Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/antholog/schwzeit/schwzeit.xml
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120418
projectidb8b28f65
Schließen

Navigation:

Aus der Chronik eines Ebinger Bürgers

Im Neujahr 1889 wurde in Ebingen eine Chronik dieser Stadt aus den Jahren 1767 bis 1826 entdeckt, betitelt: »Im Namen Jesu Chronik im Jahr unseres Herrn Jesu Christi Anno 1767. Johannes Jerg, Bleicher und Tuchmacher in Ebingen.« Der Verfasser bekennt, daß er gleich in seinen frühen Jahren eine Freude am Schreiben, eine durchdringende Neigung zu demselben gehabt, »besonders zu den Geschichten, die sich in denen Jahren zugetragen haben«. Zu Anfang seiner Chronik berichtet Jerg von einer Teurung im Jahr 1771, »die so hart gewesen, also daß man das liebe Brot nicht ums Geld hat haben können, wo man Mehl von Hohentwiel gebracht hat.« »Anno 1774 seiend Wachen an die Grenzen gestellt worden, weil die Pest soll in einigen Orten im Bayrischen grassiert haben. Es hat kein Kind umlaufen dürfen und war zu der Zeit Alles traurig.« Jerg beobachtete mit offenen Augen die Zeichen der Zeit und ließ kein Ereignis in Familie, Stadt und Land vorübergehen, ohne seine eigenen Betrachtungen dran zu knüpfen und für sein Innenleben Gewinn daraus zu ziehen. Besonders eindringlich sprach das Jahr 1783 zu seiner Seele. Es war ihm eine Prophezeiung wichtig, welche der Ebinger Stadtpfarrer Schmid schon 80 Jahre vorher ausgesprochen hatte: »daß in den achz'ger und neunz'ger Jahren große Veränderungen entstehen werden, welches man den Kindern kund tun soll.« Außerdem hielt sich unser junger Bleicher an das, was »durch den Doktor Bengel die Zeit vorher verkündet worden.« Im Sommer des genannten Jahres zeigten sich viel »Heerräuch«, Höhenrauch. also, daß man die Sonne hat anschauen können, der Mond war wie Blut gewesen. Dieses wurde als Vorbotten zu veränderlichen Zeiten von vielen schaudervollen Herzen angesehen ... daß man vielmal gemeint hat, der Jüngste Tag trete herein.« Aber es zogen sieben Jahre übers Land, bis die Leute Ursache hatten, wirklich beunruhigt zu sein. Von 1791 berichtet Jerg, daß man nichts als Krieg und Kriegsgeschrei, nichts als Freiheit und Gleichheit gehört und auch Abfall vom Glauben verspürt habe. Viele österreichische Soldaten seien durchs Land gezogen nach den Niederlanden; ein hier einquartierter Dragoner sagte: »Ach, meine lieben Ebinger, ihr schaut jetzt nur so zu, allein ihr werdet bald hören, was das für ein schrecklicher Krieg werden wird.« Aber die Kriegsfurie hatte es vorderhand mehr auf die Lande jenseits als diesseits des Rheines abgesehen. Und als der »schwäbische Kreis« im Herbst 1792 bei »Fort Lois« 5000 Franzosen gefangen nahm, wurden 2500 Mann derselben hier genächtigt. Es seien 500 Elsäßer darunter gewesen, von welchen viele hier geblieben und durchgebrannt seien. Der Chronist behauptet, »die rechten Franzosen haben unerdenklich gestunken und gerochen.« Doch rückte die Kriegsgefahr den Ebingern immer näher. »Der 1. Buß- und Bettag 1794 war ein Schreckenstag, wo wir den ersten Anteil am Krieg empfunden haben mit Ausheben unter den Ledigen.« Vermögliche Bürger kauften ihre Söhne los, indem sie für dieselben ärmere Söhne gegen eine Entschädigung von mehreren hundert Gulden einstehen ließen. Im Mai 1796 sah Ebingen einen Zug von 6000 gefangenen Franzosen durchmarschieren, welche aus Österreich kamen und gegen Reichstruppen ausgewechselt worden waren. Von dieser Zeit an wurde mit ganz Deutschland auch unsere Stadt durch den Namen des emporkommenden Korsen in beständigem Schrecken erhalten. Auf dem Rückzug der deutschen Truppen vor den über den Rhein vordringenden Franzosen bekam Ebingen auch seinen Anteil. Die Österreicher hätten im Retirieren stark geraubt, man habe keinem Teil trauen dürfen. Es kam nicht nur einmal vor, daß die Ebinger von Reichssoldaten mehr drangsaliert wurden als von Franzosen. So finden wir Jergs Vater am 2. Oktober 1796 mit einem Wagen voll Tuch in Balingen. Ein kaiserlicher Reiter arretierte ihn, als vermute er Franzosengut auf dem Wagen, wollte ihn aber gegen ein Schmiergeld von 3 Karolinen, am Ende von 3 Kronentalern frei passieren lassen. Der alte Jerg ließ sich aufs Handeln ein und bot 5 Sechser, darauf noch weitere 2 Vierundzwanz'ger, die er selbst bei einem Gürtler entlehnen mußte. Glücklicherweise kam der Hauptmann hinzu, da machte sich der Reiter schleunigst davon. Nachdem sich der erstere beim Bleicher um die Sache erkundigt, eilte er dem frechen Reiter nach und zerschlug seinen Säbel an demselben. Hierauf übergab er ihn als Straßenräuber geschlossen der Wache, wo eine kriegsgerichtliche Verurteilung des Übeltäters harrte.

