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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 32
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Franzosen in Stuttgart.

 

I.

Schweres Unheil brachte das Franzosenjahr 1688 auch über Stuttgart. Schon hatten die Franzosen Heilbronn, den Asperg, Eßlingen, Tübingen usw. besetzt, da machten sie plötzlich am Thomastag (19. Dezember) einen unerwarteten Angriff auf Stuttgart. Nach kurzer Gegenwehr am Hauptstättertor drangen sie abends 5 Uhr in die Stadt ein, Reiter sprengten durch die Straßen, und wo sie ein Licht in den Häusern bemerkten, gaben sie Feuer. In der Eßlinger Vorstadt begann die Plünderung. Am folgenden Tag wurden die Fremden bei den Bürgern einquartiert. Der französische General legte der Stadt eine ungeheure Brandschatzung auf. Der Vogt, der Bürgermeister und der Prälat Osiander von Hirsau taten einen Fußfall vor dem Gewaltigen, worauf er sich mit der Zahlung von 15 000 fl. begnügte. Kurz nur dauerte diesmal die Last der feindlichen Einquartierung. Schon am 21. Dezember rückte der Markgraf von Baden mit seinen deutschen Hilfsvölkern heran. Da war des Bleibens nicht länger für die Herren Räuber. Sie machten sich eiligst aus dem Staube, indem sie noch die beiden Bürgermeister als Geiseln mit sich entführten. Schlimm ging es den zurückgebliebenen verwundeten Franzosen. So groß war die Erbitterung der deutschen Soldaten, daß der Kammerdiener des Regenten von ihnen erschossen wurde, weil er Französisch gesprochen hatte.

 

II.

Fünf Jahre später! Wieder rücken die französischen Mordbrenner ins Land. Im Anzug lassen sie die Meldung nach Stuttgart ergehen: Wenn keine zuverlässigen Geiseln gestellt würden, so würden sie sofort sechs, an einem Tage später zwölf Dörfer und am 3. Tag Stuttgart und Tübingen verbrennen. Außerdem hätte die Stadt sofort sechs Tonnen Goldes zu liefern. In edler Aufopferung für das Vaterland lieferten sich vier herzogliche und städtische Beamte freiwillig dem Feinde aus, der sie 3 Jahre lang in den Zitadellen von Straßburg und Metz manchmal hart genug gehalten hat.

Indessen zogen die Franzosen über Vaihingen heran, wo sie ihr Lager aufschlugen und ritten in Stuttgart ein und aus.

Ganze Wagenzüge von Zufuhren gingen täglich von hier ins Lager ab, an Pferden war solch ein Mangel, daß sie selbst dem Henker sein Pferd aus dem Stall genommen und an den Schinderkarren gespannt, um Eis und Küchenwerk dem Dauphin ins Lager zu führen. Indes ließen sie sich herbei, alle diese Waren – mit geraubtem Gelde – zu bezahlen, besonders teuer die Hufnägel! So wäre die Sache noch erträglich abgelaufen, wenn nicht am Jakobiabend etliche tausend Bauern unter Anführung einiger abgedankter Soldaten in feindseliger Absicht gegen Stuttgart angerückt wären, um den französischen Schnapphähnen ihr Handwerk zu legen. Oberhalb der Galgensteige hielten sie sich in den Weinbergen verborgen und überfielen einen Zug französischer Reiter, welche die Proviantwägen zu begleiten hatten. Dabei wurde der Sohn des Scharfrichters von Stuttgart erschossen. Die Reiter mußten in die Stadt zurückweichen. Indessen rückten immer mehr bewaffnete Landleute den Bopser herab gegen die Stadt. Die französischen Offiziere, die eben mit den Herren vom Magistrat auf dem Rathaus zu Mittag speisten, schickten den Stadthauptmann an sie ab, der sie von ihrem feindlichen Beginnen mit Rücksicht auf die Stadt abmahnen sollte.

Aber schon waren mehrere hundert derselben in die Stadt eingedrungen und gaben Feuer auf die französischen Reiter, die eben ihre Pferde aus dem Marstall rissen. Sie zogen sich ins Schloß zurück. Die racheschnaubenden Bauern waren entschlossen, das Schloß mit Gewalt zu nehmen. Da stellte sich der sog. dicke Sattler, ein ehemaliger Ratsschreiber, mit einer Stange, an die er eine Serviette gebunden, den Wütenden entgegen und versprach ihnen, die Franzosen auszuliefern, wenn ihnen nichts an ihrem Leben geschehe. So durften die Franzosen abziehen, nachdem man sie rein ausgeplündert hatte. In der ganzen Stadt wurden sie ausfindig gemacht, zum Teil umgebracht, zum Teil gefangen genommen und gegen Lösegeld wieder freigegeben. Der damalige Stuttgarter Stadtschreiber zahlte beispielsweise für den Hofmeister des Dauphin, ein altes, 70jähriges Männlein, 2 fl. Lösegeld, ein französischer Trompeter, der »eine Montur von blauem Samt, mit Silber verbrämt, und eine silberne Trompete hatte«, wurde für 6 fl. losgekauft. Den ganzen Tag dauerte die Jagd auf alles, was Franzosen hieß, und gegen Abend fingen die »Helden« an, die Keller ihrer eigenen Landsleute zu erbrechen und sich voll zu trinken. Man war in größter Sorge, die »Retter« möchten am Ende die Stadt plündern und aus Unvorsichtigkeit anzünden. Da berief der Rat eine Abteilung des württembergischen Dragonerregiments von Zuffenhausen her, welche die Stadt von dem eingedrungenen Bauernvolk säuberte und die gefangenen Franzosen mit sich nahm. Dieser Überfall kam der Stadt Stuttgart, die doch ganz unschuldig war, sehr teuer zu stehen. Sofort wurden 800 französische Reiter in die Stadt gelegt, denen man täglich Brot, Wein, Fleisch, Salz, Holz, Haber und Heu zu liefern hatte. Außerdem mußte die Stadt 14 000 fl. Entschädigung zahlen für alles, was die Franzosen bei dem Überfall verloren hatten. Die feindliche Einquartierung lag so lange in der Stadt, bis die Feldbäckerei der Franzosen zu Vaihingen a. E. verbrannte und bei dieser Gelegenheit die ganze Stadt Vaihingen in Flammen aufging. Da räumten die Feinde vor den anrückenden deutschen Truppen rasch die Stadt Stuttgart und das Land Württemberg, indem sie vier vornehme Männer von Stuttgart als Geiseln mit sich führten.

 

F. H.

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