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Erasmus von Rotterdam: Gespräche - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorErasmus von Rotterdam
titleGespräche
publisherBenno Schwabe u. Co
editorHans Trog
year1936
translatorHans Trog
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140205
projectid8b2d8c03
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Der Abt und die gebildete Frau

Antronius · Magdala

Antronius. Was seh' ich denn da für ein Möbel? Magdala. Ist es nicht hübsch? Antronius. Ob hübsch oder nicht, weiß ich nicht, jedenfalls aber eins, das sich für ein Mädchen wie für eine Matrone wenig schickt. Magdala. Weshalb das? Antronius. Weil es ganz voll Bücher ist. Magdala. Ihr seid nun schon so alt, seid Abt und Höfling und habt noch nie in den Zimmern der großen Damen Bücher gesehen? Antronius. Ich sah freilich solche, aber in französischer Sprache; hier dagegen sehe ich griechische und lateinische Bücher. Magdala. Ja lehren denn bloß die französisch geschriebenen Weisheit? Antronius. Jedenfalls schicken sich diese allein für die vornehmen Damen, damit sie etwas für die Unterhaltung in den Mußestunden haben. Magdala. Ist denn einzig den Damen vom Stande gestattet, den Geist zu bilden und angenehm zu leben? Antronius. Ihr verbindet in falscher Weise Geistesbildung und angenehmes Leben: die Weisheit ist nicht Weibersache; Sache der großen Damen ist ein anmutiges Dasein. Magdala. Soll aber nicht jedermann recht leben? Antronius. Ja freilich. Magdala. Wie kann man aber angenehm leben, wenn man nicht zugleich richtig lebt? Antronius. Im Gegenteil: wie kann der angenehm leben, der recht lebt? Magdala. Ihr billigt also die, welche zwar schlecht, aber angenehm leben? Antronius. Meine Ansicht ist, daß die gut leben, welche angenehm leben. Magdala. Ja, aber woher stammt denn diese Annehmlichkeit? Aus äußerlichen Dingen oder aus dem Geist? Antronius. Aus äußerlichen Dingen. Magdala. Ihr seid fürwahr ein scharfsinniger Abt, aber ein grobgeschnitzter Philosoph! Sagt mir doch, wonach bemeßt Ihr das Angenehme? Antronius. Nach Schlaf, Essen, der Freiheit zu tun, was einem beliebt, nach Geld und Ehren. Magdala. Wenn aber Gott zu alledem noch die Weisheit hinzufügt, lebt Ihr dann nicht angenehm? Antronius. Was versteht Ihr unter Weisheit? Magdala. Die Einsicht, daß ein Mensch nur durch geistige Güter glücklich ist. Reichtum, Ehre, Geschlecht machen weder glücklicher noch besser. Antronius. Eure Weisheit kann mir gestohlen werden. Magdala. Wenn mir nun aber die Lektüre eines guten Autors eben so angenehm ist wie Euch die Jagd, der Trunk, das Würfelspiel: glaubt Ihr dann nicht, daß auch ich angenehm lebe? Antronius. Für meine Person möchte ich nicht so leben. Magdala. Danach frage ich nicht, was Euch angenehm ist, sondern was angenehm sein sollte. Antronius. Ich möchte nicht, daß meine Mönche viel mit Büchern sich abgeben. Magdala. Mein Mann heißt gerade das besonders gut. Aber weshalb paßt Euch das nicht bei Euren Mönchen? Antronius. Weil sie dann erfahrungsgemäß weniger gehorsam sind: sie kommen dann mit Antworten aus den Dekreten, den Dekretalen, dem Petrus und Paulus. Magdala. Ja, befehlt Ihr ihnen denn Dinge, die Petrus und Paulus widerstreiten? Antronius. Was die lehren, weiß ich nicht; aber ich mag nun einmal den antwortenden Mönch nicht; ich hab' auch nicht gern, daß einer der Meinigen mehr wisse als ich selbst. Magdala. Das könnte vermieden werden, wenn Ihr Euch Mühe gäbet, so viel als möglich zu wissen. Antronius. Dazu fehlt mir die Zeit. Magdala. Wieso? Antronius. Weil sie mir nun einmal