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Geschichten aus Holstein

Charlotte Niese: Geschichten aus Holstein - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorCharlotte Niese
titleGeschichten aus Holstein
publisherVerlag von Fr. Wilh. Grunow
printrunZwölftes bis fünfzehntes Tausend
year1922
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid647ca241
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Der langweilige Kammerherr

kleine Bauernhof, von dem ich erzählen will, lag ziemlich abseits. Man mußte ein ganzes Stück von der Landstraße abbiegen, wenn man zu ihm gelangen wollte; daher kamen nur wenig Menschen hin, und dann nur Spaziergänger, die nicht immer den glatten, wohlgepflasterten Fahrweg wandeln wollten. Auf diese Weise war auch ich nach einer langen, mühevollen Wanderung über sumpfige Wiesen und umgepflügte Felder bei dem Bauernhäuschen gestrandet. Plötzlich stand ich in seinem Garten, einem ungepflegten Fleck Erde, und weil ich müde war, setzte ich mich ohne weiteres auf eine verfallne Bank, die dicht am Hause stand. Ich war nicht lange allein. Zuerst kam ein gelber Hund, der mich einen Augenblick beschnüffelte und dann an mir aufsprang und sich streicheln ließ. Er war nämlich noch jung, und sein Gemüt schien von bösen Menschen nichts zu wissen. Nach ihm erschien langsam und bedächtig ein Mann; der war aber ganz alt und hatte natürlich schon deswegen ein großes Mißtrauen gegen alle Fremden. Er betrachtete mich eine ganze Weile aus tiefliegenden, rotgeränderten Augen; dann sagte er Guten Abend, aber in einem Tone, der mich deutlich merken ließ, daß er mir eigentlich keinen guten Abend wünschte.

Dazu war es noch gar nicht Abend, denn die Sonne stand hoch, und die kleine blasse Mondsichel am Himmel hatte gar nichts zu bedeuten. Bei uns im Norden ist es im Sommer bekanntlich lange Tag, und wenn ich mich auch über eine Stunde weit vom Hause befand, so konnte ich doch vor Einbruch der Dunkelheit schon wieder in den Mauern unsers Städtchens sein.

Daher sagte ich auch dem finstern alten Manne, daß er mir schon erlauben müsse, ein wenig in seinem Garten sitzenzubleiben, weil ich sehr müde sei.

Er betrachtete mich eine Weile schweigend, dann setzte er sich zu mir. Nun sah ich erst, daß er ungewöhnlich alt war. Sein Gesicht war mit zahllosen Fältchen bedeckt, und sein glatter Schädel konnte sich keines einzigen Haares mehr rühmen. Manchmal fiel ihm auch der Kopf auf die Brust, wie man es bei alten Leuten und bei kleinen Kindern findet; seine Augen aber blickten noch wunderbar klar und scharf.

Als er die blasse Mondsichel ansah, die ganz hinten über dem dunkeln Waldrande stand, trat ein merkwürdiger Ausdruck der Abneigung in sein altes Gesicht. Da is er all wieder! sagte er halb für sich; da soll doch der Donner einslagenl

Ich mochte den Alten wohl etwas verständnislos angesehen haben, denn er wandte sich nun mit einer gewissen Herablassung zu mir. Ich mein Ihnen nich – sagte er; for meinswegen können Sie hier gern ein büschen sitzen, wenn Sie das Spaß macht. Wenn ich doll bin, denn bin ich man bloß doll auf den alten Mond, und denn bin ich auch ümmer verdrießlich!

Warum denn? fragte ich.

Der Alte lachte etwas ungeduldig. Ja, so fragen die Leute woll. Ich hab mal ein Mann gekannt, der las Bücher, und der sagte, auf den Mond würden auch Versens gemacht. Du Heiland! Versens aufn Mond! Da kann einen ja das Grauen bei ankommen. Versens aufn Mond!

Er wiederholte die Worte noch mehreremal, und sein gelber, häßlicher Hund schien zu glauben, daß er böse sei; denn er sprang an ihm empor, leckte seine verarbeitete Hand und winselte leise, als wenn er sagen wollte: Sei nur stille, ich weiß schon.

