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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
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Herzog Ulrich nimmt Reutlingen ein (1519)

Herzog Ulrich von Württemberg (1503-1550) war ein leidenschaftlicher Jäger. Nichts machte ihm größeres Vergnügen, als auf die Jagd zu reiten und Hirsche und Eber zu erlegen. Von seiner Geschicklichkeit als Jäger zeugt heute noch ein Bild im Uracher Schlosse. Es stellt ein ungeheures Wildschwein vor, das der Herzog im Jahre 1507 auf dem Roßfeld bei Urach mit eigener Hand soll abgefangen haben. Um seiner Jagdlust frönen zu können, ließ er das Wild in seinen Forsten hegen; auch erließ er strenge Gebote, um die Leute vom Wilddiebstahl abzuschrecken. Im Jahre 1517 verordnete er, daß jedermann, der im Walde außerhalb der öffentlichen Wege mit einem Geschoß herumstreicht, durch Verlust der Augen solle bestraft werden. Einige Reutlinger Bürger machten sich den Wildreichtum der nahen herzoglichen Wälder zunutze. Sie gingen, so oft sich ihnen eine günstige Gelegenheit bot, hinüber ins württembergische Gebiet und jagten und fischten nach Herzenslust. Ulrich war über diesen Frevel sehr erzürnt, und er gebot seinen Forstleuten, der Missetäter habhaft zu werden. Es geschah nun denn auch, daß der Uracher Forstmeister, Stephan Weiler, mit seinen Jägern auf die Reutlinger im Walde stieß. Es kam zu einem Kampf, in dem einer von den Reutlingern erstochen, etliche andere verwundet wurden. Auch führte der Forstmeister einige Reutlinger gefangen nach Urach, wo er sie auf der Feste in einen tiefen Kerker werfen und auch sonst aufs härteste behandeln ließ. Alle Bitten ihrer Angehörigen und auch des Rates der Stadt, die Gefangenen loszugeben, wies der Herzog schroff zurück, und er soll sich dahin geäußert haben, daß er an den gefangenen Reutlingern ein Beispiel geben wolle und sie ihm im Gefängnis zu Hohen-Urach verfaulen müßten. In Reutlingen war man daher über den Herzog und seine Forstleute sehr erbittert, um so mehr, als man auch sonst Grund zu allerhand Klagen wider ihn hatte. Es wurden in der Bürgerschaft auch Stimmen laut, die sich dahin vernehmen ließen, man solle mit bewehrter Hand – wie's einst die Altvordern getan – in Württemberg einfallen und die Gefangenen mit Gewalt befreien. Man hoffte dabei auf Hilfe von verschiedenen Seiten, denn Herzog Ulrich hatte sich durch seine Härte als Regent und besonders durch die Ermordung des Junkers Hans von Hutten eine Menge von Feinden zugezogen, die schon längst auf eine Gelegenheit lauerten, Rache an ihm nehmen zu können.

Nun begab es sich am 18. Januar des Jahres 1519, daß der herzogliche Burgvogt von der Achalm, der zugleich auch Waldvogt war, mit seiner Frau nach Reutlingen kam. Es war Samstag und daher Markttag, und als die Geschäfte erledigt waren, kehrten die beiden im Gasthof zum Bären ein. In der Wirtsstube saßen mehrere Reutlinger Bürger beim Wein, unter ihnen auch zwei Papiermacher, die mit den Gefangenen auf Hohen-Urach befreundet waren. Da am frühen Morgen die Kunde nach Reutlingen gekommen war, Kaiser Maximilian I. sei zu Wels in Oberösterreich des Todes verblichen, war unter ihnen ein lebhafter Disput, wer jetzt wohl Kaiser werden und wie es dann mit Reich und Stadt gehen würde. Die Gemüter hatten sich über dem Hin und Her ziemlich erhitzt und der reichlich genossene Wein (er war im Jahre 1518 gut und reichlich geraten) hatte auch seine Schuldigkeit getan. So kam es, daß einer der Papiermacher, Baste genannt, als kaum der Vogt mit seiner Frau am Erkertischlein Platz genommen hatte, zu ihm trat, ihm heftige Vorwürfe wegen der Gefangennahme seiner Freunde machte und Verwünschungen gegen den Herzog ausstieß. Der Vogt verbat sich diese Anrempelung in öffentlicher Wirtsstube. Es kam so zu einem heftigen Streit, an dem sich auch der andere Papiermacher beteiligte, und ehe man abwehren konnte, lag schon der Vogt tot am Boden. Baste, der Papiermacher, hatte ihm das Messer in den Leib gestoßen.

