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Geschichten aus zwei Welten

Arthur Holitscher: Geschichten aus zwei Welten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus zwei Welten
authorArthur Holitscher
year1914
firstpub1914
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGeschichten aus zwei Welten
pages225
created20110724
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Braut des Sterns

Am dritten Abend, den sie in den Wäldern der Otterschwanzberge verbrachten, bemerkten sie zum erstenmal das starre, weißliche Licht in der Ferne zwischen Bäumen und Gebüschen. Reggie ließ drei kurze Pfiffe hören, Sidney antwortete irgendwo nicht weit weg. Gleich darauf glühte das winzige Auge von Sidneys Taschenlaterne auf und kam über knackende Äste und raschelndes Laub auf Reggie zugehüpft.

»Es kann nur die Reservation sein!« behauptete Sid. Reggie langte in die Tasche und hielt den kleinen Kompaß ans Laternenauge. »Unsinn, die ist mehr im Westen, und dann woher sollten die schmutzigen Injuns einen Scheinwerfer haben!«

»Hahuy, Guy!« rief Reggie ins Gehölz hinein. Aber der Pfiff kam von der anderen Seite, vom See herauf. Einer kroch auf allen Vieren zur Stelle. Gleich rief er aufgeregt: »Habt ihr's gesehn? Wollen wir hin? Es sind nicht ganz zwei Meilen!«

Er stand vornübergebeugt, und vor dem Licht zwischen den Ästen war die Linie seines Gesichtes und Halses, von Gezweigsilhouetten durchschnitten, scharf zu sehen. Er war einen Kopf höher als die beiden anderen Knaben und ganz schmal und sehnig.

»Ist's bei den Injuns?«

104 Guy ließ ein Knurren hören und fuhr Reggie an: »Injuns? Ich werde es euch mal noch einbläuen, paßt auf! Sagt man zu euch: Yankee Doodles, ist es euch auch nicht recht, was? Es ist nicht bei den Indianern, die sind viel weiter weg – dort! Außerdem sehn ihre Lichter anders aus.«

»Zwei Meilen . . . wie spät hast du's . . . zehn dreißig . . . all right!«

Die letzten fünfzig Meter vor dem Licht krochen sie wie Eidechsen über den Boden weg. Das Strauchwerk war da schon sehr gelichtet, es war unnötig, sich den Weg mit Messern klarzuschneiden. Auch wäre am Waldsaum, vor dem die weißbeschienene Lichtung lag, der Schall der Tritte auf Blumen und Gras gar nicht zu hören gewesen, aber Guy hatte diese Art, sich vorwärts zu bewegen, im Knabenlager eingeführt und hier gab's wirklich ein Abenteuer oder doch was Ähnliches.

Am Rande der Lichtung stemmten sie die Ellbogen auf und streckten die Köpfe vor. Im ganzen standen vier Zelte da, vom Scheinwerfer auf hoher Stange zur Schlafenszeit beschirmt. Diese Zelte waren hübsch bemalt, Mastiguschzelte mit giebelförmigen Dächern. Auf dem mittleren stand in blauen Lettern: »Grandmama«.

»Mädchen!« sagte Guy mit unterdrücktem 105 Jauchzen. Er rutschte vorwärts und griff ins Gras nach einem kleinen glitzernden Schlangending. Es war eine schmale goldgelbe Seidenschleife. Guy hob sie zur Nase, beschnupperte sie und steckte sie unter seinen Sweater.

Vorsichtig schlichen sie um das Lager. Die Zeltvorhänge waren heruntergelassen, aus dem Zelt »Grandmama« tönte sanftes Schnarchen. Hinter den Zelten roch es nach Pferd. Wirklich war da ein kleiner Zeltschuppen, in dem ein Wagen und ein scheckiges Pony standen. Der rohgezimmerte Pfahltisch mit den Bänken vorn war sauber gescheuert, es lagen keine leeren Konservenbüchsen im Gras herum wie drüben in ihrem eigenen Lager. Dafür fanden sie zwei Kupferkessel auf einem dünnen Draht baumeln, der über zwei gegabelte, in die Erde gesteckte Äste gespannt war. Unter den Kesseln lag verkohltes Reisig, Blumen und Gras waren um die Feuerstelle herum sauber abgemäht, besser gesagt geschoren.

Ein Streit entspann sich. Man könnte das Pferd losmachen? Den Scheinwerfer auslöschen? Sid schlug vor, man solle Lärm machen, und dann, wenn die Mädchen im Hemd aus den Zelten stürzen, aus dem Wald, versteckt, den Spektakel mit ansehn! Aber da tat Guy nicht mit. Im rechten Augenblick, grad als Sid den Mund aufriß, fuhr 106 ihm Guy an die Kehle, so daß ihm der Atem zurückschlug in die Eingeweide. Hierauf einigte man sich auf die Mitnahme eines einzelnen Kessels. Ohne Geräusch zu verursachen, schlichen die drei aus der Lichtung hinaus, heim nach dem Elkridge-Lager, quer durch den Wald. Das war nicht gerade leicht, aber Guy behauptete, er könne wie ein Luchs im Dunkeln seinen Weg finden. – – – – – –

Nächsten Morgen beim Frühstück platzte Sid mit der Neuigkeit heraus. Zum Überfluß hatte sich Guy auf seinen Sweater, rund um den gestickten Buchstaben E die goldgelbe Schleife aufgenäht. Der Counselor des Lagers, Herr Jim Ryan Fox, Graduierter der Universität Chikago, erwies sich auch diesmal wie sonst zu jedem Spaß bereit, so beschlossen Buben und Obrigkeit, ins Mädchenlager hinüberzumarschieren, zu einer sommerlichen Staatsvisite mitten im tiefen Wald. Eine Stunde nach dem Lunch brach der Elkridge-Kampus auf. Heskett O'Hagan allein blieb, weil er sich einen Muskel am Fuß gezerrt hatte, laut Regierungsbeschluß, schimpfend und humpelnd, als Aufseher bei den Zelten zurück.

Die vier Mastiguschzelte standen ganz glühend vor Sonne da mit ihren lustigen Farben. Ray, Kathryne und Sarah wuschen beisammen das 107 Geschirr ab. Plötzlich läßt Sarah die Blechteller niederfallen: hinten durch das Gebüsch kommt ein Indianer in vollem Kriegsschmuck daher! Er trägt einen wundervollen Kopfschmuck aus Adlerfedern wie eine Krone um seine rotbemalte Stirn und wie eine Schleppe bis hinunter zu seinen hirschledernen bezottelten Hosen, die um die Hüften mit einem bunten Gürtel zugeschnürt sind. In seiner Hand hat er einen federnd leichten Bogen mit starker Sehne, der Bogen ist größer als der Indianer. Aber um die schmächtige Brust ist ein Sweater, wie sie College-Jungen, nicht Rothäute tragen – ein roter gestrickter Wollsweater mit einem E, von einer gelben Schleife umrahmt.

Der Indianer schüttelt seine Federn und stößt zusammen mit dem Counselor und den siebzehn Jungen, die alle rote Sweater mit E tragen, Elkridges wilden Kriegsruf aus:

»Hahuy!«

»Hu–hu–hahuy!!« (Brunstschrei des Elches.)

»Rahrahrah Elkridge!!«

Pfiff, Husten, »hahuy!!«

Die vier Zelte haben alle ihre Bewohnerinnen heraus gelassen, zwölf junge Mädchen schütteln ihre Zöpfe vor Staunen, Gelächter und sommerlichem Wohlbefinden auf der kleinen Lichtung, die ganz 108 in einem Nebel von Blumen und Waldduft dasteht am Nachmittag.

