Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Holitscher >

Geschichten aus zwei Welten

Arthur Holitscher: Geschichten aus zwei Welten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus zwei Welten
authorArthur Holitscher
year1914
firstpub1914
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGeschichten aus zwei Welten
pages225
created20110724
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Feind in der Kampagna

Die wackeren alten Herren, wie lieben wir sie alle! Ihr rührenden alten Streiter – euch gehört unser Herz. Es kommt uns ihrer einer entgegen, von der Piazza del Popolo her kommt er auf uns zu (unter Pinien und Lorbeergebüsch haben sie dort ihre Kegelbahn errichtet), – augenblicklich lösen sich unsere Züge, die irgendwelche heimliche Anspannung verzerrt hielt, in Milde und Heiterkeit auf. Ehrfurchtsvoll springen wir zur Seite und geben die schmale Straße frei, damit dies ehrwürdige Stück bereits in die Kunstgeschichte eingegangener Menschlichkeit bequem an der Modellkirche der Via Babuino vorüber könne. Wie oft sind wir dabei der daherklingelnden elektrischen Straßenbahn in den Schuß gesprungen und haben mit Freuden unser Leben gewagt für den Zeugen vergangener Zeiten, in der noch saumtierbespannte Karren den Verkehr versehen haben in St. Peters ewiger Stadt. Der anachronistisch grünliche Leibrock, auf dessen Sammetkragen die uralte Künstlermähne sich silbern herniederringelt, entlockt uns ein Lächeln liebevollen Vergnügens. Lange blicken wir ihm noch nach, bis er hinten in den Lichtkaskaden der Spanischen Treppe in Glorie sich aufgelöst hat! – Bescheiden, wie's uns ziemt, haben wir unser Plätzchen an dem untersten Ende der grünen Tafel, im Festsaal des 152 Künstlervereins mit den Fresken. Oben, in der Ferne, unterm blauen Vesuv, aus dessen Lavakegel sich der Kleiderhaken der Marchesa, die in diesem Palazzo vor Zeiten gehaust hat, herausbohrt, ferne sitzen die Alten, hinter ihren gewaltigen Strohflaschen, neigen sich zueinander, rufen einander Namen in die Ohren: der alte Koch, der alte Overbeck, Scheffel . . .

Vom süßen Wein der Schlösser bekömmt uns, die Wahrheit zu melden, nur das erste Glas. Bisbing, unser Freund, fand sich nach kurzem Zaudern bemüßigt, den Verein zu meiden. Er trinkt ausschließlich Mineralwasser, und man fing an, daraus allgemeine Schlüsse auf das Künstlertum heutigen Tages zu ziehen, zu Füßen des indigoblauen Vesuvs. Wir müssen früh am Morgen hinaus, zur Via Appia, in die Berge; die Nebel, die koloristisch über der Landschaft zerstieben, sollen sich nicht berühren mit den fahlen Dünsten innerhalb unserer Köpfe. Wir verbergen ja unsre Hängeschultern unterm Homespun und haben unsre Beine mit Knickerbockers umgeben, aber seht uns doch einmal vor unsern Staffeleien stehen, im Sonnenbrand, im giftigen Abendhauch! Bisbing der Geächtete gar hat sich bis in die Maremmen vorgewagt und einen Sumpf heimgebracht, der sich sehn läßt!

