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Geschichten aus zwei Welten

Arthur Holitscher: Geschichten aus zwei Welten - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus zwei Welten
authorArthur Holitscher
year1914
firstpub1914
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGeschichten aus zwei Welten
pages225
created20110724
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Scab

Auf der Jeffersonstraße war immer noch Geschrei und Gebrüll. Einmal konnte man es näher hören, einmal war es weiter weg. Einmal war es auch ganz in der Nähe. Es wurde geschossen. Und immer, nachdem geschossen worden war, ertönte das Gebrüll wütender, die Schüsse schienen die Mordlust der Menge aufzustacheln, gewiß wäre das Gebrüll in Jauchzen umgeschlagen, hätte die Menge ihre Mordlust befriedigen können.

Durch das Tor des Stalles kam, unten durch einen Spalt, ein wenig Licht herein. Tom hockte vor dem Spalt und besah sich den frischen Riß in seiner alten schäbigen Hose.

»Willst deine Hose flicken?« sprach einer aus dem Dunkel hinten, wo der Schiebkarren und die Fässer standen. »Wird noch gut genug sein für den Scheiterhaufen, wenn sie uns zu packen kriegen.«

»Schrei nicht,« erwiderte Tom, »brauchst nur zu schreien und sie haben uns.« Er hatte ein derbes, scharfklingiges Taschenmesser aus der Tasche gezogen und trennte die herunterhängenden Fäden von dem Riß, so daß der Stoff nicht in Fransen herumschlotterte, sondern in einem Stück. Dann schlich er sich von der Tür weg auf einen Haufen Stroh am andern Ende des Stalles. Dort saß er und kraute nachdenklich in seinem harten, verfilzten 32 Kraushaar herum. Daweil hatte der andere hinter den Fässern still vor sich hin zu greinen angefangen. Gurgelnd kam Weinen aus seiner rauhen Kehle heraus, unterdrückt und dann plötzlich hervorplatzend. Wenn's dunkel ist und man sein Gesicht nicht sehen kann, dann weiß man nie, lacht oder weint der Neger. Lachen und Weinen klingt gleich aus diesen kollernden und tierischen Kehlen herauf.

»Hast du Angst, daß du so weinst?« frug Tom mit Verachtung. Er klappte sein Messer auf und zu, auf und zu, dieses Geräusch machte den andern noch aufgeregter.

»Wenn sie dich mit einem Messer in der Hand erwischen, dann machen sie uns beide ganz gewiß kalt. Jetzt können wir nicht zurück zu den Alten. Was wollen wir jetzt machen. Wir können nicht zurück! Wenn sie uns erst nach acht Tagen oder nach drei Wochen sehen, das ist ganz gleich, wir werden ganz bestimmt auf den Ast geknüpft oder verbrannt bei lebendigem Leib, wie sie es voriges Jahr mit Morton Haregrow gemacht haben, gewiß, oh . . .«

»Wer der Teufel hat dich auch geheißen, mit dem Aas von Grover herumzulaufen.«

»Er hat's ja gar nicht getan. Er hat's ja gar nicht getan!«

33 »Weißt du sicher?«

»Sicher.«

»Er schaut aber so aus, als ob er's tun könnte. Vielleicht hat er es diesmal nicht getan, aber vielleicht war er es, der letztes Jahr am Unabhängigkeitstag Annie Weltmann überfallen hat, – damals wie sie Ben Toolemach aufgehängt haben dafür . . . Hat er dir nichts gesagt?«

Der hinter den Fässern hörte nicht auf, zu gurgeln und zu winseln. Draußen waren die Lärmenden weiter gelaufen. Jetzt war Ebbe in der Wut des Volkes. Ganz von ferne hörte man aber noch einmal Geschrei aufflackern, vielleicht waren sie einem auf den Fersen, vielleicht hatten sie einen.

»Hast du das Weib gekannt?« fragte Tom, als es wieder ruhig war. Wie in einer Trommel hörte man alles von draußen, aus der Nähe und ganz von weit her. »Was war das für eine? War sie für Weiße zu haben?«

»Nein, sie war noch zu jung. Ich hab sie gesehen über die Gasse. Sie hatte rotes Haar und ganz weiße Haut und kleine braune Flecken auf dem Gesicht. Ihre Mutter ging waschen, aber sie konnte Klavier spielen. Es waren Irländer.«

»Ich hab mal für eine Weiße ein Paket 34 getragen. Ich hab es hinter ihr getragen. Sie hat seidene Röcke angehabt. In ihrem Zimmer hab ich beim Tisch gestanden, wie sie das Paket mit der Schere aufgeschnitten hat. Draußen im Gang waren Leute, aber drin im Zimmer war niemand, nur sie und ich.«

»Ich hab einmal durch ein Schlüsselloch gesehen, wie sich drin eine Weiße ausgezogen hat. Sie hat ihr Hemd ganz hochgezogen und hat ganz feste Brüste gehabt und große rote Monde. Die Frau, bei der Sasie in der Küche ist.«

»Horch . . .«

»Eine Ratte!«

Dann schwiegen beide still.

»Wann hast du gegessen?« frug Tom mit hungrigem Ausdruck.

»Heute.« Dann ging's wieder mit Winseln los.