Von dieser Zeit an zeigte Ebingen ein recht kriegerisches Bild: Tag und Nacht zogen Bagagewagen und Kriegsvolk, Freunde und Feinde durchs Tal. Die einheimischen Fuhrleute mußten ihre Pferde immer an den Wägen bereithalten zur Nachfuhr von Gepäck, Munition oder Marodeuren. Den 5. Oktober kamen 300 österr. Kürassiere und weitere 500 Mann in der Stadt an. Da wurde es unserem Bleicher in seinem einsamen Hause außerhalb der Stadtmauer denn doch unheimlich. Er steckte das Tuch ins Gerech, den besten Hausrat in die Garben, vergrub Schmalz und Geld unter der Walke der nebenanstehenden Hanfmühle und kehrte in seinem Hause alles drunter und drüber, als sei bei ihm schon geplündert worden. Mittags rückte eine französische Truppenmacht von Winterlingen her gegen Ebingen vor. Die Österreicher hielten sich tapfer, »einigen Franzosen wurden die Nasen heruntergehauen«, aber die ersteren mußten der Übermacht weichen. Gleich nach dem Einrücken gingen die Franzosen ans Rauben und Plündern. Viele Leute flohen, »Angst und Schrecken waren erbärmlich und groß.« Auch des Bleicherjergs Haus statteten einige Franzosen Besuch ab mit der Forderung: »Bauer, Schuh, Geld!« Dem alten Bleicher kam's auf eine Notlüge nicht an: er sei nur ein armer Taglöhner, und man habe bei ihm schon alles ausgeraubt; die ehrlichen Franzosenseelen dampften unverrichteter Dinge wieder ab. Mittags 2 Uhr verlangten zwei Franzmänner bei Jergs Essen für 12 Mann. Da sie hörten, daß kein Fleisch zuhanden sei, sagten sie: »Gut, gut, wir wollen nur Suppen und dann Pfland-Knödle oder Knöpfte, bon, zu Ende Salat!« Der Chronist fährt lobend weiter: »Es hat uns keiner beschädigt noch verletzt, nicht geplagt noch in Ängsten gebracht. Sie waren bei uns in der Stuben, und zwei Mann davon haben sich als wahre Freunde gezeigt.« Damals sollen 6000 Mann französischer Truppen in Ebingen gelegen sein, auf Rechnung der Einwohnerschaft. Etliche Franzosen entdeckten den Gänsegarten im romantischen Leitzetälchen, was den jähen Tod manchen Gänsleins zur Folge hatte. Unsere Bleichersfamilie machte auch die Bekanntschaft des gefürchteten französischen Generals Vandamme, wobei es der alte Jerg an einem schneidigen Kompliment nicht fehlen ließ. Als sich ein franz. Offizier dem Befehlshaber gegenüber anerkennend über die Haltung der Jerg'schen Familie aussprach, winkte der General gegen das Haus mit der Hand und sagte: »Nichts Leyds tun hier!« So lebten die einsamen Leutchen mit den Franzosen in Frieden und Freundschaft. Einst hatten die letzteren einen Kübel und Schwenkkessel voll Wein geraubt; 's muß ein Rachenputzer gewesen sein, denn ein Soldat sagte: »Nicht schmeck Wein!« Die Familie Jerg bekam auch ihren Teil davon; der junge Bleicher, unser Chronist, wurde zu einem »ganzen Krügle mit einer halben Maß« verurteilt. Auch sonst hatte diese Familie ihre Gastfreundschaft nicht zu bereuen, denn die Franzosen hielten dafür gute Wacht beim Haus, weder Franzmann noch Bürgersmann einlassend. Als von einigen in der Stadt einquartierten Franzosen eine Scheuer angezündet worden war, entrüsteten sich darüber Jergs Quartierherren. Einer derselben meinte, »die Soldaten bekommen Kugeln vor die Köpfe, denn es sei ihnen scharf angesagt, im Württembergischen nicht zu zünden und brennen.« Doch lernte die Familie unseres Geschichtsschreibers auch Franzosen kennen, mit denen nicht gut Kirschen essen war. So kam ein franz. Offizier zum alten Jerg, ihn anherrschend: »Hier hast du Verpfaltung im Garten!