Drin in Grandmamas Zelt erwacht Miß Ann Lathrop Burden aus ihrem Nachtischschlummer, setzt sich auf und sagt zur Assistentin, die mit der Füllfeder in einem Block Notizen macht:

»Ich kenne doch dieses Geschrei – natürlich! Das sind ja die Elkridges!«

Dann stehen die beiden ältlichen Damen mitten unter ihren Zöglingen und aus dem Wald tritt an der Spitze der Knabenschar Counselor Fox mit lachendem sonnverbrannten Gesicht und ausgestreckter Hand in die Lichtung hervor. »How do you do!«

Im Nu haben die Mädchen aus den Zelten ihre kleinen spitzen Flaggen herausgeholt, die Wimpel ihres Seminars, und schwingen sie den Elkridges entgegen.

»Hallo, die Martha Washingtons aus Minneapolis!« schreien die Jungen fröhlich. »How do you do!«

Die freundliche alte Miß Burden und Counselor Fox schütteln sich die Hände; daweil ist die ganze Wiese von Flaggenwinken, Pfiffen, Geschrei und überdies von Bäumerauschen und Vogelgezwitscher angefüllt; die beiden ältesten Erziehungsanstalten des Westens haben sich da mitten im weltverlassenen Wald gefunden.

109 Auf dem Rasen hocken Jack und Reggie und breiten die Geschenke aus, die das Knabenlager mitgebracht hat; neben der Zuckerwerkschachtel, der Phonographenplatte mit dem Elkridgegeschrei und der Farbenlithographie, die einen Collegejungen mit einem Collegegirl im Tete-a-Tete zeigt, kommt von irgendwoher der kleine blanke Kupferkessel zum Vorschein.

»O I say!« Kathryne stürzt auf das kupferne Ding und reißt es an sich. »Das ist doch unser Kessel!« rufen die Mädchen. »Heut früh haben wir ihn überall gesucht!« Mit einem Schrei läßt Kathryne den Kessel los, ein toter Hamster kollert aus ihm aufs Gras heraus, die Jungen haben ihn im Wald auf ihrem Marsch aufgelesen.

Das Elkridgevolk hat sich in zwei Halbkreisen auf dem Rasen vor den Zelten niedergesetzt, in der Mitte vorn Counselor Fox und der Indianer in richtiger Positur zum Parlamentieren. »Elkridge ist zu jeder Sühne bereit,« erklärt Counselor Fox feierlich, »aber wir bitten, uns die Erklärung zu erlassen.«

Aus dem Mädchenlager, um Miß Burden herum, der man ihren gepolsterten Feldsessel aus dem Zelt geholt hat, springt ein junges blondes Fräulein auf den Indianer los: »Meine Schleife!«

110 »O, seht – Faiths Schleife!« kreischen die Mädchen. Aber der Indianer hat schützend beide Hände über den Buchstaben E gepreßt. Er schnuppert nach den blonden Zöpfen, die einen Augenblick lang über seine bemalte Stirn niederhängen: »O ja, das Band gehört Ihnen, aber ich behalte es für mich, denn ich habe es allein erbeutet.«

Mit Tränen vor Zorn und ganz rot kehrt das junge Fräulein zu ihren Freundinnen zurück. »O, das sind Chikagoer!« rufen die Mädchen. »Bei Nacht waren sie hier um zu stehlen!«

Miß Burden schlägt auf die Armlehnen ihres Feldsessels: »Der Indianer soll vorkommen!«

»Den Indianer liefern wir nicht aus!« schreien die Knaben. Der Indianer erhebt sich mit einem Ruck aus seiner schwierigen Sitzstellung. »Ich bin der Vicomte Guy de Champauvert! Den Kessel bringt das Lager zurück, die Schleife ist mein Eigentum.«

»Das werden wir sehen!« Das Fräulein steht oben im Zelt und stampft auf den hohlen Holzboden, daß er dröhnt. »Wenn ich meinen Vater ersuche, kauft er mir ganz Elkridge und ich kann es anzünden, wenn's mir beliebt. Dann dürft ihr zu euren Ammen heim, ihr kleinen Jungen!«

»O, ist das nicht Faith Otis?« ruft einer hinüber. »Hello, Faith, bist du's?«

111 Faith Otis steckt den Kopf hinter dem Zeltvorhang hervor, streift den Rufer mit einem Blick. »Du kannst dich schämen, Ira Kortright, in was für Gesellschaft bist du geraten!«

Die Knaben stecken die Köpfe zusammen. Es ist Faith Otis, die Tochter des alten Silberkönigs Otis, des reichsten Mannes westlich vom Mississippi und des gefährlichsten der Vereinigten Staaten.

Die alte Miß Burden ist aufgesprungen und ins Zelt. Sie kommt zurück, Faith an der Hand nach sich ziehend. »Faith, du Dummkopf, wer wird wegen eines Scherzes gleich eine ganze Schule beleidigen?«

»Es ist nicht nur wegen des Bandes,« sagt Faith und hebt trotzig das Kinn. »Aber ein erwachsener Mensch kommt nicht in einer solchen Maskerade daher!«

Der Indianer stand noch immer da, den Bogen pathetisch in der ausgestreckten Hand, die Spitze des Bogens in die Erde zwischen die Blumen hineingetrieben. »Das ist keine Maskerade!« sagte er ruhig und schaute mit seinem absonderlichen Gesicht gradaus. Die Flügel seiner scharfen Adlernase wölbten sich, er schob seine wulstigen Lippen vor. Über seiner bemalten Stirn kam das glänzend schwarze Haar zwischen den Federn zum Vorschein. 112 »Ihr Vater kann ganz Chikago kaufen, wenn er Lust dazu hat, aber lassen Sie sich von Ihrer Geschichtslehrerin erzählen, wer die kanadischen Champauverts sind!«

»Ach setz dich ins Gras und halt den Mund!« Counselor Fox zupft lachend den Indianer bei seinen Hosenfransen aus der Kampfstellung zurück. »Was hat der alte Otis mit deinem Kostüm zu tun!« Im Grunde hatte er nichts dagegen, hörten mal diese jungen Erbinnen von seinen Buben die Wahrheit über die Otis und diese Sippschaften miteinander.

»Hört, Girls, er tut uns die Ehre an und kommt als Indianer daher.« Das Mädchenlager lacht, daß die Zöpfe fliegen. »Hast du vielleicht auch Kinnikinnik zu verkaufen?«

»Keine Kinnikinnik?« ruft Kathryne mit nachgemachter Altweiberstimme. Auch die nette alte Miß Burden lacht, sogar die Assistentin, die ihr Gesicht nur bei besonderen Gelegenheiten verzieht, lacht hinter ihren Brillengläsern. »Was haben die mit ihren Kinnikinniks?« rufen die Buben.

»Ach, es sind ja nur die Weidenruten,« erklärt Miß Burden dem Counselor; »ein altes Indianerweib bringt sie aus der Reservation, wir machen Körbchen daraus.« »Wollen wir nun die 113 Friedenspfeife miteinander rauchen?« fragt Counselor Fox. Die alte Dame klatscht in die Hände. »Mädchen, wir wollen einen Friedenstee haben! Aber da zu wenig Tassen da sind, werdet ihr Jungen ihn aus dem Hamsterkessel serviert bekommen, das soll eure Strafe sein!«

»All right, Madam, wir ekeln uns nicht!« erwidern die Jungen. –

Counselor Fox, die nette, alte Miß und die Assistentin hatten sich mit einigen von den älteren Mädchen und Knaben an den eingepflockten Tisch gesetzt und erzählten sich ihre Erfahrungen mit den Sommerlagern. Elkridges und Martha Washingtons zogen waldaus, waldein, machten bald an einem Seeufer, bald auf einer Bergesspitze, bald im tiefsten Walde halt. Bis die Ferien um waren, hatten sie drei Staaten durchquert, wenn nicht vier. Martha Washington, dem die verwöhntesten Familien ihre Töchter anvertrauten, führte einen ganz komplizierten Apparat mit, den die Mädchen ohne fremde Hilfe bedienten. Miß Burden war auf das feiste Pferdchen hinten im Schuppen ebenso stolz, wie auf ihren spiegelblanken Bücherbord drin im Zelt, von dem die Mädchen an den Abenden Longfellow und Browning zum Deklamieren herunterholten.