153 Bisbing kann was, Bisbing ist ein Kerl. Wir andern sind nur Schlucker. Mir hat er ganz und gar den Pinsel aus der Hand geschlagen, ich muß meinem Selbstbewußtsein mit Geschreibsel auf die Beine helfen, ich finde die Kraft nicht, eine Tube über meiner Palette auszuquetschen – im übrigen zum Teufel mit mir. Bisbing – im Sommer sitzt er am anderen Ende Europas, in Holland, wo's in der Luft van goghisch zugeht, wenn's kühler wird, kommt er dann zurück unter unsern Kitschhimmel und malt ohne Blinzeln weiter! Seine Bilder läßt er liegen – wir aber, die Freunde, halten sie zusammen, denn das ist einmal einer, den's auf ein Leben lostreibt. Jetzt ist er seit Wochen fort, keiner weiß, wo er steckt, ich seh ihn, seh ihn vor mir, mürrisch sitzt er da, jemand berichtet irgend etwas Possierliches, plötzlich verkrümmt sich der ganze Kerl, es schüttelt ihn eine Sekunde lang – dann sitzt er wieder steif und unwirsch wie zuvor. – Das ist die Geschichte:

Ich hatte diesmal nichts auszustellen, so war ich dabei, wie die alten Herren die Bilder aussuchten, die sie einmal im Jahr rings um den Vesuv an die Wände hängen. Aus all dem Kram in der Villa droben, in Bisbings verlassenen vier Wänden, hatten wir eine Landschaft hervorgezogen: die Lichtung 154 im Gehölz auf dem Sterpara hinter Tivoli, früher Morgen mit schräg einfallendem Licht, das erst an die Gräser vorne anstößt, dann ans niedere Buschwerk, immer gewaltsamer, an die Oliven, zuletzt an die Pinien, bis all das leblos wässerige, stumpfgraue, bleischwarze Zeug tausend Farbenfunken sprüht. Nun, ich stand da und wartete darauf, daß Niccolo sich an den Rahmen heranmacht und ihn ins Licht hineinbefördert. Die alten Herren kamen nacheinander heran, einer las den Namen Bisbing vom Blendrahmen herab, einer murmelte: »Aha der!« Dann führten sie ihre Brillen über das Bild und dann war's angenommen. Ich ging, ziemlich enttäuscht, nach Hause. Weinschenk aber, der dort geblieben war, erzählte mir alles, was sich nachher zugetragen hat. – Der alte Lebrecht hatte sich das Bild nochmals ans Fenster stellen lassen, dann ist der alte Weishut gekommen und der alte Holdbein und Rubensohn, der Ewigjunge, und da haben sie herausgebracht: es könne mit dieser Landschaft doch nichts anderes gemeint sein, als eine gewisse Lichtung im Walde hinter Tivoli – sie kannten doch ihre Kampagna, es war die Sterparalichtung – bei Gott, die Sterparalichtung, sie war's! Der Ausschnitt gab den natürlichen Rahmen an, vorn Oliven, 155 hinten Pinien, nur eben: Gott straf mich, es waren doch Oliven und Pinien, und da saß etwas Krapprotes, und Zitronenfarb und Ultramarin, eine umgestülpte Kehrichttonne, aber nicht die Kampagna von Rom!

Und plötzlich erinnerten sie sich: sie hatten ja diese Lichtung einst selber gemalt, vor dreißig Jahren etwa, oder so? Und Rubensohn, der nebenan wohnt, lief und holte seine abgeknallte Schwarte herbei, und dann liefen die alten Herren heim nach den sieben Hügeln der Stadt und holten ihre Schwarten vom Speicher und die Woche drauf hingen sie alle, der Reihe nach, an der Wand, Bisbings in der Mitte, – es benahm sich ungebärdig, drohte herauszuspringen aus all dem sorgfältig gesäuberten, mit Firnis aufgestrichenen Stumpfgrau und Bleischwarz und Wassergrün, es schmetterte, platzte los, stieß Trompetentöne aus.

