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Gesellschaft

Raoul Auernheimer: Gesellschaft - Kapitel 7
Quellenangabe
typescene
booktitleGesellschaft
authorRaoul Auernheimer
year1910
firstpub1910
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleGesellschaft
pages180
created20181213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Bridgepartie

Personen: Der Baron – der Schriftsteller – der Weltmann– zuletzt die Hausfrau (Lisa).

Das Herrenzimmer bei Lisa. Schwere gediegene Einrichtung, die angestammten Reichtum und jahrelanges Wohlleben verrät: Englische Klubfauteuils, dicke Teppiche, Kissen, wohin man blickt. An den pompejanisch roten Wänden sehr viel Bilder, vorzugsweise Ölgemälde, Landschaften und Tierstücke von bekannten Künstlern in einer wohlhabenden und bewährten Manier gemalt. Über dem üppigen Diwan ein lebensgroßes Bild der Hausfrau von einem bekannten Wiener Porträtisten, das vor zehn Jahren oder mehr im Künstlerhaus ausgestellt war und großen Erfolg hatte. Es zeigt uns Frau Lisa auf der Höhe ihrer Schönheit, im Ballkleid, mit dem ganzen Familienschmuck, einen Fächer in der Hand und um den Mund ihr hübsches entgegenkommendes Lächeln. An der gegenüberliegenden Wand ein Arrangement von den gewissen alten Waffen: Pistolen, Dolche, Morgensterne, die in keinem Herrenzimmer der Neunzigerjahre fehlen durften, und mit denen der fast immer vom Hause abwesende Herr von Ressel seit 93 zwanzig Jahren die Schönheit seiner Frau verteidigt. Darunter, auf einem niedern Bücherkasten ein paar Photographieen mit handschriftlichen Widmungen. Es sind Freunde des Hausherrn, durchwegs hübsche elegante Männer, die der von Waffen starrenden Wand den Rücken kehren und den Blick der Hausfrau erwidern. Der Baron ist einer von ihnen.

Es ist fünf Uhr Nachmittag, der Gaskamin strahlt eine wohltemperierte Wärme aus, der Bridgetisch ist gedeckt. Daran sitzen, einander gegenüber, der Baron und der Schriftsteller und warten auf Frau Lisa, die noch nicht ganz fertig ist. Beide schweigen; erst nach einer Weile sagt der Schriftsteller, der die schon stark gefurchte Lebemannsphysiognomie des Barons im Flackerlicht des Kamins eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hat, mit kaum merkbarem Lächeln:

Seit wann spielen sie eigentlich Bridge, Herr Baron?

Der Baron (den Blick von den zitternden Flämmchen des Kamins, in deren Spiel er bislang starrte, langsam zurückwendend)
No, das wird jetzt schon beinah ein Jahr her sein, daß ich's g'lernt hab.

Der Schriftsteller
Damals, wie wir uns im Englischen Garten getroffen haben – an dem Maiabend, wissen Sie noch? – da müssen Sie ang'fangen haben.

Der Baron (mißtrauisch)
Müssen? Warum müssen? 94

Der Schriftsteller
Damals waren Sie bridgereif.

Der Baron
Oh! Das hab ich gar nicht g'wußt.

Der Schriftsteller (geheimnisvoll)
Ja, das weiß man selber nie. Die andern wissen's.

Der Baron
Gehen S' weiter. Und an was merken sie's denn die andern?

Der Schriftsteller
O, an vielem. An einigen Dingen, die da sind, und an einigen, die nicht mehr da sind. (Fixiert den kahlen Scheitel des Barons.)

Der Baron
Ah, so meinen Sie's: Wegen der Platten . . . (Trübselig leichtsinnige Handbewegung) Gott, deswegen . . . Übrigens kenn ich auch Leut mit sehr viel Haar, die Bridge spielen.

Der Schriftsteller
Gewiß. Es ist ja auch nur ein Symptom. Die Krankheit heißt anders.

Der Baron
Ah! Wie heißt's denn, die Krankheit?

Der Schriftsteller
Das Alter, Herr Baron.

