwa gar aus der Orakelhöhle des Trophonius? Gabriel. Keineswegs, sondern von einer Hochzeit. Petronius. Ein weniger hochzeitliches Gesicht habe ich nie gesehen. Sonst pflegen die Teilnehmer an Hochzeiten noch sechs Tage nachher vergnügt und heiter auszusehen und sogar Greise um zehn Jahre jünger zu werden. Von was für einer Hochzeit also habt Ihr mir zu erzählen? Ich denke von der der Todesgöttin mit Mars. Gabriel. Vielmehr von der eines jungen Mannes aus guter Familie mit einer Sechzehnjährigen, an der weder Gestalt, noch Sitten, noch Herkunft, noch Vermögen etwas zu wünschen übrig lassen, kurz, die wert erschiene, mit dem Zeus Hochzeit zu halten. Petronius. Ach, geht doch, ein so junges Mädchen mit einem so alten! Gabriel. Die Könige altern ja nicht. Petronius. Woher kommt denn nun aber Eure Traurigkeit? Seid Ihr etwa auf den Bräutigam neidisch, der Euch die ersehnte Beute siegreich entrissen hat? Gabriel. Warum nicht gar! Petronius. Oder hat sich etwas zugetragen wie bei der Lapithenhochzeit? Gabriel. Auch das nicht. Petronius. Nun also? Fehlte es an der Gabe des Bacchus? Gabriel. Es herrschte im Gegenteil Überfluß daran. Petronius. So blieben die Flötenspieler aus? Gabriel. Es gab sogar Geigen- und Lautenspieler und Trompeter und Sackpfeifer. Petronius. Ja, was fehlte denn? War der Hymenäus nicht da? Gabriel. Vergebens riefen ihn eine Menge Stimmen her. Petronius. Und auch die Chariten nicht? Gabriel. Keine Ahnung von einer Charitin. Auch Juno fehlte, die Hüterin der Ehe, und die goldene Venus und der heiratsfreundliche Jupiter. Petronius. Da sprecht Ihr ja von einer Hochzeit mit schlimmen Auspizien, ohne göttlichen Beistand, oder, wenn man lieber will, von einer Ehe, die keine Ehe ist. Gabriel. Ihr würdet noch ganz anders sprechen, wenn Ihr es gesehen hättet. Petronius. So hat man also nicht getanzt? Gabriel. Nein, sondern elendiglich gehinkt. Petronius. Keine freundliche Gottheit hat demnach diese Ehe erhellt? Gabriel. Nicht eine war anwesend, ausgenommen die Göttin, welche die Griechen Psora (die Räude) nannten. Petronius. Da sprecht Ihr ja von einer grindigen Hochzeit. Gabriel. Freilich, von einer aussätzigen und eitrigen. Petronius. Aber wie kommt es, Gabriel, daß Euch diese Erzählung die Tränen austreibt? Gabriel. Das könnte selbst einen Kieselstein zum Weinen bringen. Petronius. Das glaub' ich, wenn ein Kieselstein es gesehen hätte. Aber ich beschwöre Euch, was ist denn das für ein großes Unglück? Verhehlt es mir nicht und laßt mich nicht länger in der Schwebe! Gabriel. Kennt Ihr den Lampridius Eubulus? Petronius. Das ist ja der beste und glücklichste Mann in der Stadt. Gabriel. Und kennt Ihr auch seine Tochter Iphigenie? Petronius. Ihr nennt die Blume der Jugend. Gabriel. So ist's. Und wißt Ihr, wem sie vermählt ward? Petronius. Ich weiß es, wenn Ihr mir's gesagt habt. Gabriel. Dem Pompilius Blennus. Petronius. Diesem Thrason, der jedermann mit seinen Prahlereien tot macht? Gabriel. Ja, diesem. Petronius. Der war ja schon längst berühmt in der Stadt, vor allem durch zwei Dinge, durch seine Lügereien und durch jene Krankheit, die noch keinen Namen trägt, obschon sie selbst die Namen so vieler hat. Gabriel. Es ist jene so stolze Krankheit, welche weder dem Aussatz, noch der Elephantiasis, noch den Flechten und dem Grind, noch dem Podagra etwas nachgeben würde, wenn es zum Wettbewerb käme. Petronius. Das ist die Meinung der Ärzte. Gabriel. Soll ich Euch nun auch das Mädchen schildern, da