In ihren Feiertagskleidern standen die alten Herren in der Ecke und sahen feierlich erregt zu, wie sich die Leute an den Bildern vorbeischwatzten. Sie verhielten sich abwartend und wollten geholt sein. Drüben in der Tür drängten wir uns, wir erwarteten das Abenteuer. Als aus dem Gewisper immer deutlicher Bisbing herauszuhören war, da rückte Weinschenk mit dem Vorschlag heraus: man sollte doch zu den alten Herren hinübergehen und 156 ihnen ein paar verbindliche Worte über ihre Bilder sagen – manierlich und dabei so aufrichtig, wie's irgend zuwege zu bringen wäre – meinte Weinschenk; sie täten ihm leid, die alten Herren in ihrer Ecke, mit ihren dünnen alten Locken, wir werden doch einmal alle alt und abgeknallt in der Ecke stehn, meinte Weinschenk; aber Weinschenk ist keine so philosophische Seele sondern ein Schlaukopf, ein Paktierer und Streber. Dennoch gingen wir hinüber und schüttelten den alten Herren ihre runzligen Malerhände. – Freund Bisbing aber schicken wir nächstens ein paar von diesen luftigen Hundertlirescheinen, die Lichtung ist angekauft und er kann's brauchen, obzwar niemand es herausgebracht hat, ob er sich aus Geld etwas macht oder nicht. Und in ein Zeitungsblatt wollen wir's ihm einschlagen, darin ein Korrespondent seinen Lesern beteuert, er werde jetzt wieder durch die Kampagna gehen, um sich mit frischen Augen im Kopf das Land daherum anzusehn. Auch das schicken wir Bisbing, wenn wir auch wohl wissen, wieviel ihm daran liegt, ob der Korrespondent mit seinen Augen ausgeht oder zu Hause bleibt. Mag sein, es schüttelt ihn, und das ist gewonnen. Aber all dies war die Vorgeschichte. 157

 

Eines Herrgottsmorgens um Pfingsten ereignet es sich: unsere alten Herren marschieren durchs Lorenzotor nach der Via Tiburtina hinaus. Jedermann weiß es: man kann mit der Trambahn nach Tivoli; aber nein, sie marschieren, marschieren unverdrossen, und Niccolo in der Nachhut mit Mänteln, Schirmen und gewaltigen Ledertaschen hat sein Teil der guten historischen Landstraße in Mund und Nase. Vorne schimmern wie Glas, weiß, grün und blau, die Sabinerberge, Monte Gennaro zuhöchst wie leichter Zigarettenrauch ganz fein an den Himmel geblasen – Rubensohn, der Ewigjunge immer ein paar Schritte vor dem Häuflein her, bald in die Gangart des Kontadins verfallend, der nach guten Geschäften in der Stadt sich zickzackförmig heim begibt, bald mit einem Ruck stillstehend, um mit den Händen vor dem Mund den Pfiff nachzuahmen, womit der Vorstadt-Paino sein Mädel um die Ecke lockt – man kennt, man kennt diese Späße, vergnügt sich aber immer noch an ihnen. Die Sonne gleitet den Himmel hinauf und zieht die Sabinerberge tiefer hinein in sich. Man marschiert verwegen drauf los, wie in den Tagen der flinken Beine. Diligenza um Diligenza rollt vorbei, rollt von dannen und verschwindet in Wolken von Staub. Ponte Lucano ist weit, am Ponte 158 Lucano wartet der Imbiß und das Karriol zum Sterpara hinauf. Ein leerer Weinwagen kommt gemächlich dahergetrottet, nickend mit buntbemaltem, lampionförmigen Leinwanddach, klingelnd mit schellenbehängtem Rößlein – plötzlich setzt sich der alte Holdbein in Trab, der alte Holdbein kennt alle Dialekte weit und breit, der Weinbauer dreht den Kopf unterm Dach hervor, der alte Holdbein kennt alle Finten daherum, eins zwei ist man handelsein, das Rößlein taucht mit dem Kopf tiefer vor dem beladenen Karren, drin auf dem Stroh, das vom Wein noch duftet, haben sich's die alten Maler bequem gemacht, und eh man sich's versieht, ist man den hohlen Bogen des Ponte Lucano hinauf- und wieder hinuntergerollt. –

 

Was nun Sora Nina vom Ponte Lucano anlangt, einst war sie schlank wie ein Füllen, jetzt ist sie rund wie das moosige Römergrab an der Brücke; eifrig gibt ein altes Knie sie dem andern weiter in der Runde; zuweilen dreht sie sich um und lacht mit drei fürchterlichen Zähnen dem alten Holdbein ins Gesicht, schreit dem alten Weishut in die Ohren, schlägt mit dem Gläsertuch nach Rubensohn, der seinen Scherz angebracht hat . . . alte Erinnerungen!

