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Geschichten aus zwei Welten

Arthur Holitscher: Geschichten aus zwei Welten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus zwei Welten
authorArthur Holitscher
year1914
firstpub1914
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGeschichten aus zwei Welten
pages225
created20110724
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mojave-Wüste

Die Sonne geht auf über Mojave!

Zu allen Tageszeiten, zu allen Jahreszeiten, immer weht der Wind über dem Sand von Mojave. Aus dem Norden von der Sierra Nevada her fegt es kalt über die Wände hinunter und streicht über die Gräser hinweg den Boden entlang. Oder es kommt aus dem Süden, wo die Bernardinokette steht, ein heißer Hauch und Wolken ballen sich wie große kupferne Kugeln über der farblosen Einöde. In großen Büscheln hart wie Borsten, steht Wacholder und Wermut im bröckelnden Sandboden. Hier war einst ein Meer. Und sonderbar geformte, wehende, atmende Wesen, halb noch Blume, halb schon Tier, schaukelten sich in der Strömung, wo jetzt die Gräser sich biegen und schütteln im Wind Mojaves.

Lange weißliche Striche laufen wie Adern durch den gelbgetönten Sand. Es sind die Streifen von Minerallagern. Auf ihnen wächst nichts. Ihre Helligkeit tönt die Luft durchsichtiger, bläuliche Schatten zittern über ihnen, wenn's heiß wird, und dann ist es, als riesele der Wind wie flüssig gewordener Sand in den höheren Luftschichten über Mojave weg.

Sobald die Sonne aufgeht, kommt eine Weile lebhaftere Farbe in die Atmosphäre; kleine bunte 64 Kobolde führen einen Tanz über den Grasspitzen auf, die unzähligen Schründe, Tafeln und Kuppen, Stufen und Schächte der Gebirge in der Ferne füllen sich für Augenblicke mit Schattenflecken an. Aber es lebt nichts und niemand, nicht Mensch und nicht Tier weit und breit, das Wunder der aufgehenden Sonne zu betrachten. Im Emporgleiten nimmt sie die Farben zurück in ihre blanke Scheibe hinein, und bald ist alles, Berg und Boden, Gras und Wind, in eine einzige gläserne Klarheit, in ein kahles, graugelbes Licht getaucht, in ein Licht, gesprenkelt von hie und da aufwirbelndem, staubendem, bald sich flach legendem Sand.

 

Zwei Silberlinien laufen eng beisammen über die Wüste weg. Je höher die Sonne steigt, um so schärfer durchschneiden sie das monotone Gelb und Weißgrau der gräserbestandenen Mulde.

Die Schienen glitzern den Schein der Sonne zurück. Über dem längst gestorbenen Erdboden sind ihre geschliffenen und abermals und immer wieder geschliffenen Stränge das Einzige, was lebt. Von der Küste der Fruchtbarkeit Kaliforniens zu den Feldern der Fruchtbarkeit von Kolorado hinüber berühren sie fliehend die Wüstenei Mojaves. Wenn 65 die Sonne hoch über dem Boden steht, scheint es, als würde Mojave breiter. Es ist heiß und ein Geglitzer, ein Geflimmer und Zittern der Luft erfüllt das breite Bett des verschwundenen Meeres wieder mit wallenden Strömungen des Elementes, nur daß es jetzt Luft ist, nicht Wasser. Aber aus dem Westen kommt tief auf dem Boden schleichend eine schwarze Wolke näher und näher. Eisern klirrt die Wolke, dumpfes Gebrüll kündet ihr Herannahen an. Es ist der Zug. Wie eine dunkle Raupe frißt er die glitzernde Doppelschlange in sich hinein und speit dazu den schwarzen Rauch aus seinem Haupte lang hinter sich zurück.

Mojaves Wind stößt sich an den Scheiben des Zuges wund, Mojaves Farbe zieht quer durch die Scheiben hindurch, zwischen denen hurtige kleine dunkle Gestalten leben und sich bewegen. Obzwar es noch früh am Morgen ist, ist das Treiben in den Wagen schon fröhlich im Gange. In den Waschräumen spülen sich noch ein paar verspätete Nachzügler ab, drin in den Pullmanwagen haben die Neger schon das Bettzeug zusammengerafft und die Schlafstätten wieder in bequeme Tagessitze zurückverwandelt. Der weißbekleidete Kellner aus dem Speisewagen läutet den Tag ein, indem er den ganzen Zug entlang gehend seinen eintönigen 66 Ruf erschallen läßt: »First call for breakfast! First call for breakfast!«

Ein langer Reisetag durch eine Gegend, in der es nichts zu sehen gibt, steht den Bewohnern des Zuges bevor. Jeder hat neben sich auf dem Sitz Lektüre, Handarbeiten, Zuckerwerk und auch Kissen zum Weiterschlafen aufgestapelt. Hier und dort haben sich kleine Gruppen zusammengefunden. Kinder zwitschern, springen und lachen zu Füßen der Erwachsenen, die sie nicht stören. Am Ende des Wagens tickt eine Schreibmaschine. Der Neger hat sein Räumungswerk vollbracht, rekelt sich in einer Ecke und macht es sich bequem für den Rest des Tages.

Ein junger Mann lehnt sich über die Lehne seines Sitzes zu einem schönen jungen Mädchen hinüber, das ihm gestern noch fremd war, und das ihn heute morgen schon stärker beschäftigt als alles übrige in der Welt. Heute früh waren sie beide die Ersten gewesen, die hinter ihren Vorhängen sich im Morgengrauen nach den Waschräumen begaben ans Ende des Wagens, jeder in einer andern Richtung hin. Sie war in einem blauseidenen gestickten Kimono an ihm vorübergegangen, ihr vieles blondes Haar war hoch aufgesteckt über dem frischen und leuchtenden Gesicht 67 mit der starkgewölbten Stirne. Jetzt sprachen sie die ersten Worte miteinander.

 

Der Speisewagen füllt sich. Tee, Eiswasser, Grape fruits erscheinen auf den Tischen.

Plötzlich ergießt sich der Tee in bräunlichen Lachen über die Tischtücher, Eisstücke klirren in den Gläsern und springen über Bord. Es gibt einen lauten knirschenden Anprall aller Wagen gegeneinander, der Zug steht still.

Was ist geschehen?

