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Geschichten aus zwei Welten

Arthur Holitscher: Geschichten aus zwei Welten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus zwei Welten
authorArthur Holitscher
year1914
firstpub1914
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGeschichten aus zwei Welten
pages225
created20110724
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Mädchen am Pier

Der Sturm hatte die Landung des »Benjamin Franklin« im Hafen verhindert, und so hatte auch unsere Ausreise einen Aufschub erlitten. Jetzt, eine Stunde vor der ursprünglich festgesetzten Zeit war die aus Europa mitgebrachte Ladung noch nicht gelöscht.

Man hatte in alle Hotels der Stadt telephoniert und in den Morgenblättern stand die Nachricht: der »Benjamin Franklin« werde erst in den späteren Stunden des Nachmittags die Ausreise antreten – aber ich hatte meine Wohnung schon aufgegeben, mein Gepäck vorausgeschickt und war, gleich nachdem das schöne Mittagsglockenspiel der alten Grace-Church am unteren Broadway verklungen war, nach Hoboken hinübergefahren und an Bord gegangen, um mich schnell in meiner Kabine einzurichten.

Es waren schon einige Leute auf dem Schiff; Leute wie ich, Leute ohne Anhang, die niemand und nichts mehr an die Stadt fesselte; Leute, die es kaum erwarten konnten, ihren Aufenthaltsort zu verändern.

Wir saßen in den inneren Korridoren, vor der großen offenen Loge des Oberstewards beisammen und sahen hinter Zigarrenrauch und Pfeifendunst einander an. Etliche hatten sich in ihren Kabinen bereits umgekleidet und gingen nun in bequemen Anzügen und mit niederen Schuhen aus und 174 ein, aufs Deck und in die Korridore zurück. Jeden Augenblick kamen Postboten aus der Stadt. Einige unter uns schossen an die Loge heran, so oft sich ein Bote sehen ließ, erhielten wohl auch Briefe und Telegramme. Ich erhielt weder Brief noch Telegramm.

Es war ein herrlich klarer, von Kraftströmen durchwehter Wintertag. Der gestrige Schneesturm hatte all den Dunst und Nebel, der über der Stadt gelegen war, weggerissen und unbekannt wohin fortgeweht, in der Luft war nur jene beseelte Frische übriggeblieben, die wonnig auf der Haut sticht und mitten im Winter schon viel mehr vom Sonnenschein als von Frost an sich hat. Dies ist die richtige Reiseluft. Sie verheißt die Jahreszeit, der man entgegenreist. In ihr ist die Verheißung eines Zieles. Sie entspricht irgendeinem verwandten Drang in unserem Blute, das uns durch die Länder jagt. Darum ertrugen wir sie auch so gut, ohne Pelze und Paletots zu benötigen. Die Wartenden, die Seßhaften, die Einheimischen auf dem Pier hingegen hüpften frierend von einem Fuß auf den andern, bliesen hinter ihren aufgeschlagenen Fellkragen Wolken von warmem Atem in ihre Nasen und über ihre Gesichter hinauf – nur zuweilen sah man von dort einen Blick über die 175 Barriere des offenen zugigen Gepäcksaales zu uns auf dem Schiffe herüberschweifen, denen ein Handschuh an der Hand so viel Wärme spendete, wie ihnen ihre drei Pelz- und Tuchhülsen über den ganzen Leib, von den Sohlen bis ans Kinn.

Mit freundlichen Blicken, von keinem Schatten, keiner Sorge bedrückt, betrachtete ich die Leute um mich und die dort drüben in der offenen Halle des Piers. Unter ihnen mochten sich welche befinden, die sich plötzlich aus einer Gruppe, einem Gespräch, aus einer Umarmung loslösen und zu uns herüber begeben würden, Fahrtgenossen, Schicksalsgenossen. Gab's welche unter denen dort drüben, die zu meiner Familie gehörten, so traute ich es meinen Augen schon zu, daß sie sie erkennen würden. Noch hatte die Stadt den Strom der Mitfahrenden nicht über die Halle des Piers ausgeschüttet; das sollte erst in den Nachmittagstunden geschehen. Es konnte keine gesteigerte Erregung an denen dort drüben wahrgenommen werden, nicht an denen, auf die es mir ankam; man stand mit dem Rücken gegen die Landungsbrücke in der Halle gekehrt und im Rahmen der Barriere und vertrieb sich die Zeit nach Können.