»Ich nicht. Nichts noch heute, kein Frühstück.« Er tastete auf dem Boden herum. »Hier gibt's wohl nichts . . .«

»Vor Nacht können wir nicht hinaus. Wer weiß, ob nachts. Sie werden gewiß wieder in Patrouillen herumstreifen die ganze Nacht, diese weißen Bestien. Wenn sie bis zur Nacht keinen von den Unsern haben, dann trau ich mich nicht hinaus.«

35 Es verging die Nacht und der folgende Tag, und erst wie es wieder Nacht wurde, machten sie leise die Tür auf und nahmen Abschied. Irgendwohin hinaus machte sich Tom auf den Weg. In dem alten verfaulten Schuppen waren sie vom Gestank halb betäubt dagelegen am Ende, zwischen dem schimmligen Lehmhaufen und einer alten morschen Egge, an deren Holz wie an dem Holz der Fässer sich Mäuse und Ungeziefer gütlich taten. Die Pausen zwischen dem Hunger waren Schlaf und leise blökendes Weinen. Aber jetzt war der Holzriegel zurückgeschoben und die Türe des alten Schuppens knarrte und schwang hin und her im Nachtwind.

 

Tom saß auf einem Meilensteine zur Seite der weißbestaubten Chaussee und hatte die Hände in den Hosentaschen. Es mochte halb acht abends sein und er war müde.

Hungrig war er nicht mehr, überall gab's was zu stehlen, überall lagen Bananenschalen, faule Feldfrüchte oder Äpfel, überall gab's Nigger, aber auch Weiße, von denen man etwas zu beißen bekommen konnte, obzwar die Weißen in einem schwarzen Gesicht die eingefallenen Hungerbacken nicht so erkennen können wie die von der eigenen Farbe.

36 Alles, was Tom aus der Geographie wußte, war: daß es hier, wo er jetzt durchkam, viel weniger Schwarze gab als daheim, und daß sie sogar auf den Trambahnen mit den Weißen auf derselben Bank sitzen durften, das war ganz wunderlich. Tom war über Landstraßen gegangen, dann, wenn plötzlich ein weißes Gesicht ihm Angst eingeflößt hatte, querfeldein mit gebogenem Rücken durch Gebüsch dahingeschlichen, an Ortschaften vorbei, kleinen verstreuten Häusergruppen, immer im Bogen außen herum, über eine Brücke und noch eine Brücke. Die eine war sehr lang und die andere ganz kurz. Einmal hatte ihn eine Hochzeitsgesellschaft von Negern, die in einem großen Leiterwagen auf eine schöne Stadt in der Nähe zufuhr, ein ganzes Stück lang mitgenommen. Aus Mitleid hatte man ihn aufgegabelt und beim Kutscher vorn aufsitzen lassen. Als die Stadt in Sicht kam, mußte er herunter, er war ja auch zu zerfetzt. Aber von dem Geld, das die Gesellschaft ihm zugesteckt hatte, konnte er sich dann eine ganze Woche lang halten, ja sogar einmal eine Strecke mit der Bahn fahren, nachdem er sich vorher in einer Bar beim Bahnhof angetrunken hatte. Jetzt, wie er auf dem Meilenstein saß, war er wieder niedergebrochen. Er saß auf dem Stein, und wenn sein Gehirn dazu fähig 37 gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich überlegt. Aber es war nur neblig und verworren in seinem schwärzlichen Negerkopf.

Ein paar Vorstellungen und Erinnerungen wühlten sich träg und schläfrig durcheinander; Zorn und Bitterkeit legte sich wie eine zähe Asphaltmasse um sein Gehirn herum und blieb auf allen Poren seines dumpfen Wesens liegen, so daß er nicht Atem schöpfen konnte inwendig.

Es war ihm unrecht geschehen, das war sicher. Das heißt, man hatte ihn verfolgt und wollte ihm an den Leib wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte. Wenn man ihm damals an den Leib gegangen wäre, wie er das Huhn gestohlen, die Milch ausgetrunken, die Postpakete vom Briefkasten heruntergeholt und die Marken von den Umschlägen weggerissen hatte, – das wäre nicht unrecht gewesen. Aber jetzt konnte er nicht mehr zu den Alten im alten Holzhaus daheim und nicht zu den Geschwistern mehr heimkehren.

Toms schmutziges Gesicht war naß von Tränen. Er gluckste und gurgelte laut und seine Tränen fielen über die vorstehende Oberlippe hinunter durch die Luft auf die Überreste seiner weißgelaufenen Stiefel, die er an seinen Füßen mit Spagat 38 umwickelt und zugebunden trug, und machten schwarze Flecke auf den Schuhen.

Daheim in der alten Hütte, wo Küche und Wohnzimmer derselbe Raum für acht Menschen, sechs Erwachsene und zwei Kinder, war, hatte er's nicht sehr gut gehabt alle Tage. Hie und da waren nur sechs oder auch nur fünf zu Hause, aber das dauerte nicht lang. Die Familie hatte keine große Ausdauer in der Arbeit, und kaum war einer oder eine ein paar Tage lang draußen gewesen auf einem »Job«, so kam er oder sie auch schon bald wieder mit hängenden Mundwinkeln zurückgeschlurft und die breiten Hände baumelten ihnen resigniert an den langen Armen herunter.

