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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 42
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus der »Russenzeit«.

 

1. Wie der Schneider Muff die Russen kennen lernte.

Einige Stunden von Tübingen neckarabwärts liegt malerisch droben über dem Neckar das stille Dörflein Oferdingen. Hier waren, wie man sich in der Familie erzählt, meine Vorfahren mütterlicherseits seit dem Dreißigjährigen Krieg Schulmeister oder Schultheiß. Wenn der Schulmeister des Bakels überdrüssig geworden war oder sein Vater starb, so legte er den Stab »Wehe« nieder und ergriff das Szepter des Ortsgewaltigen. Lange ging's so, und beide Teile, Gemeinde und Schulmeister-Schultheiß, befanden sich, scheint's, immer gut dabei.

So einsam und weltabgeschieden das Dorf auch heute noch daliegt, so wurde es doch auch einst im Jahr 1814/15 beim Durchgang der Russen in den Kreis der großen Weltereignisse gezogen, die ihre Wellen bis ins friedliche Dörfchen schlugen. Einige der seltsamen Geschichten aus dieser Zeit, die mir Großmutter und Mutter wohl hundertmal erzählt haben, und die den Vorzug besitzen, wörtlich wahr zu sein, will ich hier erzählen. Es war also die sogenannte »Russenzeit«, d. h. das Kriegsjahr 1814/15, in dem russische Truppen ihren Zug bei der Verfolgung Napoleons I. nach der Schlacht bei Leipzig auch durch unser Land nahmen. Allerlei bange Geschichten erzählte man sich von diesem unmenschlich schnapstrinkenden und kerzenfressenden Volk, von den »Ruhsen«, wie der Oferdinger sagte, von ihrem unsauberen Aussehen, ihrer Wildheit und ihrer unbändigen Tapferkeit. Sie kamen ja wohl als Freundesvolk; aber man hatte doch einen aus Furcht und Neugierde gemischten großen Respekt vor ihnen. Eine Ausnahme machte nur der Nachbar meines Großvaters, der Schneider Muff, ein lebhaftes, wißbegieriges Männchen, der ums Leben gern etwas Neues sah und hörte und es kaum erwarten konnte, bis er auch einmal einen »Ruhsen« sehen durfte.

Saß da an einem schönen stillen Winternachmittag mein Großvater, der noch nicht lange verheiratete Schulmeister Ferdinand Fr. Gußmann, im behaglich erwärmten Stübchen beim Vesper, und auf dem großen Tisch thronte, die Füße kreuzweise übereinandergeschlagen, unser Schneider Muff, der gerade einige Tage im Schulhause auf der »Stör« arbeitete. Natürlich kam da die Rede auch bald auf die »Ruhsen«. »O, Herr Schulmeister,« sagte da der neugierige Schneider, »drei Tage würde ich bei Ihnen umsonst auf der Stör arbeiten, wenn ich nur auch einmal einen Ruhsen sehen dürfte.« Und dabei seufzte er so tief auf, daß man merkte, es müsse ihm mit seinem Wunsch von Herzen ernst sein. Es wurde Nacht, und man zündete das schwach leuchtende Öllampchen an. Unser Schneider ließ indes seine munteren Äuglein durchs Fenster schweifen. »O, Herr Schulmeister,« rief er da auf einmal, »was ist et dös! Mittelstadt brennt jo!« Und richtig! so konnte man meinen. Das Neckartal gegen Mittelstadt war von einem unheimlich roten Feuerschein erleuchtet. Wer wußte, was das zu bedeuten hatte! Das Rätsel sollte sich jedoch bald lösen. Es war eine Abteilung russischer Kosaken, die bei Fackelschein das Neckartal heraufrückten, um noch in später Stunde Quartier im Dorf zu nehmen. Nicht lange stand es an, so sprengten ihrer etliche in den Schulzenhof herein, schlugen mit dem Säbel an die verschlossene Haustür und riefen: »Schulz, komm's!« Natürlich war bald das ganze Dorf auf den Beinen, um sich die wilden Gäste anzusehen, die vor dem Rathaus ein großes Feuer angezündet hatten, um das sie in malerischen Gruppen mit ihren struppigen Pferden herumstanden und hockten. Die Einquartierungsgeschäfte vollzogen sich rasch, und auch unser Schneider Muff wurde zu seiner großen Freude mit einem bärtigen, grimmig dreinschauenden Russen bedacht. Auf Anordnung des Schultheißen wurden bei der »Zehntscheuer« einige Schafe und eine Kuh geschlachtet, damit die Leute sich mit dem Nötigen für ihre Einquartierung versehen konnten. In seiner Herzensfreude versah sich Muff für seinen geliebten Kosaken mit einem mächtigen Stück Fleisch und einer großen Blutwurst. Daheim ging es nun in der Küche des Schneiders an ein Kochen und Braten, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Leider unterließ es der Gute in seinem Eifer, die Wurst gar zu kochen, und als der Kosak das Messer ansetzte, lief noch das rohe, ungeronnene Blut heraus. Grimmig faßt er die Wurst mit roher Faust, reibt sie dem erschrockenen Schneider im Gesicht herum und verabreicht ihm noch zum Ende eine gehörige Tracht Prügel. Schreiend und um Hilfe rufend sprang der Schneider zum Urgroßvater, zum Schultheiß, um bei ihm Schutz zu suchen. Natürlich erregte hier die Jammergestalt mit dem über und über mit Blut bedeckten Gesicht zuerst großen Schrecken, der sich aber bald legte, als man aus seinen Klagen herausgefunden hatte, daß ihm weiter nichts Schlimmes passiert war. So lernte Schneider Muff die Russen kennen, von denen er aber lange nicht mehr viel wissen und hören wollte.

