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Gesellschaft

Raoul Auernheimer: Gesellschaft - Kapitel 10
Quellenangabe
typescene
booktitleGesellschaft
authorRaoul Auernheimer
year1910
firstpub1910
publisherEgon Fleischel & Co.
addressBerlin
titleGesellschaft
pages180
created20181213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sanatorium für Nervöse

Personen: Der Arzt – der Schriftsteller – der Zeichner – und noch einige der uns bereits bekannten Herrschaften. Auch ein Diener kommt vor; er heißt Peter.

Ein modern eingerichtetes Sanatorium. In herrlicher Lage, fürstlich ausgestattet, macht es aus der Ferne und von außen den Eindruck einer königlichen Residenz; im Innern sieht es eher einem Rivierahotel ähnlich: kolossale Halle, teppichbelegte Marmortreppen, breite, lichte, lautlose Gänge, in die beiderseits grüne, gepolsterte Türen münden. Die Zimmer sind raffiniert eingerichtet, in verschiedenen Stilen, die jeweilig der Gemütsart des Patienten angepaßt werden: Melancholiker bekommen rotes Mobiliar, Aufgeregte blaues usw., auch die Beleuchtung, die Aussicht aus den Fenstern usw. ist dementsprechend eingerichtet. Alles dosiert nach ärztlicher Vorschrift.

Das Folgende geht im Frühstückszimmer vor, das im Erdgeschoß mit der Aussicht auf den alten prachtvollen Garten gelegen ist. Es ist zunächst leer; nur der Diener Peter sitzt in einer Ecke, vor sich einen Stoß 149 Zeitungen, die er nervös und unlustig durchblättert. Er ist ein großer, breitschultriger, ungewöhnlich starker Mensch mit schwerfälligen Gliedmaßen und einem krebsroten Gesicht; ist überernährt und leidet an Kongestionen.

Der Arzt und sein Freund, der Schriftsteller, treten ein. Sie sind Gymnasialkollegen, was man sofort an der geringschätzigen Art merkt, mit der sie einander behandeln. Der Arzt geht voran, als Hausherr. Er trägt Breeches, Ledergamaschen und einen Reitstock in der Hand; geht breitbeinig und liebt es, mit gespreizten Beinen und gestreckten Knieen dazustehen, indem er sich gleichzeitig mit dem Reitstock auf die Gamaschen klopft, wie es Kavalleristen tun; sieht überhaupt immer so aus, als wäre er just vom Pferd gestiegen. Indessen kann er nicht einmal reiten, und wenn er sich jemals in den Sattel schwingt, so geschieht es im Zandersaal, um seine Patienten zu instruieren. Den Reitstock und die Breeches trägt er lediglich aus erziehlichen Gründen, der Autorität wegen und weil Breeches auf nervöse Frauen Eindruck machen. Tatsächlich verdankt er einen nicht geringen Teil seiner Erfolge, insbesondere bei Damen, dieser ingeniösen Tracht, um die er die ärztliche Wissenschaft bereichert hat.

Der Arzt (wiegt sich selbstbewußt in den Knieen)
Na, wie gefällt dir mein Sanatorium?

Der Schriftsteller (bewundernd)
Ein Schloß. 150

Der Arzt
Sag lieber ein Zuchthaus. Hundertfünfzig Nervöse – mein Lieber, das ist keine Kleinigkeit. (Schlägt mit dem Reitstock auf den Tisch.) He, Wirtshaus! (Der Diener schreckt zusammen und die Kellnerin erscheint hinter der Bar; sie hat gleichfalls gelesen.)

Der Arzt
Frühstück!

Die Kellnerin
Milch und Schrotbrot?

Der Arzt
Kaviar und Wein . . . Wir sind keine Patienten. (Zum Schriftsteller) Nimm Platz, lieber Freund. (Zum Diener) Was haben denn Sie? Sie zittern ja wie Espenlaub.

Der Diener
Ich bin so schreckhaft. Und wie Herr Doktor auf den Tisch geschlagen haben . . .

Der Arzt
Mir scheint, Sie werden nervös.

Der Diener
Ja, es wird immer ärger. Ich muß mit 'm Herrn Doktor reden.

Der Arzt
Später, lieber Freund. Gehn S' jetzt an Ihre Arbeit.