Aber in der großen geblümten irdenen Schüssel gab's immer etwas zu essen, ein pappiger fester Brei mit ein wenig Kohlblättern oder Gemüse drin oder auch ein Stück irgendwoher geholtes Fleisch. Die Alten keiften wohl, aber das taten sie doch immer, ob sie Ursache oder keine hatten; im Grunde waren sie gutmütig und leicht versöhnt. Und mit den beiden Kleinen, die komisch und flink waren, konnte man tagelang herumspielen und sich köstlich unterhalten.

»Ol' dad! Ol' mamie Sue!!« Nicht wiedersehen. Nicht mehr. Es schüttelte ihn, so oft er diese Worte 39 aus sich heraus stieß, vor sich hin sprach, flüsterte, stotterte oder brüllte, je nachdem der Schmerz in ihm anschwoll oder nachließ. Er wurde immer unglücklicher und es wurde ringsum immer dunkler. Schließlich ließ er sich wie ein Stück Stein oder einen Sack Sand von seinem Meilenstein in den Graben hinunterkollern, wo er im Gras unter der Chaussee in tiefem und gesundem Schlaf neun Stunden lang liegen blieb, bis in alle Gottesfrühe hinein, mit offenem Mund, der ganz weiß ausgepolstert war vom Staub, den die vorüberfahrenden Karren und Automobile auf der Chaussee emporwirbelten.

 

Toms Schuhe waren, als er auf ihnen in Trenton im Staate New Jersey angelangt war, bis auf ein Stück brüchiges Oberleder zusammengeschmolzen. Zeitungspapier, vielfach zusammengelegt, ersetzte die Sohlen. Der Spagat hielt. In Trenton aber hatte Tom unter der Brücke an der Kanalböschung ein Paar Schuhe gefunden, von dem der rechte einst ein Knöpfstiefel gewesen war, der andere aber ein noch ganz gut brauchbarer Halbschuh. Dieses Glück nahm Tom als beste Vorbedeutung auf und zog mit erneuter Hoffnung auf die letzte Etappe seiner Reise los.

40 Am Dienstag abend war er in New York, der Stadt, von der im Kreis der Angehörigen um die geblümte Schüssel schon immer die Rede gewesen war, – und die er wahrscheinlich nie gesehen hätte, wenn das Leben ihn nicht gezwungen hätte, von der guten alten Schüssel fortzulaufen. Von der Stadt New York hieß es, daß es in ihr immer Jobs für Nigger gibt, daß man dort seit Menschengedenken keinen Nigger gelyncht hat, ja, daß sogar, was noch merkwürdiger war als die gleiche Bank für Weiße und Schwarze auf der Trambahn in Maryland, große und hohe Häuser in der Stadt standen, darin Schwarze und Weiße zusammen ihre Wohnungen hatten. Im selben Haus, auf demselben Stockwerk, sogar in Zimmern nebeneinander.

»In New York gibt's immer einen Job für Nigger!«

– – Ein Job! ein Job für Tom! Dollar in der Tasche und einen neuen Anzug und ein Paar Schuhe vielleicht! Vor der Fähre am Hudson stand er und wiederholte die Worte in sich, gaffend und mit offenem Mund und runden Augen hinüberstarrend auf die Häuser – Türme, Berge von Häusern, unermeßlich große Häuser, große löcherige Häuser, riesige Häuser drüben an der Südspitze von Manhattan. Auf dem Weg von Trenton hierher 41 bis ans Wasser in Hoboken waren überall Nigger mit allen möglichen Arbeiten beschäftigt gewesen; aber drüben, wo die großen löchrigen Häuser standen, die riesigen eckigen Häuser, dort war es, das war New York, von dem daheim in der alten Hütte die Rede ging, daß es dort immer Jobs für Nigger gäbe. Dort hinüber mußte man, denn dort waren die Jobs, Dollar in Toms Tasche. Fähre kostet Geld, aber es war nicht die erste Fähre seit Virginien. Das machte man so: es standen da Wagen hinten in der Reihe, wartend, und hinter dem letzten sah niemand zu. Mit einem Schwung konnte man sich oben zwischen den leeren Blechkannen im Wagen verkriechen und drüben dann auf der andern Seite des Wassers hinausspringen, ohne viel mehr dabei zu riskieren, als einen Fußtritt oder einen Peitschenschmiß oder im besten Fall einen Fluch hinterdrein. Dann hui! um die nächste Straßenecke.

Tom schlich um die letzten Wagen in der Reihe herum und wartete auf eine Gelegenheit.

Plötzlich stand jemand neben ihm und sagte:

»Want a job?«

Tom streckte die Zunge aus dem Mund und kniff die Zähne um die Zunge zusammen. Ihm war fast schlecht vor Staunen geworden. Er wußte nicht, was das heißen sollte, wie ihm geschah. Mit 42 langsam hin- und herschwingender Zunge leckte er sich die Oberlippe blank.

Der Mann war ein dicker, weißer Amerikaner mit fleischigen Fäusten, die wie Beulen aus den Hosentaschen seines großkarierten Anzugs sich herauswölbten. Er hatte einen runden steifen Hut auf seinem breiten Kopf sitzen, hinten in den Nacken geschoben. Aus seinem Mundwinkel stach ein Zahnstocher heraus, den er dann mit einem Strahl von gekautem Gummi auf die Straße spuckte.

