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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 25
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein Tuttlinger im Dreißigjährigen Krieg.

Hans Konrad Müller war in jener jammervollen Zeit herzoglicher Keller (Kameralverwalter) in Tuttlingen. Wie schlimm es ihm in den Kriegsjahren 1633 und 1634 ergangen, soll er uns selbst in einem Brief erzählen, der auf uns gekommen ist. Lassen wir ihn reden:

»Ich war 45 Jahre alt, als der kaiserliche Oberst Vizdom die Stadt Tuttlingen besetzte und 3 Monat Sold für sein Regiment von uns begehrte. Da wurde befohlen, alle Barschaft, alles Gold und Silber auf das Rathaus zu tragen. Aber nur ein kleiner Betrag kam so zusammen...

Da wurden die Bürger ›mehrenteils‹ in die Kirche gesperrt, alles Vieh auf dem Markt zusammen- und dann weggetrieben; ich als ›Amtskeller‹ nebst dem Stadtschultheißen, den beiden Bürgermeistern, dem Stadtschreiber und etlichen Ratsherren auf dem Rathaus gefangen gehalten und von acht Kroaten bewacht, um als Geisel weggeführt zu werden. Aber mit Hilfe eines befreundeten Offiziers entkam ich auf die Bühne des Rathauses, wo ich mich in Bauernkleidern unter den Feuereimern 26 Stunden lang verborgen hielt, bis die anderen Gefangenen weggeführt waren, und zwar nach Lindau, wo sie alle bis auf zwei an der Pest starben ...

Im November desselben Jahres besetzte General Altringer aufs neue die Stadt Tuttlingen. Meine Frau befand sich in hilflosen Umständen, meine fünf Kinder lagen alle am hitzigen Fieber krank. Da verbarg ich mich einen Tag und eine Nacht in einer Wasserdohle und gab meinem Weib und meinen Kindern jedem ein Stück Geld ins Bett, daß sie, im Falle sie bedrängt würden, mit diesem die Soldaten begütigen könnten.

Unterdessen fragte General Altinger nach dem Amtmann. Man sagte ihm, ich sei nach Schaffhausen, für mein krankes Hausgesinde Arznei zu holen.

Aus Erbarmen legte er einen Leutnant in mein Haus, daß niemand die Kranken belästige. Der Mensch machte sich das zunutze: er stahl mir 3 Pferde, 15 Stück Rindvieh, 8 getötete gemästete Schweine, die teils im Rauch hingen, teils noch im Salz lagen. Als das Militär am andern Tag abgezogen war, ging ich in mein Haus, um nach meinen Kranken zu sehen. Da wurde ich von einem Haufen neu angekommener Polacken gefangengenommen. Sie durchsuchten meine Kleider, nahmen, was sie fanden, und zwangen mich, sie in meine Behausung zu führen. Als sie so viele Kranke sahen, entsetzten sie sich und gaben mir gute Worte, stellten aber eine Wache auf die Treppe, daß ich nicht entweichen könnte. Dann kochten sie selbst von allem, was sie noch im Hause vorfanden, und luden mich zum Nachtessen ein und gaben mir Essig mit Wasser zu trinken, was auch ihr Trank war, weil ich keinen Wein mehr hatte. Während wir aßen, kam ein deutscher Offizier, den sie wahrscheinlich hatten holen lassen, weil sie nicht Deutsch konnten. Der setzte sich zu uns und verlangte Wein von mir. Ich sagte ihm, daß ich keinen Tropfen mehr hätte; er sei tags zuvor bis auf den letzten Rest ins Generalquartier geholt worden. Man glaubte mir nicht. Ich muß mit dem Deutschen in den Keller. Da läßt er die Tür sofort versperren und fordert Geld von mir, oder ich müßte auf der Stelle sterben. Seine Henkersknechte binden mir beide Arme auf den Rücken und werfen mich rücklings auf den Boden und hauen mit ihren Säbeln auf mich ein, daß mir vor Schmerzen und Schreien fast der Atem ausging.