Der Diener (vorwurfsvoll)
Arbeit? Hier gibt's ja keine Arbeit. Die Patienten machen ja alles selber. 151

Der Arzt
No, sein S' froh.

Der Diener (nach kurzer Überlegung)
Ich werd ein bisserl zandern. (Geht langsam ab.)

Der Schriftsteller
Du sprichst immer von deinen Patienten. Ich hab aber noch keinen gesehen. (Er setzt sich.)

Der Arzt
Weil sie jetzt alle bei der Arbeit sind. Da drinnen in den Arbeitssälen. (Auf den anstoßenden Raum deutend.) Übrigens, eine Schicht wird jetzt gleich zum Frühstück kommen.

Der Schriftsteller
Schicht! Das ist ja wie in einem Bergwerk!

Der Arzt
Ja, bei uns ist alles organisiert.

Der Schriftsteller
Was arbeiten die Leute eigentlich?

Der Arzt
O, alles mögliche. Tischlerarbeit, Schlosserarbeit, Buchbinderarbeit. Einige modellieren oder sie zeichnen mit der glühenden Nadel auf Holz – sogenannte Brandtechnik – oder sie laubsägen, kleben Zündholzschachteln . . .

Der Schriftsteller
Also wie in den Strafhäusern.

Der Arzt (lacht)
Na, doch nicht ganz so. 152

Der Schriftsteller
Und das nennt man »Beschäftigungstherapie«!

Der Arzt
Der Gedanke, Nervöse durch zweckentsprechende Tätigkeit abzulenken, ist keineswegs neu. Indessen findest du ihn bei uns wesentlich erweitert; indem wir uns nicht bloß auf die genannten Beschäftigungen, die man vielleicht als Spielerei bezeichnen könnte, beschränken, sondern auch die nützliche Tätigkeit in den Kreis möglicher Beschäftigungen einbeziehen. Ich lasse zum Beispiel von einem Hofrat beim Verwaltungsgerichtshof Zimmer wichsen. Mit Erfolg.

Der Schriftsteller
Für den Hofrat oder für den Verwaltungsgerichtshof?

Der Arzt
Du machst dich natürlich lustig, deiner alten Gewohnheit gemäß. Aber du hast keine Ahnung, welche Wohltat eine primitive Beschäftigung, ein festumschriebenes Arbeitspensum für den Nervösen unter Umständen bedeutet. Ich habe im Vorjahr einen berühmten Komiker vor dem Trübsinn, in den er zu verfallen drohte, dadurch bewahrt, daß ich ihn zehn Klafter Holz zerspalten ließ. Zuletzt gewann er diese Tätigkeit so lieb, daß er zur Bühne überhaupt nicht mehr zurück wollte . . . Ich habe eine nervöse Gräfin, die an der Platzangst und allerhand anderen unangenehmen Wahnvorstellungen litt, in sechs Wochen kuriert, und weißt du wodurch? Durch eine Nähmaschine. Wie viele Frauen der Gesellschaft hat das 153 Bügeleisen gerettet, wie viele der Waschtrog – jawohl der Waschtrog! Wir scheuen unter Umständen auch vor dem Waschtrog nicht zurück. Die Hauptsache ist nur, daß die gewählte Beschäftigung der gewohnten möglichst entgegengesetzt ist. Darum ist bei Gesellschaftsmenschen körperliche Tätigkeit in den meisten Fällen geradezu indiziert.

Der Schriftsteller
Dein Sanatorium wird wohl hauptsächlich von Gesellschaftsmenschen frequentiert?

Der Arzt
Ich kann sagen, es ist eine Endstation des mondänen Lebens. – Meine Anstalt wendet sich nur an die Gesellschaft.

Der Schriftsteller
Und wie weißt du, ob einer zur Gesellschaft gehört?

Der Arzt
Du meinst die Diagnose? O, die ist sehr einfach. Wir verlangen fünfzig Kronen per Tag. Wer die bezahlen kann, der gehört zur Gesellschaft. (Ein Glockenzeichen ertönt, und wie Fabrikarbeiter in der Frühstückspause stürzen die Patienten herein, verteilen sich an den verschiedenen Tischen, wo das Frühstück – Milch und Schrotbrot – bereit steht; auf einen Wink des Arztes entfernt die Kellnerin den Wein und Kaviar von seinem Tisch.)