Tom erinnerte sich nicht, in seinem ganzen Leben in solch menschenfreundlicher Absicht von einem Weißen angesprochen worden zu sein. Er hob seine rechte Hand mit der Fläche nach außen zu seinem Kopf und grinste ungläubig über sein ganzes Gesicht.

»Got a job for me? Haben Sie Arbeit für mich, Boß?«

Der Amerikaner riß den Mund auf, kratzte mit dem kleinen Finger hinten an einem schadhaften Zahn in seinem breiten Oberkiefer, kniff die Augen zu und drehte sich zum Gehen um. Dabei hörte Tom etwas aus dem aufgesperrten Mund, das wie »come along« klang. Er ging hinter dem Amerikaner her, der an dem Schalter für sie beide den Überfahrtspreis erlegte; dann 43 schoben sie sich die Barriere entlang der Fähre zu, aus der auf der andern Seite der Barriere die Angekommenen in entgegengesetzter Richtung nach Hoboken vorwärts drängten.

 

In New York drüben, zwei Straßenecken weit von der Landungsstelle standen in einem wahnwitzig übelriechenden Gäßchen zwei Reihen von hochräderigen Karren, die mit dürren Kleppern bespannt waren, knapp an die schimmligen Türen der Häuser gedrängt, in einer Brühe von schwarzem fettigen Unflat. Zwischen den beiden Reihen war eine Kette von Cops aufgestellt, d. h. »Kupfern«, coppers, breitschulterigen blauen Polizisten mit blanken Kupferknöpfen auf ihren Uniformen. Der schmale Raum, der vom Pflaster des Gäßchens zwischen den beiden Karrenreihen übrig blieb, war ganz von Cops besetzt; jedem hing von einem gelben Ledergürtel eine gelbe, gewaltige Revolvertasche die Hüften herab. Der karierte Amerikaner puffte Tom die Reihe entlang vorwärts, zwischen den Cops, vor sich hin, bis er ihn in den Torweg eines langgestreckten niederen und schmutzigen Hauses hineingepufft hatte.

Tom erhielt einen Dollar sowie zwei breite 44 Lederfäustlinge und mußte sich in eine Reihe mit ähnlich zerfetzten und verhungerten Niggern stellen, die auf dem Hof des Hauses warteten, und bei denen er sich erkundigen konnte, was da eigentlich los sei? Ob man sie einsperren würde, oder ob sie Geld verdienen würden? Die Cops und die Dollarzettel zugleich waren ein Problem, vor dem Toms Begriffsvermögen gleich von vornherein kapitulierte.

Aber ehe er noch aus den Niggern ringsum eine Antwort herausbekommen konnte, kam eine Patrouille von berittenen Cops dröhnend durch den niederen Torweg hereingeritten. Die Nigger setzten sich in Bewegung, Tom wie die Vorderen. Als die Reihe an ihm war, machte er es den andern nach, stieg vorn auf den Karren hinauf, zog die Fäustlinge über seine Hände, knallte mit der Peitsche über die Zügel und der Klepper hob die Ohren.

Vorwärts ging's in einer langen Kette, so gut es das enge Gäßchen, die schmale Gasse um die nächste Ecke herum und dann die winkligen und ebenso engen Straßen weiter in die Stadt hinein zuließen. Zwanzig, dreißig Karren und mehr noch, leere Karren, auf jedem oben ein schmieriger und verhungerter Nigger mit Fäustlingen an den Händen und einer Peitsche schräg vor der Nase. Zu beiden 45 Seiten jedes Karrens je ein wohlgenährter und imposanter Cop, der auf einem feisten, gelbgezäumten Gaule fest und sicher einherritt.

Hier und dort vor den Schnapskneipen, an einer Straßenecke, in einem Torweg, standen kleine Gruppen von Männern in schäbigen Anzügen, mit finsteren Gesichtern herum. Man konnte genau sehen, wie die Cops und ihre Pferde nervös wurden, die Männer sich in die Brust warfen, die Gäule unter den angezogenen Schenkeln ihrer Reiter zu tänzeln anfingen, so oft der Zug an einer dieser Menschenansammlungen vorüberkam. Die Revolvertasche am gelben Riemen machte einen kleinen Sprung mit. Hie und da bemerkte Tom, daß einer aus der Gruppe oder auch mehrere ihm etwas zuriefen, etwas, was ihn betreffen mußte, denn ein wuterfüllter, blasser Blick schoß ihm über dem Wort, das ihm galt, direkt zwischen die Augen. Aber da er sich mit einem Blick nach vorne vergewisserte, daß die Nigger auf den andern Karren sich auch nicht weiter an diese Worte und Blicke kehrten, bewahrte er seine Ruhe, und hieb wohl noch als einzige Antwort eins mit der Peitsche dem Klepper die mageren Rippen lang. 46

 

