Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Leopold von Ranke >

Geschichtsbilder aus Leopold v. Rankes Werken

Leopold von Ranke: Geschichtsbilder aus Leopold v. Rankes Werken - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/ranke/gescbild/gescbild.xml
typeessay
authorLeopold von Ranke
titleGeschichtsbilder aus Leopold v. Rankes Werken
publisherVerlag von Duncker & Humblot
editorMax Hoffmann
year1905
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100408
projectidb3bb854e
Schließen

Navigation:

46. Friedrichs des Großen Ausgang, Rückblick auf seine Staatsverwaltung.

Die deutschen Mächte und der Fürstenbund, Werke Bd. 31 u. 32 S. 189-198.

Im Sommer 1786 hatte Friedrich, wie gewöhnlich, einige Freunde bei sich, die er nicht mehr bei Tafel um sich sah, wie er sonst sehr liebte. Er versammelte sie aber zu andern Stunden des Tages, wo denn alle Dinge der Welt besprochen wurden, die politischen Ereignisse, die Erscheinungen der Literatur, Landwirtschaft und Gartenkunst. Seiner Krankheit, obgleich sein Chirurgus ihn täglich besuchte, geschah jedoch nie Erwähnung, denn nur an andre Dinge wollte er denken, nicht an sein hinfälliges Selbst. Eine weitere Beschäftigung gewährte ihm die fortgesetzte Lektüre ausgezeichneter Werke, vornehmlich aus der alten Literatur und Geschichte, nach seiner Wahl, denn er kannte sie alle, in französischen Übersetzungen, die ihm vorgelesen wurden.

Aber das Wichtigste blieb die Vollziehung seines königlichen Amts, dem er, durch Krankheit und Schmerzen nicht unterbrochen, mit voller geistiger Kraft oblag. Er las nach wie vor die eingehenden Berichte seiner Gesandten, die militärischen Rapporte, die Eingaben der Zivilbehörden, Privatschreiben und Bittschriften; alle Morgen bereits halb fünf Uhr erschienen die drei Kabinettssekretäre, um die Antworten des Königs auf die eingegangnen Eingaben, jeder in seinem Fache, aus seinem Munde niederzuschreiben. Gegen Abend mußten sie ausgefertigt sein und zur Unterschrift vorgelegt werden. Noch am 15. August waren die Kabinettssekretäre zur gewohnten Stunde erschienen. Friedrich hatte jene an seinen Legationsrat in Petersburg gerichtete DepescheBezüglich auf den von Rußland und Österreich gemeinsam geplanten Türkenkrieg; Ranke S. 187. diktiert, mit der vollen Energie seines Geistes. Am Abend zur gewohnten Zeit unterzeichnete er die Ausfertigungen, die ihm vorgelegt wurden; das wurde ihm schon nicht mehr leicht. Und gleich darauf verfiel er in einen Zustand, der zwischen Wachen und Schlafen schwankte, und der ihn den Tag darauf nicht wieder verließ. Am 16. gegen Mittag will man bemerkt haben, daß Friedrich, halb erwacht, seine Kräfte noch einmal zu der gewohnten Arbeit aufzuraffen versuchte. Aber schon war die Krankheit stärker als sein Wille und seine Gewohnheit. Am 17. August, bald nach zwei Uhr morgens, auf seinem Lehnstuhl sitzend, in den Armen eines Kammerdieners, der ihn emporhielt, um ihm das Atmen zu erleichtern, hat Friedrich seinen letzten Atemzug getan; sein Schlummer verwandelte sich in den Schlaf des Todes. Der Minister Hertzberg, der eben in Sanssouci wohnte und noch im letzten Moment herbeigerufen wurde, verließ die Zimmer nicht, ehe der Nachfolger eingetreten war, der am Fuß des Ruhebettes, auf das man den entseelten Körper gelegt hatte, denselben einige Minuten mit wehmütigster Teilnahme betrachtete und sich dann mit dem Minister entfernte, nachdem sie die Zimmer hatten versiegeln lassen. Ein großes Leben, einzig in der Geschichte, war geendet.