Die Schachtel Candy, um die die Buben und 114 Mädchen auf dem Grase herumlagen, wurde rapide leer. Manche kannten sich, denn Minneapolis und Chikago liegen nicht sehr weit auseinander und die Kinder der Reichen bringt Mode und Luxus zudem um Weihnachten in Florida, im Sommer in Newport schon vom frühesten Lebensalter an zusammen. Am Rand des Gehölzes hatten welche eine Scheibe aus buntem geflochtenen Stroh aufgestellt, die Bogenschützenklasse produzierte sich vor den Jungen.

»Wir schießen nicht mit den dummen Bogen!« bemerkte Barry Fosdick nach einem Meisterschuß Hazel Schuylers. »Wir schießen mit Smith-Wessons auf Eichhörnchen und Marder. Und besser als ihr mit euren Kinderpfeilen schießt unser Jumpover, den solltet ihr sehn!«

»Ach, euer Indianer ist doch nur eine angezogene Puppe!« rief die Schützenklasse.

»Hey, hello Guy!« riefen die Buben. Aber vom Indianer war nichts zu sehen.

Weit hinter den Zelten, im Walde, jagte er hinter einem Rudel Mädchen her, die, zum Teil belustigt, manche aber ernstlich erschrocken, durch das Gestrüpp vor ihm davonliefen. »Nochmal sagen!« schrie der Indianer im Laufen.

»Sagt es noch mal, wenn ihr den Mut dazu habt!« wiederholte er stehen bleibend.

115 Kreischend versteckten sich die Mädchen, hinter Bäumen, zwischen den hohen, blühenden Büschen, durch die Äste und Gräser lugten aufgerissene Augen hervor. Faith Otis allein war stehen geblieben und hielt den Blick des Indianers aus. Sie war ein schönes Mädchen von fünfzehn Jahren, noch nicht sehr entwickelt, ihr erregtes Kindergesicht war ganz rot, wie bemalt.

»Sag's!« sprach der Indianer und legte einen Pfeil auf die straffgezogene Bogensehne vor seiner Wange.

»Das will ich gern!« sagte Faith Otis. »Du wirst sicher nie ein amerikanisches Mädchen zur Frau bekommen, denn das sieht ja ein jeder, daß du einer vom Indianervolk bist!«

Eine Handbreit über ihrem Kopf surrte der Pfeil schräg durch die Luft und blieb schwingend in einem dünnen Ahornzweig stecken.

»Grandma!« schrien die Mädchen entsetzt und stürzten geduckt durch die Büsche davon.

»Du kannst mir's glauben!« sagte der Indianer, während er an dem erstarrten Mädchen vorüberging. »Ich habe gerade auf den Zweig dort gezielt!«

»Nun, Gott verdamm mich, das muß ich sagen, by Jove!« Counselor Fox kam mit den 116 Mädchen und Buben, die die Kunde gebracht hatten, durch das Buschwerk auf Guy zugestapft: »Du schießt jetzt auf Mädchen, Jumpover?«

»Old man,« erwiderte der Indianer. »Ich werde kein weißes Mädchen bekommen!« Er blieb stehen und stampfte auf den Boden. »Und überhaupt! Hier soll keiner von schmutzigen Indianern und Injuns reden, sonst kriegt er's mit mir!«

»Sie haben eine nette Zucht unter Ihren jungen Gentlemen!« bemerkte Miß Burden, als sie alle wieder beruhigt um den Pflocktisch und auf dem Rasen bei Tee und Kakes und eingemachten Birnen saßen. »Eine nette Zucht!« Aber der Blick der alten Dame blieb doch verwundert und mit ganz jungem Glanz auf dem rebellischen Knaben haften, der umringt vom Elkridgevolk auf dem Boden kauerte.

»Das tut das Leben in der Wildnis!« sagte Counselor Fox. »Nicht er allein ist so. Oft ist es uns allen, bei uns drüben, als seien wir ausgetauscht.«

Die alte Dame nickte: »Ja, das ist der Wald und die Nächte im Freien . . .«

»Der aber glaubt wahrhaftig an den Roten Gott. Sehen Sie sich ihn an. Wenn er großjährig wird, will er aus der Kirche austreten.«

117 »Was sind seine Eltern, Presbyterianer?« frug Miß Burden.

»Nein, die ganze Familie katholisch.«

Ray und Lollie spazierten mit Tellerchen, auf denen Blancmanger und Früchte waren, herum.

»Unten das Wasser ist der heilige See, Minni-Wakan, und dies alles war einmal und ist noch Chippewa-Land.« Der Indianer zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den großen weiten Wald ringsum, als spräche er von etwas sehr Geheimnisvollem.

»Mein Vater hatte zwei Stallknechte, die waren Chippewa-Indianer!« sagte Ray im Vorübergehen, »aber beide sind fortgejagt worden, weil sie gestohlen haben und ewig betrunken waren!«

»Er hätte sich gar keine Federn auf den Kopf zu stecken gebraucht,« kam eine Stimme aus dem Mädchenlager herüber, »rauben und morden trifft er ebensogut wie seine schmutzigen Chippewas!«

Der Indianer sprang auf und seine Augen fanden Faith, die gesprochen hatte: »Die Indianer rauben nicht in Geschäftszimmern und sie morden nicht in Fabriken, wie ihr Amerikaner es tut! Die Indianer sind unsere Freunde, denn wir Franzosen wissen, sie sind das älteste Volk auf diesem Erdteil, wir Franzosen aber sind die größte Nation in der ganzen Welt!«

118 Die Alten beim Tisch riefen beschwichtigende Worte in den Tumult, der sich unter den Kindern erhoben hatte; aber die Mädchen, denen die Redensarten des Indianers noch neu waren, überboten die Buben im zornigen Geschrei. Während die Lager tobten, waren von unten, vom See her, über den schmalen ausgetretenen Pfad, der zur Lichtung heraufführte, zwei Gestalten heraufgestiegen und standen plötzlich zwischen dem Elkridge- und Martha Washington-Volk.

Beide steckten in schmutzigen Trödlerkleidern. Das Kind war barfuß, der Alte aber hatte weiche lederne Mokassine an den Füßen, mit bunten Perlen aus Glas kunstvoll bestickt. Ein breiter zerbeulter Hut saß dem Alten auf seinem weißen Haar, das zur Seite seines olivenbraunen bartlosen Gesichts bis auf die Schultern herunterhing. Auch der Kleine hatte sein Haar in Zöpfen geflochten über die Schultern niederhängen. Die alten Kleider, in denen er steckte, hatte man an Ärmeln und Hosenschäften gestutzt, sie schlotterten um seine mageren Ärmchen und Beine. Auf seinem Rücken trug der Kleine eine schwere Last von dünnen Weidenruten, die bei jedem seiner Schritte wellenförmig auf- und niederschaukelten. Der Alte, ein sehr großer und breitschultriger Mensch, sah sich im Kreise der Lärmenden 119 um und trat dann, indem er den Kleinen vorwärts puffte, vor Miß Burden und Counseler Fox:

»Here - buy . . . Kinnikinnik!«

»Nehmt doch dem Kinde die Last ab,« rief Miß Burden. »Wie schrecklich, diese Verwilderten lassen ein kleines Wesen solch eine Last schleppen!«

Die Mädchen stürzten sich auf das Kind, nahmen ihm die Weidenruten ab. »Warum ist die Alte nicht gekommen?«

»Ich Englisch sprechen!« sagte der Alte.

»Was kostet das Ganze dort?« frug Guy.