fehlt. Magdala. Ihr habt keine Zeit, Euch zu bilden? Antronius. Nein. Magdala. Was steht dem im Wege? Antronius. Die langen Gebete, die Sorge für den Haushalt, die Jagd, die Pferde, der Hofdienst. Magdala. Diese Dinge sind Euch also wichtiger als die Weisheit? Antronius. Das ist nun einmal unser Los. Magdala. Aber sagt mir noch eins: wenn Gott Euch die Macht verliehe, Euch und Eure Mönche in irgend ein Tier zu verwandeln, würdet Ihr diese in Schweine, Euch aber in ein Pferd verwandeln? Antronius. Durchaus nicht. Magdala. Und doch würdet Ihr damit verhindern, daß einer mehr wüßte als Ihr. Antronius. Mich kümmert nicht sowohl, was für Geschöpfe die Mönche sind, als daß ich selbst ein Mensch bin. Magdala. Scheint Euch aber der ein Mensch zu sein, der nicht weise ist und nicht weise werden will? Antronius. Ich bin mir weise genug. Magdala. Das können auch die Schweine von sich behaupten. Antronius. Ihr scheint mir mit Euren Argumenten eine Sophistin zu sein. Magdala. Als was Ihr mir vorkommt, will ich lieber nicht sagen. Aber warum mißfällt Euch eigentlich mein Möbel mit den Büchern? Antronius. Weil Rocken und Spindel die Waffen der Frau sind. Magdala. Ist es aber nicht die Aufgabe einer Mutter, das Haus zu leiten und die Kinder zu erziehen? Antronius. Freilich. Magdala. Meint Ihr denn, das lasse sich ohne Weisheit machen? Antronius. Nein, das glaub' ich nicht. Magdala. Nun, eben diese Weisheit lehren mich die Bücher. Antronius. Ich hab' zu Haus zweiundsechzig Mönche, aber irgend ein Buch findet Ihr deswegen doch nicht in meinem Schlafzimmer. Magdala. Da ist also für die Mönche trefflich gesorgt. Antronius. Ich will Bücher noch gelten lassen, nur keine lateinischen. Magdala. Weshalb denn? Antronius. Weil diese Sprache sich für Frauen nicht ziemt. Magdala. Ich warte auf die Begründung. Antronius. Weil sie zu wenig angetan ist, die Keuschheit der Frauen zu beschützen. Magdala. Da dienen also die französischen Bücher, die voll leichtfertiger Geschichten sind, der Keuschheit? Antronius. Ich meine es anders. Magdala. So sprecht Euch denn offen aus! Antronius. Die Frauen sind vor den Priestern sicherer, wenn sie kein Latein können. Magdala. Diese Gefahr ist mit eurer Hilfe recht klein; denn ihr seid ja eifrig bestrebt, kein Latein zu verstehen. Antronius. Der gemeine Mann empfindet es als etwas Seltsames und Ungewohntes, daß eine Frau Latein könne. Magdala. Was zitiert Ihr den gemeinen Mann, die Menge, diesen geborenen Feind alles Guten? Was die Gewohnheit, die Lehrmeisterin aller schlimmen Dinge? Man muß sich an das Beste gewöhnen; dann wird zur Gewohnheit, was ungewohnt war, angenehm, was unangenehm war, geziemend, was für unziemlich galt. Antronius. Ich höre staunend zu. Magdala. Geziemt es sich, daß eine deutsche Frau französisch lerne? Antronius. Ganz gewiß. Magdala. Weshalb? Antronius. Damit sie mit denen sich unterhalten kann, die französisch reden. Magdala. Und für mich soll es unpassend sein, daß ich Latein lerne, um täglich mit so manchem Autor, so beredten, gelehrten, weisen, treuen Beratern Zwiesprache zu halten? Antronius. Die Bücher nehmen den Frauen viel von ihrem Hirnschmalz, von dem sie ohnehin zu wenig haben. Magdala. Wieviel Ihr davon besitzt, weiß ich nicht; jedenfalls will ich das, was mir beschert ist, lieber bei guten Studien aufbrauchen als bei sinnlos hergesagten Gebeten, nächtlichen Schmausereien und dem Leeren tüchtiger Humpen. Antronius. Der Verkehr mit den Büchern macht stumpfsinnig. Magdala. Und die Unterhaltungen der Zechgenossen, der Possenreißer und Hansnarren sollen nicht stumpfsinnig