Hat man nicht hier um den nämlichen Tisch 159 gesessen und: »Schleswig-Holstein, meerumschlungen . . .« gesungen, und: »Sie sollen ihn nicht haben . . .« Nun, Gott segne das Vaterland, wie ist es stark und einig geworden, und saß man nicht wieder beisammen, einig und ungeteilt, dieselben Ideale im Herzen? Ach, man will den alten Lebrecht hören, der alte Lebrecht soll aufstehn und sprechen.

Und der alte Lebrecht steht auf und spricht; der Heimat gedenkt er und der Helden, es ist eine feine Steigerung in seiner Rede, als er auf die Kunst zu sprechen kommt, und sein Glas in die Höhe hebt auf das gute Land ringsum – da draußen brütet die Nachmittagssonne über dem Sterpara – Rubensohn hat seinen Blitz und stimmt trotzig den Kampfgesang an: »Sie sollen ihn nicht haben!« – Vor dreißig Jahren, man entsinnt sich, hat das ein richtiges Quartett gegeben, allein nach den ersten Takten schon schmilzt der Gesang herab und verstummt, es sind ja Tenöre geworden, vier ausgesprochene Tenöre . . .

Uns daheim in Rom verfloß der Abend in Sorge um die Alten. Da waren ängstliche Seelen, die trieben sich zwischen Zi Pippos Kneipe und der Kegelbahn hin und her, die Alten fehlten hier wie dort; da waren trübe Geister, die düstere Vermutungen aussprachen, Unfall, Krankheit, Tod – aber muß 160 man sie nicht lieben drum, die Alten, daß es die Kunst war, die Schuld an allem hatte? Nun, ich liebe sie, denk ich mich in die verzweifelten Bettstellen des Wirtshauses an der Brücke, und in ihre alten Anatomien hinein, mein Herz möchte überfließen, wenn ich mir's vorhalte, daß das schlimme Nachtlager einzig der Morgenstunde willen gehalten worden ist, Bisbings Morgenbeleuchtung willen, am Fuß des Sterpara! Denn eh noch der verhungerte Kampagnahahn seinen ersten Schrei ausgestoßen hat, holpert das Karriol schon den Berg hinauf, mit vier alten Malern befrachtet, die sich schweigend in ihre Mäntel wickeln, und mit Niccolo, dessen Schnarchen von der hintern Bank her allmählich mit dem Knarren der Räder in Takt gerät. –

Noch gibt's wenig zu sehn in der Runde; streng genommen gibt es noch gar nichts zu sehen hier herum. Aber man hat das gute Sabinergebirge doch schon erkannt, wie eine alte Geliebte, die man im Schlaf überrascht. Hier kommt die ehrliche Kunst zu Berge gefahren, und sie ist unverrückt die gleiche geblieben, wie das Land ringsum und ist nicht eine Hand breit von der Stelle gewichen. Zwischen den Nebeln der Nacht, die ein Einschlag von weißlichen Schleiern durchwebt, zieht der Weg dahin, vom Dunstgeröll der Travertinbrüche und den krampfigen 161 Gespensterhecken der verknoteten Olivenstämme eingefaßt. Noch haben die Umrisse der Dinge sich nicht der Augen bemächtigt, aber in Stunden, in denen die Außenwelt ungewiß ist, verbürgt sich gut die innere Anschauung, man sitzt da und läßt Natur und Tageslicht einfach gewähren. Wie Wolken erscheinen die Pinienkronen oben in der Luft, erst nach einer Weile zeigt es sich, daß sie gar nicht frei schweben, sondern von dünnen, abenteuerlich durchsichtigen Säulen vom Boden her gestützt sind. Und da treten auch die Arabesken der Oliven, die modrigen Flecke der Gebüsche aus den Schattengeweben hervor, rücken zusammen, von rechts und links, und während der Wald den Weg aufnimmt, wird's dem Grau in den Hintergründen schwerer, sich zu erhellen. Mühselig windet sich das Karriol den steilen Serpentinenpfad hinauf. –

