Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 40
Quellenangabe
pfad/antholog/schwzeit/schwzeit.xml
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120418
projectidb8b28f65
Schließen

Navigation:

Der Franzoseneinfall in Roßwälden und der schlaue Bauer.

Es war in der Zeit der Napoleonischen Kriege. Die Bewohner des so ziemlich von dem Verkehr abgeschlossenen Pfarrdorfes Roßwälden, O.-A. Kirchheim u. T., sahen eines Tages eine kleine Truppe fremder Soldaten in der Richtung gegen das nordwestlich ¾ Stunden entfernte Reichenbach a. d. Fils die Halden herab auf den Ort zukommen. Sie wußten nichts Besseres zu tun, als Sturm zu läuten und mit Mist- und Heugabeln usw. bewaffnet den Fremden entgegenzuziehen. Sie wollten diese vom Betreten des Ortes abhalten. Kaum aber waren die kampflustigen Roßwälder bei den Vagabunden (denn so sahen diese Franzosen aus) angekommen, so drangen aus dem Walde Höhenrücken (Haurucke) oberhalb der Halden eine solche Menge Soldaten heraus, daß die Felder ganz schwarz aussahen von Truppen, die auf den Ort zu marschierten. Da fiel den Roßwäldern das Herz in die Hosen. Eilig flüchteten sie sich in ihre Häuser, versteckten das Geld und ihre Wertsachen, so gut sie konnten, und warteten in Todesängsten auf das, was kommen werde. Schultheiß und Gemeinderat aber mit dem Geistlichen an der Spitze zogen de- und wehmütig den Franzosen entgegen und baten um Gnade. Der Befehlshaber konnte etwas Deutsch und kündigte ihnen schließlich ihre Strafe an. Sie bestand darin, daß die Soldaten eine Stunde lang plündern durften. Doch sollte niemand an Leib und Leben beschädigt werden, weil auch keinem Franzosen etwas geschehen war. Auf ein gegebenes Zeichen eilten die Franzosen in die Häuser und nahmen, was ihnen gefiel. Sie hatten es neben Gold und Silber insbesondere auf Lebensmittel, Kleider, nebst Schuhen und Stiefeln abgesehen. Auf der Straße mußte mancher Bewohner sein Schuhwerk ausziehen und in Strümpfen oder barfuß weitergehen. Andere wurden gezwungen, die geraubten Gegenstände den Soldaten nachzutragen, und viele Wagen, mit geplünderten Sachen schwer beladen, hatten die Bauern mit ihren Zugtieren bespannt der Truppe nachzuführen, als diese abzog. Mehrere Tage stand es an, bis alle wieder heimgekehrt waren. Es stellte sich heraus, daß die Franzosen hinter dem Wald auf einem Weideplatz bei Reichenbach sich niedergelassen hatten. Die kleine Truppe war zufällig auf Roßwälden gestoßen, die große durch das Sturmläuten herbeigerufen worden.

Während jede Familie in Roßwälden durch die Plünderung mehr oder weniger Verlust hatte, kam ein schlauer Bauer ganz ohne Schaden weg. Wie war dies möglich? Er kannte ein klein wenig Französisch und hatte in seinem mit schönem Vieh besetzten Stall einen Ochsen, der sich von einem ihm unbekannten Manne nicht führen ließ. Auf ihn setzte der pfiffige Mann seine Hoffnung. Der Bauer brachte den kommandierenden Offizier so weit, daß dieser ihm den schriftlichen Befehl gab, es dürfe in dem Hause dieses Mannes nicht geplündert werden. Als Ersatz dafür sollte er den Franzosen einen fetten Ochsen übergeben. Er führte das halbwilde Tier aus dem Stall heraus und übergab es den Soldaten. Und siehe, der Ochse ließ sich willig eine Strecke weit von einem Manne führen, während die andern sich eilends dem Plündern hingaben. Plötzlich schüttelte er sich, warf den Soldaten zu Boden und sprang in gewaltigen Sätzen dem Felde und nahen Walde gegen Süden zu, in der Richtung nach Kirchheim. Bis der Soldat wieder auf seinen Füßen stand, nach dem Gewehr griff und auf das Tier schoß, war es schon ziemlich weit entfernt. Es kam unversehrt auf das Feld und in den Wald, obgleich auch andere Soldaten nach ihm schossen. Dorthin verfolgte es niemand. Die Franzosen wollten plündern. Trotz dieses Mißgeschicks blieb das Haus des Bauern von jeder Plünderung verschont. Der aber holte am gleichen Abend noch, als die Soldaten samt und sonders längst abmarschiert waren, seinen Ochsen im Walde und führte ihn triumphierend in den Stall zurück. Später machte er sich oftmals groß mit seiner Überlistung der Franzosen. Er erzählte die Geschichte auch meinem Vater, von dem ich gehört, was hier der Öffentlichkeit übergeben werden soll. Übrigens hat mein Vater als Knabe selbst den Franzoseneinfall erlebt und erinnerte sich dessen noch in hohem Alter gut, besonders der Angst und des Jammerns in der Familie, als der Vater mehrere Tage ausblieb, weil er barfuß als Träger hatte mit den Franzosen gehen müssen. Möge uns Gott vor ähnlichen Erlebnissen in Gnaden bewahren!

 

J. Sch.

 << Kapitel 39  Kapitel 41 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.