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Gutenberg > Raoul Auernheimer >

Gesellschaft

Raoul Auernheimer: Gesellschaft - Kapitel 5
Quellenangabe
typescene
booktitleGesellschaft
authorRaoul Auernheimer
year1910
firstpub1910
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleGesellschaft
pages180
created20181213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Jour

Personen: Cäcilie Forst und ihre Gäste, darunter Dela Gernheim, Olly Brandstätter und zwei Damen, von denen die eine mager und boshaft, die andere üppig und sanftmütig ist, was irgendwie zusammenhängen mag. Wir wollen sie, um niemanden zu kompromittieren, der Einfachheit halber als »Die Boshafte« und »Die Sanfte« bezeichnen. Ferner sind da an Respektspersonen: Eine kleine Burgschauspielerin, die aber nur außerhalb des Burgtheaters auftritt und Dialektgedichtchen schelmisch aufsagt, worunter »Der Hias« das hervorragendste; ferner ein Fürst, der in ihrer Person den schönen Künsten huldigt, weiters der Baron, der Weltmann, der junge Doktor von Flattau und zum Schluß – der Hausherr. Außerdem sind auch noch mehrere namenlose Gäste anwesend, Herren und Damen, die bloß vorgestellt werden und Tee trinken. Die meisten von ihnen haben irgend einen Titel als da sind: Kaiserlicher Rat, Direktor, u. a.; die keinen haben, bekommen von der liebenswürdigen Hausfrau wenigstens ein »von« verliehen. Der Weltmann 54 überragt sie alle. Er ist Generalkonsul eines exotischen Staatswesens, und niemand weiß genau, wie dieser Staat heißt und wo er eigentlich liegt. Was sein Ansehen natürlich noch erheblich steigert.

Der Jour ereignet sich im Salon der Frau Cäcilie Forst. Er ist sezessionistisch eingerichtet wie die ganze Villa, da sie aus dem Beginn dieses Jahrhunderts stammt, um welche Zeit sich alle Leute, die etwas auf sich hielten, sezessionistisch einrichten ließen. Übrigens eine gemäßigte Sezession ohne Extravaganzen. Nur eine Büste von Minne und ein weißes Klavier, das rechteckig ist und keine Füße hat, deuten auf vorübergehende ernsthaftere sezessionistische Neigungen der Hausfrau, die aber nicht von Dauer waren – wie alle ihre Neigungen. Die Sitzgelegenheiten sind durchaus bequem und lassen auf einen trotz alldem gesunden praktischen Sinn schließen. Auch der künftige Stil des Salons deutet sich bereits an, in einer primitiven Holzstatuette, die den heiligen Florian darstellt, aus dem vierzehnten Jahrhundert stammen soll und von der Hausfrau im Sommer in Tirol entdeckt wurde. In diese sezessionistische Umgebung verschlagen, verurteilt Tag und Nacht an einem Gaskamin zu stehen, dessen Flammen er weder entzünden noch löschen kann, kommt sich der heilige Florian ziemlich deplaciert vor und macht ein trauriges Gesicht.

Die Hausfrau und die Gäste sitzen in der einen Fensterecke des Salons, der durch eine quergestellte Bank fast in zwei Hälften geteilt ist. Der Fürst und die kleine Schauspielerin befinden sich in der anderen 55 Abteilung. Der Fürst ist fünfundzwanzig, unter Kuratel, und besucht den Jour der Frau Forst, weil sie ihm einmal bei einem Nachtmahl auf den Fuß getreten ist. Er scheint dies aber lang vergessen zu haben und macht jetzt nur noch der kleinen Schauspielerin den Hof. Er steht, das linke Knie gestreckt, den rechten Lackschuh etwas vorgesetzt, in der militärischen »Ruht«-Stellung, und wirft von Zeit zu Zeit einen Blick nach dem heiligen Florian hinüber, mit dem ihn eine geheime Sympathie verbindet. Wie jener fühlt er sich ein wenig unbehaglich in einem Milieu, in das er ebensowenig hinein paßt wie der Heilige.