Aber ich wußte von nichts, und mein Gesicht mußte sehr fragend aussehen, denn der Alte nickte mir zu.

Ja ja; Sie sind woll ein von die Feinens, die allens wissen wollen, und Sie wissen doch nich allens! Sie wissen ja nich mal, wer in dies Haus gewohnt hat!

Ich wußte es in der Tat nicht, und er lächelte zufrieden.

Sehen Sie, ich weiß mehr als Sie, viel, viel mehr! Hier wohnte mein Kammerherr! Haben Sie ihm mal gesehen? Nee – natürlicheweise nich, weil er all längstens tot is – tot und begraben! Ich abers kannte ihm, und ich habe ihm gut gekannt, weil ich all die Jahrens bei ihm war. Zuerst als son Art Reitknecht und denn ganz pöhundpöh als Diener für allens. Da kann ich ein Wort mitsnacken, wenn die Rede auf mein Herrn kommt – ganz gewißlich, und ich ärgere mir nich wenig, wenn andre Leute was sagen wollen über ihm!

Was sagen sie denn? fragte ich.

Er aber sah die Mondscheibe an und fuhr mit der Hand übers Gesicht. Als wenn ich das verzählte! Du meine Zeit – ganz gewiß nicht! Und ich kann das auch nich, wenn das alte Ding mir anglotzt! Weiß auch gar nich, was unser Herrgott sich gedacht hat, als er son dummes Ding an den Himmel setzte, was doch kein einzigen Menschen leiden mag! Sie mögen ihm leiden? Is wahr? Na, das kommt man bloß von die Jugend und weil Sie noch nix Böses erlebt haben. Wenn Sie man erst dreiundneunzig Jahrens aufn Puckel haben, denn sind Sie auch nich mehr hinterm Mondschein her – denn hat er auch schon hundertmal auf Ihnen geschienen, als Sie das gar nicht haben mochten. Ja, da passen Sie man auf, und nun gehen Sie man nach Hause, denn Ruhe haben Sie gehabt, und Sie haben noch weit zu gehen. Ich kenn den alten Weg ganz genau – dazumalen wars noch kein Schassee, aber passieren tat da mehr auf als nu, da können Sie gewiß sein!

Ich war aufgestanden, und der gelbe Hund sprang wieder schwanzwedelnd an mir in die Höhe. Perle mag Ihnen leiden, sagte der Alte. Daran kann man merken, daß Sie nich ganz slecht sind; denn for die Slechtigkeit is er nich. Na, wenn Sie hier mal wieder längs gehen, denn können Sie ganz gern ein büschen auf mein Bank ausruhen. Kaputt is sie doch schon!

Damit endete mein erstes Zusammentreffen mit Detlev Marksen. Aber es war nicht mein letztes. Ich habe manch liebes Mal auf der alten Bank gesessen und mit dem Alten geplaudert. Er konnte noch sehr vernünftig sprechen, trotz seiner Jahre, und er hat mir mancherlei erzählt. Nur wenn der Mond am Himmel stand, wurde er unruhig, und dann erging er sich in den schwärzesten Anschuldigungen gegen diesen Weltkörper, der uns andern Sterblichen doch gar nicht so unangenehm ist.

Eines Tages aber erzählte er mir auch, weshalb. Ich war eingeregnet bei ihm, und zum ersten Male hatte ich die Schwelle seines Hauses überschritten. Es war ein dunkles Zimmerchen mit kleinen, trüben Scheiben, in das mich der Alte hineinführte. Es stand wenig Gerät darin, nur etliche Holzbänke und am Fenster ein Stuhl mit hoher Lehne, vor dem sich mühsam ein Tischchen auf drei Beinen hielt. Detlev Marksen nötigte mich auf den Fensterplatz, er selbst setzte sich auf eine der Holzbänke, und Perle legte sich ihm zu Füßen. Das Wetter draußen war ganz trostlos geworden, an die blinden Scheiben schlug der Regen, und es beschlich mich die trübe Ahnung, daß ich eine Zeitlang in dem dumpfigen, kleinen Stübchen würde aushalten müssen, wenn ich nicht ganz durchnäßt nach Hause kommen wollte. Da seufzte ich denn und sprach wohl mehreremal das Wort »langweilig« vor mich hin.