« Der junge Jerg hackte den Boden auf, und der Offizier half mit seinem Säbel nach. Unter der Walke hätte der Franzose das Begehrte gefunden. Wenn er leer abziehen mußte, so raubten dafür nachher etliche 20 Mann aus dem Lager dem Bleicher Kleider im Wert von 30 Gulden. Mit den hernach ins Quartier gelegten deutschen Soldaten machte unser Chronist ähnliche Erfahrungen wie mit den französischen. Ein gutes Lob wird polnischen und mährischen Reichssoldaten gespendet; es seien höfliche, tätige und arbeitsame Menschen gewesen, die den Bürgern bei den Erntegeschäften fleißig zur Hand gingen. Aber nach ihnen seien mit dem Stab Kaunitz 600 Mann angerückt, welche sich sehr mind aufgeführt hätten. Ein Mann wollte sogar die Mutter unseres Jerg schlagen. »Da packte ich ihn an der Gurgel und riß ihn über die Stiegenlehne hinaus; ich hätt' ihn auch die Stiege hinuntergeschleift, wenn meine Leute nicht dazu gekommen wären.« Als aber des Abends sieben Soldaten, denen sich ein nichtsnutziger Schäfer zugesellt hatte, unverschämt wurden, hielt es Jerg für geraten, die Sache nicht selbst auszumachen, sondern dem Fähnrich vorzutragen. Dieser sandte einen strammen Korporal, welcher mit bloßem Säbel Kehraus im Hause machte und jedem Unverschämten 50 Stück Prügel ankündigte. Das war eine wirksame Lektion. Nach einer kurzen Zeit der Ruhe rückten im Märzen 1797 wieder französische Truppen an. Die ganze Gegend wimmelte von Kriegern beider Nationen. Jerg bekam wieder Franzosen ins Quartier; es waren recht anspruchsvolle Gesellen, welche Eier, Butter, Käse und Wein auf einmal haben wollten. Der junge Jerg kam eben mit einem Krug Bier zur Stubentür herein, als er sah, wie zwei Franzosen seinen alten Vater gepackt hatten. »Ich griff zu, fahr' ihnen, den zwei Mann, an die Gurgel und schmeiß sie auf den Boden.« Die Sache hätte ein teurer Spaß werden können, wenn nicht im rechten Augenblick 3 Schäfer und 6 Bürger zu Hilfe gekommen wären. Gegen Ende März zogen viele französische Truppen durch die Stadt dem Rheine zu. »Man sah bei ihnen blutige Schwerter und Blut am Sattel und Zeug; die mußten in der Schlacht gewesen sein. Um 5 Uhr (26. März) kam die ganze Armee von General Vandamme von Laiz her mit Stuck und Wagen, es sah sehr verwirrt aus. Es hat gerasselt auf der Straß' von dem Fahren. Von morgens ½ 5 bis 8 Uhr waren sie 6 Mann hoch hier durchgezogen. Sie hatten viele verschlagene Trommeln bei sich, da sie die Schlacht müssen verloren haben.« Vorläufig hatte man also Ruhe vor den Franzosen; dafür war die Gegend gespickt voll von Reichstruppen aller Gattungen: kaiserliche Reiter, ungarische Husaren, Fürstenberger, anspachische Dragoner, Rotmäntel, Kürassiere, Panknechte. Bei Tag und Nacht ging es hier durch, »wie wenn ein Donnerwetter am Himmel wäre.« Zu jener Zeit hatte Jerg Gelegenheit, einem unheimlichen Schauspiel beizuwohnen. »Der Stab des Fürstenbergischen Kontingents lag am 15. April in Balingen, woselbst ich zwei Männer Spießruten laufen sah durch 300 Mann hindurch. Das war zum Erbarmen.« Mit den mancherlei Truppen machten auch Straßenräuber, allerlei liederliches Gesindel, welches seiner Schlechtigkeit wegen nicht in die Heimat durfte, die Gegend unsicher, so daß später Landdragoner angestellt wurden zur Säuberung der Landstraßen.

