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Gesellschaft

Raoul Auernheimer: Gesellschaft - Kapitel 4
Quellenangabe
typescene
booktitleGesellschaft
authorRaoul Auernheimer
year1910
firstpub1910
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleGesellschaft
pages180
created20181213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sommerbilanz

Personen: Das Ehepaar ForstDas Ehepaar GernheimDie schöne Frau Lisa von ResselDer Baron – und hinter einem Vorhang: Ein Brautpaar.

Ein Coupé erster Klasse im Schnellzug München-Wien. Die Gernheims und die Forsts haben sich bereits in München beim Einsteigen zusammengefunden und waren schon dort nicht sehr erfreut darüber, denn sie gehören derselben Gesellschaftssphäre an – Finanzwelt an der Adelsgrenze – und verachten sich infolgedessen wechselseitig. Frau Lisa von Ressel ist erst in Attnang zu der Gesellschaft gestoßen und mit Rücksicht darauf, daß der Zug stark überfüllt ist, bei ihren Bekannten sitzen geblieben, obwohl Cäcilie mit ihr zusammen in die Schule ging – und zwar, was sie selten zu erwähnen vergißt – in die fünfte Klasse, zur Zeit als Frau Lisa bereits die achte besuchte. Sie ist denn auch nicht mehr jung, und in das Mattgold ihres Haares mischt sich bereits da und dort ein Faden Silbers, was möglicherweise noch Koketterie, vielleicht aber auch schon Müdigkeit ist. Nichtsdestoweniger heißt sie in 36 der Gesellschaft noch immer »Die schöne Frau Lisa«, denn die Gesellschaft honoriert in allen Fällen nur die Vergangenheit und nennt die Frauen schön, die es einmal waren und längst nicht mehr sind . . .

Die Forsts kennen wir bereits; Otto Gernheim und seine Frau Dela sind das typische moderne junge Paar: Beide lang, mager, gut angezogen und nervös wie Juckerpferde. Der Mann ist übrigens der nervösere Teil, die Frau der schönere. Sie hat wirkliche Grazie, ein einwandfreies Knochengerüst, und sehr schöne Augen, die nur merkwürdig unstet flackern – eine permanente Feuersgefahr für ihren Mann und sonstige Umgebung.

Man hat sich gegenseitig seinen Sommer erzählt und das vortreffliche Aussehen vice versa konstatiert. Jetzt aber, seitdem der Zug den Berg vor Purkersdorf hinabrast, so schnell, als könne er es gar nicht erwarten, wieder in Wien zu sein, schweigen alle. Die beiden Frauen denken an die zerstörten Wohnungen, die sie erwarten, und an die ruinierten Kleider, die sie mitbringen. Die Herren berechnen das finanzielle Defizit des Sommers. Zehntausend Kronen weniger in der Bank, denkt sich Herr Forst; zwölftausend Kronen mehr schuldig, Herr Gernheim. Die Gernheims machen bereits Schulden, brauchen infolgedessen etwas mehr. Frau Lisa Ressel schließlich denkt, woran sie immer denkt: An die Liebe. Aber auch sie scheint die Bilanz nicht zu befriedigen – sie schaut ziemlich enttäuscht aus und infolgedessen älter als sie wirklich ist. Der schwere Federhut, den sie, um ihn zu schonen, nicht eingepackt hat, drückt und macht ein bequemes Sitzen unmöglich. Ihr Kopf schwankt 37 beständig hin und her, und ihre schlaffen Züge sind ernst und müde. »Alt wird die Lisa!« denkt sich Cäcilie, die ihr gegenüber sitzt, nicht ohne Genugtuung, weil sie doch erst in der fünften ist und diese Klasse sogar zu repetieren gedenkt . . . Aber in diesem Augenblick geht in dem Gesicht ihrer älteren Kollegin eine merkwürdige Veränderung vor: Ein leichtes Rot überhaucht die blassen Wangen, ein Lächeln verjüngt den müden Mund. Die Augen öffnen sich, beginnen zu glänzen, die Haltung verbessert sich. Mit einem Wort: Ein Herr und zwar der uns schon bekannte Baron tritt ein.

Der Baron
Was seh ich? Meine Gnädigste –

Lisa
Sind Sie jetzt erst eingestiegen? (Reicht ihm die Hand.)