Langweilig! sagte Detlev, bedächtig seine Knie reibend; ja langweilig is vielens auf die Welt. Meinen Herrn haben die andern Menschens auch ümmer langweilig genannt. Bloß weil er nich sprach und keine Geschichtens verzählen mochte. Und er selbst fand auch allens langweilig; und darum is er auch der langweilige Kammerherr genannt worden. Aber ein guten Mann is er darum doch gewesen, und ich kann mir bannig auf den Augenblick freuen, wo ich ihm wieder zu sehen krieg. Bloß daß ich die Angst hab, er könnt sich im Himmel auch langweilen, weil er da so Anlage zu hatte. Ehestens is das nu nich gewesen, als er jung und lustig war, und die Franzosens noch nich hier herum ramenteten.

Der Alte hielt mit Sprechen inne und sah starr in den Regen, bis er, wie aus tiefen Gedanken erwachend, seine Augen auf mich heftete. Sehn Sie man nich so traurig aus! sagte er gutmütig. Sie sind noch zu jung fürs Langweilen, und ein büschen Regen is nich slimm. Viel slimmer is, wenn der Mond scheint und ich immer an allens denken muß, was damalen passierte, damalen, als die Franzosens hier auf einmal in die Gegend waren. Da haben Sie woll nie was von gehört, daß die mal ne Revolutschon hatten, was son allgemeine Koppabslägerei is. Sogar den König slugen sie tot, und was die vornehmen Herrens waren, die so was nich mochten, die kratzten aus. So sind denn damalen ein ganzen Berg feine Herrschaften nach unser Holstein gekommen, die sich von all den Spektakel in 'n Franzosenland ein büschen verpusten wollten. Das konnten sie denn auch: denn hier ging allens manierlich zu, und an Koppabslagen dacht kein Mensch. Du liebe Zeit, ich hätt mein Kammerjunker auch den Kopp nich abslagen können, mit den besten Willen nich. Son lustigen Herrn wie das war! Der alte Herzog konnte ja leicht doll werden, aber bös bin ich ihn auch nie gewesen. Was das fürn Herzog war? Der wohnte in Eutin, und mein Herr war ein von seine Junkers. Da nannten sie ihm noch nich den langweiligen Kammerherrn; denn er war bloß Kammerjunker, und die Langweiligkeit kannte er auch nich von Hörensagen, das is ganz gewiß. Ein von die vergnügtesten Junkern war er, die ich in mein Leben gesehen habe, und deshalb mochte ich ihm auch so gern leiden. Und die Franzosens hatten ihm auch gern. Ich glaub nu eigentlich nich, daß unser Herzog in Eutin die französischen Herrschaften eingeladen hatt – da weiß ich wenigstens nix von, abers ich glaub es auch nich. Die Grafens und Herzöge sind von selbst gekommen: erst waren sie in Plön und an den Plöner See, und mit einmal wohnten sie auch in Eutin und brachten viel Spektakel und Vergnügen mit. Das war was für meinen Kammerjunker, kann ich Sie sagen! Der war nich umsonst jung und hübsch und slank von Gliedern, den prickelte die Lebenslust bis in die Fingerspitzens, und er machte den ganzen Tag ein so lustiges Gesicht, als wenn er in Winter und Sommer jeden Morgen ne frische Rose von 'n Busch abpflücken konnte, wo gar keine Dornens an waren. Er war auch nich in Holstein geboren, wo die Leute manchmal ein büschen ernsthaft sind; er kam von hinter die Elbe her, da wo die Berge stehen und veritabeln Wein aufn freien Felde wachsen soll. Ob das wahr is, kann ich nich sagen; das weiß ich abers: mein Junker sein Vater war kein reichen Mann, wenn er selbstens auch Wein trinken konnte wie Wasser, und unser Geldbeutel hat jeden Tag in Jahr die leibhaftige Swindsucht gehabt. Und gar kein Geld zu haben, das is fürn Junker ein furchtbar unangenehmes Gefühl. Das waren damals sehr slechte Zeiten. Einer von die Franzosens, der in Frankreich was zu sagen hatte, der hieß Napolium, und der hatte viele Adligens und vornehme Herrens aus dem Lande gejagt und mochte nich, daß die deutschen Fürstens diese Verjagten aufnahmen. Ich glaub beinahe, daß er auch an unsern Eutiner Herzog so was geschrieben hat, genau kann ich es abers nich sagen. Denn ich war ja man ein Reitknecht, und wenn ich auch mit mein Kammerjunker ganz natürlich sprach, so hat mich doch der Herzog niemals was verzählt. Abers er hat doch oft ein verdrießliches Gesicht gemacht über die vielen Franzosens, die mit einmal in Eutin waren und nicht wieder fortgingen. Sie kosteten auch ein Berg Geld, und wer anders als unser Herzog konnte ihnen was geben? Abers weil er selbst nich viel hatte, so konnte er ihnen man bloß was geben, wenn er seine Junkers ein büschen knapp hielt, und so kam es, daß mein jungen Herrn sein Geldbeutel noch leerer war als sonstens.