Der Jour ist noch nicht lange im Gange, man ist kaum warm geworden, und in der Damenecke spricht man noch von Hüten.

Die Sanfte (mit Bezug auf den ihren)
Hundertfünfzig Kronen ohne die Federn, finden Sie das teuer? Ich find es eher billig.

Die Boshafte
Geschenkt!

Cäcilie (vermittelnd)
Ich bitt dich: das Pelzwerk! Und dann die Form! Die Form ist doch auch etwas.

Die Boshafte
Die Form ist alles. Nicht war, Durchlaucht?

Der Fürst (über den sie trennenden Diwan hinweg)
Befehlen, Gnädigste? (In diesem Augenblick tritt der Weltmann ein, orientiert sich mit einem Blick, 56 zugleich lachend und sich verbeugend, und eilt dann auf die Hausfrau zu.)

Cäcilie
Ich freu mich riesig, Herr Generalkonsul. (Sie stellt vor.) Herr Generalkonsul – Frau von – Frau von – Herr Direktor – Fräulein Dora Nettel vom Hofburgtheater – (und mit erhobener Stimme:) Seine Durchlaucht Fürst Trautenbach. (Der Weltmann verbeugt sich devot, der Fürst nachlässig und zündet sich eine neue Zigarette an.)

Der Weltmann (nimmt in der Damenecke Platz; er ist klein, dick, beweglich und überstürzt sich beim Reden)
Also, wie geht's Ihnen immer, gnädige Frau?

Die Boshafte
Der Herr Generalkonsul wird es uns sagen können.

Cäcilie
Meinst du?

Der Weltmann (er ist nicht umsonst ein Weltmann, er verdient diesen Namen)
Ob die Martha Beheim zu ihrem Mann zurückkehrt, meinen Sie? (Allgemeines Erstaunen über seinen Scharfsinn.)

Cäcilie
Woher wissen Sie?

Der Weltmann
Man spricht seit gestern abend von nichts anderem in der Gesellschaft. – Ich kann Sie übrigens 57 beruhigen, meine Damen. Es ist so. Sie kehrt zurück. Heute um halb vier Uhr nachmittag hat sie ihm telephoniert.

Die Boshafte
Und er hat nicht abgeläutet?

Der Weltmann
Im Gegenteil. Um vier soll er ihre Nummer verlangt haben.

Die Boshafte
Hat ihr der Bobbie Fischer ein Telephon eingerichtet?

Die Sanfte
Wahrscheinlich hat sie ihren früheren Mann noch immer gern.

Der Weltmann
Auch! Aber den eigentlichen Anstoß hat, glaub ich, die Baisse in Leder gegeben. Sie wissen doch, daß Herr Fischer in Leder arbeitet, während Herr Beheim Kattun druckt. Kattun ist ein bescheidener Artikel, aber er hat sich diesmal als haltbarer erwiesen als das stolze Leder. Kattun hat Leder überwunden. Frau Martha Beheim paßt sich der wirtschaftlichen Lage an: Sie zieht sozusagen vom Leder. (Nachdem er diesen schauderhaften Witz verbrochen, beginnt er Tee zu trinken und Sandwich zu essen, und spricht in den nächsten fünf Minuten nicht ein Wort, als ein Mann, der seine Pflicht getan und seinen Tee bezahlt hat.) 58

Der Fürst (die Schauspielerin mit Bonbons bedienend)
Wissen S', daß ich überhaupt nur Ihretwegen da bin, Fräulein?

Die Schauspielerin (mit ihrem Lächeln einer beschäftigungslosen Naiven)
Wirklich, Fürst? – Aber woher haben denn Durchlaucht gewußt, daß ich da bin?

Der Fürst
No, von der Frau – no, wie heißt's denn? Ich kann mir den Namen nicht merken.

