Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Niese >

Geschichten aus Holstein

Charlotte Niese: Geschichten aus Holstein - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorCharlotte Niese
titleGeschichten aus Holstein
publisherVerlag von Fr. Wilh. Grunow
printrunZwölftes bis fünfzehntes Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid647ca241
Schließen

Navigation:

Ich muß nu sagen, daß mir die ganze Geschichte hellschen langweilte; zuhören tat ich abers doch, weil ich an den Brief nach Hamburg dachte. Und wie ich nahstens zu mein Herrn retuhr kam, wußte der bald, was er an Rosenstein schreiben sollt: von die französche Prinzessin, die in Holstein war, und von den jungen Herzog, der ihr so lieb hatt und darum auch kommen wollt.

Mein Kammerjunker hört mich auch ganz aufmerksam zu und spielt mit den Deckel von sein Geldkasten. Klein war das Ding und doch ümmer leer. Wenn abers der Vikomt nich gewesen wär, den mein Herr ein neuen Anzug hatt machen lassen, denn hätt da noch was ein sein müssen. Das wußt ich ganz genau und ärgerte mir ein büschen, swieg abers über die Geschichte. Bloß daß ich nahstens ganz verloren for mir hinsagte, daß es doch slimm wär, wenn jemand den Vater von ein klein nüdliche Deern partuh nix abslagen könnt. Mein Herr lacht ein büschen und wird rot, und denn fragt er mir noch einmal nach die französche Prinzessin und nach den jungen Herzog, und denn schreibt er nen langen Brief an Rosenstein.

Kein vierzehn Tage hats gedauert, da kriegt er von Hamburg nen ganzen Berg Geld geschickt, und Herr Rosenstein schreibt, der Brief hätte ihm furchtbar gefreut, und der Junker sollt man immer mehr Nachrichten von die Franzosens schicken. Da war mein Kammerjunker denn obenauf, schenkte an die kleine Komteß zwei Kleiders und ein feines Armband, und die Herrschaften aufn Sloß snackten alle davon, daß es nu bald Hochzeit geben müßt. Detlev Marksen hatte zuletzt sehr schnell gesprochen. Jetzt schwieg er plötzlich und sah mich ernsthaft an. Sie haben woll kein Geduld, mich zuzuhören – nich? Na, nu müssen Sie aber zu Ende bei mich aushalten, denn es regnet noch ümmer. Vielleicht, daß es heute gar nich wieder aufhört! Der Mond kommt aber nachher! rief ich, etwas bestürzt.

Der Alte zuckte zusammen. Haben Sie auch was mitn Mond vor? Ich kann ihm nich leiden, und wenn ich ihm anseh, wird mich ümmer ganz swiemelig zumute. Da hab ich auch Grund zu, kann ich Sie sagen. Und was der Frühling is, an den kann ich auch nix finden. Ich weiß woll, die feinen Herrschaftens, die gehen dann aufs Land spazieren, riechen an Blumens und fangen an zu swögen, wenn sie ein paar Vögelns singen hören. Mein Kammerjunker war auch so ein, der in Graben stieg und sich ein paar ganz gemeine Vergißmeinnich pflücken konnt. Die gab er dann an die Komteß und seufzt dabei, was mir ärgerte, denn ich mocht ihr ümmer weniger leiden. Jeden Tag wollt sie ein Geschenk haben, und wenn sie das nich kriegte, denn weinte sie und sagte, mein Junker hätt kein Ahnung von die wahre Liebe. Und er tat nix anders als sie lieben!

Da freute es mir denn nich wenig, als mein Junker mit einmal verreisen sollt. Aufn Sloß in Plön war auch ein Herzog aus die Oldenburgische Familje, und der bat mein Kammerjunker, ein büschen hinzukommen. Ein von seine Hofherrens war gerade krank geworden, und weil er Besuch hatt und Gesellschaften geben wollt, da meinte er, er käm in Verlegenheit, wenn er nich noch ein Junker kriegte. Mein Herr hatt nich viel Lust zu die Tuhr, weil daß er nich von die Komteß fort wollte; abers sein Herzog schickte ihm nach Plön, und er wußt ja auch, daß er bald wiederkommen könnte.

Da sind wir denn nach den Plöner Sloß geritten, und mich war die ganze Geschichte sehr angenehm. Denn ich langweilte mir in Eutin bei diese ewige Liebe, und Piähr war auch schon ein paar Tage fort und hatt mich nich einmal Adjö gesagt. In Plön nahmen wir Loschi im Hirsch, was dazumalen ein sehr feines Gasthaus war, und denn meldeten wir uns aufn Sloß. Der Herzog Peter Friedrich von Oldenburg wohnte all lange da. Er war ein büschen swach von Verstand, was bei einen Herzog aber nix tut, und viele Herren von Adel lebten bei ihm und hatten gute Tage. Auch die Franzosens, die in die Stadt wohnten, kamen viel zu die Plöner Herrschaftens, und da war viel Vergnügen und Amüsemang.