Um so fremdartiger mußte mir darum ein junges Mädchen erscheinen, das, seit ich auf dem 176 Schiff war und beobachtend mich über die Reling des Promenadendecks beugte, bewegungslos an die Barriere der Halle drüben auf dem Pier angepreßt gestanden hatte. Sie war leicht, keineswegs der Jahreszeit entsprechend gekleidet. In ein etwas zu farbiges Kleid, an dem Bändchen, Mäschchen, Flitter und Spitzen in Fülle zu sehen waren. Sie zeigte den Typus der Italienerinnen, aber in der Verwandlung, die der längere Aufenthalt in Amerika bei den Rassen der Eingewanderten bewirkt. Wie sie ihr Haar trug, unter dem dunklen Hut, in einer blauschwarzen Welle quer über die Stirn niedergestrichen, das war reizvoll. Ihre Augen schienen unter der mattgelben Stirne, von der nur ein Dreieck zu sehen war, in eigenem Feuer zu leben. Die Blässe des Gesichts stimmte nicht zu dem glücklichen Ausdruck, der aus den Augen sprach. Die Augen lachten nicht, sondern glühten, auch dies widersprach dem Ausdruck des Gesichtes und beunruhigte. Ihre Hände waren bloß, ohne Handschuhe, mit einigen zierlichen Ringen auf dem Ringfinger der linken Hand geschmückt. Diese Hände waren schön und klein geformt, man konnte es ihnen nicht ansehen, daß sie in der Kälte froren. Die Barriere war hoch, und obzwar das junge Mädchen schlank und von guter Figur war, ließ 177 die Barriere von ihr eben nur den schönen Kopf und die Hände sehen – diese Hände, die sich an die Barriere klammerten, zuweilen über dem aufgestützten Ellbogen die Haare glattstrichen, mit einer verträumten Geste, die bezaubern mußte, fesseln und verwirren mußte. Aber so dicht ich mich auch an die Reling hinstellte – unser Schiff lag knapp an den Pier geschmiegt, zwischen meinem Standort und der Barriere drüben waren nicht mehr als vier bis fünf Schritte Raum – es gelang mir nicht, von dem Mädchen bemerkt zu werden; ihr Gesicht war aufwärts zum Sonnendeck gewandt; keine Sekunde lang wollten sich ihre Blicke zu meinem Standort auf dem Promenadendeck unweit der Kajütentür herabsenken. Unverwandt waren ihre Blicke nach oben gerichtet, auf eine vergessene, schwärmerische, ausdrucksvolle Weise, die auch ein minder schönes Gesicht ganz gewiß verklärt und idealisiert hätte.

Eine ganze Weile standen wir uns so gegenüber, sah ich zu ihr hinüber, sie aber an mir vorbei, aufwärts. Dann verließ ich meinen Platz an der Reling. Ich ging in meine Kabine hinunter, holte ein Buch und ging damit ins Lesezimmer, wo ich die ersten Seiten aufschnitt. Nach etwa zehn Minuten war ich wieder bei der Reling: da stand sie drüben, wie 178 ich sie verlassen hatte. Jetzt war eine Bewegung in die Züge gekommen, die ich früher nicht an ihnen beobachtet hatte. Die Augen sprachen, die Lippen regten sich, wie um stumme Worte zu formen, die Hände krampften sich um das Holz, ließen es los, beschrieben heftige kleine, südliche Gesten. Sie stand da und verständigte sich offenbar mit jemand, der oben auf Sonnendeck Zeichen mit ihr tauschte. Ich sah es deutlich, wie ihre Lippen immer wieder ein und dasselbe Wort formten. Noch konnte ich's nicht lesen, nicht erraten, in welcher Sprache es gesprochen war; wenn ich auch seinen Sinn erriet, konnte ich doch nicht mit Sicherheit behaupten, daß dieses Wort ein Wort der Liebe war.