Die Schauspielerin
Forst.

Der Fürst
Ja. Und dann hat mir's auch der Niki g'sagt; gestern im Trocadero. Das heißt also eigentlich heut.

Die Schauspielerin
Durchlaucht haben g'draht?

Der Fürst
Ein bissel.

(In diesem Augenblick tritt der Hofrat ein. Er hat eine rosige Glatze, kleine, trübe Augen, boshaften Mund. Kein sehr einflußreicher Hofrat übrigens; immerhin ein Hofrat. Und da er außerdem erst einige fünfzig ist, ein Alter, in dem ein rüstiger Mann ganz gut noch auf Jours gehen kann, besonders, wenn er ein Witwer ist, so spielt er eine große Rolle in der Gesellschaft.) 59

Cäcilie (ihm entgegen)
O, Herr Hofrat, ich freu mich riesig! (Stellt vor:) »Frau von« »Herr von« (genau wie vorher und zuletzt, mit erhobener Stimme:) Seine Durchlaucht, Fürst Trautenbach. (Der Fürst verbeugt sich nachlässig und streift die Asche ab.)

Die Sanfte
Hierher, Herr Hofrat. Da sitzen Sie gut.

Cäcilie
Was gibt's Neues?

Der Hofrat
Nichts, was ich wüßt. Oder doch – ja – richtig: Die Olly Brandstätter hat sich verlobt.

Die Boshafte
Schon wieder?

Der Hofrat
Ja, mit dem Fred Breitenstein.

Die Boshafte (enttäuscht)
Aber das ist ja schon was Altes.

Der Hofrat
So? Ich hab's erst gestern gehört. (Der Hofrat ist dafür bekannt, daß er alle Neuigkeiten erst zuletzt erfährt.) Und wissen Sie, was dran schuld, ist? Ein Tannenzweig! (Hierauf beginnt er der Sanften die Geschichte vom Tannenzweig zu erzählen, die sich das ruhig gefallen läßt, weil sie sanft und er ein Hofrat ist.) 60

Cäcilie (zu der Boshaften und dem Weltmann)
Schimpfts nicht auf die Olly. Couplets wenigstens singt sie reizend.

Die Boshafte
Ob das einen Mann dauernd glücklich macht?

Der Weltmann
Den Fred vielleicht. Er ist unmusikalisch.

Die Boshafte
Außerdem war sie zweimal verlobt.

Der Weltmann
Übung macht den Meister.

Die Boshafte
Und früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will.

Der Weltmann
Ein Häkchen? Sie nennen das ein Häkchen? Sehr gut! Ein Häkchen! (Er schüttelt sich.)

Cäcilie (lächelnd, verweisend)
Herr Generalkonsul! – Ich kann nicht dulden, daß man über meine Gäste so herzieht.

Der Hofrat
Über Ihre Gäste?

Cäcilie
Sie kommen heraus.

Der Weltmann
Einen Jour zu besuchen! Wie leichtsinnig! Auf ja und nein trifft man da einen früheren Bräutigam.

Die Boshafte
Oder zwei. 61

Der Weltmann
Dann ist die Bridgepartie fertig! Apropos Bridge! (Wie alle Weltmänner sagt er häufig apropos.) Warum waren Sie vorigen Samstag –?

Der Hofrat (seine Erzählung beendend)
Deswegen soll man nicht in die Dolomiten gehen. Ich geh nach Reckawinkel – da kann einem so etwas nicht passieren.

Cäcilie
Gibt's denn in Reckawinkel keine Tannenzweige?

Der Hofrat
Ah ja. – Aber keine Halls. (Dela Gernheim tritt ein.) O, die Frau von Gernheim. (Steht auf.)

Cäcilie (ihr entgegen)
Grüß Gott, Dela! Wie geht's immer?