In ganzen hab ich Eutin lieber als Plön, weil ich die Stadt besser kenne, den Sloßgarten von Plön mag ich abers lieber leiden. Da sind viel größere Bäume ein, und der Plöner See ist auch nich häßlich. Auf den sah man ümmer, wenn man in den Park spazieren ging, und zwischen die versnittenen Heckens standen Figurens von Stein. Ein büschen nackicht sind sie mich woll vorgekommen; aber aus so was machen sich ja die Vornehmens nix.

Als wir diesen Sommertag in den Sloßgarten kamen – ich ging hinter meinen Junker her –, da war eine große Gesellschaft versammelt. Auf ein Platz nahe bei das Gehölz, das sie den Nübel nennen, da steht ein ganzen Berg Bäume, lingelang gepflanzt, daß man zwischen sie Stücke Zeug oder so was ähnliches hängen kann. Die nennt man Klissens, und die Dingers braucht man zun Theaterspielen. Hier, in diesen Momang, wo wir kamen, wurd denn auch Komedi gespielt, von Damens in kurzen Kleidern und von Herrens in bunten Röcken. Auch ein paar Lämmers liefen da mit mang, und auf den besten Platz bei die Zuschauers saß Herzog Peter Friedrich und strickte Strümpfe. Das war seine liebste Arbeit, und da kann ja auch kein Mensch was gegen sagen.

Weil nu all die Herrschaftens doch was zu essen haben sollten, sagt mein Junker zu mich, ich sollt mir an den herzoglichen Kammerdiener wenden, ob ich nich ein büschen bei die Aufwartung mit helfen könnte. Das tu ich denn und sehe, daß mein Freund Piähr mit einmal auch da is, mitn Limmernadenbrett rumläuft und mich ganz verstohlen zuwinkt. Als ich nahstens ein Packen Teller an ihn vorbeitrag, stößt er mir leise an und sagt: Mein jungen Herzog is hier, und die Prinzessin auch!

Ich hätt beinah all das Geschirr fallen lassen, so verfiehrte ich mir, und denn ärgerte ich mir noch obendrein. Denn heut morgen noch hatt mein Kammerjunker an Rosenstein in Hamburg geschrieben, er sollt ihn Geld in voraus schicken, weil daß er wieder nix hatte. Wenn er nu gewußt hätt, daß die französche Prinzessin und ihr Bräutigam hier wären, so würd er ja Geld genug for diese Nachricht gekriegt haben. Vielleicht konnt er nu noch einmal schreiben!

Ich überlege mich das gerade und verteile inzwischen die Tellers an die Herrschaftens, da sehe ich mit einmal ein slankes junges Mädchen. Sie geht durch die Reihens von die Gesellschaft und spricht mit jedereinen. Groß war sie weiter nich, hat ein simples weißes Kleid an und nich mal Puder auf ihre blonden Haarens. Nach was besondern sah sie gar nich aus. Als sie mir aber so ein büschen ankuckt, da krieg ich das Fliegen in die Glieders und muß drektemang stillestehn. Neben, sie geht ein jungen Mann. Der is groß und breit und hat ein gutes Gesicht. Beide snacken französisch mit die andern Herrschaften und lachen und machen Konversatschon, gerade so wie die andern, und doch sind sie anders – ganz und gar anders. Das war grad, als wenn die zwei Menschen aufn ganz hohen Berg stünden, und die andern könnten nich mal ordentlich in die Höchte kucken.

Den Tag hab ich man slecht aufgewartet, denn ich mocht die französche Prinzessin so gern ansehen. Natürlich nur aus die Ferne, weil ich gleich das Fliegen in die Hände kriegte, wenn sie mich nahe kam. Und sie war nich mal stolz. Wie sie von mein Teebrett ein Glas Limmernade nahm, sagt sie ordentlich »danke« auf deutsch und slägt die Augens ganz freundlich zu mich auf, wo doch sonstens die Franzosens für uns Bedientens kein gutes Wort hatten. Ich freute mir denn, weil sie ganz andre Augen hatt als die kleine Komteß. Keine swarze: nein, dunkelblau waren sie, und durch die Bäumens schien gerade die Sonne auf ihr weißes Gesicht. Ich mußte an das Bild von den Engel denken, das in Eutin in die Sloßkapelle hängt.