Der Alte maß ihn mit einem Blick: »Du Injun?« Guy schüttelte den Kopf. »Passiuk!« Der Alte griff nach den Federn und grinste. »Du Federschmuck gekauft?« Guy sagte leise: »Ich heiße Matschata-weosa. Was ist dein Name?«

Der Alte sah ihn an und antwortete auf Englisch: »Finster-am-Tage.« Dann mit einem Blick auf die Teetassen: »Hier jemand Whiskey altem Injun geben?«

Die Assistentin hatte dem Alten an das Ende des Tisches, wo keiner saß, eine Tasse Tee und einen Teller mit Essen hingeschoben, zeigte mit einem Finger hin wie einem Hunde und der Alte setzte sich bescheiden und höflich auf die Bank. Er sah, den Kopf zwischen den Schultern, in die Runde 120 und steckte den Dollarschein, den ihm Guy gegeben hatte, in die tiefe Tasche seines Rockes. Ein silberner Vierteldollar rollte über den Tisch, der Alte haschte danach und schob das Geld grinsend in die Tasche. »Du Geld der alten Frau gibst, nicht Whiskey kaufen, verstanden!« Miß Burden drohte dem Alten mit dem Finger, wie ein Erwachsener einem halbwüchsigen Kinde droht, das unartig war. »Essen dafür! Verstanden?« Der Alte nickte und preßte die Finger an die Stirn zum Zeichen des Dankes. Er saß ganz artig an dem Tischende, machte eine Geste, als zeige er auf einen großen Haufen vor sich und sagte: »Untschida backen wird – viel – du mitgeben wirst zu essen für mein Volk in Reservation?«

»Es geht diesen Leuten doch ganz gut, Sie sehen ja!« sagte Miß Burden zu Counselor Fox.

»Habt ihr ein Fest, weil die Frauen daheim backen?« frug Guy.

Der Alte zählte an den Fingern: eins – zwei – drei. »Drei Nächte nach heute mein Volk kommt zusammen!« Er zählte genau an den Fingern ab: eins – zwei – drei Nächte von heute! »Was macht ihr da?« frug Counselor Fox. Der Alte hob und senkte die Schultern, schlug mit den Händen auf den Tisch, ließ einen hohen tremolierenden 121 Laut hören und lachte mit seinen starken grünlichen Zähnen.

»Ich weiß es, sie haben jetzt die Feste der Herbstwende!« sagte Counselor Fox. »Dann dürfen wir bald zusammenpacken und zurück in die Stadt, denn die erste Frostnacht ist nicht weit.«

Abseits, vor einem Baum, saß der Kleine, von Knaben und Mädchen umringt, und stopfte Biskuite und Candy, die ihm die Kinder vorsetzten, in sich hinein. Sie hatten sich herumgewälzt um das kleine bezopfte Ungeheuer schlingen zu sehen.

Guy hatte sich zu Füßen des alten Indianers hingehockt und blickte ihn unverwandt an. Er hatte ihn längst seines elenden Trödlergewandes entkleidet, sah seinen narbengezeichneten, rot und gelbbemalten, sehnengeschwellten Körper, bekleidete ihn wieder aber mit dem Schmuck des Stammes – jede Feder um sein Haupt war mit Rot besprenkelt und sprach von einem aus Feindeslager heimgeholten Leichnam – die fetten Finger, der triefende Mund waren nicht mehr mit dem eklen süßen Zeug beschmiert, davon sich diese hier nährten, sondern dem scharfen, aus Büffelfleisch gebratenen, mit wilden Kirschen gewürzten Pemmikan – und da stak auch das Steinmesser im Erdboden, viermal hineingestoßen 122 und viermal herausgezogen, damit es rein werde und geheiligt zum Mal . . .

»Ihr duldet kein weißes Volk in eurer Nähe beim Fest?« frug Guy.

Der Alte gab dem »Indianer« einen frischen Jünglingsblick zurück. »Matschata-weosa darf. Er Freund!«

»Wir alle sind es!« rief Counselor Fox und rückte näher zum Alten. »Was ist das?! Wir alle in Amerika sind Freunde. Weiße und Rote und Schwarze, alle Brüder!« Wärt ihr nur nicht so schmutzig und faul und verkommen! sagte er sich. Wie dem jungen Volk da ringsum diesen Begriff: »Brüder« beibringen! Es sieht ja doch nur, was sie von den Indianern unterscheidet. Bleiben dann die Exzentrischen vom Schlag des Vicomte.

»Es wäre eine Gelegenheit!« sagte Counselor Fox zu Miß Burden. »An solchen Festtagen versetzen sie sich in ihre Glanzzeit zurück, dann sehen sie aus wie Menschen. Was man für gewöhnlich von ihnen zu sehen bekommt, ist doch nur der Schmutz und die Roheit. Wer aber an allem schuld ist, danach fragt natürlich keiner!«

»Freunde von Injuns bringen Brandy altem Finster-am-Tage?« frug der Alte. »Mitbringen Brandy in Reservation?«

123 »Kein Brandy!« riefen die Kinder. »Tee!« Finster-am-Tage verzog sein Gesicht und sah mit demütigem Gesicht zu Counselor Fox: »No brandy?« Counselor Fox schüttelte den Kopf: »Hier nirgends bei uns Brandy!«

Finster-am-Tage lachte: »O Weiße niemals Wahrheit sagen armen Injun!«

»Du und dein Volk darf nicht Whiskey trinken, das weißt du doch! Es ist gegen das Gesetz!«

»Injuns nicht wissen Gesetz. Injuns nicht im Kopf verstehen Gesetz Weißer. Weiße nicht machen Gesetz für Injun, wenn Injun Fest hat.« Er wischte sich den Mund am Ärmel ab, stand auf und winkte dem Kleinen. »Uwedo!« Im nächsten Augenblick veränderte sich wieder sein Gesicht, wurde weinerlich. Er zog das Geld aus der Tasche, schüttelte den Kopf und zeigte auf den Haufen Weidenbündel: »Mehr!«

Der Kleine machte dieselbe Geste. »Nichts!« rief Miß Burden kategorisch. »Habt ihr nicht genug, ihr Bettler?«

»No kinnikinnik?« Der Alte hatte von Untschida gehört, daß das Wort den Weißen lächerlich in den Ohren klang. Er steckte darum erwartungsvoll seine Hand aus, aber niemand lachte.

»Geh jetzt!« flüsterte Guy zornig. »Ich bring dir schon noch Geld mit.«

124 »Weiße gut!« sagte Finster-am-Tage. »Weiße mitbringen Leinenzeug für arme Papoose. Kalt! Arme Injuns großes Feuer zünden dritte Nacht von heute! Weiße viele Geschenke legen um Feuer!«

»O, sie haben auch Feuerwerk, diese Leute?« Die Mädchen dachten an Raketen, sprühende Sonnen, die sich drehten und explodierten, wie an dem amerikanischen Nationalfeiertage.

Finster-am-Tage hob einen Finger hoch über seinen Kopf: »Chippewas zeigen Weg – Himmelstern herunter – zu Minnewakan! Zu Reservation!«

Er ergriff die Hand des Kleinen. Ohne Gruß stiegen sie den Pfad zurück, den sie gekommen waren, den schmalen ausgetretenen Pfad, der einst ein Kriegspfad gewesen war, als noch das Große Geheimnis und nicht der Erlöser das weite Land Amerika regierte.

 

Wir stecken Miß Eleanor in die Feiglingsklasse!« riefen die Mädchen. Aber sie wußten, die Assistentin hatte gar keine Stimme im Rat. Auch das wußten sie gut, wo Grandma am sichersten zu packen war. Sie selbst hatte die »Feiglingsklasse« ins Leben gerufen; ihre Mädchen sollten in allen Sporten, Anstrengungen und Abenteuern ihren 125 Mann stellen und es jedem Jungen gleichtun in allen Situationen des Lebens. Daheim hing über ihrem Schreibtisch der Wahlspruch: »Alles kennen und alles ertragen.« Im Schreibtisch drinnen aber lagen neben manch einem vergilbten Männerporträt Haufen von Briefen ehemaliger Schülerinnen, die den Erfolg ihres Wahlspruchs bestätigten. Miß Eleanor dagegen wird wohl bis in alle Ewigkeit alles zu verlieren haben. Die Mädchen lauerten nur so darauf, daß sie ihre Meinung mit Nachdruck geltend mache. In solchen Augenblicken tauchte hinter ihrem bebrillten Kopf der hübsche unartige Kopf Lollies auf, die ebenfalls eine Brille trug, und die Fratze, die sie schnitt, blies die vernünftigen Gründe Miß Eleanors wie Spreu in den Wind.

