Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Raoul Auernheimer >

Gesellschaft

Raoul Auernheimer: Gesellschaft - Kapitel 2
Quellenangabe
typescene
booktitleGesellschaft
authorRaoul Auernheimer
year1910
firstpub1910
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleGesellschaft
pages180
created20181213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Album

Personen: Cäcilie Forst, eine Weltdame – Philipp, ihr Gatte – Schriftsteller Caesar Frank – Zeichner Rott – Baron Amberg – Doktor von Flattau, ein junger Herr aus der Provinz – Kellner.

Ende Mai, in dem unter dem Namen »Venedig in Wien« bekannten Vergnügungsetablissement. Kaffeehaus in der Nähe des Theaters. Es ist zehn Uhr abends, das Café ist noch ziemlich leer. Draußen auf dem Platz ein paar Menschen – Vergnügungspöbel – mit gelangweilten Gesichtern. Von drüben, aus dem Theater, brandet die Musik herüber. Manchmal übertönt die Brandung der hohe Schrei einer Sängerin oder ein kurzes, plätscherndes Gelächter. Allmählich schwillt dann der Lärm an, es wird mehr geschrieen, häufiger gelacht: Das Finale. Irgendwo in der Ferne spielt eine Kapelle das »Vilja«-Lied.

Der Baron (ganz allein an einem Tisch, hört eine Weile zu, gähnt, sieht auf die Uhr und klopft schließlich entschlossen auf den Tisch)
Zahlen werd ich! 2

Kellner
Jean, zahlen!

Der Baron
Heut ist's aber besonders fad da. Ist's jetzt immer so?

Kellner
Die Herrschaften kommen erst nach dem Theater.

Der Baron
Wann ist's denn aus?

Kellner
Um elf.

Der Baron
Ah, das dauert mir zu lang. Zahlen, zahlen! Wo steckt er denn?

Kellner
Mir scheint gar, er schlaft noch. (Ab.)

Der Baron
Wiener Nachtleben! Sogar die Kellner schlafen! Und das nennens ein Vergnügungsetablissement! (Gähnt.) Ekelhaft, der Schlaf.

Der Schriftsteller (glattrasiert, Monokel, posiert auf den Weltmann)
Guten Abend, Herr Baron! Vielmehr guten Morgen!

Der Baron
O, wünsch guten Abend, Herr Doktor. Nehmen Sie Platz? 3

Der Schriftsteller
Einen Augenblick.

Der Baron
Na, dann bleib ich auch noch. (Zum Kellner, bei dem der Schriftsteller seine Bestellung macht) Lassen S' ihn weiter schlafen, den Jean. Ah! da kommt er schon! Entschuldigen vielmals die Störung. (Zahlt.) Seit zwei Stunden bin ich da herunten und such einen Menschen.

Der Schriftsteller
Diogenes!

Der Baron
Beinah.

Der Schriftsteller
Aber, was nennen Sie einen Menschen?

Der Baron
Also einen Menschen, mit dem man reden kann – einen Menschen aus der Gesellschaft.

Der Schriftsteller
Ist Ihnen so bang um die? Ich bin froh, wenn ich niemand seh – aus der Gesellschaft.

Der Baron
No, das ist aber nicht sehr liebenswürdig.

Der Schriftsteller
Ich mein das natürlich nur im allgemeinen. Mit einem geistreichen Weltmann wie Sie, Herr Baron . . .

Der Baron
Hören S' mir auf. Weltmann vielleicht – aber 4 geistreich? Geistreich bin ich immer erst bei der zweiten Flasche Champagner. Das ist verdächtig. Denn da ist ja eigentlich der Champagner geistreich – nicht ich.

Der Schriftsteller
Sie sind ein Grübler.

Der Baron
Beinah. Überhaupt wenn ich allein bin und manchmal auch in Gesellschaft, wenn ich mich langweil. Dann fang ich an, über die Menschen nachzudenken. Und da muß ich oft lachen. Ich find, die Menschen sind alle so komisch, wenn man über sie nachdenkt. (Schriftsteller nickt lächelnd, sieht ihn an.) Alle sind wir komisch, wir in der Gesellschaft. Auch Sie.

Der Schriftsteller (unangenehm berührt)
Ich?

Der Baron
Sie schimpfen über die Gesellschaft und gehen doch immer in Gesellschaft. Warum?

Der Schriftsteller (geheimnisvoll lächelnd)
Man kann nicht immer in Gesellschaft sagen, warum man in Gesellschaft geht.