Alle Fenster sind voll von Gesichtern. Die Neger fahren auf von ihren Schlummerplätzen, reißen die Wagentüren auf und stellen die Schemel auf den Bahndamm hin. Bald ist draußen, den ganzen Zug lang, ein Gekletter aus allen Wagen über die Schemel den Damm hinunter. Zwischen den grauen Wermutsträuchern wimmelt es vor Männern, Frauen und Kindern, ängstlich hin- und herlaufenden, auf dem Pulversand Mojaves alle zwölf Wagen entlang. Aber die Angst weicht, denn es ist ja kein Unglück geschehen; im ganzen großen ist man guter Dinge, denn es hätte ja ein Unglück geschehen können. So aber badet man seine Glieder im erfrischenden Winde des hellen Herbstmorgens über der Wüste. –

68 Vorne bei der Lokomotive stehen die Schaffner und sprechen zum Führer hinauf, der sich, ein rußiger, ältlicher Mensch, im blauen Kittel und mit einem gelben Taschentuch um den Hals, aus seinem Führergehäuse herausbeugt. Unten hockt der Gehilfe vor der Maschine; er hat einen Arm durch eine Radspeiche aufwärts zur Triebachse hinaufgeschoben; ganz ölig und schwarz zieht er ihn wieder hervor und schüttelt den Kopf zum Führer hinauf, der gleich drin in seinem Stand verschwindet.

Vom Ende des Zuges her, aus dem Salonwagen vor dem letzten, dem Aussichtswagen, kommen durch den gelben Sand zwischen den borstigen Gräsern fünf dunkel gekleidete gewichtige Herren nach vorne zur Maschine heran.

»The president!«

Der Schmieröl- und Kohlenstaubmensch hat sich schon wieder auf die Lokomotive hinaufgeschwungen. Er und der Führer hocken jetzt über dem Injektorenhebel und dem Wasserstandsglas und suchen zu ermitteln, was denn eigentlich los sei, was in drei Teufels Namen denn eigentlich los sei.

Der Präsident ist ein Mann über die sechzig hinaus. Sein weißes grobfädiges Haar wellt sich steif über einer breiten roten Stirne, die stahlblauen 69 Augen schauen scharf wie die Augen eines jungen Menschen zur Maschine hinauf.

»Hello, Tomkins!«

Der Führer erhebt sich aus seiner hockenden Stellung und beugt sich zum Stand hinaus.

»Hello, Präsident!«

»Was gibt's, Tomkins?«

»An den Überhitzerklappen, scheint's, haben wir was gefunden. Die Bremse ist in Ordnung.«

»Das werden wir schon kriegen!« Eins, zwei, drei, zieht der Alte seinen feinen Rock und seine Weste aus und legt beide seinem jungen Sekretär auf den Arm. Dann knöpfelt er sich die Manschetten auf, krempt die Ärmel hoch über seinen haarigen Armen und ist mit einem jugendlichen Antauchen, gut parierenden Kniekehlen schon droben auf dem hohen Tritt der Lokomotive.

Jetzt hocken alle drei vor den Überhitzerklappen, stecken die Köpfe zusammen, von unten sieht man drei Paar Arme an den Hebeln und Kurbeln herumarbeiten. Der »Alte« kennt das Gewerbe von der Pike auf. Kein Stückchen in dem langen Eisenbahnzug, Eisen, Holz oder Glas, dessen Bestimmung er nicht ganz genau und aus guter Erfahrung kennt. Ingenieur mit Diplom der Cornelluniversität, sechs Monate lang Zugführer, drei Jahre 70 Stationsvorsteher, dann Chef eines Streckendienstes, Generalsekretär und schließlich oberster Machthaber des mächtigen Systems: das ist der Lebenslauf dieses alten, strammen Graukopfes.

Unten die Schaffner und das Gefolge, der Stab des Präsidenten und das Reisepublikum aus all den zwölf Wagen steht neugierig und blickt zur Lokomotive hinauf, auf der man den berühmten und gefürchteten Alten mit olivenfarbigen Flecken von oben bis unten besprenkelt, einen breiten grünen Ölwischer über die Stirne weg, emsig und frisch hantieren sieht.

Zwischen den Gräsern, zur Seite des Dammes stehen zwei Kaufleute im Gespräch. »Es ist nicht das erstemal, daß er sich schmutzig macht mit seiner Bahn, der alte Halunke.« »Voriges Jahr hat's bedenklich gekippt. Wären unsere Gerichte, was sie sein sollten, er säße heute im Zuchthaus und nicht dort auf der Lokomotive! Ich versäume meinen Termin in Chikago! Natürlich, wenn man sich das Rollmaterial ansieht, auf dem wir fahren, dann kann man noch froh sein, wenn man überhaupt mit heilen Gliedern über die Strecke kommt.«

Weiter weg springen Kinder umher und jagen sich; auch ein Hundchen ist kläffend mit dabei. Paare spazieren hin und her den Damm entlang, 71 in den Fenstern des Speisewagens stehen die Kellner verdrossen und warten, aber niemand will einsteigen.

Die am Morgen im blauen Kimono durch den Wagen ging, hat dem Zug den Rücken gewendet und schüttet ein Häuflein Sand aus einer Hand in die andere. Ihre Hände sind klein und fest. Sie hat einen gelben Schleier um das Haar gewickelt, er flattert im Winde, er kleidet sie gut, ihr rotes, frisches Gesicht leidet nicht unter der ungünstigen Farbe.

Der junge Mann vor ihr blickt wie verzaubert auf die eine Strähne ihres Haares, die unter dem Schleier sich hervorschiebt und auf der die Sonne wie auf Metall glänzt.

»Ich habe in Berkeley, an der Universität, unser Studententheater geleitet. Ich soll jetzt nach Boston, um dort ein paar Stücke zu inszenieren. Die von Harvard haben mich gerufen.«

»Ach all die Theaterspielerei, ich hab sie satt. Ich hab mich nach dem Westen aufgemacht, letztes Frühjahr, und war jetzt ein halbes Jahr bei Freunden in San Franzisko zu Besuch. Aber mit dem Westen ist es auch nichts. Ich hab gedacht, ich werde noch etwas von den alten Kaliforniern finden bei den Leuten da draußen, von denen, über die 72 wir vorm Kamin als Kinder Geschichten zu hören kriegten. Aber ich kann heimfahren, es ist nichts.«

»Sie dürfen nicht denken, ich hab mein Lebtag nichts getan als Theaterspielen. Ich war noch voriges Jahr Ballfänger bei unserer Baseballmannschaft in Berkeley . . .