Mein Junker durfte warraftigen Gott mit die Prinzessin snacken! Piähr sein jungen Herzog kriegt ihn bei die Schulter und sagt sein Namen. Da gibt das Fräulein ihn die Hand, lacht ein büschen, wobei ich seh, daß sie ein süßen kleinen Mund hat, und denn spricht sie ganz lange mit mein Herrn. Er wird bald blaß, bald rot, und ob er doch französch parlieren kann, so fängt er an zu stottern und kann nich weiter. Da fängt die Prinzessin an mit ihn deutsch zu sprechen – ganz langsam und deutlich, und ich kann verstehen, was sie sagt. Daß sie noch ein büschen in Holstein bleiben und mit den Herzog zusammen sein will, wenn man bloß Napolium da nix von merkt, da er doch sehr böse auf ihren Bräutigam is, und daß sie hofft, er wird es nich zu wissen kriegen, daß der junge Herr nu auch hier is.

Mein Junker legt denn die Hand aufs Herz und stottert, daß ihr Bräutigam sicher sein soll vor allen Feinden, wenigsten was er dazu tun kann. Er sah ein büschen aufgeregt aus, so daß ich mir wunderte; die Prinzessin merkte abers natürlicheweise nich das geringste und war sehr gnädig mit ihn. So war sie freundlich mit alle holsteinischen Herrens und Damens und bat alle, sie sollten doch nich verraten, daß sie in Plön war mit ihren Verlobten. Und alle haben gesagt, sie wollten Gut und Ehre für ihr hingeben, was ein jeder auch meinte. Denn wer konnte das Fräulein sehen und ihr nich gleich liebhaben?

Na, nahstens is denn wieder Komedi gespielt worden. Ein paar französche Herrschaftens jachterten mitn Dutzend Lämmern zwischen die Klissens herum und sagten Versens auf. Das war gräsig langweilig, und ich sagt zu Piähr, die Lämmers sollten doch man geslachtet werden, damit ein büschen Leben in das alte Stück kam. Er abers sagte, das wäre keine Mode, und so is das Viehzeug wieder in den Stall gebracht worden, als die Gesellschaft zu Ende war. Denselbigten Abend habe ich meinen Junker sehr verändert gefunden, er hat kein Wort mit mich gesnackt, was er sonstens doch immer tat, und is ganz komisch gewesen. Sonstens hat er ein klein Porträtt von die Komteß vor sein Bett gelegt und noch einmal geküßt, diesen Abend kam es mich vor, als dachte er gar nich an ihr. Mich war die Geschichte ja einerlei; abers ich fragte doch, ob ich nich das Bild ausn Mantelsack bringen sollt. Da nickte er denn auch, hat es abers nich einmal angesehn.Weil ich mich nu aus sein Benehmen kein Vers machen konnt, hab ich auch nich weiter drüber nachgedacht. Denn mein Vater sein Swester, was mein Tante war, die hat all ümmer gesagt, von Nachdenken kriegte man nix als Koppschmerzen, und das is auch wahr.

Den andern Morgen ging ich ein büschen in Plön spazieren. Ich hatt da ein Vetter, der war Slachter und wohnt aufn Strohberg, und ich wollt ihm gerade besuchen, da begegnet mich Herr Rosenstein. O herrjeh, Detlev, sagt er, wo kommt ihr denn her? und tat bannig verwundert, mir zu sehen, obgleich ich mir doch mehr verwundern konnte über ihm. Denn das is doch ein ganze Pottschon weiter von Hamburg nach Plön als von Eutin nach Plön. Weil er sich nu abers so gräsig freute, mir zu sehen, und mir auch gleich auf ne halbe Flasche Wein einlud, so dacht ich nich viel über sein Verwunderung nach und ging mit ihn in ein klein stille Weinstube. Da gab es einen prachtvollen Wein, wie ich ihm noch niemals gesmeckt hatt, und als nu Rosenstein von die französche Prinzessin snackt und sagt, daß er ihr so lieb hätt und ihren Bräutigam auch, und daß er die beiden Herrschaftens wohl beschützen möcht, daß ihnen nix passiert, da werd ich denn ganz gerührt. Und wie ich merk, daß Rosenstein noch gar nich genau weiß, wo das Brautpaar is, ob in Kiel oder in Rendsburg oder in Plön, da sag ich ihm natürlicheweise Bescheid: daß sie hier sind, und daß sie auch fürs erste bleiben, und daß wir alle auf ihnen passen sollen. Und Rosenstein freut sich ganz fürchterlich, daß die Herrschaften so gut aufgehoben sind, und gibt mich Geld für mein Junker, damit er noch einen Brief an ihn schreiben sollt, wenn da irgend was besonders los war, denn, sagt er, ich will den beiden herrlichen Menschen doch auch zu ihrem Glück verhelfen!