Zwischen zwei Zelten hatte Faith den »Indianer« gestellt. »Wie haben Sie Ihren Namen genannt?!«

»Sie verstehen ihn doch nicht!«

Der »Indianer« blickte in Faiths glühendes Gesicht. Er merkte nichts davon, daß hinter den Zelten von rechts und links Mädchen herangeschlichen kamen. »Matschata-weosa. Sagen Sie's auf Englisch, wenn Sie's können!«

Im selben Augenblick war der Bogen aus seiner Hand, sein Kopfschmuck ihm vom Kopf 126 gerissen, seine Arme über dem Rücken gekreuzt und mit Weidenbast zusammengebunden. Sechs Paar Mädchenarme zwangen ihn auf die Knie und während er vor Wut um sich biß, trennte Faith mit einer kleinen Schere das Schleifchen von seinem Sweater.

»Ich weiß es auf Englisch!« lachte sie ihm ins Gesicht. »Es heißt: Er – hat – die – Schleife –nicht – behalten!«

Die Mädchen stürzten davon, Faith mit der Trophäe in erhobenen Händen. Auf der Lichtung jubelten die Kinder. Einen Augenblick schien's, als sollte Grandma auf die jungen Schultern gehoben, samt ihrem Feldsessel herumgeschleppt werden durch die Luft.

»Kommt keiner und macht mir den Strick ab?« brüllte der »Indianer«. Er hockte auf dem Boden und versuchte den starken Bast an der Eisenkante des Zeltbodens entzwei zu scheuern. Dazu fluchte er, Flüche, die ein Knabe seines Alters, seiner Klasse nicht über die Lippen hätte bringen dürfen. Aber alle waren in Bewegung; es war die Stunde, da die Sonne hinter den Bäumen verschwindet und die Blumendüfte stärker herauskommen.

Miß Eleanor hatte sich in ihr Zelt zurückgezogen und aus ihrer Handtasche das Tagebuch des Mädchenlagers hervorgeholt. Miß Eleanor 127 begann zu schreiben: »Trotz meiner Warnung, und entgegen aller Vernunft wurde beschlossen« – – – – – – – – – – – – – – – –

Im Herbst desselben Jahres war es dem Journalisten Irving Brokaw gelungen, dieses Tagebuch dem Martha-Washington-Seminar für einige Tausend Dollar abzukaufen. Es bildete die anregendste Lektüre des Winters und brachte dem Chikagoer Blatt eine Menge neuer Leser zu. »Martha Washington« aber kam die verhältnismäßig geringfügige Summe zu statten, denn nach dem Verschwinden von Faith Otis hatte »Martha Washington« alle seine Schülerinnen eingebüßt. Um »Martha Washington« war's geschehen, daran ließ sich nichts ändern.

Natürlich hatte der Journalist in Miß Eleanors schlichtes Tagebuch eine Anzahl Seiten hineinfabriziert, die den Besuch der Elkridges bei den Martha Washingtons und dann die Ereignisse jenes Indianerfestes dem Publikum in magischer Beleuchtung vorführen sollten. Aber worauf selbst die Phantasie des Journalisten nicht verfallen war, hatte sich ereignet: nämlich, daß sich Faith und Guy, ob mit Absicht oder zufällig, das wird keiner je erfahren, im Walde getroffen haben, zwischen jenem Besuch und dem Fest. Doch auch so bleibt noch genug übrig von der Mär – – – – – –

128 Finster-am-Tage hatte einen Burschen zu den Elkridges geschickt, die die Martha Washington aus ihrem Lager abholten, die beiden Lager folgten dann dem Führer durch den Wald, das Seeufer entlang, hügelauf und hügelab bis zur Chippewa-Reservation. An einem Festtag zieht jeder vom Stamme, der bei seinem Volk etwas gilt, mindestens ein Kleidungsstück aus der alten Zeit über den Leib, der Bursche aber hatte nicht einmal das Perlenhalsband, den Ledergürtel, ja nicht einmal die gestrickten Mokassine, die der Letzte noch sein eigen nennt. Von oben bis unten in Lumpen war er zu den Weißen gekommen.

Der Sommer lag schwer über den Wipfeln. Dies war die Zeit, um die die Indianer den wilden Reis zu ernten pflegten in alten Tagen, zugleich die Zeit der Brautschau unter diesem Volk. Die Nächte sind dann äußerst hell und tief, die Sterne hängen fast im Geäst, ihr Glanz tut dem Auge weh, und streift einer als Schnuppe über das Firmament hinunter, so strömt durch den klaffenden Riß der Nacht noch lange Sternenblut. In diesen Nächten kommen zuweilen große Sterne, die das Indianervolk nicht vergessen haben, zu ihnen herab und suchen sich eine Braut unter den Töchtern aus.

Diese Sterne sind einst Indianer gewesen und 129 haben, ehe sie in den Himmel versetzt wurden, als Tapferkeit, Edelsinn und Gesangesgabe in den menschenähnlichen Leibern der Helden geleuchtet. Jedermann im Volke weiß, daß sie schon auf Erden ins Zeltlager des Großen Geheimnisses oben gehörten. –

Auf der Wiese, die sich zwischen dem Wald und den Hügelrändern, hinter denen die Prärie begann, erstreckte, fanden die Elkridges und die Martha Washingtons eine große Menge festlichen Volkes versammelt. Ein alter blinder Sänger, mit der Stirnbinde aus Otterfell und einem Otterfellmantel über den ewig frierenden Schultern saß in einem Kreise von Männern im Kriegsschmuck und Weibern im bunten Zeug und ließ seinen Gesang aus wilden und gedämpften Lauten hören. Alle die Leute hatten heute satt gegessen und zeigten zufriedene Gesichter. Als die beiden fremden Lager am Waldrand erschienen, hörten sie freundliche Zurufe und heiteres Geschrei.

Am Saum der großen Niederlassung bei den Zelten vor den Hügeln huschten schillernd bewegte Farbenflecke dahin. Die Jungen des Chippewavolkes vergnügten sich dort mit Schnellauf. Wer in der Zeit, bis die Sonne den Hügelrand erreichte, die meisten Rundläufe um das weite Lager zuwege 130 gebracht hatte, der sollte den alten Speer mit der heiligen Bärenhaut bis zum nächsten Fest in seinem Zelte verwahren. Das gab ihm Anwartschaft auf den Hänptlingsrang, denn trotz der Weißen mit ihren Aufsichtsbeamten gilt als erster des Stammes doch der, den das Volk aus seinen alten Tugenden heraus erwählt.

Herrlich klar war der Nachmittag. Das Große Geheimnis hatte den Donnervogel im Horst und das Zickzackfeuer im Köcher des Jägers über den Felsen behalten. Der Weg war blank gefegt zum Niedersteigen der Sterne ins Volk, die Helden grollten den Nachkommen nicht mehr um ihres elenden Lebenswandels willen.

»Blaue Erde! Die Kinder zwischen den Gräsern erwarten deine Fußspur morgen im Tau zu finden!« sang der Blinde. Er trug das viereckige Perlenschild, das über Regen und Sonnenschein gebietet, um den Hals, mit guter Wirkung.

Finster-am-Tage stemmte seine Hände auf Untschidas Schulter und stand auf, als die Gäste mit Körben zum Vorschein kamen.

»Hau! Hau!« riefen die Indianer, mitten in den Gesang des Medizinmannes hinein.

»How do you do!« riefen die Gäste in den Kreis.

131 Kangiska, der Führer, hatte sich, gleich nachdem er seinen Korb auf die Wiese niedergesetzt und seinen Lohn empfangen hatte, seitwärts geschlagen und weg. Auf dem Platze, wo Finster-am-Tage und die Alte gesessen hatten, begann man die Körbe auszupacken. Gierige Hände streckten sich aus. Im Nu war der Kreis um den blinden Sänger zerstört, alle kamen an die Gaben herangekrochen, einen Augenblick später stand eine dichte Schar schwatzend und kichernd um Miß Burden und Counselor Fox und die weißen Kinder herum, die sich ohne Scheu mit den Gleichaltrigen des Stammes zu verständigen suchten.