Der Baron
Nein, schon in Salzburg. (Küßt ihre Hand.)

Lisa
Und ich in Attnang.

Der Baron
Also war das doch Ihre Jungfer, die ich in Linz auf dem Bahnhof gesehen hab –

Lisa
Ja, die Mali. – Aber daß man Sie die ganze Zeit nicht gesehen hat.

Der Baron
Ich war da nebenan im Halbcoupé. 38

Gernheim (zu Forst)
Sehen Sie, es gibt Halbcoupés. –

Forst (absichtlich laut)
Für Verwaltungsräte immer.

Der Baron
Oh, Herr Forst. Gnädige Frau. –

Lisa (peinlich berührt)
Ihr kennt euch?

Cäcilie
Gott, wie lange!

Der Baron (nicht ohne eine Spur von Ironie)
Drei Monate beinah.

Cäcilie (absichtlich intim)
Wie geht's, Baron? (Ohne eine Antwort abzuwarten.) Erlauben Sie, daß ich Sie meiner Freundin vorstelle: Baron Amberg –

Der Baron
O, die gnädige Frau kenn ich auch schon.

Dela
Von der Kärntnerstraße?

Der Baron
Nein. Vom Sellajoch. – Wir sind unlängst aneinander vorübergegangen.

Dela
Wirklich?

Der Baron
Ein klafterlanger Engländer war in Ihrer Gesellschaft. 39

Dela (vergnügt)
Ja, das war der Mr. Roberts – ein Amerikaner.

Gernheim (wittert Verrat)
Ein Amerikaner? Von dem hast du mir aber gar nichts geschrieben?

Dela
Ich kann dir doch nicht von jedem Amerikaner schreiben. – Besonders, wo es heuer in Tirol von Amerikanern nur so gewimmelt hat.

Gernheim
Hoffentlich hast du nicht mit allen Bergtouren gemacht!

Dela (unschuldig)
Nein, bloß mit einigen. (Man muß wissen, daß die Gernheims sich ununterbrochen zanken und zwar am liebsten vor Leuten, weshalb sie zur Erheiterung jeder Gesellschaft, in der sie sich befinden, wesentlich beitragen. Denn es gibt nicht einen Punkt im Weltall, bezüglich dessen die Gernheims einer Meinung wären. Die Forsts hingegen vertragen sich vorzüglich – in Gesellschaft. Begreiflich: Sie wollen sich seit langem scheiden lassen; die Gernheims aber leben in einer Liebesehe.)

Gernheim (aufstehend und die Absätze zusammenschlagend)
Gernheim.

Der Baron (mit jener Geringschätzung, die man dem Mann einer schönen Frau entgegenbringt)
Amberg . . . Aber ich fürchte die Herrschaften zu stören. 40

Cäcilie
Im Gegenteil . . . Wollen Sie nicht Platz nehmen? (Sie macht sich schmal.)

Lisa (ihre Röcke zusammennehmend)
Vielleicht hier?

Der Baron (schwankt einen Augenblick und setzt sich dann neben die fünfte Klasse, mit der Aussicht auf die achte).

Lisa (die ganz gut weiß, daß sie en face hübscher ist, sieht den Baron ohne eine Spur von Empfindlichkeit mit einem Lächeln, das nur er versteht, freundlich an).

Der Baron (erwidert diesen Blick)
Ja . . . Ja . . . (Dann, um dem stummen Gespräch eine andere Wendung zu geben.) Also, wo waren Sie heuer überall, gnädige Frau?

Lisa (sammelt sich)
Erst in Marienbad –

Der Baron
Ja, das weiß ich, der Zdenko hat mir's geschrieben.

Lisa
Dann sind wir nach Karlsbad, Ostende und nachher ein bissel in die Schweiz: Engadin, Luzern, über'n Gotthard hinunter, über den Gardasee wieder herauf, zuletzt Madonna di Campiglio, Mendel, Karersee, Bozen . . .

Der Baron
Gnä' Frau, ich werd lieber fragen, wo waren Sie 41 in diesem Sommer nicht? Das wird beinah g'schwinder gehn, mein ich.