Ich ertappte mich dabei, daß ich eine ganze Weile schon versonnen an der Reling gelehnt und zu ihr hinübergestarrt hatte. Ich bemerkte es daran, daß mich fror. Und immer, während ich da stand und sie ansah, war ihr Blick hinauf, zu dem andern oben auf Sonnendeck gerichtet. Ich wunderte mich, was für ein Mensch das sein mochte, der so standhaft diese Zeichensprache mit dem Mädchen führte.

Dabei merkte ich, wie ihr Antlitz sich verwandelte. Es geschah nicht plötzlich, sondern in leiser, unmerklicher Wandlung. Aus der Hingabe, der Trauer wurde in einer zaghaft zögernden Verschiebung aller 179 Linien des Gesichtes ein sprechender Ausdruck von Zorn und Haß. Und auch dies erwiderte jener dort oben. Denn es war nicht zu erkennen, daß irgendwelche milderen Gefühle von dort her die Verzerrung ihres eigenen Gesichtes gelockert hätten.

Es kam mir vor, als habe sich aus den Blicken der beiden Menschen, aus den kurzen bedeutungsvollen Gebärden dieses sichtbaren und jenes unsichtbaren Menschen, eine stark verflochtene Kette von primitiver Leidenschaft gebildet. Wütend und hart zog und zerrte jedes diese Kette vom anderen zu sich herüber. Bald schien das Mädchen sie an sich gerissen zu haben. Dann nahm ich wahr, wie ein Lächeln des Triumphes, wie von befriedigter Begierde, über ihre Züge huschte. Bald war sie es, deren Kraft nachließ. Dann schienen ihre Züge, die eben noch fest und herrisch gewesen, in Selbstaufgabe, verlorenem Unterliegen aufgelöst, wie von unsichtbaren Tränen flüssig geworden.

Für mich, der ich isoliert, abseits, von keinem der beiden bemerkt, ungebeten und des Zusammenhanges bar, auf meinem Schiffe stand, gab es keine Hoffnung, den starken Strom zu durchdringen. Resignierend mußte ich mich zum Zuschauer eines Schauspiels hergeben. Es war ja auch nicht das Mädchen, auch nicht jener Fremde, dem mein 180 Gefühl entgegenzog. Es war der Strom zwischen den beiden, eben dieser fest geflochtene Zusammenhang eines Menschen mit einem anderen, der mich inwendig gepackt hatte; der mir die abgrundtiefe Unbefriedigung meiner Seele, die die Seele eines Weltfahrers, des Liebhabers eines vagen Planeten war, enthüllte.

Jetzt begannen mehr und mehr Leute aufs Schiff heraufzukommen. Ich ging an der Loge des Stewards vorbei, der eine umfangreiche, eben angekommene Post in die Brieffächer verteilte. Fast in jedem Brieffach steckten Briefe, Telegramme. Ich sah erregt zu, wartete, bis das Päckchen ganz verteilt war. Aber in meinem Fach war auch diesmal nichts, kein Brief und keine Depesche. Darauf begab ich mich ins Lesezimmer zurück, um in meinem Buch ein paar Seiten aufzuschneiden, ein paar Sätze zu lesen: einen Briefbogen erst mit Worten, dann mit Zeichen, Konturen einer Landkarte zu bekritzeln. Nahm den Katalog der Schiffsbibliothek zur Hand, legte ihn weg, griff nach der Liste der Mitreisenden. Als ich auf meinem Spaziergang dann wieder an der nach dem Pier stehenden Seite des Promenadendecks vorüberkam, sah ich das Mädchen immer noch drüben hinter der Barriere stehen und mit dem dort oben auf Sonnendeck durch Zeichen korrespondieren.