Der Baron
Da haben S' recht.

Der Schriftsteller
Sie zum Beispiel. Warum gehen Sie? 5

Der Baron
Um zu plaudern. Daß die Zeit vergeht.

Der Schriftsteller
Auch. Aber hauptsächlich wegen der Weiber. Sie gehen in Gesellschaft wie andere Leut auf die Jagd.

Der Baron
Sie vielleicht nicht?

Der Schriftsteller
Wir jagen alle. Junge Mädchen nach Männern, verheiratete Frauen nach Liebhabern, Künstler nach Ruhm, Familienväter nach Geld und junge Herren nach Abenteuern . . .

Der Baron
Leider bin ich nicht mehr jung.

Der Schriftsteller
Sie werden es – auf der Jagd.

Der Baron (lacht)
Beinah.

Der Schriftsteller
Darum sind Sie so mißmutig, wenn – Schonzeit ist.

Der Baron
Schonzeit, jawohl. Fangt übrigens heuer früh an finden Sie nicht? Die besseren Leut gehen schon aufs Land und die anderen zeigen sich nicht, damit man glaubt, daß sie zu den besseren gehören. Man weiß wirklich manchmal nicht mehr, was man mit seinem Abend anfangen soll, als Junggeselle. Es 6 ist eine Zeit, wo man verheiratet sein sollte. Also ich kann Ihnen nur sagen, ich hab jetzt Stunden, wo ich mich direkt nach einer Frau sehne.

Der Schriftsteller
Nach der eigenen?

Der Baron
Beinah . . . (Zwei Herren nähern sich dem Tisch.) Ist das nicht der Zeichner Rott?

Der Schriftsteller (nickt)
Er selbst. Ich hab hier Rendezvous mit ihm und dem jungen Flattau. Den kennen Sie doch?

Der Baron
Ich hab ihn unlängst irgendwo kennen gelernt. Ein netter Mensch, und scheint sich in Wien famos zu unterhalten, wenigstens lacht er immer.

Der Schriftsteller
Er kommt aus Linz.

Der Baron
Ja dann . . .

(Rott und Flattau treten an den Tisch. Begrüßung.)

Der Baron
Na, also, jetzt wird's belebt.

Der junge Herr aus der Provinz (schlägt die Hacken zusammen, verbeugt sich tief)
Guten Abend, Herr Baron. Wie steht das werte Befinden? 7

Der Baron
Danke, danke . . . Ist das Theater schon aus?

Der junge Herr (aufgeregt)
Zwischenakt.

Der Baron
Wie ist denn die Operette?

Der junge Herr (begeistert)
Großartig! (Zu Rott.) Nicht wahr, Herr Rott?

Rott
Ich weiß nicht. Ich hab gezeichnet.

Der Baron
Wen denn?

Rott
Eine fremde Dame. (Reicht dem Baron den Theaterzettel, auf dessen Rückseite eine Bleistiftzeichnung zu sehen ist.)

Der junge Herr (perplex)
Sie zeichnen im Theater?

Rott
Ich zeichne überall.

Der junge Herr
Aber ich hab gar nichts bemerkt.

Rott
Wenn Sie die ganze Zeit auf die Bühne schauen – im Theater!

Der Baron (kennerisch)
Fesche Frau! 8

Der Schriftsteller (sieht ihm über die Achsel)
Ah, das ist gut! (Zu Rott.) Du hast natürlich keine Ahnung, wer das ist.

Rott
Interessiert mich auch gar nicht. Sie hat eine schöne Nackenlinie . . .

Der Schriftsteller
Ich kenn sie aber persönlich. Das ist die Frau vom Fabrikanten Forst, in der Gesellschaft als die schöne Cilly bekannt.

Der Baron
Cäcilie Forst?

Der Schriftsteller (nickt)
Zweiunddreißig Jahre, evangelisch, verheiratet, unverstanden. Besondere Kennzeichen: Augen wie Boutons, und Boutons wie Augen . . .

Der Baron
Sie – von der hab ich schon Briefe gelesen.

Der Schriftsteller
Wie, sind Sie ihr vielleicht inkognito nahe gestanden? . . .