Genau drei Tage später, als Tom am Abend in sein Logierhaus zurückkehrte, wo er mit den Niggern von den andern Karren auf Schlafstelle war, hatte er in seiner Tasche drei zusammengeknüllte Dollarscheine und einen halben Dollar in Silber, Nickel- und Kupfermünzen bei dem Taschenmesser stecken – eine Summe, so groß, wie er bis zu diesem Abend noch keine sein eigen genannt hatte. Er sagte sich mit nicht geringer Genugtuung: auch keiner von seinen Leuten daheim hatte jemals soviel beisammen in seiner Hosentasche getragen. Obzwar die Schlafgenossen ihn nicht wenig aufzogen wegen des ungleichen Paars von Schuhen an seinen Füßen, beschloß er, morgen in der Mittagspause doch, statt zu einem Schuhtrödler, auf das Postamt zu gehen und einen Teil seines Verdienstes an die Alten in Virginien zu schicken, damit sie sehen mögen, daß er noch lebte und daß es mit ihm sogar all right vorwärts ging in der Welt. Unter dem weißen Volk! In der großen Stadt, die keiner von der Familie noch jemals gesehen hatte. In der großen Jobstadt unter den weißen Bosses! Ihm armen elenden kleinen Nigger, der daheim unter den Ferkeln, ungebildet wie ein Ferkel großgewachsen war, gut genug um herumgejagt und schließlich gebraten zu werden auf dieser heißen Erde des weißen Herrgottes.

47 Im Schlafsaal saßen zwei Nigger auf dem Bett Jerry Nolans, Toms Schlafnachbarn. Ein paar andere standen um die beiden herum, es war ein lautes Geschwätz im Raum. Jerry kam heute nicht zum Schlafen heim. Er und Gus, der breite kurze Nigger mit den vier fehlenden Vorderzähnen, beide lagen heute steif und mit verbundenem Kopf, verbundener Schulter, im Lazarett an der Achtzehnten Straße. Jetzt, da die Cops die Müllkarren nicht mehr begleiteten, hatte Jerry von einem Weißen mit einer nägelbespickten Latte eins über den Kopf bekommen. Auf Gus gar hatte man geschossen an der Ecke von Madison Square und der Fünften Avenue.

Tom setzte sich mit verwirrtem Gesicht auf sein Bett und frug: »Lynchen sie jetzt die Nigger auch in New York?« Ein alter Bursche mit weißem Kraushaar über seinem ölbraunen Gesicht sperrte den Mund auf und seufzte: »It's the Lock-out! Die Aussperrung! Das ist die Aussperrung!«

Einer auf Jerrys Bett wußte zu erzählen, daß drüben an der Ostseite in manchen Straßen der Mist seit einer Woche fußhoch auf der Straße liege, weil es zu gefährlich war, die Karren, sogar unter Polizeibedeckung, in jene Gegend zu schicken. Der 48 Alte meinte, das sei ganz gut, denn das bedeute Arbeit für die nächsten Wochen hinaus, wenn man sich erst in der Bevölkerung beruhigt haben und die Karren unbehelligt passieren lassen wird. Billy Wintrop, der Nigger aus Oregon, hatte gehört, daß die Stadtverwaltung die ganze Müllabfuhr von nun an durch Nigger besorgen lassen wolle. Der große schwarze Boß von Harlem sei gestern vom Bürgermeister empfangen worden, das sei ein Zeichen, ein gutes Zeichen.

Tom machte sich im Grunde wenig Gedanken über all diese schwerverständlichen Dinge. Daß irgend etwas bei der ganzen Sache nicht in Ordnung war, dämmerte ihm wohl. Die beiden berittenen Cops, die einen so wenig wertvollen Transport wie eine Fuhre Mist mit Revolvern bewachten. Die farbigen Hausknechte, die aus den Häusern beim Herannahen des Karrens die großen eisernen Mülleimer mit einem Knall auf den Rand des Bürgersteiges hinwarfen, um darauf gleich, wie von einer Schlange gestochen, husch! wieder in ihren Häusern zu verschwinden. Das doppelte Aufgebot von Schutzleuten, unten an der Landungsstelle der Kähne am Hudson, in die die Karren ihre Ladung umstülpten, damit sie sie nach dem Mistkrematorium bei Rockaway hinausführen. Über all diese Dinge 49 machte sich Tom wenig Gedanken. Morgen ging aus seiner Tasche ein mit rechten Dingen erworbener Dollar nach Virginien heim zu den Alten in der alten Hütte. Tom stand von seinem Bette auf, zog mit einem Ruck die Hose in die Höhe, stellte sich im Bewußtsein, einen richtigen Job und eine richtige Schlafstelle zu haben, pfeifend mitten im Saal auf. An der Tür des Saales war ein weißes Papier angeschlagen. Ein Neger buchstabierte den Wortlaut des Anschlags drei anderen vor, die an seinen Lippen hingen, als Tom hinzutrat und zuhörte.

