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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 31
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie eine Reichsstadt sich demütigen muß.

(Eßlingen, 1688.)

 

I.

Im Monat November des Jahres 1688 war des Franzosenschreckens in Schwaben kein Ende. Speier, Worms, Mainz waren bereits in ihren Händen. Die Reichsstadt Heilbronn hatten sie fast ohne Schwertstreich eingenommen. Nacht für Nacht zeigten sich durch Franken hin Röten am Himmel, gleich einer feurigen Schlange den schwäbischen Kreis umzingelnd. Am 8. November lief in Eßlingen die Meldung ein, 45 französische Grenadiere kommen in starkem Marsche vor das Mettinger Tor. Mit Mühe und Not gelang es dem Altbürgermeister Weikersreuter, die wilde Rotte zur Umkehr zu bewegen. Da – o Schrecken über Schrecken! – kommt der Postillon von Heilbronn zurück, der wegen Ermäßigung der Kriegssteuer an den französischen General dorthin gesandt wurde. Er bringt die Ordre von dort, daß die Stadt Eßlingen den Franzosen der Heilbronner Garnison 30 000 Rationen Furage zu liefern habe. Die Ration bestehend aus 15 Pfund Heu, 5 Pfund Stroh und 3 Mäßlein Haber. Das fing gut an. Und die Herren Franzosen ließen nicht mit sich markten, so demütig und »submissest« auch der Gesandte der Reichsstadt im breiten Staatsrock und wallender Perücke vor ihren Generälen katzenbuckelte. Auch nach Stuttgart eilte Herr Färber im Auftrage des Eßlinger Rats, um dort bei der Prinzessin Marie Anna Ignatia, einer entfernten Verwandten des Herzogs, vorzusprechen, daß sie sich bei ihren Bekanntschaften am französischen Hofe in Paris, wo sie lange Jahre geweilt hatte, zugunsten der Stadt verwenden möchte. Geduldig wartete er, bis dero Lakai gegessen hatte, um ihn bei der Prinzessin einzuführen. Die schrieb denn auch einen Brief in französischer Sprache an den General Montclar, der damals sein Hauptquartier in Heilbronn hatte. Die Stadt Gmünd hatte die Prinzessin schon vorher um eine ähnliche Gefälligkeit angegangen, Eßlingen erhielt aber den Vorzug. Der Lakai der Prinzessin begleitete den Eßlinger Gesandten, sonst wäre es ihm wohl nicht gelungen, Audienz bei dem französischen General in Heilbronn zu erhalten. Dem Lakaien aber standen alle Türen offen, Herr Färber ließ schon im Vorzimmer die goldenen Dublonen spielen und mit einer Quittung für 30 000 Rationen, die er mit 600 fl. abgelöst hatte, und mit einem verbindlichen Schreiben an die Prinzessin Marie Anna kehrte der glückliche Mann nach Eßlingen zurück. Die Stadt Eßlingen aber beschloß, der Prinzessin untertänigst Dank zu erstatten, auch dem Lakaien für seine Bemühungen 14 fl. zu »verehren«.

»Welches alles wir getreulich berichten wollen, weilen daraus lehrreich zu ersehen, wie eine Stadt, die vor Zeiten von Kaisern, Königen, Herzögen und Grafen vergeblich belagert wurde, sich bemüßigt sah, bei einer nahezu heimatlosen Prinzessin und dero Lakaien wider Seladons mit den Brandfackeln Hilfe zu suchen.«

 

II.

Potz Blut und Marter, was ergeht mit einmal für ein Lärm! Die ganze Stadt rottet sich zusammen, die Herren Geheimen rennen, als ob ihnen der Kopf brennte.

Schon wiederholt hatten die »Mordbrenner« in kleinen Scharen an den Toren der Reichsstadt angeklopft. Diesmal wurde es ernst. Über Marbach und Cannstatt rückte Melac mit seinen Truppen heran. Eine Deputation des Rates ritt in aller Frühe des 24. November ihm entgegen. Er versicherte ihnen, daß er seine »Völker« nur bis Mittag in der Stadt belassen werde. So führte er anfangs nur wenige Reiter herein und ließ die übrigen Reiter und das Fußvolk vor den Toren halten. Während man nun in der Stadt die Quartiere ordnete, ließ er seine gesamte Macht, 1500 Reiter und 2800 Fußgänger nebst 565 Offizieren auf den Markt rücken.

Unter dem Tor begrüßte eine Abordnung des Rates den General mit den Worten: »Gnädiger Herr, wir empfehlen die Stadt Ihren gütigen Befehlen,« worauf er dann den Hut ein wenig entblößt, aber weiter nichts darauf geantwortet habe.

Unterdessen stand die Bürgerwache noch unter dem Gewehr, da ritt Melacs Bruder, Larrard, Generalmajor, mit zorniger Miene und aufgehobenem Stock, als ob er auf sie zuschlagen wollte, an sie heran und rief: »Marchez, bougres, marchez!« (»Fort mit euch, Lumpenpack, fort!«). Endlich wurden die Herren, der General und der französische Gesandte von den Abgeordneten in den »goldenen Adler« geleitet, wo man sie nochmals bewillkommnet hieß und sie »komplimentierte« und in einer kurzen Ansprache um gnädige Behandlung bat.