Der Baron
Ich nicht. Aber mein Vorgänger . . . Ich hab nämlich vor einem Jahr eine möblierte Wohnung gemietet, in der vor mir ein junger Attaché von der französischen Botschaft gewohnt hat. Meine Herren, ich sag Ihnen, diese drei Zimmer waren mit odeur de femme geradezu imprägniert; Vorhänge, Tapeten, 9 Teppiche – alles hat nach Parfüm gerochen, und nach den verschiedensten Parfüms . . . Und in allen Laden Spuren holder Weiblichkeit: Haarnadeln, Hutnadeln, Schleierzipfel, Taschentücher – Sie wissen doch, es ist jetzt Mode in der Gesellschaft, daß die Frauen dem Verehrer ihr Taschentuch schenken! – und last not least – eine offene Schreibtischlade mit Briefen in allen Farben. Er hat es nicht einmal der Mühe wert gefunden, sie zu verbrennen . . . Meine Herren, ich sage Ihnen, wenn ein anderer über diese Lade kommt, können zwanzig Duelle draus entstehen.

Der Schriftsteller
Und Sie?

Der Baron
Ich hab die Briefe gesichtet, nach Farben und Düften geordnet und ihm nachgeschickt. Damals ist die Ehre von einem Dutzend Ehemännern als ordinäres Postpaket nach Rom gegangen.

Der Schriftsteller
Das ist hübsch. Und unter diesen Briefen?

Der Baron
Waren auch welche von einer gewissen Cäcilie Forst.

Der Schriftsteller
Sie haben sie gelesen?

Der Baron
Was fällt Ihnen ein? Ich habe noch nie einen Brief gelesen, der nicht an mich gerichtet war. 10

Der Schriftsteller
Woher wissen Sie dann, daß die Briefe von ihr waren?

Der Baron
Weil sie so vorsichtig war, auf der Rückseite eines jeden Kuverts ihren Namen und ihre Adresse anzugeben.

Der Schriftsteller
Die Pedantin! Eine Deckadresse natürlich?

Der Baron
Ich entschlage mich der Aussage.

Der junge Herr (blaß)
Und Sie glauben wirklich, Herr Baron, daß sie mit diesem Attaché . . . Es können doch auch Einladungen gewesen sein.

Der Baron (fein)
Es waren gewiß Einladungen.

Der junge Herr
Nein, das hätte ich aber nie für möglich gehalten: Eine Dame der Gesellschaft!

Der Baron
Sie kennen sie?

Der junge Herr
Ich war erst unlängst bei ihnen draußen. Sie wohnen in Hietzing . . .

Der Baron
Nein, nein, das ist eine andere! Das ist bestimmt 11 eine andere . . . (Zum Schriftsteller.) Was sagen Sie? Man kann doch nicht vorsichtig genug sein.

Der Schriftsteller
Machen Sie sich nichts draus, lieber Baron. Ich stell Sie der schönen Cilly vor, und Sie fragen sie persönlich, ob sie die Schreiberin dieser Briefe war. Ich beneide Sie um diesen Berührungspunkt.

Der Baron (leise)
Aber sie ist es ja ganz bestimmt.

Der Schriftsteller
Dann beneide ich Sie umso mehr . . .

Rott (springt auf)
Jesus, die Maxi! (Eilt auf zwei vorübergehende Damen zu, begrüßt sie lebhaft, hängt sich in eine von ihnen ein und geht ein Stück weit mit ihr.)

Der Baron
Der Rott kennt die Maxi?

Der Schriftsteller
Der Rott kennt alle Sängerinnen auf i . . . (Zu Flattau.) Sie ist die Geliebte des Grafen Reindorf.

Der junge Herr
Der die wunderschöne Frau hat?

Der Baron
Die kennt er auch schon!

Der junge Herr
Ich hab sie bei Exzellenz Steinmüller gesehen. 12

Der Baron
Bei Steinmüllers so, so . . . Wie war's letzthin?

Der junge Herr
O, sehr vornehm!

Der Baron
Also langweilig?

Der Schriftsteller
Ja, das ist die gute Gesellschaft: diejenige, die bloß langweilig ist. (Rott kehrt zurück.)

Der Baron
Na, wie geht's der Maxi?

Rott
Danke. Sie geht schon in den nächsten Tagen aufs Land.

Der Baron
Ich sag's ja – alle besseren Leut gehen weg.

Der junge Herr (außer sich)
Meine Herren, die Gräfin Salvini! (Das Café hat sich gefüllt, eine hochgewachsene Dame geht in Gesellschaft eines Herrn vorüber; der junge Herr aus der Provinz steht auf und grüßt devot. Die Gräfin dankt mit den Nasenflügeln.)

Der Baron
Die kennen Sie also auch schon? Wie lang sind Sie denn eigentlich in Wien?