Der Baron (peinlich berührt)
Sie sind ein angenehmer Partner, das muß man sagen. 95

Der Schriftsteller
Was wollen Sie, ich spiel ja auch Bridge.

Der Baron
Schöner Trost. Aber es ist ja gar nicht wahr. Im Klub spielen's die jüngsten Herren.

Der Schriftsteller
Nicht die gemischte Partie.

Der Baron
Was nennen Sie die gemischte Partie?

Der Schriftsteller
Wenn auch Frauen mitspielen, Frauen in einem gewissen Alter, Frauen, die viel erlebt haben – mit einem Wort: Bridgefrauen.

Der Baron
Aha! – Aber das ist doch eher angenehm . . . (Mit Humor) Ich bin entschieden für die gemischte Partie.

Der Schriftsteller
Natürlich. Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Der Baron
Bitte sehr! Ich hab mich immer sehr gern mit etwas älteren Frauen unterhalten.

Der Schriftsteller
Aber noch lieber mit jüngeren.

Der Baron
Zu gewissen Stunden. 96

Der Schriftsteller
Na ja. Und jetzt spielen Sie eben Bridge. – (Geheimnisvoll näher rückend und den Baron starr ansehend) Fällt es Ihnen nicht auf, daß es um dieselbe Tageszeit geschieht?

Der Baron (verständnislos)
Um dieselbe –?

Der Schriftsteller
Zwischen fünf und sieben: Die Empfangszeit der Junggesellen, die Besuchszeit der verheirateten Frauen, die Schäferstunde der mondänen Liebe –

Der Baron
Bitt Sie, hören S' mir auf! Als ob man nicht auch zu andern Zeiten – Bridge spielen könnt.

Der Schriftsteller
Das beweist nichts.

Der Baron
Und übrigens (mit einem feinen Lächeln) spiel ich ja nicht an allen Nachmittagen.

Der Schriftsteller
Mit der Zeit, lieber Baron, werden Sie an allen Nachmittagen spielen. Es ist eine Leidenschaft, die mit den Jahren zunimmt. Im Gegensatz zu den andern, die mit den Jahren abnehmen. Kennen Sie das Berliner Sprichwort: »Wer pokert, sündigt nicht?« Beim Bridge ist's umgekehrt: Wer nicht mehr sündigt, spielt Bridge. 97

Der Baron
No ja – beinah . . . (plötzlich) – Wie ist denn das bei Ihnen?

Der Schriftsteller (peinlich berührt)
Gott, ich – Ich spiel alle heilige Zeiten . . .

Der Baron
Genau wie ich.

Der Schriftsteller
Der Gesellschaft zuliebe –

Der Baron (verneigt sich geschmeichelt und erwidert das Kompliment)
Genau wie ich.

Der Schriftsteller
Oder wenn g'rad ein Vierter fehlt.

Der Baron
Genau wie – Apropos: Vierter. Wer ist denn heut der vierte?

Der Schriftsteller
Der Apropos – der Generalkonsul.

Der Baron
Ah der! Ich seh ihn manchmal bei der Frau Forst. Sagen S' mir, von welchem Staat ist der eigentlich Generalkonsul?

Der Schriftsteller
Das wissen Sie nicht? (Geheimnisvoll) Vom Staate Apropos.

Der Baron (lacht)
Ah so! Weil er immer Apropos sagt. Sehr gut . . . 98 Aber ich hab die Wahrnehmung g'macht, die Gesellschaftsmenschen haben alle solche kleine Eigenheiten in der Konversation – beinah ein jeder.

Der Schriftsteller (sieht ihn an und nickt)
Ja – beinah –

(Der Weltmann tritt ein.)

Der Weltmann
O, die Herren! (Stürzt in rasender Eile auf den Bridgetisch los, indem er gleichzeitig, seiner Gewohnheit gemäß, mit den Blicken die Hausfrau sucht. Da er sie nicht findet, bleibt er wie angewurzelt stehen und, mit allen Gliedmaßen fragend, in einem gesuchten Pianissimo) Was seh ich? Die Hausfrau? Wo ist die Hausfrau? Fünf Uhr vorbei und noch nicht zur Stelle? Im Salon staut sich die Menge, die Karten fiebern, nur die Hausfrau fehlt! (Im Ton gesucht harmloser Erkundigung) Macht wohl Besuche, wie? (Er wirft sich in ein Fauteuil.)

