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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 26
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Plünderung des Zavelsteiner Schloßkellers.

Willst du die kleinste Stadt Württembergs sehen, so mußt du nach Zavelstein gehen. Es ist in den vielen Jahren seines Bestehens nicht ganz auf 300 Einwohner gekommen. Kein Fremder läßt sich für die Dauer in dem Bergstädtchen nieder, und mancher junge Bursche kehrt seiner Heimat den Rücken, um das Glück auswärts zu suchen.

Trotzdem hat Zavelstein einen guten Klang. Wie es einst dem flüchtigen Rauschebart seine Tore öffnete, so heißt es im Frühjahr und Sommer viele Gäste willkommen, welche den blühenden Krokusflor auf der Schloßbergwiese sehen oder einen ruhigen Sommeraufenthalt in schattigen Tannenwaldungen genießen wollen. Die Schloßruinen bieten einen malerischen Anblick, besonders von der Talstraße zwischen dem Bad und der Station Teinach aus. Sie zeigen, daß das Zavelsteiner Schloß einst eine stattliche und geräumige Besitzung gewesen sein muß.

Auf die Weinkeller scheinen die Besitzer großen Wert gelegt zu haben. Die zwei gut gewölbten Räume boten Platz für Fässer zu mehr als 300 Hektoliter Wein. In schlechten Weinjahren hatte man im Zavelsteiner Schloß kein Verlangen nach neuem Rebensaft; die Aufschriften der Fässer ließen nur Erzeugnisse der besten Jahrgänge erkennen. Aus diesem Grunde war der Ruhm des Zavelsteiner Schloßkellers in die ganze Umgebung gedrungen. Mancher Waldarbeiter wünschte sich bei seinen schweren Geschäften ein gefülltes Krüglein von dorther.

Die Gelegenheit hierzu brachte die Nördlinger Schlacht im Jahre 1634. Der damalige Besitzer begab sich, wie Eberhard III. von Württemberg, auf die Flucht, und so war das Zavelsteiner Schloß gewissermaßen ein herrenloses Gut geworden. Die Kunde davon drang auch nach Wildberg, wo sich, wie in andern Städten und größeren Ortschaften, kaiserliche Truppen zum Schutz der Einwohner und ihres Eigentums befanden. Gar ernst erfaßten sie ihre Aufgabe nicht.

Arnold Mayer, der »Kommandant« der kleinen Truppe, begrüßte es mit Freuden, als man seine Hilfe in Neubulach gegen herumstreifende Reiter verlangte. Schnell machte er sich mit seinen Leuten auf den Weg. Der kriegerischen Schar folgten zwei mit fünf leeren Fässern beladene Wagen, die unter sicherer Bedeckung nach Zavelstein weitergeschickt wurden. In Neubulach hatten sich aber noch keine Feinde gezeigt und so konnte Mayer den Wagen alsbald nachfolgen. Sein Ziel war der Schloßkeller. Ein Küfer aus Wildberg, der durch Drohungen zum Mitgehen gezwungen worden war, mußte die Fässer füllen, und zwar mit fünf verschiedenen auserlesenen Sorten.

Während dieser Arbeit sprachen der »Kommandant« und die Untergebenen dem Weine fleißig zu. Auch die ausgestellten Wachen blieben nicht vergessen. Man trug ihnen den Wein in Kübeln herbei. Die Bürger und Bauern von Zavelstein gedachten ebenfalls zu einem Freitrunk zu kommen. Sie stellten sich mit Fäßchen, Kübeln, Krügen, Häfen und andern Geschirren ein. Wenn ihnen auch anfangs der Eingang verwehrt wurde, so konnten Mayer und seine Leute dem Andrang endlich nicht mehr wehren. Die Zavelsteiner erhielten Verstärkungen aus Teinach, Schmieh und selbst aus Calw. In der ganzen Umgegend herrschte plötzlich ein gewaltiger Weindurst. Sogar die Hüte dienten als Gefäße. Von den benachbarten Teinachern wird gemeldet, daß sie sich durch einen geheimen Gang und eine kleine Tür Eingang ins Schloß verschafften. Gegen Bezahlung half auch der Pfarrer von Zavelstein seinem Weinfäßchen, das etwa 100 Liter hielt, wieder auf. Zwei Soldaten brachten den Wein ins Pfarrhaus und wurden dafür zu Gaste geladen. Der 13. Oktober 1634 gestaltete sich also in Zavelstein zu einem Tag, an dem in Privathäusern und im Freien frohe Zecher zu sehen waren.

Gegen Abend trafen auch noch leere Weinfässer aus Nagold und Ebhausen ein. Die Kaiserlichen von dort wollten ebenfalls billigen Kirchweihwein haben. Nach dem Abzug der Weinwagen am andern Morgen begann die eigentliche Plünderung des Schlosses durch die Landleute.

Der »Kommandant« von Wildberg, der den Anfang gemacht hatte, verkaufte den größten Teil seines geraubten Weines an Wirte in Liebelsberg, Bulach, Schönbronn, Effringen, Wildberg und Rotfelden und unternahm dann eine zweite Weinfuhr nach Deufringen, wo er in den Schloßkellern des Freiherrn von Gültlingen ebenfalls reiche Ausbeute fand.

 

Nach A. Schilling »Aus dem Schwarzwald« von G. A. V.

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