Ihr es ja kennt, wenn auch der Schmuck ihrer natürlichen Schönheit noch einen weiteren Reiz verlieh? Ihr, Petronius, hättet sie für eine Göttin genommen. Alles stand ihr trefflich. Inzwischen kam nun jener glückseilige Bräutigam zum Vorschein, mit einer gestutzten Nase, ein Bein nachschleppend, aber mit weniger Glück, als dies die Schweizer zu tun pflegen, mit krätzigen Händen, stinkendem Atem, erloschenen Augen, einem bandagierten Kopfe, und aus Nase und Augen floß ihm der Eiter. Andere tragen die Ringe an den Fingern, er trägt solche sogar am Schenkel. Petronius. Was fiel den Eltern ein, daß sie eine solche Tochter einem solchen Scheusal überließen? Gabriel. Ich weiß es nicht, höchstens, daß heutzutage viele den Verstand verloren zu haben scheinen. Petronius. Vielleicht ist der Mensch sehr reich? Gabriel. Das stimmt, aber an Schulden. Petronius. Wenn das Mädchen ihre beiden Großväter und Großmütter durch Gift aus der Welt geschafft hätte, würde man es nicht härter haben bestrafen können. Gabriel. Oder wenn sie auf die Asche ihres Vaters gepißt hätte, so wäre sie genugsam dafür bestraft, wenn sie einem solchen Ungeheuer einen Kuß zu gewähren gezwungen ist. Petronius. Ich bin derselben Ansicht. Gabriel. Mir scheint eine solche Handlungsweise grausamer zu sein, als wenn der Vater sie nackt den Bären oder Löwen oder Krokodilen vorgeworfen hätte. Denn entweder hätten die wilden Tiere ihre Schönheit verschont, oder ein rascher Tod hätte ihre Qualen beendigt. Petronius. Ihr habt recht. Mir scheint diese Handlungsweise des Tyrannen Mecentius würdig zu sein, der, wie Virgil erzählt, Leichen mit Lebenden verband, indem er ihre Hände vereinigte und Mund an Mund legte. Und doch war, wenn ich mich nicht täusche, sogar Mecentius nicht so unmenschlich, daß er ein liebenswürdiges Mädchen mit einem Leichnam verband, und es gibt keinen Leichnam, mit dem man nicht lieber zusammengeschlossen wäre als mit einem so verfaulten Kadaver. Sein Atem ist ja das reine Gift, und was er spricht, ist die Pest, und was er anrührt, ist der Tod. Gabriel. Und nun überlegt ein wenig, Petronius, was für eine Wollust seine Küsse, seine Umarmungen, seine nächtlichen Zärtlichkeiten und Liebkosungen sein mögen. Petronius. Ich hab' die Theologen schon zuweilen von einer ungleichen Ehe reden hören. Aber das erst scheint mir mit Fug und Recht so genannt werden zu können, ist es doch, als wenn man einen Edelstein in Blei fassen wollte. Was mich übrigens in Staunen setzt, ist die Kühnheit dieser zarten Jungfrau. Mädchen in diesem Alter pflegen doch sonst beim Anblick eines Gespenstes oder sonst eines Phantoms fast des Todes zu sein, diese aber sollte wagen, des Nachts einen solchen Kadaver zu umarmen! Gabriel. Das Mädchen kann sich mit der Autorität der Eltern, mit dem inständigen Anliegen der Freunde, mit der Einfalt der Jugend entschuldigen. Ich kann mich nicht genug über die Narrheit der Eltern wundern. Wer würde auch die häßlichste Tochter einem aussätzigen Manne beigesellen? Petronius. Kein Mensch, wenn er auch nur ein Körnchen gesunden Verstandes sein nennt. Hätte ich eine schielende und hinkende und überdies so verwachsene Tochter, wie der Thersites bei Homer es ist, und sie hätte sogar keinen Rappen Mitgift – einem solchen Schwiegersohne würde ich ihre Hand verweigern. Gabriel. Und diese Krankheit ist noch widerlicher und gefährlicher als die Lepra; denn sie breitet sich rascher aus und kommt von Zeit zu Zeit wieder und führt häufig