Ein deutscher Dragonerwachtmeister, der beim Amtshaus auf Wache stand, hörte mich schreien, kam heran und rief in den Keller herunter, sie sollten mich gehen lassen, sonst werde er dem Oberstleutnant Anzeige machen. Da ich mich erbot, ihnen all mein Geld zu geben, ließen sie ab von mir und führten mich zu meinen Lieben in die Stube, wo sie alles durchsuchten und auch die silbernen Löffel und Gürtel wegnahmen, die in der Wiege unter dem jüngsten Kind verborgen waren. Ich tat einen Fußfall vor ihnen und bat sie um Gottes willen, mir das Leben zu schenken; und meine Kinder, als sie mich so gebunden sahen, fingen an heftig zu weinen und zu schreien und wollten mich nicht von ihren Bettlein lassen. Aber die Polacken drohten ihnen mit dem bloßen Säbel und führten mich hinweg. So mußte ich ihnen all meine Barschaft überliefern, einen Sack voll Reichstaler, den ich in einer Mauer verborgen hatte, ferner ein Säckchen mit Dukaten, welche ich in den Abort geworfen hatte und nun selbst wieder suchen mußte. Sie aber waren damit noch nicht zufrieden, schleppten mich im ganzen Haus umher, daß ich noch mehr Geld finden möchte, obgleich ich beteuerte, keins mehr zu haben. Darüber wurden sie noch mehr erbost und suchten einen abgelegenen Ort hinter dem Haus, ein Gewölbe an der Stadtmauer, wo niemand mich schreien hören konnte. Dort machten sie ein großes Feuer, in dem sie eine eiserne Stange und eine Schaufel glühend machten. Dann zogen sie mich nackt aus und legten mir ein Hemd ohne Ärmel an, stopften mir mit Strümpfen den Mund zu, verbanden mir Mund, Augen und Ohren, legten mich aufs Gesicht, banden mir beide Arme wieder auf den Rücken und die Füße an eine Säule und fuhren mit den glühenden Eisen an meinem Leib auf und ab, was sie drei Stunden lang bis Mitternacht trieben. Da sie mit all dem Quälen kein Geld mehr erpressen konnten, gingen die Offiziere weg und überließen mich ihren Dienern. Diese forderten 100 Taler von mir, sonst würden sie mich vollends umbringen. Ich bat sie, mich zu einem Bürger in der Stadt zu führen, von dem ich das Geld entlehnen könnte. So brachten sie mich im Hemd ohne Ärmel auf die Gasse. Die Dragonerwache am Tor sah mich in meinem kläglichen Zustand, entriß mich meinen Peinigern und versteckte mich zwischen den Pferden.

Kaum war ich wieder in meinem Hause bei Weib und Kindern, so sprengten der Polackenführer und der deutsche Offizier wieder in den Amtshof, sprangen vom Pferd und traten mit gespannter Pistole in mein Haus. Da ich merkte, sie haben es auf mich abgesehen, machte ich mich in meinen Schmerzen davon, gelangte durch eine Hintertür auf die Stadtmauer, wo ich weiterwandelte und das Stüblein einer alten Taglöhnersfrau erreichte und hinter dem warmen Ofen mich sicher glaubte. Aber zwei Kroatenjungen, von denen einer Deutsch konnte, erschienen plötzlich dort und verlangten Geld und zwangen mich, den sie für einen Bauern hielten, zu ihrem Herrn, einem Meßpriester zu gehen. Als sie mich über die Straße führten, liefen die Bürger jammernd herzu, da sie mich so jämmerlich zugerichtet sahen. So kam ich zu dem Priester. Was sie mit ihm redeten, verstand ich nicht, plötzlich aber fielen die Burschen mit zwei Schrannenbeinen über mich her und schlugen so jämmerlich auf mich ein, daß ich vor Schmerzen schrie, sie sollten mich nur in mein Haus führen, da wollte ich ihnen Geld geben, obwohl ich wußte, daß ich keinen Pfennig mehr hatte.