Der junge Herr
Seit Weihnachten. 13

Der Baron
Alle Achtung.

Der junge Herr
Eine elegante Frau, nicht wahr? Eine wirkliche Aristokratin! Man sieht es ihr an.

Der Baron
Daß sie eine Gräfin ist?

Der junge Herr
Mindestens.

Der Baron (lacht)
Sie ist nämlich die Tochter eines Sattlers. Und Gräfin ist sie so wenig wie ich Fürst. Sie hat eine bewegte Jugend gehabt – aber nur in Deutschland. Wie sie dann nach Wien gekommen ist, war sie schon Balletteuse. Als solche hat sie fünf Jahre lang ein Verhältnis mit einem Prinzen gehabt, und wie sich dann der Prinz verheiratet hat, ist ihr so viel geblieben, daß sie sich einen Grafen hat kaufen können, aber nur einen ganz billigen italienischen, einen Conte, der soll sie angeblich geheiratet haben. Sicher ist, daß er sich später wieder hat scheiden lassen, und daß sie jetzt nicht mehr berechtigt ist, sich Gräfin zu nennen. Sie wird bloß noch in der Gesellschaft, die sich dadurch selber ehrt, als Contezza Salvini vorgestellt. In Wahrheit heißt sie Kathi Kapralik. Das klingt schon weniger aristokratisch, wie?

Der junge Herr (kopfschüttelnd)
Daß die Gesellschaft solche Elemente toleriert. 14

Der Baron
Aber lieber Freund, diese Elemente, das ist ja eben die Gesellschaft . . . Haben Sie schon einmal ein Stück Gorgonzola durchs Vergrößerungsglas angeschaut? Das ist die Gesellschaft für den Wissenden. Es kann einem der Appetit vergehen.

Der junge Herr
Die Gesellschaft! Es gibt ja doch wohl auch eine andere.

Der Schriftsteller
Es gibt mehrere Arten von Käse . . .

Der Baron
Aber unterm Vergrößerungsglas sehen sie alle ziemlich gleich aus.

Der Schriftsteller
Da kommt ein Stück Gervais: die schöne Cilly.

Der Baron
Donnerwetter!

Der Schriftsteller
Einen Augenblick, meine Herren, ich muß ihr guten Abend sagen. (Steht auf und geht dem Ehepaar zwei Schritte entgegen.)

Die Weltdame
Grüß Gott, Herr Doktor! (Reicht ihm die Hand, sieht dabei zum Baron hinüber.) Warum sieht man Sie denn gar nicht mehr, Sie Schlimmer!

Der Schriftsteller
Die Arbeit, Gnädigste, die Arbeit! 15

Die Weltdame
Was Neues? Ein Stück? Ein Roman – –? (Ohne die Antwort abzuwarten) Ist das nicht der Baron Amberg, mit dem sich die Ressel kompromittiert hat? Man sagt, er hat mit Herrn von Ressel ein Duell gehabt. (Sie schaut neugierig zu dem Baron hinüber.)

Der Schriftsteller
Das erzählt die Frau. Es ist aber aufgeschnitten. Ihr Mann schießt sich nicht.

Der Gatte
Recht hat er! Schießen – das auch noch!

Der Schriftsteller
Herr Forst, Ihre Grundsätze klingen geradezu ermunternd . . .

Die Weltdame (lächelt perfid)
Mein Mann! . . . (Sie kokettiert ununterbrochen mit dem Baron, dabei fällt ein Seitenblick auf den jungen Herrn, der fortwährend versucht hat, sie zu grüßen.) Grüß Gott! Wie kommen denn Sie daher? (Flattau schlägt die Hacken zusammen und küßt ihr die Hand.)

Der junge Herr
Ich bin im Theater mit dem Zeichner Rott – (Atemlos zu Forst) Wie steht das werte Befinden?

Die Weltdame (halblaut)
Das ist der Rott? (Zum Schriftsteller) Sie, den müssen Sie mir vorstellen. (Der Baron lächelt.) 16

Der Schriftsteller
Aber mit Vergnügen. Kommen doch die Herrschaften an unseren Tisch! (In diesem Augenblick setzt die Musik wieder ein.)

Der Gatte
Es ist schon zu spät. Der Akt beginnt.

Die Weltdame
Ich möcht ein Eis.

Der Schriftsteller
Sie hören, Herr Forst. (Der Gatte fügt sich seufzend; der Schriftsteller stellt den Baron vor.)