181 Ich mußte wirklich sagen, daß diese Beharrlichkeit mir ein bißchen lächerlich, ganz gewiß töricht und abgeschmackt vorkam. Wenn man sich so viel zu sagen hat, so mannigfaltige Empfindungen in sich aufsteigen fühlt, der Reihe nach, und sie doch gerne loswerden möchte, warum kommt man nicht auf dem Schiff zusammen oder drüben auf dem Pier, oder in Dreiteufelsnamen irgendwo an einem dritten Orte, meinetwegen in einem Hotel oder Kaffeehaus oder in einem Trambahnwagen, oder in der Untergrundbahn, statt hier stundenlang in der eisigen Kälte vor aller Welt eine Komödie aufzuführen? Aber das waren ja Liebesleute, nicht wahr? Unzurechnungsfähiges Volk, das sich und den anderen etwas zu verheimlichen hatte, seine guten Gründe für die Wahl der Zeit und des Ortes haben mochte, Leute, die sich auf dem Land getroffen hatten und sich jetzt nicht beisammen zeigen mochten. Vielleicht war der unsichtbare Geliebte dort oben der Marconi-Telegraphist oder ein Schiffssteward, oder ein Matrose, der nicht von seinem Posten abtreten konnte oder durfte, nun, weiß Gott, es war ja auch gleichgültig, ich hatte an Wichtigeres zu denken!

Nach einem flüchtigen Abschiedsblick auf die hartnäckige Mimikerin begab ich mich in meine hübsche, behagliche Kabine hinunter, deren rundes 182 Fenster nach der Wasserseite und nicht nach der Pierseite hinausging. Ich machte mich nun ernstlich an die Lektüre meines Buches, fing ganz von vorne mit der ersten Seite an, zündete meine Pfeife an und genoß, auf dem Sofa ausgestreckt, den kostbaren Zustand, für eine Woche auf dem Schiffe daheim zu sein, das, ohne daß ich meinen bequemen Platz zu verlassen brauchte, vom Lande weggleiten, sicher über die schaukelnde See dahinschwimmen wird, mich in entlegene Länder tragen wird, in Länder . . .

Auf die Dauer gelang es mir nicht, mich selber zu belügen. Ich fühlte mich nicht behaglich; das Buch, das Aufzeichnungen eines Weltenseglers enthielt, ließ mich, wie mein eigenes Tagebuch im Koffer, darin ich meine mannigfaltigen Erlebnisse aufgezeichnet hatte, kalt; dieses Schiff war nicht meine Heimat; meine Reise machte mir keine Freude; und die Länder, denen mein Schiff mich entgegenführen sollte, waren mir in diesem Augenblick verhaßt wie dieser ganze Erdball. Ich warf das Buch in die Ecke; ich dachte daran, das beste wäre, morgen vor Tagesgrauen auf hoher See mich über die Reling zu schwingen und der Nutzlosigkeit dieses Daseins ein Ende zu machen. Und durch alle diese Launen hindurch sah ich schmerzhaft und klar das ausdrucksvolle Gesicht des Mädchens auf dem Pier, 183 das an mir vorbei in die Höhe blickte, dessen Mienen Zwiesprache führten mit jemand, der unendlich viele Male glücklicher war als ich. –

Bald litt es mich nicht länger in der Kabine.

Oben auf dem Promenadendeck waren jetzt alle Korridore, die Treppen voll von Menschen. Das Innere des Schiffes zitterte vom Stampfen der Maschinen. Was mir aber sonst als freudige Bewegung lebhaft und beglückend die Adern erfüllt hatte, umschwirrte mich jetzt wie hohles Gerassel. Hinter den aufgeregten Mienen all der Leute gewahrte ich die grinsende Fratze des Nichts. Ich sah das Nichts über all den Menschen brüten, wie ich es über all den Errungenschaften der technischen Vollendung thronen sah, über dem Wunderwerk dieses Schiffes, des ins Meer versenkten Piers, der enormen Silhouette New Yorks drüben im Abendnebel. Ach, vor all diesem lauten Treiben sich in die Kabine zurückzuflüchten, sich hinzulegen und alles vergessen! Abschied und Fahrt zu verschlafen, nichts sehen und nichts hören von allem, das wäre das Beste!