Inzwischen suchten mich die Polacken in der ganzen Stadt, drangen nach Mitternacht in mein Haus, warfen meine kranken Kinder aus den Betten, durchstachen die Kissen, schnitten sie auf und wollten die Meinigen zwingen, ihnen zu sagen, wo ich wäre, obwohl sie es gar nicht wußten. Sie trugen Feuer und Stroh in die Stube und drohten, das Haus in Brand zu stecken, wenn ihnen mein Aufenthalt nicht angezeigt oder nicht 100 Taler gegeben würden. Meine bedauernswerte Frau mußte vom Bett aufstehen und mit den Bösewichten ausgehen, um irgendwo Geld zu entlehnen. Aber sie fand niemand zu Haus, denn alle Männer der Stadt hatten sich in die Wälder geflüchtet, und nur Frauen und Kinder waren zurückgeblieben.

Zum Glück begegnete ein hoher Offizier meiner Frau. Da er ihren traurigen Instand und sie von so losen Buben umgeben sah, fragte er, wer sie wäre. Ihre erste Antwort war: ›Herr, ich weiß nicht, ob Eure Soldaten Menschen oder lebendige Teufel sind‹, und berichtete, wie die Leute mit ihrem Manne umgegangen. Währenddessen sah sie, wie die zwei Kroatenjungen mich zu meiner Behausung schleppten. Da schrie sie vor Entsetzen auf und fiel in Ohnmacht. Ein anderer Offizier, Oberst v. Prevoß, ein Bekannter von mir, kam in diesem Augenblick angeritten und sprengte sofort den Spitzbuben in den Amtshof nach. Mit genauer Not entriß er mich meinen Peinigern; denn aus meinem Hause kam der Polackenführer und suchte mich in die Scheune zu schleppen, um mich dort zu töten. Ich erzählte dem Herrn Oberst, was ich alles von den bösen Polacken erduldet. Da hieb er dem nächsten besten mit dem Säbel eine so tiefe Wunde über den Kopf, daß man ihn wegtragen mußte. Er tröstete mich, die Burschen müßten mir mein Geld wieder zurückgeben und gab mir einen zuverlässigen Soldaten zur Bedeckung bei. Darauf ließ er zum Abzug blasen. Weil ich in vielen Häusern ein großes Geschrei von Weibern und Kindern gehört und auch wußte, daß die Soldaten gewöhnlich beim Abzug am übelsten mit den Leuten umgingen, so bat ich den Herrn Obersten um die Gnade, er möchte Erbarmen haben mit dem armen Volk und dafür sorgen, daß doch weiter kein Übel mehr geschehen könne. Da ritt der edle Herr mit 9 Reitern noch selbst durch alle Gassen der Stadt und ließ alle verspäteten Soldaten mit Gewalt und mit Schlägen forttreiben. Dann ließ er mir sagen, ich solle nach seinem Wegzug sofort die drei Stadttore sperren lassen, damit keiner von den Soldaten mehr zurückkehren könnte und am Ende die Stadt in Brand stecke; denn allenthalben lagen Feuerbrände vor den Häusern. Im Hemd rief ich die Weiber und Mägde zusammen, denn Männer waren nicht vorhanden, und hieß sie die Tore schließen. Kaum hatten sie das äußere zugemacht, so kamen die Kroaten von den letzten wieder herbeigeritten und fingen an, das Tor aufzuhauen, daß wir nicht Zeit hatten, das mittlere zuzumachen; dafür schlossen wir eilends das innerste große Tor und verrammelten es mit allem, was wir in Eile herbeischaffen konnten. Da die Kroaten es also nicht leicht sprengen konnten, wollten sie es mit Feuer aufbrennen. Da ließ ich eilends Sturm läuten, worauf die Bürger, sowohl die, die in den Wäldern sich verborgen gehalten, als auch die, die in den Scheunen da und dort versteckt waren, rasch herbeieilten und die Kroaten mit Steinen und siedendem Wasser vom Tor abtrieben.