Irgendwoher muß schon ein wenig Licht über die Welt gekommen sein; die Gegenstände, auch die entlegeneren, verbergen sich nicht mehr so griesgrämig wie noch den Augenblick zuvor, es wird alles offenbarer ringsum. Hellzitternde Olivenzweiglein zeigen wie kleine Finger auf den Wagen, greifen in die Räder, streicheln über das Holz, hinten in dem erstarrten Gelenk des Stammes nistet schon ein Farbenfleck. Die Pinienkronen verbinden sich mit den 162 Säulen, auf denen sie ruhen, ein Stein, an den Ecken abgescheuert, trägt einen Tautropfen, der wie ein Stern aufblitzt, nein, jeder Halm schaukelt schon seinen Tropfen, das neblige Weiß ist einem genau noch nicht bestimmbaren Ton gewichen, der wird selber bald aufgesogen von dem Licht, in dem allmählich mehr und mehr Farben laut werden. Drin im Karriol haben sich die Alten aufgesetzt; vier alte Augenpaare, acht alte Maleraugen passen auf, passen auf, die alte Geliebte hat leise die Lider aufgeschlagen.

In einem wilden Bogen ist die Straße durch einen schmalen Hohlweg plötzlich ganz nach dem östlichen Abhang des Sterpara hinübergeraten. Eine Minute lang gaukelt drüben auf gleicher Höhe Tivoli, das unwahrscheinliche Felsennest mit den schäumenden Riffen, vor den Blicken. Aber gleich wieder krümmt sich die Straße einwärts, und mit klingenden Hufschlägen geht's jetzt geradeswegs ins Licht hinein! Ein Tag Italiens bereitet sich vor, der erste, wirkliche Sonnenstrahl bricht sich aus den milchigen Luftschichten los und fährt siegreich in die gierigen alten Augen, die in die Runde lugen. Wonach denn? Soll die Schönheit, die man ein Leben lang gesucht hat, sich auftun mit einem Schlage? oder aus der Ferne die Jugend herüberzucken, und sich an die 163 Wimpern hängen, mit feuchtem Hauch? – Mit einem halblauten Fluch ist Niccolo, von der Sonne geweckt, aus dem Schlaf gefahren; erschrocken langt er unter die Bank, ob die Strohflaschen noch heil sind? Die alten Augen schauen, schauen nach allen Seiten aus, versunken, und doch scharf und überwach. Krapprot! Es gab Menschen, die gaben an, Krapprot herausschreien zu hören, aus dem stumpfen Einklang von Oliven, Laubgewedel und bestaubtem Gebüsch, mit dem tauben Piniengebrumm im Grunde!

Ein kurzer Stoß, darauf das unsanfte Zurückprallen an die Lehne, und hier ist die Lichtung! Schwerfällig springt Niccolo hinten hinaus und kommt herum, um den alten Herren über die Radspeichen zu Boden zu helfen; erst wiegt man sich vorsichtig in erstarrten Knien, dann fliegen die Mäntel in die Karre zurück, Schirme und Taschen kommen zum Vorschein und nach kurzem Suchen hat der alte Holdbein auch schon den Fleck ermittelt, von dem man einst die Lichtung gesehen, aufgenommen und für ewige Zeiten festgehalten hat. Ist's der Fleck? Ist er's? War's nicht ein wenig weiter weg, rechts mehr, da hinten, wo jetzt die Steine im Haufen liegen? Nun, sicherlich stand man hier genau an der Stelle, wo dieser 164 Krapprote, dieser Bisbing, seinen Augenpunkt hatte: mit dem natürlich sich ergebenden Ausschnitt, in dem der Raum dennoch auf eine so aparte Weise verteilt erschien . . .