Die Franzosens nahmen allens, was sie kriegen konnten; sie sagten man bloß Merssi, und denn meinten sie was Großes getan zu haben. Am slimmsten war son alter Kerl, der das ganze Gesicht voll Falten und ein paar blanke swarze Augen hatt. Die andern nannten ihn den Herrn Vikomt, und er saß oft bei mein Junker auf sein Zimmer ins Schloß zu Eutin, weil, wie er sagte, mein Herr ein Vetter von ihn wär. Ich konnt mich das nu nich denken, wie kann ein deutschen Herrn nen Vetter im Franzenland haben? Sie fragten mir abers gar nich, was ich glaubte. Sie waren ümmerlos zusammen und snackten, und pöhundpöh kam ich denn auch dahinter, was meinen Junker so bekannt machte mit den alten verdrehten Narren. Dieser Vikomt hatt ein Tochter, und ihr mocht mein Herr leiden, und als ich ihr das erstemal sah, da wußt ich all Bescheid. Denn ich kannt den Gesmack von mein Junker. Nüdlich und fein war sie, mit n klein süßen Stimme und gnitterswarzen Augen. Das Jahr vorher, da hatt mein Junker auch son kleine Deern furchtbar gern leiden mögen, und die sah beinah akkrat so aus wie die von vorigen Sommer. Die von vorigen Sommer war mit einmal fortgekommen von Eutin, und mein Herr hatte sich bannig angestellt bein Abschiednehmen und konnt sich ein paar Tage gar nicht veramüsieren. Da freut ich mir denn, wie ich die kleine fremde Komteß zu Gesicht krieg, weil nu mein Junker wieder ein Spaß hatt. Denn bei die Liebe is die Hauptsache, daß man Veränderung hat, und ich kann nich anders sagen, als daß mein Herr davon genug bekam, denn die Franzosens stellten unser klein Stadt ganz aufn Kopp. Ein Hophei folgte den andern, und mein Junker klabasterte den ganzen Tag mit die Fremdens herum und snackte französisch mit sie, was ich gar nicht ordentlich verstehen konnte.