Dela Gernheim (atemlos)
Ich komm nur auf einen Sprung zu Ihnen, liebste Frau Cäcilie. Ich muß nämlich noch zu einer Komiteesitzung, zu einer Karrusselprobe, und am Abend sind wir eingeladen . . . Aber ich hab auf Ihrem ersten Jour nicht fehlen wollen.

Cäcilie
Sehr lieb von Ihnen. (Will die Vorstellung beginnen.)

Dela (sich umwendend und Flattau begrüßend, der eben eintritt)
Grüß Sie Gott, Herr Doktor! 62

Flattau (er ist jetzt um ein Jahr älter, nicht mehr so höflich, nicht mehr so naiv und sein Scheitel ist beträchtlich dünner geworden – in der Gesellschaft beginnt man ihn zu bemerken. Zu Dela)
O, gnädige Frau! (Tut sehr überrascht.)

Dela
Daß ich Ihnen nicht auf der Straße begegnet bin.

Flattau
Gnädige Frau sind an mir vorübergefahren.

Cäcilie
Warum waren Sie dann so überrascht –?

Flattau (wird rot)
Weil –

Die Boshafte (zum Weltmann)
Ça y est!

Der Weltmann
Sie glauben?

Die Boshafte
Überall sieht man sie zusammen: Beim Demel, am Graben, im Theater . . .

Die Sanfte
Der Arme.

Der Weltmann
Sie bedauern ihn noch?

Die Sanfte
No, die Dela ist doch eigentlich in ihren Mann verliebt. Das ist ja bekannt. 63

Die Boshafte
Sie hat aber eine merkwürdige Art, ihm das zu beweisen. (Sie steht auf und umarmt Dela; sie sind nämlich Freundinnen.) Kommen Sie, Herr von Flattau, setzen Sie sich daher.

Flattau
Habe die Ehre, Herr Hofrat, habe die Ehre, Herr Generalkonsul . . . (Küßt den Damen die Hand, setzt sich bescheiden und schaut Dela an.)

Der Fürst (zu der kleinen Schauspielerin)
Gehen S', Fräulein, tragen S' was vor.

Die Schauspielerin
Nein, Fürst, heute nicht.

Der Fürst
Aber warum denn? (Zu Cäcilie.) Gehen S', gnä Frau, helfen S' mir bitten. Das Fräulein soll was zum besten geben.

Cäcilie (süß)
Ein ganz kleines Dialektgedicht. Das machen Sie reizend!

Die Schauspielerin
Ein andermal. Ich bin heute heiser. (Nichtsdestoweniger sagt sie sich seit einer halben Stunde, scheinbar absichtslos mit dem Fürsten plaudernd, im Geiste ununterbrochen den »Hias« her.)

Cäcilie (mit Rücksicht darauf, daß es noch nicht sieben ist)
Vielleicht später. – (Zum Fürsten.) Noch eine Tasse, Durchlaucht? 64

Der Fürst
Danke, Gnädigste, eine genügt mir. (Er wendet ihr den Rücken, übrigens tritt auch gerade das Brautpaar ein.)

Cäcilie (zu der Braut)
Das ist aber lieb von euch. (Zum Bräutigam.) Ich freu mich riesig . . .

Olly (freches Wiener Tennismädel)
Wir hatten keine Ahnung, daß Sie Jour haben, sonst wären wir lieber ein andermal . . .

Cäcilie (anmutig, man könnte fast sagen, geistreich)
Warum denn, man ist nirgends so allein wie in größerer Gesellschaft . . . Erlauben Sie, daß ich vorstelle (wie vorher, zuletzt mit erhobener Stimme:) Seine Durchlaucht, Fürst Trautenbach. (Der Fürst steckt eine Hand in die Hosentasche und gibt sich einen ganz kleinen Ruck im Kreuz.)

Olly (nachdem die Vorstellung beendet ist)
Sie sind übrigens unser erster Besuch, gnädige Frau. Nicht wahr, Süßes?