Forst
Ja, es ist schrecklich, wie man heutzutag herumreist. Leut, die irgendwo bleiben, also das gibt's überhaupt nicht mehr . . . Wir haben seit dem ersten Juli achttausend Kilometer gemacht. (Die Forsts haben unlängst einen Automobilunfall gehabt, den sie auf jedesmaliges Verlangen zum besten geben, offenbar, weil man doch ein Automobil in erster Linie hat, um davon zu reden.)

Der Baron
Richtig, Sie haben ja ein Automobil. Aber wie kommt's denn, daß Sie da mit der ganz gewöhnlichen Eisenbahn fahren?

Forst
Aber weil wir doch einen schrecklichen Unfall erlitten haben . . .

Cäcilie
Es hat ja auch in der Zeitung gestanden.

Der Baron
Ich les jetzt nur noch die Unglücksfälle, die beim Fliegen passieren . . . Damit hat man schon beinah genug zu tun.

Cäcilie (eifrig)
Also, denken Sie sich nur, auf der Mendelstraße –

Lisa (als ob die jüngere Kollegin nicht auf der Welt wäre)
n Luzern hab ich Ihre Tante getroffen. 42

Der Baron
Oh, wirklich!

Cäcilie (ohne eine Spur von Respekt vor der älteren Kollegin)
Also auf der Mendelstraße, wie gesagt, haben wir mit einem Gepäckswagen karamboliert . . . Der Kutscher hat sich den Arm gebrochen und unser Chauffeur hat eine schwere Gehirnerschütterung. Denken Sie, wie unangenehm für uns . . .

Der Baron
Schrecklich.

Forst
Wir haben mit der Eisenbahn in der Schweiz fahren müssen.

Lisa (etwas spitz)
Ich hab die ganze Reise mit der Eisenbahn gemacht.

Cäcilie (ebenso)
Du reist ja ohne deinen Mann.

Der Baron (um die Gegensätze zu überbrücken)
Die Damen sind per du?

Lisa
Aber natürlich, wir sind doch zusammen in die Schule gegangen.

Cäcilie
In verschiedene Klassen allerdings. –

Der Baron (wendet sich Cäcilie zu)
Wo waren Sie eigentlich in der Schweiz, gnädige Frau? 43

Cäcilie
Zuerst in Flims.

Dela
Flims ist reizend.

Cäcilie
Dann in Brunnen.

Dela
Brunnen ist reizend!

Cäcilie
Dann in Chamonix – und jetzt kommen wir über München zurück.

Der Baron
Alles kommt heuer über München zurück.

Dela
Ach, München ist –

Gernheim
Reizend!

Dela
No, vielleicht nicht?

Gernheim
Gewiß, mein Kind. Aber ich möcht einmal einen Ort kennen lernen, den du nicht reizend findest.

Dela
Ich weiß einen: Zu Hause!

Gernheim
Das sieht dir ähnlich.

Lisa (zieht die Augenbrauen höher)
Und Sie, Baron, wo haben denn Sie sich die ganze Zeit herumgetrieben? 44

Der Baron
Warum sagen Sie »herumgetrieben«?

Lisa
Weil Sie so gar nichts von sich haben hören lassen.

Der Baron
Ich hab in Tirol Touren gemacht.

Lisa
Fortwährend?

Der Baron
Beinah.

Cäcilie (kokett auf gemeinsame Erinnerungen anspielend)
Na, in Karersee doch nicht?

Der Baron
Gott, die paar Tag – aber sonst war ich sehr fleißig, achtunddreißigtausend Höhenmeter.

Cäcilie
Oh!

Lisa
Wollten Sie nicht ursprünglich in der Schweiz Touren machen, Baron?

Der Baron
Ursprünglich ja. Aber im Sommer kommt doch immer alles ganz anders.

Lisa (elegisch)
Ja, das ist wahr

Cäcilie (dankbar)
Ja, das ist wahr 45

Dela (die eigentlich keine Ursache hat, elegisch oder dankbar zu sein, sagt, wie aus der Fülle ihrer Erfahrungen heraus, obwohl sie keine hat, sehr langsam und bedächtig)
Ja – das ist wahr.

Der Baron (lacht kurz auf)
Sie sagen das so rückschauend, gnädige Frau, – so – ich möcht beinah sagen: bilanzierend.

Forst
Aha, der Verwaltungsrat!

Gernheim
Ich mach Sie aufmerksam, Herr Baron, die Bilanzen, die meine Frau macht, stimmen nie.