»Ihr Leute! Im Interesse Eurer Sicherheit ist es geboten, daß das Tor dieses Logierhauses um zehn Uhr geschlossen wird, und daß alle, die ins Haus gehören, um diese Stunde darin anwesend seien . . .«

Tom hörte weiter nicht zu. Was weiter kam, waren die Namen von irgendwelchen Leuten, die den Niggern hier herumkommandierten, das war gewiß. Tom fühlte zum erstenmal seit langer Zeit wieder so etwas wie einen richtigen kräftigen Zorn in sich. Jetzt ahnte er ja, was es mit dem Lock-out, von dem der alte Bursche mit dem weißen Kraushaar gesprochen hatte, für Bewandtnis habe. Um zehn Uhr abends sperrten sie das Tor zu. Wer nicht da 50 war bis zu der Zeit, dessen Leben war nicht viel wert. So war es auf dieser weißen Welt. Schon einmal war er ja ausgesperrt worden! Nicht mehr in das alte Haus zurück! zu den Alten! Das war es, was die Nigger erwartete, überall in diesem Land, in dem der Weiße regiert. Tom fühlte sich aufgelegt, in der Zeit, die noch bis zehn Uhr übrig blieb, ein paar von den Nickeln und den Kupfermünzen aus seiner Tasche auf den Schenktisch der Bar an der nächsten Straßenecke springen zu lassen. Immer saßen dort ein paar Nigger herum und es war gut, ein wenig Whisky hinunterzugießen, um die Tränen, die die Gurgel heraufzusteigen drohten, zurückzuspülen in den Magen.

 

Eine Viertelstunde vor zehn wischte sich Tom den Mund und machte sich auf den Heimweg. Einige Nigger aus seinem Logierhaus, Müllkutscher wie er selber, blieben sitzen, er aber stand brav auf, sagte Gutenacht und ging in die Gasse hinaus.

Es waren nur hundert Schritte oder so von der Bar bis zum Logis. Hinten die ungeheuren Häuser, dreißig Stockwerke hoch und höher, weiß und schimmernd mit blitzend sauberen Fenstern, trennten die Stadt, wie eine einzige hohe 51 Festungsmauer, von dem elend schmutzigen Hafenviertel ab. Die niederen, lang gestreckten Baracken, von Schmutz starrend, dunkelgrün verschimmelte Häuser, Speicher aller Art, Werkstätten und Geschäftshäuser, jetzt ganz verlassen, verliefen sich weiter in die langen, schmal ins Wasser hineinstechenden Piere, an deren Quadern die Wellen des Hudson sich in dumpfer Brandung flach schlugen, an deren Ketten und Tauen die hundert Schiffe der Transportlinien, überseeischen Dampfergesellschaften leise knirschten. Zwischen Speichern und Pieren bedeckten Abfälle die Räderspuren der Fuhrwerke, die tagüber den Schiffbäuchen Futter zuschleppten oder aus ihnen Futter ins Land hereinzogen.

Diese Gegend der unteren Stadt, zwischen den eigentlichen Geschäftsstraßen und den Anlegeplätzen der Dampfer galt mit zu den übelsten New Yorks. Sie war nur zu vergleichen mit den östlichen Hafenvierteln am Eastriver, zwischen den großen Faktoreien, über deren Dächer hinweg sich die Brückenbogen riesenhoch nach Brooklyn und Williamsburgh spannten. Selten verirrte sich zur Nachtzeit jemand, den keine dringenden Geschäfte dazu zwangen, hierher in die verrufene Gegend. Selten sah man gut angekleidete Leute durch die engen, schlecht beleuchteten Gassen eilen und die waren entweder 52 Journalisten, die hier für ihre Zeitung etwas auszukundschaften hatten, oder aber Geschäftsleute, die irgendeine Sorge antrieb, ihr Büro in einem der Häuser da unten aufzusperren und sich nächtlicher Weile beim Schein eines Glühlichtes über ihre Bücher herzumachen und zu arbeiten.

Tom ging den Weg durch die kleinen Gassen heiter und in guter Stimmung entlang. Ihm war diese schmutzige finstere Gegend die herrlichste Umgebung, in der er sich je befunden hatte. Es war die Stadt der Jobs und in dieser Stadt dahier hatte er sich eine richtige Fertigkeit angeeignet. Er war jetzt ein gelernter Kutscher und stand eine ganze Stufe hoch über dem keinerlei Gewerbes kundigen Grünhorn, dem frisch in dieser Stadt Angekommenen, der auf seiner Jobsuche in den Hafenkneipen eine klägliche Figur abgab. Ein bißchen schwankend und im Bewußtsein, ein richtiger gelernter Arbeiter zu sein, setzte Tom einen Fuß vor den anderen auf dem Heimweg zum Logierhaus. An der Ecke des Gäßchens wurde Tom von einem jungen Mädchen aufgehalten, das vor ihm stehen blieb und ihn ohne weiteres ansprach.

Dieses junge Mädchen war in einem gutsitzenden hellen Sommerkleide und hatte einen dunklen Hut mit weißer Feder auf ihrem gewellten Haar. Ihre rechte Hand, von der der 53 Handschuh abgestreift war, streckte sich zart und schimmernd dem Niggerjungen entgegen. Ehe er sich dessen versah, hatte das junge Mädchen seine rauhe, schmutzige Hand erfaßt, geschüttelt und losgelassen, und die weiße zarte Hand umpreßte nun seinen Arm mit sanftem Griff, so daß Tom im Gehen innehielt. Zugleich fühlte er sich in ein offenes Tor hineingedrängt; dort blieb das junge Mädchen stehen und sagte:

»Sie wollen in Ihr Nachtquartier gehen, Bruder, ich will Sie nicht aufhalten, nicht lange. Sie sind müde von der Arbeit des Tages und haben die Ruhe verdient. Sie werden gut schlafen heute nacht, denn wer ehrlich gearbeitet hat den Tag lang, darf bei Nacht gut schlafen. Aber vielleicht werden Sie doch nicht so gut schlafen, als wenn Sie wirklich ehrliche Arbeit getan hätten heut am Tage. Werden Sie nicht ungeduldig, teurer Bruder, hören Sie mich an!«