 

2. Was dem Vetter Johann mit den Russen passierte.

Auch in das Schulzenhaus war Einquartierung gelegt worden, sechs stämmige Russen, die sich sofort um den großen Tisch in der Stubenecke aufpflanzten. Was sie vor allem wollten, ließen sie gleich der Urgroßmutter, einem kleinen, »wuseligen«, aber schneidig scharfen und beherzten Weiblein gegenüber merken. »Mutterle, Snaps! Snaps!« riefen sie. Natürlich wollte sie die rauhen Gäste bei guter Laune halten und ihren Wunsch rasch erfüllen. Mit einer Flasche Schnaps und einem Trinkglas erschien sie bald wieder. Sie schenkte das Glas voll ein in der Erwartung, daß es reihum gehen und eine Weile den durstigen Kehlen der Krieger genügen werde. Wie erstaunte sie aber, als der erste das ziemlich große Glas auf einen Zug und ohne eine Miene zu verziehen austrank. Sie schenkte dem zweiten ein, der's geradeso machte, dann dem dritten usw. Keiner stand hinter dem ersten zurück. Da konnte sich das lebhafte Weiblein nicht enthalten, empört auszurufen: »Herrschaft, sind dös aber amol Sauhund!« Glücklicherweise verstanden die Russen nicht genügend Deutsch, um das Beleidigende dieses Ausrufs zu empfinden. Irgendwer hatte ihr beigebracht, daß die Russen besondere Liebhaber von Welschkornbrei seien, und so brachte sie bald eine mächtig große Backschüssel voll Welschkornbrei auf den Tisch, der so dick war, daß darauf, wie man sagt, ein Schäfer hätte tanzen können. Den Russen aber wollte er nicht schmecken, und sie rührten keinen Löffel voll davon an. In der Stube befand sich auch als stiller Zuschauer der Vetter Johann, der von Jugend auf schwachsinnig aber ein starker Esser war. Seinen nach dem herrlich duftenden Welschkornbrei verlangenden Blick mochten die Russen wohl bemerkt haben. Sie setzten ihn also hinter den Tisch, pflanzten sich mit gezogenen Säbel vor ihm auf und befahlen ihm, die ganze große Schüssel voll Brei auszuessen. Vetter Johann, der sonst beim Essen nicht der Hinterste war, aß und aß, bis er nicht mehr konnte, und weinte zuletzt. Als die Urgroßmutter diesen Unfug bemerkte, war sie zuerst sehr erschrocken. Dann aber faßte sie sich und kam mit einem großen Kochhafen unter der Schürze aus der Küche herein. Mit festem Blick die frechen Soldaten messend und zurückschreckend fuhr sie schnell mit dem großen Gefäß unter der Schürze hervor und in die Schüssel hinein. Noch ein paarmal wiederholte sie das tapfere Manöver und machte so ihrem geliebten Johann Luft. Lachend ließen sie die Russen, denen es mehr um einen Spaß zu tun gewesen war, gewähren; aber noch lange rühmte sich das tapfere Weiblein seiner unerschrockenen Tat.

 