Man ist zur rechten Zeit angelangt, ein kegelförmiger Schatten fällt in den Wald hinein, und dieser Schatten ist durchkribbelt von tausend Farbensplittern. Sachte schmeichelt sich das Licht den Hang herauf, legt sich in alle Falten des jungen Grases, versetzt das äußerste Ende des Gezweiges in Vibration, stößt sich an dem zackigen Ausschnitt der Kulisse wund und reißt gleich in farbige Fetzen auseinander, die vor den schweren Massen des Hintergrundes hin und her flattern. Die Wärme saugt lüstern die letzten Tröpfchen von dem erquickten Laub, zerbläst sie in winzige tanzende Pünktchen, die vor Ungeduld durcheinander geraten, eh sie in der Atmosphäre verschwinden – die Halmspitzen schnellen in die Höhe und wiegen sich, von der Sonne ab, nach der Sonne hin, von ihrer Last befreit, im Spiel der Nässe, die sich oben rasch, tiefer auf dem Boden langsamer verwandelt, durchaus ihren Zustand verändern will, schließlich ergötzlich auf der Bühne der Lichtung herumirrwischt, alles, was träge, wässerig und dumpf dahin geduselt hat, mit sich reißt in ein Getümmel . . .

165 Die alten Herren stehen eng beisammen in ihrer Ecke und staunen einander über die Schultern weg ins Bild hinein. Sie stehen ganz still, keiner spricht, keiner sieht den andern an, aber wer vermöchte es zu sagen, was in den alten Augen vorgeht, jetzt da sie vor ihrer Lichtung stehen, die sich nur wenig gewandelt hat, im ganzen vielleicht nur in den Konturen ein wenig verjüngt hat in all diesen Jahren, und die dennoch mit jedem Zweig und Halm und Luftatom den Bisbings gehört, wie sie einst den Holdbeins gehört hat und in hundert Jahren wahrscheinlich den Bisbings und Holdbeins gehören wird, deren Namen wir uns heute nicht träumen lassen . . .

Das Frühstück, die fröhliche Stunde, schleicht ohne sonderliches Behagen davon; ist etwa der Wein der Sora der Wein der guten alten Zeit geblieben? Man rümpft die Nase und die Flasche im schwefelgelben Strohgewand wirft abseits ihren ultramarinblauen Schatten auf den rötlichen Rasen. Unter den aufgespannten Schirmen sind die Ledertaschen umgestülpt worden, verschollene alte Bücher von abenteuerlichem Format haben die Reise mitgemacht, Skizzenbücher voll von längst vergilbten Blättern, auf denen verwischte Bleistift- und Kohlenzeichnungen zu sehen sind, Köpfe von der 166 Babuinokirche, Umrisse von den Appiagräbern – Folianten und windige längliche Heftlein sind an einer Stelle aufgeschlagen, auf der man deutlich die Lichtung erkennen kann – den Ausschnitt hier oben im Walde des Sterpara, mit haardünnen Strichelchen gewissenhaft abkonterfeit, – mit grauen und grünlichen Aquarelltupfen erhöht und mit bleischwarzer Schraffierung des Hintergrundes zu einem Bilde zusammengefaßt, sauber gestellt und fertig zur Ausführung daheim im Atelier. – Von Hand zu Hand zärtlich hinübergereicht, wandern die Bücher im Kreise herum. Voll Rührung blickt man ins Buch des Nachbarn, vergleicht das Bild mit dem eigenen, macht aus der Bewunderung, die sich dabei im Herzen entfaltet, kein Hehl – die Gespräche wagen sich wieder hervor, – ein gut gezieltes Scherzwort schlägt die Verstimmung in die Flucht, – aus den wurmstichigen Blättern steigen Erinnerungen frisch und liebwert hervor und setzen sich leibhaftig auf den Rasen zwischen die Alten nieder – niemand denkt mehr an die treulose Geliebte, die wenige Schritte weg im flimmernden Kankan betört sich mit einem andern dreht!