Das Regentenleben Friedrichs II. wird durch drei Handlungen erfüllt, die Eroberung von Schlesien, die Erwerbung von Westpreußen, die Aufrechthaltung des deutschen Reichssystems.Gegen die Bestrebungen Kaiser Josephs II. Dadurch hat er seinen Staat zu einer selbständigen Potenz unter den Mächten Europas erhoben und die autonome Stellung errungen, welche die Summe des preußischen Ehrgeizes ausmacht. Alle Welt bewunderte das Resultat; das Staatswesen jedoch, wie es nun während seines Lebens zustande gekommen und wie man es vor sich sah, besaß bereits nicht mehr die Sympathie der Zeitgenossen.

Friedrich hielt sich für den ersten Beamten des Volkes, an dessen Spitze er durch den Zufall der Geburt gestellt sei, verpflichtet alle seine Tätigkeit dem allgemeinen Wohl zu widmen, und deshalb allerdings für verantwortlich, jedoch nicht gerade gegen lebende Persönlichkeiten. Das Gefühl der Pflicht verschmolz in ihm mit der freien Aktion der unbeschränkten Monarchie. Da er das allgemeine Wohl in der Unabhängigkeit des Staates erblickte, welcher weniger auf alte Berechtigung und Würde als auf effektive Macht gegründet war, so hielt er sich für schuldig und befugt alle Kräfte zu diesem Zweck anzustrengen. Von den Einkünften des Landes, die zuletzt etwa 20 Millionen Taler (jährlich) betrugen, verwandte er dreimal mehr auf das Militär als auf den Zivildienst und den Hof. Und weil es notwendig war, die Mittel nicht allein zu einer Mobilmachung, sondern auch für ein paar Feldzüge bereitzuhalten, so mußte ein beträchtlicher Teil der finanziellen Erträge in einen Schatz, der dazu hinreichen konnte, vereinigt werden.Der Schatz enthielt 60-70 Millionen Taler; Häußer, Deutsche Geschichte, 3. Auflage, 1, 193. Dabei ward doch die Idee des Privatlebens, die späterhin auf dem Kontinent fast abhanden gekommen ist, möglichst gewahrt; die Bevölkerung sollte nicht durch das militärische Bedürfnis erschöpft werden, was ja die Selbständigkeit des Landes in andrer Hinsicht gefährdet hätte. Seine Kriege wollte Friedrich mit dem Überschuß der Kräfte des Landes führen, ohne damit den friedlichen Einwohnern in ihrer Behausung oder ihrem Gewerbe zur Last zu fallen. Er behielt die Staatsverwaltung, wie sie sein Vater mit Umsicht und Sinn eingerichtet hatte, im ganzen bei; er scheute sich an die bürgerlichen Verhältnisse zu rühren; auch die religiöse Organisation ließ er seiner Skepsis zum Trotz bestehen, wie er sie vorfand. Ideen einer allgemeinen Reform lagen ihm ferne, aber innerhalb des Kreises der herkömmlichen Regierungsgewalt folgte er nur seinen eigenen Intentionen, die er mit rücksichtsloser Beharrlichkeit festhielt: unter allen Umständen sollte die Verwaltung die für das Heer und seine Kriegsbereitschaft erforderlichen Mittel liefern. Er verband gerechte Landesväterlichkeit und wohlwollende Fürsorge mit einseitig durchgreifender Unordnung, die nicht immer ihr Ziel erreichte, und eisernem Gebot.

Der preußische Staat bildete das eigentümlichste Ganze, in welchem ein Moment das andre bedingte, eins in das andre eingriff, alle zu dem Zwecke der Macht zusammenwirkten; ein Gemeinwesen, das aber keineswegs durch freien Entschluß aus der Nation hervorgegangen, sondern aus dem Gefühl der Gesamtstellung, die sich in der Persönlichkeit des Fürsten konzentrierte, erwachsen war, zwangvoll und drückend für die Individualitäten, die aber wieder durch die politische Bedeutung, an der sie Anteil hatten, befriedigt wurden. Eine Art von Kultus, den man dem König widmete, von dem man wußte, daß er nur in dem öffentlichen Dienst lebte und webte, bedeckte alle Mängel.