Der Baron
Sie zieht sich an.

Der Weltmann
Wozu? Kann dabei nur verlieren. Sie wissen doch: Nichts kleidet eine schöne Frau besser als ein Zobelmantel. (Die Pointe seiner Gewohnheit gemäß heraushebend und gleichsam herumreichend) Nichts . . . Apropos, Zobelmantel! Woher (aufgeregt flatternde Handbewegung) hat die Martha Beheim plötzlich 99 einen Zobelmantel? Es ist wahr, ihr Mann ist Ministerialsekretär, hat einen Gehalt von dreitausendsechshundert Gulden, und wenn man sehr sparsam ist . . . Immerhin: Zobelmäntel . . . (Deutet durch eine plastische Geste das schreiende Mißverhältnis zwischen dem Gehalt eines Staatsbeamten und kostbarem Pelzwerk an.)

Der Baron
Die Mama wird ihn ihr zu Weihnachten g'schenkt haben.

Der Weltmann
Kennen Sie Mamas, die ihren verheirateten Töchtern zu Weihnachten Zobelmäntel schenken? Oder Sie, (zum Schriftsteller) Herr Doktor? Mütter schenken Perlentäschchen, Gürtelschnallen, Portemonnaies, Muffs – aber keine Zobelmäntel.

Der Baron
Wer weiß, vielleicht hat die Martha eine Erbschaft g'macht.

Der Weltmann
Von wem, wenn ich fragen darf?

Der Baron
Das weiß ich nicht. Ich kenn die Familie nicht näher.

Der Weltmann
Aber ich! Und es tut mir leid sagen zu müssen, daß in der letzten Zeit keiner ihrer Verwandten gestorben ist. Übrigens ist der einzige, von dem sie 100 etwas zu erwarten hat, der Onkel Emil, und den hab ich heut Nacht auf einem Rout beim Handelsminister getroffen. Was immerhin dafür spricht, daß er um diese Zeit noch gelebt hat.

Der Baron
Wie war's beim Handelsminister?

Der Weltmann
Sie wissen doch: Exzellenzen sind keine Bajaderen . . . Schließlich, zu seinem Vergnügen geht man ja auch nicht hin.

Der Baron
No freilich. Sie müssen wohl.

Der Weltmann (äußerst erstaunt)
Ich? Wieso?

Der Baron
Na, ich mein halt: Als Generalkonsul.

Der Weltmann (enttäuscht)
Ach so!

Der Schriftsteller
Vom Staate –

Der Weltmann
Wie? – Aber da kommt die Hausfrau.

Der Schriftsteller
Sie kommt sehr Apropos! (Steht auf.)

Lisa (in einer bronzefarbenen Bridgetoilette, die schönen Arme in Schleiern, tritt lächelnd ein)
Spät, nicht wahr? (Reicht jedem einzelnen die Hand und sieht ihm dabei in die Augen.) 101

Der Weltmann (vor ihrer Erscheinung salutierend)
Wir sind für unser banges Warten glänzend entschädigt.

Lisa (setzt sich geschmeichelt)
Immer galant, Herr Generalkonsul. (Jeder zieht eine Karte und legt sie auf) Sie geben, Herr Doktor. (Zum Baron) Wir gehören zusammen. (Leuchtender Blick; der Weltmann und der Baron tauschen die Plätze.)

Der Schriftsteller (während er teilt)
Man hat Sie im letzten Philharmonischen sehr vermißt, gnädige Frau.

Lisa (die Karten sammelnd)
Wir waren beim Grafen Reindorf zu Mittag geladen. Die Gräfin hat eine faible für meinen Mann – Sie wissen. (Nimmt die Karten auf.)

Der Baron
Und der Graf für Sie.