»Was haben Sie studiert?«

»Ich bin von der philosophischen Fakultät graduiert.«

»Ich auch,« sagt das junge Mädchen. –

Vorn vor einem der Gepäckwagen gab's plötzlich ein Gedränge, ein Geschiebe, ein Lärmen und Klettern den Damm hinauf. Von hinten über den Sand liefen Leute dorthin. Aus dem Menschenknäuel oben sah man einen riesigen Neger-Steward in weißem Kittel herausragen; er schüttelte und zerrte etwas herum, etwas, das sich zu wehren schien; die Leute wichen rechts und links von dem Neger weg; und plötzlich sah man ein elendes, schmutziges Bündel von einem Menschen zappelnd aus den Fängen des schwarzen Riesen heraus den Bahndamm hinunterkollern.

»Unter dem Wagen, zwischen den Stangen hatte sich der Kerl verkrochen!«

Mit einem Satz war der Neger den Damm hinunter und hatte sein Opfer wieder beim Kragen erwischt.

73 Der junge Sekretär mit dem Rock und der Weste des Präsidenten noch überm Arm, kam herbeigesprungen und schrie den Neger an: »Willst du ihn gleich loslassen! Schere dich zu deiner Arbeit zurück! Hast du verstanden, Sohn einer Kanone?!«

Gleich machte der Schwarze seine Klauen auf und ließ das Bündel fahren. Und mit der Geschwätzigkeit des Negers gurgelte es heraus aus ihm: »all right, gov'ner, ich meinte nur, ich war es, der ihn hervorgezogen hat, er ist da unten eingeklemmt gewesen, blinder Passagier, es ist gegen das Gesetz . . .« Dann zog er sich mit der Hand am Mützenrand hinter die Menge zurück. Die Leute hatten um die schmutzige, schlotternde Jammergestalt einen Kreis gemacht. Da stand sie nun, bedeckt mit Wüstenstaub, mitten unter den wohlangekleideten, ausgeschlafenen Reisenden des Luxuszuges, grell von der Sonne beschienen, sprachlos unter den Schweigenden.

Man hatte es gar nicht bemerkt, daß Mc Graw, der »Alte«, von der Lokomotive heruntergeklettert und um die Gruppe herum zu dem jungen Sekretär herangetreten war, dem er Rock und Weste vom Arm holte: »In fünfzehn Minuten sind wir so weit. Was hat der Bursche angestellt?«

74 Da stand nun der Gewaltige, Mc Graw, von dem jedes Kind in den Vereinigten Staaten Geschichten zu erzählen wußte, und die armselige Schmutzgestalt, der Hobo, der Landstreicher, der seine Bahn um das Fahrgeld zu betrügen unternommen hatte, in der Gratisklasse unten zwischen dem Wagenboden und den Schienen, und sahen sich an.

»Wo geht die Reise hin?«

Der Schmutzige richtet sich fest auf und spuckt den Staub aus dem Mund. »Sind Sie der Untersuchungsrichter?«

»Er ist der Präsident,« sagt einer von den Kaufleuten laut. »Der Präsident dieser Bahn ist es, der vor dir steht, merke dir es.«

Der Alte schießt einen Blick auf den Sprechenden ab, der sich umdreht und zu seinen Genossen da hinten eine Bemerkung macht.

»Nach Chikago.« Der Hobo hat seine Hände in die Hosentaschen gesteckt, hebt den Kopf und zieht die Stirne in Falten, so daß Staub ihm von der Stirne über die Nase rinnt, sich in den Brauen verfängt.

Ein paar Leute lachen. Welche sind erstaunt. Chikago! Von San Franzisko nach Chikago unter einem Gepäckwagen!

»Ohne umzusteigen?« fragt ein Witzbold aus dem Gefolge des Alten.

75 »Man soll ihm was zu essen geben!« ruft ein junges Mädchen. Es ist die mit dem Schleier, die Graduierte der Philosophie. »Man soll ihm zu essen geben. Seht ihr denn nicht? Er soll etwas zu essen bekommen.«

»Hab den Weg schon viermal auf dieselbe Weise gemacht. Niemals ist mir etwas passiert.«

»Munition?« fragt einer.

»Laßt ihn doch in Ruh!«

(Man weiß, was Munition bedeutet. Hat er einen Revolver bei sich, so muß man ihn in der nächsten Kreisstadt ins Gefängnis liefern. Dazu hat aber von all diesen hier gewiß keiner Lust, außer vielleicht den Negern.)

»Man soll ihm was zu essen geben,« sagen jetzt auch andere Frauen. Das junge Mädchen schreit sie fast, diese Worte. Alle blicken sich nach ihr um. Sie ist ganz rot vor Zorn. Sie ist schön, wie sie da steht und auf den Sandboden stampft. Alle sehen ihren Zorn, ihre Schönheit aber sieht nur einer!

»Munition!« Der Hobo zieht seine Hand aus der Tasche und steckt sich ein Stück Kaugummi in den Mund. Die meisten lachen. Das steht fest, der Bursche hat die Sympathien auf seiner Seite.

»Es ist gut,« sagt der Alte. »Nehmt ihn in meinen Wagen und gebt ihm irgendwoher einen 76 Anzug.« Der Schaffner des Präsidentenwagens nickt und gibt dem Hobo einen Stoß – vorwärts! »Dann füttert ihn auf meine Kosten im Speisewagen. Wenn du noch mal erwischt wirst, mein Junge . . .«

»Sie müssen mich aber bis Chikago fahren lassen. Wenn ich in Barstow auswagoniert werde, damit ist mir gar nicht gedient, ich will nach Chikago!«

Einer aus dem Gefolge, ein großer, vierschrötiger Amerikaner mit einem Bulldog-Gesicht steckt den Kopf vor und murmelt dem Präsidenten zu: »Sie machen sich wieder unnütze Scherereien, man wird uns das fühlen lassen wie alles andere.«

»Schaffner, der Mann hier fährt auf meine Kosten nach Chikago.«

»All right, Boß,« sagt der Schaffner, »vorwärts!«

»Er will sich populär machen!« ruft hinten einer von den Kaufleuten, der alte Halunke soll es hören!

»Das ist meine Bahn hier,« sagt der Alte zum Sekretär, dem er Gilet und Rock vom Arm genommen hat. Er sagt es laut, alle sollen es hören. »Auf meiner Bahn bin ich der Herr. Gebt ihm zu essen, zu trinken, Anzug und Schuhe. Bis Chikago fährt er mit. Wie heißt du?«

77 Der Hobo ist gleich fertig mit der Antwort. »Larry Finch.«

»Ach so!« Man begreift jetzt, warum der da nicht gern ins Arbeitshaus kommen möchte. Namen sind leicht gefunden, aber so ein solider Fingerspitzenabdruck hält lange vor.