Der Arzt (zum Schriftsteller)
Du findest hier sicher Bekannte. 154

Der Schriftsteller
Wo nicht? (Steht auf und begrüßt die Weltdame.) O, Frau Forst!

Die Weltdame
Sie haben mich nicht gleich erkannt?

Der Schriftsteller
In der Küchenschürze!

Der Arzt
Ja, die gnädige Frau ist so liebenswürdig, die Küchenaufsicht zu führen.

Die Weltdame (sich setzend)
Es macht mir so viel Spaß. Ich hab mir fest vorgenommen, wenn ich wieder gesund und zuhaus bin, reduziere ich den Monatslohn meiner Köchin um zehn Kronen. Es ist ja eigentlich ein Vergnügen . . . (Zum Schriftsteller) Ihr Freund, der Zeichner Rott, ist übrigens auch da.

Der Schriftsteller
Er verfolgt Ihre Nackenlinie bis ins Sanatorium. –

Die Weltdame
Bilden Sie sich das nicht ein. Meine Nackenlinie, das war einmal – ich meine für Rott . . . Er pickt den ganzen Tag mit der Olly Brandstätter Zündholzschachteln.

Der Schriftsteller
Die ist doch verlobt? 155

Die Weltdame
Auch das war einmal. Jetzt ist sie nur noch nervös. – Da kommt sie übrigens mit Rott.

Der Schriftsteller
Mein Gott, auch das Sanatorium ist ein Jour. (Er steht auf und begrüßt die Beiden. Zu Rott) Wie geht's immer? Ich hab dich zuletzt in Trocadero gesehen.

Der Zeichner
Ja, damals hab ich noch gezeichnet. Die Gesellschaft in der Loge, erinnerst du dich? Jetzt kleb ich nur noch Zündholzschachteln . . . (Sieht Olly an.)

Der Arzt
Er hat dabei um fünf Kilo zugenommen. Für einen Zeichner, lieber Freund, gibt's keine andere Kur als Nicht-Zeichnen.

Der Zeichner
Natürlich . . . (Zum Schriftsteller) Er hat keine Ahnung, daß ich auch hier zeichne: Beschäftigungstherapie – eine Serie; du wirst staunen . . . Besonders ein paar Bilder sind exquisit: Cäcilie Forst zandernd. Ich zeig's dir nachher.

Die Weltdame (hält den Topf mit der sauren Milch graziös wie eine Teetasse und beißt vom Brot ab als wäre es Zuckerwerk; zum Schriftsteller)
Wir haben uns zuletzt bei der Elektrapremiere gesehen. Wie hat sie Ihnen gefallen?

Der Schriftsteller (der das offenbar schon sehr lang nicht gefragt worden ist)
– – – 156

Der Arzt
Mir auch nicht.

Die Weltdame
Mir hat sie den Rest gegeben. Ich hab vor Aufregung die Nacht nach der Premiere nicht schlafen können. Und am nächsten Tag hat der Doktor gesagt: Gnädige Frau, so geht es nicht weiter . . . (Sie sieht den Arzt dankbar an.)

Der Arzt (gnädig)
Ja, wir müssen wieder gut machen, was die moderne Kunst an den Nerven der Menschheit sündigt.

Die Weltdame
Deswegen ist der Richard Strauß aber doch ein Genie . . . (Sie spricht mit dem Arzt weiter.)

Der Zeichner (leise zum Schriftsteller)
Kein Wort wahr, mein Lieber. An ihrer Nervosität ist der Richard Strauß vollkommen unschuldig. Sondern Herr Forst hat an der Börse gespielt. à la baisse . . . Der Fußtritt des serbischen Kronprinzen hat ihm eine Million gekostet. Sie lassen sich scheiden, und das Sanatorium dient diesem Übergang . . . Der Baron ist übrigens auch da . . .

Der Schriftsteller
Beschäftigungstherapie! (Sieht zu Olly hinüber.)

Olly (zum Schriftsteller)
Warum schauen Sie mich so an?

Der Schriftsteller
Ich – ich denke nach, was wohl das Gegenteil von 157 »Flirten« sein mag. Weil hier doch alles durch das Gegenteil kuriert wird.

Olly (munter)
Herr Rott wird Ihnen antworten.

Der Zeichner (lachend)
Ich werd mich hüten. (Ab mit Olly.)

Die Weltdame (ihnen nachschauend)
Der Gegensatz von Flirten, mein lieber Doktor, ist Heiraten.