Doch es kam anders. Als ich des Mädchens drüben wohl zum letztenmal in meinem Leben ansichtig wurde, da wurde mir durch ihre Haltung, ihr Gesicht, ihr ganzes Gehaben ein Eindruck 184 vermittelt von solch erstaunlicher Intensität, daß ich jetzt nach Monaten noch mich versucht fühle, die Feder niederzulegen, das Heft wegzuschieben, mich zu erinnern. Willen, Verzweiflung, Angst und gewalttätiger Eifer schienen zusammengeschossen zu sein in dem vollständig regungslosen Antlitz, aus dem jede Spur von Farbe gewichen war. Die Augen waren Wirbel, die die Kreatur, auf die sie gerichtet waren, in sich zu ziehen drohten. Die stumme, wie versteinerte Fratze, denn anders konnte man dieses tragische Antlitz nicht mehr nennen, hatte nun, wie ich bemerkte, auch die Aufmerksamkeit anderer Menschen neben mir an der Reling auf sich gelenkt. Ich bemerkte, wie einer oder der andere sich über die Reling hinausbeugte, das Gesicht in die Höhe gewandt, um zu sehen, wer dort oben auf Sonnendeck stehen mochte, dem der Blick des Mädchens galt.

Da half kein Leugnen: ich war also wirklich gründlich und definitiv um meine Freude an dem Fahren, der Freiheit, der gottgleichen Ungebundenheit gebracht! Und durch wen? Durch ein unbekanntes, einer zweifelhaften Gesellschaftsklasse angehöriges Mädchen, das ich zufällig erblickt und das mich nicht im entferntesten anging. Ich versuchte, mir vorzustellen, was geschehen wäre, hätte 185 ich plötzlich die Leidenschaft in mir erwachen gefühlt, die dieses Mädchen am Pier dort drüben für den Unsichtbaren empfand. Ich versuchte es mir einzureden, daß ich wahrscheinlich meine Reise aufgegeben hätte, wäre solch ein Blitzschlag des Glücks unvermutet in mich niedergefahren . . .

Es war schwierig, an der Reling zu verweilen. Massen von Menschen schoben und drängten der Schiffsbrücke zu, um hinüber auf den Pier zu gelangen. Ich ließ mich von meinem Platze wegtreiben, flüchtete zur Stiege hinüber, die hinauf nach dem obersten, dem Sonnendeck führte, und befand mich nun oben, in frischer Luft zwischen den Schloten und Masten, im kalten, schneidenden Winterwind, von dessen Wehen und Zerren die Takelage wie Harfen ertönte.

Hier hatte man einen wunderbaren freien Rundblick über die nächsten und entfernteren Piere, die himmelhohe Wolkenkratzerstadt drüben, die Hügel Hobokens und weiter draußen die Inseln und Städte der Bai. Fern im Grau stand wie eine Vision: Liberty, die Göttin, ein ungeheurer Schatten aufgerichtet im hereinbrechenden Abend. Schon schimmerte das Lichtbündel auf dem fernen Riesenturm des Metropolitan Building. Das grünliche Licht auf dem Turm der »World« warf einen 186 kalten Glanz in die winterlich tonlose Atmosphäre hinaus.

Über dem stets erneuten Staunen angesichts der unglaubwürdigen Stadt hatte ich das Schiff und mich selbst einen Augenblick lang fast vergessen. Erst als das tiefe dröhnende Brüllen aus einem der Schlote in meiner Nähe atemraubend herausfuhr, ging ich auf die Pierseite des Sonnendecks hinüber, um den Anblick des Davongleitens unseres »Benjamin Franklin« mit anzusehen.

Hier oben auf Sonnendeck war niemand außer mir. Alles spielte sich ja in dieser Stunde auf den unteren Decken ab. Aber hier oben auf Sonnendeck mußte doch einer noch sein, einer, der hier schon die ganze Zeit verweilt hatte, dem die Blicke des Mädchens dort drüben galten, alle die Zeichen, Gebärden, die mich heimlich und lang nachhaltend, schwer und tückisch belasteten, gegen meinen Willen, und denen ich unterlegen war, ob ich's wollte oder nicht . . .

Ich stand jetzt genau an der Stelle, wo der andere gestanden haben mußte. Ich stand allein da, außer mir war niemand weit und breit. Es war ganz gewiß kein Zweifel möglich, niemand war mehr auf Sonnendeck außer mir anwesend. Auch war kein Kabinenfenster zwischen dem Platz, wo ich stand 187 und dem Promenadendeck, auf dem ich bis vor kurzem gestanden hatte.