Jetzt, da der Alte mit seinem Gefolge sich davon begeben hat, wird das Publikum familiär gegen den Landstreicher. Einer hat ihm seine silberbeschlagene Zigarrentasche hingehalten. »Larry Finch« greift beherzt hinein und steckt sich eine Havanna in den Mund. Er beißt die Spitze ab und spuckt sie mitsamt dem Kaugummi über die Schulter hinter sich.

Der Spender der Zigarre schlägt ihm auf den Rücken. »Cheer up, mein Junge! Ich war auch einmal bald so weit wie du jetzt. Nun fahre ich Pullman und es geht mit rechten Dingen zu.«

»All right!« sagt Larry, »es gibt noch was schlimmeres als unter dem Wagen fahren.«

»Was denn?« rufen sie vergnügt, Männer und Frauen.

»Hinter einem Pult still sitzen! Übrigens kann ich aus Erfahrung sagen, die Wagen dieser Bahn sind bei weitem besser gebaut als die von andern Gesellschaften, als die von der Southern Pacific zum Beispiel.«

78 »Bist du auf der auch gefahren?«

»Unter der!«

»Ja, jawohl! unter der!« ruft man lustig durcheinander.

Larry steht breitbeinig da und zündet seine Zigarre an dem Feuerzeug an, das einer ihm gereicht hat. »Zweimal von Frisko nach Seattle.«

Man sieht es ihm an, er hat nicht gefrühstückt, wahrscheinlich auch nicht zu Abend gegessen gestern. Aber er steht da, schmutzig von oben bis unten, mit Mojaves gelbem Staub besprengt, Augenbrauen, Ohren, Nasenlöcher, Haare, Hut und Lumpen voll von Mojaves gelbem Staub – er steht da, eine Zigarre im Mund, aufrecht und mit erhobenem Kopf wie ein Gentleman, der seinen Klubgenossen von einer Reise erzählt.

Das ganze Publikum des Zuges hat sich um ihn angesammelt. Vorn an der Lokomotive arbeiten Tomkins und der Maschinist aus Leibeskräften. Noch zehn Minuten höchstens und man wird wieder fahren. Die Frauen zumal können ihre Blicke kaum losmachen von Larry. Larry ist ganz sicher geworden und fingert an seinem Kragen herum, als müßte er das Gefühl, das ihm dort von der Faust des Negers verblieben ist, abwischen, 79 irgendwie. Er wischt sich den Kragen entlang, als wäre die Stelle seines Gewandes allein beschmutzt, die der Schwarze angefaßt hat.

»Is n't he cute!« fragt eine ältere Dame aus einem der Privatwagen da hinten, einmal über das andere. Sie erwartet gar keine Antwort. Durch ihr goldenes Lorgnon blickt sie auf Larry, sie ist ganz betäubt von seiner Erscheinung. »Ja, das ist das Wunderbarste, was ich je erlebt hab,« spricht das junge Mädchen mit dem gelben Schleier leise vor sich hin.

 

Jimmy Wheeler vom Stab des Präsidenten ist zur Gruppe zurückgekehrt, hat in seine Brusttasche gegriffen und fächelt sich mit einer Fünfdollarnote im Sonnenschein. »Nun, alter Junge, zeig mal, wie du das gemacht hast.«

»Jimmy will die untere Wagenklasse verbessern für den Verkehr!« ruft der Spaßmacher laut.

Larry schaut nur mit halbem Auge auf die Note hinüber. Er hat's so eilig nicht, läßt sich bitten.

Das junge Mädchen dreht sich zu dem Berkeleymann um. »Ist er nicht wundervoll? Mein Lebtag habe ich nichts Ähnliches gesehen!«

80 »Er sieht nicht schlecht aus, der Bursche, das ist wahr . . .«

Larry hat sich zu Boden gebückt, um seine Zigarre im Sand auszulöschen. Aber plötzlich besinnt er sich und steckt sie, so wie sie ist, brennend Jim Wheeler vom Stab des Präsidenten in die Hand. Eins, zwei ist er die Böschung hinauf. Jim Wheeler bemerkt vor Staunen erst, wie Larry schon oben ist, was er in der Hand hält.

»Hölle!!« ruft er und wirft den Stummel auf den Boden. »Hat mir der Bursche seinen Stummel in die Hand gesteckt!«

»Der kommt noch in Teufels Küche!« spricht einer von den Lachenden. »Der war in Teufels Küche, verdammt noch einmal. Der ist nicht unterm Wagenboden geboren, Gott verdamm' mich!«

Alle blicken jetzt zu Larry hinauf. Er steht oben vor dem Gepäckwagen, unter dem ihn der Neger herausgezogen hat. Es stimmt schon, er sieht nicht übel aus; heruntergekommen, aber nicht gemein. Trotz und Verachtung kleiden Heruntergekommene vortrefflich. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er der Sohn eines Bankiers ist, eines Reichen. Es ist möglich, daß er auf einer Universitätsbank gesessen hat, ehe er so aussah. Wer weiß, was der auszufressen gehabt hat. So einfach ist dieses 81 Leben wohl nicht von statten gegangen, das eine steht fest. Die Phantasie der Zuschauer hat die Wahl, die Ursachen seines Niederganges festzustellen. Es gibt außer Diebstahl und Mord noch hundert andere Ursachen, je nach seiner Veranlagung mag der einzelne sich einen Reim auf dieses Menschenschicksal schmieden. Möglich, daß es aus Abenteuerlust gewoben ist, und weiter nichts. Zwischen Chikago und dem Stillen Ozean wimmelt es von Existenzen, die aus einem Fragezeichen bestehen. Zwischen Chikago und dem Stillen Ozean nimmt man es nicht so genau damit, was einer war, was einer ist.

Larry hält oben vom Rand der Böschung, wie von einer Tribüne herab, einen Vortrag vor der Volksversammlung. Mit kaum merklicher Ironie gibt er sich so, als wär's ihm nur um eine Anleitung zu tun, seinen Mitmenschen zum Frommen darzustellen, wie sie es in Fällen, die sich ja immer ergeben können, mit Gratisfahren anstellen sollen.