Der Baron (höflich)
Ich habe nie daran gezweifelt.

Lisa
Wie waren Sie eigentlich mit Ihrem Sommer zufrieden?

Der Baron
Nicht besonders – das Wetter –

Lisa (pikiert)
Ach Gott, das Wetter . . . Das ist doch eigentlich Nebensache. –

Cäcilie
Im Sommer nämlich.

Der Baron
Verzeihen Sie, meine Damen, wenn man Touren macht – 46

Lisa (achselzuckend)
Na ja, wenn Sie immer Touren machen . . .

Dela
Mir ist's auch egal, was für ein Wetter ist. Die Hauptsach ist die Gesellschaft. Unterhalten will man sich. Schließlich, dazu fahrt man doch aufs Land.

Gernheim
Nicht jeder. Es gibt auch Menschen, die sich im Sommer erholen wollen . . . Ich zum Beispiel.

Dela
Ja, du willst dich immer ausruhen . . . Aber es gelingt dir nie.

Gernheim
Weil du dich immer unterhältst.

Dela (seelenvergnügt)
Das ist bei uns ein Jahr wie's andere. Immer sagt mein Mann im Juni: Heuer gehen wir aber an einen stillen Ort. Und im August sind wir dann in Ostende, in Luzern, in Karersee . . .

Gernheim
Und kommen nervöser zurück als wir weggegangen sind.

Forst
Der Herr Gemahl hat recht. Das ganze Jahr plagt man sich in der Stadt.

Dela
Wer plagt sich? 47

Forst
Wir.

Dela
Ich bitt Sie gar schön.

Forst (unbeirrt)
Und im Sommer hat man dann die Stadt auf dem Land.

Gernheim
Ohne die Bequemlichkeiten.

Forst
Freilich. In Wien, da hat man doch wenigstens sein anständiges Essen und sein gutes Bett . . . Aber wissen Sie, daß wir heuer zweimal im Automobil haben übernachten müssen, weil kein Zimmer zu haben war? Wenn Sie glauben, daß das ein Vergnügen ist, in einer Höhe von achtzehnhundert Metern . . . Und zum Schluß geht noch das Automobil zum Teufel. Mein Mechaniker schreibt mir, daß der Motor so gut wie unbrauchbar geworden ist. Und einen Magenkatarrh hab ich auch . . .

Dela
Meiner Freundin Martha hat man in ihrer Abwesenheit das ganze Silber ausgeräumt . . . Sie hat vom Lido stante pede nach Wien zurückfahren müssen.

Der Baron
Und mein Cousin hat sich verlobt . . . Das sind so die Passiven der Sommerbilanz. 48

Forst
Und die Aktiven? Wo sind die Aktiven?

Der Baron
Für den Mechaniker, den Dieb und die Braut sind's Aktiven.

Forst (lachend)
So bilanziert ein Verwaltungsrat.

Lisa
Ihr Cousin hat sich verlobt? Doch nicht der Fred?

Der Baron
Er selbst!

Lisa
Was Sie sagen! Aber mit wem denn?

Der Baron
Mit der Olly . . . der Olly Brandstätter.

Cäcilie
Das ist doch gar keine besondere Partie.

Der Baron
Eben.

Lisa
Wie hat sie das gemacht? Erzählen Sie.

Der Baron (um Schonung bittend)
Er ist mein Cousin.

Cäcilie
Aber machen Sie keine Geschichten, Baron! (Sie rückt interessiert näher und berührt ihn dabei mit dem Knie.) 49

Lisa (läßt den Fuß nach vorne gleiten)
Wir sagen es nicht weiter.

Der Baron (zwischen den beiden Frauen in seinem Element, mit verjüngter Grazie)
Also, meine Damen: Ein Tannenzweig war schuld.

Alle (interessiert)
Ein Tannenzweig?