Das klang nu wirklich schön und wie ich von ihn fortging und so viel Wein getrunken hatt, daß ich ordentlich ein büschen swindlig war, da dacht ich noch, daß Rosenstein wirklich ein netten Mensehen wär. Das Geld gab ich an mein Kammerjunker, und er nahm es auch, abers bloß aus Gewohnheit, und weil er an nix dachte. Denn wie ich nu weiter von Rosenstein snacken will, sagt er, ich sollt stillsweigen, er wollt woll die Prinzessin ganz allein beschützen.

Mit jeden Tag ward nun mein Herr komischer, gerade so, als wenn er nicht so recht wach würd und ümmer in Slaf wär. Er aß ein büschen, er lachte und sprach mit die Herrschaftens, legt sich slafen und stand wieder auf, und doch kam er mich vor, als wenn er ümmer im Traum ging. Bloß wenn die Prinzessin in seine Nähe kam, denn wurd er helligt wach, und in sein Gesicht kam son Schein, als wenn er in den Himmel kuckte und den lieben Gott auf sein Thron sitzen sah.

Nu glaub ich auch allemal, daß da Zauberei beigewesen is. Denn er hatte doch die kleine Komteß, die so ganz nach sein Gesmack war, und was die Prinzessin war, die dachte gerade so viel an mein Junker als an die Vögelns, die in Frühling auf die Bäumens sitzen und singen. Sie war woll freundlich zu ihn wie gegen alle Menschen; sie liebte abers bloß ihren veritabeln Bräutigam, was doch auch so sein soll. Mein Herr abers, der war wie umgewandelt, und ich fragte mir jeden Tag: is ers, oder is ers nich? Wenn er konnte, denn lief er hinter die Prinzessin her; abers nich unbescheiden, sondern in weite Entfernung, und er kuckte ihr an, als wenn er sagen wollt: nimm mir mit. Nich als deinesgleichen, dafür bin ich viel zu slecht, bloß als deinen kleinen Hund; o laß mir bei dich bleiben und jag mir nich weg!

Während Detlev Marksen dies erzählte, hatte der Regen nachgelassen; nur hin und wieder schlug ein verirrter Tropfen an die kleinen Fensterscheiben, und unter dem grauen Gewölk zeigte sich ein Stückchen Himmel. Detlev saß ganz still und blickte auf den blauen Streifen. Dann wandte er sich zu mir.

Das war nu die Liebe! fuhr er fort und atmete schwer dabei. O Gott, was ne slimme Krankheit! Abers nich alle kriegen sie auf diese Art, und das is ein Glück; denn wo sollte sonstens die Kurasche zum Leben bleiben? Die meisten lieben so, wie der Junker vordem die kleine Komteß liebte, wo die Brautleute sich was schenken und sich küssen und vergnügt sind, abers sich trösten, wenn sie sich nicht kriegen. Das ist auch das beste, denn bei diese Geschichte war warraftig kein Vergnügen bei. Auch für mir nich, wo ich mir ümmer fragen mußte, was daraus werden sollte. Mein Herr, der ward tagtäglich elender, und ich wußt nich, was ich dabei anfangen sollt. Die Prinzessin war so vergnügt mit ihren Bräutigam, die dacht an nix Böses, und der alte Herzog hatt sich auch ne Wohnung in Plön genommen und sah ordentlich jung aus vor Freude, seinen Sohn zu sehen. Die dachten alle natürlicheweise nur an sich und nich an den armen kleinen Junker, der für ihnen nix bedeutete. Bloß Rosenstein, der fragte doch noch nach meinen Herrn. Der Hamburger war nämlich die ganze Zeit in Plön, und ich könnt mich kein Vers auf machen, was er da eigentlich wollte: er sagt, er hätt Geschäftens, und wenn er mir sah, dann fragt er meistens nach den jungen Herzog, den er ganz besonders gern leiden mocht, wie er mich verzählte. Und er gab mich manchen Taler, weil ich ümmer so genau wußt, was der junge Herzog vorhatt.

Wie lange wir in Plön waren, das kann ich nu gar nich so genau sagen. So an drei Wochen wirds wohl gewesen sein – ich meint abers, das wären drei Monate, so langsam verging mich die Zeit. Da war viel los von wegen die vornehmen Franzosens. Konzert und Komedi, Lämmerspiel und Bootfahren aufn See. Mannichmal wußt ich gar nich, wo mich der Kopp stand, und Piähr wußte das auch nich, der ümmer hinter seinen jungen Herzog herlief und auch allens mitmachte, weil er so gut aufwarten konnt. Einmal erzählte er mich, daß sein junger Herr nu bald wieder fort müßte. Dann geht die Prinzessin auch weg, und allens Glück hat ein Ende! sagt er und wischt sich die Augens.