»Einen Hut muß man haben, weil der Kopf nach der Lokomotive zu gekehrt sein muß. Man bindet den Hut mit einem Faden unter dem Kinn fest, denn der Hut muß den Luftdruck abhalten. Aber das ist nicht unbedingt nötig. Ich bin einmal durch ganz Arizona ohne Hut gefahren, 82 weil er mir schon bei Flagstaff unter die Räder geraten war.«

Larry hat sich unter den Wagenboden begeben und liegt jetzt bequem wie auf einem Sofa auf dem Dreieck, das die mittlere Zugstange, der schief von vorn zur Zugstange hinüberleitende Längsträger und die kurze starke Achsengabel zwischen den beiden bilden. Er federt gewandt und ruhevoll, beschreibt Wellenbewegungen mit seinem Körper, reckt sich und wendet sich zur Seite, um zu zeigen, daß das Ganze kein Kunststück ist. Es sieht auch gar nicht sehr gefährlich aus. Allerdings eine Handbreit darunter, der Boden des Dammes. Und dann allerdings das Gewicht des Körpers auf der nicht sehr starken Zugstange in der Mitte . . . Und dann die langen Stunden, Stunden der Nacht . . . Und dann der Hunger . . . Und dann die Angst vor dem Entdecktwerden, vor dem Arbeitshaus, vor dem Verlust des einzigen Besitzes, der göttlichen Freiheit des Kommen- und Gehendürfens . . .

Keiner von denen unten spricht mehr ein Wort. Durch alle Gehirne geht es: die rollenden Räder, die Stunden der Nacht . . . die Not . . . die Freiheit, die dem Schicksal abgerungen wird, und der Preis, den man für sie bezahlt! Manch einer sagt sich, an sein ungestümes Herz fassend, das ihn selber 83 durch die Weiten treibt: und du, was wär mit dir, hätte es das Glück nicht gewollt, langte es nicht zum Billett oben im Pullman?!

Jimmy Wheeler und noch drei andere sind die Böschung hinaufgekrochen und hocken vor dem Gepäckwagen, unbekümmert um den Anblick, den sie den unten Stehengebliebenen bieten; die technische Seite des Experimentes interessiert sie gewaltig. Larry erklärt gelassen und genau die physikalischen Gesetze, die er auf seinen Fahrten erforscht hat. Er läßt den linken Arm los, zieht dann das rechte Bein herauf. So geht's und so geht's. Man kann das Schwergewicht von der rechten nach der linken Seite hinüber verlegen, falls sich Müdigkeit bemerkbar macht. Man kann sich auf den Nacken und die Ferse stützen, wenn's not tut. Nachts verändert man seine Lage besser nicht. Steigungen sind gefährlicher als Abwärtsfahren. Am meisten muß man sich auf den Brücken in acht nehmen. Auch zu stark geölte Gabellager können gefährlich werden.

Unten die Leute haben sich jetzt über den sonnebeschienenen Boden verteilt. Welche untersuchen den Sand, das Alkalipulver des Bodengeäders. Das Hündchen zerrt zur allgemeinen Belustigung an einem Wermutstrauch herum. Spaziergänger geben sich dem Genuß des freien Wüstenwindes 84 hin. Ungeduldige rufen zur Lokomotive hinauf: wie lange es in Teufels Namen noch dauern werde. Unter dem Gepäckwagen verdient sich Larry daweil seine Fünfdollarnote.

Um Larry kümmern sich nur mehr wenige von den Reisenden. Das junge Mädchen hat mit der Matrone Bekanntschaft geschlossen. Es ist die Frau des Zuckerkönigs aus Cincinnati. Sie läßt die Blicke nicht von Larry, das goldene Lorgnon kommt nicht vom Nasenrücken weg. Schließlich sind es nur noch Frauen unten vor der Böschung, die den Vorführungen unterm Gepäckwagen Aufmerksamkeit zuwenden.

 

Einer von den Fahrgästen fragt nach dem Wagen des Präsidenten. »Was wollen Sie von dem Präsidenten?« fragt der Schaffner. »Ach ja, wollen Sie dem Führer telephonieren, wie lange wir hier noch stehen bleiben?« »Das ist nicht nötig, soeben kam die Nachricht an den Präsidenten: noch fünf Minuten.« »Das genügt.«

Der junge Berkeley-Mann steht vor dem mit Schriftstücken überladenen Schreibtisch des Präsidenten, der, mit einem frischen Hemd angetan, seine Hafergrütze verzehrt.

85 »How do you do?«

»Die Sache ist kurz diese. Ich habe soeben eine Wette abgeschlossen, daß ich auf dieselbe Weise, wie der Hobo von San Franzisko bis hierher gefahren ist, von hier bis zur nächsten Station, nach Barstow, fahren werde. Ich möchte Ihnen das melden. Vielleicht habe ich etwas zu unterschreiben?«

Der Präsident sieht sich den Bittsteller von oben bis unten an. Der junge Mann ist ein Athlet, das sieht man. Es gilt eine Wette. Das ist zu bedenken. Der Präsident ist guter Laune. Da vorne auf der Lokomotive ist ihm seine ganze Jugend eingefallen; all die schönen, gefährlichen Tage der Jugend. Seine Stimme hat jugendlichen Klang, er kann nicht umhin, das Unterfangen des jungen Menschen heimlich zu loben. In ihm selber, der unendlich oft die unermessenen Weiten des Erdteils durchquert hat, steckt ja ein Hobo verborgen.

»Wie stehen die Odds?«

Der junge Mann lügt: »Fünf zu eins. Es ist fast nicht der Mühe wert . . .«

»Sind Sie schon mal so gefahren? Sie wissen, es gibt keine Notleine da unten.«

»Ich habe eben zugesehen, wie er es machte. Es ist weiter nichts daran. Wenn's ein Hobo 86 unternehmen darf, der seit einer Woche nichts im Magen hatte, so werde ich es mit meinen Muskeln noch zwingen. In Berkeley habe ich meine Baseballjahre gedient.«

Der Präsident lehnt sich in seinen Stuhl zurück und sieht den Bittsteller wohlgefällig an.

»So ist's in Ordnung? Dann auf Wiedersehen in Barstow! So long, president!«

»So long, boy!«

Vor dem Speisewagen begegnet er dem Hobo, der, eine frische Zigarre im Mund, von seinem Publikum begleitet, den Damm entlang kommt. Er greift ihm an die Schulter: »Hello, Larry! bis Barstow fahre ich in Ihrer Klasse!«

»Wozu? Sie wollen wohl einer jungen Dame imponieren? Die Leute im Zug sollen es wissen, daß einer unten fährt? Sie sind wohl ein Zeitungsmensch oder so?« Die anderen lachen. Larry fühlt sich, fühlt sich, obzwar er noch hungrig ist. Die Zigarre ist ihm zu Kopfe gestiegen. Alle Leute bewundern ihn, Männer und Frauen.