Für den preußischen Staat war die Frage nicht so sehr, ob er das einmal Errungene zu behaupten imstande sei, was gleichwohl einige bezweifelten, sondern inwiefern sich damit eine populärere und minder drückende Verwaltung würde vereinigen lassen. Sie wurde gleichsam am Fuße des Katafalks, den Tag nach dem Tode Friedrichs, von einem der namhaftesten Männer des Jahrhunderts dem Thron gegenüber in aller ihrer Stärke zur Sprache gebracht. In der französischen Literatur, von welcher Friedrich ursprünglich seine Impulse empfangen hatte, herrschte der Geist Voltaires nicht mehr vor; die alten Grundsätze der Staatsverwaltung, denen teilweise auch Friedrich angehangen, wichen vor dem physiokratischen System zurück. Einer der vornehmsten Träger dieser Gedanken, Mirabeau, befand sich zurzeit in Berlin und hielt sich für berufen, sie öffentlich kundzugeben. Mit einer Mission, die nicht eigentlich offiziell war, betraut, hatte er um so mehr Gelegenheit, mit Menschen aus den verschiedensten Ständen in Verbindung zu treten. Noch sprach man so viel und so gut Französisch in Berlin, daß es ihm leicht wurde sich durch Konversation zu unterrichten, die er denn seinem Auftrag gemäß dazu benutzte, die Zustände des Landes bei dem Thronwechsel, den jedermann voraussah, kennen zu lernen. Er verstand zu fragen und hörte mit Aufmerksamkeit; einige ausgezeichnete Beamte zweiten Ranges gaben ihm gleichsam Unterricht, auch lernte er so viel Deutsch, um einschlagende Druckschriften lesen zu können. Die Ideen der Zeit und seine persönlichen Überzeugungen, angewandt auf das, was er sah und hörte, und belebt dadurch, legte er nun dem neuen Herrscher vor in dem Moment der Thronbesteigung in einer ausführlichen Denkschrift.Lettre remise a Frédéric-Guillaume II roi régnant de Prusse, le jour de son avènement au trône, par le comte de Mirabeau, 1787. R. Es folgte 1788 das ausführliche Werk »De la monarchie prusienne sous Frédéric le Grand«, in London erschienen; deutsche Übersetzung 1790 Er forderte ihn auf, nicht nach Kriegsruhm zu trachten, eine Bahn auf der man jetzt nur noch die zweite Stelle erreichen könne, sondern nach dem Lob einer erleichterten und wohltätigen organisierenden Tätigkeit; er habe die Macht alles zu tun, eine Macht, furchtbar selbst für den, der sie besitze; er möge sie dazu anwenden, die Liebe des Volkes zu erwerben; auch wichtige Reformen, die Regeneration großer Reiche könne nur von absoluten Fürsten ausgeführt werden.

Man hat damals die Schrift eine Satire auf Friedrich II. genannt. Sie verdient diese Bezeichnung nicht, aber wahr ist es: sie ist in allen ihren Teilen gegen die Regierungsweise des eben verstorbenen Königs gerichtet. Auf das dringendste und in seinem beredten Ausdruck warnte Mirabeau den neuen Fürsten, nicht zuviel zu regieren. Denn wozu wolle er in die bürgerlichen Angelegenheiten eingreifen, wenn sie in einen Stand gebracht seien, daß sie von selbst gehen können? Ebendas machte man dem Verstorbenen zum Vorwurf, daß er von seinem Kabinett aus zuviel habe anordnen, regieren wollen, sich in alles gemischt habe. Vor allem andern greift er das Militärsystem, die Grundlage der ganzen Einrichtung, an. Das Kantonwesen, worauf es seit Friedrich Wilhelm I. beruhte, bezeichnet er als eine militärische Sklaverei, die so viele Jahre dauernde Dienstpflicht als eine Schmach für das Volk. Die Neigung namentlich der jungen Leute, sich der Verteidigung des Vaterlandes zu widmen, sei so natürlich; wie habe die Tyrannei so schwachsinnig sein können, eine Last daraus zu machen? Er rät dem König, Nationalgarden in den Pfarren einzurichten; aus deren Reihen nach ihrer Wahl möge er dann die Rekruten für seine Regimenter nehmen; jeder Abgang werde von den Eingesessenen, und zwar nicht durch Offiziere und Beamte, sondern durch Stimmenmehrheit, ersetzt werden.