Cäcilie
Sehr liebenswürdig! (Sie entfernt sich, um den Baron zu begrüßen, der eben eintritt.)

Olly (zärtlich raunzend, wie Bräute sprechen, wenn sie einen Verweis erteilen)
So sag doch ja, Süßes, wenn ich etwas sag.

Der Bräutigam
Aber Süßes, seit vierzehn Tagen sagen wir überall, 65 es ist unser erster Besuch. Das muß doch schließlich herauskommen.

Olly (mit Überzeugung)
Nichts kommt heraus! (Sie mischen sich in die Gesellschaft, wo der Bräutigam alsbald gefragt wird, wann geheiratet wird.)

Cäcilie (stellt den Baron vor. Bei der Stelle »Seine Durchlaucht, der Fürst Trautenbach«, zieht dieser ausnahmsweise die Hand aus der Tasche und sagt: »Servus!«)

Baron (ebenso)
Servus!

Cäcilie (absichtlich laut)
Also, was ist denn mit Ihnen, Baron? Sie sieht man ja in der letzten Zeit gar nicht mehr. (Sie kommt sich sehr schlau vor in diesem Moment, indessen wechselt die Boshafte mit dem Weltmann einen Blick, als wollte sie sagen: »Wen täuscht man hier?«)

Der Baron
Ja, ich bin jetzt viel auf der Jagd.

Cäcilie (ihm Tee kredenzend)
Eine Tasse Tee?

Der Baron (den Tee übernehmend)
Morgen?

Cäcilie
Nein, morgen geht's nicht. Am Tag nach einem Jour bin ich immer ganz hin . . . Aber übermorgen. (Laut) Ein Sandwich? 66

Die Boshafte (zu Olly)
Sie haben wieder einmal Geschmack bewiesen. (Auf Fred weisend.) Wann wird Hochzeit gemacht?

Olly
Zu Weihnachten!

Die Boshafte
Also unterm Tannenbaum . . . (Der Weltmann erstickt einen Lachanfall mit einem Kaviarbrötchen.)

Der Fürst (zur Schauspielerin mit Bezug auf den Baron)
Was nur der Toni da macht?

Die Schauspielerin (schalkhaft)
Und Sie, Durchlaucht? Was machen denn Sie da?

Der Fürst
Ich wart drauf, daß Sie etwas vortragen. Gehen S', tragen S' was vor.

Die Schauspielerin
Aber was?

Cäcilie (herzutretend)
»Der Hias«.

Die Schauspielerin
Ach! Das hab ich schon ganz vergessen.

Der Baron
Fräulein werden sich schon wieder erinnern. (Sprechen weiter; inzwischen hat jenseits der Barriere der Weltmann das Gespräch wieder in die Hand genommen.)

Der Weltmann
Sie brauchen zuviel. Das ist es. 67

Die Sanfte
Sie glauben?

Der Weltmann
Eine Villa, ein Automobil, eine Geliebte – und dann diese fortwährenden Gastereien, ich bitt Sie . . .

Der Hofrat
Richtig! Wir haben uns ja vorgestern dort getroffen.

Die Boshafte
Das bemerkt er jetzt erst!

Der Weltmann
Haben Sie eine Ahnung, wie die Leute leben?

Die Boshafte
Na ja, sie ist es so gewohnt.

Der Weltmann
Gewohnt! Gewohnt! Aber das kann ja ein Mann nicht bestreiten. Wenn er auch einen reichen Papa hat.

Die Boshafte
Pardon! Sagten Sie: Ein Mann oder: ein Mann?

Der Weltmann
Ich sagte ein Mann.

Der Hofrat (scharfsinnig)
Gnädige Frau, Sie sind boshaft. –

Die Sanfte
Ja, es ist wohl kein Glück, der Gatte einer 68 Weltdame zu sein. Man ist das Etui für einen Brillanten – sagt mein Mann.