Tom sah das Mädchen an und schwieg. Ein weißes Mädchen! Eine Weiße, die mit ihm allein bei Nacht in einem dunklen Tor in einer verlassenen Gasse beisammen stand und ihn anredete! Er wußte nicht, wie ihm geschah, und auch nicht, was er von diesem Abenteuer halten sollte. Er duckte sich, blickte nach dem dunklen Torweg hinter sich und in das Gäßchen hinaus, ob nicht weiße Männer 54 in der Nähe waren: ihm fielen plötzlich Gesichter ein von Virginien daheim, vom letzten Abend in der Heimat, wutverzerrte weiße Gesichter, vor Mordlust verdrehte mit Blut unterlaufene Augäpfel, aber auch Gesichter von New Yorker Straßenecken fielen ihm ein, weiße wutverzerrte Gesichter, die ihn voll Haß und Verachtung angestarrt hatten in diesen letzten Tagen.

Mit einem rohen Ruck versuchte er sich aus dem Torweg in die Gasse hinauszuwinden. Seine Hand, durch deren schweißige Schwielen hindurch er noch den zarten Druck der weißen feinen Haut spürte, hatte er in seiner Hosentasche vergraben und umklammerte mit seinen Fingern die zusammengeknüllten Dollarscheine, das übrig gebliebene Kleingeld und das grobklingige Taschenmesser, die da beisammen hausten.

»Seien Sie nicht zornig, weil ich Ihre Arbeit unehrlich genannt habe. Es ist eine anstrengende Arbeit, ich weiß es, aber das entschuldigt Sie nicht. Wenn Sie jetzt aus der Bar in Ihr Logis gehen, werden Sie sich vor dem Schlafengehen vielleicht einen Augenblick auf Ihr Bett niedersetzen und an die ehrbaren Menschen denken müssen, die Ihretwegen ihren Abendtrunk, nein mehr, ihr Brot und ihre Unterkunft verloren haben. Sie sind jung 55 und haben wahrscheinlich weder für Frau noch für Kinder zu sorgen. Aber teurer Bruder – jene, die heute nichts zu essen haben und nirgendwo wohnen können, weil Sie ihnen die Arbeit weggenommen haben, jene müssen für Frau und Kind sorgen und wie bitter ist es, daß sie es nicht können!« –

Das Mädchen holte tief Atem und Tom, der mit offenem Mund dastand und sie ansah, merkte, wie sie die Lippen zusammenpreßte und wie ihre Augen schimmerten.

»Glauben Sie's mir, ich kenne diese Heime. Ich komme aus diesen Heimen. Ich verbringe viel Zeit meines Lebens in Heimen von hart arbeitenden Menschen und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wenn's Arbeit für den Vater gibt, dann sieht es traurig in diesen Heimen aus, wie traurig erst, wenn's keine gibt! Lang darf die Arbeit nicht ausbleiben, denn dann bricht solch ein Heim zusammen. Und die Armen kämpfen um ihre Arbeit. Was aber tun Sie, lieber Bruder? Fühlen Sie denn nicht, daß Sie sich mit den Feinden, mit den elenden Schurken, mit den elenden schuftigen Ausbeutern verbinden, wenn Sie jenen Armen das Brot wegnehmen und vorenthalten, wenn Sie auf Ihrer unredlichen Arbeit sitzen bleiben und die 56 andern hungern daweil, aber der Ausbeuter lacht und sagt sich: es ist kein Mangel an Leuten, zu jeder Arbeit und zu jedem Lohn finden sich welche. Und so arbeiten Sie an dem Untergang Ihrer Brüder zugleich mit den Schuften, an dem Untergang!«

Tom würgte an ein paar Worten in seiner Kehle; daß er kein Schuft sei, daß er ehrlich gearbeitet hatte für seinen Taglohn und daß er froh sei, einen Job zu haben und zu halten und in kurzer Zeit so gut erlernt zu haben, er war der hervorragendste von all den Müllkutschern dahier! und man wird ihn schon in den allernächsten Tagen zum Aufseher über die anderen machen, ganz gewiß! der Boß selber habe ihm das im Vertrauen gesagt – wo er daheim doch so gut wie ein Dieb gewesen war. Auch war er kein Verbündeter von Schuften, sondern die Nigger, mit denen er verbündet war, arbeiteten im Job ebenso ehrlich und für Geld, wie er selber. Sie waren keine Schufte, wenn die Weißen sie auch verbrannten, auf bloßen Verdacht hin, und sie aufknüpften, im besten Fall mit Flinten niederschossen wie herumirrende Hunde.

»Kein Schuft!« stieß Tom aus seiner rauhen Kehle heraus und schüttelte den Kopf dazu.