den Tod herbei, während der Aussatz einen Menschen oft sehr alt werden läßt. Petronius. Aber vielleicht wußten die Eltern nicht um des Bräutigams Krankheit? Gabriel. Freilich, sie wußten es sehr wohl. Petronius. Wenn sie es so schlecht mit ihrer Tochter meinten, warum warfen sie sie nicht in einen Sack eingenäht in die Schelde? Gabriel. Weniger verrückt war' es schon gewesen. Petronius. Was für eine Mitgift hat ihnen denn diesen Schwiegersohn empfohlen? Zeichnet er sich in irgend etwas aus? Gabriel. O freilich, in gar vielen Dingen: er ist ein strammer Würfler, ein unbesiegter Trinker, ein ruchloser Schürzenjäger, ein ausgemachter Künstler im Lügen und Betrügen, ein unermüdlicher Räuber, ein vollendeter Vergeuder und Verprasser, ein ausgepichter Schlemmer. Kurz: wenn man an den Schulen nur sieben liberale Künste lehrt, so hat dieser mindestens zehn illiberale inne. Petronius. Immerhin, etwas muß es doch gewesen sein, was ihn den Eltern empfohlen hat. Gabriel. Gar nichts, als der gloriose Name eines Ritters. Petronius. Wie kann denn der ein Ritter sein, der vor lauter Räude kaum im Sattel sitzen kann? Vielleicht hat er aber beträchtliche Besitzungen? Gabriel. Er hatte einst ein mittelmäßiges Vermögen, aber bei seiner Lebensführung blieb ihm nichts übrig als ein kleiner Turm, von dem er auszulaufen pflegt zum Raube; und dieser Turm ist so nett ausgerüstet, daß Ihr Eure Schweine dort nicht untergebracht haben möchtet. Freilich, hört man den Mann, so führt er Schlösser im Munde und Lehen und andere prachtvolle Dinge; und sein Wappen anzubringen, vergißt er nirgends. Petronius. Was für ein Wappen führt er in seinem Schild? Gabriel. Drei goldene Elefanten auf einem roten Felde. Petronius. Zum Elefanterich paßt der Elefant. Er muß übrigens dem Wappen nach ein blutdürstiger Herr sein. Gabriel. Eher ein weindürstiger. Denn am roten Wein ergötzt er sich wunderbarlich; das läßt ihn so blutig erscheinen. Petronius. Dann leistet ihm der Rüssel zum Schöpfen gute Dienste. Gabriel. Vortreffliche. Petronius. Sein Wappen schildert ihn somit als einen großen, dummen Windmacher und als Weingurgel. Die Farbe deutet auf den Wein, nicht auf Blut, und der goldene Elefant zeigt an, daß das Gold, das er erhalten, im Wein sein Ende gefunden hat. Gabriel. So ist's. Petronius. Was für eine Mitgift soll nun dieser Thraso seiner Braut zugebracht haben? Gabriel. O, eine recht große. Petronius. Wieso eine große von einem Verschwender? Gabriel. Laßt mich doch ausreden: eine recht große, sage ich, und recht böse – Krätze. Petronius. Wahrhaftig, lieber würde ich meine Tochter mit einem Reitpferd als mit einem solchen Reitersmann verheiraten. Gabriel. Ich würde sie sogar lieber einem Mönch zur Frau geben. Denn jenes heißt nicht einen Menschen, sondern eines Menschen Leiche ehelichen. Und nun, wenn Ihr diesem Schauspiel beigewohnt hättet, würdet Ihr die Tränen zurückgehalten haben? Petronius. Wie hätte ich das über mich gebracht, kann ich doch den Bericht hierüber kaum tränenlos anhören! Können sich Eltern so sehr jedem Gefühl der natürlichen Liebe gegenüber verhärten, daß sie ihre einzige Tochter, die schön, begabt und von Charakter liebenswert ist, in die Knechtschaft eines solchen Ungeheuers überantworten, und das wegen eines lügnerischen Wappenschildes? Gabriel. Eine solche Handlungsweise, die unmenschlichste, grausamste, gottloseste, die ich mir denken kann, ist eben heutzutage für unsere großen Herren nur ein Spiel; und doch