Ja, glücklich waren die zwei, das konnt man merken, und ich hätt ihnen auch allens Gute gewünscht, wenn ich mir nicht aufregen mußte um meinen Herrn, der immer blasser ward. Die kleine Komteß ihr Porträtt lag in die Ecke, er kuckte nie mehr danach, und er slief keine Nacht mehr. Das war nu wirklich schrecklich, und das einzige, was mir tröstete, das war, daß der ganze Swindel nu nich mehr lange dauern konnte. Wenn er die Prinzessin nich mehr in all ihre Schönheit vor Augen hatt, denn mußte mein Junker doch auch wieder vernünftig werden.

Nu sollte da noch ein Abschiedsfest für den jungen Herzog sein. Kein Mensch durfte da eine Ahnung von haben, daß er fortginge, Piähr hatte mich das bloß verraten. Ich sagte es natürlicheweise auch nich weiter, bloß als ich mit einmal Herrn Rosenstein sah, sag ich ihn, daß der Herzog dieselbigte Nacht, wo das Fest zu Ende ging, abreisen wollt. Rosenstein war ein so gefälligen Mann, der mich so oft was geschenkt hatt, was sollt ich ihn nich auch ein büschen was verzählen?

Das Fest war richtig fein. Zuerst ein Wasserpattie aufn großen Plöner See, wo wir Dieners rudern sollten. Da war nämlich Mondenschein, und die Franzosens stellten sich immer ganz gräsig mitn Mond an, wenn sie ihn auch gar nich mal sein richtigen Namen gaben. Piähr sagte, daß sie ihm Line nannten, was ja ein Frauensname is. Na, das is denn einerlei. Die Wasserpattie fing an, als der Mond gerade in die Höchte am Himmel stieg. Alle die französchen und deutschen Herrschaftens setzen sich in die Bootens, wo bunte Laternens an waren, und gleich zu Anfang war viel Spektakel und Lachen.

Der alte Herzog Peter Friedrich war nich mit von die Pattie. Der war in sein Sloß und lauerte mitn Abendessen, bis daß alle wiederkämen, und mittlerweile strickte er an seinen Strumpf. Der alte französche Herzog abers, der saß mit sein Sohn und mit die Prinzessin in ein Boot, und Piähr ruderte ihnen. Das Boot war ordentlich fein gemalt. Ganzen himmelblau, und ein Flagge mit goldnen Liljen eingestickt war hinten eingesteckt; abers das Brautpaar sah doch traurig aus, sie saßen Hand in Hand, und sie taten mich leid. Ich hatt man gehört, daß die Onkels und Tanten von die Prinzessin noch nix von ne Hochzeit wissen wollten, nu war der Abschied natürlicheweise doppelt sauer.

Wie ich so leise übers Wasser fahr und die Riemen eintauch, mußt ich an den Abschied von die beiden Herrschaftens denken, und es ward mich ganz warm ums Herz. Abers auf meinen Herrn mußte ich auch passen, der mit ein Berg andre vornehme Leute in meinen Kahn saß. Da waren hübsche Mädgens bei' mit swarzen Augens und weißen Zähnens; abers mein Junker kuckte nich einmal nach sie. Er sah ümmer nach das blaue Boot mit die goldnen Liljen in die Flagge, und ich ärgerte mir über sein blasses Gesicht und ruderte weit fort von die hohen Herrschaftens.

Nu fingen ein paar von die Jungen an zu singen, die Herrens sprützten die Damens mit Wasser, alle lachten, und da war viel Spaß. Es war ein prachtvolles Fest, meinten sie alle, bloß mein Junker sagte kein Wort.

Auf Kommando von einen von die Herrens ruderten wir nu nach die Seite von See, wo der Mondenschein nich hinkam, und wo es ganz kohlswarz dunkel war. Da sollten unsre bunten Laternens brennen. Aber da kam ein Windstoß und pustete die meisten aus, worüber alle Herrschaftens lachten und spektakelten. Nahsten kam es mich vor, als hörte ich son sonderbaren Schrei vom Sloßgarten her, und mein Junker fuhr auch in die Höchte und kuckte sich um. Da abers zog ihn ein von die Damens wieder auf die Bank und lachte über ihn, weil daß er son schreckhafte Natur hätt. Die Herrens wurden dreist gegen die kleinen Fräuleins mit die swarzen Augens, und die lachten zu allens. Mich kam es vor, als könnt die ganze Gesellschaft ihr Lebtag nich wieder ausn Lachen kommen.