»Nein, kein Schuft,« sagte das junge Mädchen, »die Ihnen den Job gegeben haben, das sind die 57 Schufte! Die sind es auch, die die Schutzleute mit geladenen Revolvern ausschicken, damit sie mit Ihren Karren mitreiten und jeden von den Ausständigen niederschießen, wenn er einen von Ihren Karren angreifen will, wie's recht wäre!«

Tom hörte nur halb zu. Was für Geschichten erzählte die ihm da? Er dachte an Gus und Jerry und was er heute abend über ihr Schicksal gehört hatte. Er wandte sich schließlich um und schaute dem Mädchen von unten hinauf ins Gesicht: »Uns Nigger schießt man tot!«

»Teurer Bruder, wie sehr müßtet Ihr schwarzes Volk das gute Beispiel geben – – nicht den Erbärmlichsten unter den Weißen gleich handeln, damit die Weißen euch noch stärker verachten lernen, als sie es schon tun! O, wir leben in einer falschen grausamen Welt!« rief sie und preßte beide Hände, die weiße und die behandschuhte, auf ihrer jungen Brust zusammen. Der verirrte Schein einer Laterne in der Straße beleuchtete irgendwoher undeutlich ihr Gesicht und ihr welliges Haar.

»O man kann nur leben, wenn man ein Beispiel gibt. Wenn ihr verfolgten, verrufenen Neger euren weißen Feinden das Beispiel der Menschlichkeit geben wolltet! Das wäre eine Lehre für diese Welt. So aber seid ihr immer zugegen, 58 wenn der Ausbeuter Scabs, Streikbrecher braucht, weil er seine anständigen Arbeiter nicht länger um ihren Verdienst betrügen kann, und sie darum lieber hinauswirft auf die Straße. Für jeden einzigen, der sein Brot verliert, seid ihr zu Dutzenden da, um es aufzuschnappen und es unter euch zu teilen.«

Tom hörte schon lange nicht mehr zu. Draußen im Gäßchen waren zwei Nigger, Garry und Milligan, eilig an dem Tor vorübergelaufen, und es fiel Tom ein: die Stunde! zehn! der Maueranschlag in der Schlafstube: zehn Uhr!

»Ich muß nach Haus!«

Das junge Mädchen stellte sich ihm in den Weg.

»Sie sind noch jung, Bruder, Sie tragen noch die Erinnerung an das Vaterhaus in sich! Denken Sie daran, wie es bei Ihnen zu Haus ausgesehen hat, und wie die Kinder hungern mußten, wenn der Vater seinen Job verloren hatte. Wir sind jung und wissen noch gut, was das heißt, als Kind hungern. Verhärten Sie sich nicht, denken Sie daran . . .«

Aber Tom hatte sich freigemacht. Er hörte noch, wie das junge Mädchen rief:

»Morgen suchen Sie sich eine andere Arbeit, Sie finden leicht eine andere, Sie sind ja noch jung! Morgen beim Erwachen sagen Sie sich 59 laut: ich will kein Scab sein! ich will kein Scab sein! Morgen beim Erwachen . . .«

»Ich muß nach Haus, du Kind von einer . . .« Tom schrie ihr über die Schulter zurück den schmutzigsten Fluch zu, den er in seinem Leben gelernt hatte. Dann trollte er sich mit klappernden Schritten das Gäßchen lang um die Ecke.

Stumm und mit niederhängenden Armen blieb das junge Mädchen vor dem Toreingang stehen. Sie sah Tom nicht nach, sondern blickte auf den Boden vor sich nieder. Ihre Brust tat ihr weh von dem Stoß, den ihr Tom zum Abschied versetzt hatte. Aber nicht von diesem Stoß waren ihre Augen voll Wasser geworden.

 

Tom stemmte sich gegen das Tor seines Logierhauses. Es half nichts. Es war zu.

Tom lief es kalt über den Rücken. Das war der Lockout, die Aussperrung.

Aus Leibeskräften fing er an, mit den Fäusten gegen das Tor zu trommeln. Dann hielt er inne und horchte atemlos. Drin kamen Schritte heran. Jemand fragte, was los sei. Tom nannte seinen Namen, bat, er möchte hinein. »Du verdammter Sohn einer Metze kannst wohl nicht lesen!« schrie 60 drin die Stimme, dann entfernten sich die Schritte. Eine Tür fiel ins Schloß, dann war's still. Das Tor blieb zu. Ich hab meinen Job verloren! sagte sich Tom. Ich hab meinen Job verloren.

Einen Augenblick blieb er noch stehen, wo er stand. Aber er wußte, das nütze nichts mehr. Er hatte seinen Job verloren. Schwer und stupid wandte er sich um und trollte sich in der Richtung nach der Bar von dannen. Jetzt sollte das Geld, das er morgen nach Virginien schicken wollte, auf den Schanktisch fliegen!

Als er um die Ecke ins Gäßchen mit der einzigen Laterne einbog, gewahrte er vorne die helle Jacke, die sich langsam entfernte.

»Lady!« rief Tom in die Gasse hinein.

Mit einem Ruck drehte sich das junge Mädchen um und kam rasch auf ihn zu. Ihr Gesicht war umgewandelt. Es leuchtete vor Überraschung, Erwartung, Freude . . .

Tom ließ sie ganz nahe herankommen. Er fühlte nach dem Messer in seiner Tasche. »Ich hab meinen Job verloren!« sagte er heiser und schaute in das liebliche weiße Gesicht.

»Teurer Bruder . . . .«

Mit einem gurgelnden Laut hatte er sich über sie geworfen und zerrte sie nieder mit sich in den Kot der Gasse. 61

 


 

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