Den Vorzug des Militärs vor dem Zivil will er abgestellt wissen; es sei eine Manie Friedrichs II. gewesen, fortwährend die Uniform zu tragen. Hauptsächlich aus militärischen Rücksichten hatte Friedrich II. den Unterschied des Adels und der Bürgerlichen auch beim Ankauf der Güter festgehalten, denn in den Edelleuten sah er die Pflanzschule für seine Offiziere, wogegen er auch wieder den Landbesitz der Bauern gewahrt wissen wollte und auf Erleichterung der Frondienste drang, weil er sonst keine Soldaten finden würde; übrigens aber behauptete er die Prärogative des Adels altväterisch unbeugsam. Von dem Motiv des Verfahrens hatte Mirabeau keine Vorstellung; er kehrte nur die unleugbaren Mängel desselben hervor, vor allem die nachteiligen Folgen für die Nationalwirtschaft, sowie den schädlichen Einfluß auf die Entwicklung der beiden Stände: der Adel werde dadurch stumpf und bleibe arm; Bürgerliche von einigem Wohlstand, die das Land blühend machen könnten, veranlasse man auszuwandern und sich in benachbarten Gebieten, z. B. Mecklenburg, niederzulassen.

Friedrich hatte gemeint, durch Verbote fremder Waren und durch Monopole für die einheimische Produktion die inneren Kräfte zu wecken, die bereits vorgeschritten sein müßten, um auf dem Weltmarkt zu konkurrieren. Die indirekten Auflagen hatte er den direkten, die er überhaupt nicht vermehren mochte, auch deshalb vorgezogen, weil der gemeine Mann sie weniger empfinde; daher denn seine vexatorische Beaufsichtigung des Handelsverkehrs, sein System von Akzise und Douanen, zu dessen rücksichtsloser Durchführung er sogar Fremde berufen hatte,Die sogenannte Regie, 1766 eingerichtet, Verwaltung der indirekten Abgaben, namentlich von Kaffee und Tabak, durch französische Beamte. die sich den allgemeinen Haß zuzogen. Mirabeau war im Sinne der Physiokraten für eine Auflage auf Grund und Boden; er hing der Theorie an, daß zuletzt jede Auflage auf das Land zurückfalle. Er führt aus, welche Vorteile eine derselben entsprechende Einrichtung für Preußen herbeiführen und welche unendliche Erleichterung sie gewähren würde; jetzt sei die Steuer weniger durch ihren Betrag lästig als durch die Art ihrer Eintreibung; das Gedeihen des Handels, das man durch die Monopole zu befördern gedenke, werde dadurch eher gehindert; wie ganz anders werde man denselben emporkommen sehen, wenn man sie aufheben wolle; die Kaufleute würden gern durch freiwillige Beiträge das Defizit ersetzen, welches die Abschaffung der Monopole zunächst allerdings in den Kassen hervorbringen dürfte.

Davon durchdrungen, daß der Nationalreichtum in dem Produkt des Bodens liege,Die von Quesnay, dem Leibarzt Ludwigs XV., aufgestellte Lehre der sogen. Physiokraten, welche dem Merkantilsystem Colberts entgegentrat. Eine minder einseitige Volkswirtschaftslehre hat erst Adam Smith begründet, dessen Buch »Über die Beschaffenheit und die Ursachen des Wohlstandes der Völker« 1776 erschien. Nach ihm ist die Arbeit in ihren verschiedenen Richtungen (landwirtschaftliche, gewerbliche, kaufmännische usw.) die Quelle des Reichtums; ihre Sicherung und Befreiung von Hindernissen muß durch die Gesetzgebung bewirkt werden. nicht in dem Metallgeld, das nur zur Vermittlung diene, erhebt sich Mirabeau mit feuriger Heftigkeit gegen das Thesaurieren des Königs, seinen Staatsschatz, der nur dazu diene, das Gold, dessen Umlauf für den innern und äußern Verkehr unentbehrlich sei, gleichsam gefangenzuhalten. Und habe nun etwa Friedrich mit allen seinen Anstrengungen seine Staaten reich, blühend und glücklich hinterlassen? Leicht sei ein Schatz zerstreut; nehme man dann die militärische Reputation hinweg, so sei Preußen sehr schwach; eine Armee könne nicht lange die Grundlage der Macht bilden. Die verderblichen, er sagt: mörderischen Hilfsmittel des fiskalischen Regiments seien erschöpft; das System müsse geändert werden. Der Nachfolger müsse seiner Macht die festere und solidere Grundlage geben, welche eine gute Administration darbiete; der große Schatz, den er besitze, mache es ihm möglich, auch mit einigen Opfern seinen Staat, der nur ein großes Feldlager bilde, zu einer haltbaren Monarchie, die sich auf Eigentum und Freiheit gründe, umzubilden.