Welcher Art diese war, das sollte sich bald zeigen. Bis Melacs Truppen alle Quartier gefunden, ging alles in einer unbeschreiblichen Konsternation, Konfusion und Unordnung her. In der Stadt waren die »erschräcklich viel Offiziers« kaum unterzubringen. In der Vorstadt Pliensau hatte jede Haushaltung ihre 10–15 Reiter, welche sie in dem Hausflur, in der Werkstatt, auch im Keller einstellten und mitunter gar auf die Treppe hinauf unters Dach brachten. Melac hatte versprochen, seine Truppen keine Unordnungen begehen zu lassen und für dieses Versprechen 2100 fl. »verehrt« bekommen. Am andern Morgen waren zwei Drittel der Stadt rein ausgeplündert.

Einzelne Bürger waren aufgehängt und erst als sie schwarz wurden und zu ersticken begannen, wieder abgeschnitten worden. Viele Bürger liefen am Morgen des Andreastages in der Stadt herum und besaßen nicht mehr, als was sie auf dem Leibe trugen.

Der Rat beklagte sich bei Melac. Er verspricht aufs neue, für gute Ordnung zu sorgen und empfängt als Trinkgeld hierfür 3000 fl., eine entsprechende Summe sein Bruder und die anderen Generäle. Indessen traf der General keine andere Abhilfe, als »daß er selbst in ein und das andere Bürgerhaus gegangen, an diejenigen, so vor anderen es schlimm getrieben, seine großen, und wie die Franzosen selbst glauben, zauberischen Hunde angehetzt, dieselben niederreißen lassen und sie mit seinem Stock grimmig und bestialisch abgeprügelt, wie denn eine solche Wut in ihm gewesen, daß, wenn er dieselbe auszustoßen nicht Gelegenheit gehabt, er in einige bei sich in der Tasche gehabte harte Äpfel gebissen. Man erinnert sich, daß Melac einem Eßlinger Bürger, der ihm beim Schreiben zugesehen, aus Zorn die Feder in die Backe gestoßen hat.«

In Eßlingen waren die Feinde unumschränkte Meister. 4000 Franzosen lagen in der Stadt im Quartier. Wehe den Vorräten in Küche und Keller! Wehe dem Geldbeutel der bedrängten Bürger! Ungestraft durften die gemeinen Soldaten die schlimmsten Gewalttaten an den unglücklichen Bürgern begehen. Melac drohte wohl und ließ einen Esel auf dem Markte aufrichten. Aber dabei blieb es.

Noch schlimmer trieben es die Herren Offiziere. Einer derselben, Herr von Biville, hielt jeden Tag offene Tafel und schrieb den Küchenzettel vor: »Täglichen zu liefern à Mr. le Marquis de Biville, General der Infanterie, à Hislingue: 2 Schinken, 20 Pfund Öl, 2 Pfund Zucker, 20 Pfund Parmesankäse, 15 Pfund Kapern, sechs Dutzend Zitronen, 3 Dutzend Orangen, 20 Pfund Kastanien, 20 Pfund Oliven, 20 Pfund Kerzen, 50 Pfund Speck, 4 Pfund Pfeffer, 2 Pfund Muskat, 2 Pfund Nelken, 1 Pfund Zimmt, 10 Pfund hanchons usw.« Das Wildbret, das die Herren auf ihrer Tafel wünschten, wurde auf württembergischem Gebiet erpirscht. So kam die Stadt noch in Ungelegenheiten mit der württembergischen Herrschaft. Einer der Herren Offiziere fand besonderen Geschmack an Zungen, und ließ deshalb die Forderung ergehen, daß man ihm von allem geschlachteten Vieh die Zunge zu liefern habe. Auch jedes zehnte Maß von ausgeschenktem Wein sprach er als sein Herrenrecht an. Den Kaufleuten wurden die Läden, die sie offen halten mußten, rein ausgeplündert. Die Bauern der Umgegend wurden gezwungen, mit Hacken und Pickeln die Burgmauer zu untergraben. Am 5. Dezember ließ Melac alle Waffen und Gewehre einziehen, die noch im Besitz der Bürger waren. Und den allerbesten Fang machten die Franzosen, als sie das Zeughaus plünderten, voll von großem und kleinem Geschütz, Gewehren, Kugeln, Pulver usw. im Geldwert von 150 000 Gulden. Mit diesen Waffen unternahmen die Franzosen ihren Versuch gegen Schorndorf, der ihnen so schlecht glückte.

Fast hatten die Feinde auch noch alle Glocken der Stadt mitgenommen. Ein Offizier drohte, dies zu tun, wofern man ihm nicht ein Pferd verehre. Das geschah natürlich. – Die Herren durften ja nur wünschen! – Die Eßlinger schlugen ihnen gewiß keine Bitte ab. Ja die Stadt kam bei diesem Wohlverhalten noch gut genug weg. Aber der Name Melac wird in Eßlingen unvergessen bleiben.

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