Ich selbst mußte, von den Schmerzen des Wundbrandes gefoltert, mich eilends zu Bett legen und vermochte vier Monate lang nicht mehr aufzustehen.

Am andern Morgen, als wir meinten, außer aller Gefahr zu sein, erschienen plötzlich wieder drei Haufen Kroaten vor der Stadt und nahmen acht Bürger gefangen, die sie auf das Schloß Honburg führten, indem sie uns wissen ließen, sie würden dieselben vor unsern Augen niederschießen oder aufhängen lassen, wenn wir nicht 1000 Taler Lösegeld erlegten. Da baten wir um einen kleinen Verzug, um das Geld zu beschaffen. Schon waren 600 fl. beisammen – da kam unerwartet Hilfe. Die Kroaten in Honburg rissen plötzlich alle aus, und die acht gefangenen Bürger liefen den Berg herab der Stadt zu.

Zu gleicher Zeit sah man 16 Abteilungen schwedischer Reiter an der Donau herabsprengen und den Kroaten nachsetzen, von denen sie viele ereilten und niederhieben. Auch 60 Mann spanisches Fußvolk, das sich verspätet hatte, machten sie nieder. Das Geld, das wir gesammelt, verehrten wir dankbar unsern Rettern, die nun in die Stadt einzogen.«

Der Brief berichtet weiter wörtlich:

»Da mich dann fast alle hohe Offiziere von Wunders wegen besucht und mir zum Trost, weil ich so gar um alles gekommen war, daß ich und die Meinigen keinen Löffel voll Salz oder Schmalz, keinen Bissen Brot oder Wein, auch gar nichts mehr anzulegen gehabt, solche große Promessen (Versprechen) von künftiger Beute getan, daß ich mich schon wieder reich in der Hoffnung schätzte, wie wohl ich bei meinem auch hauptkranken Weib und Kind so elend dalag, daß keins dem andern einige Tropfen Wasser langen oder reichen konnte. Und, weil wir so gar um alles kommen, wurden wir von Engen und Hohentwiel (von Konrad Widerhold) etlich Tag mit Speis' und Trank, auch mit anderem zu unserer äußersten Notdurft versehen, wie denn auch die Gräfin von Pappenheim meiner Hausfrauen neben anderem ein groß leinen Tuch zu Hembden vor uns alle überschickte.«

Hans Müller erzählt weiter, wie gefährlich und beschwerlich seine Krankheit gewesen, wieviel Schmerzen ihm das Verbinden seines Wunden Leibes verursachte, und wie der Tuttlinger Stadtscherer (Wundarzt) selbst verzweifelte, dem drohenden kalten Brand zu wehren. Der Kommandant vom Hohentwiel ließ den siechen Mann mit seiner Familie auf einem Wagen in Begleitung von 40 Musketieren auf die Festung bringen. Nach vier Monaten war er dort glücklich genesen. Darauf ernannte ihn der Herzog auf die Kellerei Pfullingen. Aber infolge der Nördlinger Schlacht mußte er abermals flüchten und wandte sich nach Straßburg. Später fand er seine Zuflucht wieder auf dem Hohentwiel, wo er, als 230 Personen, darunter der Pfarrer und drei seiner Kinder, an der Pest gestorben waren, eine Zeitlang das Amt des Festungsgeistlichen versah. Nach wechselvollem Schicksal starb er als »Visitationsrechenbanksrat« in Stuttgart.

 

Nach Heyd: Württ. Vierteljahrsh. 1892 von Fr. H.

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