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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie Mähringen anno 1631 in Asche gelegt und Machtolsheim gerettet wurde.

Als Gustav Adolf Sieg auf Sieg erfocht und die Not der Evangelischen sich allenthalben mehrte, traten einzelne Städte wie Magdeburg und das Volk auf des Schwedenkönigs Seite. Die Schwaben gingen gleich zur Tat über. Sie wählten als Heerführer den herzoglichen Stellvertreter, Julius Friedrich von Württemberg. Auch die Reichsstadt Ulm tat mit.

Der Kaiser sandte darauf den General Egon von Fürstenberg mit 20 000 Mann in die Ulmer Gegend, um die Verbündeten daselbst zu züchtigen. Julius Friedrich warb so rasch als möglich Leute und zog dem kaiserlichen Feindesheere entgegen. Er gedachte der Stadt Ulm Hilfe zu bringen und womöglich seinem Lande feindliche Überfälle zu ersparen.

Einstweilen hausten die Kaiserlichen im Ulmer Land wie die Räuber und Mörder. Bis nach Mähringen, 8 ½; Kilometer von Ulm entfernt, drang die Kunde von den Greueltaten der Feinde. Die Leute machten sich aus dem Staube und suchten Schutz in den Höhlen und Klüften der Gegend sowie im tiefen Walde. Pfarrer Bachmeyer allein fand den Mut, im Dorfe zu bleiben. Zur Vorsicht verbarg er sein Kirchenbuch in einem Steingewölbe des Chores der Ortskirche, die auf einem Hügel thronte.

Inzwischen hatten die Verbündeten eine Niederlage erlitten und bereits verhandelte man über den Frieden. Wahrend der Beratungen machte eine Schar Kroaten dem Dorf Mähringen einen Besuch. Sie hofften auf einen guten Fang, fanden aber das Dorf verlassen und in den Häusern wenig Brauchbares. Die Dorfleute hatten in der Eile die wertvolleren Gegenstände und das Geld vergraben oder versteckt, Eßbares aber in Bündeln davongetragen. Weil die Unholde nicht fanden, wonach ihr Herz gelüstete, zündeten sie das Gehöft an und legten es in Asche. Die Kirche allein blieb verschont.

Nach dem Frieden kam es noch schlimmer. Das fürstenbergische Heer überschwemmte förmlich die württembergische Alb. Es zog das Blautal hinauf, stahl, was nicht niet- und nagelfest war und ruinierte im Vorübergehen, was in Eile zerstört werden konnte. Das Kloster Blaubeuren aber war das Ziel der grausigen Horde. Hier gedachten sie Halt und gute Beute zu machen.

Eine kleine Abteilung der Rotmäntel schwenkte seitab und kam an den Hügel, worauf die Mähringer Kirche stand. Das alleinstehende Gotteshaus war ihnen ein Dorn im Auge. Es gehörte ja den evangelischen Feinden, und diese mußten auf irgendeine Art gestraft werden. Darum wurde erst nachgeforscht, ob nichts Ordentliches drin zu rauben wäre. Als sich nichts vorfand, ärgerten sie sich und setzten alsbald die Brandfackel in Tätigkeit. Der abziehende Haufe weidete sich an den emporschlagenden Flammen. Zum Glück trotzte der Chor der Kirche der Gluthitze, und so blieb auch das Kirchenbuch verschont. Voll Schmerz trug der treue Pfarrherr die Einäscherung von Dorf und Kirche in sein gerettetes Kirchenbuch ein. Ihm verdanken wir die schaurige Kunde.

Julius Friedrich war bald der Mut entfallen. Er überließ die Alb und deren Bewohner ihrem Schicksal, begab sich in nordwestlicher Richtung nach Kirchheim unter Teck, wo er im herzoglichen Schloß abstieg. Da den Kaiserlichen nun Tür und Tor offen stand, konnten sie ihren Launen ungehindert die Zügel schießen lassen. Sie streiften in der Folge bald hierhin, bald dorthin, stahlen, mordeten, zerstörten und verbrannten nach Herzenslust.

Von Blaubeuren machte auch eine Schar Fürstenberger einen Streifzug nach Machtolsheim, einem Dörflein, 11 ½ Kilometer vom Klosterstädtlein entfernt. Sie fanden das Tor der Umfassungsmauer wohl verschlossen. Im Dorf selbst herrschte Totenstille. Die kam ihnen verdächtig vor. Noch wußten sie sich zu helfen. Nach ein paar kräftigen Beilhieben sprang das Tor auf. Die Mannschaft stieg von den Pferden und ließ diese vor dem Tor weiden. Der Führer aber gab einigen besonders Beherzten den Auftrag, irgendeine Person des Dorfes vor ihn zu bringen. Hatte er ein menschliches Wesen, so brauchte ihm nicht mehr bange zu sein, und alte, gebrechliche Leute, die nicht flohen, weil ihnen nichts mehr am Leben lag, mochten sich wohl auch hier vorfinden. So dachte der Führer. Von solchen Zurückgebliebenen konnte er jede gewünschte Antwort erhalten, dessen war er gewiß und Mittel, und Wege dazu hatte ein Heerführer jener Zeit mehr als genug. Man schraubte z. B. kurzerhand den Feuerstein eines Feuerrohres ab und zwängte dafür einen Daumen ein. Wer diese Daumenschraube verspürte, gab willig jede gewünschte Auskunft, auch wenn er sonst nicht zu den Maulhelden zählte.