ist es von Nutzen, daß die, welche zum Regieren des Staates geboren werden, sich der besten Gesundheit erfreuen. Denn die Beschaffenheit des Körpers wirkt auf die Kraft des Geistes zurück. Sicherlich pflegt diese Krankheit dem Menschen das Hirn auszutrocknen. So kann es kommen, daß Leute dem Staate vorstehen, die weder geistiger noch körperlicher Gesundheit sich erfreuen. Petronius. Nicht nur geistig gesund und kräftig sollten die Regierenden sein, auch körperlich sollten sie nach Gestalt und Würde sich hervortun. Denn wenn auch Weisheit und Lauterkeit die erste Empfehlung der Herrschenden sind, so ist es doch auch keineswegs gleichgültig, wie derjenige körperlich beschaffen ist, welcher den andern befiehlt. Ist er grausam, so wird ihm die Häßlichkeit noch weit mehr Abscheu eintragen; ist er aber ehrlich und fromm, so erscheint die Tugend um so anmutiger, wenn sie aus einem schönen Körper hervorgeht. Gabriel. Das stimmt. Petronius. Beklagt man nicht diejenigen als unglücklich, deren Gatten nach der Hochzeit den Aussatz bekommen oder das fallende Weh? Gabriel. Ganz gewiß. Petronius. Ja, wie soll man dann aber die Narrheit bezeichnen, aus freien Stücken eine Tochter einem mehr als Aussätzigen zu überantworten? Gabriel. Das ist ärger als verrückt. Wenn ein Edelmann junge Hunde aufziehen will, wird er dann zu dem rassereinen Weibchen einen räudigen, faulen Köter zulassen? Petronius. Er würde vielmehr mit aller Sorgfalt Umschau halten, daß er von irgendwoher ein Männchen von guter Art auftreibe, damit keine Zwitter entstehen. Gabriel. Und wenn der Herzog seinen Pferdebestand vermehren will, wird er da wohl eine ausgezeichnete Stute von einem kranken, degenerierten Hengst bespringen lassen? Petronius. Er würde den kranken Gaul nicht einmal in den gemeinsamen Stall zulassen, damit die Krankheit die andern nicht anstecke. Gabriel. Das aber scheint gleichgültig, was für einen Mann man zur Tochter läßt und was für Kinder dann auf die Welt kommen, die doch nicht nur in das Erbe aller Besitztümer eintreten, sondern auch den Staat lenken sollen. Petronius. Kein Bauer läßt den ersten besten Stier zur jungen Kuh, noch jeden Hengst zur Stute, noch sogar jeden Eber zur Sau; obschon der Stier für den Pflug, das Pferd für den Wagen, das Schwein für die Küche geschaffen ist. Gabriel. Da sieht man, wie verkehrt der Menschen Urteile sind. Wenn ein Plebejer einer Patrizierstochter einen Kuß abzwingt, so meinen sie, diese Schmach müsse mit Krieg gerächt werden. Petronius. Und zwar mit Krieg auf Leben und Tod. Gabriel. Sie aber überliefern mit Willen und Wissen ihr Teuerstes einem Scheusal und vergehen sich so persönlich gegen ihr eigenes Geschlecht gottlos, öffentlich aber gegen den Staat. Petronius. Hinkt ein Freier etwas, ist aber sonst gesund, wie macht man da gleich ein Kreuz vor einer Heirat! Dagegen eine Krankheit wie die genannte wird bei einem Verlöbnis nicht in Rechnung gestellt. Gabriel. Gibt einer seine Tochter einem Franziskaner, was ist das für ein Entsetzen! Und doch hat sie, wenn das Kleid gefallen ist, einen Mann mit kräftigen Gliedern, während sie so ihr ganzes Leben mit einem Halbtoten verbringen muß. Heiratet eine einen Geistlichen, so höhnen sie auf den Gesalbten; dieses Mädchen aber hat einen geheiratet, der weit schlimmer gesalbt ist. Petronius. Kaum Feinde handeln so an erbeuteten Mädchen oder Piraten an den verbrecherisch entführten; und hier tun es die Eltern gegenüber der einzigen Tochter, und