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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 37
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der »Sonnenwirtle von Ebersbach«.

(Ein Bild aus dem Gaunertum und Räuberwesen des 18. Jahrhunderts.)

Eine wahre Landplage war im 18. Jahrhundert das Räuber- und Gaunerwesen, wie es gerade in den Jünglingsjahren unseres Dichters Schiller in höchster Blüte stand. (Vgl. »Die Räuber«.) Ganze Scharen von Gesindel durchzogen das Land und machten die Gegend unsicher. Diese Gauner hatten ihre besondere Sprache unter sich, das sog. »Jenisch« oder Rotwelsch.

Groß an Mannschaften im Schwabenlande, brachen sie bei Nacht in die Häuser ein, leerten Stuben, Kammern und Kästen, gingen verkleidet auf Märkte, rapsten Waren, zogen Geld aus den Taschen, schnellten (prellten) die Leute, aßen und tranken gut mit ihren Weibern, lagen auf dem Felde ums Feuer, schwatzten und lachten. Aber oft kamen die Streifer und nahmen sie gefangen. Wenn sie ins Gefängnis kamen und ihre Taten offenbar wurden, so bekamen sie Schläge und Prügel, wurden »gemalefizt«, an den Galgen gehängt, geköpft oder gerädert. Einer der gefürchtetsten Räuber war der Sonnenwirtle von Ebersbach bei Göppingen, der Sohn des Sonnenwirts Schwan von dort, ein junger Mensch von großen Fähigkeiten, der durch die gehässigen Umtriebe einer bösen Stiefmutter, durch den Haß beschränkter Dörfler und vor allem durch die elenden Quälereien und Ungerechtigkeiten einer engherzigen Obrigkeit auf die Bahn des Verbrechens getrieben wurde. (Siehe Schillers: »Verbrecher aus verlorener Ehre«.)

In jungen Jahren schon kam der jähzornige Mensch ins Zuchthaus nach Ludwigsburg, wo er die Bekanntschaft der »Gauner« machte und ihre Sprache lernte. Zum zweitenmale brachte ihn sein gewalttätiges Wesen in den Kerker auf den Hohentwiel, von wo er auf wunderbare Weise entfloh. Lassen wir ihn es selbst erzählen:

Auf Hohentwiel hatte ich keine gute Zeit. Harte Arbeit, elende Kost und die Aussicht, daß es ewig so bleiben müsse. Aber ich ließ den Mut nicht sinken. Sie haben mich beim Festungsbau verwendet. Da – in meiner Dummheit – machte ich einen ganz tollen Fluchtversuch und sprang plötzlich von einem ganz steilen Felsen hinunter. Die Wache schoß sofort auf mich. Aber es war gar nicht nötig. Ich stand schon selbst nicht mehr auf, hatte den Fuß gebrochen. Sie heilten mich. Die Arbeit begann von neuem. Bei Nacht sperrten sie mich in einen Käfig, ganz von Quadern umgeben. Da konnte ich meinen Grimm austoben!

Aber Geduld! Mit Hilfe des »Jenisch« gelang es mir, trotz aller Aufseher, zu erfahren, welcher Gefangene meinem Kerker am nächsten lag. Und zwar verständigten wir uns durch Singen. Die Soldaten, die Wache standen, haben oft ganz andächtig zugehört, wenn ich ein langes Bußlied halblaut vor mich hinsummte in »Jenisch«, das meine Leidensgenossen verstanden. So verabredeten wir uns ein Alphabet, und des Nachts, durch Klopfen an unsere Quaderwände, redeten wir miteinander in dieser Klopfsprache – Buchstaben – Wörter – ganze Sätze.

Ein Nagel, den ich fand, war mein wertvollstes Besitztum. Mit ihm grub ich ¼ Jahr lang jede Nacht hindurch an einem Loch in der Mauer.

Dabei hatten wir, was irgend zum Knüpfen und Binden tauglich war, zwei Jahre lang wie die Hamster zusammengetragen. Was das für eine Arbeit war, daraus die nötigen Stricke zu machen! Kein Mensch kann es begreifen. Wie wir mit unseren Vorbereitungen endlich fertig sind, haben wir uns an den steilen, roten Felsen hinabgelassen. Es war eine stürmische Regennacht. Wir waren selbdritt: einer voran, ich in der Mitte, so sind wir an dem armseligen Seil hinuntergerutscht. Uns zweien vorderen gelang es, bei dem dritten, hinter uns, brach das Seil, und er stürzte sausend in die Tiefe, zum Glück nicht auf unsere Köpfe! Der Fall hatte die Wache aufmerksam gemacht.