Die Weltdame (sehr liebenswürdig zum Baron, der einen Stuhl heranrückt)
Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Herr Baron. Wir haben gemeinsame Bekannte in der Gesellschaft . . . Die Frau von Ressel zum Beispiel. Sie haben ja viel im Haus verkehrt.

Der Baron (beherrscht sich vorzüglich)
Ach ja, die Ressels . . . (Gewandt) Ich hab übrigens auch einen gemeinsamen Bekannten mit Ihnen – den Attaché Morin.

Die Weltdame
Ach ja – Morin . . . (Leicht) Er ist Ihr Freund?

Der Baron
Beinah . . . Ich hab nämlich voriges Jahr seine Wohnung übernommen, wie er nach Rom versetzt worden ist. (Sprechen leise weiter.) 17

Der Gatte (zum jungen Herrn)
Ja, wir reisen nämlich immer im Frühjahr . . . Heuer zum Beispiel waren wir in Rom. Meine Frau wollte durchaus Ostern in Rom verbringen, den Papst sehen . . . Sie wissen doch, wie die Frauen sind, wenn sie sich was einbilden . . . Ich hab ihr die Freud gemacht . . . Dafür bleiben wir im Sommer länger in Wien . . . Wir haben eine Villa in Hietzing –

Der Schriftsteller
Eine schöne Villa! Alles, was wahr ist.

Der Gatte (protzig)
Ein kleines Landhaus! Ein Joch Garten ist dabei – das ist angenehm. Wir geben Soupers im Freien, Gartenfeste . . . (zum Schriftsteller) Sie kommen doch nächste Woche, Herr Doktor?

Der Schriftsteller
Ich werde nicht ermangeln.

Der Gatte
Cilly, wir müssen gehen. Der Akt hat schon begonnen.

Die Weltdame
Auf Wiedersehen, Herr Baron. Kommen Sie doch auch nächste Woche auf unser Gartenfest. Ganz sans gêne, ohne Antrittsvisite.

Der Gatte
Die Herren sind sämtlich höflichst eingeladen. (Steht auf.) 18

Rott
Mein Name ist Rott.

Der Schriftsteller
Aber ich hab dich doch vorgestellt.

Rott
Nein.

Die Weltdame (süß)
Sie braucht man nicht vorzustellen, Herr Rott. Sie kennt man. Ihre entzückenden Ball- und Derbybilder . . . Und dann: Die Dame in Lichtblau im Hagenbund –

Rott
Sezession!

Die Weltdame
Entzückend in den Valeurs! (Reicht ihm die Hand.) Kommen Sie, Herr von Flattau.

Der Gatte
Auf Wiedersehen, die Herren. (Ab.)

Der Baron
Famoses Weib.

Der Schriftsteller
Nehmen Sie sich in acht.

Der Baron
Vor dem Mann?

Der Schriftsteller
Vor der Frau. Sie wünscht sich zu verheiraten.

Der Baron
Sie ist doch verheiratet. 19

Der Schriftsteller
Eben darum. Sie ist unzufrieden. Sie gustiert.

Rott
Guten Appetit!

Der Baron
Wissen S' was. Geben S' mir Ihren Sitz. Diese Operette fangt an, mich zu interessieren.

Rott (gibt ihm das Billett)
Im dritten Akt . . . (Zum Schriftsteller) Wir machen indes einen Rundgang.

Der Schriftsteller
Wenn du willst.

Der Baron (aufstehend)
Also, guten Abend! (Zum Schriftsteller) Kommen Sie auf das Gartenfest?

Der Schriftsteller (verzieht den Mund)
Ich glaub nicht. Und Sie?

Der Baron (ebenso)
Auch nicht.

Der Schriftsteller
Na also dann – auf Wiedersehen auf dem Fest! (Baron lachend ab)

Rott
Eine ganz charakteristische Visage!

Der Schriftsteller
Du hast ihn gezeichnet? 20

Rott (nickt vergnügt)
Unterm Tisch.

Der Schriftsteller
Das ist deine Spezialität.

Rott (reicht ihm den umgedrehten Theaterzettel)
Hab ich ihn erwischt?

Der Schriftsteller
Famos!

Rott (liebevoll das Blatt zusammenfaltend)
Er und die schöne Cilly kommen beide in mein Album.

Der Schriftsteller
Was für ein Album?

Rott
Es soll zu Weihnachten erscheinen. Titel: Gesellschaft.

Der Schriftsteller
Du, dazu möcht ich dir den Text schreiben! (Arm in Arm mit dem Zeichner ab.) 21

 


 

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.