Diese Art mocht ich nu nich besonders leiden, und da war auch noch mehr, was mich ärgerte. Die kleine Komteß war slecht in Zeug und ließ sich allens von mein Junker schenken, und ihr Vater wollte ümmerlos Geld geliehen haben, auch von mein Junker, und der hatt doch rein gar nix. Denn ich hab schon verzählt, daß der Herzog die Gehälter von seine Hofleute hatt kleiner machen müssen, weil daß er soviel an die Franzosens abgab, und mein Herr kriegte auch noch alle paar Wochens ein Brief von sein Vater, er sollte ihm doch nich vergessen und ihn ein büschen von sein Salähr abgeben, weil daß er so viel Kinder hätt und partuh Geld gebrauchen täte. Mein Kammerjunker abers, der hatt all lang Schuldens und bezahlte Sneider und Schuster man knappemang. Nu fing er auch an, ein paar Bärens anzubinden bein Gärtner, bein Kaufmann, wo die feinen Kleiders zu haben sind, bein Goldsmied, wo man Savjettenringe und Halskettens für die Damens kaufen konnt. Früher hatt er an solche Leute nich in Traum gedacht – nu wollte abers die Komteß was geschenkt haben und kuckte den Junker so an mit ihre blanken Augens, daß er allens kaufte, was sie leiden mochte. Ein klein büschen Schulden, da fragt kein vornehmen Herrn nach. Wenn die abers immer doller werden, denn is das nich nett, und ich konnt es den Goldsmied gar nich verdenken, daß er falsch wurde.

Das war an 'n Abend im Maimonat, und ich hatt einen ganzen Strauß Maililjen an die Komteß bringen müssen. Sie steckt ihr klein Gesicht tief in die Blumens, als wenn sie da was ein suchte, und denn zuckte sie ein büschen mit die Schulterns. Ich ärgerte mir; denn ich wußt, daß sie zu mein Junker gesagt hat, sie sehne sich so nach die roten Krallens, die beim Goldsmied im Fenster lagen. Und fünfmal hatt ich all zu den alten ekligen Mann laufen und ihm fragen müssen, ob er nich noch einmal ein klein büschen Kredit geben und meinen Herrn das Halsband lassen wollt. Der Alte abers smiß mir beinah aus die Tür und sagte dabei so viel Böses, daß ich mir ärgerte und auch grob wurde. Denn als ein herrschaftlichen Diener hatt ich nich nötig, mich was gefallen zu lassen. Das war aber allens noch nich genug: als ich die Blumens zu die Komteß gebracht hatt und nu auf die Straße geh, da begegnet mich der Goldsmied noch einmal und sagt, ich hätt mir slecht gegen ihm benommen, und er wollt mir an den Herzog verklagen, weil ich grob gewesen wär. Und sagen wollt er auch noch, daß mein Junker auf slimmen Weg wär und bald wohl von Eutin weg müßt. Ich wurd natürlich falsch, wie er sowas sagt, und wir haben uns auf die Straße tüchtig die Wahrheit gesagt, bis mir mit einmal ein andre Person an den Arm kriegt und meint, ich soll man mit ihn gehen und den Goldsmied snacken lassen. Und wie ich mir denn nach diesen Freund umkucke, so is das ein Herr aus Hamburg, heißt Rosenstein und scheint ein ganz gebildeten Mann zu sein!

Detlev Marksen hielt inne mit Sprechen und starrte durch die blinden Scheiben.

Was das fürn Wetter is! sagte er nach einer Weile. Und noch dazu in Sommermonat! Ich hab das all ümmer gesagt, son schönes Wetter wie früher gibt es gar nicht mehr. Das kommt, weil allens slechter wird in die Welt. Na, ich geh da ja nu bald aus fort, und da freu ich mir auf. Denn wenn ich auch zu leben hab und Perle ein gutes Tier is, so is mich das Leben doch nich so pläsierlich mehr wie früher.

Er schwieg wieder und seufzte etwas. Dann sah er mich mit seinen scharfen Augen an. Sie langweilen sich wohl gräsig bei mich? Das tut mich leid; denn ich mag nich, wenn die Jungens schon ernsthafte Gesichters machen. Da is in Alter Zeit genug zu – nich, Perle? Lieg man still, klein Hund, und laß mir noch ein büschen snacken und an die alten Geschichtens denken, wo ich ein jungen, frischen Kerl war und mir aus den leibhaftigen Deuwel nix machte. So bin ich auch mit diesen Rosenstein in ein Weinstube gegangen und hab mit ihn getrunken, obgleich er auch ein Deuwel war, bloß daß ich es nich merkte. Von außen hätt es auch kein Pastor merken können, und vielleicht auch nicht der Supperndent, der doch von allens Bescheid weiß. Denn Rosenstein war ein höllschen netten Kerl und hat mit mich nur von die feinsten Sachen gesprochen. Von mein Herrn, und wie ein so smucken jungen Mann doch mit das leidige Geld keine Swulitäten haben dürft; wie ihn das ümmer so leid tät, wenn sich feine Herrens nich allens kaufen könnten, was sie nötig hätten, und ob er mich woll ein Taler schenken dürft. Da gab ich denn mein Erlaubnis zu, und wie er fragt, ob er mein Herrn woll sein Aufwartung machen könnt, da sag ich natürlicheweise ja.