es wird ihnen von der Behörde kein Kurator gesetzt. Gabriel. Wie kann der Arzt dem Hirnkranken zu Hilfe eilen, wenn er in derselben Schule krank ist? Petronius. Es ist wirklich merkwürdig, daß die Fürsten, deren Pflicht es ist, über den Staat zu wachen, auch soweit es den Leib angeht, wozu in erster Linie die gute Gesundheit gehört, kein Hilfsmittel gegen diese Krankheit suchen. Eine Pest von solcher Art hat einen guten Teil der Welt sich erobert, und jene schnarchen dabei, als ginge sie das nichts an. Gabriel. Über die Regierenden, Petronius, soll man mit Ehrfurcht sprechen. Doch haltet Euer Ohr her, ich will Euch schnell ein Wörtchen hineinflüstern. Petronius. O Jammer! Würdet Ihr doch die Unwahrheit sagen! Gabriel. Was für Krankheiten, meint Ihr, entstehen aus den gefälschten, auf tausend Arten verdorbenen Weinen? Petronius. Ungezählte, wenn man den Behauptungen der Ärzte Glauben schenken darf. Gabriel. Haben unsere Behörden acht hierauf? Petronius. Die wachen über dem Eintreiben der Steuern. Gabriel. Die, welche wissend einen kranken Mann ehelicht, verdient vielleicht ihr Unglück, weil sie es sich selbst zugezogen hat; trotzdem, wenn ich zu regieren hätte, ich würde beide aus der städtischen Gemeinschaft stoßen. Wenn aber eine Frau sich mit einer solchen Seuche verheiratete, weil er sich für gesund ausgegeben hatte, so würde ich, wenn mir einer das Pontifikat übertrüge, diese Ehe trennen, und wäre sie mit sechshundert Verlöbnisurkunden sanktioniert. Petronius. Mit welcher Begründung? Eine rechtlich geschlossene Ehe kann ja von Menschen nicht getrennt werden. Gabriel. Was, scheint Euch das rechtlich geschlossen, was mit schlimmer List vereinbart worden ist? Der Vertrag gilt nichts, wenn das Mädchen getäuscht einen Unfreien, den es für frei hielt, geheiratet hat. Der, den es zum Manne erhielt, ist der Sklave der elendesten Dame Krätze, und diese Sklaverei ist um so unheilvoller, als niemand von ihr loskommt, somit auch nicht eine leise Hoffnung auf Befreiung für das Elend dieser Knechtschaft Trost gewähren kann. Petronius. Das läßt sich hören. Gabriel. Überdies gibt es eine Ehe nur unter Lebenden. Hier aber wird ein Toter geheiratet. Petronius. Das ist wiederum ein Grund für Eure Ansicht. Dafür sollte man, mein' ich, nach dem alten Sprichwort »Gleich und gleich gesellt sich gern« die mit Räude Behafteten einander heiraten lassen. Gabriel. Dürft' ich so handeln, wie's dem Staatswesen frommen würde, ich ließe sie sich verbinden, würde dann aber die Verheirateten verbrennen. Petronius. Das wäre dann freilich mehr nach Art eines Tyrannen wie Phalaris gehandelt, als nach Art eines Fürsten. Gabriel. Ja, aber erscheint Euch der Arzt als ein Phalaris, der einige Finger amputiert oder einen Teil des Körpers brennt, damit nicht der ganze zugrunde gehe? Mir kommt das nicht als Grausamkeit vor, sondern als Mitleid. Wär' das nur gleich beim Beginn des ausbrechenden Unheils geschehen! Damals hätte durch den Tod einiger Weniger für die Wohlfahrt der ganzen Erde gesorgt werden können. Ein Beispiel hierfür findet man in der Geschichte Frankreichs. Petronius. Milder wär's immerhin, die kranken Männer zu kastrieren und abzusondern. Gabriel. Was sollte man aber mit den Weibern machen? Petronius. Denen würde ich einen Keuschheitsgürtel anlegen. Gabriel. Auf diese Weise wäre dann freilich dafür gesorgt, daß die schlechten Raben keine schlechten Eier legen; milder als das andere wäre das schon, ich gebe es zu; sicherer