Dela Gernheim
Merkwürdig, das sagt der meinige auch immer.

Flattau
Das Wort ist von Frank.

Der Weltmann
Apropos, Frank. Wie gefällt Ihnen das neue Stück?

Flattau
Großartig!

Die Boshafte
Mir gar nicht.

Der Weltmann
Mir auch nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was er eigentlich will. Er schildert die Gesellschaft. Aber ist denn das eine Gesellschaft?

Die Boshafte
Vielleicht – die seine.

Der Hofrat
Überhaupt die moderne Literatur!

Dela Gernheim (sich erhebend zu Flattau)
Also – morgen beim »Dieb«, Dienstag bei Edelreichs . . . und am Donnerstag hab ich Jour, das wissen Sie . . . Liebste Cäcilie . . . (verabschiedet sich.)

Olly (zu ihrem Bräutigam)
Gleich bist du erlöst, Süßes! Nur noch fünf 69 Minuten. Dann haben wir das Alibi für eine kleine Praterfahrt.

Der Bräutigam (freudig überrascht)
Praterfahrt?

Olly
Natürlich . . . Dazu sind doch Jours2. . .

Der Bräutigam
Für Praterfahrten?

Olly
Für Alibis. (Scheinheilig zu Cäcilie.) Leider werden wir uns auch gleich empfehlen müssen. Wir haben mit der Mama Rendezvous im Theater.

Cäcilie
Oper? Tristan?

Olly
Nein. Carltheater – »Geschiedene Frau«.

Cäcilie
Ach so! (Halb zum Baron gewendet.) Da sieht man, wie man alt wird. Zu meiner Zeit ist man mit seinem Bräutigam zu »Tristan« gegangen.

Der Hofrat
Zu meiner Zeit zu »Freischütz«.

Die Boshafte
»Wir winden dir den Jungfernkranz . . .« Das war einmal, lieber Hofrat. Jetzt heißt es (in ein flottes Tempo übergehend nach der Melodie aus der»Geschiedenen Frau«) »Man steigt nach . . .« (anzüglich) Was? Fred? 70

Der Bräutigam (mit Haltung)
Ja. Das ist ein sehr hübsches Lied.

Cäcilie (um Ruhe bittend)
Meine Herrschaften! Das Fräulein Dora Nettel wird die Güte haben, etwas vorzutragen. (Ein allgemeines »Ah!« folgt dieser Eröffnung.)

Die Schauspielerin (stellt sich in Positur, lächelt holdselig und beginnt beherzt:)

»Der Hias!«
(Allein es ist ihr nicht bestimmt zu vollenden, denn eben tritt der Hausherr ein, unter allgemeinem Schweigen und von der Hausfrau mit einem gepreßten Oh! begrüßt. Sie geht ihm nicht entgegen und stellt ihn nicht vor. Vielmehr besorgt er dies selber, indem er, als gälte es abzusammeln, von einem zum andern geht, in der Erinnerung an sein Freiwilligenjahr die Absätze zusammenschlägt und dabei »Forst« sagt. Er hält diese Kürze für äußerst schick.)

Der Fürst (zu der kleinen Schauspielerin, der der Hias im Halse stecken geblieben ist)
Na, was da für Leut herkommen! (Macht sie auf den Hausherrn aufmerksam.)

Der Weltmann (der zufälligerweise in der Nähe steht)
Pscht!

Der Fürst (etwas erstaunt)
Wie? 71

Der Weltmann (hinter der vorgehaltenen Hand)
Das ist ja der Hausherr! (Der Fürst dreht sich betreten um, aber Herr Forst, der mittlerweile seine Runde beendet hat und die Honneurs zu machen beginnt, tritt zum zweiten Mal auf ihn zu und sagt, seinen Arm freundlich berührend, väterlich besorgt) Durchlaucht, was ist mit Ihnen? Sie rauchen ja nicht!
(Der Jour geht weiter.)

 


 

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