Ich will auch nicht viel von euerm Junker! sagt Herr Rosenstein und nimmt ein Sluck Wein. Bloß daß ich ihm einen kleinen Verdienst gönnen möchte. Ich schreibe nämlich eine Zeitung in Hamburg, eine Zeitung für die Franzosen, die überall verstreut leben. Und nun frage ich verschiedne Herren, ob sie mir nicht Briefe schreiben wollen, in denen etwas über die Franzosen steht. Nicht wahr, hier leben doch auch Franzosen?

Lieber Gott, ja! sag ich, Franzosens mehr, als wir brauchen können!

Herr Rosenstein nickt, und dann redet er noch ne ganze lange Zeit. Er war ein feinen Mann und hatte feine Wörters, wie ich ihnen nich kenne und nich nachsprechen kann; abers dumm bin ich niemalen gewesen, und was der Mann aus Hamburg wollte, hatt ich bald begriffen. Die Hamburgers sind reiche Leute, und sie geben mannichmal Geld aus für Dingens, an die kein ander Mensch denken tut, bloß natürlicheweise, um ihr Talers los zu werden. So war es auch mit diesen Mann, der wollt ein paar Briefens geschrieben haben, und da sollte einstehen, was die Franzosens in Eutin und Plön täten, und wie sie hießen, und was sie vorhätten, weiter ganz und gar nix. Und für so dumme Briefens wollte Herr Rosenstein ein ganzen Berg Geld geben, weil, wie er sagt, die Franzosens, die überall verstreut wären, von ihre Landsleute gern was hören wollten, und seine Zeitung von alle Leutens gekauft werden würd. Denken konnt ich mich das nu nich, denn wer mocht woll von die alten Parlewuhs hören, die so verdreht snackten, daß kein vernünftigen Mensch sie verstehen konnt? Aber sließlich konnt mich den ganzen Swindel ganz egal sein, wenn mein Junker bloß ein büschen Geld verdiente, denn der hatt keinen Schilling mehr auf die Naht, was auch for mir ein gräsiges Gefühl war.

So bin ich denn mit Herrn Rosenstein zu den Kammerjunker aufs herzogliche Sloß gegangen und hab die ganze Geschichte bald in Ordnung gebracht. Zuerst war mein Junker ein büschen verwundert und kuckte sich Herrn Rosenstein an und wußt nicht recht, was er sagen sollt. Abers dann dachte er, daß es doch leicht wär, ein paar Briefens zu schreiben und Geld dafür zu kriegen. Was sein Vater war, da hinter die Elbe, der hatt ihm all lang um Geld gequält, und dann fielen ihn die Gläubigers ein und das Krallenhalsband für die kleine Komteß. Und dann sagt er ja. Da hatt ihn dann Herr Rosenstein gleich auf Abslag ein paar Lujedors gegeben, und wie mein Junker das Geld sieht, da schiebt er mich ein Goldstück zu, und ich muß nach das Halsband laufen. Das ärgerte mir nu furchtbar. Son Unsinn kommt abers von die Liebe, und da kann kein Mensch was bei tun. Deshalb muß man von sie fortbleiben, bloß daß das nich jedermann sein Sache is. Mein Herrn sein Sache is das nich gewesen, und wenn ich auch die slimmsten Gläubigers von Rosenstein sein Geld bezahlt hab, so ist doch das meiste draufgegangen zu Geschenken für die kleine Komteß.