Eine bresthafte Person ergatterten nun allerdings die furchtlosen Rotmäntel nicht, dafür aber eine scheu dreinguckende Dirne, ein Mägdlein mit niederer Stirne, dunklem, unheimlich funkelndem, unruhigem Augenpaar und brennend rotem Lockenhaar. Im Dorf galt das merkwürdige Geschöpf gemeinhin als Hexe, obwohl es völlig unschuldig war. Unter kräftigen Rippenstößen wurde die Rote vor den Hauptmann gebracht, da aber der Führer nicht Schwäbisch sprach und die Dirne sein Gewelsch nicht verstand, war guter Rat teuer. Das Mädchen gab auch lauter verkehrte Antworten, so daß der Führer recht unwillig aufbrauste. Schließlich schüttelte er die Erschrockene so, daß ihr Hören und Sehen verging, und stieß einen kräftigen Fluch hervor. In ihrer Not glaubte die Geängstigte das Wort Hexe zu hören, rief darum »net Hexe!« und sprang spornstreichs zum Kirchhoftor, pochte und schrie voller Verzweiflung: »Lasset me nei, d' Kroate send do!«

Von drinnen erscholl die Antwort: »D' Hex könnet mer net brauche, dia brengt nex als Unglück!« Eine zweite Stimme rief barsch: »Hebe dich weg, Satan!«

Weil der Dirne die Kroaten auf dem Fuße folgten, rannte sie die Dorfgasse hinab. Dem Führer ging nun ein Licht auf. Sofort war ihm klar, daß die Bewohner sich im ummauerten Kirchhof verborgen hielten. Fing er es klug an, so konnte er sie mit einem Schlage vernichten. Nach kurzem Besinnen wußte er Rat. Er ließ Reisigbüschel herbeischaffen; denn er hatte bemerkt, daß diese haufenweise vor den Häusern aufgeschichtet lagen. Die Bauern sollten durch Rauch erstickt werden, wie man damals die Bienen im Korbe mit Schwefeldämpfen erstickte, wenn man ihnen den Honig wegnahm. Vorsichtig umging der Führer die Mauer, um zu erfahren, ob nicht etwa ein Entkommen möglich wäre. Die Mauer war in gutem Stand. Auf dem Mauerkranze aber erblickte der Anführer eine Menge glockenförmiger Körbe. Was wohl diese bedeuteten? Doch galt es nun rasch zu handeln, und so rief er seine Leute heran. Sie sollten die Reisigbüschel rings um die Mauer legen und anzünden. Auf das Herankommen des Feindes hatten die Bauern gewartet und darum zuvor sämtliche Bienenkörbe des Dorfes vorsichtig hierhergebracht. Als die Rotmäntel nahe genug waren, kommandierte der Pfarrer: »Im Namen des dreieinigen Gottes, werft die Körbe hinab!« Das geschah. Die aufgescheuchten Bienen stachen lustig darauf los. Je mehr sich die Kroaten wehrten, desto wütender kämpften die Honigvögelein. Bald wurden auch die Rosse überfallen. Sie bäumten sich, schlugen aus, rannten hin und her und wieherten vor Schmerz. Bald entstand eine allgemeine Verwirrung. Die hatten die Bauern vorausgesehen und erwartet. Mit Dreschflegeln, Gabeln und Sensen bewehrt, machten sie einen Ausfall, fielen über die Kroaten her und droschen wie toll auf den Schädeln der zermarterten Wilden herum. Bis jeder sein Pferd hatte, verstrich eine geraume Weile. Die Bauern aber gaben erst weich, als die Reiter in wilder Flucht ihr Heil suchten. – Kaum waren die Kroaten abgezogen, so hielt der Pfarrer einen Dankgottesdienst ab. Wohl selten hatten seine Schäflein mit solcher Freudigkeit gesungen und solcher Inbrunst gebetet.

Als die Streifschar nach Blaubeuren zurückkam, wurden die Kroaten gehörig gehänselt. Mit so vollen Backen und leeren Taschen waren sie noch nie von einem Raubzug heimgekehrt.

Julius Friedrich war inzwischen mit seiner Schar von Kirchheim nach Tübingen gezogen. Hier mußte er am 11. Juli 1631 völlig nachgeben, seine Leute entlassen und dem Bund mit Gustav Adolf entsagen. Der so rasch beendete Feldzug erhielt im Volksmund den Namen Kirschenkrieg, weil er gerade in die Zeit der Kirschenreife fiel. Menschenblut wurde in demselben keines vergossen, dagegen um so mehr Kirschenblut gekostet, nämlich auf dem Marsch durchs Lenninger Tal.

Den Württembergern kam übrigens ihre Teilnahme am Leipziger Bund teuer zu stehen. Nicht weniger als 12 Fähnlein zu je 400 Mann kaiserlicher Soldaten blieben im Lande zurück. Ihre Verpflegung kostete monatlich 28 000 Gulden. An die kaiserliche Kriegskasse mußten obendrein noch 10 000 fl. abgeliefert werden. So teuer sind seitdem nie mehr die Kirschen berechnet worden.

 

In Anlehnung an R. Weitbrecht: Der lange Fähnrich, K. Hase's Kirchengeschichte III, und W. Lamprecht, Deutsche Geschichte VI, 2. von O. G.

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