Finster-am-Tage war nicht zu erkennen; wo waren die schmutzigen Injuns an diesem Tage geblieben? Finster-am-Tage hatte eine Krone aus Adlerfedern auf, eine lange Kette aus Bärenklauen fiel ihm über die Brust bis an den schöngestickten Gürtel hinunter. Alle hatten Putz und Zierat über ihren Gewändern aus hellem gegerbtem Leder oder rot und blau bedruckten Wollstoffen, wie sie die Hudsonbay-Company in den Handel bringt, angelegt. Gewirkte Bänder, Amulette aus Glasperlen, Ketten aus Muscheln und aus Haargeflecht, glitzernde Metallkugeln und Schmuck aus gefärbten Stachelschweinstacheln flimmerten und gaukelten vor den erstaunten Blicken im Sonnenschein.

132 »Wo ist Matschata-weosa!« frug der Blinde. »Matschata weosa, kuwa!«

Der »Indianer« kam und kniete vor dem Blinden nieder. Er war wie die andern Knaben im roten Sweater und hatte seinen ganzen Staat zu Hause gelassen. Der Blinde tastete über Haar und Gesicht des Knaben. Dann öffnete er den Mund, wiegte den Kopf und sagte: »Ai, wake Passiuk! Wake Watschitschun!« Ein junges Chippewagesicht grinste vom Boden zu Guy auf und übersetzte: »Du nicht Franzose, du nicht Gespenst (Blasser) sein!«

»Sag ihm, ich bin ein Kundschafter unter den Watschitschun.« Der junge Chippewa sann einen Augenblick, sprang auf und rief dem Blinden ein paar Worte ins Ohr. Der Blinde fuhr mit seiner runzeligen Hand liebkosend über das Haar des Knienden. Dann faßte er den Kopf Guys, bog ihn stark beim Genick bis auf die Erde nieder und rieb mit der rechten Handfläche von unten über die Stirn und den Scheitel des Knaben.

Die Mädchen hatten sich zu den Töchtern der Chippewas gesellt. Diese waren hübsch, und da heute ihr großer Tag war, hatten sie sich so bunt und kostbar, wie's ihre Familien nur erschwingen konnten, hergerichtet. Ray, Lollie, Hazel, Kathryne, Gene kamen aus dem Entzücken gar nicht heraus.

133 Hier hatte eine ihr Gewand über und über mit Glasperlen in wunderbaren Ornamenten schwarz, rot und gelb zickzackförmig benäht! Eine andere trug einen geflochtenen Gürtel aus buntem Süßgras! Eine hatte eine Jacke ganz aus Hermelinschwänzen! Alle hatten Halsbänder, Stirnbänder und Armschmuck aus Perlmutter, Münzen und kleinen geschnitzten Tierknochen, silberne Ringe an ihren schöngeformten, großen Händen.

»Wie heißest du?« frugen die Mädchen die mit der Hermelinjacke. »Waduta!« antwortete das Mädchen.

»Und du?« »Roter Regen!«

»O, ich heiße Strahl!« sagte Ray. »Und ich Haselstrauch!« sagte Hazel.

»Die dort heißt Glaube,« sagten die Mädchen, auf Faith zeigend, die abseits von allen stand, an einen Baum gelehnt, und sich die Zöpfe in einen Kranz um den Kopf steckte. Die Töchter der Chippewas kamen näher an Faith Otis heran, betasteten ihre feine, mit Spitzen verzierte Bluse, ließen ihr Medaillonkettchen durch die braunen Finger gleiten, »Du reiches Mädchen sein?« frug Waduta. Faiths Kolleginnen streckten die Hände aus: »Alles hier, ganzes Land, gehört ihrem Vater!« Die Chippewamädchen sahen erstaunt in die Runde, auf die Hügel, 134 den Wald, als sähen sie sie zum erstenmal. »O! Vater von Mädchen!«

Drüben war die Sonne im Sinken, aber hier, nicht weit weg, wo die fast wagerechten Strahlen die Schatten der Bäume in den Wald zurückschoben, sprangen ein paar grellbeleuchtete bunte Gestalten zwischen den Stämmen und einem hohen Holzstoß hin und her. Mit großen, wilden Gebärden sprangen sie herbei und davon, schleppten Reisig und Scheite und kletterten auf dem schon über mannshohen Haufen auf und nieder.

Der Alte hatte seine Stimme wieder erhoben, die Chippewas, Männer und Weiber, all die weißen Kinder lagerten in großem Kreise herum um ihm

»Die Geister bringen viel Essen für das Volk auf den Grashügeln mit, aber sie bringen nicht die alte Freiheit zurück und die Büffelherden haben sie auf ewig vertrieben!«

Miß Burden hatte auf ihrem Schoß Minnie Dearborns hellblonden Lockenkopf liegen; das Kind blickte ganz verträumt auf diese Versammlung von Traumwesen rings; auch die anderen, all die Kinder der Reichen sahen betört, wie auf eine augenblicklange, gleich verschwimmende Vision, den kühnen und phantastischen Gestalten zu, die im Kreise 135 hockten, leise Rundgesänge anstimmten, die Hände hoch hoben, flach auf den Boden niederstießen, tierähnliche Laute hervorjohlten, mit einem jähen Schmerzenslaut abbrachen, wenn über die Lippen des Blinden der Name des Großen Geheimnisses kam . . .

Zwischen den Zweigen des Waldes ließ Upihanska, die Drossel, ihre Schläge ertönen. Uabeda, der große Wolfshund des Lagers sprang nach Upihanska in die Höhe. Die Buben, die vor den Hügeln, am Rande des Zeltlagers dem Wettlauf zusahen, ahmten das Beispiel der Jünglinge nach und spornten die Laufenden mit Pfiffen und Geheul an – Pfiffen des Wiesels und des Bibers und gedehnten Heullauten, wie sie nachts der streifende Coyote ausstößt, vor dem der Mensch ins Lager zurückflieht, so schnell ihn seine Beine tragen. Hie und da sprang ein roter Sweater den Läufern eine Strecke lang nach, Sid, Ira und der flinke Heskett O'Hagan, dessen Muskel geheilt war. Um den Scheiterhaufen tummelten sich, angesteckt von dem Eifer der Holzschlepper, rote Sweater hin und wider, auf und ab. Unter munterem Geschrei des freundlich gesonnenen Volkes halfen Knaben und Mädchen den Weibern der Chippewas das Mitgebrachte, Büchsen mit Tee, Säckchen mit Mehl, Würfelzucker, Backpulver 136 und Kakes in ihre luftigen Behausungen bringen – sahen verwundert zwischen den Stangen im Innern der Zelte, an ein Brett gebunden, das weinende Papoose baumeln, das augenblicklich mit Weinen aufhörte, sobald ihm die Mutter einen von den Kakes in den kleinen Mund hineinbröckelte.

 

Weit weg am Rand der Niederlassung, beim Knochenhaufen und Kehrichtberg, im letzten elenden Zelt wälzte sich der Bursche Kangiska in vergeblicher Anstrengung, die Whiskyflasche, die ihm entrollt war und deren Inhalt der Lehmboden gierig aufsog, wieder ins Bereich seiner Finger zu bringen. Schluchzend und die Augen voll Tränen rollte er der Flasche nach und leckte unterwegs den Whisky vom Boden. Diese wertvolle Flasche im Zelt des Counselors, im Schatten der Truhe gefunden, während die Buben die Körbe packten – schlau und geschickt hatte er sie den ganzen Weg durch den Wald in seinen Lumpen verborgen – auf dem Bauch, mit Schwimmerstößen, Arme und Beine geworfen, ruderte er ihr jetzt nach, dem Ausgang zu – endlich rührten seine Fingerspitzen an den Flaschenhals!