Im Mai 1800 ertönte plötzlich wieder der Ruf: »Die Franzosen kommen!« Die hier gelagerten Ulanen ritten ihnen entgegen; sie schossen mit Pistolen gegeneinander im neuen Weg. Die beiderseitigen Anführer trafen sich am Kühweiher; ein unblutiger Zusammenstoß: sie küßten einander. Schnell gab der Ulanenoffizier seinem Trompeter ein Zeichen zum Abziehen. Still, mit bloßen Schwertern ritten die Franzosen durch die vom Mond erleuchteten Straßen; sie waren eine rechte Geißel für die Bürgerschaft. Handlangerdienste leisteten ihnen der Messerschmied Landenberger und der »Handbobel« Matthäus Frey, ein geriebener Spion, ein durchtriebener Winkeladvokat und eine schlechte Seele.

Mit Abschluß des Lüneviller Friedens glaubten auch die Ebinger den Krieg für beendet. Sie feierten ein Friedensfest, über welches unser Chronist also berichtet: »Den 25. März (1801), als am Pfingstmontag, wurde im ganzen Land das Friedens- und Jubelfest gefeiert. Die Sonne leuchtete herrlich. Morgens 6 Uhr ging man an Mühlesteig und ließ Böller, Gewehre und Pistolen los. Vormittags in die Kirche, welche mit Maien geschmückt war. Stadtpfarrer Auer hielt die Festpredigt über den Text in Psalm 147, V. 1-3. Nach der Kirche Musik auf dem obern Tor, Versammlung der Schuljugend in den Schulen und Umzug durch und um die Stadt. Abends war Tanz der Ledigen. Es war große Freude bei alt und jung.«

 

G. F. H.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.