Sie lärmten und trommelten darauf los, daß die ganze Festung in Aufruhr kam.

Uns aber nahmen die Wälder und Schluchten des Hegäus auf. – – – –

Über die Gefangennahme des verwegenen Menschen berichtete der Oberamtmann von Vaihingen am 7. März 1760 an die fürstliche Regierung in Stuttgart.

Gestern abend, um 5 Uhr ungefähr, kam ein unbekannter Kerl, auf dem Pferde sitzend, vor das Brückentor in Vaihingen geritten. Der Torwart fordert ihm die Pässe ab und führte ihn auf das Oberamt, wo ich im Hof ihn fragte, wer er sei, woher er komme und wohin er wolle. Er gab zur Antwort: Er sei ein Krämer, komme von Pforzheim, wo bei dem Schwertwirt sein krankes Weib liege, und wolle nun nach Schozach oder Hofen reiten, um einen Doktor zu Rat zu ziehen.

Seine drei Pässe waren völlig in Ordnung, aber die Sache kam mir nicht ganz geheuer vor; ich bemerkte ein auffallendes Benehmen an dem Menschen und befahl ihm, vom Pferde zu steigen. Da wandte er sogleich um und sprengte im Galopp dem Enzweihinger Tore zu. Mein Schreiber eilte ihm nach und kam auf einem kürzeren Wege mit ihm vor das Tor. Dort trat ihm auch der Schlosser Matth. Brecht entgegen und rief ihm zu: Er werde ihm den Hammer an den Kopf schleudern, wenn er nicht halte, worauf der Mann vom Pferde stieg und eine Pistole unter dem Rockfutter hervorzog. In dem Augenblicke hatte ihn der Schlosser von hinten um den Leib gefaßt, und glücklicherweise ging die Pistole nicht los, da der Fremde vergessen hatte, den Hahn zu spannen.

Da sprang Metzgermeister Arlet mit seinem Jungen noch herzu, – und so wurde der Ausreißer überwältigt und aufs Oberamt geführt. Da beklagte er sich bitter über die Gewalt, die er erlitten, stellte sich betrunken und gab weiter keine Antwort, als, er sei ein Deserteur von der kaiserlichen Armee, heiße Johannes Klein, die Pässe und das Pferd gehören einem Manne, der ihm letzteres geliehen und ihn in Heilbronn erwarte. Ich ließ seine Kleider durchsuchen, fand eine zweite Pistole bei ihm, Kugeln, Pulver, Schwefelhölzchen, Feuerstahl, Stein, Zunder, ein Wachskerzchen und ein hebräisches Wörterbuch. Also wurde er die Nacht über im Blockhaus geschlossen und auf das schärfste bewacht. Heute morgen ließ ich ihn aufs neue vorführen und sagte ihm, sein Leugnen helfe ihm nichts, er sei ein Räuber und Gauner und werde seiner Strafe nicht entgehen. Er könne höchstens durch ein offenes Geständnis seiner Missetaten seine Seele zu retten suchen. Darauf erwiderte er: Er sehe ein, daß er in die Hände der Obrigkeit gefallen und daß ihm sein Leugnen nichts mehr helfe; also wolle er bekennen, daß er vor Gott und den Menschen schwer gefehlt habe, seine Sünden dem Herrgott abbitten, den Landesherrn um eine gnädige Strafe anflehen und hiermit frei gestehen, daß er der »Sonnenwirtle« sei, eigentlich Friedr. Schwan heiße, von Ebersbach, Göppinger Oberamts, gebürtig, 31 Jahre alt und seines Handwerks ein Metzger sei.

So war der unglückliche Mensch, des unsteten Lebens überdrüssig, das er so lange geführt hatte und hatte führen müssen, am Ziele seiner Laufbahn angelangt. Reuig bekannte er alle Einzelheiten seines Lebens aus der Zeit, wo er, ein Ausgestoßener und Verworfener, seine Zuflucht bei den Gaunern und Landstreichern gesucht und gefunden hatte. In seinem Gefängnis in Vaihingen verfaßte er ein ausführliches Selbstbekenntnis, worin er auch alle seine Mitschuldigen entdeckte und freimütig darlegte, wie oftmals diese elenden Leute mehr das Mitleid als den Haß ihrer Mitmenschen verdienten. Gefaßt und in christlicher Ergebung ging er zum Tode und wurde am 30. Juli 1760 in Vaihingen lebendig auf das Rad gelegt.

 

Nach Herm. Kurz von F. H.

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