Ich sah zu dem Mädchen hinüber. Ihr Gesicht drückte Trauer aus, ihre Hände bewegten sich in Gesten, wie ich sie bei süditalienischen Frauen, Frauen des Volkes in Neapel und Sizilien gesehen hatte, in Kirchen und auf Friedhöfen, wo sie ihre Lieben, besser gesagt ihre eigene trostlose und für immer verschüttete Liebe beweinten. Nein, nicht bei den Lebenden hatte ich solche Gebärden gesehen, sondern auf Reliefen der Antike, auf Kunstwerken alter Perioden, in denen die Trauer, menschenunähnlich, gehalten und göttlich zum Symbol gesteigert erscheint.

Ich hätte den Anblick dieser Augen, die sich jetzt an meine Augen geklammert hielten, des ganzen Gesichtes, das sich voll meinem Gesicht zugewandt hatte, nicht ausgehalten, wär es mir nicht ganz deutlich und tief in der Seele bewußt geworden, daß all dies ebensowenig mir galt, wie es irgendeinem anderen menschlichen Wesen gegolten hatte. Denn das war mir jetzt bewußt: die ganze Zeitlang hatte niemand auf dem Deck gestanden, auf dem ich jetzt stand. Ganz kühl und ruhig wiederholte ich es: Niemand! Ich ging etwa zwanzig Schritte weiter nach der Back zu – der 188 Blick des Mädchens folgte mir nicht, sondern hing in unverminderter Intensität an dem Phantom fest, das ich gekreuzt hatte, dessen Stelle ich bewußt einige Augenblicke lang eingenommen hatte, ohne es durch meine körperliche Anwesenheit zu verdrängen. Dem Phantom, das immer noch unbeweglich dastand, in alle Ewigkeit dastehen wird, und zu dem auch jetzt noch, da wir uns entfernten, langsam ins Meer hinausglitten, die Blicke des zurückbleibenden Mädchens unverwandt in die Höhe gerichtet waren . . .

Der Nachtwind ging kalt. Wir hatten die Bai verlassen. Nur mehr wie ein vager Schein lag New York hinter uns im Westen. Der einzige leuchtende Punkt am Firmament, die Lichtfackel der Freiheitsstatue, flimmerte vor dem Auge undeutlich in der Ferne. Ich konnte nicht unterscheiden: sah mein Auge noch diesen leuchtenden Punkt am Nachthimmel, oder gaukelte nur die Phantasie diesen letzten Schein meinem Auge noch vor? Es war schon spät, fast alle auf dem Schiff waren schon in ihren Kabinen. Langsam und müde ging ich einige Schritte auf und ab auf dem Promenadendeck, ehe ich mich zur Ruhe begab. Plötzlich änderte ich meinen Sinn und ging statt die Treppe zu den Kabinen hinunter die Treppe zum Sonnendeck 189 hinauf. Dort war es finster und still. Ich lehnte an dem Fleck der Reling, dort, wo ich die Blicke des Mädchens Stunden vorher am Abend aufgefangen hatte, für einen Augenblick. Ich fühlte mich jetzt ruhig, heiter fast, mein Los, das Los des Erdenfahrers erschien mir durchaus nicht so grau, so aller Wärme bar wie vor Stunden noch. Ich hatte es gesehen, das Mädchen, im Augenblick, da unser Schiff abgefahren war. Ihr Blick war von allem Erdenschmerz verklärt auf den Fleck gerichtet, woher keine Erwiderung kommen konnte, wo niemand und nichts zu sehen war für Menschenaugen in alle Ewigkeit. Ich klammerte mich an die Reling, sah zum Nachthimmel hinauf und fühlte mich heiter und beruhigt. So stand ich eine ganze Weile noch an jener verzauberten Stelle und blickte in die wellengehobene Winternacht hinauf – mit liebenden Augen in den dunklen Himmel über unserem Schiff hinauf. Um Mitternacht ging ich dann in meine Kabine und schlief acht Stunden lang tief und gesund. 190

 


 

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