Groß war die Bestürzung über die blutige Tat bei den anwesenden Gästen, größer aber noch beim Rat der Stadt, der sofort von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt wurde. Man kannte den Jähzorn und den gewalttätigen Sinn des Herzogs; man wußte, wie feindlich er den Reutlingern gesinnt war, und man fürchtete seine Rache. Die Bürgermeister sandten sofort die Stadtknechte aus, die beiden Übeltäter zu greifen und in Gewahrsam zu bringen. Als sie aber in das Bärenwirtshaus kamen, hatten sich die beiden, beschützt von Bürgern, die an einer Fehde mit Württemberg ihr Wohlgefallen hatten, schon davongemacht. Sie waren über den Marktplatz zum Kloster am Ledergraben geflohen, wo sich zur damaligen Zeit eine Freistätte befand für solche, die ohne Absicht einen Totschlag begangen hatten. Solange sie sich dort aufhielten, hatte das Gericht keine Macht über sie.

Herzog Ulrich von Württemberg saß am anderen Tag, nachdem sich solches in Reutlingen zugetragen hatte, mit seinen Vornehmen im Schloß an festlicher Tafel. Er hatte am Morgen mit seinem Hofstaat der kirchlichen Leichenfeier für den Kaiser Maximilian angewohnt, und nun hielt er dem Verstorbenen zu Ehren einen prunkvollen Leichenschmaus. Da kam ein Bote von der Achalm und brachte die Schreckenskunde von dem, was in Reutlingen geschehen war. Der Herzog kam in furchtbare Wut. Er sprang auf von der Tafel, hieß ein Heer rüsten und machte sich mit diesem sofort gegen Reutlingen auf. Schon am andern Tag fiel er, von Tübingen kommend, im Gebiet von Reutlingen ein, besetzte die Dörfer Bronnweiler, Gomaringen, Ohmenhausen, Wannweil und Betzingen, die damals zu Reutlingen gehörten, und erklärte sie von nun an für württembergisch. Am 21. Januar rückte er gegen die Stadt selbst vor. Er hatte geglaubt, sie überrumpeln zu können, fand aber die Reutlinger gerüstet. Sie hatten die Brücken über die Stadtgräben abgebrochen, die Tore mit Steinen verbaut und die Mauern mit Geschütz bewehrt. Auch hatten sie, um den Feinden bei der herrschenden Kälte und dem Schnee keinen Unterschlupf zu geben, alle Häuser vor den Toren angezündet und die Bewohner gezwungen, in die Stadt zu ziehen.

Der Herzog ließ vor der Stadt ein Lager schlagen und Schanzen errichten. In einen grauen Mantel gehüllt, das Haupt bedeckt mit einem groben Filzhute, sah man ihn unablässig auf und ab reiten, die Soldaten anfeuern und ermuntern. Noch am selben Abend konnte er mit seinen Geschützen das Feuer gegen die Stadt eröffnen. Vom Knall der großen »Büchsen«, die Kugeln aus Stein und Eisen gegen die Mauern schleuderten, bebte die Erde. Doch ließen sich die Reutlinger dadurch nicht einschüchtern, sondern schossen mit ihren Kanonen wacker nach ihm heraus. Als aber immer neue Heerhaufen vor der Stadt anrückten, wurde die Bürgerschaft doch bedenklich, denn es fehlten in der Stadt gegen 200 Bürger, die in Geschäften auswärts waren und die Stadt beim Anrücken des Herzogs hatten nicht mehr erreichen können. Der Rat sandte deshalb durch einen geheimen Gang einen Boten zu den befreundeten Reichsstädten und dem Schwäbischen Bunde, um ihre Not zu melden und rasche Hilfe zu erbitten, Unterdessen wollten sie mit Ulrich verhandeln und ihm einen annehmbaren Friedensschluß vorschlagen. Sie schickten also einige angesehene Männer ins herzogliche Lager hinaus, die mit dem Herzog reden sollten. Ulrich empfing sie sehr ungnädig und wollte von Unterhandlungen nichts wissen. Die Abgesandten boten ihm, falls er von der Stadt ablasse, die Dörfer an, die er schon eingenommen hatte; auch sollten ihm alle Auslagen ersetzt werden, die er bei seinem Kriegszug aufgewendet hatte. Aber der Herzog war damit nicht zufrieden. »Die Stadt will ich haben!« rief er, »und nicht eher nachlassen, und wenn ich darüber mein Herzogtum verschießen müßte!« Da schieden die Reutlinger in großem Zorn von ihm und hießen ihn »am Freitag kommen und eine Gans mit ihnen essen!«