In alledem ist gar manches, was allgemein gefühlt und gesagt wurde, doch hatte es Mirabeau nicht bloß auf gute Ratschläge abgesehen; sein Schreiben ist zugleich die Manifestation des neuen Systems von politischen Ideen, das den Anlauf nahm sich Bahn zu machen. Der Grundgedanke ist, daß der Staat sich auf eine freie Teilnahme der Nation und eine lebendige Bewegung aller Kräfte gründen müsse. Von konstitutionellen Formen oder gar republikanischen Idealen war dabei nicht die Rede. Mirabeau zählte auf die höchste Autorität des Königs und, wie gesagt, selbst auf den Schatz, den er zertrümmern wollte. Er fordert Friedrich Wilhelm II. auf, seinen Untertanen alle die Freiheit zu geben, die sie ertragen können. Ein mit vielem Bedacht gewählter Ausdruck, welcher die monarchische Gesinnung verrät, die Mirabeau sein ganzes Leben hindurch mit einem gleichwohl sehr weitgreifenden Liberalismus verband. Wie die in Frankreich herrschende Meinung gegen die intermediären Gewalten, den hohen Adel und den hohen Klerus anstrebte, so ruft Mirabeau den König auf, sich von der Rücksicht auf seinen Adel loszumachen. Die Aristokratie erdrücke von einem Ende der Erde zum andern das menschliche Geschlecht; das Interesse der Könige liege in populären Grundsätzen, denn woher stamme sonst die Macht und der Glanz des Fürstentums als vom Volke? Den Aristokraten liege nur daran, daß der König der erste unter ihnen, aber doch ihnen gleich sei; dagegen finde auch die absoluteste Monarchie einen Rückhalt in der Nation.

Diese Ideen trägt nun Mirabeau ziemlich in dem Umfang, in dem sie damals zur Geltung kamen, vor. Er fordert Unabsetzbarkeit der Richter, unbeschränkte Toleranz, welche auch den Juden bürgerliche Freiheit gewähren müsse, vollständige Freiheit der Presse, die den Fürsten selber erleuchte und belehre, Abschaffung der Todesstrafe. Genug, die Summe der neuen Ideen, welche die Welt in Gärung setzten, stellte Mirabeau dem preußischen Staate, wie er damals war, zugleich als Ausgangspunkt und Ziel der vorzunehmenden Reformen entgegen. Es ist, als sähe man den Genius der Zeit neben dem neueintretenden König erscheinen, um ihn in seine Bahnen zu reißen. Abgesehen aber von dem Ton, den die Schrift gegen den großen König anschlug, dem darin Beschränktheit, geistige Verirrung, Manie und Tyrannei vorgeworfen wurde, konnte auch ihr Inhalt überhaupt keinen günstigen Eindruck machen. Auf die Motive der bestehenden Einrichtungen wurde darin keine Rücksicht genommen, sie waren dem Autor größtenteils unbekannt. Er schien fast mehr gekommen zu sein, um zu lehren, als zu lernen. Die Neugestaltung der militärischen Verfassung, die er forderte, würde, wenn man sie unternahm, die Macht des Staates in Frage gestellt, die der finanziellen wahrscheinlich zunächst zerstörend gewirkt haben. Joseph II. konnte ähnlichen Tendenzen Raum geben, weil sie seiner Absicht, den Partikularismus der Provinzen zu zerstören, entsprachen. In Preußen hätten sie den Nerv, auf welchem die Individualität des Staates und seine Weltstellung beruhte, unmittelbar gebrochen.