Die letzten Tropfen rannen ihm über die Hand in den schmutzigen Ärmel hinunter – leer! 137 Verfluchte bleiche Gespenster! In seinem Gehirn tobte ein Gewitter. Draußen scholl Geschrei. Jetzt spien sie Hohn gegen ihn, die draußen. – Er riß den Zeltvorhang weg und kroch auf allen Vieren ins Freie! Alle Zelte standen dunkel in der Dämmerung. Nur dort, woher das Hohngeschrei über sein Gesicht klatschte wie Peitsche, Brandschein!

Bleischwer hob er seinen Rumpf, noch schwerer fiel der Kopf herunter. Um sich schlagend taumelte er vorwärts dem Schein zu.

Silbern blaß stand der erste Stern auf dem Abendhimmel – über dem Holzstoß, aus dem die erste Flamme in die Höhe stach. Gesang und taktmäßiges jauchzendes Geheul schlugen quer über den Weg des Betrunkenen. Einer tanzte keuchend, mit schrillen Schreien vor der Schar her. Der heilige Bärenspeer schwankte über seinem Kopf, sein Kopf war ganz fleckig von Schweiß und Aufregung. Hüpfend folgten die Söhne des Stammes hinterdrein, bei jedem Aufstampfen auf den Boden ein Schrei, ihnen nach drängten jene Verfluchten mit den hellen Gesichtern, ein Gewoge von blutroten Wolljacken. Kangiska fühlte sich von weichen Mokassinen zertrampelt, von harten Stiefelsohlen geschlagen, gequetscht, beiseite gestoßen. Wild biß er in die Luft, behielt einen Stoffetzen zwischen den 138 Zähnen. Die Schar machte einen Bogen um ihn, vorn vereinigte sie sich mit einem Trupp, der von der anderen Seite her sich dem Holzstoß entgegen bewegte. Laternen und Fackellicht hüpften in bunten Flecken auf einem gleißenden Otterfell, Adlerfedern schwangen auf und ab von rhythmischem Stampfen geschüttelt, die winselnden Weiber, die lauten, jauchzenden Töchter, alle Gesichter glühend und immer röter vom Schein des lichterloh brennenden Scheiterhaufens. – – – – – – – – – – –

»War damals solches Licht zwischen den Bäumen, wie ihr nachts in unser Lager geschlichen kamt?« frug Faith.

»Nein, weißes. Wo bist du? Ich sehe dich nicht!« sagte Guy.

Kleine Zweige knackten, Faith kam näher, griff ihm ins Haar. »Ich hätte dir dein schwarzes Haar ganz abschneiden können, mit meiner Schere, als ich die Schleife zurücknahm!«

»Und ich hätte dir einen Pfeil durch deine Zöpfe schießen können und das war früher!«

Die Sternennacht stand über den Bäumen und die Helligkeit des Gewimmels oben wetteiferte mit dem Gesprühe der roten Funken fernher durch den Wald.

»Bald holt sich jetzt einer die Braut!« sagte Guy, das Gesicht in die Höhe gewendet.

139 »Ja, dann kommt er und holt sich die mit dem Hermelin, weil die die reichste ist!« sagte Faith, »du glaubst wirklich an den Stern, der sich eine holt, das Kindergeschwätz?«

Er riß sie beim Arm herum, daß ihr ein Schmerzenslaut entfuhr: »Wer so wie ihr immer Geld in den Gedanken hat, der kann nicht an die Sterne glauben!«

»Wie kommt der Stern und holt sie, sag, wenn du es weißt!«

»Dort, hinter uns, über den See fallen die Sterne nieder in der Nacht! Wenn der Holzstoß ganz niedergebrannt ist und erloschen, da ziehen die jungen Männer ihre Mäntel über das Gesicht und folgen den Mädchen in den Wald . . .«

»Sie dürfen sich nicht sehen, wenn sie sich finden?«

»Nein, erst später darf das Mädchen das Gesicht von ihrem Liebsten erblicken!«

»Dann sieht sie ja, daß es nicht der Stern gewesen ist!«

Guy schwieg. »Doch! Gerade!«

»Jetzt ist ein Stern gefallen, o sicher. Hörst du die Schreie?« sagte Faith nach einer Weile.

»Komm hin, wo man nur den Himmel sieht und nicht den Feuerschein! Hast du Angst, daß sie uns suchen werden?«

140 »Sie werden uns schon immer suchen! Erst die Lehrer, dann die Eltern, mein Vater! Wenn wir längst fort sind, du bei dem Waldvolk, ich oben in den Goldlagern . . .«

»Ich werde schon . . .« sagte Guy, »aber du, du wirst doch nie unter die Weiber von den Goldgräbern gehen, das weißt du gut!«

»Ist es wahr, die Töchter hier werden schon mit vierzehn Jahren gefreit?«

»Wenn ihr noch mit Puppen spielt, binden sie schon ihr Papoose auf den Rücken!«

»Ich habe nie mit Puppen gespielt, mein Vater hat mich mitgenommen in seine Minen, in die Fabriken . . .«

»O jetzt . . . sahst du das Licht oben zwischen den Zweigen? Faß mich an der Hand!«

»Halte mich stärker! Noch! Ich seh den Weg nicht!«

»Es ist keiner.«

Über der ganzen Wiese lag der Brandschein ausgebreitet. Die Baumstämme, Hügellehnen, die gemalten Zeichen auf den Zelten, die vor den bösen Kräften bewahren sollten, Gesichter und Gestalten der Tanzenden zuckten in der flackernden Beleuchtung. Wind von den Hügeln her, das Gestampfe des Reigens, Schreie der Tänzer fachten die Flammen zu Garben an, lichterloh.

141 Bellendes Gebrüll, von allen zugleich hinauf zum Himmel gestoßen, wies durch den Schall den Himmelsgenossen ihren Weg herunter. Im äußersten Kreise glühten die Gesichter der weißen Kinder wie kleine helle Scheinwerfer mit, das Licht nach oben.

Wie das Reisig über den Scheiten tiefer und tiefer herunter brannte, kam inmitten des glühenden Schuttes im brennenden Holzhaufen eine Form zum Vorschein, der Kern des Scheiterhaufens. Es war ein mannshoher Stein von Kegelform, rötlich wie Basalt, aber vielleicht auch weiß, nur von den Flammen und Sprühfunken rot beschienen. Je tiefer das Feuer um ihn heruntersank und je höher er aus dem Feuer heraus stieg, um so wilder wurde der Tanz um den brennenden Stoß. Die Mädchen schlüpften in die vorderste Reihe und begannen das Feuer zu umkreisen. Sie hielten sich bei den Händen, die Glut versengte fast ihre Haare und Haut. Zuweilen blieben sie stehen, wanden ihre Oberkörper unter schweren Seufzern hin und her, dann riß sich bald die eine, bald die andere los und hockte auf der Erde nieder mit solch jähem Stoß, daß sie selber oder die Nächste im Reigen Gefahr lief, ins Feuer zu fallen. Dazu ging ihr klagendes Seufzen in einen hohen, 142 ungezügelten Schrei über, den alle, mit Ausnahme der ganz alten, wiederholten.