Der Herzog umgab nun die Stadt auf drei Seiten mit Kriegsleuten und Geschütz. Am Donnerstag, den 27. Januar, nachts, fing er dermaßen an gegen die Mauern und Türme zu schießen, daß am Freitagmorgen nicht weniger als 600 Steine in die Stadt geschleudert waren, von denen ein jeglicher Stein 78 Pfund schwer war. Er schoß einen Turm ganz ab und in die Mauer weite Löcher. Und als das alles nichts half, die Reutlinger mürbe zu machen, warf er eine Feuerkugel in die Stadt. »Die war so groß wie ein Viertel, damit man Korn mißt. Die lief dermaßen greulich mit Brennen in der Stadt umher, daß man sie nicht löschen konnte. Zuletzt bedeckte man sie mit Mist; aber sie brannte unter dem Mist fort und stank dermaßen übel, daß nicht davon zu reden ist. Zuletzt zersprang sie mit 10 Kläpfen und schlug dabei einen Mann tot.«

Große Angst überkam nun die unglücklichen Einwohner. Die Weiber und Kinder weinten zum Herzbrechen und drangen in die Männer und Väter, sie sollten doch mit dem Herzog Frieden machen. Und da vom Schwäbischen Bund und den Reichsstädten weder Trost noch Hilfe kam, so konnte der Rat den Jammer nicht länger mehr ansehen. Am Freitag (28. Jan.) öffnete Reutlingen die Tore, und Herzog Ulrich hielt an der Spitze seines Heeres seinen Einzug in die eroberte Stadt. Geleitet vom Rat und der Geistlichkeit, zog er vom Tübinger Tore durch die Eggesgasse über den Marktplatz zur Marienkirche, allwo er zum Dank für den errungenen Sieg einen feierlichen Gottesdienst abhalten und das Tedeum (Herr Gott, Dich loben wir) anstimmen ließ. Hierauf zog er zum Rathaus und ließ sich die kaiserlichen Freiheitsbriefe und das Siegel der Stadt geben. Er verlangte auch die Auslieferung der beiden Papiermacher, die seinen Vogt getötet hatten. Sie waren aber, als man sie aus der Freiung holen wollte, verschwunden; denn während der Herzog durchs Tübinger Tor hereinzog, hatten sie sich mit Hilfe guter Freunde durchs obere Tor geflüchtet.

Unterdessen war die ganze Bürgerschaft auf dem Marktplatz, nach Zünften geordnet, versammelt worden. Es wurde ihr mitgeteilt, daß sie von nun an den Herzog von Württemberg als ihren Herrn anzuerkennen habe, und alle mußten mit aufgehobener rechter Hand dem Herzog Ulrich Treue schwören.

Nachdem Ulrich die kaiserlichen Wappenbilder an den öffentlichen Gebäuden abgenommen und dafür die württembergischen Hirschhörner angebracht hatte, zog er wieder heimwärts, nicht ohne eine Besatzung in der Stadt zurückgelassen zu haben. Er freute sich sehr, daß die stolze Reichsstadt nun eine württembergische Landstadt geworden war, und er hoffte von seiner Erwerbung für sich und seine Nachfolger großen Nutzen. Aber seine Freude sollte ihm bald bitter vergällt werden, denn der Schwäbische Bund, dessen Mitglied Reutlingen gewesen war, ließ sich diese neue Gewalttat des Herzogs nicht gefallen. Er drang wenige Wochen später in Württemberg ein und nahm einen festen Platz nach dem andern, meist ohne Schwertstreich, zuletzt auch das feste Tübingen. Gebannt vom Kaiser und verlassen von seinen Günstlingen, mußte Ulrich das Land seiner Ahnen verlassen und ins Ausland flüchten. Reutlingen aber wurde frei von Württemberg und wiederum eine Reichsstadt, wie es vordem eine gewesen war.

 

Nach Chronik von Sikingen, Gayler, Gratianus, Heyd, Zimmersche Chronik u. a. von K. R.

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