»Auf das Gefühl kommt mir's an, das ist alles. Sehen Sie, ich möchte das genießen.« Er sieht sich um. Die mit dem gelben Schleier ist weit, zwei Wagen weiter hilft ihr der Neger über den Schemel in den Wagen zurück. 87 »Auf das Gefühl kommt mir's an, auf nichts weiter.«

»Sie sind ein reicher Junge, was? Ein guter Sportjunge, was?«

»Sie doch wohl auch, Larry? Mit solch einer Leistung nimmt Sie jeder ordentliche Klub auf.«

Larry blickt sich im Kreis um und befördert die Zigarre in den Mundwinkel. »Und jedes Zuchthaus noch sicherer.«

Der junge Mann schiebt Larry aus dem Kreise der Leute heraus und geht mit ihm ein paar Schritte weit weg. »Wollen Sie sich einen Fünfzigdollarschein verdienen? Dann machen Sie es mir noch einmal vor, wie Sie bis hierher gefahren sind. Wollen Sie?« Der andere sieht ihn eine Weile stumm an.

»Zu einem guten Sport ist Larry Finch immer zu haben. Come along!«

Der junge Mann greift in die Tasche, aber Larry legt ihm die Hand auf den Arm. »Nachher, in Barstow. Ich weiß, ich hab es mit einem Gentleman zu tun.«

Die beiden gehen auf den Gepäckwagen zu. Die Kunde hat sich verbreitet im Zug und es folgen einige Neugierige. Man hört die ersten rasselnden Töne der Maschine, die in Ordnung kommt. Jetzt 88 tönt auch schon ein langer, hingezogener Pfiff, die baldige Abreise verkündend; der Wind trägt den Pfiff in großem Bogen weiter über die sonnige Wüste dahin.

Larry hat dem jungen Mann unter die Weste gegriffen und hakt den Zeigefinger in seinen Gürtel ein.

»Ich will Ihnen etwas verraten, was ich denen vorher natürlich nicht gezeigt hab! Wir haben auch unsere Geheimnisse, wir . . . und verraten sie nicht gern, das ist sicher. Aber Sie werden mir helfen, wenn ich an Land gehe!? Kommen Sie rasch, ehe uns die da hinten eingeholt haben.«

Die beiden stehen jetzt vor dem Gepäckwagen. Der junge Mann zieht sich die Mütze über den Kopf, kriecht unter den Wagen und nimmt auf den Stangen Platz, wie er es von Larry gesehen hat. Er hat sich den Gürtelriemen von den Hüften genommen und Larry ist dabei, ihm das Gelenk der Hand an die Stange anzuschnallen.

»Das ist das Geheimnis. Warten Sie, ich werde ein Taschentuch hinlegen, damit die andern Leute es nicht bemerken. So hat man einen Halt. Die Hand ist entlastet. Man kann seine Kraft nun auf die freie Hand, auf die Beine konzentrieren, 89 das ist ein Geheimnis unter uns Tramps. In Barstow . . . Sie werden mir eine Kleinigkeit zu den Fünfzig zulegen, abgemacht?«

»Larry, hören Sie doch, o Larry . . .«

Larry ist unter dem Wagen hervorgekrochen. Den ganzen Zug lang strecken sich Köpfe aus allen Wagenfenstern heraus. Larry macht mit den Armen Zeichen, daß alles in Ordnung sei. Und während der Zug sich langsam, langsam in Bewegung setzt, schwingt er sich geschickt wie ein Akrobat auf das Trittbrett des ersten Pullmanwagens hinauf. – Rascher, immer rascher, schneidend, sausend, fliegend die Fahrt dahin durch Mojaves Sand, Mojaves Wind, durch die Wüste Kaliforniens nach Osten.

 

Im Speisewagen saßen viele Leute und sahen zu, wie Larry seine erste richtige Mahlzeit, wer weiß, seit Monaten zu sich nahm.

Die Neger sahen ihm auf die Finger, damit nichts vom Eßzeug abhanden komme. Die Frauen sahen ihm auf den Mund, denn er war ja im Grunde ein hübscher und noch gar nicht alter Mensch. Die Milliardärin Walsh-Wintrop hatte eine Flasche Champagner gespendet und ließ durch ihr goldenes Lorgnon kein Auge von dem Hobo. Wo war das 90 junge Mädchen, die mit dem gelben Schleier? Da kam sie auch schon heran und ihre neu gewonnene Freundin, die Milliardärin Walsh-Wintrop, machte ihr Platz an ihrem Tische.

An Larrys Tisch aber, ihm gegenüber, hatte Mr. Henry O'Lafferty Platz genommen, der berühmte Verfasser von kurzen Geschichten aus dem Volksleben; zufällig befand er sich im Zug, da saß er nun und machte Notizen.

Er hatte schon viele Notizen gemacht, einen Haufen Notizen. Mit bewunderungswürdigem Scharfsinn hatte er aus der Art und Weise, wie Larry sein Kotelett verspeiste, die ganze Lebensgeschichte des Mannes herausgebracht, die in einer Kinderstube anfing, in einer richtigen Kinderstube mit einer sauberen Amme im Kolonialstil, und die sich dann zum Zuchthaus weiter entwickelt hatte, Stoff für ein halb Dutzend kurzer Geschichten aus dem Volksleben, bei Gott! Als guter Novellist hatte er zugleich sein Augenmerk auf Larrys Mund und seine Finger gerichtet, und wahrhaftig, Larry behandelte Messer und Gabel, ja sogar die Serviette und den Zahnstocher in einer Weise, als ob er mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen wäre, wie's im Sprichwort heißt.

»Haben Sie nie einen Flirt in Ihrem Leben 91 gehabt?« fragte der berühmte Novellist mit einem Seitenblick auf das dankbare Publikum an dem Nebentisch.

Larry wischt sich den Mund, lehnt sich im Stuhl zurück und pfeift leise einen Gassenhauer, ehe er sich zum Antworten bequemt. Es ist ein richtiges Interview, und Larry gerät ins Renommieren.

»Das letztemal, wie ich in Frisko ankam, hat mich eine Dame vom Bahnhof in ihrem Auto zu einer Lustfahrt durch den Park mitgenommen! Wenn ich gewollt hätte – aber eine Woche später war ich wieder unterwegs.«

»Wer war die Dame?« fragt die Milliardärin Walsh-Wintrop dumm. Sie kommt jedes Jahr für ein paar Wochen nach San Franzisko und kennt die smarte Welt wie ihre Tasche.

»Sie denken doch nicht, ich werde eine Lady verraten, was?«

»Eine Wohltäterin!« bemerkt der Novellist, der einen Charakterzug aus Larry herausholen möchte.