machen? Antronius. O nein, die vertreiben die Langeweile. Magdala. Wie kommt es denn, daß so anmutige Gesellschafter, wie die meinen, stumpfsinnig machen sollen? Antronius. Das ist so die Meinung. Magdala. Aber in Tat und Wahrheit ist es ganz anders. Wie viele sehen wir nicht im Gegenteil, denen unmäßiges Trinken, unzeitige Schmausereien, ungezügelte Leidenschaften den Verstand rauben! Antronius. Ich für meine Person möchte nun einmal keine gelehrte Frau. Magdala. Und ich gratuliere mir, daß ich einen Euch so unähnlichen Mann mein eigen nenne. Denn die Bildung hat ihn mir und mich ihm nur um so lieber gemacht. Antronius. Die Bildung muß man sich mit ungezählten Mühen erwerben, und dann heißt's: sterben. Magdala. Ja, aber sagt mir, vortrefflicher Mann, wenn Ihr morgen sterben müßtet, möchtet Ihr lieber als Tor oder als Weiser sterben? Antronius. Wenn man nur die Weisheit mühelos haben könnte! Magdala. In diesem Leben hat nun eben der Mensch nichts mühelos. Da man aber alles, was man erreicht hat, und wär's mit noch so viel Anstrengung, hier zurücklassen muß, sollte es uns dann reuen, auf das Kostbarste von allem Mühe zu verwenden, auf das, dessen Frucht uns noch ins künftige Leben begleitet? Antronius. Ich habe oft die Leute sagen hören, eine weise Frau sei doppelt töricht. Magdala. Das kann man so hören aus dem Munde von Toren. Eine wahrhaft gescheite Frau zeigt das gar nicht; will aber eine, die dumm ist, weise scheinen, dann ist sie allerdings doppelt dumm. Antronius. Ich weiß nicht wie's kommt; aber, wie ein Sattel sich nicht für einen Ochsen schickt, so schicken sich die Wissenschaften nicht für eine Frau. Magdala. Immerhin werdet Ihr nicht leugnen können, daß der Sattel dem Ochsen immer noch besser anstände als die Mitra einem Esel oder einem Schwein. Was denkt Ihr eigentlich von der jungfräulichen Mutter? Antronius. Das allerbeste. Magdala. Sah sie nie ein Buch an? Antronius. Doch, aber kein solches. Magdala. Was las sie denn? Antronius. Das Horenbüchlein. Magdala. Zu welchem Zweck? Antronius. Für den Benediktinerorden. Magdala. Sei's drum! Und die Frauen Paula und Eustochium: gaben sie sich nicht mit den heiligen Büchern ab? Antronius. Das ist aber heutzutage eine Seltenheit. Magdala. Einstmals war ein ungelehrter Abt ein seltenes Ding, heute gibt es nichts Alltäglicheres; vor Zeiten ragten Fürsten und Kaiser nicht weniger durch ihre Gelehrsamkeit hervor als durch ihre Herrschaft. Übrigens ist die Sache auch heute nicht gar so selten, wie Ihr meint: in Spanien und Italien gibt es nicht wenige Frauen, namentlich unter den vornehmen, die es mit jedem Manne aufnehmen könnten; in England nenne ich die Frauen aus dem Hause des Morus, in Deutschland die Pirkheimerschen und Blaurerschen. Seht ihr euch nicht vor, so wird's noch so weit kommen, daß wir in den Theologenschulen das Präsidium führen, wir in den Kirchen predigen und eure Mitren in Beschlag nehmen. Antronius. Da sei Gott vor! Magdala. An euch wird es sein, das fern zu halten. Macht ihr so weiter, wie ihr begonnen habt, so werden die Gänse eher zu predigen anfangen, als euch stumme Hirten zu ertragen. Ihr seht: die Schaubühne der Welt verändert sich, entweder muß man abtreten oder es muß jeder die ihm zukommende Rolle spielen. Antronius. Warum mußte ich auf diese Frau stoßen? Wenn Ihr mich einmal besucht, so will ich Euch freundlicher aufnehmen. Magdala. Auf welche Art? Antronius. Wir wollen tanzen, tüchtig trinken, auf die Jagd gehen, spielen und lachen. Magdala. Ich bin in der Lage, schon heute zu lachen.

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