Der Schriftsteller
Ich fürchte auch . . . Aber wie ist das mit den verheirateten Frauen?

Die Weltdame
Da ist natürlich wieder Flirten das Gegenteil . . . Jetzt muß ich aber in die Küche. Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Ich hoffe, Sie bleiben hier. Sie hätten es nötig. (Mit einem höchst anmutigen Lächeln ab.)

Der Arzt (zum Schriftsteller)
Nimm dir ein Beispiel an diesen beiden Herren. (Auf den Baron und den Hofrat deutend, die mit großem Appetit ihr Butterbrot verzehren.) Wenn du die gesehen hättest, wie sie hergekommen sind! Und jetzt: Sehen sie nicht aus, wie zwei Trapper? (Macht die Herren mit einander bekannt.)

Der Hofrat (mit Überzeugung)
Holzhacken, Herr Doktor, Holzhacken! Es gibt nichts Gesünderes als Holzhacken. 158

Der Baron (kauend)
Bäum umsetzen ist aber beinah noch gesünder.

Der Arzt
Ist das Südspalier bald fertig?

Der Baron
Beinah.

Der Arzt
Wenn Sie heut fertig werden, dürfen Sie morgen vormittag wieder Kegel aufstellen.

Der Baron (freut sich)
Jesus . . .

Der Arzt (zum Hofrat)
Und die Klafter Brennholz? Geschnitten? Gehackt?

Der Hofrat (ernsthaft)
Bis um fünf Uhr wird der Akt – wird die Klafter erledigt sein.

Der Arzt
So ist's brav! (Zum Schriftsteller) Jawohl, mein Lieber: Arbeit macht das Leben süß. (Baron und Hofrat entfernen sich.)

Der Schriftsteller
Besonders die Arbeit der anderen . . . Du ersparst dir einen Gärtner, einen Holzhacker, einen Koch, einen Zimmerputzer . . . Ich finde, du lebst hier wie ein Plantagenbesitzer. Nur daß deine Neger dir auch noch zahlen.

Der Arzt (kollegial)
Mein lieber Freund, frozzeln ist hier nicht gestattet, Satiriker werden entfernt. 159

Der Schriftsteller
Du behältst mich also nicht? Schad! Ich wär gern ein paar Wochen geblieben.

Der Arzt
Nur wenn du mir versprichst, meine Patienten nicht aufzuwiegeln.

Der Schriftsteller
Deine Neger willst du sagen.

Der Arzt
Und dann müßtest du auch eine Beschäftigung finden, die deiner bisherigen gerade entgegengesetzt ist.

Der Schriftsteller
Hab ich bereits gefunden.

Der Arzt
Nämlich?

Der Schriftsteller
Ich werde schreiben! (Einen Bekannten begrüßend, in den Garten.)

Der Arzt (lacht)
Haha! Immer der Alte! (Will ihm folgen, der Diener vertritt ihm den Weg.) Was wollen Sie denn schon wieder?

Der Diener
Auf ein Wort, Herr Doktor.

Der Arzt (zurückkehrend)
Also was soll das heißen? Den ganzen Tag schleichen Sie um mich herum. Überall verstellen Sie mir den Weg. Was wünschen Sie eigentlich? 160

Der Diener (nach einer Pause)
Herr Doktor, ich bitt um mein Zeugnis.

Der Arzt
Was?

Der Diener
Ich mach meine vierzehn Tag.

Der Arzt
Sind Sie vielleicht nicht zufrieden?

Der Diener (schüttelt stumm und traurig den Kopf).

Der Arzt
Na hören Sie, das ist aber wirklich eine Undankbarkeit. Sie haben das beste Leben, kriegen einen schönen Lohn, haben überhaupt nichts zu tun –

Der Diener
Das ist es ja eben.

Der Arzt (ohne Verständnis)
Wie?

Der Diener
Herr Doktor, ich will arbeiten.

Der Arzt (ebenso)
Was wollen Sie?

Der Diener
Arbeiten. Ich bin vom Land, Herr Doktor. Ich bin die schwere Arbeit gewohnt. Und ich hab den Dienst überhaupt nur angenommen, weil man mir gesagt hat, in einem Sanatorium gibt's viel zu tun. Ich bin kein Faulenzer, Herr Doktor. Aber hier 161 müßt man einer werden. Was man anrührt, immer heißt's: Das macht ein anderer. Wasserpumpen tut der Herr Professor, Holzhacken der Herr Geheimrat, Zimmerputzen ein Theaterdirektor und die Gartenarbeit macht der Herr Baron. Ja, was bleibt dann für unsereinen?