Lisa (wehmütig, obzwar geschmeichelt)
Ich, mein Gott! . . . (Sortierend) Ich übertrage.

Der Baron
Auf die Gräfin?

Lisa
Nein, auf Sie.

Der Baron
Also dann: Sans atout. 102

Der Weltmann
Na, die Partie fängt ja gut an. (Sie spielen; der Baron legt das Blatt auf.)

Der Baron (notiert)
Zwei Triks, und die Honneurs.

Der Schriftsteller (zur Hausfrau)
Ist der Herr Gemahl zu Hause?

Lisa
Um diese Zeit nie. (Sie teilt das nächste Spiel.)

Der Schriftsteller
Wie geht's ihm?

Lisa
Gut. Meinem Mann geht's immer gut. Er sorgt schon dafür, daß 's ihm gut geht.

Der Baron
Ja, er schaut großartig aus, der Karl. Im Klub nennen wir ihn den »lachenden Riesen«.

Lisa
Das täuscht. Er ist gar nicht gesund . . . Überhaupt die Männer, die so rot im Gesicht sind . . . (Sie sortiert.)

Der Weltmann
Apropos Rot: Ich spiele Herz.

Der Baron
Contra, Herr Generalkonsul.

Der Schriftsteller
Jetzt wird die Sache dramatisch. (Sie spielen.) 103

Lisa
Drei Triks!

Der Baron
Vier Honneurs!

Der Weltmann (ärgerlich zum Baron)
Ja, wenn Sie alle Damen haben . . . (Zum Schriftsteller vorwurfsvoll) Und warum haben Sie nicht Pique gespielt?

Der Schriftsteller
Das nächste Mal werd ich bestimmt Pique spielen.

(Ein neues Spiel wird ausgeteilt.)

Lisa (zum Baron)
Wie geht's denn Ihrer neuen Freundin, der Frau Forst? Die soll ja unlängst einen so komischen Jour g'habt haben. Der Mann ist zurückgekommen?

Der Baron
Weil er nämlich den Zug versäumt hat.

Lisa (lacht)
Ja, der Hofrat Seidelmann hat mir's erzählt.

Der Baron
Der Seidelmann! Der hat in seinem Leben auch schon einige Züge versäumt.

Der Schriftsteller
Ich glaub, der fährt überhaupt immer erst mit dem nächsten.

Der Weltmann
Apropos Hofrat Seidelmann! Kennen Sie schon 104 die Geschichte, die ihm mit dem Sektionschef Vogel passiert ist?

Lisa
Mit dem Sumpf-Vogel?

Der Weltmann
Ja, mit dem . . . Das muß ich Ihnen unbedingt erzählen.

Der Baron
Aber zuvor erlauben Sie, daß ich ein Sans atout ansage.

Lisa
Bravo! (Sie legt, nachdem ausgespielt wurde, ihr Blatt auf) Wir haben Chance miteinander. (Sieht den Baron freundlich lächelnd an, unterm Tisch begegnen sich ihre Fußspitzen.)

Der Weltmann (ärgerlich)
Sie sind auf dem Tisch, Baron.

Der Baron (erschrocken den Fuß zurückziehend)
Wie?

Der Weltmann
Weil Sie nämlich aus der Hand spielen.

Der Baron
Ach so! . . . Ich bin ein bissel zerstreut.

Der Weltmann
Ja, beim Bridge darf man nicht zerstreut sein. (Schlägt nacheinander vier Karten auf den Tisch) 105 Und Herz . . . Und Herz . . . Und Herz . . . Und Herz . . . Was sagen Sie jetzt?

Der Baron
Ich bin geliefert.

Der Schriftsteller (zum Weltmann)
Apropos Herz! Wie war die Geschichte mit dem Wasser-Vogel?

Der Weltmann
Sumpf-Vogel. (Kichernd) Ja, also das war so . . . (Zum Baron, sich unterbrechend) Ich war Carreau chicane.

Der Baron
Ganz richtig! (Notiert.)