Detlev Marksen schwieg wieder und schüttelte den Kopf. Dann zuckte er die magern Schulter und streichelte seinen Hund, der sich ganz dicht an ihn gedrängt hatte.

Ärgern hilft nu nix mehr, fuhr er fort, sonsten könnt ich mir den ganzen Tag ärgern. Dazumalen wollt ich nich ümmerlos an die Dummheit von mein Junker denken, sondern ihn ein büschen helfen, damit er doch Briefe schrieb, wo was Ordentliches einstand über die Franzosens, damit er Geld verdienen tät. Und so machte ich mir an ein Franzosen heran, daß er mich ein büschen verzählte. Der hieß Piähr und war ein ziemlich alten Mann, der ein büschen deutsch snacken konnt, weil daß er von die Ecke kam, wo die Deutschens und die Franzosens ganz dicht zusammenwohnen. Das muß auch so über die Elbe sein. Piähr sein Herrschaft war ein alten Herzog, der in diesen Momang erst nach Eutin kam und ne ganz feine Wohnung hatte. Dieser Herzog gehörte nich zu die ganz pohwern Franzofens, die tanzen lehrten und partuh französche Stunde geben wollten. Er war ein feinen alten Mann mit großen Augens und ein Perücke. Mir kuckte er natürlicheweise niemalen an, weil daß ich man bloß ein ganz gewöhnlichen Diener war; und selbst mit mein Junker sprach er nich, und auch mit die andern Herrns vom Hofe mochte er nich zu tun haben. Bloß unser Herzog und die Prinzens, die ließ er sich so knappemang gefallen, und unsre Durchlaucht war so gnädig gegen ihm, daß ich mir ärgerte. Die andern Franzosens, die dienerten und knicksten, wenn sie man bloß ein Rockslippen von den alten Mann sahen; auch die klein Komteß und ihr Vater, der jetzt den ganzen Tag mit mein Junker zusammen war und sich freihalten ließ. Um diese Zeit war die klein Komteß mit meinen Kammerjunker verlobt – wenigstens nenn ich das so, wenn man Hand in Hand sitzt und sich ümmerlos küßt – ümmerlos und ümmerlos, was den Brautstand doch hellschen swer machen muß.

Na, vor meinswegen konnten die jungen Herrschaften tun, wo sie Lust zu hatten. Ich saß nu alle Tage mit Piähr zusammen und snackte mit ihm. Wo is dein Herzog so stolz auf? fragte ich ihm einmal.

Da macht er ein wichtiges Gesicht. Oh, sagt er, er is furchtbar vornehm! so vornehm, daß er bei Hofe ümmer ein von die ersten war, die den König beim Aufstehn sein Hemd geben konnten!

Du gerechter Heiland, sag ich, mit son Ehr bleib mich von Leibe! Da würd ich mich rein gar nix aus machen.

Da verstehst du nix von, sagt Piähr und kuckt mir böse an. Keiner von die dummen Deutschens versteht was von das Allerfeinste bein französischen Hof!

Is das so? mein ich und fühl, wie ich falsch werd. Was kommt ihr feinen Franzosens denn überhaupt zu uns, wenn ihr es bei euch zu Hause viel feiner habt? Mich wärs viel lieber gewesen, ihr hättet euch alle mitsammen in euern feinen Land den Kopp abhacken lassen; dann hätt mein Kammerjunker nich so viel Raupen in Kopp gekriegt.

Piähr, der auf deutsch Peter hieß und auch ein ganz guten Kerl war, suchte mir wieder zurechtzusnacken. Sei man nich gleich so doll, Detlev! Ich kann da nix vor, daß allens so komisch kam, und wenn es nach meinen Herzog gegangen wär, dann säßen wir auch nicht in Eutin, was ne langweilige kleine Stadt is. Am liebsten wären wir in Ungarnland geblieben, wo mein Herzog ein Vetter hat; abers er wollt so gern seinen einzigen Sohn sehen, der mit einmal hierherkommt. Son Mann, wenn er auch vornehm is, so hat er doch Gefühl, und der junge Herzog is noch dazu man knappemang von die Jakobiners weggelaufen, die ihm schon an Schlafittchen hatten!