Der Baron
Ja, denken Sie nur! Ursprünglich war es nämlich bloß ein Flirt. Sie wissen, die Olly Brandstätter ist für solche Sachen sehr eingenommen, und was meinen Cousin betrifft – na, ich will einem Familienmitglied nichts Gutes nachsagen – also wie gesagt: Die beiden flirten miteinander. Das heißt, sie spielen fünf Stunden im Tag Tennis, er speist an ihrem Tisch, und wenn sie spazieren gehen, so trägt er ihren Sonnenschirm, sie seinen Spazierstock . . . Im Anfang gehen sie immer nur nach dem Mittagessen vor dem Hotel auf und ab. Später wird's dann der Olly auch am Abend in der Hall zu heiß, und sie gehen draußen unter den elektrischen Bogenlampen hin und her, aber immer sehr brav, immer im Licht . . . Hinzufügen muß ich, daß das Hotel mitten auf einer Alpenwiese steht, und der Wald ist beinah fünfhundert Schritt weit . . . Also eines Abends, während die Mama drinnen, ihrer Gewohnheit gemäß, Bridge spielt und die Hall ganz voll ist, gehen die beiden wieder einsam und allein draußen auf und ab . . . Plötzlich aber sehen 50 wir sie nicht mehr . . . Es vergehen fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde – Die Sache fällt allgemein auf, und einer schlägt vor, eine Rettungsaktion einzuleiten, Bergführer mit Laternen, und im Wald sollen's anfangen . . . Da, mit einem Male erscheinen sie wieder im Licht. Sie geht voran, er hinterdrein, und beide machen sie so ernste Gesichter, als ob's die ganze Zeit vom Sterben geredet hätten. Erstes Symptom: Das ernste Gesicht. Zweites Symptom: Er begleitet sie nicht in die Hall zurück, sondern verabschiedet sich an der Tür. Drittes Symptom: Sie geht sofort auf die älteste Dame ihrer Bekanntschaft zu, macht einen Knix und fragt wohlerzogen nach der Mama. Aber jetzt kommt's: In diesem Augenblick nämlich, wo sie durch die Hall geht, bemerken wir, daß sich ein Tannenzweig – ein so großer Tannenzweig – in ihren Röcken verfangen hat, den sie unmöglich auf dem Vorplatz zusammengeklaubt haben kann. Die Olly aber hat keine Ahnung, daß dieser anklägerische Tannenzweig sie begleitet und jede ihrer Bewegungen mitmacht . . . Sie geht von einem Bekannten zum andern, der boshafte Tannenzweig immer graziös hinterdrein . . . Die Hall füllt sich, alles lacht, alles will den Tannenzweig sehen – bis schließlich die alte Baronin Übereck der peinlichen Situation ein Ende macht, indem sie der Olly wohlwollend ins Ohr flüstert: Liebes Kind, Sie haben sich da etwas aus dem Wald mitgebracht . . . Unglücklicherweise ist die Übereck schwerhörig und spricht infolgedessen etwas 51 laut . . . Die Mama hört auf Bridge zu spielen, und am nächsten Tag war mein Cousin verlobt . . . Jetzt sind sie ja schrecklich verliebt, die beiden, aber ich bin beinah überzeugt, ohne den Tannenzweig –

Dela
Ganz ohne Tannenzweig geht's doch nie. (Alle lachen.)

Lisa (träumerisch)
Sie ist wohl sehr glücklich, die Olly. – Ich möcht sie sehen.

Der Baron
Da nebenan im Coupé sitzt sie.

Lisa
Bei Ihnen?

Der Baron
Mit meinem Cousin. Sie haben mich besucht, und ich habe wie ein Bruder gehandelt: Ich habe mich entfernt.

Lisa (aufstehend)
Ich muß sie unbedingt sehen.

Der Baron (folgt ihr in den Verbindungsgang)
Bitte, Sie brauchen sich nur umzudrehen . . . Die Vorhänge sind offen . . . Nein, sie sind zu. (Macht ein pfiffiges Gesicht.)

Lisa (durch eine ungedeckte Ritze lugend)
Sie küssen sich . . . Ist das nicht die hübscheste Sommerbilanz? 52

Der Baron
Achtunddreißigtausend Höhenmeter sind auch nicht schlecht.

Lisa
Sie ziehen also die Touristik vor?

Der Baron (lachend)
Beinah . . .

Lisa (seufzt und beschließt, den Baron in Zukunft nur noch zum Bridge einzuladen)
Auf Wiedersehen!

Der Baron
Küß die Hand, Gnädigste. (Er kehrt in sein Coupé zurück – nicht ohne vorher behutsam anzuklopfen – sie in das ihrige. Denn der Zug fährt bereits langsamer und man ist gleich in Wien.) 53

 


 

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