Der Weltmann
Ja, also, der Sektionschef ist bekanntlich ein großer Damenfreund, was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhen soll, besonders in der letzten Zeit. Sie wissen ja: Von einem gewissen Alter angefangen nimmt das Glück bei Frauen wieder zu . . . So zwar, daß er in diesem Winter zwei Verhältnisse zu gleicher Zeit gehabt hat, was den wenigsten verheirateten Männern in einem gewissen Alter gegönnt ist. Beide Frauen aus der besten Gesellschaft, verheiratet, in rangierten Verhältnissen, und keine weiß etwas von der andern. Mit einem Wort: Einer jener wirklich seltenen Glücksfälle der Liebe, die dem Mann in reifen Jahren das Leben versüßen. Indessen: Mit des Geschickes Mächten und so weiter. Was auch für die Sektionschef gilt. 106 Eines Abends, bei der Frau von P. – Sie wissen schon! – sitzt er bei einem großen Galasouper zwischen den beiden Damen seines Herzens. Das war der Höhepunkt seines Glückes: Rechts die Geliebte, links die Geliebte, vis-a-vis die Frau – mehr kann auch ein Sektionschef aus 'm Eisenbahnministerium nicht verlangen. Jetzt aber kommt die Katastrophe. Weil nämlich ein Mann, selbst wenn er ein Sektionschef ist, doch nur eine Dame zu Tisch führen kann, so wird dem Hofrat Seidelmann die ehrenvolle Aufgabe zuteil, die andere zu führen. Und weil der Hofrat Seidelmann der Hofrat Seidelmann ist, der nie was weiß und immer raunzt, so tritt er nachher beim schwarzen Kaffee im Rauchzimmer auf den Sektionschef zu und sagt: »Ich weiß nicht, werden wir auch so alt? Aber die Frauen . . . Haben Sie sich zum Beispiel Ihre Tischnachbarin zur Linken angeschaut? Eine Ruine!« »So, finden Sie?« sagt der Sektionschef, dreht ihm den Rücken und redet den ganzen Abend kein Wort mehr mit ihm. Der Hofrat bemerkt das, geht zur Hausfrau, erzählt ihr die Geschichte und fragt sie, warum der Vogel sich beleidigt hat. Die Hausfrau lacht verständnisvoll – Sie wissen doch, Frauen führen über solche Sachen ein Grundbuch – und sagt: »Natürlich ist er beleidigt, wenn Sie über seine Tischnachbarin schimpfen, sie ist doch seine Geliebte!« – Was aber tut jetzt unser guter Seidelmann? Er geht stracks auf die andere Tischdame des Sektionschefs los und erzählt ihr, um sie zu amüsieren, die ganze Geschichte: Daß er über die physischen 107 Qualitäten seiner Tischdame geschimpft und daß der Sektionschef darüber beleidigt war . . . »Ja, aber warum?« fragt die Dame. Darauf der Seidelmann, gut informiert und taktvoll, wie er nun einmal ist: »Aber weil sie doch seine Geliebte ist . . . Unter uns natürlich . . .«

Der Schriftsteller
Gruppe! Vorhang! (Alle lachen.)

Der Weltmann (die Pointe hervorhebend und gleichsam herumreichend)
Unter uns! . . . (Zum Schriftsteller) Daraus sollten Sie ein Lustspiel machen.

Der Schriftsteller (verneigt sich dankbar und sagt aus der Hand Carreau an; während die Partie im Gange ist, hört man draußen mehrmals läuten. Gleich darauf eine Männerstimme im Vorzimmer. Das Stubenmädchen tritt ein.)

Das Stubenmädchen
Gnä' Frau –

Frau Lisa (winkt ihr zu schweigen)
Ich bin nicht zu Hause. Verleugnen Sie mich.

Der Weltmann
Natürlich. Bridge ist Bridge! (Mit Bezug auf das Spiel) – Alles herüber!

Das Stubenmädchen
Aber gnä' Frau –

Frau Lisa (streng)
Für niemandem (Zum Weltmann, mit Bezug auf das Spiel) Erlauben Sie . . . 108

Das Stubenmädchen (platzt heraus)
Aber es ist ja der gnä Herr –

Frau Lisa
Wie? (Hört zu spielen auf.)