3. Wie der Großvater vom Militär frei wurde.

Das ging auch ganz merkwürdig zu. Es war im Kometenjahr 1811, als die Rekrutierung für den russischen Feldzug stattfand. Diesmal gab's die sonst üblichen Befreiungen vom Militär nicht, alles mußte mit: Schreiber, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Lehrer usw. Der König Friedrich wollte seine Gerechtigkeitsliebe zeigen und sich tüchtige Offiziere verschaffen. Wie man sich erzählt, konnte er, wenn ihm die Rekrutierungssache zu lange dauerte, mit dem Stock die obersten Akten hinausfliegen lassen und sagen: »Diese Kerls müssen Soldat sein!« Zuweilen habe er aber auch die obersten weggehoben und die untersten dazu verurteilt. So leitete er selbst das Aushebungsgeschäft in Tübingen und verfuhr dabei nach der ihm eigenen tyrannischen Willkür. Sein Günstling, Graf von Dillen, erlaubte sich, ihm etwas dreinzureden, und voll Wut erhob sich der König, um demselben über den Tisch hinüber eine Ohrfeige zu versetzen. Dabei flog der Aktenbogen zu Boden, auf dem des Großvaters Name stand, und blieb dort unbeachtet liegen. So entging der Großvater, wie er später zufällig von einem Schreiber erfuhr, der Aushebung für den russischen Feldzug. Nicht so glücklich war sein Freund, auch ein Lehrer in der Nähe von Tübingen. Beide waren als »Inzipient« beim alten Schulmeister Wüst in Tübingen gewesen und treue Herzensbrüder geworden. Da der Freund von Haus aus sehr arm war, so nahm sich der Großvater seiner an, ja er teilte sogar lange Zeit mit ihm Bett und Zimmer. Dieser Freund wurde also eben damals ausgehoben und mußte mit den 10 000 Württembergern nach Rußland marschieren. Alle Drangsale und Beschwerden, viele Schlachten und auch den entsetzlichen Rückzug machte er mit und war einer der Glücklichen, die die Heimat wieder sehen durften. Während des Feldzugs war er zum Offizier befördert worden und blieb nun beim Militär. Er stieg immer höher und wurde zuletzt Oberst.

Einst besuchte der Großvater die Residenz, um, wie er jeweils tat, als großer Musikfreund, eine Oper im Theater zu hören. Als er in seinem bescheidenen, fast schüchternen Auftreten die Königsstraße hinaufwandelte und sich die schönen Läden und geputzten Leute ansah, kommt ihm ein stolzer Reiter, ein hoher Offizier, entgegen. Der stutzt, als er ihn sieht, faßt ihn scharf ins Auge, hält an, springt vom Pferd herab und drückt den Verdutzten gerührt in seine Arme. Es war jener Freund aus der Jugendzeit, der in seiner hohen Stellung nicht hochmütig geworden war, die Dankbarkeit nicht vergessen hatte und sich des bescheidenen Jugendfreundes nicht schämte.

 

4. Wie Burkhard Link drei Russen in die Flucht jagte.

Auch vom Großvater väterlicherseits kann aus dieser ernsten Zeit ein Stückchen erzählt werden.

Auf ihrem Marsch gegen Frankreich zogen die Russen auch auf der alten »Schweizerstraße« zwischen Balingen und Rottweil. Unweit Balingen liegt an derselben das Dorf Endingen, und da wohnte der Urgroßvater Burkhard Link, ein großer, kräftiger und derber Bauer, der im Sommer seine Landwirtschaft betrieb und im Winter eifrig hinter dem Webstuhl saß. Auch er bekam Einquartierung, drei Kosaken. Beim Mittagessen wurde das ortsübliche Festessen vorgesetzt: Hutzeln mit Speck. Der letztere wurde von den drei Russen nicht verschmäht, aber von den Hutzeln wollten sie nichts wissen. Im Unmut über die ihnen vorgesetzte Speise, vielleicht auch nur um einen rohen Soldatenspaß zu machen, packten sie das 7 jährige Töchterlein des Hauses und hängten es vor das Fenster hinaus mit den »Rockbreis« an einen Wäschestangennagel. Gefährlich war's ja nicht, da die Wohnung zu ebener Erde lag, aber ein unguter Spaß war's doch. Dann warfen sie die schönen Hutzeln einander an den Kopf oder in der Stube herum. Mit großer Entrüstung sah der Urgroßvater den Unfug und wie man mit der köstlichen Speise umging. Still ging er die Bühnentreppe hinauf auf die Bühne, wo er nach etwas herumkramte. Was er wohl hier suchte? Aus einem Winkel zog er endlich ein schweres, buchenes »Flegelhaupt« hervor und kam damit in die Stube zu den Russen. Da schlug er mit dem schweren Holz krachend auf den Tisch, daß die Schüsseln und Teller in die Höhe sprangen und rief brüllend mit seiner mächtigen, rauhen Stimme: »So! Ihr Himmelmillionensakermenter! wöllt'r fressa oder sterba?« Und siehe da, den drei Russen war's nicht mehr ums Essen zu tun. Bleich vor Schrecken sprangen sie zur Tür hinaus, und der tapfere Urgroßvater behauptete das Schlachtfeld.

Daß übrigens die Russen sonst gute Manneszucht hielten, beweist ein Vorkommnis im gleichen Ort. Ein russischer Soldat hatte einem Bauern etwas gestohlen und wurde von diesem daher bei seinem Vorgesetzten angezeigt. Nachdem er überführt war und gestanden hatte, mußte er sofort spießrutenlaufen und wurde dabei halb tot geschlagen.

Erst nachdem die Leute zusammensprangen und mit Tränen für den Verurteilten um Gnade flehten, wurde mit der barbarischen Züchtigung innegehalten und ihm der Rest der Strafe geschenkt.

 

F. L.

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