aber mein Vorschlag, wie Ihr auch zugeben müßt. Denn auch die Kastrierten haben ihre fleischlichen Gelüste; und zudem überträgt sich die Krankheit nicht auf eine einzige Art, sondern auch durch den Kuß, durch das Gespräch, durch Berührung, durch gemeinsames Zechen macht sie sich an andere heran. Man kann auch beobachten, daß dieser Krankheit noch eine besondere Bosheit eigen zu sein pflegt: nämlich daß, wer sie hat, Schadenfreude empfindet, wenn er sie möglichst vielen anhängen kann. Die Abgesonderten können sich flüchten und dann des Nachts oder indem sie sich an Leute, die sie nicht kennen, heranmachen, Schaden üben. Nur bei den Toten ist man vor Gefahr sicher. Petronius. Sicherer mag das sein, ich geb's zu; aber ich weiß doch nicht, ob es sich mit der christlichen Gutherzigkeit verträgt. Gabriel. Ja, aber sagt mal: Wer ist gefährlicher: gewöhnliche Diebe oder jene Menschen? Petronius. Ich geb' zu, daß das Geld weit weniger wert ist als die gute Gesundheit. Gabriel. Und doch hängen wir Christen die Diebe, und man nennt das nicht Grausamkeit, sondern Gerechtigkeit. In bezug auf das Staatswesen ist es sogar eine Wohltat. Petronius. In jenem Fall wird aber der bestraft, der Schaden zugefügt hat. Gabriel. Ja, aber was für Gewinn denn bringen diese Kranken? Doch geben wir auch zu, daß diese Krankheit viele ohne ihre Schuld befällt, obschon man wenige finden dürfte, die sie sich nicht durch Nichtsnutzigkeit zugezogen haben – so lehren die Juristen, daß unter Umständen Schuldlose mit Recht den Tod finden, wenn das zum großen Nutzen des Staates geschieht. So haben die Griechen nach der Zerstörung Trojas den Astyanax, des Hektor Sohn, getötet, damit nicht durch ihn der Krieg erneuert werde. Man hält es nicht für eine Gottlosigkeit, nach der Vernichtung eines Tyrannen auch seine unschuldigen Kinder hinzumorden. Und wir Christen, die wir ständig Krieg führen, wissen wir denn nicht, daß im Krieg der größte Teil des Übels auf die entfällt, die völlig unschuldig sind? Ebenso verhält es sich mit dem, was sie Repressalien nennen. Der Angreifer sitzt in Sicherheit, und ausgeraubt wird der Kaufmann, der nicht einmal von dem Geschehnis Kunde hatte, geschweige denn, daß von einer Schuld seinerseits die Rede sein kann. Wenn wir solche Mittel anwenden in Fällen von nicht so großer Wichtigkeit, was meint Ihr soll man tun, wo es sich um das Furchtbarste von allem handelt? Petronius. Ich gebe mich der Wahrheit dieser Worte gefangen. Gabriel. Dann bedenkt noch das: Sobald bei den Italienern die Pest nur aufzuflackern beginnt, werden die Häuser geschlossen und diejenigen, welche dem Kranken Handreichung leisten, werden von der Öffentlichkeit abgesondert. Das nennen einige inhuman, während es doch die höchste Humanität ist. Durch diese Wachsamkeit wird erreicht, daß mit wenigen Todesfällen die Krankheit zur Ruhe kommt. Das ist aber doch gewiß eine große Humanität, für das Leben so vieler Tausende gesorgt zu haben! Es gibt solche, welche es für wenig gastfreundlich halten, daß die Italiener bei Pestgerüchten zur Abendzeit den Fremden von ihren Toren weisen und ihn zwingen, unter freiem Himmel die Nacht zu verbringen; in Wahrheit ist es ein Akt der Menschlichkeit, für das höchste Gut des Staates Sorge zu tragen. Es gibt solche, die sich für stark und dienstfertig halten, wenn sie es wagen, zu einem Pestkranken herzuzukommen, obschon sie gar nichts da zu schaffen haben. Sind sie heimgekehrt, so stecken sie Frauen und Kinder