Das Stubenmädchen
Ein plötzliches Unwohlsein, sagt der Doktor. –

Frau Lisa (läßt die Karten fallen; dann, mit Haltung)
Einen Augenblick, meine Herren. (Ab ins Vorzimmer. Pause. Hierauf ein durchdringender Schrei. Die drei Spieler springen gleichzeitig auf, sehen einander an.)

Der Weltmann (faßt sich zuerst)
Da ist ein Unglück geschehen. Gehen wir. (Eilt zur Vorzimmertüre und horcht hinaus. Sein Gesicht hat plötzlich einen harten und gemeinen Ausdruck bekommen, kein Mitleid ist darin, nur der Wunsch, möglichst rasch wegzukommen und sich Scherereien zu ersparen. Seitdem er im Hause verkehrt, also seit zehn Jahren ungefähr, hat er noch nie im Salon der Frau Lisa ein derartiges Gesicht gemacht. Weshalb er wohl auch das Bedürfnis empfindet, es schleunigst zu verbergen . . . Da im Vorzimmer jetzt wieder alles ruhig ist, sagt er, sich erleichtert umwendend, zu den beiden Partnern) Die Bahn ist frei. Gehen wir. –

Der Baron (versucht, ihn zurückzuhalten)
Aber Sie wissen ja noch nichts.

Der Weltmann (heftig)
Ich will nichts wissen. Ich bin nicht neugierig. Was 109 gehen mich fremde Angelegenheiten an? . . . Da ist ein Unglück geschehen . . . Ich . . . Übrigens – ich muß ohnehin . . . Ich bin eingeladen . . . (Sehr rasch ab.)

Der Schriftsteller
Was sagt man zu dieser Feigheit! (Ruft) Herr Generalkonsul! . . . (Folgt dem Weltmann und kommt nicht mehr zurück.)

Der Baron (allein geblieben, irrt planlos im Zimmer umher. Nach einer Weile tritt Lisa ein; atemlos, wie auf der Flucht. Der Baron ihr entgegen.)

Der Baron
Was ist denn g'schehn?

Lisa
Mein Mann – (Mit entsetzten Augen ins Nebenzimmer weisend.)

Der Baron
Der Karl?! Nicht möglich!

Lisa (tonlos)
Herzschlag . . . In einer fremden Wohnung . . . Bei einer – (Die Stimme versagt ihr.)

Der Baron
Fassen Sie sich! . . .

Lisa (zusammenbrechend)
Bei einer fremden Frau . . . (Sie bricht in krampfartiges Schluchzen aus.) 110

Der Baron (zuerst ratlos, dann, sie mechanisch tröstend)
Aber . . . Aber . . . So beruhigen Sie sich doch, gnä' Frau . . . Frau Lisa . . . Lisa . . . (Zuletzt entschlossen) Lisa, nimm dich z'samm!

Lisa (schaut ihn unter Tränen dankbar an, faßt seine Hand und drückt sie. Nebenan hört man Menschen eilig hin und her gehen, aufgeregte Stimmen flüstern. Ein schwerer Gegenstand wird gehoben und über das Parkett getragen. Eine ordinäre Frauensperson beginnt hörbar zu weinen. Es ist die Köchin.)

Lisa (steht auf)
Komm. (Geht voran.)

Der Baron (totenbleich, aber in tadelloser Haltung, folgt ihr).

Das Herrenzimmer ist nun leer. Auf dem Spieltisch ein Gewühl von Karten, dahinter, an der Wand, das Bild der Frau Lisa. Unberührt von den Ereignissen, wie es nur die schönen Bilder sein können, zeigt es uns die Hausfrau so wie man sie von zahllosen Gelegenheiten in der Gesellschaft kennt: Schön und munter, in Balltoilette, den Fächer in der Hand, mit ihrem hübschen und entgegenkommenden Lächeln. . . . Kein Mensch würde es ihr ansehen, daß sie bereits Witwe ist. 111

 


 

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