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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 33
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweite Zerstörung von Calw (1692).

Die Stadt Calw hatte schon im Dreißigjährigen Krieg so Schreckliches erduldet wie kaum eine andere württembergische Stadt. Von dem wilden Volk der Kroaten überfallen, war sie im Jahre 1634 völlig ein Raub der Flammen geworden. Schon im Jahre 1692 wartete ein ähnliches Schicksal auf die kaum aus der Asche erstandene Stadt.

Es war der 19. September dieses Jahres, ein finsterer, dunkler Tag! Von Ötisheim rückte französisches Kriegsvolk, die Mordbrenner, erst in geringer Zahl, bald in immer stärkeren Haufen heran. Still war's in der Stadt, als die Feinde erschienen, kein Mensch, kein Tier in den Gassen zu sehen. Da sah man die fremden Räuber von Haus zu Haus eilen, die Türen einschlagen, mit Beute beladen davonziehen, indem immer frische Haufen die abziehenden ablösten. So verging der Tag. Calw war der Schauplatz der härtesten Plünderung. Da, am Abend, als die Sonne über dem Talrand im Westen verschwand, sahen die armen Bewohner, die rings in den Wäldern sich bargen, schwarzen Rauch aus der Stadt aufsteigen. Helle Lohe flammte auf über den Giebeln und Dächern, während die Feinde »mit Poltern und Schlagen, mit Sacken und Packen, mit Fortschleppen des Raubes« in den Straßen der Stadt hausen und toben, ja sogar aufgegriffene Bürger gezwungen werden, selbst Feuer anzulegen. So wütete der Brand von Montag Nacht bis Freitag, wo auch die äußere Vorstadt dem Feuer zum Opfer fiel. Die Kirche, eine der schönsten im Herzogtum, alle Amts- und Privathäuser innerhalb der Mauern, mit Ausnahme von vier Gebäuden, wurden in Schutt und Asche gelegt. Verschont blieben außerdem nur einzelne Hütten, die hie und da an den Bergen klebten.

So lag nun die Stadt, »die voll Volks war«, in kurzer Zeit wüst und in Asche. Die unglücklichen Bewohner suchten, nur ein Nachtlager zu bekommen; auch solche, die zuvor in schönen Häusern gewohnt hatten. Was mögen da manche auf der Flucht, heimatlos, obdachlos, ohne Brot, ohne Geld, ohne Kleidung, ausgestanden haben! Viele hausten in den Kellern, viele in Bretterhütten, die man in der Eile errichtete. In einem Keller beim Obertor, unter freiem Himmel, bei Ungewitter, Schnee und Regen mußten die Gottesdienste gehalten werden. Der Mesner ging mit einem Handglöcklein durch die »Steinhaufen«, um zum Gottesdienste zu laden.

Und zu diesem Jammer kam die Pest, die Seuche. Die zwei Armenhäuser, die vom Brande verschont geblieben, lagen voll von Kranken. Ein Toter um den andern wurde hinausgetragen. Niemand war da, der sie begrub, es fehlte an Särgen und Trägern, die Leichen wurden– ein entsetzlicher Anblick! – mehr hinausgeschleppt als getragen. Die Seuche nahm so überhand, daß in manchen Häusern in jeder Kammer zwei, drei, vier Kranke lagen, und zwar ohne Bett, ohne Pflege. Auch in Kellern und Höhlen lagen sie, und der Pfarrer mußte durch alle die traurigen Löcher kriechen, um geistlichen Trost zu spenden. Schrecklich war die Hungersnot. Kleie-, Haber-, Erbsenbrot galten als ein Leckerbissen. Ein Scheffel Kernen war auf 21 Gulden gestiegen. – In dem Habermehl war viel Schwindelhaber, so daß die Leute von dem Genusse desselben taumelten wie die Trunkenen. Disteln und Nesseln wurden mit Fleiß gesammelt und gegessen. Da wurde mancher am ganzen Leib schwarz (»Schwarzer Hunger«), daß man ihn nicht mehr kannte; die Haut hing an den Beinen, und »sie waren so dürr wie ein Scheit«.

Und selbst in diesem Elend wiederholten sich die feindlichen Streifzüge bis vor die Mauern der zerstörten Stadt. Welch ein Schrecken, als am 14. Juli 1693, an einem Freitagmorgen, plötzlich eine französische Truppenabteilung in die Stadt eindrang! Aber vielleicht graute den schlimmen Gesellen selbst beim Anblick des Jammers und der Zerstörung. Nachdem jeder ein Stück Brot und einen Trunk Wein empfangen, zogen sie eilends wieder davon.

Doch auch von diesem entsetzlichen Unglück erholte sich die Stadt. Im Jahre 1697 konnte der Dekan von Calw in einer Festpredigt, nachdem er die Gemeinde an die ausgestandene Drangsal erinnert hatte, mit Dank gegen Gott darauf hinweisen, wie die Stadt Calw wieder allmählich aus der Asche erstehe und wachse und gedeihe.

»Wir haben wieder ein Gotteshaus,« sagte er, »wir haben wieder zwei Glocken, die aus dem Erzklumpen, der im Feuer geschmolzenen alten gegossen sind; wir haben wieder ein Lehr- und Schulhaus, einen Pflanzgarten der so sehr verringerten Bürgerschaft. Schon stehen wieder 164 neue Häuser, und die Stadt zählt wieder 1500 Seelen, und während im Jahre 1693 nicht mehr als 23 Kinder getauft wurden, sind es heuer (1697) deren 77.«

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