Es dauerte woll ne Stunde, und denn ruderten wir wieder ans Land. Ein Boot nach den andern legt an die Brücke, und ein paar Dieners stehen da mit Windlichtern. Da kommt der alte französche Herzog auf uns zugelaufen. Das Wasser läuft ihn an sein goldgestickten Samtrock hinunter, und er kann nich sprechen. Nur die Arme hebt er hoch, und denn stößt er einen Schrei aus, daß ich das Zittern krieg. Und die Herrschaftens woll auch; denn mit einmal lachen sie nich mehr und werden still, totenstill, bis ein paar anfangen zu beten und auf die Kniens zu fallen.

Ich hatt kaum Zeit, mir umzusehn und zu merken, daß das blaue Boot mit die Liljenflagge halb umgesmissen und leer ins flache Wasser lag, und daß viele Fußtritte in den Sand waren, da faßte mir mein Herr an den Hals. Er hatt woll dasselbigte gesehen wie ich, und nu zog er mir hinter sich her durch den dunkeln Wald, wo man kein Handbreit vor Augen sehen könnt, über die Plätzens, wo der Mond hell schien, und an all die weißen Puppens vorbei bis auf die Landstraße. Wie er in die Stockdusterheit so den Weg gefunden hat, das kann ich noch heutigentags nich begreifen; er fand ihn abers, und die andern Herrschaftens blieben stockstill am Wasserrand stehen und mochten kein Fuß vor den andern setzen. Mein Herr lief durch die Bäumens quer durch und noch ein Strecke auf die Ascheberger Landstraße, dann stand er mit einmal still und ließ mir los. Denn er hätte mir mitgesleift, ob ich wollt oder nich, und nu hatt er gefunden, was er suchte.

Detlev Marksen war aufgestanden und ging einigemal im Zimmer auf und ab. Seine alten Glieder zitterten, und er mußte sich wieder setzen, während er tonlos weitersprach:

Auf den Fahrweg, wo den halb verkrüppelten Baum und den weißen Prellstein steht, da saß die französche Prinzessin auf die bloße Erde. Sie hielt den Kopp von den jungen Herzog in ihren Schoß, und sie küßt ihm auf den Mund, wohl viele mal, er aber konnt da nix mehr von merken. Denn er war tot, und sein Gesicht sah so stolz und zufrieden aus, als wenn er sagen wollt: Nu bin ich mit das Leben durch und mit allens, was ihr mir nicht gönnen wolltet. Nu hab ich Frieden, und ihr habt keinen! Vorn aus sein Spitzenbesatz kamen ein paar Blutstropfen, sonstens war ihn nix anzusehen, und ich mußte daran denken, daß Napolium seine Leute gut mits Schießgewehr umgehen konnten. Denn die Leute von den Franzosenkaiser waren es gewesen, die den Herzog an die Bucht im Sloßgarten aufgelauert, ihm bis hierher mitgesleppt und denn totgeschossen hatten. Ihm und auch Piähr, der bei seinen jungen Herrn lag und noch ein Degen in die Hand hielt.

Mein Kammerjunker und ich standen vor die Prinzessin, und der Mond warf sein silbrigen Schein auf ihr blasses Gesicht, auf den toten Herzog und auf uns alle. Das Fräulein hat noch gar nix gesagt. Mit einmal hebt sie die Hände ganz hoch und schreit auf deutsch: Fluch, dreimal Fluch dem Verräter! Und mit einmal seh ich, daß mein Herr umfallen will. Ich krieg ihm noch zu packen und geh mit ihn fort. Hinter uns her kam nämlich Dieners und auch ein paar Herrschaftens, und die Prinzessin war nicht mehr allein. Da bin ich denn ganz allmählich mit mein Kammerjunker die Landstraße nach die Stadt gegangen, und er is gegen jeden Baum angelaufen, als wenn er zu viel Wein getrunken hätt.

Mit einmal zieht er sein Degen und will sich totstechen, und wie ich ihn das spitze Ding wegnehme, schreit er auf und fällt hin mit die Stirn aufn Steinhaufen. Wie ein dunkeln Strom is das Blut ihn übers Gesicht gelaufen, und ich sammel mein Herrn auf und trage ihm nach Hause. Das war nich leicht, weil daß er ein stattlichen jungen Mann war, und was mich noch swerer wurde, das war der pralle Mondenschein. Hell ins Gesicht schien mich das Dings, und wenn ich ihm ankuckte, dann kam es mich vor, als wenn er über mir und meinen Junker lachte, und als wenn er sagte: Wunder dir man nich! So was is schon oft dagewesen! Aber ich wunderte mir doch, und von die Zeit bin ich allemal vergretzt, wenn ich den Mond ansehen muß.