und die ganze Familie an. Was gibt es nun Einfältigeres als diese Tapferkeit, was Pflichtwidrigeres als einen solchen Diensteifer eines Menschen, der, nur um einen weltsfremden Menschen begrüßen zu können, seine liebsten Angehörigen in Todesgefahr bringt? Und doch wieviel weniger gefährlich ist die Pest im Vergleich zu der Seuche, von der wir sprechen! Jene greift die Nächsten nicht immer an, auch alte Leute befällt sie kaum, und welche sie befällt, die erlöst sie entweder bald oder gibt sie der Gesundheit zurück, ja macht sie gesünder noch, als sie vorher waren. Unsere Seuche aber ist nichts als ein beständiges Sterben oder, um es noch richtiger zu sagen, eine beständige Bestattung. In Linnen und Salben werden sie eingehüllt, wie Leichen. Petronius. Ihr habt ganz recht. Man sollte wenigstens dieser Krankheit gegenüber dieselbe Sorgfalt anwenden, wie gegenüber dem Aussatz. Wenn das aber zu viel erscheint, so sollte doch keiner sich den Bart scheren lassen, oder er sollte sein eigener Barbier sein. Gabriel. Wie aber, wenn beide – der Barbier und sein Klient – den Mund schließen? Petronius. Durch die Nase wird die Krankheit eingeatmet. Gabriel. Auch hierfür gibt es ein Hilfsmittel. Petronius. Was für eins? Gabriel. Das die Alchemisten anzuwenden pflegen, die eine Maske vorlegen, die durch Glasfensterlein den Augen Licht zuführt und Mund und Nase die Atmung frei läßt, indem von der Maske aus ein Rohr unter den Achselhöhlen hin sich nach dem Rücken erstreckt. Petronius. Das wäre gut, wenn nur nichts von der Berührung der Finger, der Linnen, des Kamms und der Schere zu befürchten wäre. Gabriel. Dann wär's eben das beste, sie würden den Bart bis auf die Knie herab tragen. Petronius. So scheint mir. Dann sollte ein Verbot ergehen, daß der Barbier nicht zugleich Chirurg sein soll. Gabriel. Da verurteilt Ihr die Barbiere zum Hunger. Petronius. Sie mögen ihren Aufwand einschränken und etwas mehr fürs Rasieren fordern. Gabriel. Einverstanden. Petronius. Dann sollte ein Gesetz erlassen werden, daß keiner den Becher mit dem andern gemeinsam haben soll. Gabriel. Dieses Gesetz würden die Engländer kaum annehmen. Petronius. Es dürften auch nicht zwei im selben Bett schlafen, ausgenommen Mann und Frau. Gabriel. Gut. Petronius. Ferner dürfte in Gasthäusern kein Gast auf Leintüchern schlafen, die ein anderer schon benutzt hat. Gabriel. Was sollen dann aber die Deutschen machen, die kaum zweimal im Jahre waschen? Petronius. Sie mögen ihre Wäscherinnen zu vermehrter Arbeit antreiben. Ferner sollte die, wenngleich alte, Sitte des Küssens beim Grüßen aufgehoben werden. Gabriel. Auch in den Kirchen? Petronius. Jeder mag seine Hand auf das Täfelein legen. Gabriel. Und beim Reden? Petronius. Da sollte jenes Wort des Homer: »indem er den Kopf nahe hielt« vermieden werden, und hinwiederum sollte, wer zuhört, die Lippen aufeinanderdrücken. Gabriel. Für alle diese Gebote würden die zwölf Tafeln kaum genügen. Petronius. Aber über alledem: wie soll man's nun mit dem unglücklichen Mädchen halten? Gabriel. Was ist da zu raten, als daß sie ihr Unglück willig ertrage, um weniger unglücklich zu sein, daß sie dem Kuß ihres Gatten die Hand entgegenhalte und geharnischt mit ihm schlafe. Petronius. Wohin eilt Ihr jetzt? Gabriel. Direkt in mein Studierzimmer. Petronius. Um was zu tun? Gabriel. Statt eines Hochzeitsgedichts, wie sie es von mir fordern, eine Grabschrift aufzusetzen.

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