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Geschichten aus schweren Zeiten

: Geschichten aus schweren Zeiten - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleGeschichten aus schweren Zeiten
publisherVerlag von Holland u. Josenhans
seriesWürttembergische Volksbücher
editorWürtt. Evangel. Lehrer-Unterstützungs-Verein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Feindesnot in Stuttgart.

Auch im Dreißigjährigen Krieg hat Stuttgart sein redlich Teil Jammer und Leiden getragen. Nach der Schlacht bei Nördlingen (27. Aug. 1634) wurde Württemberg von den Kaiserlichen wie mit einer Flut überschwemmt. Kaiser Ferdinand III. kam am 20. Sept. selbst nach Stuttgart, und es trugen ihm Vogt, Bürger und Gericht die Schlüssel der Stadt vor das Eßlinger Tor entgegen. 1500 Reiter wurden in und um die Stadt ins Quartier gelegt, und das kaiserliche Regiment Tieffenbach lagerte auf den herrschaftlichen Wiesen vor dem Küchengarten des Schlosses. Das Kriegsvolk nahm die Stadt so furchtbar mit, daß der sechspfündige Laib Brot auf 9 Batzen, 1 Pfund Schmalz auf 6 Batzen, das Pfund Kalbfleisch auf 15 Kreuzer stiegen, das Maß Wein aber um 6 Kreuzer zu haben war. Weil die Teuerung so groß war, daß die Leute Eicheln mahlen und daraus Brot backen und andere unnatürliche, ekelhafte Dinge essen mußten, so entstand bald eine schreckliche Seuche unter dem Volk. Es starben im Jahre 1635 zeitweise täglich 50–60 Personen und in zwei Jahren 5370 Menschen, so daß in den Kirchhöfen der Raum für Gräber mangelte und man große Gruben machte und die Särge doppelt übereinander stellte. Es wurden immer 100 Leichen in solchen Gruben beigesetzt. Wenig Todesfälle kamen bei den kaiserlichen Truppen vor, die in der Stadt im Quartier lagen, weshalb ein Jesuit auf der Kanzel sagte, die lutherische Religion sei nicht die rechte, denn sonst würden nicht bloß Lutherische, sondern auch Katholische an der Seuche sterben. Was geschah: Acht Tage hernach wurde der Jesuit selbst ein Opfer der Krankheit und unter der Kanzel der Stiftskirche begraben.

Wegen der Gefahr der Ansteckung verbot der Oberst von Ossau, mit der Leiche zu gehen, und gab den Soldaten Befehl, den Männern, die dennoch das Leichengeleite gaben, bei ihrer Rückkehr vom Friedhofe die Mäntel, den Weibern die Schleier und Kutten wegzunehmen. Als die Hintersten im Zuge sahen, was den Vordersten geschah, versteckten sie ihre Trauerkleider im Felde und holten sie nachträglich in Butten wieder nach Hause. Aber das Leichengehen nahm ein Ende. Einige wagten es, mit Schaufeln und Hacken, als ob sie Totengräber wären, die Ihrigen zum Grabe zu geleiten. Da ließ der Oberst jede Beerdigung bei Tag verbieten. Die Toten mußten bei Nacht hinausgetragen werden.

 

F. H.

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