Weiß Gott, die Landstraße wollte kein Ende nehmen, und die Stadt kam gar nich. Zu allerletz abers hab ich doch mein Kammerjunker in sein Bett legen können. Besinnung hat er all lang nich mehr gehabt, und aus diesen Bett in den fremden Gasthof is er viele, viele Wochen nich herausgekommen. Er hatt ein ganz böses Loch in die Stirn, das gar nich heil werden wollt, und sonstens war er auch noch krank. Wochenlang lag er und sagt kein Wort, kein einziges Wort. Nur mannichmal, da hob er die Hände in die Höchte und sagte: Fluch, dreimal Fluch! Und dann deckt er die Fingers über die Augens und lag still, ganzen still.

In diese Zeit bin ich nich viel von sein Bett fortgegangen, abers ich hab doch gehört, daß der junge Herzog ganz heimlich im Sloßgarten begraben worden is, und daß sie Piähr neben ihm legten, obgleich das ja drektemang gegen den Respekt is. Sie dachten abers wohl, daß der liebe Gott die beiden doch voneinander kennen tat und ein jeden an seinen Platz setzen würd. Das würd mich nu auch sehr angenehm sein, weil daß ich Piähr im Himmel gern wiedersehen wollt, was ich natürlicheweise nich kann, wenn er mit einmal mang die vornehmen Herrschaftens is, wo für unsereins doch kein rechte Gemütlichkeit is.

Aufs Grab von die Franzosens sind Bäume gepflanzt worden, damit kein Mensch den Platz kennt – so hatt Herzog Peter Friedrich befohlen, weil daß er soviel Angst hatt vor Napolium. Ihn war die ganze Geschichte furchtbar fital, sagt sein Kammerdiener. Der alte Herr war fix ärgerlich, weil daß er, als das Unglück passierte, gerade bein Abzählen von die Hacke in sein Strumpf war und bei diese Arbeit keine Störung vertragen konnte. Seine Hofherrens mußten zu die Franzosens sagen, sie sollten man keinen Lärm um das kleine Mallöhr schlagen, wenn sie nich alle von Plön verbannt werden wollten. Peter Friedrich hätt kein Lust, von Napolium ein groben Brief zu slucken und noch mehr Verdrießlichkeitens zu haben. Und die französchen Herrschaftens hatten kein Lust, wieder in der Verbannung zu gehn, da hatten sie genug von gehabt. Sie swiegen ganzen still, und als der Plöner Herzog bald wieder ne Gesellschaft gab, um noch mal ne ungestörte Bootpattie zu machen, da waren sie alle wieder bei, und ich konnte ihnen von übers Wasser her lachen hören. Denn unser Gasthaus sah mit seinen Fenstern über den großen See hinüber. Ja, da konnten sie lachen, als wenn gar nix passiert war, als läg der junge Herzog nich unter die Bäumens begraben, und als hätt die französche Prinzessin nimmer auf die Landstraße gesessen mit den toten Mann neben sich.

Die Wolken hatten sich verzogen, und ein Strahl der scheidenden Sonne fiel in Detlev Marksens kleines Zimmer. Der Alte erhob sich schwerfällig.

Nu können Sie man nach Hause gehn, allens is wieder trocken! Soll ich Ihnen ein büschen aufn Weg bringen?

Ich erwiderte, daß ich seine Geschichte erst zu Ende hören wollte.

Aber Detlev sah mich müde an. Da is nix mehr zu verzählen. Die französche Prinzessin is den nächsten Tag nach Kiel gefahren, in eine verslossene Kutsche, und was der alte Herzog war, der is mitgefahren. Später hab ich man gehört, daß sie ein vornehmen Prinzen heiraten mußte, und daß ihr kein Mensch hat leiden mögen. Denn sie war ümmer ernsthaft und konnt sich nich freuen, wenn die andern Spaß machten. So is das nu in die Welt. Der ein hat ein swaches Gedächtnis und kann lustig bleiben; der andre is langsamer von Vergessen und muß an schöne Zeiten denken, die nich wiederkommen.