Counselor Fox bahnte sich einen Weg zu Miß Burden: »Ich glaube, wir gehen nun nach Haus!«

Miß Burden sah Counselor Fox ins Gesicht: »Ich denke auch, es ist Zeit. Vielleicht hätten wir das nicht tun sollen.«

»Zum Glück verstehen die Kinder nichts von dieser ganzen Geschichte . . .«

»Sie mit Ihren demokratischen Ansichten von Gleichheit und Brüderlichkeit! Da sehen Sie. Alte tierische Gebräuche, mitten in unserem zivilisierten Land!«

»Ach, Zivilisation! die ein ganzes Volk auf den Aussterbeetat setzt.«

»Wir müssen unseren Führer haben, rasch, gehen Sie, sehen Sie nach dem Burschen . . .«

Counselor Fox sammelte die Knaben: »Boys, stellt euch hierher, alle! Dicht um die Mädchen herum. Wir gehen.«

»Warum denn? Warum gehen?« riefen die Kinder. Aus dem wirr bewegten, taumelnden, brüllenden, kreisenden Haufen des Chippewavolkes suchte Counselor Fox den Zerlumpten herauszufinden, der die weiße Schar zurückleiten sollte durch den Wald, fort, fort von hier, zurück ins Lager! – – 143

 

In großem Bogen kam Kangiska an die Tanzenden um den Feuerhaufen heran. Kläffend und mit lustigen Sprüngen lief Uabeda, der Hund, an ihm vorbei, in derselben Richtung, aber Kangiska wußte, daß Uabeda leichter in die Nähe der Männer, der Jünglinge, der Jungfrauen gelassen werden würde als er. Seine Rippen taten ihm weh von Fußtritten und von dem Hämmern seines aufgeregten Herzens, seine Augen standen ihm wie bloß, wie ganz aus dem Schädel herausgedrängt, sein ganzer Körper juckte ihn unerträglich, am liebsten wäre er mit einem Satz mitten in das Feuer gesprungen. Er sah, wie die alten Weiber unter weinerlichem Singsang Kräutersamen und Zwiebelknollen auf den Steinkegel warfen und wie sich die Mannbaren, Mutsinamakan, der Sieger, Wolkenmann und Mustatem-Mutiapek, ja sogar der vierfingrige Machpitopa auf einen Haufen scharten, auf das Zeichen des heiligen blinden Medizinmannes wartend. Vorwärts und rückwärts schwankend beobachtete er die fortschreitende Zeremonie. Er ahnte, was ihm bevorstand, wollte er sich, wie es der Brauch war und wozu ihn sein Alter berechtigte, zu den Jünglingen begeben, mit ihnen stehen, warten . . . Plötzlich warf er sich, den Kopf nach vorn, mitten zwischen die Leute, stieß mit Kopf und Händen nieder, was ihm im Weg 144 war, fuhr auf den Holzstoß los und kriegte einen gewaltigen brennenden Klotz mit beiden Händen zu packen. Damit hieb er um sich, auf Männer, Weiber, Kinder, Rote und Weiße, Menschen und Tiere, bis kreischendes Entsetzen nach allen Seiten vor dem Wahnwitzigen auseinanderstob, er sich mit dem Feuer über dem Kopf ein paarmal um sich herumdrehte und dann fortstürzte, wie ein scheu gewordenes Tier.

 

Aus dem dunklen Grund des Gestrüpps hob sich Guy dunkel in die Höhe und das feuchte Gesicht des Mädchens folgte seiner Bewegung. »Das hört sich an wie Mord oder Hilfegeschrei!« »Still . . .« »Hörst du's jetzt?« »Ja . . .«

Durch das zerbrechende Dickicht und das zerreißende Gewirr des Waldbodens tappte sich etwas näher, auf die beiden zu, stockend, bald vorwärts geschlagen, Mensch oder Tier, ohne andern Laut als den seiner Flucht, wie beladen mit dem fernen Getöse. Im Wald verschwinden, in der Nacht, vor den Augen des ganzen Volkes! Die Alten, die Medizinmänner des Stammes wußten von Sagen zu singen: in einem einzigen Satz wirft sich das Große Geheimnis von oben herab, 145 auf den Verachtetsten des Stammes, im Augenblick, in dem sich in ihm der Haß aller umkehrt in die Wut gegen alle, fährt es in ihn wie ein feuriger Strahl, den er allein verspürt, der ihn ausbrennt bis auf den letzten Grund, der ihn austilgt aus dem Gedächtnis des Stammes, bis er lange Zeit später auftaucht, anders, durchsichtig, ohne Fehl . . . Bei Nacht sich in den See werfen, hinüberschwimmen zur Insel in seiner Mitte, dem Herzen des Sees, Tschante, das jeder meidet . . . Der Wald ist dort wie eine ewige Nacht so dicht gewachsen, an dem gefürchteten Ort, mit dem Gesicht auf den Boden gepreßt hungern, schweigen, bis die Stille voll Stimmen und die Luft voll von Tierphantomen ist, dann, wenn der Winterfrost die Eisdecke hart gemacht hat, zurückwandern dorthin, wo schon die Totengesänge vergessen sind, das Zelt zerbrochen und das Zelttuch mit der Erinnerung vom Wind weggeweht . . . In seiner Kindheit, kaum dem Tragkorb entwachsen, hatte Kangiska der Leichenfeier solch eines Büßers, aus Zügellosigkeit und Schmach durch Hunger und Einsamkeit Auferstandenen beigewohnt . . .

Zwischen dem fernen Feuerlicht und dem bläulichen vom Mond, der über Minniwakan emporstieg, stand eine verschwommene Gestalt plötzlich 146 vor Kangiska aus dem Dickicht auf. Er duckte sich, hielt sich mit beiden Fäusten an Gras und Blattwerk fest. Mit einemmal teilte sich die Gestalt auseinander und es standen vor ihm Zwei, versperrten seinen Weg. Mit einem Brüllen aus Schmerz und Angst fuhr Kangiska auf das Wesen los.

»Toka-ahedo! Der Feind! Toka-ahedo!«

Im Nu wurde das Wesen wieder zu Einem unter der furchtbaren Umklammerung der wie Eisenklammern es umsperrenden Arme des Rasenden. Jetzt war das Wesen Drei und dieses Fabelwesen rollte in wildverkrampftem Ringen aneinandergeschmiedet und ineinander verbissen, dem steilen Absturz zum See zu. Gekreisch und Geheul aus tierischer Gurgel, knabenhaft umkippender Kinderstimme und hohen Zeterlauten erfüllten den Wald. Dann kollerte eine Masse Erde, ein riesiger poröser Klumpen von sandigem Gestein über die Stürzenden, stopfte die aufgerissenen schreienden Münder zu gurgelndem, qualvollem Geächz, schlug die hochaufspritzenden Wellen tief unter den Spiegel nieder, zerjagte das Mondlicht in weite Kreise über das Wasser hin. – – – – – – – – – – –

Ein paar Monate nach dem Erscheinen des Tagebuchs im Chikagoer Blatt dachte kein Mensch 147 in dem raschlebenden Erdteil mehr an das Abenteuer der Elkridges und der Martha Washingtons. Miß Burden saß in einem Stübchen in Paris und erteilte englischen Unterricht. Die unglücklichen Chippewas der Minniwakan-Reservation hatten durch Hunde, die übers Eis liefen, die verweste Leiche des verkommenen Burschen entdeckt und mit Flüchen nach jeder Schaufel voll im Wald verscharrt. Eines Tages traf bei den Montrealer Champauverts eine Nachricht aus Nord-Vancouver ein – ein befreundeter Sportsman war bei den Squamishs einem jungen Indianer begegnet, der französisch sprach und dem verschwundenen Sohn des Quebecer Zweigs der Familie ähnlich sah. Die Champauverts und die Otis rüsteten eine Expedition aus, aber als sie an Ort und Stelle ankam, war der junge »Passiuk«, wie die Squamishs ihn nannten, fort. Es war keine Frauensperson in seiner Nähe gesehen worden. Die Töchter des Stammes wußten, als man sie ins Gebet nahm, von wiederholten verzweifelten Werbungen des fremdartigen jungen Menschen zu berichten. Aber welche Tochter hätte sich mit einem Fremden, einem Habenichts, der sich zudem durch keine einzige Tat als reif und mannbar erwiesen hatte, eingelassen?

Wie im Herbst den Wald um den Minniwakan, 148 so durchforschten jetzt im Frühjahr Banden von Indianerpolizisten und Burns-Detektiven die nördlichen Territorien Britisch-Kolumbiens nach Matschata-weosas und Faith Otis Spuren. Bis an sein Lebensende biß sich der alte Otis in der Hoffnung fest, er werde sein einziges Kind doch noch wiedersehen. Aber es wird in alle Ewigkeit niemand erfahren, was aus Faith Otis geworden ist. 149

 


 

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