»Ach was, auf Wohltaten spucke ich! Aber ein Angeber bin ich nicht. Hätte ich Talent dazu, ich säße längst in Uniform auf einem Polizeirevier, wo mancher von uns schon gelandet ist, sobald ihn seine Kniekehlen nicht mehr vorwärts getragen haben.«

92 »Sie sind wohl sehr stark, daß Sie so unter dem Wagen fahren können . . . Welches Gewerbe haben Sie ausgeübt, ehe Sie so . . .«

»Zement; Portland in Oregon. Daher kann unsereiner auch Staub schlucken, so viel er will . . .«

»Man muß sehr stark sein, nicht wahr? man muß sehr stark sein dazu?« fragt das junge Mädchen. Sie hat beide Hände an ihre Wangen gepreßt, ihr Haar ist ganz verbogen von dem Schleier, sie sieht zerrauft aus und ihr Gesicht hat keine gute Farbe.

»So stark gar nicht, Lady. Mut und Geschicklichkeit, that's all. Sich richtig betten, ohne Angst, daß man herunterfällt. Wenn die Kappe einem vom Kopf fliegt, danach greifen, wenn man sich auch die Finger an den Steinen blutig schindet.«

»Wie? man kann die Hände frei bewegen da unten?«

»Natürlich, alle Gliedmaßen müssen frei spielen können, federn, nirgends fest, alles lose, wie auf einer Matratze, darauf kommt's an.«

»Und wenn Sie schlafen wollen, ich meine Sie und Ihre Kameraden . . .«

Larrys Augen werden ganz klein; er hebt seine Serviette zum Mund und gähnt lange, tief und überzeugt. »Tommy rot Kameraden! Sagen Sie ruhig Bums, Tramps, Hobos. Sie haben recht! 93 Bei Nacht – ich werde jetzt schlafen gehen; hab es verdient. Hello, Kellner! Die Direktion bezahlt's. Wecken Sie mich zum Dinner.« Und Larry begibt sich mit kurzem Nicken aus dem Speisewagen hinaus. –

»Man sieht,« wendet sich der Novellist zu Mrs. Walsh-Wintrop, »diese Menschen, für die die Gesellschaft keine Verwendung hat, stellen im Grunde den Ausbund von dem vor, was unsere Pioniere ehemals gewesen sein dürften.«

Ein alter Herr mengt sich ins Gespräch. »Ein stehendes Heer tut uns not. Solche Desperado haben immer noch die besten Soldaten abgegeben.«

»Aber die Disziplin, darauf kommt es an!«

»Glauben Sie, daß einer, der's aus eigenem Antrieb und Selbsterziehung drei Nächte lang in solcher Lebensgefahr aushält, sich nicht zu dem bißchen Disziplin trainieren läßt?«

Mrs. Walsh-Wintrop flüchtet vor dem Gespräch, das langweilig zu werden beginnt, in ihren Salonwagen zu ihren drei Zofen. Auch das junge Mädchen ist aufgestanden und folgt Mrs. Walsh-Wintrop. Der berühmte Novellist setzt seine Brille auf und fragt sich, indem er den Damen nachblickt, von wem sie einen größeren Eindruck mitnehmen, von Larry oder ihm.

94 Das junge Mädchen lehnt die Einladung von Mrs. Walsh-Wintrop ab. Sie ist müde und will auf ihren Platz zurück. Taumelnd geht sie die Korridore entlang. Über die schütternden Harmonikadurchgänge, durch die Reihen der Mitreisenden, durch alle Wagen. Die Fahrt schüttelt sie stärker als nötig. »Was ist Ihnen?« fragt die alte Dame, die ihr gegenüber sitzt. »Sie sind ja so blaß, wollen Sie mein Riechfläschchen haben?«

Aber sie schüttelt den Kopf, dankt und will allein sein. Sie bindet sich den Schleier fest ums Haar und geht nach hinten in den Aussichtswagen.

 

Im Aussichtswagen werden Wetten geschlossen. Die Kaufleute, ein paar Jobber, die es nicht erwarten können, in Chikago an der Börse zu sein, wetten um alles, um was zu wetten ist. Wieviel von der verlorenen Zeit wird man um zwei Uhr nachmittags eingeholt haben, wieviel um sechs Uhr, wieviel um zehn Uhr abends? Kleine Gruppen von Stühlen stehen beisammen, und Leute, die das gemeinsame Erlebnis einander nähergebracht hat, besprechen die Vorfälle dieses Tages. Ein junger Mann mit näselnder Stimme und unangenehmem Gesicht hält Wetten auf die glückliche Ankunft des Menschen unter dem 95 Gepäckwagen in Barstow. Das junge Mädchen stützt sich mühsam und mit tastenden Fingerspitzen auf die Lehnen der Stühle im Vorüberschreiten. Draußen auf der Plattform des Aussichtswagens läßt sie sich in einen Stuhl fallen, sie ist plötzlich so müde geworden, sie weiß nicht wovon. Schwer, als versagten ihr die Knie mit einemmal, fällt sie in den Stuhl, sinkt in seine Kissen, bleibt starr und ohne Regung sitzen in ihm.

Wie der Zug dahinschießt! Sitzt man in der Mitte der Plattform, so kann man es merken, wie der Zug die Luft zu Schleifen auseinanderschneidet. Zuweilen ist es, als hebe sich der Wagen in die Höhe wie das Ende einer geschwungenen Peitschenschnur. Dann wieder senkt sich der zurückbleibende Erdboden hinter dem Zuge wie eine ausatmende Brust. Eine kleine Station, deren Häuschen man kaum erkennen kann, wird im Fluge genommen, zurückgelassen, ist schon verschwunden.

Der Kellner kommt, ruft zum Mittagessen. Man verläßt den Aussichtswagen. Nur das junge Mädchen bleibt auf ihrem Platze sitzen. Ihre Hand hängt ohne Kraft über die Lehne nieder. Von der Bewegung des Zuges pendelt sie hin und her.

Sie blickt auf die in wütender Hast davonlaufenden glitzernden Schlangen, die über den 96 einförmig gelben Damm zu flattern scheinen. Die Sonne steht hoch und ein kalkiges Weiß kommt vom Horizont her über das ganze Land gezogen. Eisenklang, brütende Hitze, hoher Mittag – die Augenlider fallen zu, auf der Plattform ist nur das schlafende Mädchen.