Detlev hatte sich wieder gesetzt und sah einem roten Sonnenstrahl nach, der an der Wand entlangglitt. Das schlechtgemalte Bild eines Herrn in Kammerherrenuniform, das da hing, erschien wie in Gold getaucht. Der Alte nickte mit dem Kopf und sagte leise vor sich hin: Ümmer, wenn die Sonne scheint, dann scheint sie auch auf ihm, und dann sieht er ordentlich freundlich aus. Und er is doch sein Lebtag nich wieder vergnügt geworden. Nach Eutin hat er in Oktobermonat wieder hinfahren können, und ich freute mir, unser klein Stadt und unsern Herzog wiederzusehn. Meinen Junker abers is allens egal gewesen. Er war gesund und konnte Dienst tun bei Hof, und er machte Dieners und verzog den Mund, wenn er lachen sollt, weiter abers gar nix. Er war wie eine Puppe geworden, und so is er geblieben.

Große Menschen mögen abers nich viel mit Puppens zu tun haben, die langweilen ihnen, und so dauerte es nich lange, so hieß mein Junker der langweilige Kammerjunker. Die kleine Komteß mocht ihm gar nich mehr leiden, und er ihr auch nich. Die beiden sind ganz sangfassong auseinandergegangen, und auch als sich die Komteß mit ein andern Herrn verlobt hat, da sagte mein Herr nich das Geringste. Er könnt sich über nix mehr freuen und über nix mehr ärgern. Bloß als in eine Gesellschaft mal von Napolium gesprochen ward und von seine Spione und einer sagte, in Eutin und Plön sollt auch ein Mann gewesen sein, der spioniert hatt, und das wär um die Zeit gewesen, als der Franzosenkaiser Jagd machte auf den französischen Herzog, da is mein Herr kreideweiß geworden. Und viele Nächtens hinterher is er nich zu Bett gegangen und hat ümmer vor sich hingesagt: Fluch dem Verräter! Später is er ümmer stiller geworden und ümmer langweiliger. Als unser Herzog ihm zum Kammerherrn machte, da haben die Leute gesagt, aus den langweiligen Kammerjunker war ein langweiligen Kammerherrn geworden, und ein Orden hätt ihm auch nich amesanter gemacht. Und weil ihm die Menschen langweilig nannten, hat er ihnen auch langweilig gefunden und keinen mehr leiden mögen. Bald is er auch in Pangschon gegangen und hat hier gelebt, hier in diesen kleinen Bauernhaus. Hier, wo er keinen Menschen langweilte, mochte er am liebsten sein, und ich bin natürlicheweise mit ihn gegangen. Da sind wir denn mitsammen alt geworden, und wenn mein Herr mal in die Stadt gegangen is, dann haben sich die Kinders angestoßen und gesagt: Kuck, da geht der langweilige Kammerherr! Und eines Morgens hat er tot in sein Bett gelegen, worüber ich mir ordentlich freute, weil er gar nicht mehr langweilig aussah. Und weil ich ihm so lieb hatte, deswegen wußte ich ja, daß er im Himmel besser aufgehoben is als auf dieser Erde, wo es alle Tage langweiliger wird. Und wenn ich dahin komm, denn soll mir bloß wundern, ob das allens nich all lang aufgeklärt is, ich mein die Geschichte mit Herrn Rosenstein, und daß mein Junker doch kein Schuld hatt an den Tod von den Herzog. Denn wenn er das Geld nahm, so tat er es man bloß aus pure Unbedachtsamkeit und nich, weil er jemand verraten wollt. Soviel is gewiß: ich sprech da oben mal über allens und sag geradeaus mein Meinung, wenn es auch unbescheiden is. Abers ich hab doch von den Fluch auch ein Stück abgekriegt, das kann ich deutlich merken, und daher is mich das so greulich, wenn der Mond scheint, und ich an all die alten Geschichtens denken muß. Ich hab denn auch in mein Testament geschrieben, daß ich mein Grab auf den dunkelsten Platz von Kirchhof haben will, denn sonsten kann ich nich geruhig in die Erde liegen, das weiß ich genau. Nu aber müssen Sie warraftigen Gott nach Hause gehn!

Das tat ich denn auch, während der alte Mann ein Stück schweigend neben mir herging und nur manchmal tief aufseufzte oder mit seinem Hunde sprach. Von der Zeit an sind wir beide sehr gute Freunde gewesen, und wenn wir uns begegneten, dann sprachen wir immer lange miteinander. Vom Wetter und von der Ernte, von der Schlechtigkeit der Welt und von den guten Eigenschaften Perles. Nur vom langwelligen Kammerherrn haben wir niemals mehr gesprochen. Nun ruht Detlev Marksen schon lange an einem so dunkeln Kirchhofsplätzchen, daß ihn der Mond nie mehr ärgern kann, und so hoffe ich, er wird sich auch nicht darüber ärgern, daß ich ihm die Geschichte vom langweiligen Kammerherrn hier nacherzählt habe.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.