Indes, man muß die Schirme aufrecht stellen, denn die Sonne ist schon hoch gestiegen. Man 167 wirft einen Blick hinter den Schirmen hervor, dabei erweist es sich, man hat hier nichts mehr zu schaffen. Alles schwimmt jetzt in grellem Glanz, alle Farben sind vermischt und hinuntergeschlungen in einen weißglühenden Schlund.

Man wird dieses Stück Erde verlassen!

Eh es aber heißt Adieu fürs Leben, wollen sich die Alten noch einmal in die Ecke stellen, ganz nahe an den Steinhaufen, um die Lichtung ein letztes Mal zu sehen. Eilig, aus Pflichtgefühl, sehen sie einander über die Schultern weg, wenden dann die Blicke zu den Büchern zurück, die sie entweder zu nah oder zu weit vor die Augen gebracht haben, eine Weile bleiben sie ganz enge beisammen . . .

Plötzlich ist jemand aus dem Häuflein heraus getreten. Jemand geht mit gezücktem Schirm auf die Lichtung los, es ist Rubensohn, sein Büchlein hält er aufgeklappt in der Linken. Die schirmbewehrte Rechte saust auf die Oliven nieder, Äste, die sich unbotmäßig vorwärtsrecken, auf kecke Art die Skizze Lügen strafen, fallen ins Gras, ein unbeglaubigtes Stämmchen, das im Vordergrund seine Zweige mit lustiger Gebärde in der Sonne schüttelt, muß weg, die guten Wurzeln klammern sich trotzig an dem steinigen Boden fest, es nutzt nichts, sie 168 geben nach – da hinten in der Gruppe belustigt man sich an dem Einfall des Ewigjungen, es wird ein wenig gekichert, aber da kommt der alte Lebrecht vor, nach ihm der alte Weishut und der alte Holdbein, sie alle haben ihre Schirme und Stöcke, ihre Hefte, Büchlein und Folianten krampfhaft zwischen den Fingern fest, und während vom Karriol her Niccolo und der Vetturin mit offenen Mäulern zu den ewig unbegreiflichen Deutschen hinüberstarren, ist in der Lichtung auf einmal ein groß Gemetzel im Zuge – das junge Laub, die wilden Gräser, all die hellen Spitzen und Blättchen schaukeln nicht mehr herausfordernd durch das Dunklere, Zweige sind von den Ästen geflogen, Äste brechen und springen nieder von den Stämmen, die geschlagen ins Bild zurückweichen, es ist eine Viertelstunde guter schweißtriefender Arbeit, als sie verstrichen ist und die atemlosen Kämpfer innehalten und sich umblicken in der Lichtung, da haben die Skizzenbücher recht behalten . . .

Abends hat Weinschenk die alten Herren über die Piazza del Popolo gehen sehen. Arm in Arm gingen sie dahin, federnden Schrittes, wie junge Gesellen aus dem Norden, über denen der Traum von Rom eben aufgegangen ist. Weinschenk ist mit ihnen in die Lorbeerbüsche hinaufgestiegen, wo 169 sie ihre Kegelbahn haben. Sie waren in ihrer Kampagna gewesen, ihre Kampagna hatte es ihnen wieder angetan, das Land der Jugend! Sie trällerten ein paar Takte vor sich hin . . . sie sollen ihn nicht haben . . . die Kugeln sausten nur so hinaus, lustig und verheerend mitten zwischen die Kegel! 170

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.