Darum dürfte man doch die Bedeutung dieser Schrift nicht leugnen. Sie stellt die Aufgabe des preußischen Staates dar, die Entwicklung der Macht und die öffentliche Wohlfahrt zu vereinigen, die fridericianischen Formen nicht als die unbedingt bindenden anzusehen, den begründeten Forderungen der fortschreitenden Zeit gerecht zu werden. Eine Aufgabe, welche die folgenden Zeiträume beherrscht hat, und deren Lösung das innere Leben des Staates ausmacht.

Schon damals hatte man sie ins Auge gefaßt. In jener Denkschrift, welche HertzbergMinister des Auswärtigen unter Friedrich dem Großen seit 1763, auch unter dem Nachfolger bis 1791. Er war aus Pommern gebürtig, wie Podewils (S. 295), starb in Berlin 1795. einst dem Prinzen einreichte, der jetzt den Thron bestieg, bekämpfte er den Gedanken, als schreibe sich die Macht nur von dem großen Talent Friedrichs her, und führte aus, daß Preußen noch stärker werden könne, wenn es nur seine Hilfsquellen benutze. So hoch er die Armee stellte, so dachte er doch, daß ihr ein mehr national-preußischer Charakter gegeben werden könne. Denn schon empfand man das Unangenehme und Zweifelhafte der Anwerbungen; jeden Augenblick brachten die Desertionen, die nur allzuoft vorkamen, deren Mängel zur Anschauung. Hertzberg meinte wohl, man solle den Soldaten gestatten sich zu verheiraten, und dann ihre Kinder mit Hilfe des Staates erziehen; man könne dieselben bei den Bauern in Pflege geben, dann werde man eingeborne Rekruten finden, so viele man wolle. Indem er ferner eine bessere Besoldung der Subalternoffiziere in Antrag brachte, verlangte er für die höheren eine gewisse Ausdehnung ihrer Selbständigkeit; der Hauptmann müsse mit seiner Kompagnie in unzertrennlicher Verbindung stehen; man werde das Land erleichtern, wenn man die Beschaffung von Pferden und Fourage mehr in die Hände der höheren Offiziere bringe. Wir brauchen uns nicht mit diesen Einzelheiten zu befassen; das Wichtigste ist der Grundgedanke, der Armee einen nationalen Charakter zu geben und zugleich der Bevölkerung eine Erleichterung von den mit ihrer Erhaltung verbundenen Lasten zu verschaffen. Hertzberg erwarb sich ein Verdienst, indem er diesen Gedanken dem künftigen Regenten im voraus nahelegte. Auch noch andre auf die Landesverwaltung bezügliche Vorschläge hat er damals in Antrag gebracht. Er verwarf die großen und allzu umfassenden Pachtungen der Domänen; sein Rat war, sie zu parzellieren und einer größeren Anzahl von Bauern in Erbpacht zu geben, was dann auch auf den Gütern der Edelleute nachgeahmt werden sollte. So wollte er auch die immer drückender werdenden Monopole und die Handelsinstitute des Staats beschränkt oder aufgelöst sehen, denn die Erfahrung zeige, daß der Handel von einzelnen besser besorgt werde als von Behörden.

Von philosophisch-reformatorischen Ideen ging Hertzberg dabei nicht aus, aber er kam denselben entgegen, wenn auch nur wenige und sorgfältig abgemessene Schritte. Die Macht ließ er nicht allein unerschüttert, er zeigte einen Weg, sie auf der bestehenden Grundlage zu beleben und zu verstärken. Von großem Wert war es nun, daß dieser Minister das Vertrauen des neuen Monarchen in hohem Grade genoß und einige Jahre hindurch behauptete.

Es folgten einige Reformen, namentlich Abstellung der gewaltsamen Werbungen für das Heer und Aufhebung der Regie; weiteres unterblieb, da das Hauptaugenmerk der Staatsleitung Hertzbergs auf die auswärtige Politik gerichtet war. – Josephs II. Besuch in Neiße 1769, S. 3–6. Josephs II. Reformen in Österreich, S. 35–44.

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.