Und Piähr, der ein Schrecken gekriegt hat, weil daß ich böse wurde, erzählt ein ganzen Berg, und weil ich daran dacht, daß mein Junker bald wieder ein Brief an Rosenstein schreiben mußt, so hör ich genau zu. Ich konnt ja vielleicht was aufsnappen, was nett zu schreiben war.

Der Herzog hat also furchtbar viel Slösser in Frankreich und auch viel Silberzeug und Kisten voll Geld. Fort mußt er abers doch aus sein' Vaterland, weil er so gut bekannt mitn König gewesen war. Und was sein Sohn war, der noch gar nich mal verkonfermiert gewesen war, der hatt mit sein Hofmeister in Nacht und Nebel nach Engelland fliehen müssen, ohne sein Vater Adjö zu sagen. In Engelland hatt es der junge Herzog ganz gut, und kein Mensch tat ihn was; abers was die jungen Leute sind, die kriegen doch alle Snurren in Kopp. Kaum is der junge Herr ein büschen trocken hinter die Ohrens geworden, da mag er nich mehr bei die Engelländers sein und geht dahin, wo sein Königsfamilie in die Verbannung lebte. Denn nich all die Prinzens und Prinzessinnen waren tot, nur ein paar; die andern hatten sich Frankreich mitn Rücken angesehen und lebten anderswo. Und dieser junge Mann reiste die Herrschaftens nach, und allens, was er vom Vater kriegt, das gibt er an sie. Mit den Talers wars abers noch nich halb gut; verlieben mußt er sich auch und in eine von die allervornehmsten Prinzessinnen, was natürlicheweise ein Unsinn war. Abers der junge Herzog hatt noch mehr Dummzeug gemacht, nämlich eine Verswörung gegen Napolium, und der war fuchswild auf ihm geworden und hatt nen Preis auf sein Kopp gesetzt. Ja, sowas kam dazumal vor, und keiner fand was Besonders drin; bloß daß der junge Herzog noch dümmer wurde und nach Deutschland kam. Piähr sagte, er sollte eigentlich in Rußland oder Sweden sein; nu abers wollte er partuh nach Plön kommen und bloß, weil seine Prinzessin auch erwartet wurde. Was die nu in unser kleines Holstein wollte, da bin ich nich hinter gekommen: ich denk mich, daß sie sich mit ihre Onkels verzürnt hatte. Jedenfalls is sie in die Umgegend von Plön aufn Gut gewesen, und der junge Herzog hat auch kommen wollen, um ihr zu sehen.

So hat mich Piähr erzählt und denn noch gesagt, daß sich die beiden jungen Herrschaftens ein oder zwei Jahr nich gesehn hätten, und daß sie es nu vor Sehnsucht nich mehr aushalten könnten, was mir ziemlich gewundert hat. Denn wenn ich ein klein nüdliche Deern von Maitag bis Michelis nich sehe, dann weiß ich doch warraftigen Gott nich mehr, was sie vorn Gesicht hat, und ich kann mir mit den besten Willen keinen Momang nach ihr sehnen. Piähr sagte abers, bei den Vornehmens war das anders. Die hätten ümmerlos die Liebe im Kopp, und das feinste wär es, dieselbige Dame ne ganze Zeit lang zu lieben, auch wenn man ihr gar nicht sähe. Na, und dann verzählte er mich, daß der alte Herzog man bloß deshalb nach Eutin gekommen wär, um sein Sohn und die Prinzessin zu besuchen, sonsten hätt er viel sicherer in Ungarland bleiben können, das ja ganz dicht bei Italien liegt. Das war nu ganz gewiß besser gewesen; abers er wollt sein Jungen sehen, der nu groß und stattlich geworden war und ein ganzen feinen Kerl, wie Piähr sagte. Er konnt überhaupt gar nich aufhören, von den jungen Herzog zu sprechen, der son klein süßen Jungen gewesen war, und daß der Alte auch ein ganz ordentlichen Krakter hätt.

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