 

Die Chancen der Leute, die auf die Ankunft um vier Uhr in Barstow gewettet haben, stehen schlecht. Es wird allgemein angenommen, daß man Barstow erst bei anbrechender Dunkelheit erreichen wird. Jeder im Zuge weiß nun von dem Menschen unter dem Gepäckwagen, von dem Menschen, der aus freien Stücken jetzt in diesem Augenblick dort unten mit dem Zuge fährt. Auf dem Weg vom Speisewagen in den Aussichtswagen zurück ist man an Larry vorübergekommen, der bezecht und schnarchend auf seiner Bank lag in todähnlichem Schlaf, mit offenem Mund und schweißbedeckter Stirne. Man interessiert sich nicht mehr so gewaltig für ihn. Der Novellist Lafferty hat einen Vortrag über das Problem des Tramps gehalten und die Sache sieht, nahe besehen, wahrhaftig weniger gefährlich aus, als man anzunehmen versucht wäre. Der Schwung könne den Nerven nichts anhaben, 97 hat Lafferty erklärt. Die Nerven akkomodieren sich ihm, wie oben im Wagen die Nerven der Fahrenden im Rhythmus des Zuges mitschwingen. Die Blutzirkulation leidet nicht, der Puls erhebt sich kaum über das Normale. Lafferty muß es wissen. Der berühmte Mann war ja, so tuscheln die Herren miteinander, ein simpler Landarzt in Nebraska, ehe er seine vierzigtausend Dollar jährlich mit Geschichtenschreiben verdiente.

Nur einer wagt es, ihm zu widersprechen. Es ist ein alter Herr mit würdigem Knebelbart, wie ein hoher Würdenträger des Staates oder ein vornehmer Bischof anzusehen, was in Amerika niemand, auch bei näherem Hinsehen, so leicht unterscheiden kann. Er ist recht alt und bewegt sich nur schwer wie ein Leidender, bei dem die Verkalkung schon weit vorgeschritten ist. Niemand würde in dem würdigen Greis Jake Cottrelly vermuten, der vor fünfzig Jahren der gefeierte Luftakrobat der Barnumschen Zirkustruppe und das leuchtende Idol aller amerikanischen Schulkinder gewesen ist. Mit feierlichen Gebärden und zahnlosem Mund hält er einen Vortrag über die Bedingungen, die der schwingende Menschenkörper zu erfüllen hat, wenn er sich der vehementen Vorwärtsbewegung fest am geschraubter Geräte anpassen will. Es ist nicht zu 98 ersehen, ob das junge Mädchen Interesse an dem Gesprächthema hat oder nicht. Ihr schönes Gesicht ist regungslos und wie erstarrt. In ihren Augen ist noch Schlaf zu sehen. Ein schwerer Traum, der sie noch im Wachsein beherrscht, spreizt ihre Lider weit auseinander.

Das Gespräch hat sich jetzt an dem Widerspruch erhitzt: einige behaupten, es sei ganz sicher, daß der Mensch unter dem Waggon sich durch irgendwelche Schutzvorrichtung Sicherheit verschaffen könne. Das aber ist es gerade, was der alte Akrobat leidenschaftlich verneint.

»Kein Trick. Mut, Besonnenheit und Entschlossenheit, – das ist alles, was man dazu braucht. Alles andere ist von Übel!«

»Und Verzweiflung!« sagt jemand im Hintergrund.

»Jawohl, Verzweiflung!« bestätigen einige ringsum im Wagen. Der Neger kommt jetzt herein und ruft laut: »Barstow!«

Wirklich, der Zug verlangsamt sein Tempo. Weiter drin im Lande erscheint ein langgestreckter, niederer Schuppen. Die Herren blicken auf ihre Uhren. Viele hundert Dollar stehen auf dem Spiele. Hinter dem Fenster sind die kahlen, merkwürdigen, wie aus Tuff getürmten Felsen im Abendrot zu sehen. Das hübsche, im spanischen 99 Missionsstil erbaute Stationshotel erscheint. Man ist in Barstow. Alles steigt aus.

Die Wettenden eilen zur Uhr im Büro des Stationsvorstehers, um ganz genau die Zeit zu konstatieren. Auch der alte würdevolle Akrobat steigt mit steifen Knien aus dem Wagen. Ihm hat sich Mr. Henry O'Lafferty angeschlossen, ein paar andere noch, und die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung zum Gepäckwagen. Schon hocken dort Leute, die die Kniebeuge machen und nach dem Menschen zwischen den Stangen Ausschau halten. Herr Henry O'Lafferty hat eine Brille auf die Nase gesetzt und verharrt gleichfalls in der Kniebeuge vor dem Gepäckwagen. Plötzlich wirft er sich flach nieder und greift mit der Hand nach irgend etwas, was an dem Boden des Wagens festklebt. Rasch zieht er die Hand wieder zurück, hebt sie zu seinen Brillengläsern empor, wirft aber das Ding sofort mit einem kleinen erschrockenen Laut auf den Boden vor sich nieder und bittet die Nächststehenden, sie möchten ihm auf die Beine helfen.

Die um ihn blicken auf den kleinen Schmutzklumpen zu ihren Füßen nieder. »Was ist's?«

Gehirn – Gehirnsubstanz – Blut – Staub.

Der alte Akrobat hat sich niedergebückt, so tief es ihm seine Knie und sein Rückgrat erlauben wollten. Er hat seinen zahnlosen Mund weit 100 aufgesperrt und deutet mit ausgestrecktem Finger zwischen die Stangen unter dem Boden des Gepäckwagens: »Sehen Sie dort – was habe ich gesagt!«

Alle schauen jetzt dorthin unter den Wagen. Eine ganze Schar von Menschen hockt vor dem Gepäckwagen und schaut.

An der Querstange baumelt ein Riemen, ein schwarzer fingerbreiter Riemen, der einigemale um das Eisen gewunden ist. »Ein Riemen!« ruft einer mit näselnder Stimme aus.

Alle richten sich langsam auf, einer nach dem andern. Einigen gelingt das schwerer, als man's von solchen kräftigen, gesunden Männern voraussetzen sollte.

Da hört man hinten auf dem Perron des Bahnhofshotels schallendes Gelächter. Dort steht Larry Finch, diesmal von Whisky betrunken, die Hände in den Hosentaschen und wiegt sich auf den Fersen hin und her.

»Was lacht der Kerl!« ruft man aus der Gruppe hinüber.

»Halte deinen Mund dort hinten! Er soll nicht lachen! Führt ihn doch weg!« Aber Larry läßt sich nicht beirren. Hin und her wippt er auf seinen Fersen, hat die Mütze in den Nacken geschoben und ruft lachend einmal über das andere:

»Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur! Ein Amateur!« 101

 


 

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