Der Arzt
Ja, mein lieber Freund, Holzhacken und Wasserpumpen kann ich Sie nicht lassen. Das ist gegen die Anstalts-Disziplin. Aber ich habe nichts dagegen, wenn Sie sich auf andere Weise die Zeit vertreiben. – Lesen Sie die Zeitung.

Der Diener
Aber man kann doch nicht immer lesen.

Der Arzt
Also dann zandern Sie. Zwischen zwölf und zwei stehen Ihnen alle Apparate zur Verfügung. Reiten Sie, rudern Sie, schwimmen Sie – mit einem Wort: Ermüden Sie sich.

Der Diener
Herr Doktor, diese unnatürlichen Bewegungen schaden mir. Das ist was für die reichen Leut! Aber unsereins – wenn man gewohnt ist, hinter der Pflugschar herzugehen und zu dreschen . . .

Der Arzt
Na, erlauben Sie, ich kann mir doch nicht Ihretwegen eine Pflugschar und ein Kornfeld anschaffen. Das fehlte noch . . . (Geht nervös hin und her.). 162

Der Diener
No ja, das seh ich ein. – Deswegen bitt ich eben um mein Zeugnis.

Der Arzt (bleibt vor ihm stehen)
Sie, Peter, hören Sie: Ich geb Ihnen monatlich um zehn Kronen mehr. Dann haben Sie so viel wie ein Assistenzarzt.

Der Diener (schüttelt den Kopf)
Herr Doktor, meine Gesundheit ist mir lieber.

Der Arzt
Gesundheit! Was reden Sie denn? Sie sehen doch aus wie's Leben . . . Sie haben sicher fünf Kilo zugenommen, seit Sie hier sind.

Der Diener
Zehn Kilo, Herr Doktor, zehn!

Der Arzt
Was? – Wann haben Sie sich denn gewogen?

Der Diener
Zwischen zwölf und zwei.

Der Arzt
Sie sind ja ein regelrechter Hypochonder.

Der Diener
Man wird's, Herr Doktor, wann man nichts zu tun hat . . . Herr Doktor können mir's glauben, ich war im Leben nicht nervös. Und überhaupt Lärm hat mich nie geniert. Ich war doch Artillerist und hab die Schießübungen am Steinfeld mitgemacht. Aber vorhin, wie der Herr Doktor hereingekommen sind 163 und auf den Tisch geschlagen haben, da bin ich so zusammengefahren . . . Also jetzt zittern mir noch die Händ. Bitte! (Er nähert die Handflächen einander mit gestreckten Fingern ganz langsam und auf die Entfernung von ein paar Millimetern.) Und wenn ich mich mit geschlossenen Augen verbeug und dann wieder aufricht, zittern mir die Füß . . . (Tut so; der Arzt sieht ihm zu.) Es wird immer ärger. Ich werd von Tag zu Tag immer nervöser. Bei Nacht kann ich nicht schlafen, das Essen schmeckt mir auch nicht mehr, der Appetit laßt nach und manchmal flimmert's mir vor den Augen. (Streicht sich über die Schläfen.) Herr Doktor, ich bitt um mein Zeugnis.

Der Arzt
Es ist merkwürdig, ich erhalt keinen Diener. (Entschlossen) Hören Sie, Peter, ich verdopple Ihren Lohn.

Der Diener
Nicht um ein Schloß.

Der Arzt
Ich geb Ihnen täglich drei Stunden frei. Machen Sie in dieser Zeit, was Sie wollen. (Mit einer freigebigen Handbewegung) Arbeiten Sie!

Der Diener
Drei Stunden sind mir zu wenig.

Der Arzt
Sie sind ein starker Mensch (prüft seinen Biceps) ein geschickter Mensch. – Ich werd Sie zum Masseur ausbilden. 164

Der Diener
Das ist mir ekelhaft.

Der Arzt
Also dann – (Erinnert sich plötzlich, daß er Breeches trägt.) Also dann gehen S' zum Teufel! (Wütend ab.)

Der Diener (philosophisch)
Immer noch besser, als ein Sanatorium für Nervöse . . .

 


 

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